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Ihre Methoden sind agil, sie handeln proaktiv, präsentieren nachhaltige und skalierbare Lösungen – Topmanager leben in anderen Sphären. Da, wo die Luft dünn ist und ein einziger Fauxpas den Fall ins Bodenlose bedeuten kann. Doch nun halten Frauen Einzug ins Habitat der Krawattenträger, und das bei den Angestellten so beliebte Homeoffice lässt die Führungsriege mit abgesägten Hosen dastehen. Die Herausforderungen werden diverser. Wem kann man noch trauen? Den Topkadern entgleitet die Kontrolle.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Martin Suter
Die Business Class im Homeoffice
Diogenes
»Suter ist wieder aufgetaucht.«
»Der Ex-CFO der Atquenta?«
»Nein, der Kolumnist.«
»Ich dachte, die gibt es nicht mehr seit dem Fall der Mauer.«
»Kolumnist. Nicht Kommunist.«
»Ach so. Jetzt erinnere ich mich. Der schrieb so Sachen.«
»Genau. Das tut er jetzt wieder.«
»Aha.«
Gerber und Walser sitzen im großen Sitzungszimmer in der zwölften Etage und warten auf Gernmann, den CEO. Sie sind es gewohnt, auf ihn zu warten. Sie – und nicht nur sie – haben ihn im Verdacht, dass er sie warten lässt, auch wenn er eigentlich pünktlich sein könnte. Er wurde einmal von einem ungenannten Informanten dabei beobachtet, wie er pünktlich auf die Tür ebendieses Sitzungszimmers zusteuerte, im letzten Moment auf seine Uhr schaute, rechtsumkehrt machte, in der Toilette verschwand und dort volle acht Minuten verschollen blieb, der Informant hatte die Zeit gestoppt. Es gab Stimmen, die vermuteten, dass Gernmann einfach aufs Klo musste. Aber andere widersprachen mit dem plausiblen Argument, dass man dieses Bedürfnis normalerweise nicht an der Armbanduhr abliest.
Die gemeinsamen Wartezeiten haben nicht nur deshalb etwas Unangenehmes, weil sie Gernmanns hierarchische Überlegenheit demonstrieren, sondern auch, weil Gerber und Walser, der CFO und der COO, sich nicht viel zu sagen haben. Ihre Gespräche bewegen sich jeweils auf dem Niveau eines Fahrstuhl-Smalltalks.
»Und was?«, erkundigt sich Walser.
»Wie, was?«, fragt Gerber.
»Schreibt er?«
»Suter? Der schreibt unter anderem wieder diese Kolumne von früher, Business Class.«
»Waren das nicht so Texte gegen die Wirtschaft?«
»Na ja, nicht direkt gegen die Wirtschaft. Mehr so gegen die Wirtschaftsführer.«
»Das kommt schlussendlich auf dasselbe heraus.«
Gerber wiegt den Kopf hin und her. »Nicht ganz«, sagt er schließlich. »Es gibt schon ein paar sehr«, er macht zwei Luftanführungszeichen, »›spezielle Exemplare‹ unter den«, wieder zwei Anführungszeichen, »›Wirtschaftsführern‹.«
Beide versinken in Schweigen.
Plötzlich lacht Gerber auf.
Walser sieht ihn misstrauisch an. »Was ist lustig?«
»Erinnerst du dich an die Geschichte von dem, der Werksbesichtigungen macht, um sich beim Personal anzubiedern?«
Walser erinnert sich nicht.
»Doch! Der sich überall aufspielt mit seinem Fachwissen. ›Aha, am Schweißtisch‹ und so.« Gerber klopft sich auf die Schenkel.
»Ach, die!«, ruft Walser aus und lacht jetzt mit. »Und dann irgendetwas mit dem Wagenheber.«
»Genau! Und er im hellbeigen Flanellanzug!«
Beide lachen laut.
»Diese Kolumne war wirklich nicht schlecht«, schnauft Walser.
»Und die von dem, der nur darauf wartet, dass dem andern das Radieschen von der Gabel in die Salatsoße plumpst …«
»… und ihm die Krawatte verspritzt …«
Beide lachen wieder.
»… aber der hat eine Reservekrawatte dabei …«
»… und dann passiert es ihm selbst auch …«
Sie brüllen jetzt vor Lachen.
»Aber der«, keucht Gerber, »der hat keine Reserve…«
Der Rest geht im Gelächter unter.
Als sie sich beruhigt haben, sagt Gerber: »So sind die.«
»Genau so«, bestätigt Walser.
»Und weißt du, was der Witz ist?«
»Ja. Ähm … nein?«
»Der Witz ist: Die, die gemeint sind, fühlen sich nie angesprochen.«
»Nie«, grinst Walser. »Gar nie!«
Gerber wird wieder von einem Lachanfall heimgesucht.
Walser stimmt ein. »Und kennst du die? Die Geschichte von denen …«, prustet er.
»Welchen?«, kichert Walser zurück.
»Den beiden, die im großen Sitzungszimmer auf den CEO warten …«
»… der sie immer warten lässt …«
»… auch wenn er pünktlich sein könnte …«
Beide brüllen wieder vor Lachen.
»Und sich dabei …«
»… über die Deppen der Business Class lustig machen!«
Bollinger ist jetzt dreiundvierzig und schon im dritten Unternehmen in der erweiterten Geschäftsleitung auf dem Sprung in die oberste. Die beiden ersten Male, als dieser Sprung auch nach geduldiger Wartezeit nicht gelang, sprang er einfach ab in die erweiterte Geschäftsleitung einer anderen Firma und machte sich dort wieder sprungbereit für Höheres.
Aber ewig kann er diesen Sport nicht betreiben. Diesmal hat er sich vorgenommen, zu bleiben bis zum vertikalen Sprung, den man ihm so gut wie explizit in Aussicht gestellt hat.
Doch jedes Mal, wenn Bollinger sich vom Sprungbrett hochkatapultieren will, schlägt er oben mit dem Kopf an etwas Unsichtbares, das ihn wieder zurückwirft. Zurück in die Erweiterte.
Als das wieder einmal passiert, sagt seine Frau Lydia, um ihm die Selbstzweifel zu nehmen: »Vielleicht die gläserne Decke.«
»Die was?«
»Diese unsichtbare Barriere der für andere nach oben offenen Karriereskala, von der man immer liest. Sie sorgt dafür, dass es einfach nicht mehr weiter hinaufgeht, ohne sichtbaren Grund.« Und aufmunternd fügt sie hinzu: »Da kann man noch so gut sein.«
»Ach, das«, Bollinger winkt ab, »das betrifft nur Frauen.«
Doch für sich selbst kann er den Gedanken nicht so einfach abtun. Er ist zwar davon überzeugt, dass es sich bei der gläsernen Decke um ein Phänomen handelt, das nur Frauen betrifft. Aber irgendwann kommt ihm der Gedanke, dass es vielleicht nicht nur ein Bild dafür ist, dass weibliche Personen es nicht ins Topmanagement schaffen, sondern auch – mit weiblichen Eigenschaften zu tun hat?
Sofort türmt sich die Gewitterwolke der nächsten Frage über ihm auf: Könnte es sein, dass er solche Eigenschaften mitbringt?
Bollinger beginnt, sich zu beobachten. Genauer als sonst. Oder besser gesagt: nach anderen Kriterien. Wie rennt er? Wie streicht er sich eine Strähne aus der Stirn? Wie winkt er ab? Wie lacht er auf?
Er wechselt die Straßenseite, um an besonders gut spiegelnden Schaufenstern vorbeieilen zu können, er sitzt mit heruntergeklappter Sonnenblende am Steuer, um verstohlene Blicke in den Sonnenblendenspiegel zu werfen, wenn er sich die Haare zurückstreicht oder Fußgänger über den Zebrastreifen winkt. Er fächert sich die Luft vom Brustkorb unter die Nase, um zu prüfen, ob sein Eau de Toilette nicht vielleicht doch eine Spur zu süß ist.
Erst nach mehreren Wochen intensiven Selbststudiums gibt er sich Entwarnung. Keinerlei kompromittierende weibliche Eigenschaften feststellbar. Uff.
Dennoch gibt es noch immer keine Anzeichen, dass er den Sprung in die oberste Geschäftsleitung in absehbarer Zeit schaffen könnte.
Trotz seines Vorsatzes, nicht wieder abzuspringen, befasst sich Bollinger ab und zu wieder ganz unverbindlich mit – wie er es nennt – externen career options. Eines Tages stößt er dann durch Zufall auf die wahrscheinlichste Diagnose seines Stillstandes. Der Fachartikel eines Headhunters enthält eine Abhandlung über weibliche Softskills. Dazu zählen unter anderem Empathie, Zuhören, emotionale Intelligenz, Selbstreflexion etc.
Nicht äußerliche weibliche Eigenschaften und Attribute machen ihn also zum Opfer der gläsernen Decke. Es sind innerliche!
Ja, sind das denn nicht meine hervorstechendsten Eigenschaften?, ruft Bollinger innerlich aus – er liest den Fachartikel im Bett, und Lydia schläft schon. Hat er sich nicht voll in Hartmann hineinversetzt, als dieser wegen eins Komma acht Promille den Führerschein verlor? Begleitet er denn nicht den immer gleichen Sermon seines Chefs Brunner mit »jaja«, »hhmmm« oder »genau«, als hörte er ihn zum ersten Mal? Ist denn sich Hineinversetzen, Mitfühlen, Zuhören nicht die Quintessenz der emotionalen Intelligenz? Und schließlich: Ist das, was er hier in diesem Augenblick gerade tut, nämlich über sich selbst und seine Karriere kritisch nachdenken, nicht exakt der Inbegriff der Selbstreflexion?
Für Bollinger ist es wie eine Erleuchtung: Die Softskills sind nützlich bis zum Level der gläsernen Decke. Aber um sie zu durchbrechen, muss man sie, verdammt noch mal, wieder loswerden.
Ab sofort wird er ein anderer. Ein Entschiedenerer, Autoritärerer, Konfliktbereiterer, Durchsetzungskräftigerer.
Er versucht nicht mehr, sich in einen anderen hineinzuversetzen, nur noch in Bollinger himself. Schluss mit »jaja«, »hhmmm« und »genau« während Brunners Sermon. Stattdessen konsequentes Auf-die-Uhr-Schielen. Und wenn er überhaupt über sich selbst reflektiert, dann auf keinen Fall kritisch.
Es dauert beinahe noch ein weiteres Jahr, aber dann ist es so weit. Ein Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung schafft den ersehnten Sprung und wird mit großem Trara in die oberste befördert. Es ist ein absolutes Novum in der Firmengeschichte: Bergmann!
Bergmann, Frederike!
Schlüter freut sich schon lange auf die Eröffnungsworte seines Topmanagement-Seminars »What Future?«. Es findet im Palazzo del Masso statt, einem kleinen Fünfsterner an der ligurischen Küste. Gut erreichbar – Businessjet nach Genua, danach eine knappe halbe Stunde Limo. Er hat das Haus persönlich mit Regula getestet. Für seine TMS, wie er die Topmanagement-Seminare nennt, ist ihm kein Aufwand zu groß.
Eben ist die Sonne spektakulär im Meer versunken. Sie sitzen in der Lounge vor dem Kamin, off season ist es kühl in Ligurien, und jeder nippt an seinem Campari, man ist schließlich in Bella Italia.
Hirsch, Häusler, Volkert und Weigert warten entspannt auf die Einleitung ihres CEO. Mal sehen, womit er diesmal wieder auftrumpft.
Schlüter stellt seinen Drink auf das kleine Beistelltischchen neben seinem Polstersessel, lehnt sich zurück, blickt jedem der vier kurz in die Augen und sagt: »Meine Herren«, obwohl er mit allen per Du ist, »what?«
Pause.
»What is the purpose of all this?«
Pause. Pause. Pause.
»The purpose von all dem ist … purpose!«
Er blickt lächelnd vom einen zum andern. Jeder lächelt fragend zurück. Gleich wird Schlüter das Rätsel entschlüsseln.
»Ja. Das ist der Fokus des diesjährigen TMS – purpose. Was ist der Sinn, der Zweck, die Bestimmung der GELUAG? Weshalb gibt es sie?«
Volkert ist der Erste, der sich an eine Antwort heranwagt. Nicht aus Ehrgeiz, eher aus einer etwas resignativen Anwandlung heraus, die ihn manchmal überkommt. Seine Einstellung ist: Ob ich jetzt eins auf den Deckel kriege oder später – eins auf den Deckel krieg ich ohnehin. Er sagt: »Der Zweck der GELUAG ist die Herstellung von Kolloidmühlen.« Und als er Häuslers beleidigten Gesichtsausdruck sieht, fügt er hinzu: »Zum Beispiel.«
»Besonders Zahnkolloidmühlen«, ergänzt Häusler, in dessen Bereich diese fallen.
Schlüter schüttelt milde lächelnd den Kopf. »Das stellt die GELUAG zwar her, aber das ist nicht ihr purpose, ihre Existenzberechtigung. Das müssen wir in Zukunft in unsere Schädel bekommen. Und vor allem …«, er legt wieder eine rhetorische Pause ein, »… in die Schädel unserer Mitarbeiter.« Und dann ruft er es laut in die Stille des mediterranen Dämmerlichts der Lounge: »What?«
Stille.
»What is the purpose of GELUAG, Hirsch?«
Hirsch, der gerade das leere Campariglas angesetzt hat, um zu vermeiden, dass er angesprochen wird, sagt schicksalsergeben: »Umsatz halt. Gewinn und so.«
Ein Kellner kommt herein, macht Licht und fragt: »Desidera altro?«
»Doch, ich glaube, wir können alle noch einen gebrauchen«, sagt Schlüter, leert sein Glas und hält es dem Kellner hin. Die anderen tun es ihm nach, froh um die Ablenkung.
Dann nimmt der CEO den Faden wieder auf. »Nein, nein, die Zeiten, als man seine Mitarbeiter noch mit Kolloidmühlen, Zahnkolloidmühlen, Umsatz und Gewinn motivieren konnte, sind endgültig vorbei. In der heutigen Wirtschaftswelt geht es um purpose. Geht es um die Frage: Wie macht die GELUAG die Welt ein bisschen besser? Wie machen wir gemeinsam durch unseren Beitrag zu diesem Unternehmen die Menschen ein wenig glücklicher? Nicht mit Kolloidmühlen. Mit dem, was die Kolloidmühlen zum Beispiel für die Kosmetikindustrie leisten! Zum Beispiel dadurch, dass sie die Herstellung von Cremes, Lippenstiften und Nagellack erst ermöglichen. Und dadurch Frauen glücklich machen. Und was macht uns Männer glücklicher als eine glückliche Frau, meine Herren?«
Weigert, der in Scheidung lebt, weicht Schlüters Blick aus. Und Häusler ergänzt: »Oder eine aufgrund des dank der hohen Dispergierwirkung der Zahnkolloidmühle sanft-sämig gewordenen Gemüsesaftes gesunde Frau.«
Der Kellner bringt eine zweite Runde Campari.
Als er wieder gegangen ist, hebt Schlüter sein Glas: »Das ist das Thema des diesjährigen TMS. Die Definition des purpose unserer GELUAG. Cin-cin!«
Das Topmanagement hebt die Gläser.
»Und wisst ihr, was das Beste an der Sache ist, meine Herren?«, fährt Schlüter fort. »Purpose-fokussierte Unternehmen erzielen erwiesenermaßen höhere Gewinne als die anderen.«
Pause.
»Und höhere Gewinne bedeuten …«
Pause. Pause.
»… höhere Boni.«
Pause. Pause. Pause.
»And that’s, meine Herren, the purpose of purpose.«
Edgar Volkmann ist bekannt für seine systematische Herangehensweise an berufliche und private Challenges. »Der Zufall ist ein Hallodri«, pflegt er zu sagen. Darum überlässt er ihm nichts.
So ist er einer der wenigen, die sich nicht an der allgemeinen Aufgescheuchtheit beteiligen, als die Bank die neuen Coolness Rules intern kommuniziert: Kunden werden nicht mehr gesiezt, Krawatten werden keine mehr getragen.
Für Volkmann ist das persönlich ein harter Schlag, denn er ist ein sehr formeller Mann. Er ist intern mit niemandem per Du und auch extern mit sehr wenigen – mit der Familie, ein paar aus der Schulzeit, ein paar aus dem Militärdienst, damit hat sich’s.
Das Du, findet er, untergräbt den Respekt. Und auf Respekt legt Volkmann größten Wert, wenn ihm schon die andere wichtige Sache, die Liebe, nicht oder nur wenig geschenkt wird.
Auch vom krawattenlosen Zustand ist er nicht angetan. Die Krawattenpflicht war stets einer der Gründe, weshalb er sich in der Bank wohlfühlte. Die Krawattenpflicht und die Anzüge, die diese mit sich bringt.
Einer der größten Posten seines persönlichen Budgets trägt den Titel Suits and Styling, sein Hang zu Anglizismen ist eine déformation professionnelle, die sich auch auf seine private Buchhaltung überträgt. Der Budgetposten Suits and Styling ist jedenfalls größer als Familiengarderobe für Salome und die Kinder.
Der Wegfall der Krawatte bedeutet offenbar nicht, dass er in Zukunft mit offenem Hemdkragen und dazu passendem Seidenfoulard zur Arbeit erscheinen kann. Krawattenlos bedeutet, dass das übrige Styling künftig der Krawattenlosigkeit angepasst werden muss. Also Polo, Chino und Sneaker.
Diese Maßnahme trifft nicht nur Leonardo Rizzo, den längst pensionierten ehemaligen Herrenschneider, der die falschen Knopflöcher am Ärmelschlitz in richtige umarbeitet, damit Volkmanns Anzüge von der Stange aussehen wie maßgeschneidert. Sie trifft vor allem Volkmanns Selbstvertrauen. Dieses wird nämlich erfahrungsgemäß geschwächt durch Casual Dressing. Die Einführung des Casual Friday vor Jahren bei einem früheren Arbeitgeber hatte einst sogar zum Stellenwechsel geführt, weil er sich ohne Anzug und Krawatte wie in einem Albtraum ohne Hose gefühlt hatte.
Um dieser Situation vorzubeugen, beginnt er, in den Tagen bis zur Einführung der Coolness Rules nach der Arbeit systematisch im Polo-Chino-Sneaker-Outfit auf die Straße zu gehen. Zuerst im Viertel, dann im weiteren Umkreis und schließlich in der Stadt. Nach einer Woche gelingt es Volkmann einigermaßen – ohne das Gefühl der Entblößung und ohne minütlich den Hosenladen zu kontrollieren –, sich für seine Verhältnisse geradezu unbefangen zu bewegen.
Am letzten Sonntag vor dem Stichtag lädt er Ernst Klinger und Klaus Hager, seine beiden ranghöchsten Untergebenen, zu einem Casual Brunch zu sich nach Hause ein.
»Meine Herren«, eröffnet er das Gespräch nach der Eierspeise und beim Grapefruit Juice, »so privat diese Einladung wirken mag, so geschäftlich ist sie.« Er holt tief Luft und fügt hinzu: »Lieber Ernst, lieber Klaus.«
Klinger und Hager zucken zusammen.
Hager fasst sich als Erster: »Herr Volkmann.«
»Falsch«, rügt ihn Volkmann, »das Du ist das neue Sie.«
Klinger und Hager tauschen verwirrte Blicke. Wieder ist es Hager, der als Erster Mut fasst: »Wie du meinst, Herr Volkmann.«
»Edgar«, korrigiert Volkmann.
Hager nickt.
»Sag es!«
Hager will es sagen, aber er bringt nur ein Kichern zustande, das Klinger ansteckt und sich schließlich auch auf Volkmann überträgt. Salome und die Kinder schauen herein, wundern sich über die drei kichernden Herren am Esszimmertisch und ziehen sich stumm wieder zurück.
Daraufhin wird aus dem Kichern ein Prusten. Es dauert eine ganze Weile, bis die drei wieder normal sprechen können. Es ist Volkmann, dem es als Erstem gelingt: »Das üben wir jetzt, bis es sitzt.«
Und das tun sie verbissen bis zur Dämmerung.
Am nächsten Morgen finden sie sich pünktlich in der Bank ein, wie alle anderen in Polo, Chino und Sneakers.
Der Erste, dem Volkmann begegnet, ist Friedrich Hecker, sein Vorgesetzter. Er fasst sich ein Herz und sagt gut gelaunt: »Guten Morgen, Fritz.«
Hecker blitzt ihn an und schnappt: »Für Sie immer noch Herr Hecker, Volkmann!«
Kleinlaut antwortet der Gerügte: »Ich dachte, wir duzen jetzt.«
»Die Kunden, Volkmann. Nicht die Chefs!«
(Teil 1)
Meine Damen und Herren, hier sind Sie live dabei, wie der CEO Anton P. Vollmer einen Montag bestreitet!
Es ist fünf Uhr achtundfünfzig, Vollmer schläft noch! Neben ihm seine Frau Claudia! Schläft auch noch! Tief! Wahrscheinlich noch tiefer als er! Ihr Atem geht ruhig! Nicht so der von Vollmer! Er schnarcht! Nein, kein regelmäßiges Schnarchen! Mehr ein Aufschnarchen!
Kleines Aufseufzen von Claudia! Doch dann Stille, meine Damen und Herren!
Jeden Moment muss mit dem Wecker gerechnet werden! Der Sechs-Uhr-Weckruf ›Alte Hupe‹! Wird Vollmer es wieder schaffen, Sekunden vor der ›Alten Hupe‹ aufzuwachen und ihr zuvorzukommen, um Claudia zu schonen? Ja? Nein?
Vollmers Hand tastet nach dem Handy auf dem Nachttisch! Ja! Nein! Nein! Weiter rechts! Nein! Noch weiter! Nein! Jaaaaaa!!! Geschafft!!!
Vollmer schlägt die Bettdecke zurück! Trifft deren Ecke das Gesicht der schlafenden Claudia? Jaaa!!!
Vollmer, flüsternd: »Sorry!«
Claudia, laut: »Tölpel!«
Und schon schwingt Vollmer seine Beine über den Bettrand! Schlüpft in die Pantoffeln! Erhebt sich! Zieht die Pyjamahose mit dem ausgeleierten Gummi hoch! Und? Verlässt das Schlafzimmer! Versucht die Tür leise zuzuziehen! Überschätzt die Spaltbreite und … peng!
Claudia, genervt: »Jedes Mal!«
Aber Vollmer ist bereits dabei, seine Notdurft zu verrichten! Nutzt geschickt die unproduktiven Minuten zur Beantwortung einiger nächtlicher Messages! Begibt sich zum Crosstrainer und? Programmiert ihn auf fünfzehn Minuten! Intervall!! Level drei!!! Los!! Vollmer konsultiert dabei Dow Jones! Nasdaq! Nikkei! Dax! Liebes Publikum, unglaublich!
Und schon steht Vollmer unter der Dusche! Nackt!! Schäumt sich die Haare ein und massiert dabei die Kopfhaut! Gleichzeitig!! Jetzt greift er, noch immer mit der Linken massierend, mit der Rechten zur bereits mit Zahnpasta belegten Zahnbürste und beginnt zu bürsten! Und summt dabei! Es ist das Duett von Lady Gaga und Bradley Cooper! Shallow! Total hip, liebe Zuschauer und Zuschauerinnen! Total! Auch der melierte Achttagebart, den Vollmer seit drei Monaten trägt: total hip!!
Und bereits befindet er sich im walk-in closet! Yesss! Der blaue Dreiteiler! Weißes Hemd! Hai-Kragen! Flaschengrüne Krawatte! Shelby-Knoten!! Wow!
