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Eine Mordserie hält Berlin in Atem. Alle Opfer sind geköpft worden. Die Identität ist unbekannt. Ein DNA-Abgleich liefert den ersten Treffer in der Datenbank der Kripo. Bald findet sich auch ein Bezug zu den anderen Opfern. Eine langwierige Suche nach dem Täter beginnt. Ein Erfolg zeigt sich erst, als die Fälle schon zu den Akten gelegt worden sind. Zeitgleich wird der Täter gesucht, der einen Gastwirt und seine Familie überfallen hat. Dabei gab es zwei Tote. Die Überführung ist für Valerie Voss keine Überraschung, hat sie doch von Anfang an so etwas gedacht.
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Seitenzahl: 158
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Vielleicht rächen wir uns für unsere
Unfähigkeit,
indem wir andere Wesen foltern.
Alexander Iwanowitsch Herzen (1812 - 1870), Deckname Iskander, eigentlich: Jakowlew, Alexandr Iwanowitsch, russischer revolutionärer Schriftsteller und Publizist
Obwohl dieser Roman während der Corona-Krise entstanden ist, habe ich mich dazu entschlossen, dieses Thema nicht in die Handlung einfließen zu lassen. Da ich der Meinung bin, dass die Medien schon in ausreichender Form darüber berichten. Wir leiden alle unter den Folgen, doch ein Roman soll in erster Linie unterhalten und vom Alltag ablenken. Handelt es sich, wie in diesem Fall, um einen Krimi, fließt schon zwangsläufig genug grausame Realität ein, denn die Fantasie eines Autors wird mitunter von den realen Ereignissen übertroffen. Ich bin mir bewusst, dass einige Leser mit meiner Entscheidung nicht einverstanden sein werden, aber wie heißt es so schön? Wer die Wahl hat, hat die Qual. Und eines möchte ich keinesfalls – langweilen. Ich hoffe dennoch, dass die Krise bald überstanden sein wird und in ein paar Jahren nur noch eine schlechte Erinnerung daran zurückbleibt. In diesem Sinne: Bleiben Sie bitte gesund!
Dietrich Novak
im November 2020
Es war ein grauer, sehr früher Novembermorgen. Vom Kanal stieg leichter Nebel auf. Die junge Frau fröstelte. Doch Bronco, dem Mischlingsrüden machte das nichts aus. Er wollte auf jeden Fall seine Runde drehen wie noch viermal am Tag. Auch die kleine Tochter hatte darauf bestanden mitzugehen, bevor sie zur Schule musste, weil sie schon längst wach war.
Auf dieser Höhe des Goslarer Ufers war um diese Uhrzeit noch kaum Betrieb. Es gab noch keinen Verkehr durch die Bewohner des Neubaus in der Sackgasse am Ende der Straße. In den Kfz-Werkstätten wurde noch nicht gearbeitet, und im Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten so früh ohnehin nicht.
Die linke Seite der Straße von der Kaiserin-Augusta-Allee gesehen, direkt neben dem Charlottenburger Verbindungskanal, war alle paar Meter gesperrt, da dort Rohre im Erdreich erneuert wurden. Deshalb blieben Mutter und Kind mit Bronco auf der rechten Seite. In Höhe der Quedlinburger Straße gab es so etwas wie eine Aussichtsplattform, auf der zwei ungepflegte Bänke sich gegenüberstanden. Sie wirkten altersschwach, und ihre ehemals weiße Farbe blätterte zu großen Teilen ab. Deshalb saß dort für gewöhnlich niemand, und schon gar nicht so früh am Tage. Doch heute war es anders. Bronco bellte heftig und wollte unbedingt hinüber.
>>Sieh mal, Mama. Da sitzt eine große Puppe. Aber sie hat gar keinen Kopf<<, sagte die Kleine.
>>Hm, für eine Schaufensterpuppe hat sie ziemlich schäbige Kleidung an. Und den Kopf hat sie auf ihrem Schoß liegen. Aber so alte Gesichter habe ich noch nie in einem Schaufenster gesehen. Warte mal, ich gehe mal rüber.<< Die Frau nahm den angeleinten Hund und ging mit ihm auf die andere Straßenseite.
Bronco gebärdete sich wiederum wie wild, und als die Frau näher kam, sah sie auch, warum. Es war keine lebensgroße Puppe, die dort saß, sondern ein Mensch, wie man an den blutigen Rändern am Hals sah. Der Kopf auf dem Schoß gehörte einem Mann, dessen Gesicht wie blutleer erschien. Zum Glück waren seine Augen geschlossen. Trotzdem schrie die Frau vor Schreck auf, als sie erkannte, was sie dort sah.
>>Was ist denn, Mama?<< rief die Kleine herüber. >>Du machst mir Angst.<<
>>Bleib drüben. Ich komme!<<
Kurz darauf übergab sie den Hund an ihre Tochter. >>Halte Bronco mal. Mama muss telefonieren.<< Sie nahm ihr Handy aus der Manteltasche und rief die Polizei an. >>Hallo? Kommen Sie bitte zum Goslarer Ufer in Höhe der Quedlinburger Straße. Auf einer Bank sitzt ein toter Mann, der offensichtlich geköpft wurde.<<
Einige Wochen zuvor.
Der Mann stellte seinen Wagen in der Reinickendorfer Residenzstaße ab, stieg aus und ging zögernd um die Ecke in den Ritterlandweg. Seit Jahrzehnten war er nicht hier gewesen, und er ahnte schon, dass er nicht viel wiedererkennen würde. So gab es in der Residenzstraße kurz vor der Ecke das Lokal „Zum Lindengarten“ in einem über hundertjährigen Haus, zu dem auch ein Vorgarten gehörte, nicht mehr. Man hatte es ebenso wie die Linden einfach abgetragen und durch einen nüchternen Bau ersetzt. Zwischen den alten Häusern im Ritterlandweg, die er noch kannte, standen jetzt Neubauten wie Fremdkörper. Vor einem auf der anderen Straßenseite blieb er stehen. Vor seinem geistigen Auge sah er wieder das alte Holztor, durch das man auf einen kleinen Bauernhof gelangte. Selbst in den siebziger Jahren eine Seltenheit, die wie ein Relikt vergangener Zeit wirkte. Eine Welle von Erinnerungen stürmte auf ihn ein. Und sie waren alles andere als positiv. Da war sein überaus strenger Vater, der nie ein gutes Wort für ihn hatte und unbedingt einen richtigen Mann aus ihm machen wollte, seine Mutter, die unter der Fuchtel des brutalen Mannes stand und stets versuchte, den kleinen Jungen zu schützen, und es gab Tiere. Hasen, freilaufende Hühner, zwei Schweine, einen Hund, eine Katze und eine braun gescheckte Kuh, die unermüdlich ihr klagendes „Muh“ ausstieß. Er roch noch den Stallgeruch, den Duft des frisch gemähten Grases, aber auch das Blut, das ihn so geängstigt hatte. Er war ohne Geschwister aufgewachsen, was alles noch verschlimmert hatte. Denn so war er ganz allein der Willkür seines Vaters ausgesetzt gewesen.
Er konnte sich noch ganz genau erinnern, wie er 1979 als Vierjähriger inmitten der Hühner auf dem Hof herumgestolpert war. Als er an seinem kleinen Po etwas spürte, hatte er mit dem Finger in die kurze Hose aus Wolle gefasst und sich gewundert, woher die weiche, graue Masse kam. Im nächsten Moment hatte ihm sein Vater eine schallende Ohrfeige versetzt.
>>Hast du wieder in die Hose geschissen, du kleines Dreckschwein?<<, fragte er böse. >>Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du zu Mama oder allein auf den Topf gehen sollst, wenn du musst? Das nächste Mal stecke ich dir einen Korken hinten rein. Dann kann das nicht mehr passieren.<<
Als er zu weinen anfing, hatte die Mutter ihn getröstet. >>Der Papa macht nur Spaß. Schließlich bist du ja keine Weinflasche.<<
>>Ich werde euch gleich zeigen, wie ich Spaß mache, wenn ich den Teppichklopfer hole.<<
Doch diese Züchtigungsversuche sollten harmlos sein, gegenüber dem, was in späteren Jahren kam. Als man ihm das Töten von Tieren aufzwang, bis er sich daran gewöhnte.
Der Mann löste sich aus seinen Erinnerungen und trat den Heimweg an. Hier hatte er nichts mehr verloren. Sein Vater war zum Glück längst tot und seine Mutter eine alte Frau, die von alledem nichts mehr wissen wollte. Manchmal schien sie für einen Moment die Erkenntnis zu quälen, dass aus ihrem Kind ein emotionsloser, gefühlskalter Mann geworden war. Doch wie alle Mütter neigte sie dazu, die grausame Wahrheit zu verdrängen. Wie nicht anders zu erwarten, suchten ihn in der darauffolgenden Nacht schwere Träume heim, die im Gegensatz zu seinem Alltag standen. Ein Zeichen dafür, dass in ihm noch ein Rest Menschlichkeit wohnte.
Hauptkommissarin Valerie Voss hatte auch schwer geträumt. Von einer Zeit, als ihr Mann und Kollege, Hinnerk, noch lebte. Wie glücklich sie war, als sie zum zweiten Mal heirateten. Dann war die Katastrophe eingetreten: Hinnerk war im Dienst von einem skrupellosen Verbrecher erschossen worden. Valerie hatte kurzzeitig überlegt, aus dem Dienst beim LKA auszuscheiden. Doch Abteilungsleiter Dr. Paul Zeisig hatte keine Ruhe gegeben, sie zur Rückkehr zu bewegen. Den Ausschlag, dem letztendlich zuzustimmen, war wiederum Hinni gewesen, der ihr in einer Vision erschienen war und sie an ihre gemeinsamen Ziele erinnerte: die Verbrechensbekämpfung und etwas mehr Gerechtigkeit in der Welt.
Hinnerk kam schon lange nicht mehr in der Nacht zu ihr. Denn mittlerweile waren mehr als ein Jahr vergangen. Doch das hielt sie nicht davon ab, weiterhin intensiv von ihm zu träumen. Nur manchmal tauchte ein neuesGesicht in ihren
*siehe Band 15 „Das letzte Wort hat immer der Tod“.
Träumen auf: Konstantin Bremer, der smarte Kollege, der Hinnerks Platz im Team eingenommen hatte. Er war einige Jahre jünger als Valerie, zeigte aber von Anfang an Interesse an ihr. In der Trauerzeit hatte sie davon nichts wissen wollen, war sogar ärgerlich und böse geworden. Doch seine Hartnäckigkeit zeigte inzwischen Erfolge. Valerie begann, darüber nachzudenken, wie es wäre, wenn sie seinem Werben nachgeben würde.
Seit Kurzem gab es noch einen weiteren Mann in Valeries Leben. Der Kollege Kommissar Heiko Wieland war nämlich in die obere Etage ihres Hauses am Rande des Tiergartens gezogen, nachdem sein Lebenspartner Fabian die gemeinsame Wohnung am Kaiserdamm verkauft hatte und mit einem neuen Partner nach Mallorca umgesiedelt war. Die Wohngemeinschaft war eine Lösung, die Valerie und Heiko entgegenkam, denn so fühlten sich beide nicht so einsam, hatten aber jeder sein eigenes Reich.
An diesem Morgen klopfte Heiko zaghaft an Valeries Schlafzimmertür. Als er keine Antwort bekam, öffnete er die Tür und rief leise: >>Val, du musst aufstehen. Es ist schon spät.<<
>>Wie? … Ach lass mich doch in Ruhe. Ich fühle mich ganz beschissen.<<
>>Hastdu deine Montagsdepression, oder was? Komm, trink erst einmal einen Schluck Kaffee, dann kehren die Lebensgeister wieder zurück.<<
>>Ich glaube nicht. Ich muss krank sein.<<
Heiko setzte sich auf ihre Bettkante und sah sie genauer an. >>Ein bisschen blasser als sonst bist du schon. Zeig mal, hast du auch Fieber?<< Heiko legte seine Hand auf Valeries Stirn. »Nein, nicht mal erhöhte Temperatur. Was ist denn los? Seelische Blähungen?<<
>>Ja, wenn du so willst. Mir hängt der Job mal wieder gründlich zum Halse raus.<<
>>Jetzt komm. Seitdem du wieder da bist, haben wir einige Fälle erfolgreich gelöst. Und ich hatte den Eindruck, es hat dir gutgetan.<<
>>Ja, aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Heute Nacht habe ich wieder von Hinni geträumt und mir ist schmerzlich bewusst geworden, was mir im Leben fehlt.<<
>>Hinni kommt nicht wieder. So tragisch das ist. Halt dich doch an die Lebenden, die sich nach dir verzehren. Mir fällt da ein gewisser Herr Bremer ein.<<
>>Quatsch, der hat seine Jennifer und die kleine Isa.<<
>>An seiner Ex liegt ihm nicht viel, außer dass sie die Mutter seiner Tochter ist. Und die Kleine wird euch bestimmt nicht stören, so selten wie er sie sieht.<<
>>Motte deinen Kuppelpelz wieder ein. In Sachen Partnersuche bist du nicht gerade ein Vorbild.<<
>>Erlaube mal, bei mir ist es viel weniger lang her, dass ich Fabian verloren habe.<<
>>Nur dass dein Fabian nicht gestorben ist.<<
>>Im Endeffekt kommt es aufs selbe hinaus. Aber du lenkst ab. Lade doch Konstantin mal zu uns ein. Er wird sich bestimmt freuen.<<
>>Lass mich jetzt damit zufrieden. Ich habe Kopfschmerzen.<<
>>Gut, dann vergiss aber nicht, den Alten anzurufen.<<
>>Ja, später, Mama.<<
Im Präsidium machte Konstantin große Augen, als Heiko allein kam. »Nanu, hast du deine Wirtin nicht mitgebracht?<<, fragte er.
>>Tut mir leid. Du wirst heute auf ihren Anblick verzichten müssen. Valerie fühlt sich krank.<<
>>Was hat sie denn?<<
>>Seelische Blähungen, wenn du mich fragst. Aber Psst.<<
>>Dann sollte Lieschen mal nach ihr sehen. In solchen Fällen ist eine ganze Frau gefragt und nicht nur eine halbe.<<
>>Du kannst es nicht lassen, du Mistbock. Wie oft muss ich dir noch sagen, dass ich keine halbe Frau, sondern ein ganzer Mann bin?<<
>>Jetzt haut er gleich mit seinem Handtäschchen.<<
>>Dazu müsste ich erst mal eines besitzen.<<
>>Verdient hättest du es<<, sagte Marlies Schmidt, die gute Seele der Abteilung, ihres Zeichens Kriminalassistentin und Mädchen für alles. >>Lass mir den Heiko in Ruhe. Der hat augenblicklich Schonzeit, weil er gerade eine Trennung hinter sich hat.<<
>>Ich weiß, aber wie ich den Verein kenne, findet sich schnell ein Neuer.<<
>>Und nenn mich nicht Lieschen. Das durfte hier nur einer. Sag Marlies oder von mir aus Schmidtchen, wie Valerie es tut.<<
>>Oh Verzeihung, dass ich nicht der heilige Hinni bin.<<
>>Manchmal kannst du so ein Arsch sein<<, sagte Heiko.
>>Ja, entschuldigt. Das war gemein. Ich weiß, wie sehr euch der Kollege fehlt.<<
In dem Moment kam Dr. Zeisig herein. >>Guten Morgen, die Herrschaften. Ich hoffe, Sie hatten ein gutes Wochenende. Es gibt Arbeit. In Charlottenburg sitzt eine kopflose Leiche auf einer Bank. Herr Bremer, Herr Wieland, würden Sie sich das vor Ort ansehen? Möglichst umgehend. Auf die Mitwirkung von Frau Voss müssen Sie heute verzichten, da sie sich unpässlich fühlt. Na, es wird ja auch mal ohne sie gehen.<<
>>Gewiss. Wo müssen wir hin?<<
>>Ich habe Ihnen einen Ausdruck von Google Maps gemacht, damit Sie nicht lange suchen müssen.<<
>>Oh, danke. Dann komm, Heiko!<<
Am Goslarer Ufer war der Bereich, wie in solchen Fällen üblich, weiträumig abgesperrt. Manfred Hoger von der Spurensicherung wartete schon.
>>Morgen, Manfred. Seid ihr schon durch?<<, fragte Konstantin.
>>Ja, viel gab es nicht zu sichern. Das ist hier öffentliches Gelände. Und bei dem Sauwetter ...<<
>>Konntet ihr die Personalien des Toten feststellen?<<
Manfred schüttelte den Kopf. >>Fehlanzeige. Er hat keinerlei Papiere bei sich.<<
>>Dann bleibt uns nur die Datenbank<<, sagte Heiko. >>Vielleicht sind seine Fingerabdrücke erfasst worden. Ich werde gleich mal ein Foto von seinem Gesicht machen. Ist das wirklich sein Kopf auf dem Schoß oder der einer weiteren Leiche?<<
>>Meines Erachtens passen Kopf und Körper zusammen. Aber letzte Gewissheit wird euch die Rechtsmedizin geben.<<
>>Dann werden wir die gleich mal interviewen. Hallo, Kollegen, ist es das, wonach es aussieht?<<
>>Wenn Sie eine saubere Enthauptung meinen, ja<<, sagte Bernd Siebert.
>>Das Mittelalter lässt grüßen<<, meinte Konstantin.
>>So weit braucht ihr gar nicht zurückgehen. In den zwanziger Jahren wurde noch mit dem Hackebeil hingerichtet und im Deutschen Reich mit dem Fallbeil. 1949 kam in Westberlin die Guillotine zum letzten Mal zum Einsatz<<, sagte Knud Habich, der in letzter Zeit ähnliche Ermüdungserscheinungen wie Valerie erkennen ließ.
>>Demnach sind Tatort und Fundort nicht identisch<<, stellte Heiko fest. >>Man könnte ja vermuten, er habe dort hinten in dem Neubau gewohnt. Da habe ich mal mit Valerie ermittelt.* *siehe Band 16 „Das Verlangen und der Tod“. Aber das sind alles sündhaft teure Eigentumswohnungen. Und dafür ist er eindeutig zu schäbig gekleidet.<<
>>Das hat gar nichts zu sagen<<, meinte Konstantin. >>Neureiche stapeln gerne tief und laufen mitunter wie die Penner herum.<<
>>Da hat er recht<<, sagte Knud. >>Der Todeszeitpunkt war übrigens vor acht bis zehn Stunden. Ob er gnädigerweise vorher betäubt wurde, wird euch der Obduktionsbericht mitteilen. Sein Alter würde ich auf vierzig bis fünfzig schätzen.<<
>>Doch noch so jung? Die Frau mit dem Kind, die ihn gefunden hat, sprach von einem älteren Mann, wie uns berichtet wurde.<<
>>Der Tod kann einen Menschen schon sehr verändern. Deshalb lasst euch nicht ins Bockshorn jagen. Der hier war nicht älter als fünfzig, eher jünger.<<
>>Und außer der Frau gibt es keine weiteren Zeugen?<<, fragte Heiko.
>>Scheinbar nicht<<, antwortete Manfred.
>>Den Leichnam aus einem Pkw auf die Bank zu bringen, dürfte eine Sache von wenigen Minuten gewesen sein. Und sonntagabends ist es hier recht einsam.<<
>>Das bedeutet also, die Ochsentour. Wir werden alle Bewohner des Hauses in der Sackgasse befragen müssen. Vielleicht hat einer zufällig etwas beobachtet, als er vorbeigefahren ist.<<
>>Nun wein mal nicht. Wir machen das zusammen. Am besten sofort<<, feixte Konstantin. >>Also, Kollegen, wir erwarten dann eure Berichte.<<
>>Worauf du einen lassen kannst. Wo habt ihr eigentlich Val gelassen?<<
>>Die hat heute ihren Waschtag.<<
>>Ah so. Dann grüß mal schön.<<
Wenig später standen Konstantin und Heiko vor dem Neubaukomplex in der Sackgasse.
>>Ich würde vorschlagen, du machst die Häuser 1 und 2 und ich die 3 bis 5<<, sagte Heiko.
>>Dann kommst du aber schlechter bei weg, weil du ein Haus mehr hast.<<
>>Das macht nichts. Aber in der 3 haben Val und ich schon mal eine Bewohnerin befragt, die kurzzeitig verdächtig war. Ich glaube auch, die wenigsten werden zu Hause sein. Doch wenn du früher fertig bist, kannst du mir ja helfen.<<
>>Alles klar.<<
Heiko ging direkt zu Lydia Meyer im Haus Nr. 3. Und er wurde auch gleich wiedererkannt.
>>Herr Kommissar, heute kommen Sie aber nicht meinetwegen, oder? Und wo ist Ihre hübsche Kollegin?<<, fragte die noch immer zu auffällig gekleidete, zu stark geschminkte und zu blonde, ältere Frau.
Die Frage, ob sie noch immer Callboys frequentierte, verkniff sich Heiko. >>Nein, es geht um einen Mann, der möglicherweise hier in der Anlage wohnt.<< Heiko zeigte das Handyfoto.
>>Uh, der sieht aber ziemlich tot aus. Was ist mit ihm passiert?<<
>>Man hat seine Leiche vorne auf einer der zwei Bänke deponiert. Kennen Sie ihn?<<
>>Nein, wenn er hier wohnt, ist er mir noch nie begegnet.<<
>>Ist Ihnen gestern Abend an der Ecke Quedlinburger Straße zufällig etwas aufgefallen?<<
>>Nein. Abends sitze ich gewöhnlich vor dem Fernseher.<<
>>Danke, das war‘s schon. Einen schönen Tag noch.<<
>>Ebenfalls, und schöne Grüße an die Kollegin.<<
>>Danke, werde ich ausrichten.<<
Bei den Leuten, die Heiko anschließend befragte, war die Antwort ähnlich negativ. Und auch Konstantin hatte kein Glück. Niemand wollte den Mann kennen oder etwas beobachtet zu haben.
>>Es sieht ganz so aus, als sei der Tote kein Anwohner gewesen, sondern nur hierher verbracht worden<<, sagte Konstantin. >>Ich hoffe, du hast bei den Wohnungen, wo du niemand angetroffen hast, deine Karte hinterlassen?<<
>>Ja, natürlich. Ich muss mir gleich neue einstecken, denn mein Vorrat ist verbraucht.<<
>>Mir geht es ebenso. Somit besteht noch Hoffnung, dass sich doch noch ein Zeuge meldet.<<
1982
Der Junge von dem kleinen Bauernhof ging inzwischen zur Schule. Doch er fand dort keine Freunde. Im Gegenteil. Ein paar Rabauken aus seiner Klasse und den Nebenklassen mobbten und hänselten ihn, wo sie nur konnten.
>>Hey Schmuddel, du stinkst. Wasser und Seife tun nicht weh<<, sagte Atze – was in Berlin nur „großer Bruder“ bedeutete, wurde von allen nur Rambo genannt, weil er besonders derb und unerschrocken war. Er hatte für die meisten Spitznamen seiner Kumpel gesorgt. Obwohl sie teilweise wenig schmeichelhaft waren, nahmen sie alle so hin. Schlehmihl verdankte seinen Spitznamen seiner Verschlagenheit, Spargel seiner hochgeschossenen, dünnen Figur, Schielewipp seinem leichten Augenfehler, Knautschke seiner Dickleibigkeit und seiner betulichen, langsamen Art, und Popel, weil er aufgrund seiner Allergie ewig verrotzt war.
>>Ja, was hat das kleine Dreckschwein denn da in seiner Mappe?<<, fragte Schlehmil. >>Ein Kätzchen. Und ich dachte, das Fiepen kommt von deiner Gelenkschmiere.<<
