KüstenSpur - Gaby Kaden - E-Book
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KüstenSpur E-Book

Gaby Kaden

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Beschreibung

SIE WIRD MICH ERKENNEN, GANZ SICHER, UND DANN TÖTE ICH SIE. Wer ist die fremde Frau, deren Leiche bei Bauarbeiten für die Stelzenhäuser in der Harle gefunden wird? Sie liegt in einem der Stützrohre, getötet durch einen Kopfschuss. Wieso passt ihre DNA zu einem vor über 30 Jahren gefundenen mumifizierten Körper? Hat der Vorarbeiter der Baustelle, der trotz schlechter Witterungsbedingungen auf die Beendigung der Arbeiten drängte, etwas damit zu tun? Für Tomke Evers und ihre Kollegen gestalten sich die Ermittlungen schwierig, nichts ist greifbar. Und woher kommt Tomkes unheimliches Gefühl beobachtet zu werden? Als auch noch die alte Janke Jansen erschossen im Hühnerstall aufgefunden wird, kommt Schlimmes aus der Vergangenheit zum Vorschein. Eine Spur der Rache und des Todes zieht sich entlang der Nordseeküste bis ins Hinterland.

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Gaby KadenKüstenSpur

Die Geschehnisse, sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.ddb.de© 2018 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hamelnwww.niemeyer-buch.deAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: C. RiethmüllerEPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbHeISBN 978-3-8271-8349-1

Gaby KadenKüstenSpur

Gaby Kaden ist gebürtige Hessin, hat einen Sohn und ist inzwischen stolze Großmutter. 2011 zog es sie mit ihrem Mann an die Nordseeküste, nach Carolinensiel. „Veränderungen sind wichtig“, sagt sie, „bringen mich weiter!“ In der alten Heimat war sie vielseitig tätig, folgte außerdem ihrer Berufung, der spirituellen Arbeit. Sie schrieb Kurzgeschichten und Meditationen und veröffentlichte 2010 ihr erstes Buch „Schluss mit Angst und Panik“. Mit ihren Küstenkrimis „Die Tote im Siel“, „Küstenhaie“, „Küstennächte“, „Küstenrot“ und „Küstengötter“ hat sie schnell auf sich aufmerksam gemacht, sammelt wahre, dem Volk vom Munde abgeschaute Geschichten, die mit Erfundenem, Humor und „Lokalkolorit“ verschmelzen und hat außerdem zwei Kinderbücher geschrieben. Ihr natürlicher, unbefangener Schreibstil kommt bei den Leserinnen und Lesern gut an. Gaby Kaden ist in ihrer neuen Heimat ehrenamtlich tätig, unterstützt regelmäßig regionale Einrichtungen und bietet außerdem Lesungen, Krimi-Dinner und mehr an.Mehr über Gaby Kaden unter: www.gaby-kaden.de

Ostfriesland heißt für mich: FreiheitGelassenheitBeständigkeitLuft zum AtmenAnkommenNeue Heimat!Bleib wie du bist, Ostfriesland!

Vorwort

Für meine Leser, mit Liebe, Herz, viel Spannung und Lokalkolorit. Liebe Krimifreunde, liebe Krimifreundinnen!Wie schnell die Zeit vergeht. Ein Jahr ist vorüber, ihr haltet mein neuestes Buch KüstenSpur in den Händen! DANKE für eure Treue! Die Tradition setzt sich fort, auch in KüstenSpur durfte ich wieder einige Protagonisten mit wirklichem Namen erwähnen. Ob Menschen aus Carolinensiel, von der Insel Spiekeroog oder woher auch immer. Ich danke euch dafür.Danke auch an: Kerstin und Irina für konstruktive Kritik.Danke an das wunderbare Team des CW Niemeyer Verlages, an Carsten Riethmüller für das geniale Cover.Danke an meine Familie für die Unterstützung, danke für das wunderbare Enkelkind „Leah-Sophie“.Danke an all die vielen Teilnehmer/innen meiner Lesungen – es ist mir eine Freude.Danke auch an widrige Umstände, die mir begegnet sind – sie haben mich noch stärker gemacht. Natürlich ist in diesem Buch wieder alles meiner Fantasie entsprungen und nichts zur Nachahmung empfohlen. Das eine oder andere bitte ich mit einem Augenzwinkern zu verstehen und nicht für bare Münze zu nehmen.

Der Angler

Noch immer fühlte er die grauen, stumpfen Haare zwischen seinen Fingern. Auch jetzt, Wochen später, lief ihm bei dem Gedanken an den Fund ein eiskalter Schauer über den Rücken. Das Ereignis hatte sich in seinem Gedächtnis eingebrannt, und Lasse befürchtete, dass es ihn nie mehr verlassen würde. Zu entsetzlich war das, was er an diesem ungemütlichen Herbstmorgen auf der Baustelle eines der Stelzenhäuser erlebt hatte. So sehr er hoffte, dass die Bilder einmal verblassen würden, so präsent waren sie heute wieder. Häufig ließen ihn die Gedanken daran hochschrecken. Das Gefühl, an dem Flüssigbeton fast erstickt zu sein, versetzte ihn vor allem nachts immer wieder in Panik.

Lasse hielt Tamme, seinen kleinen Sohn, im Arm, der nur Stunden nach dem Geschehen zur Welt gekommen war.

„Ach, Tamme“, flüsterte er dem Kleinen ins Ohr. „Ach, Tamme, Tamme, Tamme …“ Er war so ein süßer Kerl, doch die Erinnerung an den Vorfall konnte er ihm nicht nehmen. Wieder tauchte er in das Geschehnis von damals ein …

Es war kalt an diesem Vormittag im Herbst, nasskalt und ungemütlich. Der Wind pfiff den Männern auf der Baustelle heftig um die Ohren, machte den Tag und vor allem das Arbeiten noch unbehaglicher. Die langsam vorüberziehenden Nebelschwaden hingen zäh und tief über dem kleinen Flüsschen Harle, das das ostfriesische Hinterland entwässern soll. Nur manchmal ließen sie sich vom Wind ein wenig vertreiben. Hin und wieder riss die graue Decke über dem Wasser auf, sodass man die andere Uferseite erkennen konnte. Lasse Markgraf rieb sich die eisigen Hände. Lange würde es nicht mehr möglich sein, die dicken Eisenrohre, die tief in den Grund des Jachthafens eingelassen waren, mit Beton zu befüllen. Nein, dazu war es einfach zu kalt. Aber der Vorarbeiter drängte wieder einmal. „Seht zu, dass ihr fertig werdet. Es sind noch zwei Ladungen unterwegs, die müssen heute noch rein!“, hatte er seinen Leuten misslaunig zugerufen und war dann in voller Leibesfülle laut schnaufend über den Steg zu seinem Auto gestampft. Lasse wusste genau, was der Dicke dachte. Er und seine Kollegen waren ihm wieder einmal zu langsam. Aber was sollten sie machen? Bei diesem Wetter ging eben alles langsamer, nicht nur die Menschen, auch die Maschinen litten unter den Minusgraden. Und, das war auch klar, der Beton verlor unter den niedrigen Temperaturen an Qualität und benötigte Sonderbehandlung.

Es dauerte noch fast eine halbe Stunde, Lasse sprang frierend von einem Bein auf das andere, dann war von der Baustellenstraße hinter ihm endlich das Anfahren des Betonlasters zu hören. Sehen konnte er ihn durch die wieder einmal dicke Nebelsuppe nicht. „Endlich!“, raunte er, „das muss aber die letzte Fuhre für heute sein. Mehr geht nicht. Bei dieser Kälte trocknet der Beton nicht richtig aus und die Stabilität leidet darunter. Das ist hochgefährlich.“ Außerdem wäre er jetzt viel lieber zu Hause. Nicht nur wegen des grässlichen Wetters, sondern weil Ann-Sophie, seine Frau, hochschwanger alleine im Haus war und das Baby jeden Moment kommen konnte. Vier Tage noch, hatte die Ärztin gestern gesagt, aber Ann-Sophie sah aus, als würde sie jeden Moment platzen.

„Vier Tage“, brummte Lasse vor sich hin, „nie und nimmer.“

Ein Blick nach oben zeigte ihm, dass der Fahrer mit dem Betonmischer schon bis fast an die Uferkante zur Baustelle, die sich auf einem Ponton im Wasser befand, herangefahren war. Gleich würde er den Rüssel, über den der Flüssigbeton in die Eisenrohre gepumpt wurde, ausfahren. Angespannt schaute der Mann zu, wie sich der Pumpenarm hob und den dicken Schlauch vorsichtig in seine Richtung, zu dem Ponton, transportierte. Es war jedes Mal wieder ein gefährliches Unterfangen, die Halterung im richtigen Moment zu greifen, damit sie ihm nicht gegen den Kopf knallte und er im hohen Bogen im eiskalten Wasser landete.

Voll konzentriert verfolgte er das Geschehen über sich.

Den Mann auf der anderen Seite der Harle, der die Arbeiten mit einem Fernglas durch eine Nebellücke beobachtete, sah er nicht.

„Ja, komm! Noch ein Stück, noch, noch“, schrie er gegen den eisigen Wind an, wohl wissend, dass der Fahrer ihn nicht hörte und ohnehin nur auf die am Pumpenarm befestigte Kamera blickte.

Lasse war angespannt. Jetzt gleich würde er den Griff fassen können. „Jetzt, ja!“ Doch in dem Augenblick wurde er durch das Klingeln seines Handys abgelenkt. Mit der rechten Hand tastete er suchend in seine Arbeitsjacke, die linke hielt er erhoben, um nach der Halterung zu packen.

Und dann geschah es! Das Handy glitt ihm, nachdem er es aus der Tasche gezogen hatte, durch die kalten, steifen Finger und flog durch die Luft. Er stieß einen lauten Fluch aus, griff mit der rechten Hand ins Leere, versuchte, mit der anderen gleichzeitig den Schlauch zu erwischen. Lasse konnte nur noch ein bestürztes „Schiet“ ausrufen, denn er sah, dass sein Smartphone in das Eisenrohr eintauchte, in das er eigentlich den Beton einfüllen wollte. Schockiert blickte er in das schwarze Loch, langte hastig hinein, angelte nach dem wertvollen Gerät und stieß einen entsetzten Schrei aus. Was war das? Der Mann riss die Augen auf. Zwischen den Fingern hielt er nicht das Handy, sondern Haare, graue, lange Haare! Sein Blick fiel auf das Rohr, im gleichen Moment ergoss sich ein Schwall Beton über ihn, über die Haare, über das Rohr.

… die Haare, es war so schrecklich gewesen, sie zwischen den Fingern zu spüren. Und etwas Graues hatte er erkennen können, für Sekundenbruchteile ein graues Gesicht. Schon wieder stieg in dem Mann Übelkeit auf.

Wochen zuvor …

Die Alte erzählt!

Janke Jansen saß Tomke genau gegenüber, das Gesicht direkt auf die Kommissarin gerichtet. Ihr stechender Blick aus den wasserblauen Augen ging durch und durch. Tomke schauderte ob dem Gehörten, fühlte, dass eine kräftige Gänsehaut, von den Beinen beginnend, ihren Körper erfasste, hochstieg und erst an den Haarwurzeln endete. Es war ungeheuerlich, was da vor mehreren Jahrzehnten passiert sein sollte. Kriminalhauptkommissarin Tomke Evers wusste in diesem Moment, dass sie hier wohl noch viel Zeit verbringen mussten, bis alle Geschehnisse ans Licht gekommen waren. Die Leichen, nein, es waren eher Gebeine, die vor einiger Zeit von Hajo Mertens und Carsten Schmied mehr zufällig in dem alten Backhaus auf dem Bauernhof gefunden worden waren, gaben ihr und ihren beiden Kollegen Rätsel auf. Sollte sich dieses nun langsam lösen?

Tomke erinnerte sich noch genau, als vor ein paar Monaten Hajos Anruf kam. Sie saß zu der Zeit mit Oma und Tant’ Fienchen beim Beerdigungstee, Carsten und Hajo waren mit Marie, Carstens Tochter, unterwegs zu einem Hof, den Hajo unbedingt kaufen wollte. Hirngespinste, dachte sie damals und war heute mehr als froh, dass ihr Lebensgefährte von dieser Idee abgekommen war. Schließlich hatte sie von ihrem Großvater ein kleines Häuschen in Harlesiel geerbt, das sie zurzeit restaurierten, um dann irgendwann einmal einziehen zu können. Klein, aber für zwei Personen genau richtig. Hajos Idee, aus einem alten Gulfhof ein Mehrgenerationenhaus zu machen, fand sie schon immer Quatsch. Nun, bei diesem Besuch dort hatten die beiden Männer, neugierig wie sie waren, eine zugemauerte Tür entdeckt und dahinter eben diese Gebeine. Die kleine Marie schwärmte noch immer davon, wie cool es war, als die Mauer einstürzte und da plötzlich Knochen zum Vorschein kamen.

Wie lange war das jetzt her? Tomke schüttelte den Kopf. Hätten die beiden nicht die Finger von dem … Nein, schalt sie sich dann, Mord bleibt Mord. Schließlich haben die beiden Toten sich nicht selbst eingemauert. Aber das, was sich als Hintergrund herausstellte, kam nun erst nach und nach ans Tageslicht. Seit Monaten waren sie auf Spurensuche und heute, so wirkte es, würde ein weiteres Licht aufgehen.

Obwohl der alte, eiserne Ofen in der Ecke Feuer zu spucken schien, war es der Kommissarin kalt. Durch und durch kalt. Konnte man hier im Raum nicht sogar das Heulen des Windes hören? Einen Windzug spüren? Hörte sie etwa das Quietschen der Mühlenflügel, von denen die Alte eben noch erzählt hatte? Tomke rieb sich fröstelnd die Arme.

Nur mit Mühe schaffte sie es, ihren Blick von den gläsernen Augen zu lösen.

„Das hat sie sich doch ausgedacht“, überlegte die Kommissarin. Allerdings war es auch zu spannend, was Janke Jansen zu erzählen hatte. Zwei verschwundene Kinder! Die Geschichte musste sich ungefähr Ende der Siebzigerjahre, oder etwas später, abgespielt haben. Genauere Zeitangaben hatte die Alte bisher nicht gemacht. Tomke fragte sich, ob es wohl auf irgendwelchen Ämtern oder gar dem Revier noch Protokolle, Anzeigen oder Vermisstenanzeigen geben würde. Andererseits …

Es konnte nicht wahr, nein, es musste zusammengesponnen sein, oder? Ein Blick auf ihre Armbanduhr zeigte ihr, dass sie nun schon wieder über eine Stunde hier in der kleinen Stube der alten Frau saßen.

Der Versuch, mit Hajo in Blickkontakt zu treten, scheiterte kläglich. Der saß, fasziniert von den Erzählungen, mit geradem Rücken in dem alten Polsterstuhl, die Arme auf den Oberschenkeln abgestützt. Es hatte den Anschein, als würde er jeden Moment hochschnellen.

Während ihrer Erzählungen war die Alte allerdings immer mehr in sich zusammengefallen. „Geschrumpft?“, überlegte Tomke.

Janke Jansen hatte auf dem Hof ihres Großneffen einen eingetragenen Wohnsitz. Selbst wenn der Hof verkauft werden würde. „Verbrieft und besiegelt!“, wie sie gerne lautstark betonte. Bauer Jansen, der seine Tante nur zu gut kannte, quittierte es regelmäßig mit einem milden Lächeln. Natürlich bestand dieses Wohnrecht, nie würde er es ihr nehmen. Dieses Wohnrecht bescherte ihr einen kleinen Schlafraum, ein kärgliches Bad, eine Küche mit Holzofen. Den angebotenen Elektroherd sowie Renovierungen hatte sie bisher vehement abgelehnt. Außerdem gab es diese kleine, eigentlich gemütliche Stube, in der sie nun zu viert saßen. Der alte Kanonenofen in der Ecke bollerte weiter und verbreitete eine Hitze, die den drei Kommissaren den Schweiß auf die Stirn trieb. Und trotzdem fröstelte Tomke innerlich.

Seit sie vor einigen Wochen die alte Frau kennengelernt hatten, trieb es Tomke, Hajo und inzwischen auch Carsten immer wieder zu ihr hin. Die Skelette, die man im zugemauerten Nebenraum des alten Backhauses auf dem Hof ihres Großneffen gefunden hatte, waren der Anlass für umfangreiche Untersuchungen gewesen. Dadurch waren sie mit der Alten in Kontakt gekommen und seit dieser Zeit zog Janke Jansen die drei Kommissare in ihren Bann. Die entdeckten menschlichen Überreste, so ging aus der rechtsmedizinischen Untersuchung hervor, lagen dort schon seit weit mehr als dreißig Jahren. DNA-Spuren wiesen darauf hin, dass der weibliche Fund hier auf den Hof gehörte, das hatte ein Vergleich mit Bauer Jansen ergeben, der allerdings wusste davon noch nichts. Tomke wollte ihn heute darüber informieren. Die drei Ermittler, wie auch Tomkes Kollegen von der KTU sowie die Spurensicherer, verfolgten jede noch so kleine Fährte. Die DNA des männlichen Fundes konnte noch keiner Person zugewiesen werden. Wie auch, nach so vielen Jahren? Um wen handelte es sich und was war hier passiert? Nur aus diesem Grund saßen sie in der überhitzten Stube. Wusste die Alte mehr? Gab es Vorgeschichten zu den mysteriösen Gebeinen? Tomke war sich da nun ziemlich sicher.

Wochenlang hatte die Jansen auf alle Fragen geschwiegen, doch was sie ihnen heute in aller Ausführlichkeit beschrieb, klang unglaublich, passte allerdings nicht zu dem Fund. Wirr und zusammenhanglos kam es den Kommissaren vor, obwohl ...

„... und der Junge ist dann mit seiner Schwester verschwunden, spurlos. Keiner hat jemals wieder etwas von den beiden gehört oder gesehen. Die wildesten Gerüchte machten damals die Runde. Sicher sind die beiden auch tot“, hatte sie vor einer Minute geendet.

Das Gesagte passte nicht zu dem, was hier auf dem Hof passiert sein musste. Oder irgendwie doch? Denn warum sonst erzählte es die alte Frau? Tomke erschien es wie Puzzlestücke, die nicht zueinander gehörten.

Trotzdem warteten Tomke, Hajo und Carsten gespannt darauf, dass die Schilderungen weitergingen, aber die Frau schwieg nun. Nur ein leichtes Brummen war zu vernehmen. Außerdem hatte es heute den Anschein, als wäre Janke Jansen nervös, wesentlich unruhiger, als sie die alte Frau bei den letzten Besuchen kennengelernt hatten. Erzählte sie nun weiter?

Die Kommissarin hob den Kopf und schaute fragend in die Runde. Niemand reagierte. Carsten und Hajo fixierten die Jansen in ihrem Sessel, als wollten die beiden Männer ihr förmlich das nächste Wort aus dem Munde ziehen.

Plötzlich hob Janke Jansen den Kopf, ein Zischen war zu vernehmen, als sie geräuschvoll ausatmete. Sprach sie endlich weiter? Nein! Das Nächste, was die drei Ermittler hörten, war, als würde Porzellan aneinandergerieben. Tomke erkannte, dass es sich wohl um das Zähneknirschen der alten Frau handelte. Sofort erfasste sie die nächste Gänsehaut. Sie kannte und hasste dieses Geräusch. Tant’ Fienchen, ihre Großtante, die im gleichen Alter wie diese alte Frau hier sein musste, gab es manchmal von sich, wenn sie vertieft über Näharbeiten gebeugt saß oder im Anzeiger las.

Ihre Gedanken wurden unterbrochen, als erneut die Stimme von Janke Jansen zu hören war. Anfangs nur ganz leise – die drei Kollegen mussten sich sehr bemühen, nichts zu verpassen –, dann immer kräftiger werdend.

Die Kommissare verstanden und dann doch wieder nicht. Wie auch? „Alles wiederholt sich irgendwann, kommt zu dir zurück“, brummte es aus dem Ohrensessel. Schnell schaltete Tomke die Sprachaufzeichnung ihres Handys wieder ein, denn sie fuhr fort.

„Menschen kommen und gehen. Verschwinden spurlos. Oder doch nicht? Nie? Verschwinden und tauchen auch wieder auf – ganz plötzlich? Er ist da! Er holt mich. Ich weiß es, ich spüre es. So alt wie ich bin, war es mein Geheimnis, doch nun kommt es ans Tageslicht. Alles! Dort im Backhaus hat das Böse ein grausames Ende gefunden“, kam es dann mit kratzender Stimme. „Und ich habe in vielfacher Weise Schuld auf mich geladen, hätte damals nicht schweigen dürfen. Die Kinder sind die Leidtragenden, die Kinder, die Unschuldigen … Aber wie heißt es? Alles, was du tust, kommt irgendwann zu dir zurück. Jetzt ist es so weit, ich bekomme meine Strafe. Bald, ich weiß es. Er kommt zurück!“ Die letzten Worte kamen kaum verständlich, wie ein Krächzen, und doch gehetzt über die Lippen der alten Frau.

Tomke horchte auf. Was meinte Janke Jansen damit?

Es geht weiter, zeigte der Blick von Carsten Schmied, der auf dem alten Ostfriesensofa saß und es sich dort für die Erzählungen gemütlich gemacht hatte. Er schien inzwischen total locker, Hajo und Tomke allerdings schienen vor Anspannung fast zu bersten. ,Gespannt wie ein Schlüppergummi‘, fiel Tomke ein Ausdruck ihrer Großmutter ein. Wo diese das Wort wohl aufgeschnappt hatte? Plattdeutsch war es nicht. Schnell konzentrierte sie sich wieder auf die alte Frau. Bekamen sie jetzt endlich zu hören, worauf sie schon seit einiger Zeit warteten? Oder gab es nichts mehr zu berichten? War alles gesagt?

„Es war nicht recht, damals. Es war nicht recht, was geschah, und sollte im Verborgenen bleiben, aber jetzt …“ Sie holte tief Luft. „Und ich werde meine Strafe bekommen, es ist bald so weit, ich weiß es …“, sie brach ab, saß wieder mit geschlossenen Augen. „Oh nein! Mach weiter! Rede!“, schrie es in Tomke, die befürchtete, dass die alte Frau wieder in minutenlanges Schweigen verfallen würde.

„Er war kein Guter, der Sohn von meinem Bruder!“, fuhr sie fort, und kurz war ein schelmisches Grinsen zu sehen. Sicher ob des Wortspiels, überlegte Tomke. Aber wieso nur wechselte die Alte nun zu ihrem Bruder und dessen Sohn? Was hatte der mit all den Ereignissen zu tun? Was mit den erwähnten Kindern, die ein so grausames Schicksal erleben mussten? Das fragte sie sich und konzentrierte ihre Aufmerksamkeit wieder auf die alte Frau. Gleichwohl verstand sie den Sinn der Worte nicht. Gerade eben hatte sie von fremden Kindern gesprochen, nun der Sprung zum Sohn ihres Bruders. Tomke überschlug schnell, wie lange das alles her sein musste. Sie ist ganz sicher verwirrt und wir vergeuden hier unsere Zeit, durchfuhr es die Kommissarin.

Doch dann sprach Janke Jansen plötzlich weiter und wiederholte:

„Nein, er war kein Guter. Marthe, was seine Frau war, allerdings auch nicht. Immer wieder ging sie nebenbei, hurte durch die Gegend. Holte sich, was Johann ihr nicht gab, nicht mehr geben konnte. Sie müssen wissen, Johann war nach dem dritten Kind kein richtiger Mann mehr, er …, er …“, sie hob den Arm und ließ ihr Handgelenk schlaff herunterfallen. „Verstehen Sie, was ich meine?“ Tomke überlegte kurz und musste dann grinsen. Janke Jansen wartete die Antwort nicht ab und redete weiter. „Es war einer der kalten Winter damals. Schnee und Eis überall. Telefon hatten wir noch nicht, aber Schneechaos. Die Schneeverwehungen waren so stark, dass wir nicht vom Hof kamen, um Hilfe zu holen. Wir konnten die Hebamme für Marthe nicht rufen und mussten den Jungen selbst auf die Welt holen. Nur Johann und ich. Es war ein Wunder, aber alles ging gut. Nur Johann und ich …“, wiederholte sie. Kurz schweifte ihr Blick in die Ferne, doch dann ging ein Ruck durch den Körper der Frau.

„Das Kind lebte, war gesund und munter, Hanno, ein Junge. Marthe stand schnell wieder auf den Beinen, nur bei Johann …“, wieder unterbrach sie. Der Ofen knisterte, die Luft auch, Tomke wagte kaum zu atmen.

„Tsss, nur bei Johann“, fuhr Janke Jansen fort, „stand seit dieser Nacht nichts mehr“, kam es nun ernüchtert über ihre Lippen. „Seit dem Anblick seiner gebärenden Frau konnte er nicht mehr. Seiner männlichen Pflicht nachkommen, meine ich. Die Geburt hatte ihre Spuren hinterlassen. Seit dieser Zeit war Johann nicht mehr der Gleiche. Böse, verhärmt und verbittert. Wohl auch, weil er sah, dass Marthe sich ihren Hunger bei anderen Männern stillte.“

Tomke war sehr verwundert über die Ausdrucksweise der Frau. Sie passte nicht zu ihrem Alter. Wie alt sie wohl war? Achtzig Jahre, oder mehr? So alt wie Oma und Tant’ Fienchen vielleicht? Sie holte sich aus ihren Gedanken zurück, denn auch jetzt war das Erzählte noch immer nicht das, was die drei Kommissare zu hören hofften. Wann kam Janke Jansen endlich zu den Toten, die im Backhaus gefunden worden waren?

Als könne sie Gedanken lesen; und mit Blick auf Tomke fuhr die Frau fort:

„Er hat Marthe getötet und den Müller auch!“

„Welchen Müller?“ Tomke schnellte hoch, sie verstand nicht, doch die Alte sprach weiter. „Wenige Tage später haben wir Johann von einem Balken in der Scheune geschnitten.“

Ein erstickter Schrei war aus dem Hintergrund zu vernehmen. Janke Jansen und die Kommissare drehten sich erschrocken um.

„Hanno, Junge, oh, mein Junge. Das hättest du nicht hören sollen.“ Ihr Großneffe war unbemerkt in die Stube getreten und hatte die letzten Sätze seiner Tante wohl mitbekommen. Die schlug sich fassungslos die Hand vor den Mund und krächzte:

„Wir wollten das doch alles …, ich wollte doch alles …“

Hanno Jansen schwankte und griff Halt suchend nach der Sessellehne. Er schaute seine Tante ungläubig an. „Verschweigen? Verschweigen wolltest du das? So viele Jahre habt ihr das vor uns verheimlicht, die Großeltern und du? Uns im Glauben gelassen, Mama wäre abgehauen und Papa kurz darauf gestorben?“ Er fixierte seine Tante entsetzt. „Wir Kinder waren der Meinung, Mama sei wegen uns gegangen. Sie habe uns nicht mehr lieb, glaubten wir. Und dann Papa. An seinem Tod fühlten wir uns auch schuldig, schließlich ist er kurz danach gestorben, dachten wir jedenfalls.“ Hanno schluchzte auf. „Dann sind das im Backhaus die Überreste von unserer Mutter? Er hat Mama getötet und einen anderen Mann? Wen? Warum?“ Das letzte Wort drang wie ein gequälter Schrei aus seiner Kehle. „Warum?“ Plötzlich richtete er sich kerzengerade auf. „Haben deshalb … die Nachbarn, die Verwandten …? Jetzt verstehe ich so manches. Alle wussten es, stimmt’s? Alle wussten, was passiert war, nur wir, die Kinder, nicht? Deshalb die mitleidigen Blicke. Wie, um Himmels willen, konntet ihr das all die Jahre geheim halten?“ Außer sich starrte er auf seine Tante.

„Nein, mein Junge, so ist es …, so war das nicht. Niemand außer mir wusste von dem …“

„Mord?“, unterbrach er sie. Wie ein Hilferuf brach es aus dem Mann heraus. „Ja, nur dein Vater und ich, nicht mal deine Großeltern. Und dass dein Vater sich aufgehängt hatte, Junge, das konnten wir euch Kindern doch nicht erzählen! Deine Großeltern haben von den Morden nie etwas erfahren und mutmaßten, wie viele andere auch, dass Johann sich erhängt hatte, weil seine Frau …“

„Weggelaufen ist?“

Wie ein Schrei kamen jetzt auch diese Worte aus seinem Munde.

„Ja. Ach, Junge, wir mussten euch doch schützen.“ Mit flehendem Blick schaute sie in die Runde.

Tomke und ihre Kollegen schwiegen, warteten darauf, was Janke Jansen weiter zu sagen hatte.

Die griff nach der Hand ihres Großneffen und bat ihn: „Setz dich, bitte, Junge, setz dich zu uns und höre zu. Ich erzähle es dir, ich erzähle es euch.“

Mit der rechten Hand hielt sie den Arm von Hanno Jansen, die andere drückte sie sich auf das Herz.

„Hoffentlich nibbelt sie uns nicht ab, bevor sie alles von sich gegeben hat“, drängte sich ein frecher Gedanke in Tomkes Kopf. Schnell schob sie ihn beiseite und tadelte sich selbst dafür.

„Frau Jansen“, kam es nun von Carsten, der die ganze Zeit schweigend zugehört hatte.

„Frau Jansen, bitte sprechen Sie endlich weiter. Wir müssen wissen, was damals passiert ist, wer die andere Leiche hinter den Mauern war, oder das, was davon übrig ist. Bitte, wir sind ganz Ohr.“

Hanno Jansen setzte sich und nickte seiner Tante zu.

Die atmete tief durch und begann erneut.

„Gut, dann sollt ihr es hören: Marthe, deine Mutter, mein Junge“, wandte sie sich an Hanno, „war eine sehr lebenslustige Frau. Fröhlich und unbekümmert. Daran kannst du dich sicher noch erinnern.“

Hanno zuckte mit den Schultern, zu weit weg war das alles.

Janke Jansen lehnte sich in ihrem Ohrensessel zurück, die schmächtige Person verschwand fast in dem tiefen Möbelstück. Es hatte den Anschein, als wollte sie sich aus der realen Welt zurückziehen und begann leise zu erzählen.

„Dein Vater war kein einfacher Mensch und trotzdem hatten wir schon immer eine ganz tiefe und innige Beziehung, Junge. Ja, er war mir fast wie ein Sohn, habe ihn doch mit großgezogen. Aus diesem Grund habe ich auch immer geschwiegen. All die Jahre. Aber jetzt, da das Geheimnis ans Tageslicht gekommen ist, muss ich sprechen. Vor allem du, als Letztgeborener, musst endlich die Wahrheit erfahren.“ Ein leises Stöhnen kam von ihren Lippen.

„Dass Marthe sich mit anderen Männern einließ“, fuhr sie dann fort, „war das eine. Es verletzte Johann sehr, machte ihn zuerst traurig, später böse. Dass es dann aber irgendwann nur noch ein einziger Mann war, bereitete ihm schließlich Angst. Angst, seine, wenn auch untreue, Frau ganz zu verlieren. Irgendwann hatte er herausgefunden, dass sie sich immer mit demselben Mann traf, nämlich mit dem Müller der Peldemühle. Stolle war sein Name, und ich weiß bis heute nicht, was deine Mutter an ihm fand. Er war ein lauter und grobschlächtiger Kerl. So oft habe ich Marthe aus dem Haus schleichen sehen, wenn der Müller das gemahlene Getreide lieferte. Sie vergnügten sich hinter dem Backhaus, in seinem alten VW-Bus, manchmal auch im Backhaus. Ich habe es beobachtet und Johann eben auch, immer wieder. Irgendwann kam das Gerücht auf, dass Stolles Frau auf unnatürliche Art zu Tode gekommen sei, er sie verprügelt und die Treppe he­runtergestoßen habe. Offiziell hieß es, sie sei gestolpert und die Treppe der alten Mühle hinuntergefallen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nun war Stolle eben frei, hatte keine Frau mehr und stellte Ansprüche an Marthe, zumal bei ihm zu Hause nun die weibliche Hand fehlte und seine beiden Blagen, ein halbwüchsiger Junge und ein schüchternes kleines Mädchen, auch versorgt werden mussten. Die hatten schließlich keine Mutter mehr. Marthe war ihm wohl inzwischen so verfallen, dass sie sich immer mehr von eurem Vater ab- und ihrem Liebhaber zuwandte. Oft habe ich sie mir zur Seite genommen, ihr zugeredet, den ollen Kerl sausen zu lassen. Denk an deine Kinder, hab ich zu ihr gesagt. Du weißt nicht, was du ihnen antust.

Den entscheidenden Fehler hat Marthe damals gemacht, als sie Johann mitteilte, dass sie mit euch, ihren drei Kindern, zu Stolle in die Mühle ziehen wolle, um nach einiger Zeit gemeinsam nach Amerika auszuwandern. Dort, so hieß es, lebe ein Cousin von ihm. Deine Mutter war begeistert. Stolles Mühle habe schon lange keine Zukunft mehr, hieß es, der kleine Laden werfe nicht mehr genug ab und sie, Marthe, habe es endgültig satt, als Bäuerin zu verkommen. Im Übrigen deutete deine Mutter an, dass Stolle wohl ein schönes Sümmchen zur Seite geschafft habe und eine wertvolle Münzsammlung besitze. In Amerika, so hoffte sie, würde sicher ein weniger arbeitsreiches Leben auf sie warten. Daraufhin hat Johann Rot gesehen. Du kannst gehen, ich hindere dich nicht, hat er damals gebrüllt, aber die Kinder bleiben hier. Es klingt mir noch heute in den Ohren, mein Junge.“ Ein trauriger Blick aus ihren Augen wanderte zu Hanno Jansen.

Bevor einer der drei Kommissare etwas sagen konnte, fragte Hanno: „Und dann? Was ist passiert?“

Nach einer wiederum langen Pause stöhnte die alte Frau: „Das!“ Sie deutete in Richtung des Backhauses, wie Tomke vermutete. „Das ist passiert. Irgendwann kam dieser Stolle hier mit einem Kopfverband an, er war wohl schwer verletzt. Marthe versorgte seine Wunde am Kopf, und dabei … ja, dabei hat Johann sie umgebracht, beide!“ Ein tiefer Schluchzer drang aus ihrer Brust. „Und ich habe ihm geholfen!“

„Tant’ Janke!“, schrie Hanno entsetzt auf.

„Ja, ich habe ihm geholfen, indem ich schwieg und – das verzeihe ich mir bis heute nicht – indem ich eine schwere Last auf die Schultern zweier Kinder geladen habe. Die Kinder, die Kinder, was wohl aus ihnen geworden ist?“

Die drei Kommissare blickten sich überrascht an. War jetzt ein über dreißig Jahre alter Doppelmord geklärt? Kamen sie nun den Ereignissen ein Stück näher? Redete die Alte jetzt vielleicht auch Klartext darüber, was sie über die Kinder, die verschwunden waren, angedeutet hatte? Tomke erkannte: Nun ist auch klar, wie die DNA hier auf den Hof passt, die eine Leiche ist also Hanno Jansens Mutter.

Es dauerte einen Moment, bis die Kommissarin bemerkte, dass sich die Außenwelt meldete, ihr Handy vibrierte.

„Kurz bevor das alles geschah, sind der Junge und seine Schwester verschwunden. Verschwunden, mit einer schweren Last auf den Schultern, und ich habe nie … Aber darüber habe ich ja schon …“, hörte die Kommissarin noch, während sie sich mit dem Üblichen „Tomke hier, was gibt’s?“ meldete.

Die weiteren Worte der alten Frau vernahm sie nicht mehr, denn die Zentrale meldete eine Leiche draußen am Jachthafen, an der Baustelle der Stelzenhäuser, kurz vor der Schleuse.

Glücklicher Leichenfund

Tomke fragte, bevor sie sich auf den Weg zum neuen Tatort begab: „Sie wissen wirklich nicht, was mit den Kindern geschehen ist? Das Mädchen denkt bis heute, dass es seinen Vater …?“, und brach mit Blick auf die zusammengesunkene Frau kopfschüttelnd ab. Mehr konnten die Ermittler von Janke Jansen heute nicht erfahren. Immer wieder hatte sich die alte Frau Richtung Herz gefasst, immer wieder waren ihr die Augen zugefallen.

„Gönnen wir ihr eine Pause und schauen, was bei den Stelzenhäusern passiert ist“, hatte Carsten dann zum Aufbruch gedrängt.

Da Carsten Schmied mit seinem eigenen Fahrzeug zur Befragung von Janke Jansen nachgekommen war, beschloss Tomke, dass er zurück ins Kommissariat fahren solle, um dort für Rückfragen zur Verfügung zu stehen. Außerdem bat sie ihn, doch schon mal nach alten Unterlagen zu suchen, die ihnen im Fall der Leichen auf dem Jansenhof Hinweise geben könnten. „Und vielleicht findest du auch etwas zu den erwähnten Kindern. Das lässt mir keine Ruhe. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die so einfach spurlos verschwunden sind. Der Name Stolle, Müller der Peldemühle, darunter muss doch etwas zu finden sein. Übrigens, wenn dieser Stolle so schwer verletzt war, vielleicht findet sich ein Arzt, der darüber noch Unterlagen aufbewahrt hat.“ Sie selbst und Hajo würden raus nach Harlesiel zum Leichenfund fahren.

„Mach ich!“, entgegnete Carsten, „aber nach den beiden, die wir im Backhaus gefunden haben, hat wohl jahrzehntelang keiner gefragt. Mal sehen, ob ich was finde. Geheimnisvolles Ostfriesland, kann ich nur sagen. Ach so, bewahren Ärzte Krankenakten wirklich so lange auf? Mehr als dreißig Jahre? Na, ich weiß nicht.“

„Ich auch nicht, aber wenn wir es nicht versuchen, erfahren wir es nicht.“

Tomke griff nach dem Autoschlüssel, den ihr Hajo reichte, lief um das Auto herum und schüttelte sich. „Mein Gott, ist das kalt heute. Es regnet wieder mal quer! In der Jansen’schen Stube war es gemütlicher, wenngleich mir ihre Erzählungen eine Gänsehaut verursacht haben.“

„Überschrift: ‚Gemütlicher Kriminalfall am Bollerofen mit mehreren Leichen‘“, frotzelte Hajo und stieg ein.

„Und außerdem …“ Sie schaute sich um.

„Was? Was außerdem?“, wollte Hajo wissen.

„Ach nichts, wahrscheinlich bilde ich es mir nur ein.“ Sie schüttelte sich erneut. „Warum soll ich eigentlich fahren?“, fragte sie dann, während sie den Motor startete. Sonst bemängelte Hajo immer ihre rasante Fahrweise und bestand ganz oft darauf, sich selbst ans Steuer zu setzen.

„Weil die Sitzheizung am Fahrersitz nicht funktioniert“, kam es lapidar zurück.

„Blödmann!“, erwiderte Tomke. Sie streckte ihrem Kollegen und Lebensgefährten die Zunge heraus und entgegnete weiter: „Ja, ich liebe dich auch, mein Schatz.“

„Bitte etwas mehr Professionalität, Frau Kollegin“, konterte der.

Die Fahrt über Esens, hinaus an die Küste nach Harlesiel, zog sich gewaltig. Immer wieder erschütterte eine heftige Böe den Wagen, sodass Tomke das Lenkrad fest umklammern und konzentriert fahren musste.

Nach etwa zehn Minuten Fahrt beugte sich Hajo zum Armaturenbrett und schaltete die Sitzheizung wieder aus. Tomke bemerkte es und fragte:

„Zu heiß am Mors?“

„Nee, schlechtes Gewissen. Ich leide gerne mit meiner geliebten Lebensabschnittsgefährtin!“

„Lebens-was, bitte schön?“

„Na ja, heiraten willst du ja nicht, also kann ich nicht Ehefrau sagen. Freundin hört sich so kumpelhaft an, was bleibt da anderes als Lebensabschnittsgefährtin?“

„Ach nee, hast du mit Oma und Tant’ Fienchen einen neuen Plan geschmiedet, um mich unter die Haube zu bringen?“

„Nun, seitdem du stolze Besitzerin eines alten Kapitänshauses bist, das dir dein neu gefundener und gleichzeitig verstorbener Großvater hinterlassen hat, dachte ich, du seist eine gute Partie und ich könnte wieder mal …“

Tomke nahm eine Hand vom Lenkrad und schlug ihm kräftig auf den Oberschenkel. Gleichzeitig wurde das Fahrzeug erneut von einem Windstoß erfasst, kam ins Schlingern und sie konnte es nur mit Mühe wieder in die Spur bringen.

„Siehst du? Das meine ich. So schnell kann Mann zum Witwer werden und ein altes Kapitänshaus erben. Du solltest es dir überlegen.“ Hajo hatte sich während des Geplänkels sehr bemüht, nicht zu lachen, nun aber konnte er sich nicht mehr halten. Er beugte sich zu Tomke hinüber, küsste sie auf die Wange und erklärte: „Wir sollten das noch mal ganz genau besprechen, Mann muss schließlich sehen, wo Mann bleibt!“

„Du bist so doof!“, konterte Tomke kopfschüttelnd. „Reiß dich zusammen, wir sind fast da. Lachend bei einem Leichenfund zu erscheinen, kommt nicht so gut.“ Aber auch Tomke konnte sich ein Kichern nicht verkneifen und murmelte: „Er nun wieder!“

Kurz bevor sie am Ort des Leichenfundes ankamen, brummte Hajo etwas vor sich hin, was Tomke nicht verstand.

„Was hast du gesagt?“, wollte sie wissen und schaute ihn von der Seite an.

„Ich überlege gerade, nein, ich suche nach einem anderen Wort für Lebensabschnittsgefährtin. Was hältst du von ‚Bisdassdertodunsscheidetgefährtin‘? Oder …“

Bevor er noch weitersprechen konnte, hatten sie ihr Ziel erreicht und Tomke antwortete amüsiert: „Ich sag’s ja, Blödmann!“

Auf der Baustelle der Stelzenhäuser draußen in Harlesiel bot sich den Ermittlern ein chaotisches Bild. Ein Betonmischfahrzeug stand quer auf der provisorischen Baustellenstraße; der dicke Schlauch, über den wohl Beton auf die Baustelle transportiert werden sollte, hing in der Luft. Drei Polizeifahrzeuge sicherten das Gebiet ab. Ein Notarztwagen und ein Krankenwagen mit Blaulicht und etliche weitere Baustellenfahrzeuge standen sich gegenseitig im Weg. Tomke parkte kurzerhand mitten auf der Straße und bat einen uniformierten Kollegen, das Fahrzeug fachmännisch unterzubringen, aber bitte die Handbremse anzuziehen und nicht in der Harle zu parken. Sie warf ihm den Schlüssel zu und kletterte über einen Steg aus Holzbohlen zur Baustelle hinunter. Der Polizist nahm den Schlüssel und tat, als wolle er ihn in die Harle werfen. Tomke sah es aus den Augenwinkeln und schrie: „Hey, was …?“ Der langte sich an die Mütze und rief zurück: „Nur dass das nicht zur Gewohnheit wird, wir sind nicht eure Handlanger. Aber weil du es bist …“ „Danke, Klaus!“, antwortete Tomke und deutete eine Verbeugung an.

Hajo verfolgte das Geschehen grinsend und schaute sich um. „Wofür ist der Notarzt hier? Ich denke, wir haben eine Leiche?“ Gleichzeitig zog es ihm auf den glitschigen Holzbohlen die Füße weg und er landete mit Schwung auf dem Hinterteil. Tomke drehte sich zu ihrem fluchenden Kollegen um, sah, wie er sich wieder aufrappelte, und meinte trocken: „Die Strafe folgt auf dem Mors.“ Hajo tippte sich mit dem Finger gegen die Stirn. Doch Tomke ließ nicht locker. „Jetzt weißt du auch, warum der Notarzt da ist. Er wartet auf ungeschickte Kommissare.“

Sie musste lachen. „Sorry, aber vielleicht ist ja jemandem schlecht geworden. Ach, schau, er fährt schon wieder weg. Nur noch der Sani bleibt da.“ Tomke zuckte mit den Schultern. „Komm endlich!“ Wie immer, wenn es an einen Tat- oder Fundort ging, wurde Tomke ungeduldig. Ein weiterer Kollege in Uniform kam ihnen entgegen und antwortete auf Tomkes Frage Was haben wir? in ostfriesischer Sparsamkeit nur mit einem Handzeichen nach unten Richtung Wasser. „Sieh selbst!“, sollte das wohl heißen.

„So entstehen also die berühmten Stelzenhäuser“, stellte die Kommissarin abschätzend fest, als sie vor dem Ponton standen, von dem aus die Arbeiter die Rohre in die Harle gerammt hatten und diese nun wohl mit Beton füllen wollten. Sie resümierte: „Rohre in die Harle, Betonplatte drauf, Haus drauf und fertig.“

Hajo stand neben ihr und deutete auf eines der Stützrohre. „Vorher wollte allerdings noch jemand eine Leiche versenken.“

„Jow! Scheiße nur, dass es bemerkt wurde!“

„Tomke!“ Hajo schüttelte den Kopf. Sie nun wieder.

„Nein, ich meine: Scheiße für den Mörder. Es hat ja wohl nicht viel gefehlt und der Leichnam wäre auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Für uns somit ein glücklicher Leichenfund. Übrigens, dein Hinterteil ist nass.“ Hajo reagierte nicht.

Die beiden Kommissare kletterten über einen schmalen Steg auf den Ponton. „Komm!“, forderte Tomke ihren Kollegen auf, „das will ich mir ansehen, bevor …“ Von hinten war eine ärgerliche Stimme zu hören: „Runter da, zuerst kommen wir. Immer das Gleiche mit euch.“

„Oh Mann, unser Leichenfledderer, das hätte ich mir ja denken können. Mist! Da ist er schon.“

Tomke drehte sich um. „Keine Angst, wir kommen deiner Leiche schon nicht zu nah, aber einen Überblick dürfen wir uns doch verschaffen, oder?“

Hajo Manninga, der Rechtsmediziner, kam mit einem Koffer in der Hand und flotter Gangart ebenfalls über den Steg gelaufen.

„Nix da. Befragt ihr die Leute hier, ich befrage die Leiche. Wie ich höre, muss ich die sowieso erst aus ihrem engen Sarg befreien.“ Mit festen Schritten ging er über das hölzerne Floß auf das besagte Rohr zu und forderte seine Leute mit einem Blick zurück auf: „Klappt das heute noch?“

Auch Tomke und Hajo näherten sich dem dicken Eisenrohr, aus dem – und es war ein skurriler Anblick – lange, graue Haare heraushingen. Manninga bemerkte es und holte tief Luft. Bevor er allerdings losschimpfen konnte, beruhigte ihn die Kommissarin: „Reg dich ab, wir halten ja Abstand. Nur ein Blick auf die Leiche, und wir sind weg.“

„Das will ich hoffen“, konnte sich der Rechtsmediziner nicht verkneifen. „Wer hat die Leiche bewegt?“, brüllte er dann Richtung Ufer.

Lasse Markgraf war noch immer über und über mit Beton verdreckt. Nur das Gesicht hatte er sich gleich ein wenig reinigen können. Die Masse war ihm in Mund, Nase und Augen gelaufen. Immer wieder schnäuzte und spuckte er. Ein Sanitäter tropfte ihm eine Flüssigkeit in die Augen, denn diese brannten gewaltig. Anschließend half er dem Mann aus seiner Arbeitskleidung. Das erwies sich allerdings als schwieriges Unterfangen, denn der Beton, der sich über ihn ergossen hatte, wurde langsam fest.

Lasse hatte gehört, was Manninga gerufen hatte, und stöhnte auf. Diese Baustelle hier erwies sich inzwischen als der größte Albtraum, der ihm jemals widerfahren war. Zuerst das Theater mit dem Vorarbeiter, der bei dieser Kälte unbedingt wollte, dass weitergearbeitet wurde, dann hatte er in ein Büschel Haare gegriffen und anschließend die Dusche mit flüssigem Beton. Eigentlich wollte er doch nur sein Handy retten, das ihm aus den klammen Fingern geglitten war – und nun das.

Bewegt habe ich die Leiche nicht, überlegte er. Wie auch, schließlich steckt der Körper fest in dem Rohr. Die Haare zwischen den Fingern zu spüren, war schon ekelhaft genug. Lasse schüttelte sich. Und mein Handy ist auch futsch.

Kurz darauf kamen Tomke und Hajo auf den Krankenwagen zu.

„Sie haben die Leiche gefunden?“, wollte Tomke mit Blick auf Lasse wissen. „Was ist denn mit Ihnen passiert?“, fragte sie dann erstaunt und zückte ihren Dienstausweis.

„Beton, alles voll mit Beton“, jammerte der Mann.

„Wie ist Ihr Name?“, fragte sie weiter und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Sie wandte schnell ihr Gesicht ab und bat Hajo, doch den Fahrer des Betonmischers und auch die umstehenden Männer zu befragen. Der drehte ab, etwas vor sich hin murmelnd.

„Lasse Markgraf, und ja, ich habe die Leiche gefunden. Mir ist noch immer schlecht und außerdem saukalt.“

„Das kann ich mir vorstellen.“ Tomke bekam das Grinsen nur schwer aus dem Gesicht. Der Mann sah schlimm aus und der Sanitäter war noch immer damit beschäftigt, ihn aus seiner Betonuniform zu schneiden.

„Erzählen Sie doch bitte mal, was sich hier abgespielt hat.“

„Abgespielt?“, protestierte Lasse. „Das weiß ich doch nicht! Ich weiß nur, dass ich in ein Büschel Haare gegriffen habe, als ich nach meinem Handy suchte, und dann eine Betondusche abbekommen habe. Die ganze Scheiße ist mir über den Kopf, in Augen und Nase gelaufen. Fast wäre ich daran verreckt.“ Lasse Markgraf war mehr als aufgebracht. „Und mein Handy ist auch futsch. Außerdem will ich jetzt sofort nach Hause, meine Frau ist hochschwanger. Vielleicht war sie es ja, die mich angerufen hat, als ich …“

„Moment mal“, hakte Tomke nach. „Das müssen Sie mir jetzt gründlicher erklären. Also, Ihr Handy …“

Sie ließ sich von Markgraf genau beschrieben, wie das alles passiert war.

Während sie bei dem Mann am Krankenwagen stand und seinem Bericht zuhörte, fiel Tomkes Blick auf die Straße, etwas oberhalb des Baugebietes. Ein sonderliches Bild bot sich ihr da. Ein motorisierter Rollstuhl hielt auf der Höhe des Krankenwagens. Eine Person, ob Mann oder Frau, war nicht auszumachen, wandte sich ihr oder dem Geschehen zu. Eingehüllt in einen dicken Anorak, die Kapuze auf dem Kopf fest verschnürt und mit einer dunklen Sonnenbrille über den Augen. Mehr war vom Gesicht der Person auch nicht zu erkennen. Tomke sah lediglich, dass es eine sehr schlanke, ja dünne, vielleicht weibliche Gestalt war, die den Vorgang an der Baustelle genau beobachtete. Wieder so ein Gaffer, vermutete sie und fixierte die Gestalt eingehend. Handybilder auf Facebook waren das Letzte, was sie jetzt sehen wollte. Die Kommissarin war dadurch so abgelenkt, dass sie den Ausführungen des Arbeiters vor sich nicht mehr folgte. Sie machte ein paar Schritte vom Wagen weg, ließ die Person im Rollstuhl nicht aus den Augen. Nachdem diese das bemerkt hatte, wandte sie sich nach vorne und rauschte auf dem Radweg davon.

Tomke schüttelte den Kopf. Was war denn das? Als der Mann vor ihr „Hallo, hallo, Frau Kommissarin!“ rief, erkannte sie erst, dass sie ihm nicht wirklich zugehört hatte.

„Entschuldigung, Herr Markgraf, aber da oben habe ich gerade etwas …, egal, zurück zu Ihnen. Bitte noch mal von vorne.“

Markgraf, dem man inzwischen eine wärmende Decke umgelegt hatte, verdrehte die Augen und begann erneut zu berichten. Mit den Worten: „… und dabei habe ich dann auch noch die Verriegelung des Betonschlauches geöffnet und, na ja, den Rest sehen Sie hier“, endete er und zeigte auf sich.

Unterdessen versuchten Manninga und seine Mitarbeiter verzweifelt, die Leiche aus dem Rohr zu ziehen. Das allerdings war schwieriger als gedacht, denn nicht nur über Markgraf, sondern auch in das Rohr und über die Leiche hatte sich etwas von dem Flüssigbeton ergossen. Der härtete nun langsam aus. Mit Hammer und Meißel probierten sie nun, die Leiche zu befreien. Im Stillen hofften sie, dass das auch ohne Schneidbrenner gelingen möge.

Das Erste, was Manninga feststellte, war, dass es sich um eine Frau handeln musste. „Kopf und Haare gehören einwandfrei zu einer Frau, graue Haare, sehr schlank“, sprach er in sein Diktiergerät. „Der Körper scheint sich dem Rohr angepasst zu haben, die Tote muss also noch gelebt haben oder erst kurz vorher getötet worden sein, als sie hier entsorgt wurde“, diktierte er weiter.

Ein neuer, junger Mitarbeiter schaute ihn fragend an. Manninga kannte den Blick.

„Junger Mann“, fragte er ihn dann. „Was haben Sie gelernt? Rigor Mortis setzt ab wann ein?“

„Am Herzen schon kurz nach dem Tod, denn die Extremitäten werden von der Leichenstarre zuletzt erfasst. Außerdem kommt es noch auf die Temperatur des Umfeldes an, wie schnell …“, erwiderte dieser aufgeregt.

„Sie sollen hier nicht rezitieren, ich will wissen, wie lange man den Leichnam, ohne größeren Aufwand und ohne dass er zum Brett wird, bewegen kann?“

„Am besten direkt nach dem …“

„Genau, direkt nach dem Ableben. Wie wir sehen können, ist der Körper der Frau etwas in sich zusammengesackt, also war er noch nicht stocksteif.“

„Aber …“, wagte der junge Mann einzuräumen.

„Ich weiß, was Ihr Aber bedeutet. Ja, die Leichenstarre könnte sich auch schon wieder gelöst haben, was nach spätestens achtundvierzig Stunden geschieht; ist aber unwahrscheinlich. Und jetzt, bitte weiterarbeiten, Folgerungen schließe ich!“

Mit einer Handbewegung schickte Manninga den jungen Mann wieder an seine Arbeit. „Holt mir die Frau da jetzt endlich heraus. Aber bitte in einem Stück!“, brüllte er.

Mit vereinten Kräften schafften Manninga und seine Mitarbeiter es dann, den Leichnam langsam hochzuziehen und aus dem Eisenrohr zu befreien.

Nun lag die Tote am Boden auf einer Plastikfolie.

„Einpacken, gut verschnüren und sofort ab ins Institut. Ihr glaubt doch nicht, dass ich mir hier vor Ort weiter den Arsch abfriere. Und wie gesagt: in einem Stück bitte.“ Manninga drehte sich um und winkte die Kollegen der Spurensicherung herbei. „Wir verlassen das sinkende Schiff, ihr dürft ran!“, teilte er Stevenson mit, dem Chef der Spurensicherung. „Zu großzügig!“, konterte der. „Bist wieder gut drauf heute, Kollege!“ Gut eingepackt in weiße Overalls machten sich nun die Leute von der Spusi an die Arbeit.

Tomke beobachtete, dass Manninga die Leiche abtransportieren ließ und zu seinem Wagen ging, um sich auf den Weg in die Rechtsmedizin zu begeben. Seine beiden Mitarbeiter saßen vorne, der Chef hinten im Fond des Wagens. Im Vorbeifahren rief er ihr noch zu: „Zehn Stunden, aber ohne Garantie. Ich sage es auch nur, weil ich deinen fragenden Blick sehe, und weiß, dass du sonst keine Ruhe gibst. Mehr nach der Obduktion.“

„Ja, ich weiß, der übliche Spruch.“ Tomke kannte das schon.

Kaum war der Wagen mit den drei Männern losgefahren, hielt er auch schon wieder mit quietschenden Reifen. Das Fenster der hinteren Tür fuhr erneut herunter und Manninga rief: „Ich habe dir ein Bild der Frau auf dein Handy geschickt. Vielleicht kannst du ja etwas damit anfangen. Todesursache? Bisher habe ich da keine Ahnung. Mehr nach der …“ Die restlichen Worte schluckte der Wind.

„Na, wenigstens etwas“, murmelte Tomke und zog ihr Handy aus der Tasche, aber die Bilddatei war noch nicht eingegangen.

„Viel habe ich nicht!“, begrüßte sie dann ihren Kollegen, als Hajo kopfschüttelnd auf sie zukam. „Du, wie es aussieht, auch nicht!“

„Nein, weder der Fahrer des Betonfahrzeuges noch einer der anderen Arbeiter konnten etwas zu meiner Erhellung beitragen.“

„Hier ist es nicht anders. Der Mann, der die Leiche gefunden hat, kann theoretisch auch nichts wissen, denn unser Leichenfledderer hat angedeutet, dass die Frau ungefähr zehn Stunden tot ist. Das bedeutet“, sie schaute auf ihre Uhr. „Irgendwann heute Nacht.“

„Mist! Bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als auf die Ergebnisse aus Rechtsmedizin, Spurensicherung und KTU zu warten“, brummte Hajo und deutete auf die Kollegen, die nun Millimeter für Millimeter um den Fundort herum untersuchten.

Tomkes Blick ging nochmals Richtung Straße. „Du, Hajo“, fragte sie dann, „hast du den Rollstuhlfahrer auch gesehen?“

„Du meinst oben auf dem Radweg der Straße? Ja, das war ein Hightechgefährt, mit Motor und so. Warum?“

„Weil wir sehr intensiv beobachtet wurden.“

„Sicher ein neugieriger Mensch, der …“

„Ja genau“, fuhr sie dazwischen, „der dann munter Bilder macht und diese postet.“

„Social Media, Tomke, da kannst du nix machen. Ist heute so.“

„Ich hasse es, Bilder von Tatorten und uns im Internet zu finden.“ Tomke stöhnte genervt auf. „Lass uns zurückfahren, es ist saukalt.“ Sie ließ sich von dem Kollegen Klaus den Autoschlüssel geben, bedankte sich brav und warf ihn Hajo grinsend zu: „Jetzt gehört die Sitzheizung mir, du fährst!“

Ein Brummen in ihrer hinteren Hosentasche kündigte eine Nachricht an. „Das wird das Bild der Toten sein“, sprach sie mehr zu sich selbst und öffnete die Bilddatei im Handy.

„Hm, na ja. Schauriger Anblick. Alles grau in grau, durch den Beton. Der Doc muss sie zuerst fein machen. So erkennt doch keiner, wer das sein könnte. Ich schicke das Bild trotzdem mal weiter zu Carsten. Ob der wohl schon etwas in unserem anderen Fall in Erfahrung gebracht hat?“ Sie klickte Carstens Nummer an, teilte ihrem Kollegen die Namen der bisher Beteiligten mit und bat ihn, den Bauunternehmer sowie den Vorarbeiter, der wohl kurz vor dem Ereignis die Baustelle verlassen hatte, auf das Kommissariat zu bestellen. „Ach, und ein Bild ist auch unterwegs. Schau mal, ob du etwas in der Vermisstenkartei findest.“

Weder Hajo noch Tomke bemerkten den Mann, der durch ab und zu aufreißende Nebelschwaden das Geschehen um den Leichenfund von der anderen Seite der Harle mit einem Fernglas beobachtete.

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