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Es geht um die Liebe im Allgemeinen. Der zwischen Paaren, aber auch der zwischen Geschwistern, und nicht zuletzt der zum besten Freund des Menschen - dem Hund. Dietrich Novak, der für seine Romane und Sachbücher über Berlin bekannt ist, gibt hier einen Überblick über sein breites Spektrum. Kurze Geschichten über Frauen für Frauen, eine Gute-Nacht-Geschichte, nicht nur für Kinder, eine Geschichte über seine Hunde, und zum Schluss der dritte Teil seiner Reihe über Berliner Stadtteile. Diesmal geht es um Tempelhof. Dabei frönt er dem Berliner Humor und den typischen Sprüchen und Redensarten.
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Seitenzahl: 320
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Dietrich Novak
Zerbrechliche Momente
Geschichten aus dem Leben
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Erstens kommt es anders…
2. Die Rache
3. Ihm zu Gefallen …
4. Traumjob
5. Wunschkind
6. Otto macht Theater
7. Des Menschen bester Freund
8. Uff’n Pläuschkin in de Sauna
Impressum neobooks
Tina lümmelte auf ihrem bequemen Sofa herum. Mit der Fernbedienung zappte sie durch die zahlreichen Fernsehprogramme, die am letzten Tag des Jahres hauptsächlich auf „Fun“ eingestellt waren. Allenfalls gab es Jahresrückblicke oder die Hits des vergangenen Jahres zu sehen. Tina sah gar nicht richtig hin, weil ihre Gedanken ganz woanders waren. Silvester hatte für sie nicht die Bedeutung, die es scheinbar für andere Menschen hatte. Sie mochte nicht auf Knopfdruck lustig sein. Und was gab es schon groß zu feiern? Dass man das alte Jahr halbwegs unbeschadet hinter sich gebracht hatte? Oder wollte man ein neues begrüßen, von dem keiner wusste wie es verlaufen würde? Für manche konnte es das letzte in ihrem Leben sein, nur machte sich das kaum einer bewusst, dachte sie.
Die Türklingel riss Tina aus ihren depressiven Gedanken. Wenig später stand ihr Mona gegenüber, die nicht nur hinreißend aussah mit ihrem Glitzertop und dem knappen Minirock unter ihrer Steppjacke, sondern der auch der Schalk und die Unternehmungslust aus allen Poren strömte.
»Oh, wie natürlich du wieder aussiehst«, spielte Mona auf Tinas ungeschminktes Gesicht an, »wie gut, dass ich so früh dran bin. Dann kann ich make-up-technisch noch so etwas wie einen normalen Menschen aus dir machen. Für deine Augenringe werde ich zwar den Rest meines Abdeckstiftes verbrauchen, aber was soll’s.«
»Sehr nett, ich weiß, wie ich aussehe«, sagte Tina etwas humorlos.
»Wie du im Moment aussiehst, mein Schatz. Wir wollen in dieser Hinsicht doch nicht verallgemeinern. Normalerweise bist du nämlich ein echter Hingucker, lass dir das von deiner Busenfreundin völlig neidlos gesagt sein. So, und jetzt holst du die Gläser, damit wir uns etwas Stimmung antrinken können. Der Prosecco ist eiskalt, bitte schön!«
Tina holte aus der Küche ein Geschirrtuch für den Flaschenkorken und nahm zwei Sektflöten aus der Vitrine. Anschließend ließ sie sich kraftlos aufs Sofa fallen.
»Ich glaube, ich möchte doch lieber nicht zu diesem Spektakel mitgehen«, sagte sie leise.
Mona hatte nämlich Tina überredet, ihr Einsiedlerdasein für einige Stunden aufzugeben, um ihr zum Brandenburger Tor zu folgen, von dem aus sich die Partymeile bis hin zur Goldelse beziehungsweise Siegessäule erstreckte. Dort gab es alljährlich neben Partyzelten, Gastronomie- und Getränkeständen, auch Showbühnen, Videoleinwände, Licht- und Laserinszenierungen und ein spektakuläres Höhenfeuerwerk um Mitternacht. So waren auf der Hauptbühne Stars wie Udo Jürgens, Hot Chocolate, Kim Wilde und Marianne Rosenberg aufgetreten. Wer in diesem Jahr dabei war, führte Mona erst gar nicht ins Feld, weil sie genau wusste, dass es keinen Einfluss auf Tinas Entscheidung haben würde.
Viel lieber wäre Tina zur Abendandacht in den Berliner Dom gegangen, oder in die Aufführung des Jedermann von Hugo von Hofmannsthal, die seit einigen Jahren mit wechselnden Darstellern dort präsentiert wurde, aber die fand schon im Oktober statt. Heute an Silvester konnte man dort „Singend ins neue Jahr - Ökumenisches Taizé-Gebet zum Jahreswechsel“ erleben, etwas, das Tina nicht viel sagte.
»Was ist denn nun eigentlich so Schreckliches zwischen euch passiert, dass ihr gleich auseinanderlauft?«, fragte Mona, »so ganz habe ich den Grund für euren Streit noch immer nicht begriffen.«
»Ganz einfach, Ben wollte Heiligabend spießig mit seinen Eltern verbringen, statt mit mir romantische Stunden zu verleben«, sagte Tina trotzig, »ich habe dankend verzichtet. Da hat er mich mit Verachtung gestraft und ist auch zu den Feiertagen nicht erschienen. Seitdem gab es keinen Anruf, nichts.«
»Findest du nicht, dass du etwas überreagiert hast?«, fragte Mona vorsichtig, »also, ich wünschte, mich würde ein Typ Heiligabend seinen Eltern vorstellen. Das wäre mal etwas anderes als nach ein, zwei Nächten ad acta gelegt zu werden.«
»Die Vorstellung haben wir längst hinter uns. Eben deshalb wollte ich ja nicht hingehen«, meinte Tina, »eine Frau, die kein anderes Thema als ihren Haushalt kennt, hätte mir den ganzen Abend erzählt, wie sehr sie für die Feiertage geschuftet hat. Und er hätte mitleidsvoll gelächelt, danke, verzichte! Ich habe ihn ein Muttersöhnchen genannt und gesagt, dass er wohl nie aufhören würde, am Schürzenzipfel seiner Mutter zu hängen.«
»Da bist du wohl etwas zu weit gegangen.«
»Ja, ich weiß, aber ich war so enttäuscht. Der Baum war fertig geputzt, und ich hatte uns etwas Schnuckeliges zu essen gemacht. Außerdem sollten wir ohnehin am ersten Feiertag bei seinen Eltern sein. Und zwei Tage hintereinander finde ich dann doch einfach too much.«
»Verstehe, trotzdem wirst du jetzt keine Trübsal blasen, sondern dich aufbrezeln und mit mir nachsehen gehen, was andere Mütter so für schöne Söhne haben, alles klar? Etwas Ablenkung wird dir gut tun. Widerrede zwecklos.«
»Eigentlich will ich gar keinen anderen. Wenn Ben nur nicht so ein Dickkopf wäre … Mir ist überhaupt nicht nach Party zumute. Viel lieber wäre ich in den Berliner Dom gegangen.«
»Schatz, das klassische Konzert ist seit Juli ausverkauft, und den Otto Normalverbraucher gibt’s erst wieder im nächsten Herbst. Also, vergiss es.«
Tina machte ein mürrisches Gesicht, musste dann aber doch grinsen.
»Du meinst den Jedermann. Otto Normalverbraucher ist eine Figur der Nachkriegszeit. Ich glaube, aus der Berliner Ballade.«
»Von mir aus …«
»Wie fahren wir eigentlich?«, fragte sie, »ich hoffe, wir sind nicht stundenlang unterwegs.«
»Keine Sorge, es ist nur ein Katzensprung von hier. Wir fahren mit der S-Bahn vom Nordbahnhof, und die dritte Station ist schon „Brandenburger Tor“.«
»Du meinst „Unter den Linden.“«
»Nein, der Bahnhof ist umgetauft worden im Zuge des U-Bahnbaus an gleicher Stelle. Das „Unter den Linden“ steht jetzt nur noch in Klammern.«
Während sich Tina umzog, griff Mona ihr Handy und führte kurz darauf mit sehr leiser Stimme ein Gespräch. Gerade als sie das Handy zuklappte, kam Tina zurück. Keine Sekunde zu früh.
Eine Stunde später kamen Tina und Mona die Stufen des S-Bahnhofs Brandenburger Tor beziehungsweise Unter den Linden hinauf. Mona hatte Tina ein tolles Make Up verpasst mit Smokey Eyes und Glitzersteinchen, statt der echten Tränen. Und auch ihr pinkfarbenes Kleid unter dem Webpelz konnte sich sehen lassen. Beide Frauen trugen farbig gesprühte Strähnen in ihren Frisuren, die bei Tina mit ihren dunklen Haaren noch etwas besser zur Geltung kamen als bei Mona mit ihren blonden. Schon in der Bahn waren sie von lärmenden Jugendlichen mit Tüten voller Böller und Bier- und Sektflaschen umringt gewesen. Mona freute sich schon auf ihre dummen Gesichter, wenn sie erfahren würden, dass Feuerwerkskörper und alkoholische Getränke ebenso wie scharfe und spitze Gegenstände auf dem Veranstaltungsgelände nicht zulässig waren und durch das Sicherheitspersonal beschlagnahmt wurden.
Oben vor dem Luxushotel Adlon, das an alter Stelle – Pariser Platz / Ecke Wilhelmstraße - fast in altem Glanz wiedererbaut worden war, setzte sich der nicht enden wollende Strom der Leute fort. Das livrierte Personal der Nobelherberge verteidigte eisern den Eingang, falls doch jemand auf die Idee kommen sollte, einen Schritt zu weit zu gehen.
Als es Tina und Mona bis zum Brandenburger Tor geschafft hatten, stellte sich ihnen plötzlich ein Berliner Bär in den Weg, dessen Fell schon bessere Zeiten gesehen hatte.
»Komm, lass uns ein Foto mit dem Urviech machen«, sagte Mona.
»Ach nö, das hat man in der Zopfzeit gemacht. Meine Mutter hat so ein Foto. Ich habe keine Lust dazu«, antwortete Tina.
»Mit dem vielleicht doch«, gab Mona nicht auf, »da bin ich mir ziemlich sicher.«
In diesem Moment nahm der Bär seinen falschen Kopf ab, und darunter erschienen das verschwitzte Gesicht und die verstrubbelten Haare von Ben.
»Na, Gott sei Dank, ich dachte schon, die Maskerade sei umsonst«, sagte er mit bittendem Blick.
»Die wozu gut sein soll?«, fragte Tina erleichtert, aber mit dennoch gespielt strengem Ton.
»Du hättest doch gleich Reißaus genommen bei meinem Anblick. Glaubst du, ich lasse mir diese Traumfrau von einem Anderen wegschnappen? Nein, ich will mit dir gemeinsam ins Neue Jahr und in die gemeinsame Zukunft starten.«
Tina flog ihm in die Arme und küsste ihn leidenschaftlich.
»Ich bin so froh, dass du mir nicht mehr böse bist.«
»Ach Gott, wie niedlich. Wenn man euch beide so sieht, Ben mit seinem zerknautschten Fell und du mit deinem Webpelz, könnte man von Weitem fast meinen, dass sich da zwei Bären umarmen«, sagte Mona mit ihrer frechen Klappe. Aber in Wirklichkeit wollte sie nur ihre Rührung verbergen.
In einer Kusspause schaute Tina ihre Freundin streng an und sagte: »Da hast du doch dran gedreht, oder? Ben hätte mich unmöglich in der Menge finden können.«
»Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts«, meinte Mona grinsend.
»Gut, Frau Hase, ich werde es mir merken, aber ich bin dir ja dankbar, du alte Kuppelmutter. Ben und ich mögen zwar hin und wieder anderer Meinung sein, aber ohne den anderen können wir eben doch nicht«, sagte Tina. Und Ben nickte zustimmend, denn das sollte durchaus für beide das Motto für das Neue Jahr sein.
Tanja, meine kleine Schwester, war für mich immer nur das Baby. Die sieben Jahre, die uns trennten, stellten anfangs eine schier unüberwindliche Kluft zwischen uns dar. Als Tanja geboren wurde, hielt sich meine Freude in Grenzen. Als ahnte ich bereits, dass von nun an der größte Teil der Aufmerksamkeit meiner Eltern ihr gehören würde. Kein Einzelfall bei sogenannten Nesthäkchen, nur war das kein Trost für mich. Ich war glühend eifersüchtig und spielte zeitweilig sogar mit dem Gedanken, sie aus dem Weg zu schaffen.
Später, als wir uns noch ein Zimmer teilten, störte sie mich mit ihrem Geplärre, wenn ich meine Hausaufgaben erledigen wollte, oder sie verschmutzte mit ihren klebrigen Patschhändchen meine Schulhefte. Hinzu kam, dass grundsätzlich ich schuld war, wenn Tanja etwas ausgefressen hatte. Und wenn es nur hieß, ich hätte eben besser auf sie aufpassen müssen. Dabei fing ich an, den kleinen Wirbelwind richtig gern zu haben. Freilich wollte ich mir das noch nicht eingestehen.
Als Tanja in die Schule kam, pubertierte ich schon heftig, was vorübergehend unser besser gewordenes Verhältnis trübte. Die Kleine konnte nicht verstehen, mit welchen Problemen ich mich herumschlug, und dass mir alles und jeder gegen den Strich ging, am meisten die eigene Familie. Ich hatte Schwierigkeiten, meinen Körper zu akzeptieren, und begriff nicht, was da mit mir geschah auf dem Weg, eine Frau zu werden.
Jahre später, als wir längst getrennte Zimmer hatten, konnte ich Tanja in der Phase des Erwachsenwerdens behilflich sein. Ich wusste ja noch allzu gut, wie es mir ergangen war. Wir führten lange Gespräche, und sie weinte sich oft an meiner Schulter aus. Da liebte ich sie längst heiß und innig, unser Baby. Dabei schlug ich mich längst mit meinen eigenen Problemen herum. Das „starke Geschlecht“ hatte sein Interesse für mich entdeckt, und weil ich recht hübsch war, hatte ich die freie Auswahl, ohne recht zu wissen, welchen Typ ich eigentlich bevorzugte. Ich brach damals diverse Herzen und mir wurde auch die eine oder andere Lektion erteilt.
Tanja fand grundsätzlich alle jungen Männer, mit denen ich kurzzeitig befreundet war, blöd. Der eine hatte zu wenig Grips, ein anderer war ein Weich-Ei, einer war ein Womanizer und der nächste schlicht und einfach hässlich in ihren Augen. Umgekehrt verhielt es sich ähnlich. Die jungen Männer nahmen meine kleine Schwester einfach nicht ernst.
»Die spielt doch noch mit Puppen« oder »die muss erst noch ihren Babyspeck verlieren«, hieß es.
Manchmal tat mir Tanja direkt leid, denn sie fing auch schon an, sich hübsch zu machen und sich in Jungen aus ihrer Schule zu verlieben. Dabei schlug sie mitunter über die Stränge, mit dem Hübschmachen. Ihr Outfit geriet etwas zu kokett und ihre Schminke zu auffällig, sehr zum Leidwesen meiner Eltern, deshalb wirkte sie älter als sie eigentlich war.
»Merkst du eigentlich nicht, dass die Göre dich imitiert, Anita?«, fragte mich einmal ein Bursche, mit dem ich eine Zeitlang ging.
»Das kommt dir nur so vor«, wiegelte ich ab, »hin und wieder leihe ich ihr mal ein Kleidungsstück, und wir sind uns eben sehr ähnlich. Das ist doch bei Schwestern kein Wunder.«
Dann trat Ralf in mein Leben. Da war ich schon vierundzwanzig und Tanja süße siebzehn. Bei ihm wusste ich plötzlich, wonach ich immer gesucht hatte. Er sah blendend aus, war sportlich, zärtlich und verständnisvoll. Mit ihm konnte man nächtelang reden oder durchtanzen. Nebenbei war er ein wirklich guter Liebhaber, der nicht allein auf sein Vergnügen aus war, sondern mit sehr viel Einfühlungsvermögen auf meine Wünsche und Bedürfnisse einging. Mit anderen Worten: ein Prachtexemplar von einem Mann. Fast zu schön, um wahr zu sein, wie eine Freundin treffend bemerkte. Sie war es auch, die mich darauf aufmerksam machte, dass er noch andere Eisen im Feuer hatte. Ich sah es nicht so eng. Sollte er sich nur ausprobieren. So lange ich dabei nicht zu kurz kam. Wir stellten keine Ansprüche aneinander, alles geschah auf freiwilliger Basis, deshalb funktionierte es auch so gut mit uns.
Als Ralf mir schließlich vorschlug, zusammenzuziehen, fühlte ich mich geschmeichelt und stimmte hocherfreut zu. Tanja drehte fast durch.
»Weißt du, worauf du dich da einlässt?«, fragte sie. »Du teilst dein Leben mit einem Typen, der an jedem Rock Gefallen findet. Willst du künftig deine Abende allein verbringen, indem du auf ihn wartest und nicht weißt, mit welcher Tussi er es gerade treibt? Bist du dir nicht zu schade dafür?«
»Du übertreibst maßlos«, lachte ich, »denkst du, Ralf hätte mir den Vorschlag gemacht, wenn er weiterhin auf Abenteuer aus wäre? Nein, er hat sich für mich entschieden, weil er ruhiger geworden ist und mich genauso liebt wie ich ihn. Bisher hattest du ja immer etwas an meinen Männern auszusetzen. Nur diesmal ist es ernst. Daran wirst du dich gewöhnen müssen.«
»Bitte, es ist dein Leben. Jeder ist seines Glückes Schmied.«
»Wenn man dich so reden hört, könnte man meinen, du seiest die Ältere von uns beiden. Mach dir nicht so viele Sorgen, Schwesterchen. Noch bin ich ja nicht mit ihm verheiratet.«
»Dazu wird es hoffentlich auch nie kommen, denn er wird sich nie ändern.«
Das alte Spiel setzte sich also fort. Auch Ralf konnte mit Tanja nichts anfangen. Nur waren seine Äußerungen etwas milder und arteten nicht in Hasstiraden aus.
»Was war denn mit Tanja los?«, fragte er einmal, »die hat mich angesehen, als wollte sie mich vergiften.«
»Gib ihr etwas Zeit, sich an dich zu gewöhnen«, sagte ich, »sie war noch nie mit meinen Freunden einverstanden.«
»Die kleine Göre ist wohl eifersüchtig und nimmt mir übel, dass ich dich aus dem heimischen Nest entführe«, grinste Ralf, »man sollte sie mal tüchtig übers Knie legen. Das scheinen deine Eltern versäumt zu haben.«
Wir richteten unsere gemeinsame Wohnung kuschelig ein und genossen die gemeinsamen Abende und Nächte ebenso wie das Aufwachen und das Frühstück, das nicht selten im Bett eingenommen wurde. Tanjas Befürchtungen waren umsonst gewesen. Ralf ließ mich nicht zu Hause auf ihn warten. Was er am Tag so trieb, wusste ich freilich nicht.
Einige Monate später setzte meine Regel aus. Mein Glück war unbeschreiblich, aber ich wollte erst ganz sicher gehen, bevor ich Ralf etwas sagte. Nachdem die in der Apotheke besorgten Schwangerschaftstests positiv ausgefallen waren, behielt ich mein Geheimnis immer noch für mich. Ich suchte einen Gynäkologen auf und ging stolz mit meinem Mutterpass und der ersten Ultraschallaufnahme nach Hause. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, wo Ralf es erfahren sollte. Und ich war sicher, er würde sich ebenso freuen wie ich, weil er ein absoluter Kindernarr war.
Da ich nicht wusste, wie viel Zeit der Besuch beim Arzt in Anspruch nehmen würde, hatte ich angekündigt, nicht vor dem frühen Abend zurückzukehren. Vielleicht auch, weil ich mir offen lassen wollte, ob ich vor Ralf meine Eltern von meiner künftigen Mutterschaft informieren wollte. Ich freute mich schon auf ihre Gesichter, wenn sie erfahren würden, bald Großeltern zu sein.
Dass ich dann doch gleich nach Hause ging, lag an meiner Erkenntnis, zuerst mit Ralf unser Glück teilen zu wollen, dachte ich zumindest.
Auf dem Korridor vernahm ich den Duft eines Parfüms, das mir fremd und gleichzeitig vertraut erschien. Dann hörte ich aus dem Schlafzimmer helles Frauenlachen und wähnte mich in einem Albtraum. Nach dem Öffnen der Schlafzimmertür sah ich eine unter der Bettdecke verschwindende Blondine und einen verdatterten Ralf.
»Ich kann das erklären …«, begann er, aber ich ließ ihm keine Chance.
»Völlig überflüssig, die Szenerie spricht für sich«, sagte ich und lief zurück in den Flur. Moment mal, den Mantel an der Garderobe kannte ich doch. Nein, das konnte nicht sein. Ich ging zurück ins Schlafzimmer und riss mit einem Ruck die Bettdecke weg. Und da lag sie, meine Schwester Tanja, am ganzen Leibe zitternd.
Ich weiß nicht, wie ich aus der Wohnung gekommen und wohin ich gelaufen bin. Irgendwann fand ich mich auf einer Parkbank wieder und weinte hemmungslos. Später nahm ich mir ein Hotelzimmer und überlegte, was als Nächstes zu tun sei.
Nach drei Tagen, zu einem Zeitpunkt, als Ralf nicht zu Hause war, bin ich aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen und habe mir eine eigene, kleinere genommen. Als ich darüber reden konnte, bat ich meine Eltern, nichts von meiner Schwangerschaft zu erzählen, auch nicht Tanja. Was sie getan hatte, behielt ich für mich, war aber künftig weder für Ralf noch für Tanja zu sprechen. Ich weiß nicht, ob meine Eltern etwas geahnt haben, aber ich war ihnen äußerst dankbar, dass sie meinen Entschluss tolerierten und nicht mit Fragen in mich drangen. Ich arbeitete so lange ich konnte und als der Mutterschutz einsetzte, stand mir meine Mutter bei und unterstützte mich in jeder Weise. Dafür werde ich ihr immer dankbar sein.
In mancher durchwachten Nacht, wenn Julian mir keine Ruhe gönnte, überlegte ich immer wieder, ob ich mich richtig verhalten hatte. Meine Verletzung war so groß gewesen, dass ich buchstäblich Rot gesehen hatte. Schließlich war ich gleichzeitig von zwei Menschen hintergangen worden, die mir sehr, sehr viel bedeuteten.
Ralf wusste bis heute nichts von seiner Vaterschaft. Ich bin sogar so weit gegangen, auf dem Standesamt „Vater unbekannt“ eintragen zu lassen. Das war meine Rache, denn ich wusste, wie sehr er sich ein Kind mit mir gewünscht hatte.
Der kleine Julian ist jetzt ein Jahr alt und hat heute zum ersten Mal seinen Vater gesehen. Es ist das eingetreten, wovor ich mich die ganze Zeit gefürchtet hatte, Ralf mit dem Kind auf dem Arm zu begegnen. Aber alle Fantasie hätte sich die Szene nicht ausmalen können. Ohne Worte hatte Ralf sein eigen Fleisch und Blut sofort erkannt und ihm waren Tränen die Wangen heruntergerollt. In seinen Augen habe ich Liebe und die Bitte um Verzeihung gesehen. In diesem Moment habe ich erkannt, dass auch ich ihn immer noch liebe und ihm längst verziehen habe. Wahrscheinlich hatte ich sogar instinktiv gehofft, ihm eines Tages zufällig zu begegnen, weil ich nie die Kraft hatte, auf seine Briefe und Anrufe zu reagieren. So wie ich bestimmt auch nicht zufällig damals zuerst nach Hause gegangen war. Man sollt die Macht des Unterbewusstseins nicht unterschätzen.
Wir wollen endlich reden und neu aufeinander zugehen. Was daraus wird, wird die Zukunft zeigen. Aber ich habe eingesehen, dass Julian ein Recht auf seinen Vater hat, wie umgekehrt auch. Ob man den Namen des Vaters nachträglich noch hinzufügen kann, weiß ich nicht, aber ich hoffe es.
Mit Tanja habe ich mich ausgesprochen. Sie war nahe daran, an ihrem Vertrauensbruch zu verzweifeln. Ich wünsche ihr, dass ihr in ihrem Leben nicht ähnlich harte Schicksalsschläge widerfahren und dass sie aus ihren Fehlern gelernt hat. Sie ist trotz allem meine Schwester und wird eben immer das Baby für mich bleiben, ein bisschen dumm und irgendwie auch ein bisschen rührend hilflos und schutzbedürftig.
Damals, vor etwa sieben Jahren, machte mir Tobias einen Antrag, und der Himmel hing für mich voller Geigen, denn ich hatte ihn auf den ersten Blick geliebt. Er war keiner von den herkömmlichen Schönlingen, eher unscheinbar und etwas tapsig in seinen Bewegungen, aber ich glühte bei der Vorstellung, seine derben Hände würden meinen Körper berühren. Er war auch kein Romantiker oder ein gewandter Redner, deshalb fiel sein Antrag knapp aus.
»Lass uns heiraten, Birgit!«, hörte ich ihn sagen, und es klang mehr wie ein Befehl als eine Bitte.
In den Nächten unserer Flitterwochen, wenn ich noch stundenlang wachlag, während er befriedigt schlummerte – wenigstens er -, fragte ich mich, warum er gerade mich geheiratet hatte, wo er doch so viele hätte haben können. Ich war nicht vermögend und nicht sonderlich attraktiv. Ich gehörte zu den Frauen, die an der Seite ihres Mannes kaum auffielen. Eine sogenannte beste Freundin hatte einmal spöttisch bemerkt, dass womöglich genau dies der Grund dafür gewesen sei, warum er mich geheiratet hatte. Männer wollten schöne Frauen nur aus der Ferne bewundern oder allenfalls mit ihnen ein Abenteuer erleben, aber die eigene Frau musste schlicht und unauffällig sein, damit sie einem nicht von einem Anderen weggeschnappt wurde. Ich dachte lange über Laras Aussage nach und hoffte, dass diese Erkenntnis nicht der Weisheit letzter Schluss war.
Tobias wirkte auf andere Frauen sehr anziehend in seiner herb männlichen Art. Und er sonnte sich in den begehrlichen Blicken junger Frauen, die aus ihrer Flirtbereitschaft keinen Hehl machten. Vielleicht war er deshalb am leidenschaftlichsten, wenn ich ihm sagte, wie sehr ich ihn liebte und bewunderte. Erst sehr viel später wurde mir klar, dass sein mangelndes Selbstbewusstsein stets nach der Bewunderung einer Frau verlangte und eine Liebeserklärung im Bett auf ihn wie ein Aphrodisiakum wirkte.
Mit der Zeit wurde sein Verlangen nach körperlicher Liebe mit mir weniger. Ich sah das nicht so dramatisch, weil mir Sex weniger als ihm bedeutete. Seine kritischen Blicke morgens am Frühstückstisch oder abends, wenn er heimkam, machten mir dagegen mehr zu schaffen. Immer öfter ertappte ich mich dabei, wie ich vor dem Spiegel mein Gesicht, meine Frisur und meine Figur überprüfte. Nein, aus meiner Sicht gab es da nichts auszusetzen. Meine Haut war faltenfrei und makellos. Die dunkelblonden Haare waren nicht die dichtesten, aber ich trug sie stets ordentlich frisiert. Mein eher knabenhafter Körper war straff und wies an den kritischen Stellen keine Spuren von Cellulitis auf, aber irgendetwas musste es doch sein, was ihn zu seinen kritischen Blicken veranlasste. Verglich er mich heimlich mit anderen Frauen? Bereute er bereits seine Entscheidung, mit mir den Rest seines Lebens verbringen zu wollen?
Dann begnügte sich Tobias nicht mehr damit, mich seltsam anzusehen. Er fing an, Bemerkungen zu machen, die mich zum Teil sehr verletzten.
»Warum trägst du eigentlich einen BH?«, fragte er unvermittelt, »ich meine, viel zu halten gibt es doch da nicht.«
Ich war zu geschockt, um ihm darauf eine Antwort geben zu können. Glaubte ich doch bisher, er möge keine üppige Oberweite. Ein anderes Mal ging es um meinen Kleidungsstil, und ganz nebenbei kam dabei auch mein Gesicht ins Gespräch.
»Du könntest dich ruhig etwas femininer kleiden«, sagte er vorwurfsvoll, »mit deiner großen Nase und der flachen Brust wirkst du schon sehr maskulin. Nicht dass man auf die Idee kommt, ich sei mit einem Mann zusammen.«
Ich weinte nächtelang über seine schonungslose Aussage. Hatte Lara doch Recht? Hatte Tobias mich wegen meines unauffälligen Äußeren geheiratet und bevorzugte in Wahrheit einen ganz anderen Frauentyp? Plötzlich meinte ich, seine Blicke immer öfter zu vollbusigen Blondinen hin verfolgen zu können. Warum war mir das früher nicht aufgefallen? Oder hatte sich sein Frauengeschmack erst neuerdings geändert?
Ich war fest entschlossen, um meine Ehe zu kämpfen, denn ich liebte ihn noch immer und war für jede kleine Geste oder zärtliche Berührung dankbar.
Als Tobias eine längere Geschäftsreise ins Ausland antrat, fasste ich den folgenschweren Entschluss, mein Aussehen gründlich zu verändern. Dafür wollte ich auch Schmerzen und Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen. Ich vereinbarte ein Gespräch bei einem Schönheitschirurgen erkundigte mich über eine Nasenkorrektur und eine Brustvergrößerung. Die Warnungen über mögliche Komplikationen wie Wundheilungsstörungen und Narbenbildung schlug ich in den Wind. Wenn man die Presse und gewisse Sendungen im Privatfernsehen verfolgte, nahmen unglaublich viele Frauen die Dienste der plastischen Chirurgie in Anspruch. Also warum nicht auch ich?
Als Tobias von seiner Dienstreise zurückkam, fand er einen Brief vor, in dem ich meinen Entschluss mitteilte, mich einige Wochen bei meinen Eltern im Schwarzwald zu erholen. Ich bat ihn um Verständnis und versprach, öfter mit ihm zu telefonieren. Als Bonus kündigte ich ihm eine handfeste Überraschung an.
Nach sechs Wochen war es dann so weit. Ich kehrte mit neuem Stupsnäschen, überwältigendem Dekolleté, blond aufgehellten Haaren, die zusätzlich mit Extensions verlängert worden waren, einem aufregenden Make Up und schwindelerregenden High Heels in unser schmuckes Einfamilienhaus zurück. Ich werde nie sein erstauntes Gesicht vergessen, als er mich vor der Tür stehen sah. Er schien zu überlegen, was diese Traumfrau von ihm wollte, oder mich zu bitten, ihn zu kneifen, damit er sicher gehen konnte, nicht zu träumen. Die anschließende gemeinsame Nacht war überaus leidenschaftlich, wenn nicht überhaupt die leidenschaftlichste, die wir je miteinander verbracht hatten.
In der Folgezeit konnte er nicht genug davon bekommen, mich überall herumzuzeigen. Von nun an musste ich an Geschäftsessen teilnehmen, bei denen ich zuvor immer unerwünscht gewesen war. Da ahnte ich noch nichts, ich war zu glücklich.
Dann schien sich Tobias an den neuen Anblick gewöhnt zu haben und die kritischen Blicke begannen erneut.
»Die Nasenlöcher haben sie dir aber nicht verkleinert«, hörte ich ihn erstaunt sagen, »der Busen ist ja wirklich toll, aber wenn man genau hinsieht, fallen einem schon die Kanten im oberen Bereich auf«, hieß es ein andermal. Nun ja, ich hatte eben einen Ehemann, der nicht alles kritiklos hinnahm, und sehr genau hinsah, versuchte ich mich zu beruhigen.
Die kurz neu entflammte Leidenschaft ließ auch schnell wieder nach. Dafür schlug Tobias, der wortkarge, eher in seiner Ausdrucksweise ungeschliffene Mann, auf einmal ganz andere Töne an.
»Weißt du, Schatz, du hast doch den Lohmann kennen- gelernt und sicher bemerkt, wie er dich mit den Augen verschlungen hat. Er ist noch etwas zögerlich bei der Auftragserteilung. Und da es sich um ein Millionengeschäft handelt, könntest du doch etwas nett zu ihm sein, nicht? Das würdest du doch für mich tun, oder?«
Ich verschluckte mich an meiner eigenen Spucke. »Das kannst du doch nicht im Ernst meinen«, sagte ich fassungslos, »ich soll mich für eines deiner Geschäfte prostituieren?«
»Mein Gott, sei doch nicht immer so melodramatisch«, blaffte er, »ich bitte dich darum, die Firma zu retten. Davon profitierst du doch auch. Oder willst du es drauf ankommen lassen, dass wir alles verlieren? Deinen gehobenen Lebensstil, die kostbare Garderobe und deinen Schmuck? Willst du unser Haus gegen eine Hinterhofwohnung eintauschen müssen?«
Dazwischen gab es ja wohl noch etwas anderes, dachte ich. Wer war denn hier melodramatisch? Dass es mir auf die materiellen Dinge nicht ankam, behielt ich für mich. Tobias hätte es mir ohnehin nicht geglaubt. Und auf das Haus konnte ich auch verzichten. Ich hätte mit ihm in einer Dachmansarde ohne jeglichen Komfort gelebt. Nur hätte er mir das erst recht nicht abgenommen. Ich weinte zwei Tage und Nächte und zog sogar in Betracht, ihn zu verlassen. Aber ich hatte nicht die Kraft dazu. Schließlich liebte ich ihn doch über alles, immer noch.
Das arrangierte Schäferstündchen mit dem Geschäftspartner sollte das Schlimmste werden, was ich jemals erlebt hatte. Die gierigen Finger eines mir fremden Mannes zu spüren und seine Lust über mich ergehen zu lassen, war beinahe unerträglich. Da half auch Tobias’ spöttischer Ratschlag: »Mach die Augen zu und denke an mich!« nicht viel. Der Alkohol, der vorher in Strömen floss, ließ mich in einen gnädigen ohnmachtähnlichen Zustand hinübergleiten. Ein Umstand, der meinen unfreiwilligen Intimpartner später dazu veranlasste, mich als „Schlaftablette“ zu bezeichnen.
Zu Hause angekommen, fühlte ich mich schmutzig und ekelte mich vor mir selbst. Ich duschte eine Stunde und putzte mir dreimal die Zähne. Meine Haut war anschließend rot und wund vom vielen Schrubben. Und mein Zahnfleisch fing an zu bluten. Tobias fühlte, dass er zu weit gegangen war. Er stellte keine Fragen und versuchte nur, mich in die Arme zu nehmen, aber ich schüttelte ihn ab und wickelte meine Bettdecke wie einen Panzer um mich. Von dem Tag an schliefen wir in getrennten Zimmern.
Mein Opfer war dennoch umsonst. Das Geschäft kam nicht zustande. Tobias hatte seinen Geschäftspartner unterschätzt und musste sich noch sagen lassen, dass ein Unternehmer, dessen Frau sich wie eine Dirne feilböte, für ihn kein Umgang sei. Tobias schlug ihn in seiner Wut nieder, aber die so dringend benötigte Finanzspritze war somit verloren. Tobias musste die Firma liquidieren und wir das Haus aufgeben.
Wir leben jetzt seit zwei Monaten getrennt. Zwar nicht in einer Hinterhofwohnung, aber jeder für sich in einem kleinen Appartement. Tobias hat sich redlich bemüht, mich umzustimmen, nur konnte ich ihm nicht verzeihen. Wenn die Flamme der Liebe erloschen ist, kann sie selten neu entfacht werden. Ich habe die Scheidung eingereicht und das hätte ich schon viel früher tun sollen. Er tröstet sich inzwischen mit einer falschen Blondine, nur trifft mich das nicht mehr.
Ach ja, ich habe mir die Brustimplantate entfernen lassen, kurz bevor es zu einer Verkapselung gekommen wäre. Auch färbe ich nicht mehr meine Haare blond, trage nur einige hellere Strähnchen. Die Extensions habe ich auch entfernen lassen. Man sollte mit dem zufrieden sein, was man hat. Die Nasenkorrektur lässt sich nicht rückgängig machen. Macht nichts, mir gefällt die neue Form ganz gut. Es war die einzige Veränderung, die ich auch für mich gemacht habe.
Die Zeit mit Tobias kommt mir mitunter wie ein böser Traum vor. Habe ich mehr in ihm gesehen als vorhanden war? Das frage ich mich immer wieder. Doch, wir haben auch schöne Stunden verlebt. Die rosarote Brille der Liebe hat bei mir dafür gesorgt. Womöglich muss ich ihm noch dankbar sein, denn die Erfahrung mit ihm hat mich gelehrt, meine Grenzen kennenzulernen. Liebe darf nicht zur Selbstaufgabe führen, das ist mir heute klar. Und mein neues Selbstbewusstsein tut mir gut.
Entschuldigung, dass ich jetzt schließen muss, aber mein neuer Nachbar steht vor der Tür. Ich habe das untrügliche Gefühl, dass er zu den Männern gehört, die eine Frau nicht nach ihrem Bilde erschaffen wollen. Und derart unmoralische Liebesbeweise würde er auch nie verlangen, da bin ich mir ganz sicher.
Vor zwei Jahren ging die Firma, in der ich ausgebildet und danach übernommen worden war, in Konkurs. Damit trat etwas ein, vor dem ich mich immer gefürchtet hatte, arbeitslos zu werden und in die Maschinerie der Job-Center zu geraten. Meine Freundinnen erzählten mir wahre Horror-Storys über den Druck, der dort ausgeübt würde. So sei man gezwungen, ständig die Anzeigen zu studieren und unentwegt Bewerbungen zu schreiben. Und schließlich würde einem nahe gelegt werden, eine Stelle zu akzeptieren, die einem eigentlich nicht gefiele. So weit die Theorie. Die Praxis übertraf all meine Befürchtungen.
Die junge Frau, kaum älter als ich, begrüßte mich sehr freundlich hinter ihrem Schreibtisch. Als Erstes klärte sie mich darüber auf, dass es den Beruf „Bürokauffrau“ eigentlich gar nicht gäbe. Es sei nur eine Bezeichnung für eine Vielzahl von Tätigkeiten, die man praktisch in jeder Firma ausüben konnte.
»Aber ich bin doch unter dieser Berufsbezeichnung ausgebildet worden«, wagte ich zu bemerken, »und ich weiß, dass es noch immer Umschulungen zu diesem Beruf gibt.«
»Das ist richtig. Damit wurde aber nur eine Berufsbezeichnung übernommen, die sich mittlerweile eingebürgert hat. Und sie gilt, wie gesagt, als Sammelbezeichnung für alle Art von Tätigkeiten, die man in einem Büro ausüben kann«, wurde ich belehrt.
»Wie sieht es denn mit Ihren PC-Kenntnissen aus?«
»Gut, ich habe ja täglich damit gearbeitet. Ich bin mit den Office-Anwendungen vertraut, beherrsche die Tabellenkalkulation und kann auch mit Zeichen- und Bildbearbeitungsprogrammen umgehen.«
»Fein, wären Sie auch bereit, an Fortbildungsmaßnahmen teilzunehmen? Sprechen Sie Fremdsprachen? Sind Sie örtlich gebunden?«, und so weiter und so fort. Die Liste der Fragen war endlos. Dabei erfuhr ich, dass ich praktisch von der kleinen Klitsche im Büro eines Einzelhandelsgeschäftes bis zum Großraumbüro vermittelt werden konnte. Dabei war es durchaus zumutbar, täglich mehrere Stunden Anfahrtsweg in Kauf zu nehmen. Na, Mahlzeit!
Ich schrieb mir die Finger wund und erhielt haufenweise Absagen. Als dann endlich ein Angebot übermittelt wurde, das sich sogar ganz gut anhörte, schöpfte ich neue Hoffnung. Ich musste täglich nur eineinhalb Stunden unterwegs sein und es war eine mittelgroße Firma, in der ich weder den ganzen Schreibkram allein erledigen noch eine Nummer in einem riesigen Großraumbüro sein musste.
Zum Vorstellungsgespräch zog ich eines meiner besten Kleider an, nicht zu mondän und nicht zu sexy. Ich war gut frisiert und dezent geschminkt. Der Herr, der mich in seinem Büro erwartete, zog mich mit den Augen förmlich aus. Ein Umstand, der mir eine Gänsehaut verschaffte. Sein Lächeln war falsch und aufgesetzt, und sein Tonfall etwas zu jovial.
»Nun, Frau Weber, Ihre Bewerbungsunterlagen sind ja ganz ordentlich. Was sollte mich veranlassen, gerade Sie unter der Vielzahl von Bewerberinnen auszuwählen?«, fragte er ohne Umschweife.
»Ich habe die entsprechende Ausbildung und eine gewisse Berufserfahrung.«
»Das haben die anderen auch. Was haben Sie noch zu bieten?«
»Ich bin unabhängig und schaue abends nicht auf die Uhr, wenn es mal später wird.«
»Schon besser. Heißt das, Sie sind privat ungebunden?«
»Zurzeit, ja«, antwortete ich ehrlich.
»Dann könnten Sie doch einmal mit mir ausgehen, damit wir uns besser kennen lernen. Haha.«
»Wenn Sie es wünschen, warum nicht?«
»Gut, ich denke wir können es miteinander versuchen«, war seine doppeldeutige Aussage.
Das fiel mir aber erst hinterher auf. Ich war viel zu froh, endlich eine akzeptable Anstellung gefunden zu haben und aus der Hartz IV-Mühle herauszukommen. Und mit dem schmierigen Kerl würde ich ja nicht allzu viel zu tun haben, in seiner Position. Das war mein Fehler Nummer eins. Und wenn er es wagen sollte, mir ein unmoralisches Angebot zu machen, würde ich ihn in die Schranken weisen und danach Ruhe haben, dachte ich. Das war Fehler Nummer zwei.
Ich war schon einige Wochen in der Firma und hatte mich recht gut eingearbeitet, als mein Chef auf die Einladung zurückkam. Warum sollte ich nicht mit ihm essen gehen? Die Gefahr, dass er im Restaurant über mich herfallen würde, bestand ja kaum.
»Ich bin sehr zufrieden mit Ihrer Arbeit, Frau Weber. Noch zufriedener wäre ich, wenn Sie hin und wieder etwas nett zu mir sind.«
»Nett? Ich verstehe nicht.«
»Doch, ich glaube schon. Sie sind eine reizvolle Frau, die bestimmt auch etwas Zärtlichkeit braucht. Und ich könnte Ihnen diese geben. Und so ganz unattraktiv bin ich schließlich auch nicht.«
»Was würden wohl Ihre Frau und Ihre Kinder dazu sagen?«, trumpfte ich auf.
»Meine Frau ist äußerst tolerant, und die Kinder geht das absolut nichts an.«
»Trotzdem, ich möchte es nicht«, sagte ich etwas milder, »seien Sie mir nicht böse, aber das ist nicht mein Stil.«
Er schluckte und sah mich durchdringend an.
»Doch, ich bin Ihnen böse, sehr sogar. Welcher Mann holt sich schon gerne einen Korb? Ich nehme es geradezu persönlich.«
»Das tut mir leid, aber mehr habe ich dazu nicht zu sagen. Im Übrigen würde ich jetzt gerne gehen. Einen schönen Abend noch.«
Die nächsten Tage ließ er sich im Büro nichts anmerken, nur seine Blicke wurden immer abschätzender, deshalb rechnete ich damit, dass da bald etwas kommen würde. Und es ließ nicht lange auf sich warten.
»Wir haben hier Publikumsverkehr, Frau Weber. Deshalb würde ich es begrüßen, wenn Sie nicht ganz so unscheinbar daher kämen. Das Kleid mag für den Haushalt seinen Zweck erfüllen und ein blasses Gesicht fällt bei einer Hausfrau nicht ins Gewicht, aber warum tragen Sie nicht wenigstens eine getönte Tagescreme auf Ihrer weißen Haut? Und etwas Lidschatten und Wimperntusche könnten auch nicht schaden. Nicht dass man annehmen muss, Ihnen sei elend zumute, und ich beschäftige Sie während Ihrer Krankschreibung.«
Ich war viel zu geschockt, um entsprechend reagieren zu können, aber eine Kollegin, die mir gegenübersaß, konnte sich ein gehässiges Grinsen nicht verkneifen. Ich hatte schon bemerkt, dass sie förmlich an den Lippen des Chefs hing und seine Einladungen bestimmt nicht ablehnte.
Als Kind wurde meine Großmutter geneckt, indem man ihr einen Birnenstiel hinhielt und meinte, sie solle den Pinsel zum Maler bringen. Meine Schwester hatte man in ihrer Friseurlehre sogar losgeschickt, eine Haarspaltmaschine zu besorgen, aber was man mir zumutete, spottete jeder Beschreibung. Angeblich war in der Materialausgabe das Druckerpapier ausgegangen. Deshalb sollte ich kurz vor Feierabend einige Pakete bei einem Großhandel abholen, damit wir am nächsten Tag weiterarbeiten konnten. Die Firma lag etwas außerhalb, und natürlich sollte ich meinen privaten Pkw dazu nutzen. Ich blöde Kuh hatte ja geäußert, nichts dagegen zu haben, abends etwas länger zu machen. Na, und das bisschen Benzin … Auf dem weitverzweigten Industriegelände wollte nur niemand die Firma kennen. Ich suchte geschlagene zwei Stunden, bis ich endlich jemanden traf, der sich erinnerte, dass es vor mehreren Jahren eine Firma dieses Namens gegeben hatte, aber die war längst umgezogen. Stinksauer fuhr ich nach Hause und war überzeugt, absichtlich in die Irre geführt worden zu sein.
Das Donnerwetter am nächsten Tag war vom Feinsten. Ich hätte mich schließlich vorher telefonisch informieren können, hieß es. Und warum ich nicht wenigstens auf die Idee gekommen sei, Papier aus einem Copy-Shop zu besorgen?
Zwei Wochen später erhielt ich nachts einen Anruf, bei dem mir mitgeteilt wurde, dass eine größere Lieferung ankommen sollte. Warum mitten in der Nacht? Weil der LKW auf der Autobahn liegen geblieben sei. Warum ich? Weil die beiden anderen Kolleginnen nicht erreichbar waren und er, mein Chef, einem wichtigen Kunden das Nachtleben der Stadt zeigte. Es würde mir doch sicher nichts ausmachen, die Lieferanten reinzulassen? Zähneknirschend fuhr ich in die Firma und verbrachte den Rest der Nacht auf meinem Bürostuhl. Unnötig zu erwähnen, dass diese eilige Lieferung nie ankam. Aber es sollte noch schlimmer kommen.
Die Schikanen waren schier endlos, und ich überlegte ernsthaft aufzugeben. Nur dann würden die nervige Suche und die unzähligen Bewerbungen von vorne losgehen. Außerdem würde ich bei einer selbst ausgesprochenen Kündigung eine Sperre der finanziellen Mittel bekommen, die ich mir einfach nicht leisten konnte. Dann musste mir eben gekündigt werden, wenn sich das in meinem Lebenslauf auch nicht besonders gut machen würde. Aber mein Chef dachte nicht daran, mich rauszuwerfen, wenn er es auch ständig ankündigte, aber es schien ihm viel zu viel Spaß zu machen, mich zu quälen.
Meinen Verstand in Zweifel zu ziehen, begann ich erstmals, als mehrmals hintereinander wichtige Dateien auf meinem PC unauffindbar waren. So sollte ich eine Jahresstatistik verfassen, an der ich wochenlang gearbeitet hatte, Erleichtert speicherte ich eines späten Abends die umfangreiche Datei ab und stellte selbstverständlich eine Sicherungskopie auf CD her. Am nächsten Morgen war beides verschwunden. Weg, als hätte es nie existiert. Sollte sich jemand an meinem PC zu schaffen gemacht haben? Überlegte ich. Aber ohne mein Passwort hatte niemand auf meine Dateien Zugriff. Kurz und schlecht, ich musste alles noch mal machen. Diesmal nahm ich die Sicherungs-CD mit nach Hause.
