Kurdische Märchen und Volkserzählungen - Jemal Nebez - E-Book

Kurdische Märchen und Volkserzählungen E-Book

Jemal Nebez

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Beschreibung

Nur wenige Märchensammlungen weltweit widmen sich ausschließlich kurdischen Märchen und Volkserzählungen; und die gemischten Sammlungen enthalten sie eher selten. Oder weisen sie als solche nicht aus. So war die Situation 1972, als diese Sammlung (inzwischen längst vergriffen) als Print-Buch erschien. Nun als E-Book ist diese Sammlung immer noch eine Rarität, zumal keines der zwanzig enthaltenen Beispiele kurdischer Volksliteratur bisher in einer anderen Sammlung enthalten ist. Der Herausgeber, Jemal Nebez, hat als Orientalist und Kurdologe gut gewählt und getreu übersetzt. Er scheute als Neuzugereister im deutschen Sprachraum keine Mühe, die Kultur seines Volkes in Europa bekannt zu machen. Dazu gehört auch, dass er für diese Sammlung kurdischer Märchen und Volkserzählungen eine annotierte Einführung verfasst und im Anhang weitere Spezialhinweise bereitgestellt hat. Wer ein weiter gehendes Interesse am kurdischen Kulturgut und orientalischer Volksliteratur hat, wird diese kenntnisreichen Hinweise sicherlich zu schätzen wissen. Die gewählten Beispiele kurdischer Volksliteratur sind allesamt leicht und eingängig zu lesen, auch vorzulesen, sechs sind durch Zeichnungen detailreich illustriert. Märchenliebhaber und Kinder ab 8 Jahre werden ihre Freude haben.

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Seitenzahl: 243

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IMPRESSUM

Dr. Jemal Nebez

دکتۆر جەمال نەبەز

Steuer-Nr.: 24/453/61375

✍ Anschrift für Post: P.F. 311044, 10640 Berlin

✉ E-Mail: postmaster[at]jemalnebez.org

Dieses Buch wird mit dem Kindle von Amazon, dem Tolino und mit IBooks von Apple und Microsoft Edge korrekt angezeigt. Bei gravierenden Darstellungsfehlern, wie zum Beispiel in der gegenwärtigen Version (2017) von Adobe Digital Editions, versuchen Sie bitte eine andere Schriftart zu verwenden oder die Software Ihres Readers zu aktualisieren.

Inhalt

IMPRESSUM
Inhalt
Vorbemerkung zum E-Book 2018
Einführung des Autors und Herausgebers
Einleitung
Direkt zu manchen der ausgewählten kurdischen Märchen
Zu den Volkserzählungen
Schlussbemerkung und Danksagung
~ Die schlaue Witwe ~
~ Wie man böse Geister los wird ~
~ Die Schlauheit der Frauen ~
~ Firr und Tirr ~
~ Was für ein Meter? Was für ein Stoff? ~
~ Die rote Braut ~
~ Glaube nicht alles, was du hörst ~
~ Ein Dach und zwei Wetter ~
~ Der Pechvogel ~
~ Tischfreund und Lebensfreund ~
~ Die Schlange des Scheichs Omar ~
~ Gott ist größer als Sultan Machmud ~
~ Bargird und Fargird ~
~Bakhtyar und Badbakht ~
~ Der Korbverkäufer ~
~ Der Kurde und der falsche Richter ~
~ Der Malla und die Wespen ~
~ Worte sind keine Steine, die man einfach wirft! ~
~ Meister Pirots letztes Abenteuer ~
Anmerkungen zur Einführung
Anmerkungen zu den übersetzten Texten
Literaturverzeichnis
Chronologischer Kommentar zum Literaturverzeichnis
Einige Abkürzungen
Zur Schreibung, Aussprache und Transkribierung
Hinweise zur Transkribierung im Anmerkungsapparat:
Das Schreiben des Kurdischen in lateinischer Schrift
Kurdische Namen und Worte, die in den Texten vorkommen
Linguistische Analyse
Weitere Veröffentlichungen des Verfassers
Doris Feyerabend
Doris Feyerabend Illustrationen
Vorbemerkung zur Printveröffentlichung 1972
Ursprüngliches Innencover der Printveröffentlichung 1972
Logo des Herausgebers auf der dritten Innenseite der Printveröffentlichung 1972

Vorbemerkung zum E-Book 2018

Nur wenige Märchensammlungen weltweit widmen sich ausschließlich kurdischen Märchen und Volkserzählungen; und die gemischten Sammlungen enthalten sie eher selten oder weisen sie als solche nicht aus. 

Diese Sammlung enthält zwanzig davon. Sie sind zumeist erstmals in Deutsch veröffentlicht, und auch sonst in keiner weiteren europäischen Sprache zu haben. 

Der Herausgeber und Autor, Jemal Nebez, hatte als Neuzugereister im deutschen Sprachraum den Wunsch verspürt, die Kultur seines Volkes unter den Deutschen bekannt zu machen. Entsprechend forschte er nach unveröffentlichten kurdischen Märchen und Volkserzählungen und übersetzte sie ins Deutsche. 

Nachdem die Printveröffentlichung 1972 schon lange vergriffen ist, liegt das Buch nun nahezu unverändert als E-Book vor. Neben den eigentlichen Märchen und Erzählungen enthält es eine kurze einordnende Einführung des Autors und Herausgebers: sowohl in den Gegenstand als auch zu den einzelnen ausgewählten Texten. Diesen Teil des Buches werden alle diejenigen zu schätzen wissen, die ein ausgeprägtes Interesse an Volksliteratur haben oder sich besonders für kurdische Kultur interessieren. Nach wie vor sind auch die schönen Illustrationen enthalten, die schon die Printveröffentlichung geschmückt haben. Hinzugekommen sind ein Foto der Illustratorin Doris Feyerabend sowie eine Auflistung ihrer Illustrationen. 

Die Einführung des Autors und Herausgebers ist im besten Sinne wissenschaftlich-orientalistisch geschrieben, die kurdischen Märchen und Volkserzählungen sind dagegen im allgemeinverständlichen und eingängigen Deutsch verfasst. Kinder haben in den liebevoll detaillierten Illustrationen viel zu entdecken. Die Märchentexte sind nicht nur leicht zu lesen, auch leicht vorzulesen. Sie sind geeignet für Kinder ab 8 Jahre. 

Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass es Jutta Neuendorffs Initiative zu verdanken ist, dass dieses Buch nun als E-Book vorliegt. Sie hat sie zum Tragen gebracht, nachdem sie Ihrem Enkel Adrian das eine und andere Märchen daraus vorgelesen hat und er ein anhaltend waches Interesse zeigte.  

Hanne Küchler, www.hkberlin.de

Berlin, im November 2018

Einführung des Autors und Herausgebers

Einleitung

"Es war einst und war doch wieder nicht. Niemand war größer als Gott, und niemand war schmachvoller als der Mensch. Der KOSA(1)starb, aber er hatte kein Leichenhemd. Er wurde fortgetragen, aber (es gab) keinen Platz für sein Grab. Er wurde hingestellt, aber er hatte keinen Weg. Er wurde in eine Wandnische gelegt, aber seine Augen waren starr. Er wurde an die Zimmerdecke gehängt (wörtl. gelegt), aber er grinste boshaft. Er wurde in eine Scheune gelegt, aber die Scheune stürzte ein. Sie sagten: "Du, Scheune, warum bist du eingestürzt?" Sie antwortete: "Aber warum wächst Gras auf meinem Grund?" Sie sagten: "Du, Gras, warum wächst du auf ihrem Grund?" Das Gras antwortete: "Aber warum knabbert die Ziege meinen Kopf ab?" Sie sagten: "Du, Ziege, warum knabberst du seinen Kopf ab?" Die Ziege sagte: "Aber warum starrt mich der Wolf so an?" Sie sagten: "Du, Wolf, warum starrst du sie an?" Er sagte: "Aber warum verscheucht mich der Hirt?" Sie sagten: "Du, Hirt, warum verscheuchst du ihn?" Er sagte: "Aber warum lässt mich meine Großmutter nicht melken gehen?" Sie sagten: "Du, Großmutter, warum lässt du ihn nicht melken gehen?" Sie sagte: "Aber warum schleckt die Maus das Mehl aus meinem Mörser fort?" Sie sagten: "Du, Maus, warum schleckst du das Mehl aus dem Mörser fort?" Sie sagte: "Aber warum starrt mich die Katze an?" Sie sagten: "Du Katze, warum starrst Du sie an? Die Katze sagte: "Den Kot von Ala(2) in meinen Bart, wenn ich noch länger hier bleibe! Ich (für mein Teil) gehe (jetzt) in die Stadt Teheran und rauche dort Luxus-Zigaretten".

Mit dieser "Frage-Antwort-Litanei", in der niemand mit dem verdammten "KOSA" etwas anzufangen weiß und jeder die Verantwortung dem nächsten zuschiebt, bis endlich die diplomatische Katze dem Ganzen ein Ende bereitet, leiteten die Erzähler in Kurdistan ihre Märchen ein. Der Beginn dieses altüberlieferten kurdischen Textes(3) steht in Reimprosa und enthält ursprüngliche, volkstümliche Ausdrücke.

Die Märchen und Volkserzählungen werden in Kurdistan meist von alten Frauen erzählt. Diese bewahren nicht nur die reine kurdische Sprache, sondern sie stellen auch eine wertvolle Quelle für die mündliche Überlieferung der kurdischen Literatur im Allgemeinen dar. Da die Frauen nur wenig mit fremden Kulturen in Berührung kommen (im Gegensatz zu den Männern, bei denen dieses allein schon durch ihre Wehrdienstpflicht bei den Staaten, die Kurdistan aufteilen, geschieht), ist eine Reinerhaltung des Sprachgutes gut möglich. Die Frauen bemühen sich im Besonderen um diesen Zweig der Literatur, weil sie mit Hilfe seiner die Kinder unterhalten und erziehen können. Die Sagen "Dâstân" und Epen "Naward" werden dagegen vorwiegend von Männern erzählt, weil ihr Inhalt Kriege und Abenteuer darstellt.    

Früher gab es Kaffeehäuser "Qâwaxâna" oder Teehäuser "Čâkhâna", in denen sich abends immer ein Geschichtenerzähler "Čîrokbêj" oder ein Sagenerzähler "Dâstângêr̂awa" aufhielt. Er saß auf einem Stuhl, und um ihn herum im Dämmer lauschten andächtig die Versammelten. Ein Öllämpchen verbreitete milden Schein und flackerte auf, wenn ein leichter Windhauch durch die Rauchöffnung im Dach wehte. Vereinzelt huschte ein Schatten der Lauschenden über die Wände und das Brodeln der Wasserpfeife mischte sich harmonisch mit dem lieblichen Gesang der Nachtigallen. Den lehmgestampften Boden bedeckten buntgewebte Teppiche. In der Ecke zwischen Steinen glomm die letzte Glut. So kamen die Leute gesellig zusammen und genossen das Zuhören, während sie aus winzigen Gläschen Tee tranken. Nach beendeter Erzählung diskutierten sie miteinander über ihre Probleme und tauschten Neuigkeiten aus. Hier wurden soziale Kontakte gepflegt.

Der Erzähler endete dann mit folgendem Spruch: "Ich kam auch zurück, aber sie haben mir nichts gegeben!"(4) oder: "Ein Strauß Rosen und ein Strauß Narzissen, möge ich Euren Tod nie erleben!(5).

Direkt zu manchen der ausgewählten kurdischen Märchen

In den kurdischen Märchen stehen wie bei den Märchen anderer Völker übernatürliche Wesen und ihre Kräfte im Mittelpunkt, wie Elfen "Parî", Geister "Ğinoka", Teufel "Šaytân", Dämonen "Dêw", oder mit ungewöhnlichen Fähigkeiten und Kräften begabte Menschen, die imstande sind, Übermenschliches zu vollbringen.

Die meisten kurdischen Märchen befassen sich mit der Unterdrückung des Menschen durch den Menschen, wobei es einem Erlöser in Gestalt eines Menschen, eines Geists oder in Gestalt von Dämonen gelingt, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Als Beispiel sei hierfür "Die rote Braut" genannt: Neid und Bosheit (die Stiefmutter) unterdrücken das Gute und Menschliche und wollen Âskol gar vernichten. Hier schaltet sich die rettende Dämonin ein. Sie zieht Âskol gleichsam "am Faden" zu sich. Nach einem Begrüßungsritus, der vielleicht einen Zusammenhang mit der Verehrung von Fruchtbarkeitsgöttinnen hat, soll Âskol eine Höflichkeitsgeste zeigen. Dann wird ihr aufgetragen, wachsam zu sein. Als sie dies erfüllt hat, verleiht ihr die Dämonin unübertreffliche Schönheit. Obwohl die böse Stiefmutter Âskol verstecken will, erblickt sie der Sohn des Schahs und verliebt sich unsterblich in sie. Sie heiraten, und als die böse Stiefmutter Âskol endgültig vernichten will, wird sie von ihrem Gatten gerächt. Der Segen der Dämonin zieht sich durch das ganze Märchen. Bemerkenswert ist das sanfte Eingreifen der Dämonin und die Klugheit, mit der sie straft. Hier, wie in anderen kurdischen Märchen, ist der Dämon (Dêw) kein boshaftes Wesen, sondern wird positiv gesehen. Zu bedenken ist, daß die Kurden vor der Islamisierung Kurdistans vorwiegend Zoroastrier gewesen waren. Der Prophet Zarathustra(6) hat den "Dêw/v", den man früher als "Gott" betrachtete, verflucht und ihn als einen boshaften Teufel bezeichnet. Diese gute Eigenschaft des Dämonen, die in den kurdischen Märchen klar zu sehen ist, trotz seines boshaften Wesens, ist m.E. ein Rest aus altindoiranischer, vorzoroastrischer Zeit und nicht dem Zufall zu verdanken.

Das Märchen "Wie man böse Geister los wird" ist ein anderes Beispiel. Hier wird einem Schafhirten das Leben von seiner Frau Rose "Gulê" schwer gemacht. Der Wirt sucht sich ihrer zu entledigen und bringt sie dabei versehentlich bei einem Dämonen an. Der Dämon wird nun seinerseits unterdrückt, verspürt aber keine Rachegelüste gegenüber dem Schafhirten, sondern nur Mitleid. Er gibt ihm sogar einen - allerdings mit einer Bedingung verknüpften - freundschaftlichen Rat. Das Märchen parodiert die Bosheit und Herrschsucht mancher Frauen in Kurdistan.

In manchen Märchen wird das "Gute" nicht durch einen Dämon, sondern durch einen "Heiligen" verkörpert. Solche Märchen handeln oft von "Xidir-î Zindû", dem unsterblichen Xidir(7), der ungewöhnlich mächtig und mitfühlend ist. Er bleibt meist unsichtbar und zeigt sich nur manchmal den Armen und Unterjochten, die seiner Hilfe bedürfen. Nach vollbrachter Tat verschwindet er so plötzlich, wie er erschienen ist. 

Ein Beispiel haben wir in dem Märchen "Firr und Tirr": Xidir-î Zîndû, hier in Gestalt eines Bärtigen, setzt sich für einen armen, hungrigen Mann ein und bewirkt ein Wunder, als sein Appell an die Menschlichkeit eines in der Gunst des Schicksals Stehenden nichts fruchtete. Die Menschen folgen ihm und er erprobt die Standfestigkeit ihres Glaubens. Um ihnen ihre Schwächen drastisch vor Augen zu führen, erteilt er ihnen schließlich eine Lehre und verschwindet dann auf Nimmerwiedersehen.

Dieser Xidir-î Zîndû, der auch manchmal bedürftigen Reisenden erscheint, ihnen den Weg zeigt und sie vor Gefahren schützt, soll als "Erlöser" eines Tages die Welt vom "Bösen" reinigen. Obwohl manche Moslime (z.B. die Schiiten) ebenfalls an einen solchen "Erlöser" glauben, ist der Begriff des Erlösers unter den Kurden älter als der des Islam. Er ist eine uralte Gestalt im Glauben der Kurden und anderer Iraner und hat seinen Ursprung in der zoroastrischen Religion. Diese lehrt, dass Ahriman(8) alles Böse auf Erden verursacht, aber dass eines Tages ein Mann mit Namen "Saoshyant" aus dem Geschlecht des Propheten Zarathustra erscheinen wird, um die Welt zu befreien. Der Glaube an einen Erlöser hat Parallelen in vielen Religionen, wie der Glaube an den Messias bei den Juden, an Christus bei den Christen und an Mahdî(9) bei den schiitischen Moslims, um nur einige zu nennen.

Zu den Märchen mit Anlehnung an Religiöses gehört auch "Bargird und Fargird": Über die reiche, angesehene Familie eines Stammesführers kommt plötzlich großes Unheil, das von manchen als Strafe des Himmels angesehen wird. Alle Menschen wenden sich ab, und Fargid hört im Traum eine geheimnisvolle Stimme, die ihm sagt, er solle sieben Jahre lang in sieben Paaren eiserner Schuhe umherwandern, sieben Sachen wechseln und sieben gute Taten vollbringen. Fargird befolgt diesen Rat und nimmt alle erdenklichen Strapazen auf sich, um das Unglück von seiner Familie abzuwenden. Endlich, als er am Ende seiner Kräfte angelangt ist, kommen einige Ritter, die von seinem inzwischen geheilten Bruder, dem Stammesführer Bargird, ausgesandt wurden, um ihn zu suchen. Fargird übernimmt wieder die Regentschaft, und Bargird steht ihm zur Seite.

In diesem Märchen klingen viele Motive an: unverbrüchliche Treue zur Familie, der Glaube an geheimnisvolle Zauberkräfte, symbolisiert durch magische Zahlen und Taten, und die Bereitschaft, das "Kreuz" für die anderen auf sich zu nehmen, um sie zu retten.

In dem Märchen "Der Korbverkäufer" tritt ein König nach naiven Überlegungen über sein Amt zurück, als er sieht, dass seine Macht beschränkt ist. Er begibt sich aus der gesicherten, beherrschenden Stellung in die ungesicherte, ausgelieferte eines Korbverkäufers. Eine Königin will ihm Liebe und Reichtum schenken, aber er lehnt beides ab. Dann geschehen einige Wunder, die viele Menschen an seine göttliche Sendung glauben lassen, und sie bekehren sich zum "Islam". In diesem Märchen sind ethische Prinzipien der zoroastrischen Religion mit islamischen Prinzipien vermischt. Wahrscheinlich ist der Stoff des ersten Teiles wesentlich älter als der folgende mit islamischen Tendenzen, der vielleicht später hinzugefügt wurde. Zu Ende des Märchens betet der alte Korbverkäufer, dass er und seine zweite Frau wieder jung werden mögen. Gott erhört sein Gebet, und beide werden in das Alter von 14 Jahren zurückversetzt. Solche erhörten Gebete findet man ebenfalls in einem anderen in Nordkurdistan bekannten Märchen "Wêsif û Zilêxâ"(10).

Wir kommen jetzt zu den bekannten Märchen, worin den Tieren Menschensprache in den Mund gelegt wird und ihre Erlebnisse zum Schluss in einem Weisheitsspruch zusammengefaßt sind. Solche heißen in Kurdistan "Çîrok-î bamânâ" oder "Çîrok-î batökil" (symbolische Märchen). Sie wurden besonders dann häufig erzählt, wenn das Land unter dem Druck fremder Gewaltherrschaft stand und eine freie Meinungsäußerung nicht möglich war. Fabeln heißen auch "Kindermärchen". Der verstorbene kurdische Kinderlehrer Nacim (Nağim) ad-dîn Malâ aus Sulaimânî war ein guter Erzähler von Kindermärchen. Er veröffentlichte in den Jahren 1953-56 in der kurdischen Wochenzeitung "Jîn" (Das Leben) eine Reihe solcher Fabeln, die nationale Empfindung ausdrückten. Ein Beispiel dieser Art ist "Glaube nicht alles, was du hörst", das die Leichtgläubigkeit darstellt.

Das Märchen "Bakhtyar und Badbakht" handelt von der Gesellschaft bzw. dem hierarchisch geordneten Leben der Tiere. Sie betrachten den Menschen als ihren offensichtlichen Feind, und ihr Oberhaupt lässt sich vom Fuchs einen Rapport über die Neuigkeiten vorlegen. Baxtiyâr, der ein gutes Herz hat, nimmt einer Maus behutsam Goldstücke ab, mit denen sie spielt, gelangt dadurch zu großem Reichtum und bewirtet davon in seinem Haus alle Bedürftigen. Obwohl sich sein Bruder sehr niederträchtig gegen ihn verhalten hat, bewahrt er ihm noch immer einen Platz in seinem Herzen und in seinem Haus. Als dieser endlich ganz verarmt und heruntergekommen seinen Palast betritt, will Bakhtiyâr mit ihm sein Vermögen teilen. Badbakhts Gier aber ist groß, und er schleicht zu dem Versammlungsort der Tiere, um dort zu Geld zu gelangen. Die Tiere sind empört über den schon begangenen Raub. Sie suchen nach einem weiteren mutmaßlichen Lauscher, finden dabei den habgierigen Badbakht und zerreißen ihn.

Viele Märchen und Fabeln sind mit kurdischen Sprichwörtern und Gedanken verbunden. Den Sinn eines Sprichwortes illustriert die Geschichte von "Scheich Homars Schlange". "Şêx Homar"(11), der sehr liebevoll zu allen Lebewesen ist, rettet die Schlange mit seinem Stock vor dem Verbrennungstod. Die Schlange jedoch greift ihn an und will ihn töten. Homar kann sie dazu bewegen, einige Tiere über d e n Fall entscheiden zu lassen. Alle verurteilen das Benehmen der Schlange, sie aber will sich nicht fügen. Zuletzt kann der schlaue Fuchs die Schlange überlisten und sie mit dem Stock Homars töten. Er sagt zu dem Scheich: "Sei zu Schlangen niemals freundlich, richte Schlangen immer mit dem Stock!"(12).

"Mâraka-y Şêx Homar" (Scheich Homars Schlange) zitiert man in Kurdistan als Beispiel für Undankbarkeit. Dieses Märchen hat eine Ähnlichkeit mit einem indischen Märchen: Ein mitfühlender Brahmane befreit einen Tiger aus seinem eisernen Käfig. Dieser, kaum in Freiheit, will den Menschen fressen. Man ernennt fünf Tiere zum Richter über ihn, vier davon wollen den Mann töten, weil die Menschen sehr grausam gegen die Tiere sind. Zuletzt befreit der Fuchs den Inder und bringt den Tiger wieder in den Käfig. Die Ähnlichkeit, die man einerseits bei kurdischen und andererseits bei indischen Märchen findet, ist kein Zufall und stellt m.E. auch keine Übernahme dar, sondern hat ihre Wurzeln in der indoiranischen Gemeinsamkeit.

Zu den Volkserzählungen

Erwähnenswert ist, dass die kurdische Volksliteratur sehr oft in Gedichtform geschrieben ist. Das gilt insbesondere für die Volkserzählungen. Die Kurden haben ihre Epen, Erzählungen, auch manche Märchen, wie Dramen gestaltet. Es sind auch einige Sprichwörter und Redensarten in Reimform überliefert (13). Die in dieser Sammlung enthaltenen Volkserzählungen sind allerdings weitgehend reimlos nacherzählt. Anders als bei den Märchen, die oft auch von Geistern, Dämonen oder Tieren handeln, stehen bei den Volkserzählungen die menschlichen Gefühle, Probleme und Leidenschaften im Mittelpunkt. Sie behandeln Liebe und Leid, Treue und Tapferkeit. Ein gutes Beispiel für diese Kategorie ist die Liebesgeschichte "Mam û Zîn", das sogenannte kurdische "Romeo und Julia", das alle kurdischen Charakteristika enthält. Der Stoff ist, wie auch Professor Oskar Mann bestätigte, sehr alt und ist fast als einzige Erzählung in ganz Kurdistan bekannt(14). Meiner Ansicht nach ist der Inhalt an eine andere Volkserzählung namens "Mam-ê Âlân"(15) angelehnt. Trotzdem besteht durchaus die Möglichkeit, dass sich eine ähnliche Liebesgeschichte tatsächlich abgespielt hat, die der kurdische Dichter und Gelehrte Ahmad-î Xânî (1650-1706) dann als Grundlage für sein Liebesdrama benutzte(16). Dieses Drama wurde durch die mündliche Überlieferung noch vielfach ausgestaltet. Noch heute gibt es ein Grab in Botân(17), das als Grab von "Mam û Zîn" bekannt ist, ebenso wie das Grab der Brüder "Nâsir û Mâlmâl"(18) in Gâgaš(19).

Auch wenn sich eine derartige Tragödie wie die von "Mam û Zîn" nach Ansicht mancher Forscher (wie z.B. Sacâdî)(20) zu Ende des 13. Jahrhunderts n.Chr. zugetragen haben mag, besteht kein Zweifel darüber, dass die ethischen Begriffe in eine frühere Epoche zurückgehen. Durch den Volksmund wurde die Erzählung "Mam û Zîn" dank ihrer Popularität zu einem Märchen umgestaltet(21).

Nicht nur Liebesgeschichten sind Inhalt von Volkserzählungen. Es gibt in der kurdischen folkloristischen Literatur ebenso Satiren und scherzhafte Erzählungen. Die kurdische Geschichte verzeichnet Komiker wie Aha-y Kur̂nû(22), Mâma Khama (Xama), Awlâ Mâmaš (Mâmash) und viele andere. Der Naturkomiker Bashîr Mushîr (1893-1963), dessen Name schon einen Reim bildet, hatte eine Überfülle von Phantasie und Einfällen. Ich kannte ihn sehr gut und wusste schon damals seinen Witz zu schätzen.(23)

Von seinen phantasievollen Gedankengängen will ich nur folgende kleine Geschichte erzählen:

Ich war einmal in seinem Geschäft in Bagdad. Herein kam ein Bekannter, der von Istanbul nach Teheran mit dem Auto gefahren war und begann, über die schlechte Straße zu klagen. Bashîr hörte sich das an und sagte dann: "Ich bin einmal denselben Weg per Schiff gefahren und das war sehr angenehm". Als ich einwandte: "Mâmostâ (d.h. Professor oder Gelehrter, wie alle ihn nannten), es gibt doch keinen Fluß zwischen Teheran und Istanbul", kam er überhaupt nicht in Verlegenheit. Gelassen erwiderte er: "Doch, als ich jung war, gab es einen großen Fluß zwischen den beiden Städten". Als ich fragte, wohin der Fluß verschwunden sei, antwortete er mit einem Seufzer: "Ach! Die bösen Engländer transportierten ihn nach dem Ersten Weltkrieg nach England und verwandelten alles in Öl. Diese Schweinehunde sind klug! Sie sind nicht so dumm wie wir Kurden ...".

In die Reihe "Satiren und scherzhafte Erzählungen" gehört die Erzählung "Die Schlauheit der Frauen". Hier macht sich eine kluge, aber ungebildete Frau über einen "zwölfwissenden Malâ"(24) lustig und spielt ihrem Gatten übel mit.

Die Erzählung "Der Malâ und die Wespen" handelt von einem kurdischen Stamm, der Religion nur als Tradition auffasst und nicht als Herzensangelegenheit. Ein Schäfer, der einzig auf das Wohl seiner Schafe bedacht ist, macht sich Gedanken, ob der Gebetsruf seinen Schafen Schaden bringen könnte. Der Stamm zeigt großen Eifer für die neue Religion, was wohl seinen Grund in der kurdischen Eigenart hat, an Neuem regen Anteil zu nehmen. Zu guter Letzt kann sich der Malâ nicht mehr retten und er entledigt sich der "Gläubigen" durch eine List.

"Meister Pîrots letztes Abenteuer" zeigt, wie die charaktervolle Frau des Kaufmannes mit Klugheit und Diplomatie die Freundschaft zwischen ihrem Gatten und "Meister Pîrot" erhält und gleichzeitig treu bleibt, während sie dem losen Vogel eine Lehre erteilt.

Den Märchen vergleichbar enthalten manche Volkserzählungen Lebensweisheiten, die zu Sprichwörtern wurden. So die Erzählung: "Worte sind keine Steine, die man einfach wirft". Bei dieser Erzählung stehen die Ratschläge eines alten, erfahrenen Mannes im Mittelpunkt. Er gibt seinen Rat, aber nur gegen das schwerverdiente und erarbeitete Vermögen des Beratenen. Er verlangt dies, um den Wert seines Rates ins richtige Licht zu stellen. Durch die guten Ratschläge bleibt dieser vor dem Erfrierungstod, vor irrtümlichen Beschuldigungen und sogar vor dem Mord an einem Unschuldigen bewahrt.

"Ein Dach, aber zwei Wetter" ist heute noch als Sprichwort gebräuchlich. Es stellt die mögliche Verschiedenartigkeit der Auslegung eines Gesetzes gegenüber verschiedenen Personen dar.

"Gott ist größer als Sultân Mahmûd" zeigt das Hervorgehen eines Sprichwortes aus einer offenbar sehr beliebten Erzählung. Fromme Gottergebenheit und Zuversicht stehen gegen Skepsis und die Vergeblichkeit der Behauptung des Schwachen gegen die Willkür eines Tyrannen. Zu guter Letzt zeigt die Erzählung die Allmacht Gottes, der den anscheinend unüberwindlichen Sultan sterben lässt und damit dem armen Tischler das Leben rettet.

Eine ähnliche Erzählung dieser Art ist "Der Pechvogel". Diese Erzählung hat den Glauben an Fatalismus zum Inhalt. Das vorherbestimmte Schicksal "Châranûs" (Çâranûs) ist in der orientalischen Seele tief verwurzelt. "Der Pechvogel" handelt davon. In tragikomischer Weise wird die Hauptperson wie mit einer unsichtbaren Hand von einer konfliktreichen Situation in die andere gestoßen. Dem "Pechvogel" gelingt es, sozusagen als letzte Rettung in der Not, die Verkörperung des Gesetzes, den Richter, in einer peinlichen Lage zu ertappen und durch eine kleine Erpressung das Schicksal an der Nase herumzuführen. Neben dem Glauben an ein determiniertes Schicksal vertrauen die Kurden auf eine Möglichkeit der eigenen Bestimmung(25).

Die Volkserzählungen über die Frauen sind sehr mannigfaltig. Die kurdische Frau spielt im Gegensatz zu vielen anderen orientalischen Frauen eine bemerkenswert aktive Rolle in der Gesellschaft. Diese Beobachtung machten zahlreiche Orientalisten und Reisende(26). Das soziale Leben, die geographische Lage Kurdistans und die Gefahren, von denen das Volk bedroht war, erforderten es, dass die Kurdin tapfer und tatkräftig wie ein Mann wurde. Die Kurdin verteidigte das Land mit der Waffe in der Hand und trug so zu ihrer Emanzipation wesentlich bei. Helmut von Moltke(27) beschrieb die Tapferkeit der kurdischen Frauen in Dersim (Tünceli), die gegen seine Armee kämpften. Die kurdische Gesellschaft zählt die Namen vieler Frauen mit Stolz auf, wie z.B. "Khânzâd" (Xânzâd)(28), die das Sorân-Fürstentum 13 Jahre lang regierte. Major Soane, ein englischer Gouverneur im Sulaimânî-Gebiet und bekannter Kurdologe, berichtet mit Bewunderung über die kurdische Führerin "Xânim-î Wasmân Pâšâ" (Lady Adela), die ihn vor einem Anschlag retten konnte(29).

Die Kurdin liebt den tapferen und fleißigen Mann. In der Erzählung "Die schlaue Witwe" z.B. will sich die Frau zwischen zwei Dieben entscheiden: "Ich bin die Frau desjenigen, der ein Meister seines Faches ist". Die Kurden betrachten im Allgemeinen die Frauen nicht als dumm, sondern achten ihre Klugheit und Schlauheit. Ein kurdisches Sprichwort sagt: "Ein Löwe aus dem Urwald bleibt Löwe, sei er männlich oder weiblich"(30).

Die Frau des Kaufmannes in der oben erwähnten Erzählung "Schlauheit der Frauen" wird durch einen Geistlichen, der ein Buch über seine schlimmen Erfahrungen mit Frauen schreiben will, so in ihrem Ehrgeiz und Übermut angestachelt, dass sie ihm arge Streiche spielt und sich von der ausgelassensten Seite zeigt. Nach diesen Erlebnissen hat der Malâ genug und schwört Stein und Bein, nie wieder etwas über Frauen zu sagen, weil sie ihm bewiesen habe, dass die Männer nicht klüger seien. Gleichzeitig aber gibt es Volkserzählungen, die von der Leichtgläubigkeit mancher Frauen handeln, als Beispiel sei genannt "Was für ein Meter, was für ein Stoff" (Gaz-î čî w gâw-î čî/ Gaz-î chî w gâw-î chî").

Die melancholische Erzählung "Der Kurde und der falsche Richter" handelt von dem Unglück, das einem Kurden durch den Betrug einer raffinierten Frau widerfährt. Später wird ihm von einer klugen und mitfühlenden Frau geholfen. Zu erwähnen wären noch die Volkserzählungen mit lehrhaftem Charakter wie "Tischfreund und Lebensfreund". Ein Vater führt seinem jungen, unerfahrenen Sohn mit Hilfe eines erdachten Unglücksfalles vor Augen, wie sich in der Not vermeintliche Freunde (Tischfreunde) von wahren Freunden unterscheiden(31).

Diese Erzählung zeigt deutlich kurdische Mentalität: Liebe des Vaters und die bedingungslose Treue des Freundes.

Schlussbemerkung und Danksagung

Die kurdischen Märchen, Volkserzählungen und andere folkloristische Überlieferungen sind bis heute noch nicht hinreichend wissenschaftlich erforscht. Es erfordert noch viele Untersuchungen auf dem Gebiet der Mythologie, Literaturwissenschaft und Linguistik. Deshalb bedeutet jedes Bemühen auf diesem Gebiet einen Fortschritt in der Beleuchtung vieler unklar gebliebener Vermutungen. Man kann annehmen, dass manche Spuren bis zur bewegten nomadischen Zeit zurückführen und Bezüge zur vorzoroastrischen und zoroastrischen Zeit herzustellen sind, sowie zur christlichen und islamischen Religion. Es erschwert die Aufgabe allerdings wesentlich, dass diese Literatur nur mündlich überliefert wurde und dass bisher nur in geringem Umfang Sammlungen angelegt wurden. Die politische Lage, in der sich das auf fünf Staaten aufgeteilte Kurdistan immer noch befindet, macht diese Arbeit nicht leichter. Man möchte es nicht glauben, aber bis vor wenigen Jahren wurden die Kultur und sogar die Existenz der Kurden als ein selbständiges Volk aus politischen Gründen bestritten. Trotzdem konnten manche Kurden und Orientalisten diese schwierige Situation relativ früh überwinden und schon Ende des 19. Jahrhunderts mit verschiedenen Sammlungen beginnen(32).

Die meisten Märchen und Volkserzählungen, die sich in diesem Buch befinden, werden zum ersten Male in einer europäischen Sprache vorgelegt. Es gibt auch einige (wie z.B. Firr und Tirr)(33), die ich selbst gesammelt habe. In der Übersetzung bemühte ich mich besonders, die Art des Denkens und die spezifischen Ausdrucksweisen der Kurden deutlich aufzuzeigen. Um kurdische Eigenheiten näher zu erläutern, hielt ich es für notwendig, manche Anmerkungen und Fußnoten anzubringen, die für Linguisten und Literaturwissenschaftler interessant sein können(34). Die kurdischen Namen und Wörter, die in den Texten der Märchen und Volkserzählungen vorkommen, sind so dargestellt, dass sie von Deutschsprechern möglichst leicht zu lesen sind und dennoch ihren kurdischen Charakter bewahren (mehr dazu im Abschnitt Zur Aussprache und Transkribierung im Anhang).

Bevor ich dieses Vorwort abschließe, möchte ich allen Freundinnen und Freunden herzlich danken, die mich bei dieser Arbeit - zunächst hin zur Printveröffentlichung 1972 - so wunderbar unterstützt haben: Fr. Doris Feyerabend befasste sich mit der sprachlichen Verschönerung meiner Übersetzung. Sie hat auch ihre hervorragende malerische und graphische Begabung eingesetzt, um die Illustrationen für die Texte und das Titelblatt zu gestalten. 

Mein Freund und Landsmann Ahmad Naqîb stellte mir einige der selten gewordenen kurdischen Quellen zur Verfügung. 

Die unvergessene Kurdologin B. Rudenko, die aus der Ukraine stammte und in der Sowjetunion wirkte und leider viel zu jung verstarb, stellte mir freundlicherweise einige ihrer Werke zur Verfügung. Ich habe ihre Werke intensiv zur Kenntnis genommen, und es erfüllt mich immer aufs Neue mit Staunen, wie gut sie das Kurdische beherrschte.

Frau Rosemarie Brown sah das erste Manuskript für die Printveröffentlichung gewissenhaft durch und gab mir wertvolle Anregungen. Fr. Inge Storde schrieb das Manuskript und bereitete es dankenswerter Weise zum Drucken vor.

Jahrzehnte nach der Printveröffentlichung liegt es nun als Ebook vor - dank der Hilfe und des Engagements zweier weiterer Freundinnen: Hanne Küchler und Jutta Neuendorff. Sie haben sich gemeinsam um die Digitalisierung des ursprünglichen Printbooks verdient gemacht und es in die vorliegende schöne Form gebracht, wofür ich ihnen herzlich danke.

Wie schon anlässlich des Erscheinens der Printausgabe 1972 wünsche und hoffe ich schließlich, dass ein wachsendes Interesse für die kurdische Kultur sich in möglichst zahlreichen weiteren Übersetzungen kurdischer Volksliteratur niederschlagen wird.

Jemal Nebez

Berlin, den 1.12.2018 

~ Die schlaue Witwe ~

Als vor vielen, vielen Jahren der Vollmond sich noch nicht so oft gerundet hatte und die Hagelkörner groß wie Wassermelonen vom Himmel fielen, lebte in Kurdistan eine Witwe, die die Schlauheit eines Fuchses besaß. Sie war schon so oft verheiratet gewesen, dass die Finger ihrer Hand zum Zählen ihrer Männer nicht ausreichten. Anfangs tat sie sehr schön mit ihnen und strich ihnen Honig um den Mund, aber je mehr die Zeit verging, desto mehr Fehler entdeckte sie an einem jeden und desto mehr nörgelte und zankte sie herum. So blieb den Männern zuguterletzt nichts anderes übrig, als vor ihrer spitzen Zunge in der stillen, kühlen Erde Zuflucht zu suchen. Allesamt waren sie an Ärger gestorben. Das erzürnte die Frau wie eine Katze, der man die Maus wegnimmt, und sie dachte: "Das wollen Männer sein! Beim Barte des Propheten, sie halten ja überhaupt nichts aus!" Und sie beschloss, sobald keinen Mann wieder zu nehmen, und blieb lange Zeit allein.

Da trat eines Tages ein großer, starker Mann in ihr Haus. Er grüßte höflich, stellte sich dann mitten ins Zimmer und stemmte die kraftvollen Arme in die Seiten: "Gultschien Khan! Ich habe gehört, dass du allein lebst. Auch ich bin allein. Wenn du einverstanden bist, will ich dich gern zur Frau haben." Die Frau betrachtete ihn neugierig. Sein blasses Gesicht, weiß wie der Schnee in den kurdischen Bergen, und der dunkle, buschige Schnurrbart machten Eindruck auf sie. Seine Augen indessen schätzten sachkundig und flink wie die einer Schlange den Hausrat ab. "Der wäre nicht so übel!", dachte sie bei sich, bot ihm einen Platz an und brachte Tee in ihren besten goldgeränderten Gläschen.

"Wer bist du eigentlich, und was für einen Beruf hast du?", fragte sie mit gerunzelter Stirne, nachdem sie die ersten Tassen leergetrunken hatten.