Rendezvous mit dem Tod - Dietrich Novak - E-Book

Rendezvous mit dem Tod E-Book

Dietrich Novak

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Beschreibung

Ein Frauenmörder geht in Berlin um. Seine Opfer sind Alleinstehende und eine Prostituierte. Am Tatort wird mehrmals eine geheimnisvolle Frau gesehen. Auch ein Arzt gerät bald in das Visier der Kripo. Die Opfer waren entweder seine Patientinnen oder stammten aus seinem Umkreis. Aber wie passt die Frau dazu? Sollte der Doktor mit ihr etwa gemeinsame Sache machen? Keine leichte Aufgabe für die Kripo, denn es gibt so gut wie keine Spuren an den Tatorten. Valerie Voss hält den Doktor für den Schuldigen. Aber ist er wirklich der Täter? Ein spannendes Whodonit, das einige Überraschungen bereit hält.

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Seitenzahl: 155

Veröffentlichungsjahr: 2022

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„Die romantischen Gefühle eines einzelnen Menschen sind unvollkommen. Erst durch ihre Erwiderung können sie sich entfalten.“

Verfasser unbekannt

Vorwort

Noch immer ist die Corona-Krise nicht überwunden, obwohl einige Mitmenschen so tun. Viele haben die dritte oder schon vierte Impfung hinter sich, doch es ist noch kein Land in Sicht. In Bussen und Bahnen wird weiter darauf hingewiesen, dass das Tragen einer Maske Pflicht ist. Nur halten sich nicht alle daran. Bei manchen sitzt die Maske am Kinn oder unter der Nase, falls überhaupt eine getragen wird. Verantwortungslos nach meiner Auffassung. Das ganze Thema ist derart unerfreulich, dass ich mich entschlossen habe, auch in meinem neuen Roman darauf zu verzichten, denn sonst würde er wohl allzu bitter geraten. Ein Roman soll in erster Linie unterhalten oder bestenfalls zum Nachdenken anregen. Doch nicht unbedingt über unverbesserliche Mitmenschen. In diesem Sinne verbleibe ich mit den besten Wünschen für gute Gesundheit oder recht baldige Genesung.

Dietrich Novak

im August 2022

Prolog

Ihre Augen waren vom Weinen gerötet. Zu tief saß der Stachel der Zurückweisung. Warum konnte sie nicht auch wie viele andere Menschen das Glück der Liebe erleben? Sie hatte sich besonders sorgfältig zurechtgemacht, ihr schönstes Kleid angezogen, sich sorgfältig frisiert. Doch es hatte alles nichts genutzt. Bei dem Geständnis, ihn zu lieben, hatte er sie ausgelacht. Er hatte keinen Blick für ihre Tränen gehabt, nicht einmal Mitleid, doch das hätte sie beinahe noch mehr geschmerzt.

Der Himmel weinte mit ihr. Für die Jahreszeit war es viel zu kalt und unbeständig. Oder empfand sie es nur so, weil sie bis ins Mark erschüttert war?

Als es an der Tür läutete, schöpfte sie für einen Moment neue Hoffnung. Sicher hatte er nachgedacht und eingesehen, wie schlecht er sie behandelt hatte. Ihre Augen leuchteten, als er dann tatsächlich vor der Tür stand. Aber obwohl er Blumen dabei hatte, war sein Blick kalt, fast verächtlich. Sie war viel zu aufgeregt, um ihm die Tür vor der Nase zuzuwerfen. Ein verhängnisvoller Fehler, denn das hätte ihr womöglich das Leben gerettet.

1. Kapitel

Valerie Voss, Hauptkommissarin beim LKA, schreckte aus dem Schlaf hoch. Sie hörte deutlich ein Kinderweinen und wusste, dass sie nicht geträumt hatte. Konstantin, ihr derzeitiger Lebensgefährte und Kollege beim LKA, schien nichts gehört zu haben, denn er drehte sich nur grummelnd auf die andere Seite, als Valerie in ihren Morgenmantel und ihre Pantoletten schlüpfte. Dabei war es seine Tochter, die oben ihr Zimmer bewohnte. Valerie hatte keinen Moment gezögert, das kleine Mädchen nach dem plötzlichen Tod der Mutter bei sich aufzunehmen. Dazu liebte sie Konstantin viel zu sehr und hatte die kleine Isa längst in ihr Herz geschlossen.

Eine Liebe, gegen die sich Valerie lange gewehrt hatte. Zu groß war der Schmerz über den Tod ihres geliebten Mannes, Hinnerk, gewesen. Er war im Dienst erschossen worden, und obwohl Valerie draußen gewartet hatte, kam jede Hilfe zu spät. Ihr war nichts anderes übrig geblieben, als den Geliebten ein letztes Mal in ihren Armen zu halten.

Konstantin Weber war der Nachfolger von Hinnerk Lange geworden. Dass er es auch in ihrem Herz werden würde, dagegen hatte Valerie angekämpft. Einmal, weil sie sich nicht vorstellen konnte, jemals wieder einen Mann zu lieben, und weil sie auf keinen Fall so ein Drama noch einmal erleben wollte. Denn bei ihrer Arbeit bei der Kripo stand immer der Tod Pate. Ein Risiko, das man in Kauf nehmen musste. Konstantins Beharrlichkeit und seine ehrliche Zuwendung hatten sie schließlich nachgeben lassen. Zusammengezogen waren sie aber erst, als Isas Mutter an den Folgen eines Aneurysmas verstorben war.

Valerie öffnete vorsichtig die Tür zum Kinderzimmer und trat an das Himmelbett des Mädchens. Sie strich dem Kind zärtlich übers Haar und trocknete seine Tränen.

»Was ist denn? Warum lässt du mich nicht schlafen?«, krähte die Kleine.

»Weil du laut geweint hast, mein Schatz.«

»Das liegt bestimmt daran, dass ich wieder von Mama geträumt habe. Ich weiß ja, dass sie nicht wiederkommt, aber manchmal wünsche ich es mir so sehr.«

»Bist du denn hier bei deinem Papa und mir nicht glücklich?«

»Doch, sehr sogar, aber Mama habe ich eben auch lieb.«

»Das sollst du auch. In deiner Erinnerung lebt sie nämlich weiter. Und wenn sie dich „von da oben“ weinen sieht, ist sie sicher sehr traurig.«

»Das will ich nicht. Dann werde ich in Zukunft weniger weinen.«

»Hier oben bist du«, sagte Konstantin, als er plötzlich in der Tür stand. »Hast du wieder schlecht geträumt, Isa?«

»Nein, besonders schön, aber trotzdem musste ich weinen. Aber das ist jetzt vorbei.«

»Fein, zieh dich jetzt schnell an. Wir müssen dich heute etwas früher zu deiner Tagesmutter bringen, weil Valerie und ich gerufen wurden.«

»Ooch, ich will aber weiterschlafen …«

»Ja, das kannst du ja dann bei Frau Brugger. Komm, Valerie hilft dir beim Anziehen.«

»Gern, und der Papa hilft dann mir, mich anzuziehen.«

Isa kicherte.

»Ich denke, wenn du halbwegs vernünftig aussehen willst, solltest du das lieber allein tun«, meinte Konstantin. »So verlockend das Angebot auch ist.«

»Ihr seid komisch«, sagte Isa. »Manchmal weiß ich nicht, ob ihr nur Spaß macht, oder es ernst meint.«

»Das ist bei Erwachsenen so. Da kommst du schon noch dahinter. Und jetzt Marsch, in die Sachen!«

Nach einer Katzenwäsche und einem Kaffee im Stehen machte sich die kleine Familie auf den Weg. Erst, als sie Isa bei ihrer Tagesmutter abgeliefert hatten, fragte Valerie: »Wo müssen wir eigentlich hin?«

»Zum Volkspark Wilmersdorf.«

»Also wieder eine Leiche im Park?«

»Nein, die Frau ist in ihrer Wohnung umgebracht worden«, sagte Konstantin.

»Und warum nennst du dann nicht die Straße?«

»Tut mir leid, das ist die Straße. Am Volkspark. Mit mehr kann ich nicht dienen, mein Schatz.«

»Oh doch, zumindest die Hausnummer wirst du ja wohl wissen.«

»Es ist die 67. Wenn du jetzt schlauer bist …«

Die Wohnanlage war ein heller hufeisenförmiger Bau, vermutlich aus den 30er Jahren, mit großen Fenstern und zum großen Teil geräumigen Wintergärten. Alles wirkte sehr gepflegt und gutbürgerlich. Kaum vorstellbar, dass dort ein kaltblütiger Mord passiert war. Aber oft lauerte gerade in der Idylle das Verbrechen.

Bei Valeries und Konstantins Ankunft waren die KTU und die Rechtsmedizin schon bei der Arbeit. Sascha Helm, der seinen Kollegen René Temme dabei hatte, begrüßte die beiden, verhalten lächelnd.

»Tut mir leid, so früh stören zu müssen.«

»Nun brich dir mal keinen ab. Du hättest bestimmt auch lieber ausgeschlafen«, sagte Konstantin. »Um wen handelt es sich bei der Frau? Und gibt es Einbruchsspuren oder Fingerabdrücke in der Wohnung?«

»Jede Menge, aber nur vom Opfer. Es handelt sich um die neununddreißigjährige Monika Kühn, ledig und kinderlos. Einbruchsspuren gibt es keine. Sie muss ihrem Mörder selbst die Tür geöffnet haben. Für einen abendlichen oder nächtlichen Besuch spricht auch der große Strauß weißer Lilien.«

»Das sind doch Toten- oder Trauerblumen«, meinte Valerie. »So etwas bringt man doch nicht zu einem Rendezvous mit.«

»Die Geschmäcker sind eben verschieden«, meinte Sascha Helm. »Ich mag diese Blumen auch, ohne nekrophil veranlagt zu sein.«

»Sicher?«, fragte Valerie grinsend. Doch als sie Helms entsetzten Blick sah, fügte sie hinzu: »War nicht ernst gemeint, Herr Kollege. Vielleicht hat sie sich die Blumen selbst gekauft. Ist eigentlich sicher, dass sie ermordet wurde?«

»Wenn sie sich nicht die Tüte freiwillig über den Kopf gezogen hat …«

»Hm, Näheres wird uns sicher die Rechtsmedizin sagen können. Wer hat sie eigentlich gefunden?«

»Der Bruder. Er sitzt völlig fertig im Wohnzimmer.«

»Verständlich, wenn er es nicht selbst getan hat.«

»Guten Morgen, die Herren«, begrüßte Valerie kurz darauf die Kollegen von der Rechtsmedizin. Sie ließ sich ihre Enttäuschung, dass Stella Kern nicht vor Ort war, nicht anmerken. Valerie und Stella hatten kurzzeitig ein Liebesverhältnis gehabt, bis Stella sich in eine andere Frau verliebt und diese sogar geheiratet hatte. Valerie wünschte ihr Glück, zumal sie inzwischen mit Konstantin ebenfalls glücklich war. Trotzdem freute sie sich noch immer, wenn sie Stella begegnete.

»Gut ist wohl anders«, sagte Rudolph.

»Ja, aber wir wollen doch nicht spitzfindig werden. Es gibt nicht so viele Möglichkeiten, jemanden um diese Uhrzeit zu begrüßen. Und ein trockenes Hallo ist mir zu billig.«

»Nicht gleich beißen, werte Hauptkommissarin. Es war ja nicht so gemeint.«

»Also, es heißt, die Frau ist mit einer Plastiktüte erstickt worden. Könnte es sich nicht um einen Suizid handeln?«

»Unwahrscheinlich. Der Überlebenswille ist dann doch meist größer, sodass man sich die Tüte im letzten Moment vom Kopf reißt. Es sei denn, die Frau stand unter Betäubungs- oder Rauschmitteln. Das werden wir später feststellen.«

»Wie lange ist sie schon tot?«

»Der Exitus trat vermutlich gestern Abend zwischen 21:00 und 23:00 Uhr ein. Und gleich zu Ihrer nächsten Frage: Es gibt keine Abwehrspuren oder fremde DNA unter ihren Nägeln.«

»Was wieder den Freitod ins Spiel bringt, nicht wahr?«

»Wenn Sie meinen …«

»Wir werden gleich mal den Bruder befragen, ob Frau Kühn womöglich depressiv war. Komm, Konny, vier Augen sehen mehr.«

Robert Kühn, ein eher unscheinbarer Mann, Mitte vierzig mit Halbglatze, saß wie ein Häufchen Elend in der Sofaecke.

»Ich kann es noch gar nicht fassen, dass Moni nicht mehr da ist«, sagte er mit gepresster Stimme, als Valerie und Konstantin sich vorgestellt hatten.

»Hatten Sie ein gutes Verhältnis zu Ihrer Schwester?«

»Doch, zwei graue Mäuse, die von der Natur nicht gerade mit Schönheit oder Charisma bedacht worden sind. Nur habe ich mich längst damit abgefunden, dass mich keine haben will. Im Gegensatz zu Moni, die verzweifelt einen Partner gesucht hat. Dabei biederte sie sich mitunter regelrecht an. Umso größer war dann die Enttäuschung über die Zurückweisung.«

»War Ihre Schwester depressiv, Herr Kühn?«, fragte Valerie.

»Ja, zumindest zeitweilig. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt, sagt man. Ich glaube, man nennt das manisch depressiv.«

»War sie in psychotherapeutischer Behandlung?«

»Nein, dazu war sie zu stolz. Sie meinte, sie teile nur das Schicksal vieler unfreiwilliger Singles.«

»Wissen Sie, ob sie in irgendwelchen Chatrooms oder auf Singlebörsen unterwegs war?«

»Nicht dass ich wüsste. Sie hielt nicht viel von dieser anonymen Kontaktaufnahme. Ich habe noch gesagt, wenn sie warte, dass jemand bei ihr klingelt …« Robert Kühn brach die Stimme.

»Geht’s wieder?«, fragte Valerie. »Sollen wir einen Arzt kommen lassen?«

»Nein, danke. Ich musste nur daran denken, dass sie wahrscheinlich ihren Mörder in die Wohnung gelassen hat.«

»Halten Sie einen Suizid für ausgeschlossen?«, fragte Konstantin. »Ich meine, wenn sie depressiv war …«

»Ich denke, so weit war sie noch nicht. Dazu hat sie viel zu sehr gehofft, doch noch jemanden zu finden. Sie hat sich nur immer in die Falschen verliebt. Ihren Arzt zum Beispiel. Ich habe noch gesagt, wenn der auf das Werben jeder Patientin eingehen würde, hätte er viel zu tun. Lächerlich, außerdem glaube ich, dass der schwul ist. Aber sie hat sich so in ihre Fantasien verstiegen …«

»Warum sind Sie heute hier, und wie sind Sie hereingekommen?«, wollte Konstantin wissen.

»Ich habe einen Schlüssel, für alle Fälle. Und gestern war Monika in keiner guten Verfassung. Sie hat die ganze Zeit geweint, wollte aber nicht, dass ich komme. Heute Morgen hat mich dann ein ungutes Gefühl beschlichen. So etwas gibt es doch unter Geschwistern. Der Volksmund nennt das die Stimme des Blutes, glaube ich.«

»Ja, wenn man so verbunden war, wie Sie beide … Und Ihr Gefühl hat sie nicht getrogen.« Valerie räusperte sich. »Halten Sie es für möglich, dass Frau Kühn jemanden kennengelernt und Ihnen nichts davon erzählt hat? Wegen dem Blumenstrauß in der Küche …«

»Daran habe ich auch schon gedacht. Alleine hätte sie sich niemals weiße Lilien gekauft. Sie meinte, das wären Totenblumen.«

»Meine Rede, aber mir glaubt ja keiner«, sagte Valerie.

»Nur weil ein gewisser Herr Helm von der KTU Zweifel angemeldet hat, heißt das nicht, dass alle so denken, werte Kollegin«, feixte Konstantin.

»Danke, werter Kollege. Das beruhigt mich doch etwas. Also, Herr Kühn, wir versprechen, unser Möglichstes zu tun, um den Fall recht bald aufzuklären. Auch damit Sie etwas ruhiger schlafen können.«

»Danke, aber jetzt, wo Moni … Jetzt habe ich niemand mehr.«

»Verlieren Sie nicht den Mut. Das Leben hält immer eine Überraschung bereit. Irgendwo gibt es bestimmt eine Frau, die Ihre Nähe zu schätzen wüsste. So übel sind Sie doch gar nicht. Wenn ich nicht in festen Händen wäre …«

»Sehr freundlich, dass Sie das sagen. Aber ich habe einen Spiegel und weiß, wie ich auf Frauen wirke.«

»Es gibt Frauen, die das Äußere eines Mannes nicht überbewerten. Aus einer schönen Schüssel kann man nicht essen, um es mit den Worten meines verstorbenen Mannes zu sagen.«

»Ach, Sie sind in Ihren Jahren schon Witwe? Das tut mir leid.«

»Das muss es nicht. Auch wenn ich es nicht für möglich gehalten hätte, aber inzwischen bin ich wieder verliebt, und sogar tüchtig.«

Konstantin grinste über alle vier Backen, enthielt sich aber jeglichen Kommentars.

In diesem Moment sah Valerie René Temme auf dem Korridor. »Einen Moment, bitte, Kollege. Habt ihr ein Handy oder einen Laptop gefunden?«, fragte sie.

»Beides, sind bereits sichergestellt.«

»Nun, da würden wir gerne einen Blick drauf werfen, nicht wahr, Konstantin?«

»Aber immer. Wenn du die Passwörter knacken kannst ...«

»Das wird nicht nötig sein«, mischte sich Temme ein. »Das Passwort für den Laptop hat sie unten auf den Boden des Laptops geklebt, wie so viele. Und das für das Handy bzw. Smartphone haben wir bei den Unterlagen für das Gerät gefunden.«

»Los, Konny, an die Arbeit!«

»Aye, aye, Sir … äh, Lady. Wer macht was?«

»Du das Handy und ich den Laptop. Habt ihr auch die Zugangsdaten für ihre Mailadresse gefunden, René?«

»Yep. Ist alles in der Tüte.«

Konstantin gab bald einen Unmutslaut von sich. »Mist, in den letzten Stunden und Tagen hat sie keine Nachrichten erhalten. Vielleicht hast du mit dem Mail-Office mehr Glück.«

Valerie brauchte nicht lange zu suchen. Bei den gesendeten Mails gab es mehrere an drei verschiedene Männer. Einen Thomas, einen Gerd und einen Klaus. Mit allen hatte Monika Kühn mehr oder minder vergeblich versucht, Kontakt aufzunehmen. Dabei war sie nicht davor zurückgeschreckt, sich regelrecht anzubieten.

»Das ist interessant«, sagte Valerie. »Dieser Klaus hat ziemlich genervt reagiert und sich jeglichen weiteren Kontakt verbeten. Ich zitiere: „Hör endlich auf, mir auf den Sack zu gehen. Auch wenn du dir mehr mit uns vorstellen kannst, mir geht es nicht so. Ich stehe nicht auf säuerliche Fräulein mit Hormonstau. Kauf dir einen Dildo oder ein Haustier. Wenn du mich weiter nervst, werde ich entsprechende Schritte unternehmen.“ Zitat Ende. Wie gemein. Das hätte man auch netter formulieren können.«

»Scheinbar war das Maß voll. Wir müssen unbedingt herausfinden, wer dieser Klaus ist. Vielleicht ist er gestern hier aufgekreuzt und hat seinen Worten Taten folgen lassen.«

»Ja, ich mache gleich eine Anfrage bei der Telekom. Auch über diesen Thomas und diesen Gerd. Die sind zwar weniger ausfallend geworden oder haben einfach nicht mehr reagiert, aber man kann nie wissen, ob nicht heimlich die Wut in ihnen hochgekocht ist.«

Valerie zückte ihr Handy.

»Wen rufst du an?«, fragte Konstantin.

»Schmidtchen, damit sie Bescheid weiß … Hallo, ich bin`s, Valerie. Du, wenn der Alte nach uns fragt, wir sind bei einem neuen Fall. Und weil man uns vor dem Frühstück geweckt hat, holen wir das jetzt erst mal nach.«

»Guten Appetit. Ich werde es ausrichten. Nicht das mit dem Frühstück, nur das mit dem Fall. Bringt mir doch ein Schoko-Croissant für später mit. Und Heiko wird sich bestimmt auch über eins freuen.«

»Okay, bis später!«

»Die Gute, denkt immer gleich auch an andere.«

Schmidtchen, genauer gesagt Marlies Schmidt, war die gute Seele der Abteilung. In ihrer Eigenschaft als Kriminalassistentin scheute sie nicht davor zurück, sich auch mal als Lockvogel zur Verfügung zu stellen. Das wäre zweimal fast schief gegangen. Deshalb untersagte ihr „der Alte“ aufs Schärfste weitere Aktivitäten.

Die beiden Hauptkommissare hatten noch die Nachbarn von Monika Kühn befragt, aber wie üblich, wollte niemand etwas gehört oder gesehen haben. Nachdem sie den Tatort verlassen hatten, aßen sie in einer Bäckerei frische Brötchen mit Rührei und tranken Kaffee aus der Maschine dazu. Der war freilich nicht so gut wie der aus der Maschine in der Abteilung, der allgemein Anklang fand, aber man konnte auch diesen durchaus trinken.

»So, du stehst also heimlich auf unscheinbare Männer mit Halbglatze«, sagte Konstantin.

»Ja, wusstest du das nicht? Die haben so etwas Gemütliches«, ging Valerie auf den Spaß ein.

»Gut zu wissen. Dann bin ich wohl ein Fehlgriff.«

»Genau, aber man kann eben nicht alles haben.«

»Hexe …«

»Schnapp wieder aus. Mir tat der arme Herr Kühn nur so leid.«

»Schon klar. Was denkst du? Ist der Täter unter den Mailschreibern? Sollten wir mal auf Anhieb Glück haben?«

»Warum nicht? Ein blindes Huhn trinkt auch mal einen Korn.«

»Sollten wir mal den Arzt in Augenschein nehmen?«

»Ich glaube. Das lohnt nicht. Wie der Kühn schon sagt, wenn der allen notgeilen Patientinnen nachgeben würde … Außerdem soll er doch schwul sein.«

»Dann sollten wir Heike mal vorbeischicken.«

»Du sollst das lassen, Heiko Heike zu nennen. Das hat er nicht verdient. Außerdem wenn er nicht das Feld geräumt hätte, hättest du nicht einziehen können.«

»Das hat er nicht aus Menschenfreundlichkeit getan, sondern weil er mit seinem Lover zusammenziehen wollte, dem dein Haus nicht fein genug war.«

»Schwule Männer haben eben eine eigene Vorstellung von Wohnqualität.«

»Das scheint auf Heiko nicht zuzutreffen. Soviel ich weiß, hat der sich bei dir sehr wohl gefühlt.«

Die Rede war von Heiko Wieland, seines Zeichens Kommissar und Kollege von Valerie und Konstantin. Der war von seinem damaligen Freund Fabian unsanft vor die Tür gesetzt worden, weil dieser sich neu verliebt und die gemeinsame Wohnung am Kaiserdamm aufgegeben hatte. Valerie, in tiefer Trauer um Hinnerk, war nur allzu froh gewesen, das große, leere Haus mit jemandem teilen zu können. Und es war recht gut gegangen mit den beiden. Heiko hatte die obere Etage bezogen, konnte sich also jederzeit zurückziehen, war aber trotzdem in der Nähe. Bis Valerie ihn auf einen Verdächtigen angesetzt hatte. Und was niemand ahnen konnte, sie waren tatsächlich ein Paar geworden, denn zu Heikos großer Erleichterung hatte sich der Verdacht gegen Arne Holm als falsch erwiesen. Der wahre Täter war der Kollege von Arne, Michael Schweitzer gewesen.

Als Valerie und Konstantin mit leichter Verspätung ins Präsidium kamen, bedankten sich Marlies und Heiko zwar für die Croissants, deuteten aber mit rollenden Augen auf die Tür zum Flur.

»Der Alte scharrt schon mit den Hufen«, sagte Heiko. »Ihr sollt gleich rüberkommen.«

»Hast du denn nicht gesagt, wo wir sind, Schmidtchen?«

»Doch, aber ihr wisst doch, wie er ist.«

Dr. Paul Zeisig saß mit strenger Miene hinter seinem Schreibtisch.

»Ich höre, es gibt einen neuen Fall? Warum informieren Sie nicht mich, sondern Frau Schmidt?«

»Wir dachten, wir würden noch rechtzeitig hier sein«, sagte Konstantin kleinlaut.

»Du kannst das Büßergewand wieder ausziehen. Schließlich hat man uns in aller Herrgottsfrühe aus dem Schlaf geholt.«