Königin im Schatten - Sachsenkrieg - Iris Hennemann - E-Book

Königin im Schatten - Sachsenkrieg E-Book

Iris Hennemann

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Beschreibung

Herzogtum Sachsen 1073 n. Chr. Die junge Königin Bertha bangt um ihren Gemahl, König Heinrich IV., der in der Harzburg von einem grimmigen sächsischen Heer belagert wird. Jedoch gelingt ihm die waghalsige Flucht, bei dem Heinrich von Berthas sächsischem Leibwächter Arend beschützt wird. Der König sinnt auf Rache und Bestrafung der Feinde, will diese mit einem mächtigen Heer hinwegfegen. Allerdings muss er alsbald feststellen, dass ihm die Unterstützung der Reichsfürsten fehlt, die er so oft beleidigt hat. So schmiedet er einen teuflischen Plan, um die Sachsen zu einem weiteren Kampf zu provozieren und die Hilfe der Fürsten einzufordern. In den Wirren des aufbrandenden Krieges droht die Liebe zwischen Bertha und Arend zu zerreißen, da der König Arends Volk mit Feuer und Schwert heimsucht.

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Kurzbeschreibung:

Herzogtum Sachsen 1073 n. Chr. Die junge Königin Bertha bangt um ihren Gemahl, König Heinrich IV., der in der Harzburg von einem grimmigen sächsischen Heer belagert wird. Jedoch gelingt ihm die waghalsige Flucht, bei dem Heinrich von Berthas sächsischem Leibwächter Arend beschützt wird. Der König sinnt auf Rache und Bestrafung der Feinde, will diese mit einem mächtigen Heer hinwegfegen. Allerdings muss er alsbald feststellen, dass ihm die Unterstützung der Reichsfürsten fehlt, die er so oft beleidigt hat. So schmiedet er einen teuflischen Plan, um die Sachsen zu einem weiteren Kampf zu provozieren und die Hilfe der Fürsten einzufordern. In den Wirren des aufbrandenden Krieges droht die Liebe zwischen Bertha und Arend zu zerreißen, da der König Arends Volk mit Feuer und Schwert heimsucht.

Iris Hennemann

Königin im Schatten 

Sachsenkrieg

Edel Elements

Edel Elements

Ein Verlag der Edel Germany GmbH

© 2018 Edel Germany GmbHNeumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com

Copyright © 2018 by Iris Hennemann

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Ashera Literaturagentur

Covergestaltung: Anke Koopmann, Designomicon, München

Lektorat: Susann Harring

Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.

ISBN: 978-3-96215-246-8

www.facebook.com/EdelElements/

www.edelelements.de/

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Glossar

Dramatis Personae

Liste der wichtigsten Personen (historische sind mit einem * gekennzeichnet)

Berthavon Turin*, Königin, Gemahlin von Heinrich IV.

Heinrich IV.*, König des Heiligen Römischen Reiches

Tilda, Dienerin von Bertha

Ada, Dienerin von Bertha

Imma, Dienerin von Bertha

Ortrun, Kebsweib von Heinrich

Gerlinde, Kebsweib von Heinrich

Adelheid* älteste Tochter von Bertha und Heinrich

Agnes*, zweitälteste Tochter von Bertha und Heinrich

Konrad*, Sohn von Bertha und Heinrich

Benno, Leibwächter der Königin

Kuno, Leibwächter des Königs

Arnulf, Leibwächter des Königs

Eilbrecht von Hadenstein, Vater von Arend

Mathilde, Mutter von Arend

Giselher von Hadenstein, ältester Sohn von Eilbrecht

Suidger von Hadenstein, zweitältester Sohn von Eilbrecht

Arend von Hadenstein, drittältester Sohn von Eilbrecht, Leibwächter von Bertha

Sieghild, Weib von Arend

Giselher, ältesterSohn von Arend und Sieghild

Arwed, zweiter Sohn von Arend und Sieghild

Osmund, dritterSohn von Arend und Sieghild

Herwin, vierter Sohn von Arend und Sieghild

Hiltraut, Tochter von Arend und Sieghild

Folkmar von Furtburg, Freund von Arend

Erkmar, Knecht von Arend

Egeno II. von Konradsburg*, Freund von Arend

Ulrich von Godesheim*, adliger Ritter

Erzbischof Anno II. von Köln*

Erzbischof Siegfried I. von Mainz*

Erzbischof Werner von Magdeburg*

Bischof Burchard II. von Halberstadt*

Bischof Hermann I. von Bamberg*

Bischof Hermann von Metz*

Bischof Dietwin von Lüttich*

Gebhard von Süpplingenburg*, Graf im Harzgau

Lothar Udo II. von Stade*, Markgraf der Nordmark

Magnus Billung*, Herzog von Sachsen

Otto von Northeim*, ehemaligerHerzog von Bayern

Rudolf von Rheinfelden*, Herzog von Schwaben

Berthold I. von Zähringen*, Herzog von Kärnten

Gottfried IV. von Niederlothringen*, Herzog von Niederlothringen, genannt „der Bucklige“

Vratislaw II.*, Herzog von Böhmen

Adalbert II. von Ballenstedt*, Graf von Ballenstedt

Gunther von Schwarzburg*, thüringischer Adliger

Erwin, thüringischer Ritter

Hedda, altes fränkisches Trossweib

Hiltraut, Bauerntochter

Dietgund, Hiltrauts Großmutter

Berthold, Verwalter der Burg Volkenroda

Sophia von Ungarn*, Gemahlin von Magnus Billung

Kapitel 1

Sachsen, Kaiserpfalz in Goslar, Ende August 1073

Die Sonne drang golden durch die hohen schmalen Fenster, spielte mit dem Staub, der sachte durch die Luft wirbelte, und berührte an einigen Stellen mit sanften Lichtfingern den hölzernen Fußboden.

Eine schmale Hand zwang einen glitzernden Faden durch ein Nadelöhr und durchstach anschließend feinstes Leinen, um den Balken eines gestickten Kreuzes zu verschönern. Doch die Finger zitterten, und der nächste Stich geriet schief. Die zweiundzwanzigjährige Königin Bertha, Gemahlin des Königs Heinrich IV., ließ den Stoff entmutigt sinken. „Es ist sinnlos, was ich hier tue! Dieses Tuch wird niemals auf dem Grab meines Jungen in der Stiftskirche oben auf der Harzburg liegen können.“ Sie seufzte schwer und unterdrückte die Tränen, die ihr in die Augen stiegen. Ihr süßer Sohn, der Erbe der Krone, war vor zwei Jahren kurz nach der Geburt gestorben – von einem Augenblick zum nächsten war er dem Leben entrissen worden. Noch immer brannte der Schmerz dieses Verlustes so heftig in ihr, als wäre es erst gestern geschehen. Sie schob sich ihre langen weizenblonden Flechten über die Schultern zurück und schaute mit ihren großen blauen Augen betrübt ihre ehemalige Amme an.

Tilda saß ihr gegenüber am schweren Eichentisch und zog aus einem Wollflies geschickt feine Fasern, um diese mithilfe einer Spinnwirtel zu einem dünnen Faden zu drillen. Sie blickte kurz auf und schenkte ihrer Herrin ein aufmunterndes Lächeln.

„Mama, schau mal!“ Berthas älteste Tochter, die dreijährige Adelheid, packte eifrig Wolle aus einem Weidenkorb, der neben einem Webstuhl stand. Schelmisch lächelte sie ihre Mutter an, dann schnappte sie sich ein Knäuel und kletterte auf eine der reich verzierten Truhen, die in den Ecken des Raumes standen. Als ihr diese jedoch zu unbequem wurde, tapste sie hinüber zu dem breiten Bett, machte es sich bequem und begann damit, voller Begeisterung den Faden abzuwickeln. Bertha ließ sie gewähren, so war das Kind wenigstens beschäftigt. Ihre andere Tochter, die acht Monate alte Agnes, war gerade bei der Amme.

Der Königin entwich ein Seufzen. Ihre Sorgen reihten sich aneinander wie Nissen im Haar eines asketischen Pilgers. Wann würde es jemals enden? Wann würde Frieden herrschen?

Ihre Vertraute legte ihr moosgrünes Kopftuch ab, und so kam braunes Haar zum Vorschein, in das sich zusehends mehr silberne Fäden schlichen. Die kleine rundliche Frau legte ihrer Herrin mit einem tröstenden Lächeln die Hand auf den Arm. „Ihr solltet nicht vom Schlimmsten ausgehen! Ganz bestimmt werdet Ihr dieses Tuch auf das Grab legen können. Allerdings erst, wenn die hässliche Sache vorüber ist.“

„Du nennst die Belagerung von Heinrich eine hässliche Sache? Er hockt oben in der Harzburg wie eine Motte im Spinnennetz und ist umringt von feindlichen Truppen. Wenn die Feinde ihn in die Finger bekommen, werden sie ihn sicherlich mit Vergnügen ausweiden.“

Tilda presste kurz die Lippen zusammen und zog die Augenbrauen empor. „Nun, es gab eine Zeit, da hättet Ihr Euch gewünscht, dass sie dies mit ihm tun“, meinte sie und zwinkerte der Königin zu.

„So etwas gewünscht? Nein, auch nicht zu der Zeit, als er lediglich Verachtung für mich übrig hatte!“ Bertha seufzte schwer. „Als ich mit ihm als Kind verlobt und an den Hof gebracht wurde, mochte er mich bereits wenig. Du weißt, dass dies noch schlimmer wurde, als wir vermählt wurden. Drei lange bittere Jahre hat er mich missachtet, herabgewürdigt und beleidigt … und sich lieber Kebsweiber ins Bett genommen als mich. Und dann hat er den aufgeblasenen Sachsen Egeno II. von Konradsburg in die Pfalz geholt, der mich verführen sollte, damit Heinrich einen Grund hatte, sich von mir scheiden zu lassen.“

„Oh ja! Doch Ihr habt sowohl diesen Schönling als auch Euren Gemahl zur Strafe mit Knüppeln verprügelt!“, sagte Tilda lachend.

Das brachte auch Bertha zum Schmunzeln. „Noch immer denke ich voller Genugtuung daran zurück. Dennoch hat Heinrich versucht, sich von mir scheiden zu lassen. Zum Glück hat der damalige Papst Alexander II. seine Forderung abgelehnt. Sonst wäre ich nun keine Königin mehr …“ Diese Erinnerungen betrübten sie. Sie begab sich zu einem der beiden offenen Fenster, die mit Läden verschlossen werden konnten. Nur das dritte war verglast, damit sie im Winter genug Licht für die Handarbeiten hatte. Sie schaute an der auf dem Pfalzgelände befindlichen weiß verputzten Basilika vorbei zu den dahinterliegenden smaragdgrünen Hügeln des Waldes. Sie liebte diesen Ausblick und wurde diesem niemals überdrüssig. Der Himmel war kräftig blau, als wäre er mit Waid eingefärbt worden, und bauschige weiße Wolken ließen sich vom seichten warmen Wind weiter ins Land tragen. Linker Hand lag direkt neben der Pfalz die Stadt Goslar, dort ragte der Turm der Kirche St. Jacobi empor. Den Menschen in Goslar war es ganz und gar nicht recht, dass der fränkische König und sein Hof so oft in der Pfalz weilten, da dies eine immense Belastung für sie bedeutete. Der Hofstaat war eine vielköpfige Raupe und vertilgte geschwind zahlreiche Vorräte. Zudem hatte Heinrich die Menschen in der Umgebung mit gewalttätigen Streifzügen provoziert und ebenso mit seiner brutalen Burgbaupolitik im Harz. Unter der Aufsicht des Bischofs Benno von Osnabrück hatte er mächtige Burgen in harter Fronarbeit errichten lassen, diese Burgen sollten es ihm ermöglichen, die Sachsen und Thüringer zu kontrollieren und voneinander zu trennen.

Das große Pfalzgelände beherbergte nicht nur den Palas, das Wohngebäude, die angegliederte Liebfrauenkapelle, die Basilika St. Simon und St. Judas mit dem angrenzenden Stiftskollegiat, sondern auch zahlreiche Gästeunterkünfte, Gesindehaus, Ställe, Speicher, Werkstätten und Wirtschaftshäuser. Umgeben war diese Anlage von einer wehrhaften Steinmauer mit Wachtürmen und einem breiten Graben.

Bertha warf einen kurzen Blick auf Adelheid, die die Wolle noch immer fleißig abwickelte, diese glucksend um sich schlang und leise mit den Fäden sprach, als wären diese lebendige Wesen. Sie schenkte ihrer Tochter ein liebevolles Lächeln und sah dann wieder wehmütig aus dem Fenster hinaus.

Bleischwer wurde der Königin das Herz in ihrer Brust. An jenem Tag, als Egeno II. zur Pfalz gekommen war, war sie auch dessen Freund, Arend von Hadenstein, erstmalig begegnet, diesem braunhaarigen Hünen mit den auffallend blauen Augen. Als Bertha von Heinrich einen eigenen Leibwächter gefordert hatte, hatte er den sächsischen Adligen dazu bestimmt. Anfangs hatte sie ihn für düster, gefährlich und darüber hinaus für einen königlichen Spion gehalten, doch recht bald hatte sie seine Abneigung für Heinrich und seine heimliche Liebe zu ihr erkannt. In den vergangenen vier Jahren hatte er sich als ihr starker Beschützer und Vertrauter erwiesen.

Nochmals schaute sie zu Adelheid, die nun versuchte, sich aus dem Gespinst der braunen Wolle zu befreien.

„Heinrich ist selbst schuld, dass er in der Harzburg eingeschlossen ist“, meinte Bertha nachdenklich und spielte unruhig mit einem Faden, der sich ein wenig aus der goldverbrämten Seidenborte am Ärmel ihres Kleides gelöst hatte.

„Natürlich ist er das!“, stieß Tilda fast patzig hervor. „Er hat Intrigen gegen den Sachsen Otto von Northeim gesponnen, ihm den Titel als Herzog von Bayern aberkannt und ihn als Hochverräter verurteilt. Und sogleich hat sich Magnus Billung, der nach dem Tod seines Vaters Herzog von Sachsen wurde, Otto angeschlossen.“

Die Königin schaute schwermütig einer Krähe hinterher, die zeternd über das Gelände flog. „Heinrich wollte die Kämpfe und hoffte auf einen schnellen Sieg. Was wäre wohl geschehen, wenn er die adligen Sachsen nicht gefangen genommen hätte? Sie hatten sich ihm unterworfen, und er hatte ihnen freien Abzug zugesagt. Allerdings hielt er sich nicht an sein Wort. Was meinst du, Tilda? Wären sie weniger erbost gewesen?“

„Selbstverständlich. Allerdings hat er sie ja recht bald wieder auf freien Fuß gesetzt …“

„Nun, nicht alle. Den unbeugsamen Magnus Billung hielt er zwei Jahre oben auf der Harzburg gefangen. Ach, Tilda, ich wünschte, dieser aufsässige Kerl wäre noch immer dort, aber sein Oheim hat ja unglücklicherweise seine Freiheit erpresst.“

Tilda wollte einen roten Faden durch ein Öhr schieben, aber dieser erwies sich als widerspenstig. Erst nachdem sie ihn angeleckt und mit ihren Lippen geformt hatte, glitt er leicht durch die winzige Öffnung der Nadel. „Nun, Euer Gemahl war niemals wirklich auf Frieden mit den Sachsen aus. Er hat sie abermals bis auf Blut gereizt, als er Ende Juni wichtige adlige Sachsen zu einem Gespräch hierher einlud und sie den gesamten Tag in der sengenden Hitze vor den geschlossenen Toren schmoren ließ, während er selbst durch ein rückwärtiges Tor der Pfalz entfleuchte und zur Harzburg ritt. Es lag doch auf der Hand, dass die Sachsen danach wütend abziehen und ihre Truppen zusammenrufen würden.“

„Ja, das lag auf der Hand … Er tat dies, um den Krieg mit den Sachsen zu provozieren, damit er sich nach deren Niederlage endlich seinen zahlreichen anderen Feinden im Reich widmen kann.“

„Nun, dann möchte ich behaupten, dass ihm dieser Plan ordentlich misslungen ist. Schließlich hockt er dort oben wie ein hilfloser junger Kater auf dem Baum, während die Jagdhunde nur darauf warten, dass er herunterkommt, um ihn reißen zu können.“

„Ich halte mich an dem Gedanken fest, dass die Harzburg uneinnehmbar sein soll.“

„Vollkommene Sicherheit gibt es nicht, Kindchen! Und selbst wenn es so sein sollte, werden ihm irgendwann die Vorräte ausgehen, schließlich bewachen die Sachsen die Zugangswege. Außerdem errichten sie auf dem gegenüberliegenden Berg eine Schanze, um von dort aus früher oder später Geschosse zu ihm herüberschießen zu können. Die Fürsten des Reiches, denen er so oft auf die Füße getreten hat, werden ihm wohl kaum zu Hilfe eilen. Er hat sich und seine Mannen in eine Falle geführt.“

„Ob er jemals das Kind sehen wird, das ich in mir trage?“ Behutsam legte die Königin die Hände auf ihren noch kaum gewölbten Leib. „Im Februar wird es wohl die Welt erblicken.“ Ein kalter Schauer überkam sie.

„Beten wir, meine süße Königin, dass er sich bis dahin aus der misslichen Lage befreit hat, und für Euch hoffe ich, dass Ihr einen Sohn gebären werdet. Heinrich braucht endlich einen Nachfolger, und Ihr würdet in seiner Gunst steigen. Vielleicht würde er dann auch damit aufhören, Euch mit seinen Kebsweibern zu demütigen.“

Bertha verschränkte die Arme vor der Brust und seufzte. „Er hat bei seiner Flucht auf die Harzburg gar nicht an mich gedacht. Wenn er dort oben besiegt wird, dann verschwinden meine Kinder und ich in einem Kloster. Aber er hat es ja leider nicht gelernt, zu lieben und an andere zu denken. Den Vater hat er als Vierjähriger verloren, als Siebenjährigen wollten die Mächtigen des Reiches ihn ermorden, als Elfjähriger wurde er entführt und von seiner Mutter Agnes im Stich gelassen, die sich lieber in ein italienisches Kloster zurückgezogen und ihren Sohn den Mächtigen als Spielfigur überlassen hat, als ihm zu helfen.“

„Ja, seine Kindheit war nicht leicht. Deine aber auch nicht.“ Tilda verknotete den roten Faden und stach die Nadel durch den Stoff, um ihr Muster weiterzusticken.

Wenn Heinrich scheiterte, wäre auch sie verloren und entmachtet. Ihr könnte noch nicht einmal der Mann zur Seite stehen, den sie wirklich liebte.

Arend. Bei dem Gedanken an ihn öffnete sich ihr Herz, gleichzeitig wurde es schwer wie Stein. Sie hatte sich an seiner Schulter ausgeweint, wenn Heinrich schlecht zu ihr gewesen war. Doch bis auf einige wenige Küsse und Umarmungen hatten sie nie die Grenze überschritten, die bei einer Entlarvung ihre schändliche Scheidung von Heinrich und sicherlich Arends Tod bedeutet hätte. Und nun saß der arme Kerl dort oben in der Burg zusammen mit dem König, den er verachtete. Freiwillig war er nicht gegangen, denn Heinrich hatte den überragenden Kämpfer erpresst und versprochen, seinen Vater und seine Brüder, die ebenfalls zu den aufrührerischen Sachsen gehörten, nach einer Niederlage zu verschonen. Was für eine Wahl hatte Arend da gehabt? Bertha bangte um ihn – fast mehr als um den König. Es tat ihr leid, dass sie Arend eine Zeit lang mit eifersüchtiger Missachtung begegnet war, da er ein einfaches Bauernmädchen zum Weib genommen hatte … Dabei war es eine überaus noble Tat gewesen. Heinrich hatte die junge Sächsin zuvor geschändet und sie anschließend mit einem seiner ungehobelten Kriegsknechte verheiraten wollen. Da Arend sie vor einem schauderhaften Schicksal bewahren wollte, hatte er sie Hals über Kopf geheiratet. Sein Weib liebte ihn abgöttisch und hatte ihm schon drei gesunde Söhne geschenkt. Drei Söhne. In Bertha brannte der Neid. Missmutig lehnte sie sich vor und schaute von ihrem Fenster hinab auf Arends kleines Häuschen auf dem Pfalzgelände, das der König ihm zur Verfügung gestellt hatte. Dort drinnen würde Sieghild um ihren Gatten bangen.

Als es an der Tür klopfte, zuckte die Königin zusammen. Benno, der kräftige frühzeitig ergraute Türwächter, der eigentlich Heinrichs Leibwächter war, nun aber ihren Schutz in der Pfalz gewährleistete, rief auf dem Flur: „Herrin, Bischof Dietwin von Lüttich möchte eintreten. Er hat wichtige Neuigkeiten!“

Wichtige Neuigkeiten? Bertha wechselte mit ihrer Dienerin rasche Blicke. Hoffentlich war nichts Schlimmes geschehen.

„Er soll hereinkommen“, ließ sich die Königin vernehmen, setzte sich wieder und nahm die Stickerei zur Hand.

Tilda bedeckte ihr Haar mit dem Tuch, befreite Adelheid aus dem Wirrwarr an Fäden und setzte sich die Kleine auf die Hüfte. „Obwohl ich neugierig bis zum Verderben bin, gehe ich hinaus. Der Bischof redet ja nicht gern vor Niederen.“ Dann ergriff sie die Hand der kleinen Adelheid und wedelte mit dieser hin und her, bevor sie hinausgingen.

Gleich darauf trat der untersetzte Bischof Dietwin ein, den Heinrich der Königin als Berater und Beistand in der Pfalz Goslar zur Seite gestellt hatte. Der gichtgeplagte Gottesmann verneigte sich vor ihr und ließ sich auf dem Platz nieder, auf dem vor Kurzem noch die Dienerin gesessen hatte.

„Bitte, erzählt!“, forderte Bertha ihn ungeduldig auf.

„Meine Königin“, begann Dietwin ernst und verzog dann seinen leicht wulstigen Mund zu einem erfreuten Lächeln. „Wir haben Grund, den Herrn zu preisen, denn Heinrich konnte zusammen mit Bischof Friedrich von Münster, dem Kaplan Sigfried, dem alten Herzog Berthold I. von Zähringen und noch einigen Mannen von der Harzburg entkommen. Nach einigen Tagen der Flucht durch die Wälder sind sie wohlbehalten nach Eschwege gelangt. Von dort will der König nach Hersfeld ziehen, wo er Truppen für einen Feldzug gegen die Polen hat sammeln lassen.“

Überrascht ließ Bertha ihre Stickerei sinken und legte sie auf den Tisch. Für einen Moment war sie unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, und kurz darauf schossen ihr Tausende gleichzeitig durch den Kopf. „Gott sei Dank! Der König konnte entkommen! In dieser Lage … Wie ist das möglich? Es muss ein Wunder sein!“ Dann dachte sie sofort an Arend. Heinrich hatte sich bestimmt von ihm begleiten lassen. Ob er noch lebte? „Ich bin dem gütigen Gott so dankbar, dass er seine schützenden Hände über den König gehalten hat. Gab es Kämpfe? Aber er hat ja gute Leibwächter. Ist einer von ihnen gefallen?“ Sie versuchte, ein möglichst gleichmütiges Gesicht zu machen, bangte aber der Antwort entgegen, dass Arend vielleicht nicht mehr lebte.

„Soweit ich weiß, gab es unter Heinrichs Männern keinerlei Verluste.“

Sie musste sich zwingen, nicht verräterisch aufzuatmen. „Eure emsigen Gebete haben sicherlich dazu beigetragen, dass unser König in Sicherheit ist. Es ist nun wieder alles in der Schwebe. Ich wünschte, dass Magnus Billung einige Zeit zuvor nicht in die Freiheit entlassen worden wäre. Weiß man schon, wohin er gegangen ist? Zu seiner Lüneburg?“

Missmutig schüttelte Dietwin den Kopf. „Nein. Er hat sich sogleich Otto von Northeim angeschlossen. Die Sachsen spotten nun und sagen: Der Wert eines Sachsen beträgt siebzig Schwaben. Ihr wisst: Auf der Lüneburg, die Heinrich eingenommen hatte und die anschließend von Magnus‘ Oheim Hermann belagert wurde, befanden sich siebzig Schwaben, die Hermann im Gegenzug für Magnus freigelassen hat.“ Er presste die Lippen aufeinander, wusste nicht, ob er weitersprechen sollte. Für einen Moment biss sich sein Blick an ihrer Stickerei fest. Schließlich fuhr er fort: „Als die Sachsen erfuhren, dass Heinrich nicht mehr auf der Harzburg ausharrt, ist Otto unverzüglich mit seinem Teil des Heeres abgezogen. Die Beobachter meinten, in Richtung Hessen.“

„Hessen?“ Bertha stutzte.

Dietwin drehte den Bischofsring um seinen fleischigen Finger. „Er wird gewiss Vergeltung an Adalbert von Schauenburg und Giso von Lahngau nehmen. Ihr erinnert Euch gewiss, die beiden Adligen sollen angeblich den alten Raufbold Egeno I. von Konradsburg dazu gebracht haben zu behaupten, dass Otto einen Mordanschlag auf den König geplant hatte. Otto von Northeim hat den beiden seinerzeit vor aller Ohren Rache geschworen.“

„Der Northeimer ist ein gefährlicher Mann. Und niemand kann behaupten, dass er seine Worte und Drohungen nicht wahrmacht.“ Bertha war beunruhigt. Die Macht des Königs musste gesichert werden – für ihre Kinder, seinen Erben –, doch momentan sah es gar nicht danach aus. „Können wir Truppen entbehren, die wir dem Northeimer hinterhersenden?“

Dietwin schaute bekümmert drein. „Nein, und Heinrich kann dies auch nicht. Dieser benötigt alle Kräfte, um sich einem eventuellen Angriff der Sachsen erwehren zu können. Der König hat Boten durchs Land geschickt, die den Fürsten des Reiches den schändlichen Verrat und die Treulosigkeit der Sachsen schildern sollen. Er bittet die Fürsten, ihm bis zum 5. Oktober schlagkräftige Truppen zu senden. Die Krieger, die sich bereits für den Feldzug versammelt haben, will er nun anstatt gegen den polnischen Herzog Boleslaw II. gegen die Sachsen führen. Die Bestrafung Boleslaws wegen der Verweigerung des Tributs muss vorerst warten. Giso und Adalbert müssen auf ihre eigenen Kämpfer und die Stärke ihrer Burgmauern vertrauen.“ Immerzu drehte der Bischof seinen blinkenden Ring.

„Was gibt es noch zu berichten?“

Dietwin zog sich den Schmuck vom Finger und polierte den Amethyst an seiner Kasel. Dann setzte er ihn wieder auf und faltete die Hände, fast wie zum Gebet. „Nicht nur Otto, sondern auch andere feindliche Adlige sind von der Harzburg abgezogen. Die Sachsen haben dort aber ungefähr fünftausend Bewaffnete zurückgelassen, die ihre Befestigungen oben auf dem Sachsenberg weiterbauen.“

„Sachsenberg?“

„So haben unsere Männer die östliche Erhebung gegenüber der Harzburg genannt. Die Feinde zimmern dort Belagerungsmaschinen, mit deren Hilfe sie vom Sachsenberg Geschosse auf die Harzburg schießen wollen. Und es heißt, dass sie einen Stollen graben und versuchen, die Zuleitung des Frischwassers vom Kleinen Spüketal zum Brunnen der Harzburg zu unterbrechen. Man kann nur hoffen, dass es ihnen nicht gelingt.“

Zischend zog Bertha die Luft durch die zusammengebissenen Zähne. „In der Tat. Dann würden unsere Männer die Harzburg nicht halten können. Aber die Sachsen, die abgezogen sind, wohin sind diese entschwunden?“

„Nun ja … die Gesinnung von Pfalzgraf Friederich von Goseck ist nach dem Tod seines Bruders, des Erzbischofs Adalbert von Bremen und Hamburg, ohnehin ins Wanken geraten …“ Er zögerte.

Nur ungern dachte Bertha an Adalbert zurück. Dieser Erzbischof hatte einst versucht, in Hamburg ein nördliches Patriarchat zu errichten, aber seine allzu ehrgeizigen Pläne waren gescheitert. In Heinrichs Jugend hatte er großen Einfluss auf den König gehabt, ihn zu Hurerei und Suff ermuntert, um Heinrich abzulenken und selbst die Geschäfte des Reiches führen zu können. Doch er war zu gierig gewesen und von den Sachsen gestürzt worden, hatte später aber wieder Einfluss auf Heinrich genommen. Letztes Jahr war der verbitterte Adalbert an der Ruhr gestorben.

„Friedrich ist nun offiziell vom König abgefallen und greift mit ungefähr dreitausend Mann die Heimburg an. Weitere Sachsenheere sind zu den anderen, von Heinrich errichteten Burgen marschiert. Sie wollen sie allesamt nach und nach erobern.“

Vor Angst wurde Bertha ganz heiß. Sie fürchtete sich vor dem, was da auf sie zurollte. „Ich bin schon einmal in der Heimburg gewesen und bete, dass sie nicht fällt – und auch die anderen Burgen nicht. Hoffen wir, dass Bischof Benno sie gut hat bauen lassen.“ Ihr sorgenvoller Blick glitt zu ihrem Bett, wo ihre kleine Adelheid gesessen hatte. „Was meint Ihr, wie lange wird es dauern, bis die Sachsen diese Pfalz bestürmen?“

Ein zuversichtliches Lächeln huschte über Dietwins Lippen. „Nun … da kann ich Euch beruhigen. Vorhin ist ein Bote von Otto eingetroffen. Er und Magnus sichern Euch zu, dass Ihr hier in Sicherheit seid. Weder Ihr noch Eure Töchter sind Ziel des Krieges, sondern Euer Gemahl und die schwäbischen Burgbesatzungen.“

Überrascht zog Bertha die Augenbrauen empor. Hoffnung, so zart wie der Flügelschlag eines Schmetterlings, keimte in ihr auf. Und doch … „Kann man ihren Worten Glauben schenken?“

Der Bischof zuckte die Achseln. „Bisher haben sich in Goslar noch keine Feinde versammelt. Diese Pfalz war auch nie Gegenstand ihrer Klagen, denn immerhin haben hier auch schon sächsische Könige verweilt. Nein, ihre Wut richtet sich gegen die Höhenburgen. Trotzdem sollten wir vorsichtshalber einen Plan zur Flucht schmieden, falls Otto wortbrüchig wird oder die Sachsen nicht auf ihn hören.“

„Ja, bitte, arbeitet einen aus, unbedingt.“

Dietwin erhob sich, verneigte sich und verließ dann mit steifen Schritten ihr Gemach.

Bertha fürchtete sich davor, dass sie und ihre Kinder bald von Feinden umgeben sein könnten. Hoffentlich besaß Otto mehr Ehre als ihr Gemahl.

Heinrich hatte bewusst den Zorn der Sachsen heraufbeschworen und hoffte nun auf ein riesiges Aufgebot des Reichsheeres, mit dem er das aufsässige Volk zermalmen konnte. Hoffentlich schickten die Fürsten eine Flut von Kämpfern. Hoffentlich, hoffentlich, hoffentlich … Es war alles so ungewiss, zermürbend und beängstigend.

Die Königin befand sich mit ihren treuen Dienerinnen Tilda, der kessen rothaarigen Ada und der dünnen schüchternen Imma, dem Bischof Dietwin und ihrem starken Bewacher Benno im Sommersaal der Pfalz, als eine seltsame Unruhe Goslar ergriff. Das laute Geschrei außerhalb der Pfalzbefestigung lockte sie ans Fenster. Eine aufgebrachte Menschenmenge hatte sich in einiger Entfernung versammelt.

Nervös fuhr sich Dietwin mit der Hand über den Mund. „Die Lage wird immer brenzliger. Vor ein paar Tagen ist eine zweihundert Mann starke Reiterei von der Harzburg heruntergekommen und hat die Blockaden der Zufahrtswege durchbrochen. Wild kämpfend sind sie ins Lager der Sachsen eingedrungen und haben dort fürchterlich gewütet. Mit ihrer Beute sind sie in die Burg zurückgekehrt, haben aber in der Nacht erneut einen Ausfall gemacht und das Lager nochmals mit Schwert und Feuer heimgesucht. Daraufhin haben die Sachsen ihnen den Weg versperrt, sodass sie nicht mehr zur Burg konnten.“

Die Königin nickte. „Davon weiß ich bereits und auch, dass daraufhin ein Vertrag ausgehandelt wurde, der gegenseitige Angriffe vorerst untersagt. Sie sollen sogar einen Boten zu Heinrich geschickt haben, der entscheiden soll, wie mit der Burg zu verfahren sei. Aber das, was dort unten geschieht, wird nicht damit zusammenhängen. Heinrichs Antwort, die sicher lauten wird, dass er die Burg niemals aufgeben wird, kann unmöglich schon hier sein.“

„Nein, wohl nicht. Die Menschen sind furchtbar aufgebracht. Ich bringe in Erfahrung, was das zu bedeuten hat“, stieß Bischof Dietwin hervor und eilte, so schnell es ihm sein Gewicht und seine Gicht erlaubten, aus dem Palas über die freie Fläche. Er bestieg einen Wachtturm und ließ in die Hörner blasen, forderte Ruhe ein, und einige Leute näherten sich. Kaum hatte er ein paar Worte mit ihnen gewechselt, flogen auch schon Erdklumpen auf ihn.

Bertha konnte vor Beklommenheit kaum noch atmen, und sie legte sich eine Hand an den Hals. Würden die Sachsen die Pfalz nun doch bestürmen? Folgten nach dem Dreck Pfeile und Speere? Sie entdeckte sächsische Krieger, die versuchten, den wütenden Mob von der Pfalz fernzuhalten. Es sah so aus, als ob Otto tatsächlich Wort halten und die Königin sogar beschützen würde.

„Was geht da vor sich? Dieses wilde Getöse ist furchtbar.“ Imma war bleich, und ihre Finger zitterten wie Herbstlaub. Beruhigend ergriff Ada deren Hand, doch ihr selbst war sämtliche Farbe aus den Wangen gewichen. Das zornige Geschrei der Menschen klang zutiefst bedrohlich.

Goslarer und auch bewaffnete Sachsen strömten auf einem freien Platz zusammen, der vom Sommersaal aus einsehbar war. Jedoch waren die Menschen von hier aus nur als kleine Figuren zu erkennen.

„Was geschieht da? Allmächtiger! Sind das zwei Kreuze?“ Tilda drückte erschreckt die Hände gegen ihre Brust.

„Sieht so aus.“ Angespannt schaute auch Benno hinunter und umfasste den Schwertgriff, als ob er die Waffe sogleich ziehen wollte.

Bischof Dietwin stand auf der Mauer, mit wild rudernden Armen, versuchte, die Menge zu beschwichtigen, doch schon flogen abermals Klumpen auf ihn zu. Tapfer nahm er es hin, redete unaufhörlich weiter. Etwas traf ihn an der Stirn. Dietwin taumelte, sackte zusammen und kauerte sich im Schutz der Mauer nieder.

Bertha erstarrte. Zwei Männern wurden unten auf dem Platz von aufgebrachten Sachsen die Kleider vom Leib gerissen.

„Oh Gott!“, stieß Tilda hervor. „Oh Gott! Oh Gott!“ Flehend wiederholte sie dies immer und immer wieder.

Man konnte nicht sehen, was genau dort unten vor sich ging. Doch Bertha bildete sich ein, Hammerschläge zu vernehmen, und zuckte zusammen. Kurz darauf gellten markerschütternde Schreie trotz des geifernden Lärms der Menge hinauf bis zum Sommersaal.

„Oh Gott, die kreuzigen die armen Kerle!“ Tilda war ganz bleich. „Was für teuflische Bestien!“

Dann wurden die Kreuze aufgerichtet. Man hatte die beklagenswerten Kreaturen tatsächlich an die Balken genagelt. Welch grausame Barbarei!

Entsetzt kreischte Imma, bebte am ganzen Leib und sackte heulend zu Boden. Ada kniete sich neben sie und schloss sie in die Arme.

„Was für teuflische Bestien!“, wiederholte Tilda schockiert.

Bischof Dietwin rappelte sich wieder auf, hob drohend seine Faust und beschimpfte die Sachsen. Als erneut etwas geworfen wurde, duckte er sich, schickte jedoch mit deutlichen Gesten den beiden Geschundenen einen Segen hinüber und verließ die Mauer. Unten blieb er auf den Stufen sitzen, sank in sich zusammen und weinte.

„Diese verdammten Sachsenschweine!“, zischte Benno. „Aufschlitzen müsste man sie, allesamt! Schaut nicht hin, das ist nichts für Euch!“

Bertha konnte nicht fortblicken und wollte es auch nicht. Sie war Königin, sie musste sehen, zu was Menschen fähig waren, wie die Dämonen kamen, auf sie einpeitschten und zu solchen Gräueltaten trieben. Hatte sie Heinrich manchmal für ein Ungeheuer gehalten, waren diese Menschen dort unten es in ihren Augen noch tausendmal mehr.

Ein angstvoller Stich durchfuhr ihr Herz. Was würden sie wohl mit Arend tun, wenn er irgendwann in ihre Hände gelangte? Sie hielten ihn für einen Verräter. Niemals, wirklich niemals durfte dies geschehen! Tagelang foltern würden sie ihn, bevor sie ihn qualvoll umbringen würden.

Nun wandte sie sich doch ab. „Benno, hole den Bischof her! Ich will wissen, was das dort unten zu bedeuten hat.“

Ihr Leibwächter verneigte sich und wollte gehen. „Ach, Benno“, rief sie und hielt ihn noch einmal zurück. „Die Bogenschützen sollen die Gequälten erlösen! Sie sollen gut zielen, damit sie nicht die Leute treffen und sogleich ein Aufstand provoziert wird. Suche also die besten Schützen aus!“

Überrascht schaute Benno sie an, offenbar hatte er nicht damit gerechnet, dass sie zu solch einem Befehl fähig war. „Ohne zu wissen, was die beiden getan haben? Ihr könntet Zorn auf Euch ziehen.“

„Auf diese grausame Weise soll niemand leiden – und es steht den Goslarern nicht zu, das Gesetz in ihre Hand zu nehmen und das Urteil zu vollstrecken!“

„Sicher“, stieß er kurz hervor und spurtete davon.

Bertha sah ihn über den Hof rennen, wie er die Stufen hinauf zur Mauer erklomm und den Befehl an die Bogenschützen weitergab. Kurz darauf zischten Pfeile durch die Luft und versenkten sich treffsicher in den Leibern der Gekreuzigten. Die Sachsen waren erbost, kamen näher an die Pfalz heran, drohten den Bogenschützen mit geballten Fäusten. Da die Mauer Bertha die Sicht versperrte, konnte sie nicht erkennen, was dort vor sich ging. Doch als noch mehr Bogenschützen Aufstellung nahmen und ihre Pfeile anlegten, zogen sich die Leute in die Stadt zurück, wie Ratten, die sich in ihre Löcher verkrochen.

Benno stieg von der Befestigung herab und half dem Bischof beim Aufstehen. Der Gottesmann erlangte seine Fassung wieder und wischte sich den Dreck von der Kleidung. Gemeinsam näherten sie sich dem Palas.

Erschüttert erwartete Bertha ihr Kommen.

Kaum hatte der Bischof den Sommersaal betreten, forderte sie ihn auf zu berichten.

Schwer atmend ließ Dietwin die Schultern hängen. „Die Sachsen hatten – so wie ich erzählte – Frieden mit der Burgbesatzung vereinbart, bis Heinrich eine Entscheidung getroffen hat. Aber die beiden jungen Männer – es waren Schwaben, die von der Burg heruntergekommen waren – konnten es nicht lassen, nach Goslar zu gehen, dort Waffen, Nahrung und Geld zu stehlen. Sie waren dumm, haben herumgepöbelt, die Goslarer verspottet und bespuckt. Anschließend haben sie sich betrunken und einen in der Stadt beliebten Wirt totgeschlagen. Dafür haben die Goslarer sie bestraft.“ Seine Augen wurden zu Granit. „Manchmal wünschte ich mir, dass Jesus endlich mit dieser wüsten Erde Schluss macht, die Herrschaft übernimmt und sein Reich kommt. Mein Vater hatte bereits – wie so viele andere Gläubige – im Jahre 1000 auf sein Erscheinen gehofft, aber der Herr lässt uns warten, statt dieser Barbarei ein Ende zu setzen.“

Immas Augen waren vom Weinen gerötet und verquollen. Entschieden nickte sie. „Ja, Menschen sind wilde Tiere, nichts weiter! Niemals werden sie miteinander Frieden halten. Es ängstigt mich alles sehr. Ich bete und bete, doch nichts geschieht.“

„Nur der Herr kennt die Zeit, wann er uns wieder erscheinen wird. Bis dahin, zarte Imma, bleibt uns in der Tat nichts anderes, als zu hoffen und zu beten.“ Dann widmete Dietwin wieder Bertha seine Aufmerksamkeit. „Und Ihr, meine Königin, solltet heute noch beichten, da Ihr den Befehl zur Ermordung dieser Schwaben gegeben habt. Auch wenn Ihr sie von langem Leid erlöst habt, so klebt dennoch deren Blut an Euren Händen.“

Bertha nickte. „Ja, ich werde beichten …“ Stolz warf sie den Kopf in den Nacken. „Aber ich würde wieder so entscheiden!“

Am nächsten Morgen herrschte abermals Aufregung. Wütendes Geschrei erfüllte die Stadt und drang bis zur Pfalz. Beobachter berichteten, dass zehn schwäbische Reiter das Vieh der Goslarer von den Weiden getrieben hätten. Deshalb rotteten sich die wütenden Städter zusammen, bewaffneten sich mit ihren Arbeitsgeräten, mit Hämmern, Sensen, Äxten, mit dem, was sie gerade hatten greifen können, und eilten aus dem Ort.

Bertha, die sich im Sommersaal befand, ging zum Fenster und schüttelte den Kopf. Sie konnte verstehen, dass die Menschen ihr kostbares Vieh zurückholen wollten, aber sie taten es unüberlegt, das Hirn vom Hass vernebelt.

Sie setzte sich wieder an den Tisch und füllte mit unruhigen Händen getrockneten, intensiv duftenden Lavendel in kleine Leinensäckchen. Diese würden später zwischen die Kleidung gelegt werden, um Motten fernzuhalten. Jedes ihrer Kleidungsstücke roch nach Lavendel. Doch bevor sie mit ihrer Arbeit fertig war, legte sie die Säckchen beiseite, die Anspannung trieb sie wieder zum Fenster.

Benno, der vor der Tür stand, ließ Bischof Dietwin herein, der gewohnheitsgemäß wieder den Ring an seinem Finger drehte.

„Solch ein Wahnsinn! Die ganze Welt ist verrückt geworden!“ Er stellte sich neben die Königin ans unverglaste Rundbogenfenster, legte die Hände auf den Fenstersims und schüttelte immerzu den Kopf. „Otto von Northeim mag in gewisser Weise ein ehrenhafter Mann sein, aber ich glaube nicht, dass Ihr hier auf Dauer sicher seid. Irgendwann wird der Mob die Pfalz stürmen. Wenn die Sachsen Heinrich nicht habhaft werden können, werden sie sich aus Rache vielleicht an Euch und Euren Kindern vergreifen wollen. Ihr müsst hier weg.“

„Was schwebt Euch vor?“

„Die gut gesicherte Reichsburg Volkenroda. Sie liegt günstig an wichtigen Straßen und ist nur wenige Tage entfernt vom Königshof Breitenbach, wo Heinrich gerade verweilt. Denkt bitte darüber nach. Solltet Ihr damit einverstanden sein, werden wir nur das Notwendigste mitnehmen. Es wäre aber ratsam, ausreichend Bewaffnete hierzulassen, um die Pfalz nicht preiszugeben.“

„Ich werde dies in Betracht ziehen.“

Gebannt starrten sie hinaus und warteten, ob die Goslarer mit den Viehdieben zurückkehrten, um auch diese grausam hinzurichten. Berthas Hände waren eiskalt, und sie fror trotz der sommerlichen Hitze. Ihre Dienerin Ada schenkte ihr ein seltsam aufgesetztes Lächeln, es sollte ihre Königin wohl aufmuntern, offenbarte aber ihr großes Unbehagen.

Schon von Weitem hörte man Geschrei. Es klang nicht wütend, nein, eher … panisch, kündete von Angst und Schrecken. Und dann ertönte das Donnern von zahlreichen Hufen.

Die Goslarer tauchten wieder auf, rannten um ihr Leben. Verfolgt wurden sie von Reitern der Harzburg, die mit ihren Waffen die Männer niedermähten, als würden sie Getreide ernten. Die Berittenen trieben sie bis in die Stadt hinein. Erst als nach einiger Weile ein Hornsignal erschallte, drehten sie ab, ritten zur Pfalz und verharrten dort mit einigem Abstand, sodass sie vom Sommersaal aus gesehen werden konnten. Dort hielten die Reiter ihre blutigen Schwerter und Lanzen zum Gruß empor und stoben davon.

Bertha wurde schwindelig. Dieses Gemetzel, das da gerade in kürzester Zeit vor ihren Augen stattgefunden hatte, hatten königstreue Leute veranstaltet! Und durch den Gruß hatten sie den Eindruck erweckt, es könnte vielleicht in Berthas Sinne geschehen sein. Tränen drängten in ihre Augen und verzerrten die Welt.

Ada geleitete die junge Königin zu ihrem Stuhl. „Kommt, setzt Euch.“

Die Königin sank auf das weiche Fell nieder, das auf dem Stuhl lag, legte eine Hand schützend auf ihren Leib und wischte mit der anderen die Tränen fort. Wahrlich, die Welt war wahnsinnig, und die Vernunft der Menschen kleiner als ein Flohbiss. „Bischof, wir müssen fort von hier, und zwar bevor die Sachsen ihre Toten begraben haben. Wenn ihre Trauer vorüber ist, wird ihr Hass grenzenlos sein. Sendet auf verschiedenen Wegen Eilboten zu Heinrich, die ihn unterrichten. Zudem schickt einen Mann zu den Reitern, die dieses Schlachtfest veranstaltet haben. Die Goslarer werden sie nun fürchten, und deshalb sollen sie uns ein gutes Stück des Weges begleiten.“

Dietwin stand noch immer mit dem Rücken zu ihr am Fenster und hatte die Hände zum Gebet gefaltet. Er bekreuzigte sich und wandte sich mit bedrückt hängendem Haupt zu ihr um. „Ja, meine Königin. So soll es sein.“

„Wir nehmen nicht den gesamten Hofstaat mit, nur wenige Diener, aber viele Bewaffnete. Bitte lasst Arends Weib mitteilen, dass sie sich für den Aufbruch bereithalten soll.“

„Die Sächsin? Ich verstehe nicht. Sie ist unwichtig.“

„Ich versprach Arend von Hadenstein, sein Weib zu beschützen. Soll ich wortbrüchig werden? Geht Ihr nun, oder muss ich mich selbst bemühen?“

„Nein. Verzeiht.“

„Ich werde sogleich alles für den Aufbruch organisieren.“ Bertha nahm ein Lavendelsäckchen und schnupperte daran. Es roch so blumig, so betörend, trotzte mit seinem Duft den Widerwärtigkeiten dieser Welt.

Kapitel 2

Königshof Breitenbach in der Nähe von Hersfeld

„Bist du zufrieden mit der Ausrüstung und den Pferden, die ich für dich als Ersatz bestimmt habe? Schließlich musstest du vieles in der Pfalz Goslar und in der Harzburg zurücklassen.“ Der hochgewachsene Heinrich saß an einem Eichentisch in seinem Gemach. Er hatte die breiten Schultern eines trainierten Kämpfers und eine schmale Taille. Sein Gesicht war schmal und die Nase länglich. Er trug einen kurz gestutzten Bart, und sein dunkelblondes Haar bedeckte Ohren und Nacken. Auf dem Tisch stand ein goldener, edelsteinbesetzter Kelch, daneben lag ein Holzbrett, in dem das Mühlespiel eingeritzt war. Heinrich hatte die Mühlesteine in abwechselnden Farben um das Brett postiert, als wäre dies eine feindliche Armee, die eine Burg belagerte.

„Ja, Herr. Eure Gaben waren überaus großzügig. Ich danke Euch.“ Der braunhaarige hünenhafte vierundzwanzigjährige Arend hatte sich neben dem Tisch aufgebaut und schaute auf den ein Jahr jüngeren König hinab.

Dieser wirkte bedrückt. „Setz dich.“

„Majestät?“ Arend war verwirrt und strich sich mit der Hand über seinen kurzen Bart.

„Setz dich!“ Die dunkelblauen Augen des Königs blitzten verärgert auf.

Vor Unbehagen räusperte Arend sich und ließ sich eher widerwillig auf den ihm dargebotenen Stuhl nieder. Er mochte Heinrich nicht, zumal dieser Herzog Magnus Billung so überaus schlecht auf der Harzburg behandelt hatte. Dieses hatte sich erst geändert, nachdem er selbst um bessere Nahrung und Aufenthalte im Freien für den befreundeten Herzog gebeten hatte.

Arend hasste seine Situation. Viel lieber würde er jetzt aufseiten seines Volkes gegen diesen skrupellosen König kämpfen, doch Gott hatte einen anderen Weg für ihn vorgesehen. Als der Befehl gekommen war, dass er als Berthas Leibwächter am Hof dienen sollte, hatte er gerade in verschwörerischer Runde mit seinem Vater, seinen älteren Brüdern Giselher und Suidger, zudem mit Magnus Billung, Otto von Northeim, Graf Lothar Udo II. von Stade und Gebhard von Süpplingenburg zusammengesessen. Wäre er der Order nicht nachgekommen, hätte er unweigerlich die Aufmerksamkeit und den Unmut des Königs auf die väterliche Burg gerichtet. Nur um seine Familie zu schützen, war Arend an den Hof gegangen. Obwohl dort seine edle Geburt vollkommen missachtet und er oft provoziert worden war, hatte er es dennoch als betörend empfunden, in der Nähe der schönen Königin zu sein. Bei dem Gedanken an sie zog sich sein Herz vor Liebe und Sehnsucht zusammen. Es bereitete ihm Magenschmerzen, dass sie allein in der Pfalz war, und er hoffte, bald wieder bei ihr sein zu können. Anstatt sie zu beschützen, hatte er den König auf die Harzburg begleiten und ihm zudem auf seiner Flucht beistehen müssen. Dabei hatte er Männer seines eigenen Volkes getötet, und er fühlte sich schuldbeladen und besudelt.

„Majestät?“ Arend war es unangenehm, dass Heinrich nichts sagte, sondern ihn unverwandt ansah, als versuchte er, die Tiefen seiner Seele zu ergründen. Doch er hielt dem Blick stand.

Schließlich nahm Heinrich einen schwarzen und einen weißen Stein und legte sie mitten ins Spielfeld. Der Hauch eines Lächelns huschte über seine Lippen. „Es ist schon seltsam, aber ich schätze dich mittlerweile. Du bist so berechenbar … Du hast einen Eid geleistet und hältst diesen.“ Für einen Moment verengten sich seine Augen zu Schlitzen. „Gut. Ich habe den Anreiz für deine Treue erhöht, indem ich dir den Schutz deiner Familie, die zu den Aufrührern gehört, zugesagt habe. Aber es gibt Männer, die würden sich trotzdem nicht darum scheren und versuchen, dies anders zu regeln. So wie dein Freund Folkmar, den du mit an den Hof gebracht hast. Er hat sich feige und unehrenhaft davongemacht. Wenn ich ihn in die Finger bekomme, werde ich ihn dafür bestrafen.“ Seine Augen wurden noch schmaler. „Du hattest auf der Flucht von der Harzburg mannigfach die Gelegenheit, mich durch lautes Rufen zu verraten. Unterwegs hättest du mich sogar im Schlaf umbringen und dich zum sächsischen Heer durchschlagen können. Aber du hast es nicht getan“, sagte er und schüttelte den Kopf, als könnte er es kaum glauben. „Ich kenne außer dir keinen Mann, dem es nicht nach Ansehen und Ruhm gelüstet. Viele verkaufen ihre Seele dafür, scheuen weder vor Mord noch Verrat zurück.“ Verbittert verzog er das Gesicht. Er war sich sicherlich bewusst, dass er selbst zu diesen Menschen zählte. „Dir ist dies alles egal, du gehst einen geraden Weg, allerdings durch eine tiefe Schlucht, wo beständiger Steinschlag droht. Du wurdest schon in der Pfalz und in der Harzburg von meinen Leuten angefeindet, aber hier im Heer noch bedeutend mehr. Es wird dich sicherlich freuen zu hören, dass ich dich unter meinen persönlichen Schutz gestellt habe. Und noch mehr: Wenn dich jemand angreift oder deine Ehre beleidigt, hast du meine Erlaubnis, denjenigen zum Kampf zu fordern … Nur Kuno nicht. Er ist mit seinem entstellten Gesicht schon genug bestraft und zählt zudem zu meinen Vertrauten.“

Verwundert zog Arend die Augenbrauen empor. Anscheinend wollte er ihn, den Sachsen, mit diesen Maßnahmen ehren. Trotzdem wartete Arend noch auf eine schallende Ohrfeige. Er hasste diesen Kuno, der ihn vom ersten Tage in der Goslarer Pfalz an beleidigt und bis aufs Blut gereizt hatte. Einmal hatte Arend ihm im Streit die Nase gebrochen, als er ihm gegenüber Bertha verhöhnt hatte. Ein weiteres Mal hatte er ihn bei einer deftigen Schlägerei erneut die Nase gebrochen und ihm so ziemlich jeden Schneidezahn ausgeschlagen, als dieser widerliche Leibwächter des Königs Arends Weib brutal vergewaltigen wollte.

Heinrich nahm die Steine aus dem Spielfeld heraus und wog sie in seiner Hand. „Menschen, insbesondere die Adligen, kümmern sich vornehmlich um ihre eigenen Belange. Sie besitzen nicht annähernd deine Aufrichtigkeit. Ich habe mich vor einigen Edlen erniedrigt, sie gebeten, mit mir gegen dein Volk zu ziehen …“ Über sein Gesicht huschte ein dunkler Schatten. „Aber sie versagen mir die Hilfe. Mir, dem König! Das hatte ich nicht erwartet, das gebe ich zu. Die Sache läuft gut für deine Sachsen. Otto hat mit seinem Heer in Hessen die Burg Hollende erobert und Giso von Lahngau, Adalbert von Schauenburg sowie dessen vier Söhne gnadenlos erschlagen.“ Der König warf die Steine zurück ins Spielfeld. Der weiße Stein rollte auf seiner Kante und blieb dann aufrecht stehen. „Meine Burgen im Harz werden belagert, Magnus hat seine Lüneburg zurück, die Sachsen und die Thüringer nähern sich an, ein Bündnis ist wahrscheinlich. Zahlreiche Bischöfe – am schlimmsten Burchard II. von Halberstadt und Erzbischof Werner von Magdeburg – hetzen gegen mich und sammeln ihre Truppen. Dies alles sollte dich recht fröhlich stimmen, nicht wahr?“

Arend legte seine Rechte auf die glatte Armlehne des Stuhls und rieb mit dem Daumen leicht an der Kante. „Warum sollte es das? Es wäre besser für das Reich, wenn es diese Situation gar nicht gäbe – und für mich und meine Familie ebenfalls.“

Der König schnipste gegen den weißen Stein, sodass dieser über den Tisch hinausflog.

Reflexartig fing Arend ihn auf und drehte das glatte Gebilde aus Elfenbein in seinen Fingern.

„Du verurteilst, was ich tue, auch wenn du es nicht sagst.“ Heinrich streckte seine Hand aus, forderte den Stein zurück.

„Ich denke, das Verurteilen steht mir nicht zu. Gott wird urteilen, über alles, was wir tun, und niemand ist ohne Fehl.“ Arend lehnte sich vor und überreichte ihm die Elfenbeinscheibe.

Heinrichs Augen waren nur noch schmale Schlitze, und sein Mund zuckte, als könnte er sich nicht entscheiden, ob er zürnen oder spotten sollte. „So ehrbar …“ Der König umschloss den Stein mit der Faust. „So verdammt nobel.“ Er legte den Stein ins Spielfeld und lehnte sich zurück. „Die Kämpfe um die Harzburg sind grimmiger geworden. Die Sachsen haben versucht, die Zuleitung zum Brunnen abzugraben, haben es aber nicht geschafft. Sie bauen nun verstärkt an ihrer hölzernen Schanze auf dem Berg im Osten. Sicherlich werden sie die Harzburg von dort oben irgendwann beschießen. In Goslar gab es auch bereits Tumulte. Ein Eilbote ist eingetroffen und hat mir mitgeteilt, dass Bertha sich in die gut befestigte Burg Volkenroda begibt, die zu Fuß drei bis vier Tage von Goslar entfernt ist. Sie bringt dein Weib und die Kinder, dein Kriegsross und deinen sommersprossigen Knecht Erkmar mit. Dort sind sie in Sicherheit, und du kannst sie wiedersehen. Die Burg ist für Fußläufer nur zwei bis drei Tage von Breitenbach entfernt.“

Ein erleichtertes Lächeln zeigte sich auf Arends müdem Gesicht. „Danke, Herr.“

„Wir werden noch ein wenig hierbleiben. Bald werde ich abziehen, um Verpflichtungen auf anderen Königshöfen nachzukommen, aber danach werde ich wieder zurückkehren. Ich habe vor einiger Zeit Reiter durchs gesamte Land gehetzt, die ein Aufgebot des Reiches für den 5. Oktober hierher beordern. Dann werde ich ein gewaltiges Heer gegen deine Sachsen führen und sie zerschmettern.“ Er funkelte Arend an, und dieser erkannte, dass Heinrich unversöhnlich sein würde, komme, was wolle. „Aber sei versichert, deine väterliche Familie werde ich schützen – wie ich es dir zugesagt habe.“ Nacheinander warf er die Spielsteine wieder aufs Brett. „Es gibt so viele Schlangen im Reich … Eine Grube voller Schlangen, kleine unscheinbare, aber auch große und mächtige. Und die Mächtigen sind es, denen mein Augenmerk gilt. Geh jetzt! In ein paar Tagen wirst du dein Weib in deine Arme schließen können. Du siehst, deine Redlichkeit wird belohnt – erinnere dich stets daran! Gott hält sicher schon einen Ehrenplatz für dich bereit.“ Sarkasmus klang in seiner Stimme mit, aber unterschwellig auch Bewunderung.

Arend erhob sich, verbeugte sich ein wenig steif und ging hinaus.

Draußen auf dem Gang stand ein kräftiger Krieger namens Arnulf, der schon in der Pfalz manchmal vor Heinrichs Tür gewacht hatte. Arnulf war kleiner als Arend, blond und mit einem langen Bart, er hatte tief liegende Augen und eine gerade Nase.

Arend nickte ihm zu, verließ diesen Gebäudetrakt und überquerte den ausgedehnten Hof. Dieser war vollgestopft mit den Edlen des Heeres, die hier im Königshof untergebracht waren und eigentlich wegen des angeblichen Polenfeldzuges erschienen waren.

In einem winzigen Loch, in dem sich zahlreiche Arbeitsgeräte befanden, war er selbst einquartiert worden. Aber er war dankbar für diese kleine Insel auf dem Meer der Anfeindungen. Auch jetzt konnte er die giftigen Blicke im Rücken spüren. Die anderen Männer hassten ihn, den Sachsen. Wäre er nicht die Leibwache des Königs, hätten sie ihn bestimmt schon längst gemeuchelt. Insgeheim wartete er nur darauf, dass man ihn beseitigte. Er verweigerte das Essen, wenn ihm eine eigene Portion gebracht wurde, und bediente sich stets nur aus großen Kesseln, aus denen mehrere aßen. Er hatte sich mit einem zotteligen großen Hund angefreundet, der herrenlos auf dem Hof herumlief. Dieses graue Tier, das er Streuner nannte, wachte vor seiner Tür, wenn Arend ruhte. Mehr als einmal hatte ihn der Hund schon mit einem drohenden Knurren aus dem Schlaf gerissen, und der Sachse hatte nur noch eine gedrungene Gestalt davonrennen sehen. Vielleicht würde dies nun enden, nachdem der König ihn ausdrücklich unter seinen Schutz gestellt hatte.

Arend ließ sich auf seinen prallen, mit Stroh gefüllten großen Leinensack, der ihm als Schlafstatt diente, nieder und strich sich mit beiden Händen durchs schulterlange Haar. Er bangte um sein Weib, seine Söhne … und um Bertha. Wenn es so schlimm im Harz stand, war nur zu hoffen, dass sie es unbeschadet bis zur Burg Volkenroda schafften. Arend hoffte, dass er seine Familie bald wieder in seine Arme schließen konnte … in geheimen Augenblicken vielleicht sogar Bertha. Die Gedanken an die Königin weckten Schuldgefühle in ihm, denn sie waren alles andere als unschuldig. Auf sein Weib freute er sich auch, ja, aber anders.

Wenigstens sorgte sich Heinrich um seine Gemahlin – das war mal anders gewesen.

Der Sachse konnte den König einfach nicht durchschauen. Ihm gegenüber war er weniger misstrauisch geworden, sprach manchmal sogar laut, wenn Arend vor seiner Tür wachte. So hatte er mitbekommen, dass er einem Schreiber seiner Hofkanzlei einen langen, unterwürfigen Brief an Papst Gregor VII. diktiert hatte, in dem er sich selbst und seine eigene Verworfenheit büßend angeklagt hatte. Darin hatte er seine christliche Einheit mit dem Papst betont und zugegeben, in Kirchengut eingedrungen zu sein und Kirchenämter an Unwürdige vergeben zu haben, denen der Gestank der Simonie anhing. Er hatte Gregor VII. um Rat und Beistand gebeten und versichert, dass er sich an die päpstlichen Vorschriften halten wollte. Außerdem hatte er um Entschuldigung für den Irrtum der Mailänder Kirche gebeten. Arend wusste, dass Mailand in Italien eine besondere Stellung zukam. Sie galt als zweitwichtigste Stadt nach Rom, und daher war alles brisant, was dort vor sich ging. Die Geistlichen in Mailand wehrten sich gegen die päpstlichen Versuche, die Priesterehen und Simonie zu verbieten. Dem stellte sich die Pataria entgegen, die ein willkommenes Werkzeug des Papstes war. Diese religiös motivierte Bewegung wurde auch ‚das Lumpenpack’ genannt, da sie sich angeblich nach einem Trödelmarkt benannt hatte. Sie prangerte nicht nur die Missstände zwischen Arm und Reich an, sondern beklagte die Ämterschacherei und Verworfenheit des Klerus und kämpfte für die Kirchenreform. Traditionell fühlten sich die Mailänder dem König verbunden, weshalb die Vorgänge in dieser Stadt so überaus brisant waren – hier kollidierten die Interessen des Königs mit denen des Papstes. Vor zwei Jahren hatte Heinrich den Kleriker Gotofredo da Castiglione mit Stab und Ring investiert. Dieser königstreue Erzbischof war ein Gegner der Reformen, die der Papst anstrebte. Bald darauf hatte der Anführer der Pataria, der Ritter Erlembad, mit Zustimmung des damaligen Papstes einen Geistlichen namens Atto als Gegenbischof einsetzen lassen und somit Heinrichs Recht zur Investitur in Mailand missachtet. Die empörten Mailänder hatten Atto sogar entführen und misshandeln lassen. Daraufhin hatte dieser auf sein Amt verzichten wollen, doch der Papst hatte dies nicht zugelassen, sondern stattdessen Gotofredo mit dem Bann wegen Simonie belegt. Die Bischöfe der Lombardei hatten zum König gehalten und Gotofredo zum Erzbischof von Mailand geweiht. Zur Strafe hatte der damalige Papst Alexander II. die beteiligten Räte des Königs, die an der Erhebung von Gotofredo involviert gewesen waren, ebenfalls mit dem Bann belegt.

Schon damals hatte sich ein Bruch zwischen Papst und König abgezeichnet, und nach dem Tod Alexanders II. war dieser nicht behoben worden. Zwar hatten sich Heinrich und der jetzige Papst Gregor VII. anfangs sehr um Einvernehmen bemüht, aber Gregor verlangte vom König ein entschiedenes Vorgehen gegen Simonie und Priesterehe … und dass Heinrich Bischöfe investierte, schien ihm auch ein Dorn im Auge zu sein.

Dies war ein Problem, dessen Lösung erhebliche Anstrengungen bedurfte, die Heinrich zurzeit nicht aufbringen konnte. Nach dem Brief hatte er gesagt: „In Rom wird jetzt erst einmal Ruhe herrschen, so kann ich mich besser auf die Sachsen konzentrieren.“

Der junge König war durchtrieben und gerissen, verstand es geschickt, sich zu demütigen, wenn es ihm Vorteile versprach, und dennoch bedauerte Arend ihn. Er war einsam und vergrämt, und der Sachse war sich nicht ganz sicher, ob Heinrich einiges im Brief nicht vielleicht sogar ernst gemeint hatte. Denn Arend hatte auch erlebt, dass er sich mitfühlend um Kranke und Arme gekümmert, sie reichlich beschenkt und sich sogar mit ehrlichem Interesse ihre Sorgen angehört hatte.

„Arend?“ Der Sachse erschrak ein wenig und sah auf. Ein kleiner Schatten verdunkelte den Eingang. „Kommst du heraus?“