Kurze Einführung in die Bibel - Ernst Aebi - E-Book

Kurze Einführung in die Bibel E-Book

Ernst Aebi

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Beschreibung

KURZE EINFÜHRUNG IN DIE BIBEL Dr. Thomas und Katharina Bänziger haben den beliebten Klassiker von E. Aebi vollständig überarbeitet, aktualisiert und mit informativen Exkursen substanziell erweitert. Das Buch enthält Hintergrundwissen zu Datierung, Verfasserschaft, Entstehungsgeschichte, Umwelt und Zeitgeschichte der einzelnen biblischen Bücher und gibt einen kompakten Überblick über Hauptaussagen und weitere Besonderheiten. Das Anliegen dieser Neuausgabe ist, frische Begeisterung für das Buch der Bücher zu wecken und durch fundierte Argumente das Vertrauen in die Historizität und Glaubwürdigkeit der biblischen Überlieferung zu stärken. Ein Studienhandbuch für alle, die mehr von der Bibel wissen und lernen möchten.

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Seitenzahl: 791

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Kurze Einführung in die BIBEL

E. Aebi

erweitert und überarbeitetvon Thomas und Katharina Bänziger

© der Originalversion 1949 Verlag Bibellesebund, Industriestrasse 1, 8404 Winterthur, Schweiz(gedruckt in 19 Auflagen bis 2024)© der ergänzten Texte 2025 Dr. Thomas und Katharina Bänziger

1. Erweiterte und überarbeitete Auflage 2025

© Schleife Verlag, Pflanzschulstrasse 17, CH-8400 Winterthur (www.schleife.ch) inKooperation mit Bibellesebund, Industriestrasse 1, CH-8404 Winterthur (www.bibellesebund.ch)

Stiftung Schleife: ISBN 978-3-905991-98-7Bestellnummer: 120.203

E-Book: ISBN 978-3-905991-99-4E-Book Bestellnummer: 120.203E

Bibellesebund: ISBN 978-3-033-11257-5Bestellnummer: 71401

Den zitierten Schriftstellen liegt in der Regel die Lutherbibel, revidierter Text 1984,durchgesehene Ausgabe © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart, zugrunde.

Lektorat: Judith PetriUmschlaggestaltung: Céline MaaßSatz und eBook: Nils GroßbachDruck: Gustav Winter, Herrnhut

Wir danken für die freundliche Unterstützung des Projektes durch den Fördervereinfür theologische Lehre und Forschung (FTLF) und die Thurgauer Landeskirche.

Alle Rechte vorbehalten, auch für auszugsweise Wiedergabe und Fotokopie.

INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT ZUR ERWEITERTEN UND ÜBERARBEITETEN AUFLAGE

VORWORT ZUR ERSTEN AUFLAGE

ALLGEMEINE EINLEITUNG

EXKURS: HERMENEUTIK DER BIBEL

ALTES TESTAMENT

DAS ERSTE BUCH MOSE

EXKURS: PENTATEUCHKRITIK

DAS ZWEITE BUCH MOSE

EXKURS: DATIERUNG DES EXODUS

DAS DRITTE BUCH MOSE

Exkurs: Jüdische Feste

DAS VIERTE BUCH MOSE

DAS FÜNFTE BUCH MOSE

EXKURS: BUNDESFORMULAR UND Bund IM ALTEN TESTAMENT

JOSUA

EXKURS: DIE THESE DES «DEUTERONOMISTISCHEN GESCHICHTSWERKS»

RICHTER

RUT

DIE BÜCHER SAMUEL

DIE BÜCHER DER KÖNIGE

DIE BÜCHER DER CHRONIK

EXKURS: Die These des «Chronistischen Geschichtswerks»

ESRA/NEHEMIA

EXKURS: Schritte zu einer Erweckung

ESTER

HIOB

EXKURS: TEXTE AUS DER UMWELT

DIE PSALMEN

EXKURS: HEBRÄISCHE POESIE

DIE SPRÜCHE

EXKURS: WEISHEIT im Alten Testament

DER PREDIGER

EXKURS: Die DREI SALOMONISCHEN SCHRIFTEN

DAS HOHELIED

EXKURS: EINFÜHRUNG IN DIE ALTTESTAMENTLICHE PROPHETIE

JESAJA

EXKURS: KRITIK AN JESAJA

JEREMIA

EXKURS: TEXTÜBERLIEFERUNG UND KRITISCHE FORSCHUNG ZU JEREMIA

DIE KLAGELIEDER JEREMIAS

HESEKIEL

DANIEL

EXKURS: KRITIK AN DANIEL

EXKURS: DAS ZWÖLFPROPHETENBUCH

HOSEA

JOEL

AMOS

OBADJA

JONA

MICHA

NAHUM

HABAKUK

ZEFANJA

HAGGAI

SACHARJA

EXKURS: EINLEITUNGSFRAGEN ZU SACHARJA

EXKURS: DER MESSIAS IM ALTEN TESTAMENT

MALEACHI

EXKURS: DER ABSCHLUSS DES ALTEN TESTAMENTS

EXKURS: HISTORISCHE ZUVERLÄSSIGKEIT UND WICHTIGKEIT DES ALTEN TESTAMENTS

NEUES TESTAMENT

MATTHÄUS-EVANGELIUM

Exkurs: Zwei verschiedene Stammbäume Jesu

EXKURS: Gruppierungen und Parteien zur Zeit Jesu

MARKUS-EVANGELIUM

Exkurs: zur Zeitgeschichte und zur historischen Glaubwürdigkeit

LUKAS-EVANGELIUM

Exkurs: Die synoptische Frage

JOHANNES-EVANGELIUM

DIE APOSTELGESCHICHTE

Exkurs: Philosophenschulen im Hellenismus

Exkurs: Pauluschronologie

RÖMERBRIEF

EXKURS: DER ANTIKE BRIEF

ERSTER KORINTHERBRIEF

ZWEITER KORINTHERBRIEF

EXKURS: GABEN UND DIENSTE BEI PAULUS

GALATERBRIEF

EXKURS: GEFANGENSCHAFTSBRIEFE

EPHESERBRIEF

PHILIPPERBRIEF

KOLOSSERBRIEF

Exkurs: Gibt es echte und unechte (deuteropaulinische) Paulusbriefe?

ERSTER THESSALONICHERBRIEF

ZWEITER THESSALONICHERBRIEF

EXKURS: ESCHATOLOGIE UND ENTRÜCKUNG

DIE PASTORALBRIEFE

ERSTER TIMOTHEUSBRIEF

ZWEITER TIMOTHEUSBRIEF

TITUSBRIEF

Exkurs: Paulus und die Frauen

PHILEMONBRIEF

ERSTER PETRUSBRIEF

ZWEITER PETRUSBRIEF

ERSTER JOHANNESBRIEF

ZWEITER UND DRITTER JOHANNESBRIEF

HEBRÄERBRIEF

JAKOBUSBRIEF

JUDASBRIEF

DIE OFFENBARUNG

LITERATURVERZEICHNIS

DIE AUTOREN

VORWORT ZUR ERWEITERTEN UND ÜBERARBEITETEN AUFLAGE

Aebi ist seit 1949 ein beliebter und bewährter Begleiter für Bibellese und Studium. Das auffällige gelbe Buch ist im Bücherregal schnell zu finden und die bislang 19 Auflagen lassen auf ein grosses Interesse an einer kurzen und kompakten Einführung in die Bibel schliessen. Um Aebi eine neue Laufzeit zu ermöglichen, haben wir den praktischen Klassiker substanziell erweitert und überarbeitet. Dabei haben wir zum einen den ursprünglichen Text angepasst, sprachlich leicht modernisiert und, wo aus Gründen der Aktualisierung erforderlich, gekürzt. Zudem wurden in jedem Kapitel Abschnitte ergänzt und neue Passagen hinzugefügt. Zu verschiedenen Themen haben wir Exkurse erstellt, die zusätzliche Hintergrund­informationen beisteuern (eine Übersicht findet sich im Inhaltsverzeichnis).

Obwohl Ernst Aebi bei Einleitungsfragen einen Schwerpunkt setzte, erachtete er damals, Mitte des 20. Jahrhunderts, das Erörtern kritischer Theorien an manchen Stellen als nicht notwendig. Unterdessen sind diese Ansichten aber allgemein verbreitet und nur einen Mausklick weit entfernt, weshalb uns die reflektierte Auseinandersetzung mit der Kritik ein Anliegen ist.

Wir haben bei dieser mit weiterführenden Informationen angereicherten Neuauflage nicht nur interessierte Bibelleser vor Augen, sondern auch Studierende an theologischen Ausbildungsstätten: Man kann sich mit Aebi nicht nur einen ersten Überblick über die wichtigsten Theorien und Argumente verschaffen, sondern ihn auch zur Prüfungsvorbereitung nutzen. Die theologisch konservative Linie von Aebi wird beibehalten und apologetisch gestärkt. Auch im 21. Jahrhundert gibt es immer noch gute Argumente, an der Zuverlässigkeit der Bibel festzuhalten. Unser Anliegen ist, das Vertrauen in Gottes Wort und in die Glaubwürdigkeit und Historizität der biblischen Überlieferung zu stärken und zu festigen. Angesichts der durch verschiedene theologische Strömungen immer wieder hervorgerufenen Verunsicherung bleibt die Auseinandersetzung mit Einleitungsfragen grundlegend wichtig.

Ergänzungen, neue Abschnitte oder Exkurse sind

um den ergänzten Text zu kennzeichnen.

Wir sind folgendermassen für die Texte verantwortlich:

Einleitung und Altes Testament: Thomas Bänziger

Neues Testament: Katharina und Thomas Bänziger (Thomas: Lukas, Apostelgeschichte, Römer, 1./2. Korintherbrief, Hebräerbrief, Offenbarung)

Wir danken den Professoren B. Kilchör (AT) sowie J. Thiessen und C. Stettler (NT) für das Gegenlesen der Texte. Grundsätzlich sind in den letzten zwei Jahren zwei Einleitungen erschienen, die wir für den hier vertretenen Ansatz als Referenzgrösse empfehlen:

Walter Hilbrands/Hendrik J. Koorevaar (Hrsg.), Einleitung in das Alte Testament. Ein historisch-kanonischer Ansatz, Giessen: Brunnen Verlag, 2023.Jacob Thiessen, Einleitung in das Neue Testament, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2024.

Die Literatur, die für die Bearbeitung konsultiert wurde, ist (in Auswahl) im zweiten Teil des Literaturverzeichnisses aufgeführt. Das Bibel- und Stichwortverzeichnis der letzten Ausgaben wurde aus Platzgründen weggelassen, da sich der Inhalt anhand der biblischen Bücher gut erschliesst.

Eine wichtige Vorbemerkung zur Gliederung der Bücher:

Wir haben die Gliederung der biblischen Bücher bei Aebi mit wenigen Ausnahmen so belassen, wie sie waren. Gliederungen sind immer subjektiv gefärbt, daher ermutigen wir Sie, beim Lesen der Bibel Ihre eigene Gliederung zu erarbeiten.

Wir sind uns bewusst, dass auch diese Arbeit nur Stückwerk sein kann und – auch Aufgrund des Ineinanders von Texten aus zwei unterschiedlichen Bearbeitungs­generationen – «in manchen Stücken unzulänglich» bleibt, wie Aebi schon vor 76 Jahren schrieb. Dennoch wollten wir Aebis Engagement für die Verbreitung der Bibel im deutschsprachigen Raum, über das wir von verschiedenen Zeitzeugen Eindrückliches gehört haben, in Ehren halten. Wir freuen uns, dass die vorliegende Neuauflage zeitgleich mit dem 100-Jahr-Jubiläum des Schweizer Bibellesebunds erscheint.

Das leicht modernisierte Cover bildet einen Überblick über die 66 Bücher der Bibel, ein Millimeter Balkenhöhe entspricht jeweils einem Kapitel eines Buches.

Das Projekt ist eine Verlagskooperation von Schleife Verlag und Bibellesebund. Wir danken beiden Verlagen für die gute Zusammenarbeit und besonders unserer Lektorin Judith Petri für ihren grossartigen Einsatz.

Dr. Thomas und Katharina Bänziger, Winterthur, Pfingsten 2025

VORWORT ZUR ERSTEN AUFLAGE

Der Verfasser dieses Buches ist schon seit Jahren von verschiedenen Seiten gebeten worden, die kurzen Einleitungen in die biblischen Bücher, die früher regelmässig in den Bibellesebundheften erschienen, in Buchform herauszugeben. Lange habe ich mich dagegen gesträubt, da ich mir durchaus bewusst bin, dass diese Arbeit in manchen Stücken unzulänglich ist. Wenn ich es heute dennoch wage, dieses Buch erscheinen zu lassen, so tue ich es vor allem im Gehorsam gegen Gott und im Bewusstsein, dass dieses Buch, trotz seiner gedrängten Form, manchem Bibelleser eine praktische Hilfe sein kann. Ich habe versucht, nach einem einheitlichen Elan jedes Buch kurz durchzunehmen; dass es nicht immer leicht war, dieses System durchzuführen, wird jedermann verstehen.

Die Heiligen Schriften sind uns dazu gegeben, uns «weise zu machen zur Seligkeit durch den Glauben an Jesus Christus» (2. Tim 3,15). Zum rechten Hören auf das ernste und gnädige Wort Gottes möchten die Abschnitte anleiten, die den Inhalt, die zeitliche und die auf spätere Erfüllung weisende Bedeutung sowie die besonderen Botschaften der einzelnen biblischen Bücher deutlich zu machen suchen.

Dem rechten Verstehen können aber auch Einblicke dienen in die Ursprünge der Schriften, in denen zu mancherlei Zeiten und durch mancherlei Werkzeuge Gott sich bezeugte, und in die Geschichte ihrer Sammlung, soweit eine Forschung, die in schlichter Wahrhaftigkeit und in der Zucht des Geistes arbeitet, sie zu erschliessen vermag. Unsere knappen Ausführungen erheben nicht den Anspruch auf wissenschaftliche Vollständigkeit; viele Fragen warten ohnehin auf weitere Ergründung oder werden immer offenbleiben.

Möge das Buch manchem Bibelleser in stiller Stunde und auch manchem Hausbibelkreis einen neuen Anstoss zum freudigen Bibelstudium geben!

Ernst Aebi, Zürich, im April 1949

Aufbau des TaNaCh, Übersicht:

HEUTIGE EINTEILUNG DER BIBEL

Die Heiligen Schriften bestehen heute aus einer Doppelsammlung: dem Alten und dem Neuen Testament. Die Bezeichnung «Testament» wurde zuerst von dem Kirchenvater Tertullian im Sinne von «Bund» (hebräisch bәrît, griechisch diatēkē) auf die beiden Teile der Bibel angewendet. Dabei ging er von dem Gedanken aus, dass das Alte Testament auf den von Gott durch Mose mit Israel (2. Mose 19,5) und das Neue Testament auf den durch Christus mit seiner Gemeinde geschlossenen Bund (Mt 26,28; 1. Kor 11,25) hinweist.

Unsere heutige Kapiteleinteilung im Neuen Testament stammt von dem englischen Erzbischof Stephan Langton in Cambridge (1205), die Verseinteilung von dem Pariser Buchdrucker Robert Stephanus (1551).

DAS ALTE TESTAMENT

a) 17 Geschichtsbücher: 1. Mose bis Ester

b) 5 Lehrbücher oder poetische Bücher: Hiob bis Hohelied

c) 17 prophetische Bücher: Jesaja bis Maleachi

DAS NEUE TESTAMENT

a) 5 Geschichtsbücher: Evangelien und Apostelgeschichte

b) 21 Lehrbücher: die Briefe

c) 1 prophetisches Buch: die Offenbarung

Die Sprache der Bibel

EINLEITUNG

Das Alte Testament ist in hebräischer Sprache geschrieben worden, einzelne Teile der Bücher Esra, Nehemia und Daniel auf Aramäisch (Esr 4,8–6,18; 7,12–26; Jer 10,11; Dan 2,4b–7,28). Das Hebräische war die klassische Sprache Palästinas, das Aramäische war als Verwaltungssprache des Persischen Reiches die erste Weltsprache und wurde die Sprache des Volkes, die allgemeine Umgangssprache der Juden des Orients.

Das Neue Testament ist in griechischer Sprache, das heisst in der damaligen Weltsprache, geschrieben worden, mit einigen kleinen Ausnahmen, das heisst einigen aramäischen und lateinischen Wörtern.

Die Manuskripte der Bibel

Wir besitzen heute einige tausend alte Bibelhandschriften (Manuskripte). Die aller- meisten enthalten nur Teile der Bibel oder sind Fragmente (Bruchstücke) mit einigen Versen oder Kapiteln. Es sind Blätter aus Papyrus (Papierstaude), die man, zu einer Art Buch zusammengefasst, Kodex (lat. codex) nennt, oder Rollen aus Pergament (besonders zubereitete Tierhaut). Diese Bezeichnung ist vom Namen der Stadt Pergamon in Kleinasien abgeleitet, wo die erste grosse Pergamentindustrie entstand. Die ältesten Fragmente des Alten Testaments stammen aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. (siehe Qumrantexte), die des Neuen Testaments aus dem 2. Jahrhundert (ein Johannesfragment um 125 ist das älteste). Von den umfassenderen Handschriften sind folgende die wichtigsten:

DIE TEXTE VON QUMRAN. Im Jahr 1947 fanden Beduinenhirten in einer Höhle des Vadi Qumran (Qumran-Tal) am Westufer des Toten Meeres, 14 km südlich von Jericho, einige Schriftrollen aus Pergament, die, in Leinwand gewickelt, in Tonkrügen aufbewahrt gewesen waren. Sie stammen von der jüdischen Sekte der Essener, deren Mönche wahrscheinlich unter der Bedrohung durch die Römer (66 und 132 n. Chr.) ihre wertvolle religiöse Literatur für ruhigere Zeiten in Sicherheit bringen wollten. In der Folge dieser Entdeckung wurden in weiteren 11 Höhlen noch zahlreiche Rollen gefunden (Überreste von mehr als 900 Schriftrollen): eine vollständige Jesajarolle, Fragmente aller alttestamentlichen Schriften ausser Ester, Kommentare (jeweils mit dem alttestamentlichen Text), Apokryphen und Schriften der Essenersekte. Bei über 200 der ca. 900 Textfunde handelt es sich um Hand­schriften biblischer Texte. Sie dürften im 2. und 1. vorchristlichen Jahrhundert entstanden sein und sind damit die ältesten Bibelhandschriften, die wir besitzen. Ihre Bedeutung ist unschätzbar für die Erforschung des ursprünglichen Textes wie auch des Judentums und des frühesten Christentums.

Die Forschung an den Qumran-Texten ist von grosser Bedeutung. Es konnte dadurch aufgezeigt werden, dass der Konsonantentext des Alten Testaments, der den heutigen Bibelausgaben zugrunde liegt, bereits in Qumran vorhanden war. Man muss bedenken, dass die in Qumran gefundenen Schriften etwa 1000 Jahre älter sind als die älteste Handschrift der Hebräischen Bibel, die wir vor diesen Funden besassen:

DER CODEX LENINGRADENSIS wurde 1008/1009 n. Chr. verfasst. Man spricht hier vom «Masoretischen Text», weil die Masoreten ihn tradierten (die oben genannten Qumran-Texte sind im zeitlichen Sinn «vor-masoretisch»). Die Masoreten (übersetzt «die Überlieferer») tradierten den hebräischen Text, versahen den Konsonantentext mit Vokalen und Akzentzeichen sowie Anmerkungen zum Text. Es gab Masoretenschulen in Palästina und Babylon, doch die westliche Überlieferungstradition, insbesondere das System der Familie Ben Ascher in Tiberias, setzte sich durch. Die wissenschaftlichen Bibelausgaben der Hebräischen Bibel, sowohl die «Biblia Hebraica Stuttgartensia» (BHS) als auch die «Biblia Hebraica Quinta» (BHQ), basieren auf dem Codex Leningradensis.

DER CODEX ALEPPO, entstanden um 925 n. Chr., galt bis 1947 als älteste vollständige masoretische Handschrift der sogenannten Ben-Ascher-Tradition. Leider gingen nach Unruhen in Aleppo ca. 40 % des Textes verloren. Seit 1958 befindet sich die Handschrift in Israel. Das Hebrew University Bible Project (HUBP) ist daran, den Codex Aleppo als wissenschaftliche Ausgabe herauszugeben.

DER CODEX SINAITICUS, früher die älteste, aus dem 4. Jahrhundert stammende Handschrift, von Tischendorf 1859 im Katharinenkloster am Fuss des Sinai entdeckt und in die kaiserliche Bibliothek zu Petersburg übergeführt.

Dieser Kodex enthält das Alte Testament (in der griechischen Übersetzung) beinahe vollständig, das Neue Testament ganz. Im Jahr 1934 kauften die Engländer das Manuskript für ca. eine Million Schweizerfranken. Lange war die Handschrift im Britischen Museum in London ausgestellt, heute befindet sie sich in der British Library.

DER CODEX ALEXANDRINUS. Dieses Manuskript wurde um 450 n. Chr. in Ägypten geschrieben und blieb lange im Besitz der Patriarchen von Konstantinopel. Es enthält das Alte Testament und vom 25. Kapitel des Matthäusevangeliums an fast das ganze Neue Testament. Es befand sich lange im Britischen Museum, dem es Georg II. im Jahr 1753 vermachte; heute wird es ebenfalls in der British Library aufbewahrt.

DER CODEX VATICANUS, um die Mitte des 4. Jahrhunderts in Ägypten geschrieben, befindet sich jetzt im Vatikan. Er umfasst gleichfalls die griechische Bibel, weist aber im Neuen Testament grössere Lücken auf (Schluss des Hebräerbriefs, Pastoralbriefe und Offenbarung fehlen). Die treffliche Handschrift ist schwer zu lesen, weil der Text nachträglich mit frischer Tinte überzogen und vielfach geändert wurde.

DER CODEX EPHRAEMI RESCRIPTUS Mitte des 5. Jahrhunderts in Ägypten geschrieben, wird heute in Paris aufbewahrt. Er trägt den Namen des Kirchenvaters Ephräm, weil er von diesem überschrieben wurde. Die ursprünglichen Schriftzeichen wurden von Tischendorf auf chemischem Wege wieder hergestellt und der Codex 1843/45 herausgegeben.

DER CODEX BEZAE CANTABRIGIENSIS UND DER CODEX CLAROMONTANUS. Beide Handschriften, um 550 n. Chr. verfasst und mit altlateinischer Übersetzung verbunden, gehörten Theodor Beza in Genf.

Als hebräischer Textzeuge ist zudem der Samaritanische Pentateuch zu nennen. Die in Samarien angesiedelte Bevölkerungsgruppe (2. Kön 17,24), die wir auch aus dem Neuen Testament kennen, anerkannte nur die fünf Bücher Mose als Heilige Schrift. Der Samaritanische Pentateuch ist in Manuskripten aus dem 9.–13. Jahr­hundert in althebräischer Schrift überliefert. Die meisten Stellen, die sich vom Masoretischen Text unterscheiden, betreffen nur orthografische Eigenschaften. Interessant sind einige theologisch motivierte Anpassungen, die mit dem samaritanischen Heiligtum auf dem Berg Garizim in Verbindung stehen. In Qumran wurden neben «proto-masoretischen Texten», die den späteren masoretischen Codices entsprechen, auch «prä-samaritanische» Texte gefunden, welche dem Samaritanus nahestehen (siehe E. Tov).

Die wichtigsten Bibelübersetzungen

Bibelübersetzungen entstanden schon sehr früh und sind zum Teil älter als die uns erhaltenen Handschriften in der Originalsprache. Darum sind sie von grösster Wichtigkeit für das alttestamentliche wie für das neutestamentliche Textstudium. Von den älteren Übersetzungen haben folgende besondere Bedeutung:

DIE SEPTUAGINTA (das heisst «Siebzig»), die in Alexandrien entstandene griechische Übersetzung des Alten Testaments, die wohl unter König Ptolemäus II. Philadelphos begonnen (282–246 v. Chr.), aber erst später vollendet wurde (um 130 v. Chr. lagen aus allen drei Teilen des Kanons Übersetzungen vor). Sie führt den Namen Septuaginta, weil sie nach einer Legende von 72 Übersetzern in 72 Tagen vollendet wurde. Die Unregelmässigkeiten im Stil und im Wert der Übersetzung lassen das Werk vieler Übersetzer erkennen. Paulus und die ersten Christen gebrauchten neben der hebräischen Bibel auch die Septuaginta.

Zu nennen sind auch die alten jüdischen Übersetzungen ins Griechische aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. von Aquilla, Symmachus und Theodotion, die von Origenes (185–254 n. Chr.) in seiner Hexapla (die «Sechsfache», Synopse mit verschiedenen Übersetzungen) aufgenommen wurden.

DIE TARGUMIM sind paraphrasierende und erweiternde Übersetzungen in Aramäisch. Aramäisch war schon vor dem Exil die «Lingua franca», die damalige Weltsprache, und gewann im nachexilischen Judentum an Bedeutung. Zur Zeit Jesu war sie die Umgangssprache. Die Targumim entstanden wahrscheinlich zwischen dem 1. und 8. Jahrhundert n. Chr. in Palästina und wurden später in Babylon revidiert, so z. B. der Targum Onkelos (Tora) und der Targum Jonathan (zu den Propheten, siehe E. Würthwein).

DIE PESCHITTA, eine syrische Übersetzung des Alten und Neuen Testaments, im 4. Jahrhundert n. Chr. entstanden. Die heute bekannte Peschitta ist eine Überarbeitung einer älteren syrischen Übersetzung, die im Neuen Testament bis ins 2. Jahrhundert, im Alten Testament noch weiter hinaufreicht.

DIE VULGATA, das heisst «die allgemein Verbreitete», die in der katholischen Kirche allein gültige und vom Konzil zu Trient dem Grundtext gleichgestellte lateinische Bibelübersetzung. Sie wurde im Auftrag des römischen Bischofs Damasus von dem gelehrten Kirchenvater Hieronymus 383 bis 405 n. Chr. begonnen und wahrscheinlich von anderen Übersetzern vollendet. Hieronymus verwendete dazu eine bereits im 2. Jahrhundert und anfangs des 3. Jahrhunderts entstandene, bei den lateinisch sprechenden Christen gebräuchliche Übersetzung, die sogenannte Vetus Latina (= «alte Lateinische»), auch Itala genannt. Die Vulgata erlangte aber erst zur Zeit Gregors des Grossen (6. Jh. n. Chr.) allgemeine Anerkennung.

DIE GOTISCHE BIBELÜBERSETZUNG des westgotischen Bischofs Wulfilas (gestorben 388 n. Chr.). Sie fusst auf einer griechischen Vorlage und ist das älteste Denkmal deutscher Literatur. Einst umfasste die Übersetzung wohl die ganze Bibel. Erhalten sind hauptsächlich Bruchstücke aus den Evangelien, und zwar in dem berühmten, mit silberner Schrift auf purpurfarbenem Pergament geschriebenen Codex Argenteus in Uppsala in Schweden.

LUTHERS DEUTSCHE BIBELÜBERSETZUNG. 1521 auf der Wartburg begonnen, 1534 vollendet. Dieses aus dem Grundtext übersetzte, noch unübertroffene Werk ist ebenso bedeutend durch seine dem Schriftgeist angemessene und zugleich im edelsten Sinne volkstümliche Sprache wie als literaturgeschichtliches Denkmal, da es eine deutsche Schriftsprache schuf.

Es ist allerdings zu beachten, dass fünf Jahre, bevor Luthers Übersetzung herauskam, in Zürich die ganze Bibel vorlag (1529). Natürlich gibt es seither auch viele zusätzliche deutsche Bibelübersetzungen. Besonders seit Beginn des 20. Jahrhunderts haben die Bibelübersetzungen in der ganzen Welt stark zugenommen.

Es gibt heute über 3500 Ganz- und Teilübersetzungen in die verschiedensten Sprachen und Dialekte. Die gesamte Bibel ist in ca. 750 Sprachen übersetzt (das vollständige Neue Testament in ca. 1700).

EXKURS: HERMENEUTIK DER BIBEL

Unter Hermeneutik (von griechisch hermēneia, Übersetzung bzw. hermēneutike, Deutungskunst) versteht man grundsätzlich die Lehre vom Verstehen. In der Hermeneutik beschäftigt man sich mit der Auslegung der Bibel.

Noch für Martin Luther stellte sich die Bibel als «durch sich selbst glaubwürdig, deutlich und ihr eigener Ausleger» dar. Von der Grundannahme aus, die Heilige Schrift sei «das Buch, von Gott, dem heiligen Geist, seiner Kirche gegeben», konnte er sein Prinzip der Klarheit der Schrift entfalten. Durch Rationalismus, Aufklärung und die moderne Exegese wurde gerade diese reformatorische Klarheit massiv infrage gestellt. In der vom Modernismus geprägten Exegese wird Supranaturalismus in Form von offenbarendem Reden Gottes oder Gottes Eingreifen in Form von «Wundern», eben alles, was unsere säkulare Wirklichkeit übersteigt, ausgeschlossen. Die sogenannte «historisch-kritische Methode» folgte als Kind der Aufklärung den Grundzügen der historischen Wissenschaft des 19. Jahrhunderts und blieb damit einem geschlossenen, naturalistischen Weltbild verhaftet.

Für seine «historische Methode» stellte Ernst Troeltsch drei bekannte Kri­te­rien auf:

1. Kritik: Texte werden den Wahrscheinlichkeitsurteilen der Historiker unterworfen.

2. Analogie: Was sich heute im «normalen, gewöhnlichen» Lebensalltag nicht ereignet, kann auch damals nicht geschehen sein.

3. Korrelation: Alles geschichtliche Geschehen ist von innerweltlichen Ursachen abhängig.

Wenn alles nur immanent (innerweltlich) betrachtet wird, ist das transzendente Wirken Gottes in unserer Welt von vornherein ausgeschlossen. Zu Recht schreibt Armin Sierszyn (in seiner Christologischen Hermeneutik): «Der methodische Grundsatz, die Bibel auszulegen, als ob es Gott nicht gäbe, ist eine subtile Art der Religionskritik, ja des Atheismus.»

Die Argumentation, dass, wenn heute keine Wunder passieren, sie auch zu biblischen Zeiten unwahrscheinlich waren, kann auf einer ganz persönlichen Ebene entkräftet werden: Wenn wir heute Gottes Reden und sein Wirken in unserer Lebenswirklichkeit erfahren, besteht eine sehr hohe Plausibilität, dass es damals auch geschehen konnte! Die Bibel kennt auch eine Art «Analogiekriterium» in Hebräer 13,8: «Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit.» So wie wir heute Gottes Nähe und sein Eingreifen erfahren dürfen, erlebten es Menschen auch früher.

Auf theologischer Ebene sprach Karl Barth von der «Logik des Wunders». Die Bibel lässt uns «verwundern», in der Theologie geht es notgedrungen um die Lehre von «Gott» (theos), der Raum und Zeit transzendiert. Im Bereich der Natur­wissenschaften lassen die Relativitätstheorie und die Quantenphysik seit dem 20. Jahrhundert ein offeneres Weltbild als das kausal-mechanische Weltbild des 19. Jahrhunderts denken. Es ist heute wieder einfacher vorstellbar, dass Gott mit dieser Welt interagiert. In seiner bekannten philosophischen Hermeneutik thematisiert Hans-Georg Gadamer die «Inkarnation» (das Wort wurde Fleisch, Joh 1,14) als zutiefst christliches Konzept. Gott besuchte uns auf dieser Welt, er wirkt in diese Welt hinein und er spricht. Auf diese Weise ist Offenbarung wieder denkbar.

Die Worte der Bibel sind von Gott eingegeben (theopneustos, «gottgehaucht», 2. Tim 3,16), wir haben es in der Bibel mit Heilsgeschichte zu tun. Um die Kraft des Wortes wieder neu zu entdecken, benötigen wir eine neue Wertschätzung der ­biblisch-reformatorischen Theologie. Eine «biblisch-historische Auslegung» (Ter­mi­no­logie von Gerhard Maier, ein weiterer Begriff wäre «historisch-theologische Auslegung») nimmt die historischen Fragestellungen zur Bibel ernst, lässt aber dabei Gott auch Gott sein. Sie lässt Gott in der Geschichte handeln, Wunder und das Übernatürliche werden nicht einfach ausgeschlossen; genauso wenig Gottes Reden, Offenbarung und Prophetie. Dies schliesst eine seriöse historische Arbeit nicht aus, im Gegenteil: Es ist wichtig, aufzeigen zu können, dass Gottes Heilsgeschichte mit uns Menschen in der Geschichte verankert ist.

Die von Hilbrands/Koorevaar herausgegebene Einleitung ins Alte Testament spricht von einem «historisch-kanonischen Ansatz». Neben der historischen Fragestellung ist es entscheidend, die biblischen Texte im gesamtbiblischen Kanon auszulegen. Es gilt zu differenzieren, dass dieser Zugang weder historisches noch kritisches Denken ablehnt, hingegen eine «historisch-kritische» Methodik, die einer säkularen Ideologie verfallen ist, welche Gottes Wirken ausschliesst, und die durch Bibelkritik sowie spekulative Hypothesen, die oft im Geschichtsbild des 19. Jahr­hunderts verhaftet sind, im Widerspruch zum Zeugnis der Schrift steht.

Für die soeben mit den Begriffen «biblisch-historisch», «historisch-theologisch» oder «historisch-kanonisch» umschriebene Position verwenden wir im Folgenden einfachheitshalber den Ausdruck «konservativ» im Sinn, dass wir die Selbstaussagen der Schrift ernst nehmen und diesen traditionellen kirchlichen Ansatz «bewahren» (lat. conservare) möchten. Der Begriff hat sich in der Literatur für unsere Herangehensweise durchgesetzt.

Das bringt uns zurück zum reformatorischen Ansatz Luthers, die Schrift lege sich selbst aus («scriptura sui ipsius interpres»), welcher die Grundlage einer biblischen Hermeneutik bildet. Auf die Schrift zu hören bedeutet auch anzuerkennen, was sie über sich selbst sagt. Wir nehmen den Selbstanspruch der Bibel ernst. Sie bezeugt, dass Menschen «getrieben vom Heiligen Geist» im Auftrag Gottes gesprochen haben (2. Petr 1,21). Davon entsteht in unserem Inneren ein Zeugnis. Für Calvin war dieses «innere Zeugnis des Heiligen Geistes» («testimonium spiritus sancti internum») besser als alle Beweise für die Bibel. «Was Christum treibet» (Luther) war ein weiterer Schlüssel für den Umgang der Reformatoren mit der Bibel. Im Alten Testament wird der kommende Messias verheissen und im Neuen Testament wird sein erfolgtes Kommen (und sein zukünftiges Wiederkommen) beschrieben.

Dies alles geschah im Kontext des jüdischen Volkes. Nicht nur das Alte Testament entstand im alten Israel, sondern Jesus, seine Jünger und die Schriftsteller des Neuen Testaments (mit Ausnahme des Lukas) waren Juden. In diesem Sinn ist eine «messianische Auslegung», welche diesem Kontext Rechnung trägt, wichtig.

Für weitere hermeneutische Überlegungen siehe den Exkurs zur historischen Zuverlässigkeit des Alten Testaments (als Abschluss zum AT).

ALTES TESTAMENT

Noch eine Umdatierung hatte verheerende Folgen: Eduard Reuss (1834) und Wilhelm Vatke (1835) waren der Ansicht, die Gesetze des mittleren Pentateuchs müssten jünger sein als das Deuteronomium. Deshalb datierte Karl Heinrich Graf die «Grundschrift» mit den Gesetzen in Levitikus später als das Deuteronomium. Die ehemals älteste Quelle war nun die jüngste und wurde «Priesterschrift» genannt. Durch diese Spätdatierung der Priesterschrift wurde das Geschichtsbild der biblischen Texte auf den Kopf gestellt. Samuel Külling sprach deshalb von 1835 als dem «schwarzen Jahr der Kritik».

Das von Julius Wellhausen 1878 formulierte Vierquellenmodell setzte sich (mit Adaptierungen) über Jahrzehnte als Standardmodell zur Erklärung der Entstehung des Pentateuchs durch. Die Quellen werden folgendermassen datiert: J (Jahwist) 9. Jh., E (Elohist) 8. Jh., D (Deuteronomium) 7. Jh., P (Priesterschrift) 6. Jh. Die beiden im Südreich (J) und Nordreich (E) entstandenen Schriften J und E wurden zunächst zum Grundstock JE verbunden. Erst nach dem Fall des Südreiches (586 v. Chr.) wurde der Grundstock des Deuteronomiums mit JE zu JED zusammengefügt. Ein weiterer Redaktor fügte schliesslich erst in der Perserzeit die ursprünglich selbstständige Quelle P bei, sodass gemäss Modell die heutige Form des Pentateuchs (JEDP) entstand. Wellhausens Theorie war durchschlagend, weil er ein vierstufiges Entwicklungsschema von einer Nomadenreligion (J) über eine Bauernreligion (E) zur Prophetenreligion (D) und schliesslich Priesterreligion (P) entwarf. Im Zug der Entwicklung kam es zu einer Zentralisierung, Ritualisierung und schliesslich Denaturierung (P).

Wie in der menschlichen Entwicklung vom Kindes- zum Jugendalter, zur Reife und schliesslich ins Alter, so sah Wellhausen in der Prophetenreligion zur Königszeit, die er mit dem Deutschen Reich unter Bismarck verglich, den Höhepunkt. Das ist äusserst problematisch, denn damit deutete Wellhausen das nachexilische Judentum im Vergleich zum vorexilischen Israel negativ als gesetzliche Erstarrung. Das Gesetz bildet nicht mehr die Grundlage Israels oder des Pentateuchs, sondern des nachexilischen Judentums, das Wellhausen legalistisch einschätzt. Er öffnete damit eine Tür für einen antisemitischen Blick auf das Judentum. Diese Theorien bergen Weltanschauungen in sich und müssen deshalb hinterfragt werden. Bei Wellhausen trat ein postuliertes vierstufiges Entwicklungsschema an die Stelle der biblischen Epochen von Patriarchenzeit, Exodus und Sinai, Landnahme, Richter- und Königszeit, Exil und Wiederherstellung.

Die weitere Entwicklung im 20. Jahrhundert

Um 1900 macht die «religionsgeschichtliche Schule» (H. Gunkel, H. Gressmann) von sich reden, welche das Interesse auf die Herkunft und Geschichte der religiösen Vorstellungen Israels legt. Es sei notwendig, hinter den Text zurückzufragen und zu untersuchen, wo die literarischen Formen («Gattungen») ihren Ursprung («Sitz im Leben») haben. Es wurden lange mündliche Entstehungsprozesse vor der Verschriftlichung angenommen, die Genesis wurde als Sammlung von Sagen und Sagenkränzen angesehen. Der Einfluss der Volkslieder- und Märchenforschung von Herder und der Gebrüder Grimm auf Gunkel ist spürbar, er erwies sich als Kind seiner Zeit.

Albrecht Alt («Der Gott der Väter», 1929) meinte, in der Genesis Spuren von nomadischen, vorjahwistischen Traditionen zu finden, die erst später auf Jahwe übertragen wurden. Sein Schüler Martin Noth beschrieb Israel als «Amphiktyonie», als Stammesverbund, der sich um ein gemeinsames Heiligtum sammelte. Er entwarf auch die Theorie des Deuteronomistischen Geschichtswerkes (siehe Exkurs zu 5. Mose). Gerhard von Rad, ein weiterer Schüler Alts, widmete sich im Zug der «Formgeschichte» der überlieferten Vorgeschichte der Texte. Für ihn bildete 5. Mose 26,5–9, das er als das «kleine geschichtliche Credo» bezeichnete, den Kern des «Hexateuchs» (1. Mose–Jos). Darin findet er die Themen Erzväter, Ägypten, Auszug, Wüstenwanderung und Einzug, nicht aber das Sinaigeschehen. Daraus schlussfolgerte er, die Sinaitradition sei jünger, was aber einem Zirkelschluss entspricht.

Von Rad gilt als der «grosse Architekt» der letzten Fassung der Dokumenten­hypothese (so Thomas Römer in seiner Einleitung). In den 60er-Jahren gab es einen Forschungskonsens, J sei um 950 v. Chr. (Epoche Salomos), E um 800 v. Chr. (im Nordreich), D zur Zeit Josias (ca. 622) und P um 550 v. Chr. (während der Exilszeit) entstanden.

Das Modell wird bisweilen bis heute noch vertreten (z. B. von Werner H. Schmidt) und es hat leider weiterhin Einfluss auf aktuelle Theorien. Aber ab den 1970er-Jahren begann der Konsens zu bröckeln. John Van Seters sah 1975 vor allem einen einzigen Erzählstrang im Pentateuch, den er als «Jahwist» bezeichnete ­(allerdings lebte dieser nicht am salomonischen Hof wie bei Von Rad, sondern erst im Babylonischen Exil), was einer «Ergänzungshypothese» gleichkommt. Hans Heinrich Schmid brachte J eher in die Nähe deuteronomistischer Texte. E-Texte ­hatten schon früher einen schwierigen Stand in der Forschung. Rolf Rendtorff wies in den 70er-Jahren auf die Schwächen der Urkundenhypothese hin und vertrat ein Modell von mehreren grösseren Einheiten, was im Prinzip wieder der «Fragmentenhypothese» entsprach. Sein Schüler Erhard Blum sah eine deuteronomistische (KD) und eine priesterliche Komposition (KP) am Werk, welche diese Einheiten ordnete. Heute noch rankt sich die Diskussion um die «deuteronomistischen» und «priesterlichen Texte». Auf die alternativen Modelle konservativer Theologen (wie Archer, Harrison, Külling usw.) komme ich weiter unten zu sprechen.

Fazit zur Forschungsgeschichte

Es gibt heute keinen Forschungskonsens mehr, verschiedene sich widersprechende Thesen werden vertreten. Wie Erich Zenger in seiner Einleitung konstatiert, «herrscht im Einzelnen derzeit eine kaum noch überschaubare Vielfalt von Meinungen über die Entstehung des Pentateuchs». Wir stehen vor einem Trümmerhaufen der Pentateuchforschung und sehen, dass von aussen an die Bibel herangetragene Hypothesen zu keinem fruchtbaren Ergebnis führen.

Gründe für die Theoriebildung

Was stand am Ursprung dieser Theoriebildung, die heute in einem unüberschaubaren Wildwuchs endet? Man beobachtete die verschiedenen Gottesnamen, störte sich an Spannungen und Doppelungen. So hielt man die drei Erzählungen, in welchen die Patriarchen ihre Frau als «Schwester» ausgaben (1. Mose 12: Abraham in Ägypten, 1. Mose 20: Abraham bei Abimelech, 1. Mose 26: Isaak bei Abimelech) für drei verschiedene Quellen, welche dieselbe Geschichte erzählen. Weshalb soll sich aber dieses Muster nicht wiederholen und sich mehrmals ereignen? Hinsichtlich Datierungsfragen lösen sich Argumente der Kritik in Luft auf, wenn man das Eingreifen Gottes in der Geschichte für plausibel erachtet, auch sein prophetisches Reden. Aus dieser Perspektive ist es möglich, dass bereits vor dem Bau des Jerusalemer Tempels von einer «Stätte, die Jahwe erwählt» (5. Mose 12,14), die Rede ist, bereits in vormonarchischer Zeit ein «Königsgesetz» formuliert wird (5. Mose 17) oder auch das Exil als Konsequenz für den Ungehorsam gegen Jahwe vorausgesagt wird (z. B. 5. Mose 28,64).

In diesem Zusammenhang müssen auch Stellen erwähnt werden, die als Post- oder A-Mosaica bezeichnet werden (aus der Zeit nach Mose oder nicht von Mose stammend). Die viel diskutierte Aussage in 1. Mose 12,6 und 13,7 («damals waren die Kanaaniter im Lande») ist im Hebräischen unproblematisch, da übersetzt werden kann: «Der Kanaaniter [ist] jedoch im Land». Deshalb wurde Abraham das Land nur verheissen, er durfte es noch nicht einnehmen. Die Phrase «jenseits des Jordans» (z. B. 4. Mose 22,1 u. a.) wird je nach Blickrichtung für das West- oder Ostjordanland verwendet. Man könnte ‘ēver hajjardēn als Grenzgebiet des Jordans übersetzen. Es ist nicht zwingend, eine Blickrichtung von Israel her anzunehmen. Auf die Frage, ob Mose von sich als demütigem Menschen sprechen würde (4. Mose 12,3), muss gesagt werden, dass das Adjektiv ‘ānāw im Hebräischen auch mit «gebeugt» im Sinn von «gedemütigt» wiedergegeben werden kann.

Konservative Theologen haben über die Jahrhunderte immer an der mosaischen Verfasserschaft festgehalten, auch wenn unterschiedlich über die Möglichkeit von Ergänzungen (sogenannten «Post-Mosaica») geurteilt wurde. Wichtige Stimmen im 20. Jahrhundert waren z. B. Edward J. Young, Gleason L. Archer oder Roland K. Harrison. Kenneth A. Kitchen legte durch seine profunde Kenntnis des Alten Orients eine solide Basis für die Plausibilität historischer biblischer Vorkommnisse («On the Reliability of the Old Testament»). Im deutschen Sprachraum sind Wilhelm Möller und Samuel R. Külling zu nennen. Külling zeigte auf, dass die Urkundenhypothese die «Probleme» (Gottesnamen, Wiederholungen, Dubletten, Stil usw.) nicht zu lösen vermochte, sondern sie nur in die einzelnen Quellen verlagerte. Nur eine Fragmentenhypothese wäre konsequent, aber diese wird dem planmässigen Aufbau des Pentateuchs nicht gerecht. Quellen­scheidungskriterien konsequent durchgesetzt führen zu einer Atomisierung des Textes. Külling plädierte deshalb dafür, von einer «Interpretatio europeica moderna» abzusehen und ein orientalisches Buch, das nicht nur logisch, sondern oft psychologisch erzählt, nicht in ein westliches, modernes Denksystem pressen zu wollen.

Unvergessen bleiben mir die Worte eines jüdischen Rabbiners, der mir einmal über die kritische Herangehensweise ungefähr Folgendes sagte: «Ihr Christen habt aus dem Alten Testament einen Friedhof gemacht. Immer wenn es spannend wird, habt ihr Spannungen gesehen.» Wir können nicht hinter den bestehenden Text zurück, weil uns keine Teiltexte überliefert sind (jede Aufteilung beruht auf Hypothesen).

Mosaische Verfasserschaft

Daher die Frage: Ist die Annahme der mosaischen Verfasserschaft ein gängiger Weg? Auch wenn in den letzten ca. 250 Jahren oft bestritten wurde, dass Mose als Hauptverfasser des Pentateuchs infrage kommt, spricht vieles dafür: Schriftlichkeit ist im Alten Orient mindestens ab 3000 v. Chr. bezeugt. Mose wurde am ägyptischen Hof erzogen, was ihn des Lesens und Schreibens kundig machte. Im Pentateuch wird mehrmals explizit gesagt, dass Mose schreiben konnte (vgl. z. B. 2. Mose 17,14; 24,4; 34,27; 4. Mose 33,2; 5. Mose 31,9.22.24). Das Deuteronomium wird auf Mose zurückgeführt (5. Mose 1,1–5; 4,44f.), mehrmals wird erwähnt, Mose habe in ein Buch geschrieben (2. Mose 17,14; 5. Mose 28,58; 31,24).

Vor allem das fünfte Buch Mose, das Deuteronomium, enthält wesentliche Elemente von altvorderorientalischen Verträgen. Die Nähe zu den hethitischen Verträgen im 2. Jahrtausend v. Chr. kann als Hinweis auf die Entstehung des Pentateuchs in mosaischer Zeit gedeutet werden. Es liegen uns mesopotamische und hethitische Keilschrifttexte aus dem Zeitraum von ca. 2350–1100 v. Chr. vor, die als Vergleichsmaterial für die biblischen Gesetzestexte dienen können. Das bekannteste Gesetzeswerk ist der Kodex Hammurabi, zusammengestellt vom babylonischen König Hammurabi (1792–1750 v. Chr.). Die nahen Parallelen zeigen, dass eine Entstehung des Pentateuchs in mosaischer Zeit plausibel ist. Es kommen ähnliche Tatbestände wie in der Tora zur Sprache und der Kodex kennt ebenfalls das «Fallrecht»: Die meisten Paragraphen sind kasuistisch formuliert (siehe T. Arnold in Pehlke).

Das Gesamtzeugnis der Bibel bestätigt Mose als Autor der nach ihm benannten Bücher und auch die Tradition ist dieser Auffassung (z. B. der Talmud, vgl. Baba-Bathra 14b–15a, Esra wird nur eine Rolle bei der Überlieferung der Tora zugerechnet, Sukka 20a). Es gibt ebenso heute alttestamentliche Forscher, die nach wie vor, wie damals Aebi, von der Autorschaft Mose überzeugt sind.

Die 2023 von Walter Hilbrands und Hendrik J. Koorevaar herausgegebene Einleitung in das Alte Testament, bei der 30 Alttestamentler aus Kontinentaleuropa mitwirkten, vertritt einen «historisch-kanonischen Ansatz» und datiert den Pentateuch in die mosaische Zeit. Henrik Koorevaar setzt deshalb die Genesis zusammen mit dem mosaischen Schriftkorpus auf das Jahr 1407 v. Chr. an, das Jahr von Moses Tod und das Jahr vor der Landnahme.

DAS ZWEITE BUCH MOSE

ALLGEMEINES

Das Buch heisst auf Griechisch «Exodos», das bedeutet «Auszug», da es hauptsächlich den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten beschreibt. Das 2. Buch Mose bildet die direkte Fortsetzung zum 1. Buch Mose (vgl. 1. Mose 50,26 und 2. Mose 1,6).

ZEITABSCHNITT

Das Buch beginnt mit dem Tod Josefs und endet mit der Einweihung der Stiftshütte (40,17). Nach der Übersiedlung der Sippe Jakobs nach Ägypten zu Josefs Zeiten wuchs diese zu einem zahlreichen Volk, das bei den Ägyptern Ansehen und Ehre geno ss. Nach dem Tod Josefs ist uns über eine Zeitspanne von einigen Jahrhunderten nichts Bestimmtes aufgezeichnet. Zwei Dinge sind aber klar: