KüstenSaat - Gaby Kaden - E-Book

KüstenSaat E-Book

Gaby Kaden

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  • Herausgeber: CW Niemeyer
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2021
Beschreibung

Die junge Pharmareferentin Jana Briggs erwacht gefesselt und geknebelt. Wer hat sie entführt und warum? Vielleicht, weil sie nicht nur teure Fracht sondern auch geheimes Wissen mit sich führte? Kann sie sich befreien? Ole van Leeuwen wartet dringend auf eine wertvolle Lieferung. Als diese bei ihm eintrifft, stellt sich heraus, dass die Ware durch einen Code gesichert ist, den nur eine junge Frau kennt. Ole lässt nichts unversucht sie zu finden und geht über Leichen. Die Ereignisse überschlagen sich! Oma und Tant‘ Fienchen haben eine bedrohliche Begegnung mit Wölfen, die hinter ihrem Haus auftauchen. Schafzüchter finden immer öfter gerissene Tiere und schwören Rache. Was haben sie mit diesem Fall zu tun? Und, wer schoss auf die junge Kommissaranwärterin? Können die Ermittler von der Küste diesen kniffligen Fall lösen?

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Seitenzahl: 422

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Der alte Schlager verursachte ihr Angst …„Rede oder sterbe!“Die russischen Reste lagen im …„Hilfe!“, krächzte sie, „ich will hier raus.“… der Wolf kam im Morgengrauen …… und dann herrschte Stille, tödliche Stille.

Die Geschehnisse, sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.ddb.de© 2021 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hamelnwww.niemeyer-buch.deAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: C. RiethmüllerDer Umschlag verwendet Motiv(e) von 123rf.com EPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbHeISBN 978-3-8271-8398-9

Gaby KadenKüstenSaat

Vorwort

Liebe Leser und Leserinnen, ein spannender Kriminalroman erwartet euch, doch vorab …

… ein herzliches DANKESCHÖN für eure Treue, für die vielen positiven Rückmeldungen, ob persönlich, per Post oder über soziale Medien, für eure Besuche bei meinen Lesungen. Danke, dass ich für euch schreiben darf.

Nach sieben erfolgreichen Küstenkrimis aus Ostfriesland, der Nordseeküste, den Inseln, Carolinensiel und umzu – darf ich nun meine Nummer 8 präsentieren –KÜSTENSAAT und das habe ich euch zu verdanken.

Und sonst? Geschrieben habe ich, aber außer mir sind noch weitere Menschen daran beteiligt, dass aus Fantasie, aus geschriebenem Wort, aus einem Manuskript ein fertiges Buch entstehen kann. Darum:

Danke an den Geschäftsführer Carsten Holzendorff von den CW Niemeyer Buchverlagen und an das ganze Team. Danke an Brigitte Pacholeck, Sarah Krasemann, Rebecca Frankowitz, die mich unterstützen und immer ein offenes Ohr haben. Danke Carsten Riethmüller, der für die kreativen und genialen Cover steht.

Danke auch wieder an Kerstin für konstruktive und hilfreiche Kritik am Text sowie an die „echte“ Kommissarin Irina, ihre „kriminalfachliche“ Beratung und die Ermahnungen: „Gaby, das gibt es nur im Fernsehen, aber die echte Polizei macht das nicht!“

Ich darf immer wieder Menschen aus meinem Umfeld in meinen Büchern nennen, danke dafür. (Anne, Mariechen …)

Ein ganz großer Dank geht an die Buchhandlungen und Geschäfte, in denen meine Bücher angeboten werden.

Danke an Werner, meinen Mann, für die tatkräftige und kritische Unterstützung, an meine ganze Familie, danke für „Leah-Sophie“, die Bereicherung meines Lebens.

Ich danke euch allen – OHNE EUCH WÄRE ALLES NICHTS!

Und, liebe Leser und Leserinnen, bedenkt, dass auch in KÜSTENSAAT alles meiner Fantasie entsprungen ist und nehmt es, wie es gemeint ist, nämlich mit einem Augenzwinkern.

Ein schönes Mädchen

Freitagabend …

♫Rada rada radadadada, rada rada radadadada*♫

Jana fuhr schon eine Weile auf der Autobahn gen Norden, als sie die ersten Klänge dieses alten Schlagers im Autoradio vernahm. Es war früher Abend und sie wusste, dass es noch weit über eine Stunde dauern würde, bis sie den Hof ihrer Eltern endlich erreichte. Es goss wie aus Kübeln, die Autobahn glänzte vor Nässe und war stark befahren. Eine ungemütliche Fahrt in ihr langes Wochenende, wie sie genervt feststellte.

Grelle Lichter auf der Gegenfahrbahn und auch immer wieder aufblendende rote Bremslichter vor ihr forderten die volle Konzentration der jungen Frau. Vorsicht war angesagt.

Und noch etwas bereitete Jana Unbehagen.

Seit geraumer Zeit schon hing, wie sie im Rückspiegel erkennen konnte, ein Auto dicht hinter ihr. Besetzt, so schien es, mit einer einzelnen Person, einem Mann. Es verwunderte sie, dass der Fahrer ihren Wagen nicht überholte.

♫ Rada rada radadadada, rada rada radadadada♫

… trällerte es weiter aus dem Radio.

Irgendwie kam ihr diese Melodie bekannt vor … und dann …

♫Im Wagen vor mir fährt ein junges Mädchen – Sie fährt allein’ und sie scheint hübsch zu sein … ♫

… kam es aus dem Radio. Jana schaute automatisch in den Rückspiegel.

♫Ich weiß nicht ihren Namen und ich kenne nicht ihr Ziel – Ich merke nur, sie fährt mit viel Gefühl … ♫

Jana wurde es heiß und sofort wieder kalt.

„Quatsch!“, schalt sie sich kopfschüttelnd. Jedoch …, war es Zufall, dass hinter ihr dieser Wagen …? Janas rechter Fuß zuckte Richtung Bremspedal, doch sie hatte ihn im gleichen Moment wieder im Griff. Eine Vollbremsung, um den Fahrer abzuschrecken, wäre jetzt zu gefährlich.

Aus dem Lautsprecher des Autoradios erklang es weiter:

♫Rada rada radadadada – Im Wagen vor mir fährt ein junges Mädchen – Ich möcht’ gern wissen, was sie gerade denkt … ♫

Das ist ein Lied aus den 70ern, erinnerte sich Jana. Ja, ein uraltes Lied. In der Küche ihrer Mutter lief ein Radiosender, der alte Schlager brachte. Genau dort hatte sie es schon gehört. Wieder fiel ihr Blick in den Rückspiegel. Noch immer fuhr dieser Wagen hinter ihr, kroch fast in ihren Kofferraum hinein. Was sollte das? Die nächste Hitzewelle durchfuhr die junge Frau. Im gleichen Moment beschlugen die Fensterscheiben von innen.

Jana drehte die Lüftung voll auf.

♫Rada rada radadadada, rada rada radadadada♫

Sie wusste nicht, warum, aber der alte Schlager verursachte ihr Angst. Urplötzlich und nicht nachvollziehbar, heftige Angst.

Hatte es damit zu tun, dass sie als Pharmareferentin für Tiermedizin sehr oft mit dem Wagen unterwegs war? Meist allein, auf der Autobahn und vor allem auf dunklen verlassenen Landstraßen. Im Grunde machten ihr diese Fahrten nichts aus. Aber heute war das so, und der jungen Frau grauste es vor den letzten fast achtzig Kilometern Einöde in die Dunkelheit Ostfrieslands hinein, die noch kommen würden. Was, wenn der Wagen ihr auch hier folgte?

♫Hört sie denselben Sender oder ist ihr Radio aus –Fährt sie zum Rendezvous oder nach Haus’? – Rada rada radadadada, rada rada radadadada♫

Eine dicke Gänsehaut kroch ihr den Köper empor, in die Arme und weiter über die Kopfhaut.

„Hühnerpelle!“, Jana schüttelte sich. Wieder flog ihr Blick zum Rückspiegel.

Verfolgte sie tatsächlich jemand – oder bildete sie sich das nur ein? Aber wer sollte das sein und was wollte der? Der? War es wirklich ein Mann? Schließlich hatte sie in einem kurzen Moment eines entgegenkommenden Scheinwerferlichtes nur eine Silhouette erkennen können.

Trotz der beschlagenen Scheiben konnte sie sehen, dass der Wagen noch immer hinter ihr war. Andere rauschten seitlich vorbei.

Sie tastete nach den Aluminiumkoffern auf dem Beifahrersitz.

♫Was will der blöde Kerl da hinter mir nur? ♫

... erklang nun eine weibliche Stimme.

♫Ich frag’ mich, warum überholt der nicht? Der hängt nun schon ’ne halbe Stunde ständig hinter mir – Nun dämmert’s schon und er fährt ohne Licht. ♫

„Genau!“ Die Sängerin sprach ihr aus der Seele. Warum überholte der nicht? Wer wollte da etwas von ihr? Ging es etwa um die Lieferung neben ihr auf dem Beifahrersitz? Um die beiden Koffer, die sie nahe Wiesmoor übergeben sollte? Hatte jemand von dieser geheimen Mission erfahren?

Oder fuhr da vielleicht Jonas hinter ihr?

Sie schüttelte den Kopf und beschloss, sich auf die Fahrt zu konzentrieren. „Das ist doch zu dumm!“, versuchte die junge Frau sich zu beruhigen.

Jana befand sich auf dem Weg zum Wochenendurlaub bei ihren Eltern, war zusätzlich noch in besonderer Mission unterwegs. Die Zeit drängte, eigentlich wollte sie schon am Nachmittag dort eintreffen. Aber ihr Ex hatte sie aufgehalten und wie immer gejammert, ja gebettelt, dass sie doch zu ihm zurückkommen solle. Jana hatte dann irgendwann genervt zugestimmt, noch mit ihm auf einen Kaffee in die Firmenkantine zu gehen, anschließend aber energisch darauf bestanden, dass sie nun wirklich fahren müsse. Jonas schien es dann plötzlich ebenfalls sehr eilig zu haben und hatte zu Janas Erleichterung mit einem Blick auf seine Uhr verkündet, dass er auch noch einen Termin habe.

Jonas! Der größte Fehler ihres Lebens. Jana seufzte und konzentrierte sich wieder auf die Fahrt.

Stolz betrachtete sie die beiden wertvollen Koffer auf dem Beifahrersitz, die man ihr anvertraut hatte und die sie bei einem kurzen Zwischenstopp nachher abliefern sollte.

Dann wurde ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Lied gelenkt.

♫Rada rada radadadada, rada rada radadadada♫ ... drang es erneut an ihr Ohr.

♫Wie schön, dass ich heut’ endlich einmal Zeit hab’ Ich muss nicht rasen, wie ein wilder Stier – Ich träum’ so in Gedanken, ganz allein’ und ohne Schranken – Und wünsch’, das schöne Mädchen wär’ bei mir.♫

„Das träumst du wirklich!“, rief sie aus und wusste gleichzeitig, dass ihre Reaktion irre war.

„Bleib cool, verdammt“, beschwichtigte sich Jana selbst und versuchte das Lied zu verdrängen.

♫Rada rada radadadada, rada rada radadadada♫

Endlich kam ihre Ausfahrt und sie konnte die Autobahn verlassen. Die junge Frau setzte den Blinker, folgte dem Wegweiser über die B 437 Richtung Wiesmoor. Der Regen prasselte noch immer auf ihr Wagendach, außerdem machten die dunklen Wolken die Fahrt noch ungemütlicher.

♫Bye-bye, mein schönes Mädchen, gute Reise – Sie hat den Blinker an, hier fährt sie ab. ♫

Wieder kroch eine Hühnerpelle über ihren Nacken bis zur Kopfhaut hoch.

„Schluss jetzt! Musik aus! Ich schaue einfach nicht mehr in den Rückspiegel.“ Jana drehte das Radio ab.

Doch ganz gelang es ihr nicht. Mit einem Auge schielte sie in den Spiegel und atmete erleichtert auf. Hinter ihr war es dunkel. Kein Auto zu sehen. Nun lagen noch ungefähr siebzig Kilometer durch Dörfer und über die Landstraße vor ihr, bis sie in Wiesmoor und später dann zu Hause war.

Erleichtert drückte sie sich in den Fahrersitz und gab Gas. Der Refrain des Liedes ging ihr allerdings nicht aus dem Sinn.

♫Rada rada radadadada, rada rada radadadada♫… trällerte es in ihrem Kopf.

Nachdenklich fuhr sie in die Dunkelheit Ostfrieslands hinein und schimpfte zwischendurch: „Verdammter Ohrwurm.“

Bockhorn stand auf dem nächsten Wegweiser. „Genau! Über Bockhorn und Friedeburg schnell nach Wiesmoor, die bestellte Ware abliefern“, flüsterte Jana, „und dann endlich zu Mama und Papa.“ Irgendwie fühlte sie sich unruhig, wusste aber nicht, warum.

Wieder schaute sie zu den Koffern. Ja, der Auftrag erfüllte sie mit Stolz. Auf dem einen Aluminiumkoffer klebte ein roter, auf dem anderen ein gelber Punkt. Das war das einzige Unterscheidungsmerkmal. Niemand durfte von außen erkennen, was sich darin befand. In den Koffern lag je noch ein Lieferschein, hatte man ihr gesagt, zu dem sie dem Empfänger etwas ausrichten sollte. Dieser Code, ein kurzer Satz, sei wichtig für den Empfänger und dürfe nur ihm übermittelt werden. Ohne Code sei die wertvolle Lieferung nutzlos.

Im Paket mit dem roten Punkt befanden sich drei gut verpackte und gekühlte Glasbehälter, in dem anderen einhundert kleine Ampullen. Beide Inhalte erfolgversprechend und doch unterschiedlich und nur sie konnte für die richtige Verwendung sorgen. Das war die Sicherheitsvorkehrung, die ihre Auftraggeber eingebaut hatten, falls die Lieferung in falsche Hände kommen sollte.

„Zwei vollkommen unterschiedliche Inhalte“, flüsterte sie, „beide immens wertvoll, zukunftsträchtig und erfolgversprechend und trotzdem so anders.“ Ja, sie wusste genau, was sich in den Koffern befand, hatte es von Jonas erfahren, der ihr gegenüber mit seinem Wissen prahlte. Offiziell aber durfte sie natürlich keine Kenntnis davon haben.

Jana konzentrierte sich wieder auf ihre Fahrt, sie wollte den Auftrag schnell erledigen und dann endlich nach Hause. Im Rückspiegel tauchten in der Dunkelheit nun doch zwei leuchtendgelbe Augen auf; Scheinwerfer, aber die kümmerten sie nicht.

Die junge Frau schaltete das Radio wieder ein, suchte einen anderen Sender mit modernerer Musik. Von alten Schlagern hatte sie für heute genug.

Irgendwann rauschte ein Auto an ihr vorbei.

„Idiot“, fluchte Jana, „muss das sein, in der Dunkelheit und auf der unübersichtlichen Straße?“ Der Regen hatte nicht nachgelassen und ihre Scheibenwischer schoben sich quietschend über die Frontscheibe.

Schnell waren die Rücklichter des Rasers in der Nacht verschwunden.

Laut sang sie ein Lied mit, klopfte den Takt mit den Fingern auf dem Lenkrad. Jana freute sich auf die beiden Tage zu Hause und die anstehende Geburtstagsfeier ihrer Mutter. Erst am Montag würde sie wieder losmüssen, dann hatte sie einen Termin bei einem Tierarzt in Leer. Sie sang auch das nächste Lied mit, laut und falsch, aber egal. Dann verstummte sie plötzlich und nahm verwundert den Fuß vom Gas. Was war das, da weit vor ihr? Irgendetwas oder irgendwer befand sich mitten auf der Straße. Noch konnte sie nichts Genaues erkennen und schaltete das Fernlicht ein. Jana atmete heftig. Gab es dort einen Unfall oder wollte jemand … Mit der rechten Hand griff sie nach den Koffern neben sich und hob sie hinter den Beifahrersitz.

Mitten auf der Straße stand ein Fahrzeug, unbeleuchtet, ohne Warnblinkanlage, angestrahlt von den Scheinwerfern ihres Wagens. Jana überlegte, ob sie aussteigen oder einfach den Notruf wählen sollte. Für eine Frau, allein auf der Landstraße in dunkler Nacht, war diese Situation zu gefährlich.

„Ach was!“, sprach sie sich laut Mut zu. „Wenn da jemand dringend Hilfe braucht, ist es, bis ein Arzt kommt, sicher zu spät.“ Ihr Medizinstudium, wenn auch Tiermedizin, verpflichtete sie förmlich zum Handeln.

Jana nahm ihr Telefon zur Hand, stieg aus, ließ aber den Motor laufen und ging auf das Fahrzeug zu.

„Hallo!“, rief sie laut. „Hallo, brauchen Sie Hilfe? Soll ich die Rettung rufen?“ Sie wedelte mit ihrem Handy, bekam aber keine Antwort.

Plötzlich vernahm sie von der Seite unheimliche Laute. Was war das? Im seitlichen Gestrüpp konnte sie nun zwei leuchtende Punkte sehen und mit einem Mal war da dieses schreckliche … – ja, was war das? Ein Heulen? Es klang sehr bedrohlich. Jana fröstelte. Die Sache wurde ihr unheimlich.

„Was mach ich hier, bin ich eigentlich blöd?“ Schnell drehte sie sich um und lief zurück zu ihrem Fahrzeug. Als sie es erreichte und einsteigen wollte, registrierte sie hinter sich eine Bewegung, dann traf sie ein Schlag im Nacken und sie fiel nach vorne, schlug mit dem Kopf gegen das Lenkrad. Aber das spürte sie schon nicht mehr.

Unheimliche Geräusche

Samstag, früher Morgen

Da war es wieder, dieses unheimliche Geräusch, und Jettchen Evers verfluchte ihr Hörgerät, das sie seit geraumer Zeit nachts nicht mehr ablegte. Einige Dinge waren in der Vergangenheit passiert, die die alte Ostfriesin hatten vorsichtig werden lassen. Ihrer Familie gegenüber behauptete sie zwar, dass der Grund darin liege, dass sie sonst den Feuermelder in der Stube nicht hören würde, aber keiner glaubte ihr das. Ihr Grund war ganz banal, sie wollte einfach nicht mehr unbemerkt im Bett überrascht werden. Ohne Hörgerät nämlich war sie taub.

Nun saß sie kerzengerade und stocksteif in ihrem Bett, verwünschte „das olle Ding“ in ihrem Ohr und lauschte doch neugierig.

Ja, da war es wieder, dieses unheimliche Heulen. Sie hörte es genau.

Mit ihren achtundachtzig Jahren war Jettchen Evers schon einiges gewohnt: Der „Fliegende Holländer“ zum Beispiel, den sie und Fienchen, ihre Schwester, in Arrest genommen hatten. Dann dieser Henry, der sie und Fienchen quasi entführt und ihre Enkelin Tomke fast getötet hatte. Und die ein oder andere Geschichte, die sie besser für sich behielt, gab es ja auch noch.

Tomke schimpfte immer wieder mit ihr und meinte, sie beide seien zu leichtsinnig. Das hielt Jettchen Evers natürlich für Quatsch. Sie und Fienchen waren, wie sie waren, Ostfriesinnen eben.

Andererseits natürlich wollten sie das nicht wahrhaben, aber im Inneren wusste Jettchen, dass Tomke recht hatte. Schließlich war diese inzwischen Chefin des hiesigen Kommissariats und musste es wissen, doch zugeben konnte Jettchen es natürlich nicht.

Aber ihre Enkelin hatte sich in den letzten Monaten auch verändert. Was ist mit der Deern nur los?, überlegte sie in schlaflosen Nächten immer wieder.

Doch jetzt. Jettchen horchte auf. Da war es wieder, dieses unheimliche Geräusch.

Nun wurde ihr doch mulmig zumute. Die alte Ostfriesin verhielt sich mucksmäuschenstill und lauschte. Schon in der Nacht war es zu hören gewesen, als sie, ob ihrer senilen Bettflucht, wie sie selbst ihre Schlaflosigkeit nannte, wieder einige Stunden wach gelegen hatte. Gegen Morgen kam es dann oft so, dass sie in einen tiefen, traumlosen Schlaf verfiel. Oft musste sie dann von ihrer Schwester geweckt werden. Heute allerdings war das anders. Heute war es dieses Heulen, das sie aus dem traumlosen Schlaf holte. Es drang so unheimlich durch die dicken Mauern des alten Kapitänshauses und bis zu ihr ans Bett, dass es der Ostfriesin die Hühnerpelle über den Körper trieb. Woher kam es nur? Konnte der Wind die Ursache sein? Heulte der so unbarmherzig ums Haus? Im Wetterbericht am Ende der Tagesschau gestern Abend wurde doch gar kein Sturm angekündigt, erinnerte sie sich.

Jettchen schob die Bettdecke zur Seite und hob die Beine über die Bettkante. Vorsichtig steckte sie ihre nackten Füße in die Puschen und machte ein paar Schritte zum Fenster. Nun war es wieder still ums Haus. Komisch. Sie lugte durch die Ritzen des Rollos, konnte aber nichts erkennen, so zog sie den Rollladen langsam hoch und lauschte weiter. Aber da war nichts mehr. Jettchen griff nach der wollenen Decke auf dem niedrigen Tisch vor dem Fenster und setzte sich in den Sessel, der ebenfalls am Fenster stand.

Es herrschte gespenstische Stille in dem kleinen Küstenort. Menschenleer, wie ausgestorben schien die Straße vor ihrem Haus. Kein Auto kam an diesem frühen Morgen über die sonst so stark frequentierte Hauptstraße, die in den Ort führte. Tagsüber war es manchmal unerträglich, Auto an Auto und vor allem auch die Lkw hier viel zu schnell vorbeirasen zu hören. Seit Corona allerdings war das anders.

Im Garten auf der anderen Straßenseite bemerkte sie eine Bewegung. Mariechen, die Nachbarin von gegenüber, huschte gerade in den Hühnerstall, um ihre Lieblinge zu versorgen. Mehr war zu der frühen Stunde nicht los. Die einzige Bewegung in den umliegenden Gärten und auch auf der Straße bot der Nebel, der um die Häuser waberte.

Gespenstisch, richtig gespenstisch, wirkte der Morgen. Gespenstisch erschien ihr auch das, was sich, seit dieses heimtückische Virus in der Welt grassierte, hier abspielte. Carolinensiel zeigte sich oft menschenleer. Die Welt hatte sich derart verändert und Jettchen zweifelte, ob das noch ihre Welt war.

Von dem Geheule war nun auch nichts mehr zu hören. Ich glaube, ich werde senil, ärgerte sie sich und erhob sich mühsam aus dem gepolsterten Sessel, der noch aus der Zeit kurz nach ihrer Hochzeit stammte. Mit einem Krächzen warf sie ihren dicken Morgenmantel über die Schultern. Sicher war es unangenehm feucht und kalt draußen, aber ihren allmorgendlichen Gang um das Haus wollte sie trotzdem nicht ausfallen lassen. Mit den Worten „Hilft ja nix, wat mut, dat mut“ und einem schmerzerfüllten Stöhnen schlüpfte sie in die Ärmel des Mantels und band ihn fest zu. Es dauerte morgens meist eine Weile, bis die alte Ostfriesin sich einigermaßen schmerzfrei bewegen konnte. „Die alten Knochen wollen einfach nicht mehr so!“, erklärte sie jedem, der es hören wollte.

Fienchen, ihre Schwester, werkelte sicher schon in der Küche umher und richtete den ersten Tee des Tages. Jettchen musste lachen. Fienchen ließ es sich einfach nicht nehmen, morgens den alten Ofen in der Küche einzuheizen, einen großen Wasserkessel aufzusetzen, um für eine erste gute Tasse Tee zu sorgen. Später erst würden sie dann gemeinsam frühstücken.

Und wieder horchte Jettchen auf. Da war es wieder, dieses unheimliche Geräusch, das sie in den letzten Tagen und auch heute, ganz in der Früh, vernommen hatte.

„Jetzt will ich aber wissen, was das ist!“ Kopfschüttelnd verließ sie ihr Schlafzimmer und marschierte über den Flur Richtung Küche.

„Na, bist du ut dien Nüst fallen?“, wurde sie dort von ihrer Schwester begrüßt.

„Nein, ich will wissen, wer hier diese unheimlichen Geräusche macht. Mir reicht’s. Die ganze Nacht ging das so. Moin übrigens, Schwester.“

„Quatsch, ik heb nix höört.“

„Bist ja auch ebenso taub wie ich, aber für ein Hörgerät zu geizig“, rief Jettchen ihrer Schwester zu und mit einer Geste zum alten Ofen noch: „Dein Kessel pfeift!“

„Wer ist taub?“, keifte Fienchen zurück.

Dann zog sich Jettchen den Gürtel des Morgenmantels enger und verließ kopfschüttelnd die Küche zur Hintertür hinaus.

„Du holst dir da draußen noch mal den Dood, Schwester“, schimpfte Fienchen, griff sich das Kirschkernkissen von der Ofenbank und legte es auf das heiße Wasserschiffchen des Herdes. Dann schloss sie murrend die Feuerklappe des Ofens, nahm den pfeifenden Wasserkessel auf und goss das kochende Wasser über den Ostfriesentee. Sofort verteilte sich ein angenehmer, wohliger Duft in der Küche. Anschließend stellte sie den Kessel zurück auf den Herd, zog die Flöte am Ausgießer ab und schimpfte: „Meldet sich auch nicht mehr, das olle Ding.“

Als Jettchen aus der Hintertür trat, fiel ihr Blick über die Deichkante Richtung Feld. Nebelschwaden hingen tief über dem Feld, bedeckten den Boden, darüber war alles frei, sodass man die Häuser weiter hinten am Feldrand erkennen konnte. Ein sehr mystischer Anblick, der sich hier heute wieder einmal bot. Sie atmete tief durch und rieb sich die Arme. „Schietig kalt, aber schön und so still!“, freute sich die alte Ostfriesin. „Still und friedlich.“ Sie dachte über die letzten, so schrecklichen Monate nach. Die Welt schien gerade aus den Angeln zu geraten. Ein Virus war über den Erdball gezogen und hatte viel Krankheit, Leid und auch Tod gebracht. Aber nun, so wirkte es, würde sich hoffentlich alles zum Guten wenden. Reisebeschränkungen sollten in den nächsten Tagen aufgehoben werden, Gäste durften wieder an die Küste kommen.

Sie selbst, ihre Familie, alle Freunde und Bekannte in Carolinensiel und umzu waren von dieser schrecklichen Plage, die aus China kommend über die Welt kroch, verschont geblieben. Aber es war eine harte Zeit mit Ausgangssperren, wie damals im Krieg. Jettchen schauderte es.

In den letzten Wochen schien die Welt stehen geblieben zu sein, in dem kleinen und so sehr beliebten Küstenort, der in der Regel das ganze Jahr über gut, ja oft zu gut besucht war. In diesem Jahr bisher allerdings nicht. Bisher! Was aber, wenn die Gäste wiederkämen? „Hoffentlich ist das nicht zu früh und dieses Virus kommt mit den Feriengästen doch noch zu uns hier oben“, hatte sie vor einigen Tagen noch zu ihrer Schwester gemeint.

Jettchen schüttelte die trüben Gedanken zur Seite und drehte sich um.

Ich muss rein, sonst hole ich mir hier noch was weg, beschloss sie und wandte sich zur Tür.

Doch was war das? Aus den Augenwinkeln heraus vernahm sie eine Bewegung draußen auf dem Feld. Ein Hase? Nein, zu groß. Wohl eines der Feldrehe, die hier lebten, überlegte sie weiter und schaute genauer hin. Nein, das ist auch kein Reh, stellte sie fest, das ist ein Hund, nein, zwei Hunde. Was machen die da draußen? Komisch! Wer hier in der Gegend hatte Hunde, die er frei über das Feld laufen ließ? Und Touristen, die ihren Hund fürs große oder auch kleine Geschäft aus lauter Bequemlichkeit über das Feld jagten, waren auch keine im Ort. Was also war das? Sie konnte den Blick nicht von den Tieren nehmen, die langsam und behäbig durch die Nebelschwaden auf sie zu­liefen. Das sind keine Hunde, stellte sie dann erschrocken fest und blickte angestrengt über das Feld, das sind …, das sind Wölfe! Mein Gott, wir haben Wölfe an der Küste. Daher auch diese unheimlichen Geräusche. Das war Wolfsgeheule in der Nacht. Jettchen schlug sich die Hände vors Gesicht.

Die Tiere schienen sie entdeckt zu haben, liefen Schritt für Schritt auf sie zu.

Schnell riss Jettchen die Hintertür auf und schlüpfte zurück ins Haus.

In der Küche goss ihre Schwester gerade Tee in die kleinen Teetassen und stellte die Kanne wieder auf den Herd. Jettchen schlug aufregt die Küchentür zu.

„Fienchen, Fienchen, hinterm Haus laufen Wölfe, das hast du noch nicht gesehen. Zwei Stück sind es.“

Doch ihre Schwester meinte pragmatisch: „Set die daal und trink en Tee.“ Sie nahm das Kirschkernkissen vom Wasserschiff und legte es ihrer Schwester über die nackten Füße.

Die schaute sie dankbar an und nahm ihre Teetasse zur Hand.

„Da waren Wölfe, Fienchen, zwei Stück, ich habe es genau gesehen.“

„Schnack du nur!“ Fienchen hatte andere Dinge im Kopf. Heute wollte sie die Mülltonnen putzen. Altpapier, die Gelbe Tonne, Rest- und Biomülltonne mussten unbedingt geschrubbt werden. Pah, Wölfe, was ihre Schwester wohl wieder hatte.

Doch Jettchen ließ das keine Ruhe. Sie stand auf und lief zum Ofen. Dort, auf dem Boden, stand eine Kiste mit Zeitungen, die Fienchen zum Anfeuern, aber auch zum Polieren der Fensterscheiben benutzte. Sie nahm sich einen Stapel heraus, durchblätterte schnell ein paar der alten Zeitungen und knallte nun eine vor ihrer Schwester auf den Tisch.

„Da!“ Sie klopfte auf die Zeitung. „Wir haben Wölfe an der Küste. Hier im Anzeiger steht es schwarz auf weiß. Bisher trieben sie sich nur im Hinterland herum, doch jetzt sind sie auch hier. Ich wusste doch, dass ich da was gelesen habe. Und es gibt auch einen Wolfsbeauftragten, den muss ich unbedingt anrufen.“ Sie riss kurzerhand ein Stück aus der Zeitung, auf dem die Telefonnummer des Wolfsberaters stand.

Fienchen nahm einen letzten Schluck Tee und winkte ab.

„Das nützt ja alles nix, heute sind die Mülltonnen dran, Schwester! Räum du den Tisch ab, ich geh schon mal hinters Haus und nehme mir vor dem Frühstück die Gelbe Tonne vor.“

Sie griff sich einen bereitgestellten Eimer, Lappen, Putzmittel sowie ein paar Bürsten und verließ die Küche.

Jettchen konnte es nicht fassen, dass ihre Schwester so ignorant war. Sie räumte die Tassen zusammen, rutschte aus der Eckbank und trug das Geschirr Richtung Spüle. Kurz bevor sie es in den Spülstein stellen konnte, erscholl von der Hintertür ein gellender Schrei.

„Schwester?“, schrie Jettchen auf, „was ist passiert?“

„Die Wölfe!“, fiel ihr ein. Sie ließ die Tassen fallen und lief los.

Blutrausch

Samstag, früher Morgen

Es war ein grausames Bild, das Simon Weil am frühen Morgen entgegenprallte. Das verlassene Fahrzeug am Straßenrand in einiger Entfernung fiel ihm nicht auf, noch nicht. Zu entsetzt war er von dem schlimmen Bild vor sich. Blut, überall Blut. Beim Anblick des aufgerissenen Leibes schlug Simon bestürzt die Hände vors Gesicht. So viel Blut! Und es war noch nicht alles, der Blick in die starren, toten Augen war schlimmer, viel schlimmer. Er erkannte sie sofort. Er kannte alle seine Mädels, dieses war ihm jedoch das liebste, und ausgerechnet es hatte es getroffen.

Nachdem er sich von seinem ersten Schock erholt und die Fassung zurückgewonnen hatte, zückte Simon sein Handy und suchte nach einer Nummer.

Als es am anderen Ende knackte, noch bevor sein Gegenüber sich meldete, rief er in den Apparat: „Wach auf, Jo! Dieser verdammte Killer hat heute Nacht wieder zugeschlagen! Wir müssen etwas unternehmen. Ruf alle zusammen, und sie sollen ihre Gewehre mitbringen.“

„Was ist denn los?“, kam es schlaftrunken aus der Leitung, und Simon fuhr fort: „Wir treffen uns in einer Stunde bei mir am kleinen Landhaus. Ich gebe nicht eher auf, bis wir diesen brutalen Mörder abgeknallt haben.“

Nun war Jo hellwach und verstand.

„Okay, in einer Stunde. Hast du die Polizei informiert?“

„Nein, mach du, wenn du meinst, es muss. Ich hab die Schnauze voll und nehme das jetzt selbst in die Hand.“

„Simon!“, rief Jo noch, aber der hatte das Gespräch schon beendet.

Es war kalt, die Luft feucht. Simon schaute sich um. Bodennebel hing über der Weide neben dem kleinen Landarbeiterhaus. Das grausame Bild vor ihm verdeckte der Nebel allerdings nicht. Er machte ein paar Schritte zur Straße und schaute sich um.

Am Wegesrand, rechts auf der Berme (Randstreifen an der Straße), vielleicht hundert Meter von ihm entfernt, stand ein Wagen. Fahrer- und Beifahrertür waren weit geöffnet. Sehen konnte er jedoch niemanden. Eigenartig. Wer parkte dort, so früh am Morgen? Hatte das etwa was mit dieser Bluttat hier zu tun?

Dicht neben ihm rauschten zwei Pkw vorbei. „Idioten, ihr kommt noch früh genug auf den Friedhof!“, fluchte er.

Simon warf einen kurzen Blick zurück und stapfte auf das unbekannte Fahrzeug zu. Es handelte sich um einen schwarzen Kombi mit fremdem Kennzeichen.

„Is’ nich von hier wech!“, murmelte er. „Is’ von Hannover wech!“

Ein Blick in das Wageninnere ließ ihn erkennen, dass der Kofferraum voller Pakete und Päckchen war, die Rückbank, Fahrer- und Beifahrersitz, bis auf eine dunkle Reisetasche, allerdings leer waren. Keine Menschenseele weit und breit. Aber etwas verwunderte den Mann. Der Wagen schien sehr gepflegt und aufgeräumt, doch Fahrer- und Beifahrersitz waren mit Schmutz- und Erdbrocken verdreckt. Kleine Abdrücke konnte er sehen. Keine Fuß- oder Handabdrücke – nein, das sah aus wie die Abdrücke von Pfoten. Hundepfoten? Oder ...? Sein Magen rebellierte. Mit den Fingerspitzen fuhr er vorsichtig über das Lenkrad und rieb sie aneinander. Diese klebrige Masse …, war das Blut? Simon stellte sich auf und blickte nachdenklich Richtung Weide. In einiger Entfernung lag eines seiner besten Schafe, mit aufgerissenem Leib und ausgeweidet, in seinem Blut. Aber hier? Sollte dieser Mörder hier etwa auch zugeschlagen haben? Simon wagte nicht, den Gedanken weiterzudenken, und pfiff durch die Zähne.

Max, sein Hütehund, kam angeflitzt.

Nachdem Simon einige Male um den Wagen herumgelaufen war und laut „He, hallo, ist da jemand?“ gerufen hatte – vielleicht war der Fahrer ja nur in die Büsche zum Pinkeln verschwunden –, entschied er sich, doch die Polizei zu rufen. Hier musste etwas passiert sein.

„… ja, sehr eigenartig, und der Schlüssel steckt im Schloss!“, erklärte er dem diensthabenden Beamten noch.

Früher Vogel

am Samstagmorgen

Kriminalhauptkommissar Carsten Schmied saß schon seit einer Stunde am Schreibtisch in seinem kleinen Büro im Kommissariat der Wittmunder Kriminalpolizei. Das Büro nebenan, das er sich bis vor Kurzem mit seinen Kollegen Tomke Evers und Hajo Mertens geteilt hatte, war noch leer und die ganze Etage um diese Uhrzeit besonders ruhig. Carsten liebte diese geruhsame Stunde, in der er den Papierkram erledigen konnte. Darum hatte er auch den Samstagsdienst übernommen.

Erinnerungen an die zurückliegenden Monate nahmen von ihm Besitz.

Eine schwierige Zeit lag hinter Carsten und seinem Kollegen Hajo Mertens. Nicht nur, dass diese verdammte Pandemie seit einiger Zeit für Chaos sorgte, nein, es waren Monate, in denen er und Hajo hier auch noch ohne die Kollegin Tomke Evers hatten auskommen müssen, denn …

Doch dann wurden seine Gedanken vom Klingeln des Telefons unterbrochen.

„Was gibt’s?“, brummte er in den Hörer.

„Een doodes Schaf …!“, antwortete Jan, der Diensthabende von der Zentrale. Solche knappen Informationen der ostfriesischen Kollegen nervten ihn auch heute noch manchmal, wenngleich er deren Art inzwischen kennen sollte. Schließlich lebte der gebürtige Hesse nun schon einige Jahre in Ostfriesland. Doch dann sprach Jan weiter: „… und Blutspuren in einem Fahrzeug.“

„Und was soll ich dabei tun? Ist doch nicht unser Ding, wenn jemand ein Schaf überfährt. Holt ’nen Förster oder besser den Schäfer.“ Carsten war genervt. Die Doppelbelastung als „Oberchef und Ermittler“, wie er sich sarkastisch selbst nannte, machte ihm zu schaffen, vor allem, weil Tomke eben nicht da war. Auch seine Familie litt unter dieser Mehrbelastung. Marie und Felix, die beiden Kinder, ließen ihn das deutlich merken. Michaela, seine Frau, beschwerte sich nur leise, verstand sie sein Problem doch nur zu gut.

„Ganz so einfach ist es nicht!“, erklärte Jan und holte ihn aus seinen Gedanken zurück. „Und für deinen Stress bin ich nicht verantwortlich. Was glaubst du denn, warum ich dich anrufe? Ich sagte: ‚Blutspurenim Fahrzeug‘ und nicht: am Fahrzeug. Außerdem ist kein anderer da. Also, mach hinne, Boss! Oder hast du keinen Samstagsdienst? Hajo habe ich schon informiert, der kommt direkt hin.“

Er kann in mehreren Sätzen sprechen, welch Wunder, schoss es Carsten durch den Kopf, meinte dann aber:

„Okay, okay, ich komme runter, kannst mir dann ja genau auseinanderklamüsern, was da passiert ist und wo.“

„Hä?“, kam es von Jan, doch Carsten hatte schon aufgelegt.

Er griff erneut zum Telefon, um Tomke zu informieren, ließ allerdings den Hörer mit einem Seufzer wieder sinken. „Scheiß-Automatismus!“, murmelte er und setzte nach: „Ach, Tomke!“ Sie fehlte ihm hier auf dem Kommissariat schon sehr.

Carsten stand auf und zog seine Jacke von der Stuhllehne. Jan hatte ja recht, sie waren hier wirklich für alles zuständig.

Mit wenigen Sprüngen nahm er die Treppe ins Untergeschoss, steckte den Kopf durch die Tür der Zentrale und wollte von Jan wissen, wo genau er denn nun eigentlich hinfahren müsse.

Der hielt ihm einen vorbereiteten Zettel hin und meinte augenzwinkernd: „Verschwinde, Hajo ist sicher schon fast dort.“

Carsten las die Adresse. „Das ist doch Richtung Esens, nein, Richtung Wiesmoor, oder? Na, das schafft Hajo nicht, der reist ja inzwischen aus Harlesiel an. Wer sichert den Ort des Geschehens?“, fragte er noch knapp.

„Beert und Inka hab ich hingeschickt.“ Jan wandte sich wieder der Telefonanlage zu, die blinkte und schon wieder klingelte. Kurz bevor Carsten die Ausgangsschleuse der Polizeistation betrat, rief ihm Jan noch nach: „Schnutenpulli dabei?!“

„Jow!“

Treibjagd

Samstagmorgen

Die Landstraße war inzwischen gut belebt. Immer wieder rasten Fahrzeuge an ihm vorbei. „Berufsverkehr, trotz Samstag und Corona“, resignierte Simon. Keines der Fahrzeuge beachtete ihn oder hielt gar an.

Nachdem der Mann den seltsamen Fund bei der Polizei gemeldet hatte, hörte er aus der Ferne einige Fahrzeuge auf sich zukommen, die nun ebenfalls am Seitenrand in der Nähe seines eigenen Wagens hielten.

Na endlich, da ist Jo mit den anderen. Ganz kurz schien der erste Vorfall, vorne auf seiner Weide, vergessen. Noch immer hielt er sich an dem fremden Fahrzeug auf.

„Bleiben Sie dort, aber fassen Sie nichts an“, hatte der Mensch von der Polizei ihn am Telefon angewiesen.

Simon sog tief die Luft ein und wischte sich die Finger an der Hose ab. „Wie werde ich denn, einmal reicht!“

„Was ist da los?“, rief ihm Jo aus einiger Entfernung zu, nachdem er aus dem Auto gestiegen war. Er zeigte auf den verwaisten Wagen.

Simon ging auf Jo und die anderen zu und meinte: „Erzähl ich dir später. Die Polizei schlägt hier gleich auf, und …“

„Ich denke, du wolltest keine Polizei dabeihaben, ich hab sie auch nicht angerufen. Was denn nu? Rin in die Tuffels, rut us de Tuffels?“

„Nee, nee. Hat nix miteinander zu tun. Dort“, Simon zeigte auf den Wagen, „ist etwas passiert. Hab die Polizei informiert. Ich musste auch das mit dem Schaf melden, warum sonst bin ich früh am Morgen hier? Aber wie gesagt, erzähl ich dir später. Geht ihr auf die Suche nach dem Biest und knallt es ab. Macht schnell, bevor die Polizei kommt, sonst gibt es Schwierigkeiten.“ Er klopfte seinem Freund auf die Schulter. Der wandte sich kopfschüttelnd ab. Jo Freitag war es nicht wohl bei dem Gedanken, die Wölfe einfach abzuschießen. Sicher, auch ihm wurden schon Schafe gerissen, aber er suchte nach einer anderen Lösung.

„Ach, noch was!“, rief Simon ihm nach, „passt auf, wenn ihr schießt, es kann sein, dass sich jemand im Wald verlaufen hat.“

Jo murmelte etwas, das Simon nicht verstand, aber das war auch egal. Er hoffte, dass die Polizei bald eintreffen würde, damit er sich um seine Arbeit und das ausgeweidete Schaf kümmern konnte.

Samenraub

Samstag, ganz früher Morgen

Als Jana zu sich kam, war es stockfinster um sie herum. Stockfinster und kalt. Benommen und unbeweglich lag sie eingeschnürt in einem engen Raum, aber wo?

Ihr Schädel brummte, der ganze Körper schmerzte. „Was ist … Wo bin ich?“ Die junge Frau wurde sich erst jetzt der Enge ihrer Behausung wirklich bewusst und reagierte panisch. Sie bekam kaum Luft, konnte nur durch die Nase atmen, über ihrem Mund klebte etwas. Jana würgte. Wenn sie sich jetzt erbrach, ahnte sie, wäre das ihr Tod. Ein jämmerlicher Erstickungstod. Sie versuchte sich zu bewegen, aber das erwies sich als fast unmöglich. Lediglich ihren Kopf konnte sie etwas anheben, doch das war nicht gut. Schnell legte sie ihn wieder ab, zu stark schmerzten Schädel und Nacken. Verdammt, verdammt, was soll das? Jana, fast gelähmt vor Angst, wand sich nun hin und her, rieb ihr Gesicht über den Boden und versuchte, das Klebeband vom Mund zu schieben. Inzwischen konnte sie klarer denken, war voll bei Bewusstsein. Nun bemerkte die junge Frau auch, dass ihre Hände auf dem Rücken gefesselt und ihre Beine um die Knöchel herum ebenfalls zusammengebunden waren. Sie fühlte die Beengtheit, fühlte unter sich den harten, kalten Untergrund und wenn sie den schmerzenden Kopf anhob, stieß der an etwas Metallenes. „Aua!“ Was konnte das nur sein? Wo hielt man sie gefangen und warum? Jana schossen Tränen in die Augen und gleichzeitig die Erkenntnis, dass in der Nacht etwas Schreckliches passiert sein musste.

Wie in einzelnen Puzzleteilen kam die Erinnerung nun zurück. Langsam, Stück für Stück.

Sie erinnerte sich an die Fahrt auf der Autobahn, den seltsamen alten Schlager im Autoradio, der sie geängstigt hatte und aus dem irgendwie Wahrheit geworden war. Wieder nahm der Ohrwurm Besitz von ihr.

♫Rada rada radadadada, rada rada radadadada♫

… trommelte es in ihrem Hirn.

Sie versuchte, die Melodie beiseitezuschieben und die Nacht zurückzuholen: dieses Auto, dicht hinter ihr. Lange, über etliche Kilometer.

Danach, so fiel ihr ein, war sie von der Autobahn auf das platte Land abgefahren und …

Und dann? Die Erinnerung verschwand. Janas Kopf schmerzte, Tränen liefen ihr über das Gesicht. Wollte man sie entführen oder gar töten? Aber warum? Sosehr sie sich auch anstrengte, ihr Gedächtnis ließ sie im Stich.

Jana versuchte zu schreien, aber es kamen nur dumpfe Töne unter dem Klebeband hervor.

Plötzlich hielt sie inne. Da war etwas, draußen, außerhalb ihres dunklen Gefängnisses. Ein kratzendes Geräusch nahm sie wahr und … ein Heulen, ein Jaulen. Erneut tauchten kurze Erinnerungsblitze an die Nacht in ihr auf, verschwanden aber sofort wieder. Jana fröstelte. Wer war da draußen? Konnte sie es wagen, sich bemerkbar zu machen? Entschlossen hob sie ihre Knie, um gegen die Decke über sich zu klopfen, versuchte erneut zu rufen. Doch als Antwort erhielt sie nur ein weiteres Heulen. Kam das vom Wind?

Entmutigt sackte sie in sich zusammen und schluchzte stumm. Irgendwann musste sie eingeschlafen sein. Minuten – oder waren es Stunden? – später kam sie wieder zu sich. Alles war wie gehabt und Realität, kein böser Traum. Jana überlegte, was sie tun könne, aber viel war es nicht, die Situation schien aussichtslos. Noch immer zermarterte sie sich den Kopf, was … und dann traf sie die Erkenntnis wie ein Blitz.

Die Koffer, durchfuhr es sie. „Man hat mich überfallen wegen der Koffer, die ich bei mir hatte und in Wiesmoor abgeben sollte.“ Die aber hätte man doch einfach nur nehmen müssen, warum nur lag sie wie in einer Sardinenbüchse gefesselt und geknebelt?

Ich will hier raus!, schrie es in der jungen Frau. Immer wieder: Ich will hier raus! Jana kämpfte mit einem Auf und Ab an Gefühlen. Kämpfte gegen Angst und Panik an.

„Der Code – mein Gott, wer die Koffer bekommt, den Inhalt korrekt nutzen will, muss auch den Code haben. Würde der Inhalt der Glasflaschen verwechselt, hätte das fatale Folgen. Aber den Code habe nur ich.“

Die Erleichterung darüber hielt nur einen kurzen Moment, zu verzweifelt war ihre Situation.

Der Überfall musste kurz vor Wiesmoor geschehen sein, also knapp vor ihrem eigentlichen Ziel und dem Treffpunkt zur Übergabe an den Kunden.

Kunde? War das wirklich das Ziel? Ein Kunde, oder war das Ganze eine Finte, um sie unterwegs zu überfallen? Sollte deshalb das Treffen nicht auf einem Hof, sondern an einer Wegkreuzung stattfinden? „So sparst du dir einen Umweg!“, hatte man ihr in der Firma gesagt. Von wegen.

Jana schlug vor Wut und Enttäuschung ihren Kopf gegen die Wand. Ich bin so blöde, durchfuhr es sie, ich bin eine so gottverdammte blöde Kuh! Man hatte sie gehörig reingelegt.

Mein Gott … so ein Mist …, wie komme ich hier nur heraus?

Vermisst

Samstagmorgen

„Wo bleibst du denn? Seit du ohne Tomke unterwegs bist, hast du ganz schön an Fahrt nachgelassen“, frotzelte Carsten, als sein Kollege, Hauptkommissar Hajo Mertens, wenige Minuten nach ihm bei dem verwaisten Fahrzeug ankam.

„Dir auch ’nen schönen guten Morgen!“, Hajo tippte sich an die nicht vorhandene Mütze und legte einen Mund-Nasen-Schutz an.

Allerdings wäre eine Mütze nicht schlecht; obwohl Frühsommer, pfiff ihm heute ein kalter Wind um die Ohren. In der Nacht zuvor hatte es heftig geregnet, die Luft war feucht und unangenehm.

Auch Carsten schien zu frieren, denn er hatte den Kragen seiner Jacke hochgeschlagen, die Arme verschränkt. Hajo hielt seinem Kollegen den Ellenbogen hin, der tat es ihm nach und schubste ihn an.

„Was ist hier passiert? Haben wir eine Leiche?“, wollte Hajo wissen und schaute sich um.

„Nein, haben wir nicht, jedenfalls noch nicht!“

„Und was machen wir dann hier?“

„Wir warten auf die Spusi, denn im Wagen befinden sich Blutspuren, wie es scheint.“

Hajo legte die Stirn in Falten. „Und? Weiter?“

„Nun, das Fahrzeug steht hier wohl seit gestern Abend schon!“, fuhr Carsten fort, „und der Fahrer oder natürlich die Fahrerin ist verschwunden.“

„Offen und verlassen am Straßenrand?“, hakte Hajo nach.

„Jow!“

„Papiere?“

Carsten schüttelte verneinend den Kopf.

„Hast du schon eine Halterabfrage gemacht?“

„Läuft!“

„Sonst was?“

„Ja, im Kofferraum befinden sich Warenpackungen. Es handelt sich um tiermedizinische Präparate.“

„Also gehört der Wagen einem Mediziner, aber wo ist er?“, und setzte nach: „Oder sie?“

„Ja, das ist nun die große Frage. Mediziner oder auch Pharmavertreter, bei der Menge an Medikamentenschachteln im Kofferraum. Etwas anderes ist noch komisch. Schau doch mal in den Wagen, bitte.“

„Was …?“, fragte Hajo verwundert, ging dann aber doch auf das Fahrzeug zu. Er streckte seinen Kopf in das Innere des Fahrzeugs und schnupperte. „Es geht nicht um den Geruch, schau doch mal genau hin“, forderte Carsten seinen Kollegen erneut auf.

Der betrachtete sich den Innenraum lange und vorsichtig, um selbst keine Spuren zu hinterlassen, denn die Männer und Frauen der Spurensicherung mussten hier noch ihre Arbeit tun. Dann erkannte er, was Carsten wohl meinte. Am Lenkrad wie auch am Türholm schienen Blut und Haare zu kleben. Das musste natürlich genau untersucht und festgestellt werden, aber es sah tatsächlich nach Blut aus. Dann fiel sein Blick auf die Schmutzspuren auf dem Fahrer- und Beifahrersitz.

„Was ist denn das?“, rief er aus und stellte sich auf. Carsten verstand sofort.

„Haste gesehen? Ich denke, das sind Spuren eines Hundes.“

„Der Fahrer hatte einen Hund dabei?“, hakte Hajo nach.

„Oder derjenige, der das Ganze hier ausgelöst hat.“

„Überfall oder Entführung mit Hund?“

„Oder es war der Wolf!“, meldete sich eine Stimme hinter ihm.

Hajo drehte sich irritiert um. Bevor er etwas sagen konnte, schaltete sich Carsten ein.

„Das ist Simon Weil, er hat uns den verlassenen Wagen gemeldet.“

„Wie ist er Ihnen aufgefallen, der Wagen, meine ich.“ Hajo zeigte auf das Fahrzeug.

Simon nickte die Straße entlang Richtung seiner Wiese.

„Ich habe wie jeden Morgen nach den Schafen gesehen und dann die Sauerei entdeckt.“

„Sauerei? Das Auto …?“

„Nein, nicht das Auto, das habe ich erst später bemerkt. Ich meine das gerissene Schaf, mein Schaf, auf meiner Wiese.“

„Ach so, hm, das wusste ich nicht. Wann ist es passiert? Heute Nacht?“

„Jow.“

„Haben Sie hier jetzt auch Probleme mit dem Wolf?“

„Jow! Aber nicht mehr lange.“ Simon machte ein ploppendes Geräusch.

Die beiden Kommissare verstanden sofort. Carsten hob den Zeigefinger.

„Tztztz … das gibt aber großen Ärger. Wölfe stehen unter Schutz.“

„Jow, weiß ich, ist mir aber egal. Das ist nun das siebte Schaf aus meiner Herde, meine Kollegen haben auch schon etliche verloren. Der Wolf steht unter Schutz, dass ich nicht lache!“ Simon lachte meckernd auf.

„So geht’s nicht weiter, keiner greift ein, keiner hilft uns, dann helfen wir uns eben selbst.“

Im Hintergrund war ein Schuss zu hören.

„Das ist nicht euer Ernst!“, fuhr Carsten hoch.

Simon drehte sich achselzuckend um und trabte, die Hände tief in der Hosentasche vergraben, davon.

„Moment“, rief Carsten ihm nach. „So geht das nicht. Ihr könnt nicht in der Gegend rumballern und auf Wolfsjagd gehen. Es gibt Vorgaben, gerissene Schafe werden ersetzt, es gibt Zäune, die man aufstellen kann.“

„Zäune?“, stieß Simon aus und drehte sich wütend um. „Zäune helfen nur den Wölfen, denn so stecken die Schafe in einem Gefängnis und werden den Biestern auf dem Silbertablett serviert. Und was soll ich mit der Entschädigung? Da drüben liegt ein Schaf, verstehen Sie, ein Schaf! Kein Kuhfladen, kein umgefallener Baum. Wir alle ziehen unsere Tiere von Geburt an auf. Natürlich werden sie auch irgendwann geschlachtet, aber nicht hingerichtet, so wie in der letzten Nacht wieder. Und was sollen wir mit einer finanziellen Entschädigung, wenn solch ein Sauvieh sie zu Tode beißt oder halbtot elend verrecken lässt?“ Simon kochte vor Wut.

„Im Übrigen bin ich hier der Wolfsbeauftragte, sehe mich aber eher als Schafsbeauftragter, denn die gilt es zu schützen und unsere Existenzen. Nicht diese Bestien. Und außerdem bin ich der Wolfsbeauftragte der Schäfer, nicht der Wölfe oder dieser Tierschützer.“ Er zog die Augenbrauen hoch.

„Was haben Sie gegen Tierschützer?“, wollte Hajo jetzt wissen.

„Nichts, verdammt! Aber wer schützt unsere Tiere? Kommen Sie mal mit!“, forderte er die beiden Kommissare auf, „schauen Sie es sich an, den Anblick werden Sie so schnell nicht vergessen.“

Er zerrte Hajo am Ärmel. „Kommen Sie, nun kommen Sie schon!“

Der aber wehrte den Mann ab und erklärte: „Wir können hier nicht weg, ich glaube Ihnen ja, aber trotzdem …“ Simon hörte nicht mehr hin, wandte sich um und ging davon.

„Feigling!“, murmelte er noch.

Carsten winkte ab.

„Lass, ich habe seine Daten, die Adresse und so, wir fahren später mal zu ihm auf den Hof.“ Sie ließen den Mann gehen.

„Er hat ja recht, das ist wirklich ein großes Problem, aber im Moment nicht unseres.“ Carsten zeigte auf zwei ankommende Fahrzeuge und meinte: „Die Kollegen von der Spusi sind auch schon da, lassen wir sie ihre Arbeit machen.“

Er erklärte einem der Spurensicherer mit wenigen Sätzen, was hier vorlag, und bat darum, die Spuren im Wagen mit denen an einem toten Schaf zu vergleichen.

„Bitte was?“, der verstand nicht gleich. So unterrichtete Carsten ihn ausführlich über den Vorfall in einiger Entfernung auf der Schafswiese.

„Okay, dann schicke ich gleich mal einen meiner Jungs los, nicht dass der Schäfer dort schon aufgeräumt hat.“

Carsten nickte und fragte: „Wo ist Rikus heute?“

„Unterwegs!“, bekam er zur Antwort.

„Komm!“, forderte er dann Hajo auf. „Lass uns mal die Gegend ein wenig erkunden. Der Fahrer kann doch nicht vom Erdboden verschwunden sein.“

Hajo nickte und wollte, als sie einen kleinen Feldweg in Richtung Wald liefen, wissen: „Hast du im Wagen eigentlich irgendwelche Papiere gefunden?“

Carsten schüttelte den Kopf.

„Nein, nur ein Smartphone, aber das ist gesperrt. Da müssen die Kollegen ran.“ Dann zückte er sein Handy, nahm einen Notizblock aus der Tasche und wählte eine Nummer.

„Wir sind jetzt hier im Wald unterwegs, rufen Sie Ihre Leute zurück, damit die uns nicht abknallen.“ Kurz lauschte er auf die Antwort und meinte dann: „Ihr Wort in deren Gehörgang. Bis später, wir kommen noch bei Ihnen vorbei.“

Kurz darauf war ein lang gezogener Pfiff zu hören.

„Geht doch!“, sagte Carsten knapp und zufrieden.

Sie streiften eine Weile durch die Gegend, nahmen dann aber den Weg zurück zum verlassenen Fahrzeug, als Carstens Handy klingelte.

Es war der Kollege vom Präsidium, den er gebeten hatte, den Halter des Wagens zu ermitteln.

„Es handelt sich um das Fahrzeug eines Pharmaunternehmens aus Hannover. Die Firma heißt IMG und handelt mit Medikamenten. Wie es aussieht, gibt es auch noch Tochterfirmen, soll ich da weiter …?“

„Ja!“, unterbrach ihn Carsten. „Klemm dich dahinter und schick mir bitte die Nummer dieser IMG aufs Handy, ich rufe dort an. Danke dir.“

Carsten wischte über das Display und steckte sein Telefon weg.

Als sie wieder beim verlassenen Fahrzeug ankamen, wollte Hajo von den Spurensuchern gleich wissen, ob man schon Neuigkeiten für sie habe.

„Nein, nicht wirklich“, bekam er zur Antwort. „Was ich bestätigen kann, ist, dass die klebrige Masse am Lenkrad Blut ist. Blut, vermischt mit Haaren. Ob die Pfotenabdrücke vom Hund oder Wolf sind, kann ich nicht sagen, noch nicht. Allerdings – von einer Katze sind sie nicht.“

„Fingerabdrücke?“

„Später!“

„Okay!“, brummte Carsten und drehte sich zu Hajo um.

„Schau mal, der Schäfer ist noch da, lass uns hingehen. Vielleicht ist ihm ja noch etwas eingefallen.“

Kurz darauf meldete sein Handy eine eingehende Nachricht. Man hatte ihm die Telefonnummer der IMG geschickt.

Er blieb stehen und schlug vor: „Hajo, geh du schon mal vor, ich setze mich in mein Auto und rufe die Firma an, zu der dieser verlassene Wagen gehört. Die müssen mir ja sagen können, wer damit unterwegs ist oder war.“

Hajo nickte und setzte seinen Weg fort.

Nachdem er mehrere Versuche unternommen hatte und er es jedes Mal sehr lange hatte klingeln lassen, gab Carsten auf.

„Klar!“, murmelte er, „wir haben Samstag, da geht heute keiner ran.“

Nochmals wählte er die Nummer des Kollegen in Wittmund und bat ihn, jemanden bei der IMG ausfindig zu machen, der auch am Wochenende erreichbar war.

„Die können ja nicht, nur weil heute Samstag ist ‚toter Mann‘ spielen. Versuche dein Glück, es wäre gut, wenn das klappen würde.“

Als er seinen Wagen verlassen wollte, kam Hajo auf ihn zu und meinte kopfschüttelnd:

„Schaut wirklich grausam aus; das tote Schaf, meine ich.“

„Trotzdem kein Grund zum Rumballern, obwohl, wenn ich an deren Stelle wär, ich weiß nicht, was …“

„Sprich nicht weiter, Kollege, alles was du sagst, kann gegen dich … du weißt.“

Carsten musste lachen.

„Ich höre noch mal bei den Spurensuchern nach, ob sich was Neues ergeben hat, danach fahren wir zurück. Im Moment gibt es für uns hier nichts zu tun.“

„Jow!“, brummte Hajo, „muss ja auch nicht wirklich was passiert sein, oder?“

Carsten verstand nicht.

„Na, vielleicht hatte jemand ein paar Schluck oder ein Bier zu viel und hat deshalb das Auto hier abgestellt“, versuchte er zu erklären, glaubte aber selbst nicht wirklich daran, wie Carsten an seinem Gesichtsausdruck erkennen konnte.

Trotzdem führte der Hajos Gedanken fort.

„Und lässt beide Türen weit offen, medizinische Ware im Kofferraum, haut sich den Kopf am Lenkrad blutig, reißt sich ein Büschel Haare aus und der Schlüssel steckt auch? Jow, da muss jemand aber etliche Schluck zu viel gehabt haben.“

Hajo lachte. „Stimmt, war ein blöder Gedanke. Lass uns fahren.“

Da sie beide mit ihren Fahrzeugen vor Ort waren, vereinbarten die Kommissare, sich anschließend im Büro zu treffen.

Hajo hob grüßend die Hand und ging zu seinem Wagen, Carsten stieg ebenfalls ein und fuhr davon.

Unterwegs fiel ihm ein, dass er eigentlich um zehn Uhr einen Termin hatte. Ein Blick auf die Uhr am Armaturenbrett entlockte ihm einen Fluch. Er trat das Gaspedal durch.

„Scheiß-Doppeljob, es wird wirklich Zeit, dass Tomke wiederkommt.“

***

Die hatte vor einiger Zeit darauf bestanden, eine Auszeit, ein Sabbatjahr zu nehmen und dies nach einigen Knüppeln, die sie wegräumen musste, auch genehmigt bekommen.

Es war ein harter Kampf gewesen, bis sie sich mit ihrem Chef, Polizeirat Christoph Gerdes, der sich inzwischen im Ruhestand befand, und der schwerfälligen Obrigkeit geeinigt hatte. Ein halbes Jahr wurde ihr schlussendlich zugestanden.

Dafür musste die Kriminalhauptkommissarin einen Kompromiss eingehen, der ihr damals sehr schwergefallen war, und sie haderte bis heute damit, wie Carsten wusste, ob sie die Entscheidung nicht doch bereuen würde.

Wie man Tomke und Carsten dann mitgeteilt hatte, sollte es für eine Testphase eine Vereinbarung geben.

Die Stelle von Gerdes als Polizeirat musste besetzt werden. Das Arrangement lautete:

Da weder Tomke noch Carsten dazu bereit waren, den Posten zu übernehmen, sollten sie beide sich diese Stelle teilen. Einen fremden Vorgesetzten, den sie nicht kannten und der vielleicht nicht zu ihnen passte, lehnte Tomke heftig ab, und so gingen sie diesen Kompromiss ein. Carsten hatte damals gemeint: „Pass auf, die finden an dieser Regelung gefallen. Zum einen spart es Personal und Kosten, zum anderen wird es mehr Kollegen geben, die sich auf eine solche Regelung einlassen werden. Die Kombination Schreibtisch und Straße ist doch wirklich interessant. Interessanter jedenfalls, als ausschließlich zum Sesselpupser zu werden.“