Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Welche homiletischen Wegmarken lassen sich aufgrund der Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) setzen? Ausgehend von der konziliaren Überzeugung, dass die Predigt "gleichsam die Verkündigung der Wundertaten Gottes in der Heilsgeschichte bzw. im Geheimnis Christi ist" (SC 35/2), lohnt sich zur Beantwortung der Frage auch eine Auseinandersetzung mit der dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung "Dei Verbum". Sie legt grundlegende offenbarungstheologische Prinzipien dar und stellt dadurch auch für die Predigt als "Verkündigung von Offenbarung" wichtige homiletische Wegmarken auf. Die vorliegende Arbeit versteht sich als fundamentalhomiletische Relecture der Offenbarungskonstitution.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 618
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Benjamin Gnan
Konziliare Predigt
Die dogmatische Konstitution
über die göttliche Offenbarung „Dei Verbum“
des Zweiten Vatikanischen Konzils
als Quelle homiletischer Wegmarken
Herausgegeben von Erich Garhammer und Hans Hobelsberger in Verbindung mit Martina Blasberg-Kuhnke und Johann Pock
Benjamin Gnan
Konziliare Predigt
Die dogmatische Konstitutionüber die göttliche Offenbarung „Dei Verbum“des Zweiten Vatikanischen Konzilsals Quelle homiletischer Wegmarken
echter
Die vorliegende Arbeit ist eine Dissertation. Sie wurde dem Promotionsausschuss der Katholisch-Theologischen Fakultät der Julius-Maximilians-Universität Würzburg am 23. April 2018 vorgelegt und von ihm am 25. Juni 2018 angenommen.
Erstgutachter: Prof. em. Dr. Erich Garhammer. Zweitgutachter: Prof. Dr. Johann Pock Tag des Rigorosums: 22. Oktober 2018
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.d-nb.de› abrufbar.
1. Auflage 2019
© 2019 Echter Verlag GmbH, Würzburg
www.echter.de
E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheimwww.brocom.de
ISBN
978-3-429-05371-0
978-3-429-05026-9 (PDF)
978-3-429-06436-5 (ePub)
Vorwort
Mein Schwerpunktfach während meines Diplomstudiums an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München war die Fundamentaltheologie, für die ich bis zum heutigen Tag ein reges Interesse verspüre. Nach meinem Studienabschluss im Sommersemester 2007 verbrachte ich fünf Jahre in der Territorialseelsorge, zunächst zwei Jahre im sogenannten „Pastoralkurs“ in Landshut, sodann drei Jahre als Kaplan in Wolfratshausen. In diesen Jahren entwickelte sich die Predigtverkündigung zu meinem persönlichen Steckenpferd und Herzensanliegen. Zum Ausbildungsjahr 2012/13 wurde ich von meinem Ortsbischof, Reinhard Kardinal Marx, zum Subregens am Priesterseminar St. Johannes der Täufer der Erzdiözese München und Freising ernannt. Zudem erhielt ich von ihm die Möglichkeit, zu promovieren, und wir kamen beide darin überein, dass ich meine systematische sowie meine homiletische Leidenschaft miteinander verbinden und ein Dissertationsprojekt in Angriff nehmen sollte, das einen Brückenschlag zwischen den beiden theologischen Disziplinen wagt. Ich bin meinem Bischof dankbar dafür, dass er mein Promotionsverfahren ermöglicht und es stets wohlwollend unterstützt hat.
Ein ganz besonderer Dank gilt Herrn Professor em. Dr. Erich Garhammer, der als – mittlerweile ehemaliger – Ordinarius für Pastoraltheologie und Homiletik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Julius-Maximilians-Universität Würzburg mein „Doktorvater“ geworden ist. Er hat sich von Anfang an sehr offen gegenüber meinem systematischhomiletischen Ansinnen gezeigt, mich auf die fundamentalhomiletische Relevanz der dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung „Dei Verbum“ des Zweiten Vatikanischen Konzils aufmerksam gemacht, den Entstehungsprozess meiner Dissertation mit echtem Interesse, wissenschaftlicher Kompetenz und herzlicher Zuwendung betreut und das Erstgutachten erstellt. Für das Zweitgutachten danke ich Herrn Professor Dr. Johann Pock, dem Ordinarius für Pastoraltheologie und Kerygmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Nach Vorlage der beiden Gutachten wurde die vorliegende Arbeit im Sommersemester 2018 von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Julius-Maximilians-Universität Würzburg als Inauguraldissertation angenommen. Im Anschluss an das erfolgreich bestandene Rigorosum im Wintersemester 2018/19 boten mir die beiden Gutachter meiner Promotionsschrift, die zugleich zwei der vier Herausgeber der wissenschaftlichen Reihe „Studien zur Theologie und Praxis der Seelsorge“ sind, an, meine Arbeit in ebendiese Reihe aufzunehmen, wofür ich ihnen zusätzlich dankbar bin. Ebenso möchte ich dem Echter Verlag GmbH Würzburg für die Drucklegung danken.
Zwei weitere Personen möchte ich noch ausdrücklich erwähnen, die für die Entstehung und Vollendung meiner Dissertation einen wichtigen Beitrag geleistet haben: Eine von ihnen ist Herr Pastoralreferent Thomas Hürten, der als Homiletikdozent am Priesterseminar St. Johannes der Täufer in München tätig ist. Er war zum einen mein eigener Predigtausbilder und hat dabei eine gewisse homiletische Liebe in mir entfacht, und er hat zum anderen meine Arbeit aufmerksam Korrektur gelesen und mir einige hilfreiche Verbesserungsvorschläge unterbreitet. Die andere Person ist mein Bruder Andreas Gnan, der mich bei der Formatierung meiner Arbeit mit viel Geduld und Know-How unterstützt hat. Beiden sei von Herzen ein Vergelt’s Gott gesagt.
München, Januar 2019
Benjamin Gnan
Inhalt
Einleitung: Die besonders auch für die theologische Forschung gegenwärtige Bedeutung des Zweiten Vatikanischen Konzils
1. Das Zweite Vatikanische Konzil und dessen homiletische Relevanz
1.1 Ein chronologischer Überblick über einige Aussagen der beiden Konzilspäpste Johannes‘ XXIII. und Pauls VI. betreffs der Konzilsidentität
1.2 Sechs spezifische Charakteristika des Zweiten Vatikanischen Konzils
1.2.1 Die Zielsetzung des Aggiornamento
1.2.2 Die pastorale Ausrichtung
1.2.3 Das Bemühen um die Ökumene
1.2.4 Die Forcierung der Ekklesiologie
1.2.5 Das Ringen um den größtmöglichen Konsens
1.2.6 Der Einsatz für den Dialog mit der Welt
1.3 Begründung für einen homiletischen Rekurs auf das Zweite Vatikanische Konzil
1.4 Ein möglicher Ansatzpunkt für die Suche nach homiletischen Wegmarken
1.4.1 Ein tabellarischer Überblick über die Verwendung und Übersetzung der Begriffe „praedicatio“, „homilia“ und „sermo“
1.4.2 Eine Auswertung des tabellarischen Überblicks
1.5 Ein weiterer möglicher Ansatzpunkt für die Suche nach homiletischen Wegmarken – auf den ersten Blick
1.6 Ein weiterer möglicher Ansatzpunkt für die Suche nach homiletischen Wegmarken – auf den zweiten Blick
1.7 Grundcharakteristik der vorliegenden Arbeit
2. Im Fokus des homiletischen Interesses: Die dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung „Dei Verbum“
2.1 Die Entwicklungsgeschichte von „Dei Verbum“
2.1.1 Das vorausgehende Offenbarungsverständnis
2.1.2 Das vorausgehende Schriftinspirationsverständnis
2.1.3 Das vorausgehende Traditionsverständnis
2.1.4 Die eigentliche Genese des Konzilstextes
2.2 Die Bewertung der Dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung
2.3 Die Bezugnahme der nachkonziliaren homiletischen Literatur auf „Dei Verbum“
3. Eine fundamentalhomiletische Auseinandersetzung mit „Dei Verbum“
3.1 Erstes Kapitel: Die Offenbarung selbst
3.1.1 Ein systematischer Kurzkommentar
3.1.1.1 DV 2
3.1.1.2 DV 3
3.1.1.3 DV 4
3.1.1.4 DV 5
3.1.1.5 DV 6
3.1.1.6 Zentrale Aussagen
3.1.2 Homiletische Konsequenzen und Kriterien
3.1.2.1 Eine von der theozentrischen Offenbarung geprägte Predigtverkündigung
3.1.2.1.1 Das Subjekt der Predigt
3.1.2.1.2 Der Inhalt der Predigt
3.1.2.2 Eine von der personalen Offenbarung geprägte Predigtverkündigung
3.1.2.3 Eine von der dialogischen Offenbarung geprägte Predigtverkündigung
3.1.2.4 Eine von der geschichtlich-vollumfänglich-sakramentalen Offenbarung geprägte Predigtverkündigung
3.1.2.4.1 Der Aspekt der Geschichtlichkeit – die narrative Predigt
3.1.2.4.2 Der Aspekt der Vollumfänglichkeit– die rhetorisch und liturgisch gestaltete Predigt
3.1.2.4.3 Der Aspekt der Sakramentalität – die indikative Predigt
3.1.2.5 Eine von der trinitarischen Offenbarung geprägte Predigtverkündigung
3.1.2.5.1 Eine von der Christozentrik geprägte Predigt
3.1.2.5.2 Eine von der Dimension des Pneuma geprägte Predigt
3.1.2.6 Eine vom ganzheitlich-personalen Glaubenscharakter geprägte Predigtverkündigung
3.2. Zweites Kapitel: Die Weitergabe der göttlichen Offenbarung
3.2.1 Kurzkommentar
3.2.1.1 DV 7
3.2.1.2 DV 8
3.2.1.3 DV 9
3.2.1.4 DV 10
3.2.1.5 Zentrale Aussagen
3.2.2 Homiletische Konsequenzen und Kriterien
3.2.2.1 Der Totalitätscharakter der Überlieferung – die Predigt als Brennpunkt dreier Vollzugsweisen der Überlieferung
3.2.2.2 Der Dynamikcharakter der Überlieferung – die Predigt und das rezeptionsästhetische Paradigma
3.2.2.3 Die Schriftverbundenheit der Überlieferung – die Predigt und ihre facettenreiche Beziehung zur Heiligen Schrift
3.2.2.4 Das Beziehungsgeflecht zwischen Lehramt und Überlieferung –die (Laien-)Predigt im Spannungsfeld von lehramtlichen Vorgaben, wissenschaftlichen Erkenntnissen und Überzeugungen der Gläubigen
3.3 Drittes Kapitel: Die göttliche Inspiration der Heiligen Schrift und ihre Auslegung
3.3.1 Kurzkommentar
3.3.1.1 DV 11
3.3.1.2 DV 12
3.3.1.3 DV 13
3.3.1.4 Zentrale Aussagen
3.3.2 Homiletische Konsequenzen und Kriterien
3.3.2.1 Der Umgang mit dem Inspirationsanspruch der Heiligen Schrift bei der Predigtarbeit
3.3.2.2 Der Umgang mit dem Wahrheitsanspruch der Heiligen Schrift bei der Predigtarbeit
3.3.2.3 Der Umgang mit den Prinzipien der katholischen Schriftdeutung bei der Predigtarbeit
3.4 Viertes Kapitel: Das Alte Testament
3.4.1 Kurzkommentar
3.4.1.1 DV 14
3.4.1.2 DV 15
3.4.1.3 DV 16
3.4.1.4 Zentrale Aussagen
3.4.2 Homiletische Konsequenzen und Kriterien
3.4.2.1 Der Zweck der „Praeparatio Christi“ – die Betonung der Beziehung zwischen dem Alten und dem Neuen Testament in der Predigt
3.4.2.2 Der Zweck der „Paedagogia divina“ – die Betonung des Eigenwerts des Alten Testaments in der Predigt
3.5 Fünftes Kapitel: Das Neue Testament
3.5.1 Kurzkommentar
3.5.1.1 DV 17
3.5.1.2 DV 18
3.5.1.3 DV 19
3.5.1.4 DV 20
3.5.1.5 Zentrale Aussagen
3.5.2 Homiletische Konsequenzen und Kriterien
3.5.2.1 Die Performativität des Wortes Gottes – die nicht nur behauptende Predigt
3.5.2.2 Die Geschichtlichkeit der Evangelien – die Predigt zwischen „history“ und „story“
3.5.2.3 Die Vielfältigkeit des neutestamentlichen Kanons – die Predigt im Gesamtkontext des Neuen Testaments
3.6. Sechstes Kapitel: Die Heilige Schrift im Leben der Kirche
3.6.1 Kurzkommentar
3.6.1.1 DV 21
3.6.1.2 DV 22
3.6.1.3 DV 23
3.6.1.4 DV 24
3.6.1.5 DV 25
3.6.1.6 DV 26
3.6.1.7 Abschluss
3.6.1.8 Zentrale Aussagen
3.6.2 Homiletische Konsequenzen und Kriterien
3.6.2.1 Die eucharistische Bindung der schriftgemäßen Homilie
3.6.2.2 Die Verwendung verschiedener Bibelübersetzungen bei der Predigttätigkeit
3.6.2.3 Die persönliche Schriftlesung als Zugang zur Predigttätigkeit
4. Schluss: Worauf es also bei der Predigtarbeit ankommt – eine Zusammenfassung wichtiger homiletischer Wegmarken
5. Literaturverzeichnis
5.1 Hilfsmittel
5.2 Bibelausgaben
5.3 Antike Autoren und Werke
5.4 Mittelalterliche Autoren und Werke
5.5 Kirchenamtliche Texte
5.6 Kirchenrechtliche Quellen
5.7 Liturgische Grundordnungen
5.8 Sekundärliteratur
Einleitung: Die besonders auch für die theologische Forschung gegenwärtige Bedeutung des Zweiten Vatikanischen Konzils
Am 08. Dezember 1965 endete das Zweite Vatikanische Konzil. Damit endete zugleich „das bedeutendste Ereignis der katholischen Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts“1. Ein halbes Jahrhundert später, im Jahre 2015, fanden infolgedessen verschiedenste Veranstaltungen statt, die sich mit dem Konzil sowie mit dessen Wirkungsgeschichte auseinandersetzten. Anlässlich der Festakademie „50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil“ am 24. September 2015 zum Abschluss der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz sprach deren Vorsitzender Reinhard Kardinal Marx in seinem Grußwort von der Bedeutung der vom Konzil veröffentlichten Texte für die Gegenwart: „Das Zweite Vatikanische Konzil war visionär und es ist heute so aktuell wie damals und somit ist es ein zentraler Impuls für das Wirken der Kirche auch im 21. Jahrhundert. Der geistliche und geistige Reichtum des Konzils ist noch gar nicht voll ausgeschöpft; die Kirche tut gut daran, aus diesem Quell weiter zu schöpfen.“2 In seinem anschließenden Vortrag mit dem Titel „Das Konzil und seine Wirkungsgeschichte“ stieß Karl Kardinal Lehmann, der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz3, in dasselbe Horn: „Wir lassen uns durch die Besinnung auf das Konzil an ein geistiges und geistliches Erbe erinnern, das wir der Vergesslichkeit unserer schnelllebigen Gesellschaft entreißen und in Dankbarkeit neu annehmen wollen. Solche Erinnerung führt uns durch Verkrustungen aller Art wieder zurück zu den unverbrauchten Quellen christlichen Lebens, vor allem zum Wort Gottes. So kann die Erinnerung neue schöpferische Kräfte entbinden, die faszinierender und wagemutiger sind als die neuesten Moden des Zeitgeistes, die morgen schon wieder von gestern sind. In diesem Sinne ist das Gedächtnis des Konzils ein herausforderndes Abenteuer, das die Wachheit und Bereitschaft, die Umkehrfähigkeit und die Sensibilität unseres Glaubens auf die Probe stellt. Gerade darum tut lebendige Erinnerung not.“4 Gerade auch für die theologische Wissenschaft ist eine nach vorne orientierte Rückbesinnung auf das Zweite Vatikanische Konzil von hohem Wert. Aus diesem Grund fand vom 06. bis zum 08. Dezember 2015 in München ein dreitägiger Internationaler Kongress mit fast zweihundert Theologinnen und Theologen5 verschiedenster Fachrichtungen statt. Unter dem Tagungstitel „Das Konzil ,eröffnen‘. Theologie und Kirche unter dem Anspruch des Zweiten Vatikanischen Konzils“ verfolgten die Teilnehmenden laut ihrer gemeinsamen Schlusserklärung das Ziel, „die Impulse des Konzils im Blick auf die Aufgaben der deutschsprachigen katholischen Theologie im 21. Jahrhundert zu reflektieren und weiterzudenken.“6 Obgleich in der Folgezeit einzelne Inhalte der Schlusserklärung sehr kontrovers diskutiert worden sind7, ist sich die theologische Forschung weitgehend darin einig, dass auch noch ein halbes Jahrhundert nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil „seine Rezeption alles andere als abgeschlossen“8 ist. Diese Überzeugung mag innerhalb des katholisch-theologischen Fächerkanons auch für die homiletische Disziplin gelten. Damit aber die gegenwärtige Homiletik aus dem konziliaren Quell zu schöpfen vermag9, ist es für sie unabdingbar, sich intensiver mit dem reichhaltigen Erbe des Konzils auseinanderzusetzen.
1 Hünermann, Eine „kalligraphische Skizze“ des Konzils, 449.
2 Deutsche Bischofskonferenz (Hg.), Pressemitteilung Nr. 169a, 1.
3 Karl Kardinal Lehmann stand der Deutschen Bischofskonferenz von 1987 bis 2008 vor.
4 Deutsche Bischofskonferenz (Hg.), Pressemitteilung Nr. 169b, 21.
5 Um auf der einen Seite nicht der Gefahr zu erliegen, das weibliche Geschlecht in den Sprachformen zu verschweigen, und um auf der anderen Seite nicht der Gefahr zu erliegen, durch zu häufige „innen“-Zusätze den Lesefluss zu behindern, werden in der vorliegenden Arbeit abwechselnd nur männliche (z. B. Theologen), nur weibliche (z. B. Theologinnen), männlich-weiblich kombinierte (z. B. Theologinnen und Theologen) und durch Partizipialkonstruktionen entstandene neutrale Sprachformen (z. B. Theologielehrende und –lernende) verwendet, wobei grundsätzlich immer gilt, dass bei allen Sprachformen beide Geschlechter mitgemeint sind.
6 Präsidium des Internationalen Kongresses zum Thema „Das Konzil,eröffnen‘“ (Hg.), Schlusserklärung.
7 Zu erinnern ist vor allem an den Disput hinsichtlich des rechten Verhältnisses zwischen der akademische Theologie und dem bischöflichen Lehramt, der sich zwischen den Bischöfen Rudolf Voderholzer (Regensburg) und Stefan Oster (Passau) auf der einen Seite und den Professoren Eberhard Schockenhoff und Magnus Striet (Freiburg im Breisgau) sowie Hans Joachim Höhn (Köln) auf der anderen Seite entspann. Vgl. dazu Voderholzer, Bemerkungen; Schockenhoff/Striet, Sind die Gedanken frei?; Oster, Wozu welche Theologie?; Höhn, Theologie und Lehramt.
8 Präsidium des Internationalen Kongresses zum Thema „Das Konzil,eröffnen‘“ (Hg.), Homepage. Vgl. dazu auch die zustimmende Meinung von Rudolf Voderholzer in: Ders., Bemerkungen.
9 Vgl. Deutsche Bischofskonferenz (Hg.), Pressemitteilung Nr. 169a, 1.
1. Das Zweite Vatikanische Konzil und dessen homiletische Relevanz
„Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne! Gewiss ein wenig zitternd vor Bewegung, aber zugleich mit demütiger Entschlossenheit im festen Vorsatz sprechen Wir vor euch den Namen und das Vorhaben einer doppelten feierlichen Veranstaltung aus: einer Diözesansynode der Stadt Rom und eines Ökumenischen Konzils für die Gesamtkirche.“10 Diese paukenschlagartigen Worte richtete Papst Johannes XXIII. am 25. Januar 1959 im Rahmen einer Ansprache an eine Gruppe von 17 Kardinälen, die er anlässlich des Abschlusses der Weltgebetsoktav für die Einheit der Christen zu einer Messfeier in St. Paul vor den Mauern und zu einer anschließenden Besprechung im Kapitelsaal des dazugehörigen Benediktinerklosters zusammengerufen hatte.11 Auf die überraschende12 Ankündigung in Worten folgte die rasche13 Umsetzung in Taten: Nur etwa ein Jahr später fand vom 24. bis zum 31. Januar 1960 die römische Diözesansynode statt14, die „als Vorspiel des Konzils verstanden wurde“15. Und keine vier Jahre danach begann am 11. Oktober 1962 das Zweite Vatikanische Konzil16, das mit zwischenzeitlichen Unterbrechungen in vier Sitzungsperioden tagen, insgesamt 16 Dokumente verabschieden und am 08. Dezember 1965 enden sollte. Während sich allerdings die römische Diözesansynode im Hinblick auf ihre Inhalte und Wirkungen „als Fehlschlag“17 erwies, wurde das Zweite Vatikanische Konzil nach Giuseppe Alberigo „ein Ereignis des epochalen Übergangs“18, das zum einen „Ankunfts- und Schlusspunkt der nachtridentinischen, von der Kontroverstheologie gekennzeichneten Ära und wohl auch der langdauernden ,konstantinischen‘ Jahrhunderte“19 und zum anderen „Vorwegnehme und Ausgangspunkt eines neuen Geschichtszyklus“20 war.21 Angesichts der von Giuseppe Alberigo hervorgehobenen Bedeutung des Zweiten Vatikanischen Konzils, das zweifelsohne auch für die homiletische Disziplin von Relevanz ist, stellt sich im Folgenden die Frage nach dessen charakteristischen Merkmalen.
1.1 Ein chronologischer Überblick über einige Aussagen der beiden Konzilspäpste Johannes‘ XXIII. und Pauls VI. betreffs der Konzilsidentität
Wie lässt sich das Zweite Vatikanische Konzil charakterisieren? Ehe sich Papst Johannes XXIII. in seiner Ansprache am 25. Januar 1959 mit dem Anliegen zweier synodaler Unternehmungen an die anwesenden Kardinäle wandte, stellte er ein zweifaches Ziel seines zukünftigen päpstlichen Wirkens heraus: „Vor Uns steht nur das Ziel des Wohls der Seelen und eines klaren und bestimmten Verhältnisses des neuen Pontifikates zu den geistlichen Erfordernissen der heutigen Zeit.“22 Nachdem er die Einberufung einer Diözesansynode und eines Ökumenischen Konzils angekündigt hatte, verwies er hoffnungsvoll darauf, dass die beiden Ereignisse „[…] glücklich zur erwünschten und erwarteten Anpassung23 des kirchlichen Gesetzbuches führen werden“24. Des Weiteren verlieh er seinem Ansinnen Ausdruck, wonach die Umsetzung seiner Vorhaben zu verstehen sei als eine „strenge Arbeit zur Erleuchtung, Erbauung und Freude des ganzen christlichen Volkes sowie zu erneuter Einladung an die Gläubigen der getrennten Gemeinschaften, dass auch sie Uns freundlich folgen mögen in diesem Suchen nach der Einheit und Gnade, wonach so viele Seelen von allen Enden der Erde sehnlich verlangen.“25 Ohne dass die verwendeten Formulierungen näher definiert wurden, standen bereits seit der ersten offiziellen Ankündigung des Zweiten Vatikanischen Konzils die Begriffe „Aggiornamento“, „Pastoral“ und „Ökumene“ im Raum und sollten mitunter die maßgebenden Leitworte für die Konzilsarbeit werden.
In seiner ersten Enzyklika „Ad Petri cathedram“ vom 29. Juni 1959 griff der Papst die von ihm gewünschten Rahmenthemen für das angekündigte Unternehmen wiederum auf, indem er schrieb, dass das Hauptziel des Konzils letztlich darin bestünde, „die Entwicklung des Glaubens zu fördern, das christliche Leben der Gläubigen zu erneuern und die kirchliche Disziplin den Bedingungen unserer Zeit anzupassen.“26 Ferner würde es „ein großartiges Schauspiel der Wahrheit, Einheit und Liebe sein“27, das die getrennten Christen dazu einlüde, „diese Einheit zu suchen und zu finden“28. Gleichwohl gilt, was Giuseppe Alberigo zusammenfassend festhält: „Johannes XXIII. kreierte kein völlig fertiges Konzilskonzept. Ziele und Wesen des Konzils wurden fortschreitend entworfen; sobald etwas als richtig erkannt war, wurde es festgehalten und vertieft in seinen Stärken und Zusammenhängen in der persönlichen Reflexion des Papstes“29. Eine Formulierung beispielsweise, die Papst Johannes XXIII. im Verlauf der Zeit immer wieder zu gebrauchen pflegte und die auf sehr theologisch-spirituelle Art und Weise sein Konzilsverständnis durchscheinen ließ, war die Bezeichnung des Konzils als „neues Pfingsten“30. Der Ausdruck unterstrich zunächst die „Außergewöhnlichkeit des geschichtlichen Geschehens“31. Sodann betonte er die Notwendigkeit „einer tiefen Erneuerung“32 der Kirche, damit sie voller Hingabe der Welt begegnen und ihr das Evangelium verkünden könne. Ferner erinnerte er an die Bedeutung des Heiligen Geistes, dessen Wirken letztlich die bewegende Kraft in der Konzilsvorbereitung, –durchführung und –umsetzung sein sollte.
Am Pfingstsonntag, dem 05. Juni 1960, erließ Papst Johannes XXIII. das Motu Proprio „Superno Dei nutu“, in dem die Einsetzung vorbereitender Kommissionen für das bevorstehende Konzil angeordnet wurde. Darin kündigte er an, dass das Konzil „Zweites Vatikanisches Konzil“ heißen solle.33 Der Name „Zweites Vatikanisches Konzil“ brachte zum Ausdruck, dass es nicht darum gehen sollte, das im Jahre 1870 unterbrochene Erste Vatikanische Konzil wiederzueröffnen und fortzusetzen34, sondern „dass dies ein ,neuartiges‘ Konzil werden sollte, sogar ein,neues Pfingsten‘ – auch wenn man nicht völlig die Kontinuität zum Konzil Pius IX.‘ ablehnte. […] Das neue Konzil besaß eine freie und offene Tagesordnung: Es sollte eine neue Seite in der viele Jahrhunderte alten Geschichte der Konzilien aufgeschlagen werden.“35
Nachdem Papst Johannes XXIII. neben zahlreichen anderen Stellungnahmen zum Konzil, vor allem auch in seiner Rede vor den Mitgliedern und Konsultoren aller vorbereitenden Konzilskommissionen zur Eröffnung ihrer Tätigkeit am 14. November 196036, in seiner Apostolischen Konstitution „Humanae Salutis“ zur Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils für das Jahr 1962 am 25. Dezember 196137 sowie in seiner Radiobotschaft einen Monat vor dem Konzilsbeginn am 11. September 196238, bereits im Vorfeld seine Vorstellungen und Wünsche hinsichtlich des bevorstehenden Konzils dargelegt hatte, stellte die Eröffnungsansprache „Gaudet Mater Ecclesia“39 am 11. Oktober 1962 „eine der vollendetsten Ausdrucksformen der Konzilsvision von Papst Roncalli dar“40. Überzeugt davon, dass Jesus Christus auch nach einer zweitausendjährigen Geschichte der Kirche mit Höhen und Tiefen „immer noch die Mitte der Geschichte und des Lebens“41 ist, hielt der Papst fest, dass Ökumenische Konzilien stets „[…] diese Vereinigung zwischen Christus und seiner Kirche in feierlicher Weise [bezeugen] und […] weithin das Licht der Wahrheit [verbreiten]. Sie lenken das Leben der einzelnen Menschen wie der Familien und der Gesellschaft auf rechten Pfaden. Sie erwecken und stärken geistliche Kräfte und richten die Herzen beständig auf die wahren und ewigen Güter.“42 Bezugnehmend auf das beginnende Zweite Vatikanische Konzil erklärte er weiter: „Erleuchtet vom Licht des Konzils […] wird die Kirche an geistlichen Gütern zunehmen und, mit neuen Kräften von daher gestärkt, unerschrocken in die Zukunft schauen. Denn durch eine angemessene Erneuerung und durch eine weise Organisation wechselseitiger Zusammenarbeit wird die Kirche erreichen, dass die Menschen, Familien und Völker sich mehr um die himmlischen Dinge sorgen.“43 Sodann distanzierte er sich klar und deutlich von jeglicher kirchlichen Angst- und Misstrauenskultur gegenüber der Welt, die letztlich dazu führte, dass sich die Kirche aufgrund eines pessimistischen Verständnisses der Gegenwart hermetisch von der Welt abriegelte und durch strikte Abwehrmaßnahmen jegliche Begegnung mit der Welt zu vermeiden suchte:44 „In der täglichen Ausübung Unseres apostolischen Hirtenamtes geschieht es oft, dass bisweilen Stimmen solcher Personen unser Ohr betrüben, die zwar von religiösem Eifer brennen, aber nicht genügend Sinn für die rechte Beurteilung der Dinge noch ein kluges Urteil walten lassen. Sie meinen nämlich, in den heutigen Verhältnissen der Gesellschaft nur Untergang und Unheil zu erkennen. Sie reden unablässig davon, dass unsere Zeit im Vergleich zur Vergangenheit dauernd zum Schlechteren abgeglitten sei. Sie benehmen sich so, als hätten sie nichts aus der Geschichte gelernt, die eine Lehrmeisterin des Lebens ist, und als sei in den früheren Konzilien, was die christliche Lehre, die Sitten und die Freiheit der Kirche betrifft, alles sauber und recht zugegangen. Wir aber sind völlig anderer Meinung als diese Unglückspropheten, die immer das Unheil voraussagen, als ob die Welt vor dem Untergang stünde. In der gegenwärtigen Entwicklung der menschlichen Ereignisse, durch welche die Menschheit in eine neue Ordnung einzutreten scheint, muss man viel eher einen verborgenen Plan der göttlichen Vorsehung anerkennen. Dieser verfolgt mit dem Ablauf der Zeiten, durch die Werke der Menschen und meistens über ihre Erwartungen hinaus sein eigenes Ziel, und alles, auch die entgegengesetzten menschlichen Interessen, lenkt er weise zum Heil der Kirche.“45 Nachdem sich der Papst gegen eine kirchliche Verschanzung vor der Welt von heute und für eine Offenheit hinsichtlich der gegenwärtigen menschlichen Entwicklungen ausgesprochen hatte, ging er daran, die Aufgabe des Konzils in Inhalt und Form zu skizzieren: „Die Hauptaufgabe des Konzils liegt darin, das heilige Überlieferungsgut (depositum) der christlichen Lehre mit wirksameren Methoden zu bewahren und zu erklären. […] Damit diese Lehre die vielfältigen Bereiche des menschlichen Wirkens erreicht, sowohl den Einzelnen wie Familien und das soziale Leben, ist es vor allem nötig, dass die Kirche ihre Aufmerksamkeit nicht von dem Schatz der Wahrheit abwendet, den sie von den Vätern ererbt hat. Sodann muss sie auch der Gegenwart Rechnung tragen, die neue Umweltbedingungen und neue Lebensverhältnisse geschaffen und dem katholischen Apostolat neue Wege geöffnet hat.“46 Es ging dem Papst im Hinblick auf die Konzilstätigkeit folglich darum, bei aller Hochachtung der kirchlichen Überzeugungen nicht im Zirkelschluss der eigenen Lehre stehenzubleiben, sondern der Welt von heute die christliche Wahrheit so zu verkünden, dass sie ihr existenziell weiterhilft: „Doch es ist nicht unsere Aufgabe, diesen kostbaren Schatz nur zu bewahren, als ob wir uns einzig und allein für das interessieren, was alt ist, sondern wir wollen jetzt freudig und furchtlos an das Werk gehen, das unsere Zeit erfordert, und den Weg fortsetzen, den die Kirche seit zwanzig Jahrhunderten zurückgelegt hat. Es ist auch nicht unsere Sache, gleichsam in erster Linie einige Hauptpunkte der kirchlichen Lehre zu behandeln und die Lehre der Väter wie der alten und neueren Theologen weitläufig zu wiederholen, denn Wir glauben, dass Ihr diese Lehren kennt und Sie Eurem Geiste wohl vertraut sind. Denn für solche Disputationen musste man kein Ökumenisches Konzil einberufen. Heute ist es wahrhaftig nötig, dass die gesamte christliche Lehre ohne Anstrich in der heutigen Zeit von allen durch ein neues Bemühen angenommen werde. […] Ja, diese sichere und beständige Lehre, der gläubig zu gehorchen ist, muss so erforscht und ausgelegt werden, wie unsere Zeit es verlangt. Denn etwas anderes ist das Depositum Fidei oder die Wahrheiten, die in der zu verehrenden Lehre enthalten sind, und etwas anderes ist die Art und Weise, wie sie verkündet werden, freilich im gleichen Sinn und derselben Bedeutung. Hierauf ist viel Aufmerksamkeit zu verwenden; und, wenn es Not tut, muss geduldig daran gearbeitet werden, das heißt, alle Gründe müssen erwogen werden, um die Fragen zu klären, wie es einem Lehramt entspricht, dessen Wesen vorwiegend pastoral ist.“47 Auch im Umgang mit den Irrtümern und mit denjenigen Menschen, die aus kirchlicher Perspektive lehrmäßig in die Irre gehen, drängte der Papst zu einer anderen Gangart: „Die Kirche hat diesen Irrtümern zu allen Zeiten widerstanden, oft hat sie sie auch verurteilt, manchmal mit großer Strenge. Heute dagegen möchte die Braut Christi lieber das Heilmittel der Barmherzigkeit anwenden als die Waffe der Strenge erheben. Sie glaubt, es sei den heutigen Notwendigkeiten angemessener, die Kraft ihrer Lehre ausgiebig zu erklären, als zu verurteilen. […] Sie will sich damit als eine sehr liebevolle, gütige und geduldige Mutter erweisen, voller Erbarmung und Wohlwollen zu ihren Kindern, die sie verlassen haben.“48 „Mit seiner Ansprache setzte der Papst einen Akt als Primas unter den katholischen Bischöfen; er bekundete damit keinen,souveränen‘, obersten Willen, wohl aber zeigte er auf maßgebende Weise einen Weg auf, dem entlang die Arbeiten verlaufen könnten.“49 Obgleich „[n]ur langsam […] die Tragweite dieser Ansprache in ihrer ganzen Bedeutung und in ihren befreienden Wirkungen erkannt [wurde]“50, griffen die Konzilsväter die Impulse des Papstes auf und diskutierten und verabschiedeten am 20. Oktober 1962 eine Botschaft an die Welt, in der sie das Bemühen der Kirche um eine grundlegende Erneuerung ihrer selbst und um eine umfassende Zuwendung zur gegenwärtigen Welt proklamierten.51
Zum Abschluss der ersten Sitzungsperiode des Konzils, während deren Verlauf vieles in Bewegung gekommen war52, richtete der Papst am 08. Dezember 1962 nochmals das Wort an die Konzilsväter und wagte in seiner Rede einen Ausblick auf die zu erwartenden Früchte des Konzils, die sowohl der Kirche als auch der ganzen Welt zugute kommen sollten: „Dann wird ohne Zweifel jenes heißersehnte,neue Pfingsten‘ aufleuchten, das die Kirche mit größerer geistiger Kraft erfüllen und ihre mütterliche Sorge und ihre heilbringende Kraft in allen Tätigkeitsbereichen besser zur Geltung bringen wird. Dann wird das Reich Christi auf Erden einen neuen Aufschwung erfahren. Dann endlich wird auf dem Erdkreis heller und vernehmbarer die Frohbotschaft von der Erlösung des Menschen widerhallen in den höchsten Rechten des allmächtigen Gottes, in den Banden der Liebe zwischen den Menschen und der Friede, der auf dieser Welt den Menschen guten Willens versprochen worden ist, neu erstarken […] Durch den strahlenden Beginn des Konzils ist ein erster Zugang eröffnet worden zu jenem großen Unternehmen. Die gemeinsame Arbeit wird in den nächsten Monaten eifrig und mit Bedacht fortgeführt werden, damit die ökumenische Versammlung einmal der Menschheitsfamilie die heißersehnten Früchte des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe bringen kann, die so sehr davon erwartet werden.“53 Am Pfingstmontag, dem 03. Juni 1963, erlag Papst Johannes XXIII im Alter von 81 Jahren nach einem mehrtägigen Todeskampf einem gastralen Krebsleiden. Nach der Regelung des CIC von 191754 galt das Zweite Vatikanische Konzil mit dem Tod des amtierenden Papstes als ausgesetzt und es oblag fortan seinem zu wählenden Nachfolger die Entscheidung, ob und wann er das Konzil fortführen wolle. Aus einem nur zwei Tage währenden Konklave ging am Herz-Jesu-Fest, dem 21. Juni 1963, Kardinal Giovanni Battista Montini als Papst Paul VI. hervor, der bereits am Tag nach seiner Wahl in einer ersten Rundfunkbotschaft die Fortsetzung des Zweiten Vatikanischen Konzils als die bedeutendste Aufgabe seines Pontifikates bezeichnete: „Das wird das wichtigste Werk sein, auf das Wir alle Unsere Kräfte verwenden werden“55.
Als am 29. September 1963 die zweite Sitzungsperiode des Konzils begann, hielt Papst Paul VI eine programmatische Rede56: Zum einen betonte er darin durch die Würdigung seines Vorgängers und durch die Zitierung wichtiger Passagen aus dessen Rede „Gaudet Mater Ecclesia“ die Fortsetzung des von Papst Johannes XXIII. vorgezeichneten und von den Konzilsvätem eingeschlagenen Weges.57 Zum anderen legte er in eigener Akzentuierung durch den entschiedenen Verweis auf Christus als den Ursprung, den Weg und die Vollendung der Kirche vier Hauptziele des Konzils fest:58 „die Darlegung der Theologie der Kirche, ihre innere Erneuerung, die Förderung der Einheit der Christen und schließlich den Dialog mit der Welt von heute.“59 Obgleich die Aspekte des Aggiornamento, der pastoralen Ausrichtung und des Einsatzes für die Einheit der Kirche auch nach dem Pontifikatswechsel „[…] wesentliche Faktoren der Konzilsidentität [blieben]“60, interpretierte sie Papst Paul VI. auf seine eigene Art und Weise und ergänzte sie um weitere grundsätzliche konziliare Kennzeichen, indem er im Besonderen die Vorrangstellung der Ekklesiologie, die Notwendigkeit der Bemühung um den größtmöglichen Konsens unter den Konzilsvätern und die Bedeutung des Zwiegespräches mit der zeitgenössischen Welt hervorhob.61 Bereits bei der Eröffnung der zweiten Sitzungsperiode des Konzils am 29. September 1963 sprach Papst Paul VI. davon, dass sein Vorgänger mit der Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils „den abgerissenen Faden des Ersten Vatikanischen Konzils wiederauf[zu]nehmen“ und damit den verbreiteten Verdacht auszuräumen beabsichtigt hatte, „als ob die von Christus Jesus dem römischen Papst übertragene und von dem genannten Konzil anerkannte oberste Gewalt ohne Hilfe der ökumenischen Konzilien ausreichen würde.“62 Obgleich Papst Johannes XXIII. gerade auch durch die Namensgebung darum bemüht gewesen war, dem Zweiten Vatikanischen Konzil gegenüber dem Ersten Vatikanischen Konzil eine eigene Identität zu geben, war Papst Paul VI. der ekklesiologische Aspekt des Konzils derart wichtig, dass er hinsichtlich der Theologie der Kirche das Zweite Vatikanische Konzil als „die natürliche Fortsetzung und Ergänzung des Ersten Vatikanischen Konzils“63 verstanden wissen wollte. Ebenso bedeutsam erschien Papst Paul VI. der Dialog mit der gegenwärtigen Welt. Schon bei der Eröffnung der zweiten Sitzungsperiode des Konzils am 29. September 1963 beschrieb er die konziliaren Bestrebungen folgendermaßen: „Schließlich will das Konzil gleichsam eine Brücke schlagen zur menschlichen Gesellschaft unserer Tage […] Wir verfolgen diese unsere Gegenwart und ihre vielfältigen und gegensätzlichen Erscheinungen mit größtem Wohlwollen und setzen all Unser Bemühen darauf, die Botschaft der Liebe, des Heils und der Hoffnung, die Christus der Welt gebracht hat, nahe zu bringen“64. In den folgenden Monaten und Jahren betonte Papst Paul VI. die ihm besonders wichtig erscheinenden konziliaren Aspekte in den Ansprachen zur Eröffnung und zur Beendigung der jeweiligen Sitzungsperioden.65
Bei der Ansprache in der Öffentlichen Sitzung am 07. Dezember 1965, einen Tag vor dem offiziellen Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils, zog er eine Art Bilanz der konziliaren Unternehmungen: „Welches ist der religiöse Ertrag des Konzils? Wir meinen die unmittelbare religiöse Beziehung zum lebendigen Gott, jenes Verhältnis, das die Daseinsberechtigung der Kirche bildet, aus dem heraus sie glaubt, hofft und liebt, existiert und handelt. Können wir sagen, dass wir Gott die Ehre gegeben haben, dass wir seine Erkenntnis und Liebe gesucht haben, dass wir Fortschritte gemacht haben in dem Bemühen, ihn zu betrachten, in dem Verlangen nach seiner Verherrlichung, in der Fertigkeit, ihn den Menschen zu verkünden, die auf uns als auf die Hirten und die Lehrer der Wege Gottes schauen?“66 Im Bezug auf die von ihm forcierte ekklesiologische Schwerpunktsetzung äußerste sich der Papst folgendermaßen: „Man wird sagen, dass das Konzil sich in der Hauptsache eher mit der Kirche, mit ihrer Natur, ihrer Gliederung, ihrer ökumenischen Berufung, ihrer apostolischen und missionarischen Tätigkeit beschäftigt hat als mit den göttlichen Wahrheiten […] Aber die Schau nach Innen war nicht Selbstzweck, war kein Akt rein menschlicher Weisheit und nur diesseitiger Kultur. Die Kirche hat sich in ihrem inneren geistlichen Bewusstsein gesammelt, […] um in sich selbst, in ihrem Leben und Wirken, im Heiligen Geist das Wort Christi wiederzuentdecken und tiefer in ihr Geheimnis einzudringen, d. h. den Plan Gottes mit ihr und seine Gegenwart in ihr, und um in sich den Glauben zu beleben, der das Geheimnis ihrer Sicherheit und Weisheit ist und jener Liebe, die sie verpflichtet, ohne Unterlass das Lob Gottes zu singen“67. Auch den von ihm maßgeblich motivierten Dialog mit der gegenwärtigen Welt wusste der Papst in seiner Ansprache zu würdigen: „Wir können aber eine entscheidende Bemerkung nicht unterlassen bei der Untersuchung der religiösen Bedeutung dieses Konzils: es wurde stark vom Studium der modernen Welt beansprucht. Vielleicht noch nie wie bei dieser Gelegenheit hat die Kirche das Verlangen verspürt, die sie umgebende Gesellschaft kennen zu lernen, sich ihr zu nähern, sie zu verstehen, zu durchdringen, ihr zu dienen, ihr die Botschaft des Evangeliums zu verkünden und sie aufzunehmen, gleichsam um ihr nachzugehen in ihrer raschen und fortwährenden Wandlung. […] Ja, die Kirche des Konzils hat sich – außer mit sich selbst und der Beziehung, die sie mit Gott eint – mit dem Menschen beschäftigt, und zwar mit dem Menschen, wie er heute wirklich ist“68. Aus einer „ausgesprochen und bewusst optimistischen]“69 Einstellung gegenüber dem Menschen von heute heraus ist das Konzil „einen Dialog mit ihm eingegangen, unter Beibehaltung seiner Autorität und der ihm eigenen Kraft, hat es die leicht fassliche und verständliche Sprache der Hirtenliebe angenommen“70 und „hat den Menschen von heute so angesprochen wie er ist“71, wobei „die Idee des Dienstes […] eine zentrale Stelle eingenommen [hat]“72: „Wäre also jetzt dieses Konzil, das seine unermüdliche Aufmerksamkeit hauptsächlich dem Menschen gewidmet hat, dazu bestimmt, der modernen Welt den Weg eines befreienden und tröstenden Aufstiegs aufzuzeigen? Wäre es nicht schließlich eine einfache und feierliche Unterweisung, den Menschen zu lieben, um Gott zu lieben? Wir meinen damit, den Menschen nicht als Instrument zu lieben, sondern als ein erstes Ziel in Richtung auf das transzendente höchste Ziel, den Ursprung und den Grund jeder Liebe.“73 Für Peter Hünermann „[ist] [d]iese Zusammenschau und Deutung des Konzils beeindruckend. „Das Konzil wird als Gottes-Dienst charakterisiert, der sich gerade durch eine neue Offenheit für die Welt und den Dienst an den Menschen vollzieht […] Kirche und Konzilsväter erscheinen als jene, die – im Lichte Gottes stehend – sich der verwundeten Welt, den in Schuld, Gebrechen, Dunkelheiten verstrickten Menschen zuwenden.“74
Am Tag darauf, dem 08. Dezember 1965, endete das Zweite Vatikanische Konzil. Im Rahmen der Abschlussfeierlichkeiten wurde das päpstliche Breve „In Spiritu Sancto“ verkündet, in dem Papst Paul VI. das Konzil „den bedeutendsten Ereignissen der Kirche“75 zuzählt. Kein anderes Konzil zuvor zeichnete sich durch eine so große Zahl an Teilnehmern, durch einen so immensen Umfang der Themen sowie durch einen so hohen Grad an Weltbezug aus. Und der Papst fuhr fort: „So erklären Wir dieses Ökumenische Konzil […] kraft Unserer Apostolischen Vollmacht für beendet. Wir bestimmen, dass alle Konzilsbeschlüsse von den Gläubigen eingehalten werden, zur Ehre Gottes, zum Wohle der Kirche und für die Ruhe und den Frieden aller Menschen. Wir haben das alles gebilligt und festgesetzt. Wir bestimmen deswegen, dass diese Dokumente immer fest, gültig und wirksam bleiben. Sie sollen eine volle und ungeschmälerte Wirkung erreichen.“76
1.2 Sechs spezifische Charakteristika des Zweiten Vatikanischen Konzils
Wie der chronologische Überblick über einige zentrale Äußerungen der beiden Konzilspäpste im Hinblick auf die Identitätsmerkmale des Zweiten Vatikanischen Konzils bereits angedeutet hat, lassen sich sechs spezifische Charakteristika dieses kirchengeschichtlichen Großereignisses ausmachen: Die Zielsetzung des Aggiornamento, die pastorale Ausrichtung, das Bemühen um die Ökumene, die Forcierung der Ekklesiologie, das Ringen um den größtmöglichen Konsens unter den Konzilsvätern sowie der Einsatz für den Dialog mit der Welt.
1.2.1 Die Zielsetzung des Aggiornamento
Eine mögliche deutsche Übersetzung des italienischen Wortes „aggiornare“ lautet: „auf den heutigen Stand bringen“77. Insofern die Kirche im Rahmen des Zweiten Vatikanischen Konzils das Ziel eines Aggiornamento verfolgte, ging es ihr darum, die „Zeichen der Zeit“ (vgl. Mt 16,4)78, d. h. die gegenwärtige Welt und die darin lebenden Menschen von heute mit all ihren Entwicklungen und Fragestellungen, „zu erkennen und deren Bedeutung zu begreifen, um zu verstehen, an welchem Punkt der Geschichte sie sich befindet, und um ihre Bezeugung und Verkündigung des ewigen Evangeliums daran anzupassen.“79 Dementsprechend widersprach die Zielsetzung des Aggiornamento jeglichen Erstarrungstendenzen in der Kirche, als ob sie – vollkommen unberührt vom gegenwärtigen Heute – sich selbst genügen und in ihren altehrwürdigen Traditionen unveränderlich verharren könnte. Dennoch bedeutete Aggiornamento keineswegs einen bloßen Reformismus, der alles in der Kirche aus Prinzip zu ändern habe. Es handelte sich dabei vielmehr um „die Fähigkeit und Breitschaft für eine neue Inkulturation der christlichen Botschaften in den neuen Kulturen“80. Das Aggiornamento erstrebte nicht die grundsätzliche Änderung von kirchlichen Lehraussagen, sondern riet zur Traditionstreue bei gleichzeitiger Erneuerung der kirchlichen Antworten in Worten und Strukturen auf die Fragen der Jetztzeit. Im Blick auf das gesamte Zweite Vatikanische Konzil lässt sich festhalten, dass die Zielsetzung des Aggiornamento von den meisten Konzilsvätern übernommen wurde und der Erneuerungsimpuls in der Konzeption und Sprache sehr vieler Konzilsdokumente seinen Widerhall gefunden hat. „Immer dann, wenn das Konzil sich bereitgefunden hat, sich eine Haltung des Suchens neuer Wege zu eigen zu machen, wenn es sich bemüht hat, die Ergebnisse vorausgegangener – aber nunmehr überholter – geistlicher und kultureller Epochen hinter sich zu lassen, dann hat es das Aggiornamento [sic!] im eigentlichen Sinne vollzogen.“81
1.2.2 Die pastorale Ausrichtung
Eng verbunden mit der Zielsetzung des Aggiornamento war die pastorale Ausrichtung als Strukturprinzip des Zweiten Vatikanischen Konzils. Der Begriff „pastoral“ leitet sich vom lateinischen Wort „pastoralis“ ab, das ins Deutsche folgendermaßen übersetzt werden kann: „dem Wesen des Hirten zu eigen“. In Erinnerung an die biblische Grundfigur des Hirten (vgl. Ps 23, Ez 34, Lk 15,3-7, Joh 10,1-21), der hingebungsvoll für das Wohl der ihm anvertrauten Schafe sorgt, verstand sich das Zweite Vatikanum als „ein Konzil der Sorge der Kirche um die Menschen selbst“82. Die meisten der vorangegangenen Ökumenischen Konzilien waren deswegen zustandekommen, weil es galt, Lehr- und Rechtstreitigkeiten zu diskutieren, sich von Irrtümern abzugrenzen, Irrlehren zu verurteilen und damit Klarheit in Doktrin und Disziplin zu schaffen.83 Freilich verfolgten auch jene konziliaren Unternehmungen durch ihre Entscheidungen letztlich das Wohl der Menschen. Ebenso offenkundig ist die Absicht des Zweiten Vatikanischen Konzils, seine Dokumente nicht nur als gutgemeinte Ratschläge für die Christgläubigen zu verstehen, sondern deren Aussagen maßgebende Gültigkeit für das Leben der Kirche zuzusprechen. Dennoch präsentierte sich dieses Konzil als „ein im besonderen Sinne pastorales Konzil“, weil „es nicht nur die bleibenden Prinzipien der Kirche, ihres Dogmas und ihrer Moraltheologie formuliert und darüber hinaus kirchenrechtliche, also gesetzhafte Normen für das Leben der Kirche erlassen hat, sondern den Mut hatte, Weisungen zu geben im Blick auf eine konkrete Situation, Weisungen einer in etwa charismatischen Art, die nicht einfach zwingend aus den Prinzipien, den allgemeinen Normen abgeleitet werden können, Weisungen, die auf die konkrete Situation mit einem gewissen konkreten Imperativ antworten und so die verantwortliche Freiheit der Menschen der Kirche anrufen.“84 Rainer Bucher geht in Fortführung der Gedanken von Elmar Klinger85 sogar noch einen Schritt weiter, als es Karl Rahner und Herbert Vorgrimler in ihrer Konzilsinterpretation tun. Seiner Auffassung nach ist das Konzil wahrhaftig „ein Pastoralkonzil geworden, aber nicht, weil es einige neue pastorale Anweisungen gegeben hat, sondern weil es die kirchenkonstitutive Funktion einer neu verstandenen Pastoral als neue Lehre der Kirche von sich selber entwarf, begründete und entwickelte.“86 Getreu der konziliaren Definition von „Pastoral“, die sich in der amtlichen Fußnote der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute „Gaudium et spes“ befindet, wurde laut Bucher der Ausdruck „Pastoral“ „auf dem II. Vatikanum ein Gesamtbegriff für das Handeln der Kirche in ihrer Gegenwart und meint[e; Ergänzung des Verf.] das Verhältnis der Kirche zur Welt und zu den Menschen von heute, das sie auf der Basis ihrer Lehre zu entwickeln habe.“87 Das Konzil akzeptierte nicht nur den krisenhaften Zusammenhang zwischen Leben und Lehre der Kirche in der Moderne, sondern entdeckte auch einen wechselseitigen Erschließungs- und Lösungszusammenhang.88 Wenn letztlich auch die Meinungen darüber, was unter einer pastoralen Ausrichtung des Konzils eigentlich zu verstehen sei, unter den Konzilsteilnehmern auseinandergingen und es aufgrund von Befürwortung und Widerspruch zu qualitativ unterschiedlich bewertbaren Abschlussdokumenten kam, wurde in allen Texten auf doktrinäre und disziplinäre Definitionen verzichtet und keinerlei Sanktion verhängt. Rückblickend lässt sich vielmehr feststellen, dass das Prinzip der pastoralen Ausrichtung in der Verbindung mit der Methode des Aggiornamento „[…] die Voraussetzungen geschaffen [haben] für die Überwindung der Vorherrschaft der,Theologie‘ – verstanden als Isolierung der lehrhaften Dimension des Glaubens und ihrer abstrakten Begriffsbildung – wie auch für die Überwindung des,Juridismus‘, der die Dynamik der christlichen Erfahrung in juridischen Formeln erstarren ließ.“89
1.2.3 Das Bemühen um die Ökumene
Wenn auch die Bezeichnung „ökumenisches Konzil“ für das Zweite Vatikanum nach dem geltenden CIC von 191790 lediglich bedeutete, dass es sich dabei um „die Versammlung aller höheren Jurisdiktionsträger der Kirche“ handle „zu dem Zwecke, zusammen mit dem Papst und unter dem Papst die höchste Lehr- und Gesetzgebungsvollmacht auszuüben“91, und dass mit dem Begriff „Kirche“ „die römisch-katholische Kirche und die mit ihr unierten Ostkirchen, nicht etwa die gesamte Christenheit“92 gemeint war, so stand der ökumenische Aspekt im Sinne des Prozesses einer Annäherung bis hin zu einer Wiedervereinigung mit den getrennten christlichen Konfessionen von Anfang an im Zentrum der konzilaren Bestrebungen.93 Offenbar wurde die Bedeutung der ökumenischen Dimension des Konzils durch die Einrichtung des Sekretariates zur Förderung der Einheit der Christen unter Augustin Kardinal Bea94 sowie durch die durch diese Institution vermittelte Teilnahme nichtkatholischer christlicher Repräsentanten als Konzilsbeobachter95. Das am 21. November 1964 promulgierte Dekret über den Ökumenismus „Unitatis redintegratio“ kann als herausragende Frucht der ökumenischen Bestrebungen des Zweiten Vatikanischen Konzils gelten. Das Dokument „hat nicht nur der Problematik der Wiedervereinigung im Katholizismus Eingang verschafft und dabei die auf die,Rückkehr‘ der,Häretiker‘ und,Schismatiker‘ zur Kirche von Rom fixierte Problemstellung überwunden, sondern einen wirklichen und eigentlichen,katholischen Ökumenismus‘ thematisiert.“96 Darüber hinaus ist festzustellen, dass sich das Sekretariat zur Förderung der Einheit der Christen bei der Entstehung aller wesentlichen Konzilsdokumente eingebracht und damit die ökumenische Offenheit neben Unitatis redintegratio in vielen anderen konziliaren Verlautbarungen bewirkt hat.97 Die beiden symbolträchtigen Begegnungen zwischen Papst Paul VI. und dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel Athenagoras am 05. und 06. Januar 1964 in Jerusalem sowie die Aufhebung der wechselseitigen Exkommunikation durch die Kirchen von Rom und Konstantinopel am 07. Dezember 1965 bildeten weitere historische Früchte der ökumenischen Entwicklungen während des Zweiten Vatikanischen Konzils.98
1.2.4 Die Forcierung der Ekklesiologie
„Es ist nun im Fortschritt der Ereignisse so weit gekommen, dass die Kirche […] über sich das sagt, was Christus mit ihrer Gründung im Sinne hatte und wollte und was die Väter, Päpste und Theologen […] fromm und treu erforscht haben. Die Kirche muss sich selber definieren“99. Mit diesen Worten wandte sich Papst Paul VI. am 14. September 1964 zu Beginn der dritten Sitzungsperiode an die versammelten Konzilsväter. Für den römischen Pontifex war und wurde durch sein eifriges Bemühen die intensive Auseinandersetzung mit der Ekklesiologie ein wesentliches Kennzeichen des Zweiten Vatikanischen Konzils.100 Er war davon überzeugt, dass die im vergangenen Jahrhundert gestärkten Vorrechte des Papstes einer notwendigen Ergänzung in Form der Bestärkung der bischöflichen Vollmachten bedurften. Dementsprechend betonte er – im bewussten oder unbewussten Missverständnis seines Vorgängers –, Papst Johannes XXIII. habe „den abgerissenen Faden des Ersten Vatikanischen Konzils“101 durch die Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils wiederaufgenommen, um dadurch anzuzeigen, dass der römische Pontifex als oberste Leitungsinstanz der Kirche nach wie vor die Hilfe der ökumenischen Konzilien brauche.102 Nachdem am 21. November 1964 die dogmatische Konstitution über die Kirche „Lumen Gentium“ feierlich verkündet worden war, erklärte der Papst in seiner Ansprache zum Abschluss der dritten Sitzungsperiode: „Es wurde durchberaten und entfaltet die Lehre von der Kirche und somit das Lehrstück des Ersten Vatikanischen Ökumenischen Konzils vollendet.“103 Es bleibt allerdings festzuhalten, dass sich „die Lehre von der Kirche“ nicht nur in „Lumen Gentium“ ausdrückt, sondern dass das gesamte Textcorpus des Zweiten Vatikanischen Konzils „Selbstverständnis und grundlegende Beziehungen der Kirche, ihre Organe, Gruppen und wesentlichen Lebensvollzüge“104 beschreibt:105 Die dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung „Dei Verbum“ „erörtert Voraussetzung und Fundamente der Kirche und des kirchlichen Lebens“106. Die dogmatische Konstitution über die Kirche „Lumen Gentium“ definiert die Kirche nach innen hin und die pastorale Konstitution über die Kirche in der Welt von heute „Gaudium et spes“ definiert sie nach außen hin. Die Dekrete über das Laienapostolat, über die zeitgemäße Erneuerung des Ordenslebens, über Dienst und Leben der Priester, über die Ausbildung der Priester und über die Hirtenaufgabe der Bischöfe in der Kirche handeln von einzelnen Gruppen in der Kirche und ihrer jeweiligen Sendung. Die Konstitution über die heilige Liturgie, das Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche, die Erklärung über die christliche Erziehung und das Dekret über die sozialen Kommunikationsmittel setzen sich mit wichtigen kirchlichen Vollzügen auseinander. Ferner erläutern das Dekret über den Ökumenismus, die Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, die Erklärung über die Religionsfreiheit sowie das Dekret über die katholischen Ostkirchen die Relationen der Kirche nach innen und nach außen. Es „ist ein reich gegliedertes, kohärentes Ganzes entstanden, das die Grundlinien und die wesentliche Ordnung kirchlichen und christlichen Lebens widerspiegelt.“107
1.2.5 Das Ringen um den größtmöglichen Konsens
Die Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils stellen größtenteils Kompromisspapiere dar. Dieser Umstand verdankt sich dem Bemühen um den größtmöglichen Konsens unter den Konzilsvätern. Zwei Hauptgründe lassen sich für die Konsensbestrebungen während der konziliaren Arbeit ausfindig machen. Ein erster Grund betrifft den formalen Rahmen: Während Papst Johannes XXIII. das Konzil initiiert sowie das Verantwortungsbewusstsein der Konzilsväter für das Konzil gefördert hatte, hatte Papst Paul VI. „die Aufgabe übernommen, das Konzil zur Vollendung zu führen und es abzuschließen. Sein Stil ist offensichtlich verschieden von dem seines Vorgängers. Diese Andersartigkeit ist zum Teil der fortgeschrittenen Phase geschuldet, in der sich die Konzilsarbeit jetzt befand. Dies war nicht mehr der Augenblick von Grundentscheidungen, sondern der zufriedenstellenden Erarbeitung von Texten, der Schaffung von Konsens und des Übergangs zur Nachkonzilszeit.“108 Ein zweiter Grund fußt auf der inhaltlichen Prägung: „Tatsächlich ist das Konzil als solches, als große Erfahrung von Communio [sic!], von Begegnung und Austausch die grundlegende Botschaft […] In dieses Licht müssen die Konzilsbeschlüsse gerückt werden, und in ihm müssen sie interpretiert werden.“109 Insofern innerhalb einer überschaubaren Zeitspanne grundlegende Texte verfasst und zudem aufgrund der Communio-Theologie verschiedene Meinungen zur gemeinsamen Zufriedenheit der Diskutanten zusammengeführt werden sollten, war eine intensive Suche vor allem auch seitens des Papstes nach dem größtmöglichen Konsens unter den Konzilsvätern die logische Konsequenz. Diese Suche „hat unter den Konzilsvätern ein großes und positives Echo gefunden, das bisweilen soweit ging, dass es mit Verlust an Klarheit und Kohärenz der approbierten Texte bezahlt werden musste. Das vom Papst vorgetragene Anliegen hat im Geist der Bischöfe tiefgreifenden Widerhall gefunden und sie – wenn es anders nicht möglich war – auch dazu geführt, dafür abstrakte Lehrkohärenzen zu opfern.“110 Es lässt sich folglich festhalten, dass um der Pragmatik und der Einmütigkeit willen in vielen Konzilsdokumenten teilweise die Makel von Intransparenz und Inkohärenz in Kauf genommen wurden.111
1.2.6 Der Einsatz für den Dialog mit der Welt
Während Papst Pius XII. (1939-1958) in seinen lehramtlichen Äußerungen von der Überzeugung geprägt gewesen war, es käme ihm qua Amt die Aufgabe zu, alle Adressaten autoritativ zu belehren, ohne sich mit ihnen dialogisch irgendwie auseinandersetzen zu müssen, betonte Papst Paul VI. die Notwendigkeit einer dialogoffenen und verständigungsbereiten Haltung der Kirche gegenüber der gegenwärtigen Welt.112 Ermöglicht durch das von Papst Johannes XXIII. geschaffene Klima eines auf die Pastoral ausgerichteten Aggiornamento der Kirche griffen die Konzilsväter den Impuls zum aufrichtigen Dialog mit der Welt von heute bereitwillig auf, der letztlich in vielen Konzilsdokumenten Niederschlag fand.113 Mit der gegenwärtigen Welt in Dialog zu treten, bedeutete für Papst Paul VI. eine umfassende Wahrnehmung dessen, was in der Welt ist und geschieht, eine tiefreichende Einfühlung in das Denken und Empfinden der Menschen von heute und einen ebenbürtigen Austausch mit ihnen. Gleichwohl war ihm daran gelegen, der gegenwärtigen Welt nicht unkritisch zu begegnen und die Haltung grundsätzlicher Gesprächsbereitschaft nicht sofort mit der Haltung völliger Einmütigkeit und völligen Einklangs zu verwechseln.114 Im Blick auf den Umgang mit dem Begriff „Dialog“ in den Konzilsdokumenten muss jedoch auch Folgendes konstatiert werden: „Wenn auch die Dialogbereitschaft einen wirklichen Fortschritt gegenüber der schroff-abweisenden und jedenfalls sich überlegen fühlenden Haltung des kirchlichen Lehramtes darstellte, so ist bisweilen doch eine allzu leichtfertige und schließlich banalisierende Verwendung des Wortes Dialog wahrzunehmen.“115
1.3 Begründung für einen homiletischen Rekurs auf das Zweite Vatikanische Konzil
Warum scheint es für die gegenwärtige Homiletik lohnenswert zu sein, auf das Zweite Vatikanische Konzil zurückzugreifen? Die Frage lässt sich sowohl aus formaler als auch aus inhaltlicher Perspektive beantworten. Klaus Schatz bezeichnet allgemeine Konzilien als „Brennpunkte der Kirchengeschichte“116. Giuseppe Alberigo hält fest: „In ihrer Verschiedenheit und Ungleichheit sind die Konzilien dennoch darin verbunden, dass sie ein komplexes und flexibles Ereignis darstellen – manchmal bedeutsam, manchmal belanglos –, in dem verschiedene Kräfte und Strömungen zusammenlaufen und dessen Entscheidungen ein Gradmesser für das geschichtliche Bewusstsein und die Übereinstimmung der Kirche (oder eines Teils der Kirche) mit dem Evangelium zu einer bestimmten Zeit sind.“117 Wenn dem so ist, dann stellt das Zweite Vatikanische Konzil den aus heutiger Perspektive jüngsten Brennpunkt der Kirchengeschichte dar, an dem sich die (römischkatholische) Kirche in ihrem Verhältnis zu sich selbst, zum Evangelium und zur gegenwärtigen Zeit grundlegend positioniert hat. Die im Zweiten Vatikanum getroffenen Entscheidungen sind daher maßgebend für das heutige Suchen und Forschen aller katholisch-theologischen Disziplinen. Auch die Homiletik am Anfang des dritten Jahrtausends soll und muss darauf rekurrieren, um sich selbst als gegenwärtige Wissenschaft ernst zu nehmen und nicht rückständig zu sein. Aber das ist nur ein formaler Grund. Inhaltlich ist die Bezugnahme auf das Zweite Vatikanische Konzil mehrfach begründet. Eine Homiletik, die nach den theoretischen Grundlagen für die gegenwärtige Predigtpraxis fragt, wird in den Aussagen eines Konzils, das sich im Besonderen dem Aggiornamento, der Inkulturation des Evangeliums in die Welt von heute, gewidmet und dabei einen pastoralen Ansatz verfolgt hat, der auf die konkrete Wirklichkeit konkret einzugehen versucht hat, viele hilfreiche Wegmarken entdecken. Ferner ist das Bemühen des Zweiten Vatikanischen Konzils um ekklesiologische Klarheiten bei gleichzeitiger ökumenischer Offenheit ein wichtiger Anhaltspunkt für die heutige Homiletik, in der das kirchliche Selbstverständnis im öffentlichen Raum besonders zum Tragen kommt und die zugleich in einem lebendigen Beziehungsgeflecht mit den homiletischen Erwägungen anderer christlicher Konfessionen steht. Ebenso ist der Dialog mit der Welt, den das Zweite Vatikanum forderte und förderte, ein bedeutungsvoller An- und Zuspruch für die heutige Homiletik, die mehr denn je den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Erkenntnissen gegenübersteht und mit ihnen umzugehen und die sich an einen äußerst vielfaltigen Adressatenkreis zu wenden hat. Was das Faktum betrifft, dass es sich bei den Konzilsdokumenten mehrheitlich um Kompromisspapiere handelt, so liegt darin für die Homiletik auch die Chance, einen gewissen Bedeutungsspielraum auszuschöpfen und eigenverantwortliche Interpretationen zuzulassen. Es lohnt sich wohl, in den Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils nach homiletischen Wegmarken zu suchen, die auch noch fünfzig Jahre nach dem Konzil für den kirchlichen Verkündigungsdienst von Bedeutung sind.
1.4 Ein möglicher Ansatzpunkt für die Suche nach homiletischen Wegmarken
Sobald einmal die Entscheidung gefallen ist, in den Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils nach homiletischen Wegmarken zu suchen, stellt sich unweigerlich die Frage, wie ein solches Vorhaben sinnvoll durchgeführt werden könne. Einen möglichen Ansatzpunkt bietet hierbei die Recherche nach dem Wort „Predigt“ oder nach bedeutungsähnlichen Bezeichnungen in den konziliaren Dokumenten. Im lateinischen Urtext konzentriert sich die Recherche im Folgenden daher auf die Begriffe „praedicatio“, „homilia“ und „sermo“, die alle bereits in vorkonziliarer Zeit unter anderem mit dem Begriff „Predigt“ ins Deutsche übersetzt werden konnten.118
1.4.1 Ein tabellarischer Überblick über die Verwendung und Übersetzung der Begriffe „praedicatio“, „homilia“ und „sermo“119
Der Begriff „praedicatio“; im Folgenden ins Deutsche übersetzt mit „Predigt“ und „Verkündigung“.120
Dokument121
Lateinischer Text in der amtlichen Version der Acta Apostolicae Sedis122
Deutsche Übersetzung nach HThKVatII 1 (2004; Sonderausgabe 2009)123
SC 35,3
„[E]t fidelissime ac rite adimpleatur ministerium praedicationis. Haec vero imprimis ex fonte sacrae Scripturae et Liturgiae hauriatur”.
„[U]nd der Dienst der Predigt soll sehr getreu und in rechter Weise erfüllt werden. Sie soll aber vor allem aus der Quelle der Heiligen Schrift und der Liturgie geschöpft werden“.
IM 13,2
„Sacri ergo Pastores suum munus in hac provincia, cum eorundem ordinario praedicationis officio arcte connexum, explere properent”.
„Die heiligen Hirten sollen sich also beeilen, ihre Aufgabe in diesem124 Bereich, die mit ihrer gewöhnlichen Pflicht zur Verkündigung eng verbunden ist, zu erfüllen“.
LG 25,1
„Inter praecipua Episcoporum munera eminet praedicatio Evangelii.”
„Unter den hauptsächlichsten Aufgaben der Bischöfe ragt die Verkündigung des Evangeliums heraus.“
LG 26,1
„In eis praedicatione Evangelii Christi congregantur fideles”.
„In ihnen [scil. in allen rechtmäßigen örtlichen Gemeinden der Gläubigen; Anm. des Verf.] versammeln sich durch die Verkündigung des Evangeliums die Gläubigen.“
LG 27,3
„Pro animabus eorum rationem redditurus Deo (cfr. Hebr. 13,17) oratione, praedicatione omnibusque operibus caritatis curam habeat tum eorundem, tum etiam illorum qui de uno grege nondum sunt, quos in Domino commendatos sibi habeat.”
„Da er [scil. der Bischof; Anm. des Verf.] für ihre125 Seelen Gott Rechenschaft ablegen wird (vgl. Hebr 13,17), soll er durch Gebet, Predigt und alle Werke der Liebe Sorge tragen, sowohl für ebendiese als auch für jene, die noch nicht von der einen Herde sind [und] die er [doch] für im Herrn ihm anvertraut halten soll.“
LG 56,1
„Unde non pauci Patres antiqui in praedicatione sua cum eo libenter asserunt: ,Hevae inoboedientiae nodum solutionem accepisse per oboedientiam Mariae; quod alligavit virgo Heva per incredulitatem, hoc virginem Mariam solvisse per fidem’ (S. Irenaeus, Adv. Haer. III,22,4: PG 7,959 A)”.
„Daher erklären nicht wenige alte Väter in ihrer Predigt zusammen mit ihm [scil. dem hl. Irenäus; Anm. des Verf.] gern, ,dass der Knoten des Ungehorsams der Eva seine Lösung erfahren habe durch den Gehorsam Marias; was die Jungfrau Eva durch die Ungläubigkeit gebunden hat, dies habe die Jungfrau Maria durch den Glauben gelöst‘ (Irenäus, Adv. Haer. III,22,4: PG 7, 959 A)“.
LG 58,1
„In decursu praedicationis Eius suscepit verba, quibus Filius, Regnum ultra rationes et vincula carnis et sanguinis extollens, audientes et custodientes verbum Dei, sicut ipsa fideliter faciebat (cfr. Luc. 2,19 et 51), beatos proclamavit (cfr. Marc. 3,35 par., Luc. 11,27-28)”
Im Verlauf seiner Predigt nahm sie [scil. Maria; Anm. des Verf.] die Worte auf, mit denen der Sohn, indem er das Reich über die Beziehungen und Bande des Fleisches und Blutes erhob, diejenigen, die das Wort Gottes hören und beachten, so wie sie selbst es getreulich tat (vgl. Lk 2,19 und 51), für selig erklärte (vgl. Mk 3,35 par.; Lk 11,27/.).“
LG 64,1
„Iamvero Ecclesia, eius arcanam sanctitatem contemplans et caritatem imitans, voluntatemque Patris fideliter adimplens, per verbum Dei fideliter susceptum et ipsa fit mater: praedicatione enim ac baptismo filios, de Spiritu Sancto conceptos et ex Deo natos, ad vitam novam et immortalem generat.”
„Nun wird die Kirche aber, indem sie ihre [scil. Marias; Anm. des Verf.] geheimnisvolle Heiligkeit betrachtet, ihre Liebe nachahmt und den Willen des Vaters getreu erfüllt, durch das gläubig angenommene Wort Gottes auch selbst Mutter; durch Predigt und Taufe gebiert sie nämlich Kinder, die vom Heiligen Geist empfangen und aus Gott geboren sind, zu neuem und unsterblichem Leben.“
OE
Kein Befund
UR 2,4
„Jesus Christus per Apostolorum eorumque successorum, nempe episcoporum cum Petri successore capite, fidelem Evangelii praedicationem sacramentorumque administrationem, et per gubernationem in dilectione, Spiritu Sancto operante, populum suum crescere vult”.
„Jesus Christus will, dass sein Volk durch die getreue Predigt des Evangeliums und die Verwaltung der Sakramente durch die Apostel und ihre Nachfolger, nämlich die Bischöfe zusammen mit dem Nachfolger des Petrus als Haupt, sowie durch ihre Lenkung in Liebe mit dem Wirken des Heiligen Geistes wachse“.
UR 6,2
„Varii autem illi modi vitae Ecclesiae, per quos haec renovatio iam efficitur – ut sunt motus biblicus et liturgicus, praedicatio verbi Dei atque catechesis, laicorum apostolatus, vitae religiosae novae formae, matrimonii spiritualitas, doctrina et activitas Ecclesiae in re sociali – tamquam pignora et auspicia quaedam sunt habenda, quae futures oecumenissimi pro– gressus fauste portendunt.”
„Jene vielfältigen Weisen des Lebens der Kirche, durch die diese126 Erneuerung der Kirche schon bewirkt wird – als da sind biblische und liturgische Bewegung, Predigt des Wortes Gottes und Katechese, Laienapostolat, neue Formen des religiösen Leben, Spiritualität der Ehe, Lehre und Tätigkeit der Kirche im sozialen Bereich –, sind gewissermaßen als Unterpfand und Vorzeichen anzusehen, die die künftigen Fortschritte des Ökumenismus glücklich ankündigen.“
CD 13,3
„Varia media ad doctrinam christianam annuntiandam adhibere satagant in hodierno tempore quae praesto sunt, videlicet imprimis praedicationem atque catecheticam institutionem”.
„Sie [scil. die Bischöfe; Anm. des Verf.] sollen sich darum bemühen, für die Verkündigung der christlichen Lehre die vielfältigen Mittel anzuwenden, die in der heutigen Zeit zur Verfügung stehen, und zwar vor allem die Predigt und die katechetische Unterweisung“.
CD 35,7
„Omnes Religiosi […] Ordinariorum locorum potestati subsunt in iis quae ad publicum exercitium cultus divini […], ad curam animarum, ad sacram praedicationem populo tradendam […] spectant”.
„Alle Ordensleute […] unterstehen der Amtsgewalt der Ortsordinarien in dem, was sich auf die öffentliche Ausübung des Gottesdienstes […], auf die Seelsorge, auf die dem Volk zu haltende heilige Predigt […] bezieht“.
PC 20,2
„Spiritus missionalis in institutis religiosis omnino servetur et pro cuiusque eorum indole aptetur condicionibus hodiernis, ita ut praedicatio Evangelii apud omnes gentes efficacior fiat.”
„Der missionarische Geist soll in den Ordensinstituten durchweg gewahrt und entsprechend dem Charakter eines jeden von ihnen den heutigen Bedingungen angepasst werden, so dass die Predigt des Evangeliums bei allen Völkern wirksamer wird.“
PC 24,1
„Etiam in praedicatione ordinaria saepius agatur de consiliis evangelicis et de statu religioso amplectendo.”
„Auch soll in der gewöhnlichen Predigt öfter von den evangelischen Räten und der Wahl des Ordensstandes gehandelt werden.“
OT 2,4
„Sancta Synodus tradita quidem communis cooperationis subsidia imprimis commendat uti sunt instans oratio, Christiana paenitentia necnon in dies altior christifidelium institutio, sive praedicatione et catechesi sive etiam variis communicationis socialis instrumentis impertienda, qua quidem necessitas, natura et praestantia vocationis sacerdotalis declarentur.”
„Die Heilige Synode empfiehlt vor allem die ja überlieferten Hilfsmittel der gemeinsamen Zusammenarbeit, als da sind insändiges Gebet, christliche Buße sowie eine von Tag zu Tag tiefere Ausbildung der Christgläubigen, die entweder durch Predigt und Katechese oder auch durch die vielfältigen sozialen Kommunikationsmittel zu erteilen ist, durch die nämlich die Notwendigkeit, das Wesen und die Vorzüglichkeit der priesterlichen Berufung erklärt werden sollen.“
OT 19,1
„Pastoralis illa sollicitudo quae integram prorsus alumnorum institutionem informare debet, postulat etiam ut ipsi diligenter instruantur in iis quae peculiari ratione ad sacrum ministerium spectant, praesertim in catechesi et praedicatione”.
„Jene pastorale Sorge, die geradezu die gesamte Ausbildung der Alumnen prägen muss, erfordert auch, dass sie selbst sorgfältig in dem unterwiesen werden, was in besonderer Weise zum heiligen Dienst gehört, insbesondere in der Katechese und Predigt“.
GE
Kein Befund
NA 4,6
„Ideo current omnes ne in catechesi et in verbi Dei praedicatione habenda quidquam doceant, quod cum veritate evangelica et spiritu Christi non congruat.”
„Deshalb sollen alle dafür sorgen, weder in der Katechese noch, wenn sie die Predigt des Wortes Gottes halten, irgendetwas zu lehren, was mit der evangelischen Wahrheit und dem Geist Christi nicht übereinstimmt.“
DV 7,1
„Quod quidem fideliter factum est […] ab Apostolis, qui in praedicatione orali, exemplis et institutionibus ea tradiderunt quae sive ex ore, conversatione et operibus Christi acceperant, sive a Spiritu Sancto suggerente didicerant”.
„Das [scil. die Evangeliumsverkündigung; Anm. des Verf.] ist gewiss treu getan worden […] von den Aposteln, die in mündlicher Predigt, durch Beispiele und Einrichtungen das weitergaben, was sie entweder aus dem Mund, dem Umgang und den Werken Christi empfangen oder unter der Eingebung des Heiligen Geistes gelernt hatten“.
DV 8,1
„Itaque praedicatio apostolica, quae in inspiratis libris speciali modo exprimitur, continua successione usque ad consummationem temporum conservari debebat.”
„Deshalb musste die apostolische Predigt, die in den inspirierten Büchern in besonderer Weise ausgedrückt wird, in ununterbrochener Aufeinanderfolge bis zur Vollendung der Zeiten bewahrt werden.“
DV 21,1
„Omnis ergo praedicatio ecclesiastica sicut ipsa religio christiana Sacra Scriptura nutriatur et regatur oportet.”
„Jede kirchliche Predigt muss sich also wie die christliche Religion selbst von der Heiligen Schrift nähren und sich an ihr ausrichten.“
DV 24,1
„Eodem autem Scripturae verbo etiam ministerium verbi, pastoralis nempe praedicatio, catechesis omnisque instructio christiana […] salubriter nutritur sancteque virescit.”
„Durch dasselbe Wort der Schrift aber wird auch der Dienst des Wortes, nämlich die pastorale Predigt, die Katechese und jede christliche Unterweisung […] heilsam genährt und gewinnt in heiliger Weise Kraft.“
AA
Kein Befund
DH 11,1
„Miraculis utique praedicationem suam suffulsit et confirmavit, ut fidem auditorum excitaret atque comprobaret, non ut in eos coercitionem exerceret.”
„Gewiss unterstützte und bekräftigte er [scil. Jesus Christus; Anm. des Verf.] durch die Wunder seine Predigt, um den Glauben der Hörer zu erwecken und zu bestätigen, nicht [aber], um auf sie Zwang auszuüben.“
AG 4,1
„Die tamen Pentecostes in discipulos supervenit, ut cum eis maneret in aeternum, Ecclesia coram multitudine publice manifestata est, diffusio Evangelii inter gentes per praedicationem exordium sumpsit“.
„Am Pfingsttag jedoch kam er [scil. der Heilige Geist; Anm. des Verf.] über die Jünger, um auf ewig bei ihnen zu bleiben; die Kirche wurde vor der Menge öffentlich kundgetan, die Verbreitung des Evangeliums unter den Völkern durch die Predigt nahm ihren Anfang“.
AG 5,1
„Missio ergo Ecclesiae adimpletur operatione qua […] omnibus hominibus vel gentibus pleno actu praesens fit, ut eos, exemplo vitae et praedicatione, sacramentis ceterisque gratiae mediis ad fidem, libertatem et pacem Christi adducat”.
Die Sendung der Kirche wird also durch das Wirken erfüllt, durch das sie […] allen Menschen oder Völkern in voller Wirklichkeit gegenwärtig wird, um sie durch das Beispiel des Lebens und die Predigt, durch die Sakramente und die übrigen Gnadenmittel zum Glauben, zur Freiheit und zum Frieden Christi hinzuführen“.
AG 6,3
„Medium principale huius implatationis est praedicatio Evangelii Jesu Christi”.
„Hauptmittel dieser127 Einpflanzung ist die Predigt des Evangeliums Jesu Christi“.
AG 6,6 Fußnote 37 des ersten Kapitels
„In hac notione activitatis missionalis, sicuti patet, secundum rem etiam illae partes Americae Latinae includuntur, in quibus nec hierarchia propria nec maturitas christianae vitae nec praedicatio Evangelii sufficiens adsunt.”
„In diesem Begriff der missionarischen Tätigkeit sind, wie klar ist, der Sache nach auch jene Teile Lateinamerikas eingeschlossen, in denen es weder eine eigene Hierarchie noch eine Reife des christlichen Lebens noch eine hinlängliche Predigt des Evangeliums gibt.“
AG 7,1
„Oportet igitur ut ad Eum, per praedicationem
