Verlag: Goldmann Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

Lady Midnight E-Book

Cassandra Clare

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E-Book-Beschreibung Lady Midnight - Cassandra Clare

Niemals wird sie den Tag vergessen, an dem ihre Eltern starben. Die 17-jährige Emma Carstairs war noch ein Kind, als sie damals ermordet wurden, und es herrschte Krieg. Die Wesen der Unterwelt kämpften bis aufs Blut gegeneinander, und die Schattenjäger, die Erzfeinde der Dämonen, wurden fast völlig ausgelöscht. Aber Emma glaubt bis heute nicht, dass ihre Eltern Opfer dieses dunklen Krieges wurden, sondern dass sie aus einem anderen rätselhaften Grund sterben mussten. Inzwischen sind fünf Jahre vergangen, und Emma hat Zuflucht im Institut der Schattenjäger in Los Angeles gefunden. Eine mysteriöse Mordserie sorgt für große Unruhe in der Unterwelt. Immer wieder werden Leichen gefunden, übersät mit alten Schriftzeichen, ähnliche Zeichen wie sie auch auf den Körpern von Emmas Eltern entdeckt worden waren. Emma muss dieser Spur nachgehen, selbst wenn sie dafür ihren engsten Vertrauten und Seelenverwandten Julian Blackthorn in große Gefahr bringt …

Meinungen über das E-Book Lady Midnight - Cassandra Clare

E-Book-Leseprobe Lady Midnight - Cassandra Clare

Buch

Die Schattenjäger – Erzfeinde der Dämonen, stolze, fast unbesiegbare Kämpfer. Und dennoch wurden sie im Dunklen Krieg beinahe ausgelöscht, dem grausamen Krieg, in dem die Schattenweltler erbarmungslos gegeneinander kämpften. Emma Carstairs war während dieser Ereignisse noch ein Kind, und sie verlor fast alles, auch ihre Eltern. Hätte sie nicht ihren Parabatai Julian Blackthorn gehabt, der ihr geschworen hat, für immer an ihrer Seite zu stehen, hätte sie diese dunkle Zeit nicht überlebt. Jetzt, fünf Jahre später, sind die Schattenjäger Emma und Julian ein fast unschlagbares Team. Aber die Vergangenheit lässt Emma nicht ruhen. Denn sie ist fest überzeugt, dass ihre Eltern nicht Opfer des Krieges wurden, sondern dass ein anderer dämonischer Plan sie das Leben gekostet hat. Als sie von einer ungewöhnlichen Mordserie in Los Angeles erfährt und die Leichen der Opfer ähnliche mysteriöse Symbole aufweisen wie die ihrer Eltern, geht sie der Sache nach – obwohl sie damit nicht nur sich und Julian in Gefahr bringt. Denn der Frieden ist zerbrechlich, und ein weiterer Dunkler Krieg hätte fatale Folgen für die gesamte Schattenwelt …

Weitere Informationen zu Cassandra Clare finden Sie am Ende des Buches.

Cassandra Clare

LADYMIDNIGHT

Die Dunklen Mächte

BUCH EINS

H

ROMAN

Deutsch von Franca Fritzund Heinrich Koop

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Die Originalausgabe erschien 2016

unter dem Titel »Lady Midnight«

by Margaret K. McElderry Books, an imprint of

Simon & Schuster Children’s Publishing Division, New York.

1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2016 by Cassandra Clare LLC

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2016

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Waltraud Horbas

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München,

unter Verwendung eines Entwurfs von Russell Gordon

Umschlagmotiv: © 2016 by Cliff Nielsen

Karte von Los Angeles: Drew Willis

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-17908-3V002

www.goldmann-verlag.de

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Für Holly

Einer vom Volk der Elben

PROLOG

H

Los Angeles, 2012

Schattenmarktnächte zählten zu Kits Lieblingsnächten.

Das waren die Nächte, in denen er das Haus verlassen und seinem Vater am Stand helfen durfte. Seit seinem siebten Lebensjahr arbeitete er nun schon auf diesem Markt, aber auch heute, acht Jahre später, spürte er noch immer die gleiche elektrisierende Mischung aus Aufregung und Verwunderung, wenn er durch die Kendall Alley im Herzen der Altstadt von Pasadena lief, eine blanke Ziegelwand ansteuerte … und durch sie hindurchtrat in eine aufregende Welt voll glitzernder Farben und Lichter.

Nur wenige Straßen entfernt waren ein Apple Store, der Laptops und Gadgets verkaufte, eine Filiale der Cheesecake Factory, ein Biomarkt, ein American Apparel-Laden und dazu trendige Boutiquen. Doch auf dieser Seite öffnete sich die Gasse zu einem gewaltigen freien Platz, der auf beiden Seiten mit Schutzschilden versehen war, um neugierige oder zufällig vorbeischlendernde Irdische vom Schattenmarkt fernzuhalten.

Dieser Markt wurde nur in warmen Nächten aufgebaut – und man konnte sagen, dass er gleichermaßen existierte und nicht existierte. Wenn Kit sich zwischen den bunt dekorierten Ständen bewegte, dann wusste er genau, dass er über einen Platz spazierte, der sich beim ersten Strahl der Morgensonne in Luft auflösen würde.

Doch in der Zwischenzeit genoss er den Schattenmarkt. Schließlich war es normalerweise nicht einfach, mit der »Gabe« zu leben, wenn man der einzige Junge weit und breit war, der so etwas besaß. Aber sein Vater hatte es immer als Gabe oder Geschenk bezeichnet, auch wenn Kit da anderer Meinung war. Hyacinth, die blauhaarige Wahrsagerin an ihrem Stand am Rand des Marktes, nannte seine Fähigkeit jedenfalls »das Zweite Gesicht«.

Diese Bezeichnung ergab für Kit deutlich mehr Sinn. Schließlich unterschied ihn von anderen Jugendlichen seines Alters nur die Tatsache, dass er Dinge sehen konnte, die sie nicht wahrnahmen. Meist waren das harmlose Dinge wie etwa kleine Elfen, die aus dem vertrockneten Gras zwischen den geborstenen Gehwegplatten aufstiegen, oder bleichgesichtige Vampire, die gegen Mitternacht an Tankstellen herumhingen, oder damals jener Mann, der neben ihm an einer Restauranttheke gestanden und ungeduldig mit den Fingern auf die Oberfläche getrommelt hatte. Als Kit genauer hinschaute, erkannte er, dass es sich nicht um Finger, sondern um Werwolfkrallen handelte. Diese und ähnliche Beobachtungen hatte er schon seit frühester Kindheit gemacht. Und sein Dad besaß diese Fähigkeit ebenfalls. Das Zweite Gesicht wurde innerhalb der Familie vererbt.

Das Schwierigste daran war die Notwendigkeit, dem Drang zu widerstehen und niemals impulsiv zu reagieren oder einzugreifen. Als Kit eines Nachmittags von der Schule nach Hause gegangen war, hatte er auf einem verlassenen Spielplatz ein Rudel Werwölfe gesehen, die einen erbitterten Kampf um die Leitung des Rudels austrugen und sich gegenseitig in Stücke rissen. Kit hatte auf dem Gehweg gestanden und so lange laut geschrien, bis die Polizei kam. Doch für sie gab es nichts zu sehen. Nach diesem Vorfall hatte sein Vater ihn zu Hause behalten, wo Kit sich das nötige Wissen aus alten Büchern selbst zusammensuchte. Aber meistens hockte er im Keller und vergnügte sich mit Videospielen. Er verließ das Haus nur noch selten, höchstens wenn der Schattenmarkt stattfand.

Auf dem Schattenmarkt musste er sich keine Gedanken machen, ob er auf irgendetwas ungewöhnlich reagierte. Dieser Markt war selbst für die Standbesitzer bunt und bizarr. Hier traf man auf Ifrit mit angeleinten Dschinn, die irgendwelche Kunststücke vorführten, und wunderschöne Peri, die vor Ständen mit glitzernden, gefährlichen Pülverchen tanzten. Eine Banshee saß hinter einem Marktstand, dessen Werbetafel potenziellen Kunden versprach, ihnen den Zeitpunkt ihres Todes zu verraten. Allerdings konnte sich Kit nicht vorstellen, warum irgendjemand das wissen wollte. Ein Cluricaun bot an, verlorene Dinge ausfindig zu machen, und eine hübsche junge Hexe mit kurzen, leuchtend grünen Haaren verkaufte Amulette, geformt wie Armbänder und Anhänger und dazu gedacht, romantische Gefühle zu wecken. Als Kit zu ihr hinüberschaute, lächelte sie.

»Hey, Romeo.« Kits Vater stieß ihn mit dem Ellbogen in die Rippen. »Ich hab dich nicht zum Flirten mitgenommen. Hilf mir mal lieber, das Schild aufzuhängen.«

Mit dem Fuß beförderte er einen zerbeulten Metallhocker in Kits Richtung und reichte ihm ein Stück Holz, in das er den Namen des Marktstandes gebrannt hatte: JOHNNY ROOK’S.

Nicht gerade der kreativste Name, aber Kits Vater war nie für seine überbordende Fantasie bekannt gewesen. Was irgendwie seltsam war, überlegte Kit und kletterte auf den Hocker, zumindest für jemanden, der Hexenmeister, Werwölfe, Vampire, Feenwesen, Wichte, Ghule und einmal sogar eine Meerjungfrau zu seinen Kunden zählte. (Sie hatten sich streng geheim in einem SeaWorld-Freizeitpark getroffen.)

Andererseits war ein unauffälliges Schild vielleicht gar nicht so schlecht. Offiziell verkaufte Kits Vater Zaubertränke und magische Pulver und unter dem Ladentisch auch ein paar nicht ganz legale Waffen. Doch nichts davon lockte die eigentliche Kundschaft an. In Wahrheit war Johnny Rook ein Mann mit Wissen und Beziehungen. In der Schattenwelt von Los Angeles geschah nichts, von dem er nicht wusste. Und niemand war so mächtig, dass Johnny Rook nicht doch mindestens ein Geheimnis über ihn gekannt oder Mittel und Wege gewusst hätte, mit dem- oder derjenigen Kontakt aufzunehmen. Er war ein Mann mit Informationen, und wenn man bereit war, dafür zu zahlen, gab er sie auch preis.

Als Kit vom Hocker hüpfte, reichte sein Vater ihm zwei Fünfzig-Dollar-Scheine. »Besorg irgendwo Wechselgeld«, forderte er Kit auf, ohne ihn anzusehen. Er hatte sein rotes Hauptbuch unter der Theke hervorgezogen und blätterte darin. Vermutlich versuchte er sich ein Bild davon zu machen, wer ihm noch Geld schuldete. »Ich hab’s nicht kleiner.«

Kit nickte und zwängte sich aus dem Marktstand; er war froh, verschwinden zu können. Jede Besorgung, die ihm aufgetragen wurde, diente als willkommene Ausrede, um über den Markt zu laufen. Dabei kam er an einem Stand mit weißen Blüten vorbei, deren Blätter ein geheimnisvolles, süßliches, giftiges Aroma verströmten. Vor einem anderen Stand drückte eine Gruppe von Männern und Frauen in teuren Anzügen den Passanten Flugblätter in die Hand. Neben dem Stand ragte ein Schild auf: »HALB-SCHATTENWELTLER? DU BIST NICHT ALLEIN. DIE GEFOLGSLEUTE DES WÄCHTERS LADEN DICH EIN: MELDE DICH FÜR DIE LOTTERIE DER GUNST AN! LASS DAS GLÜCK IN DEIN LEBEN!«

Eine dunkelhaarige Frau mit roten Lippen versuchte, Kit ein Flugblatt aufzudrängen. Als Kit ablehnte, zwinkerte sie erst ihm zu und dann in Richtung seines Vaters. Kit rollte mit den Augen – inzwischen musste es eine Million kleiner Kulte geben, die sich alle der Anbetung irgendeines rangniedrigen Dämons oder Engels verschrieben hatten. Aber offenbar ohne jeden Erfolg. Kits Vater grinste die Dunkelhaarige an, bevor er sich wieder seiner Arbeit widmete.

Kit machte sich auf den Weg zu seinem Lieblingsstand und kaufte einen Becher mit rot gefärbtem, geschabtem Wassereis, das nach einer Mischung aus Passionsfrucht, Himbeeren und Sahne schmeckte. Er achtete sehr genau darauf, bei wem er etwas erstand – schließlich gab es auf dem Schattenmarkt Süßigkeiten und Getränke, die einem das ganze Leben ruinieren konnten –, aber im Grunde würde bei Johnny Rooks Sohn niemand ein solches Risiko eingehen. Johnny Rook wusste von jedem irgendein Geheimnis. Wer es sich mit ihm verscherzte, musste damit rechnen, dass seine Geheimnisse nicht länger geheim blieben.

Langsam und in großem Bogen kehrte Kit zu der Hexe mit dem verzauberten Schmuck zurück. Sie hatte keinen richtigen Stand, sondern wie üblich einen leuchtend getönten Sarong auf dem Boden ausgebreitet – einen von diesen billigen, bunt gewebten Baumwollstoffen, die man in Venice Beach an jeder Straßenecke kaufen konnte. Als Kit näher kam, blickte sie auf.

»Hi, Wren«, sagte Kit. Er bezweifelte zwar, dass das ihr richtiger Name war, aber auf dem Schattenmarkt wurde sie von allen so genannt.

»Hey, mein Hübscher.« Ihre Armbänder und Fußkettchen klimperten und klirrten, als sie etwas zur Seite rückte, um ihm Platz zu machen. »Was führt dich zu meiner bescheidenen Bleibe?«

Kit ließ sich neben ihr auf dem Boden nieder. Seine Jeans war zerschlissen und hatte Löcher an den Knien. Er wünschte, er könnte das Geld, das sein Vater ihm gegeben hatte, behalten und sich ein paar neue Klamotten besorgen. »Dad braucht Kleingeld. Ich hab hier zwei Fünfziger.«

»Pssst.« Wren wedelte hastig mit der Hand. »Hier gibt es Leute, die würden dir für zwei Fünfziger die Kehle aufschlitzen und dein Blut als Drachenfeuer verkaufen.«

»Nicht mit mir«, erwiderte Kit selbstbewusst. »Niemand hier würde mich auch nur anfassen.« Er lehnte sich zurück. »Es sei denn, ich würde das wollen.«

»Und ich dachte, mir wäre das Zauberelixier für schamloses Flirten ausgegangen.«

»Ich bin dein schamlos flirtendes Zauberelixier.« Kit schenkte zwei Passanten ein Lächeln: ein großer, gut aussehender, junger Mann mit einer weißen Strähne in den dunklen Haaren und eine junge Brünette, deren Augen hinter einer Sonnenbrille versteckt lagen. Die beiden ignorierten ihn. Doch als Wren die zwei Marktbesucher bemerkte, die hinter ihnen gingen – ein stämmiger Mann und eine Frau mit braunem Haar, das ihr in einem langen Zopf den Rücken hinabhing –, setzte sie sich auf.

»Schutzamulette?«, pries Wren ihre Waren an. »Hundertprozentiger Erfolg garantiert. Ich habe auch welche aus Gold und Messing, nicht nur aus Silber.«

Die Frau erstand einen Ring mit einem eingefassten Mondstein und schlenderte mit ihrem Partner plaudernd weiter. »Woher hast du gewusst, dass das Werwölfe sind?«, fragte Kit.

»Am Ausdruck in den Augen der Frau«, erklärte Wren. »Werwölfe sind Impulskäufer. Und ihr Blick glitt achtlos über alles aus Silber.« Sie seufzte. »Seit dieser Mordserie mache ich ein Bombengeschäft mit Schutzzaubern.«

»Welche Mordserie?«

Wren verdrehte die Augen. »Irgend so eine völlig durchgeknallte magische Sache. Überall tauchen Leichen auf, die am ganzen Körper mit Dämonensprachen bedeckt sind. Verbrannt, ertränkt, mit abgetrennten Händen – alle möglichen Gerüchte machen die Runde. Wie kann es sein, dass du nicht davon gehört hast? Hast du gar kein Interesse an Klatsch?«

»Nein«, meinte Kit. »Nicht wirklich.« Er beobachtete das Werwolfpaar, das zum nördlichen Ende des Marktes schlenderte. Dort trafen sich die meisten Lykanthropen, um die Dinge zu kaufen, die sie im Alltag benötigten: Geschirr und Besteck aus Holz und Eisen, Wolfswurz sowie Funktionshosen mit Knopfleiste (hoffte Kit zumindest).

Obwohl der Markt eigentlich ein Ort sein sollte, an dem alle Schattenweltler gefahrlosen Umgang miteinander pflegen konnten, neigten die meisten dazu, sich nur mit anderen ihrer eigenen Gruppe zu treffen. So gab es einen Bereich, wo die Vampire zusammenkamen, um aromatisiertes Blut zu kaufen oder um sich aus der Menge von Domestiken, die ihren bisherigen Gebieter verloren hatten, einen neuen menschlichen Diener auszuwählen. Etwas abseits fand man die von Reben und Blüten umrankten Pavillons der Feenwesen, die hinter vorgehaltener Hand Zauberamulette verkauften und Kunden die Karten legten. Sie hielten sich vom Rest des Marktes deutlich fern, da es ihnen untersagt war, wie die anderen Schattenweltler Handel zu treiben. Und ganz am Ende des Marktes hatten seltene und gefürchtete Hexenwesen ihre Stände aufgebaut. Jedes Hexenwesen trug ein Zeichen, das seine dämonische Herkunft verriet: Einige besaßen Schwänze, manche hatten Flügel oder gezwirbelte Hörner. Kit hatte einmal eine Hexe gesehen, deren Haut wie die Schuppen eines Fischs blau geschimmert hatte.

Und dann waren da natürlich noch die Irdischen mit dem Zweiten Gesicht, wie Kit und sein Vater, die die Fähigkeit besaßen, die Schattenwelt zu sehen und jeden Zauberglanz zu durchschauen. Wren gehörte ebenfalls dieser Gruppe an: Sie hatte einen richtigen Hexenmeister für einen Grundkurs in Zauberspruchlehre bezahlt und sich danach selbst als Hexe ausgebildet. Allerdings verriet sie das kaum jemandem und verhielt sich möglichst unauffällig. Menschen durften offiziell keine Magie betreiben, aber es gab einen blühenden Schwarzhandel mit Kursen dieser Art. Damit ließ sich viel Geld verdienen, sofern man nicht geschnappt wurde von einem …

»Schattenjäger«, sagte Wren.

»Woher hast du gewusst, dass ich gerade an sie gedacht habe?«

»Weil sie direkt dort drüben stehen. Zwei, um genau zu sein.« Wren deutete mit dem Kinn nach rechts; Angst flackerte in ihren Augen.

Tatsächlich schien plötzlich der gesamte Markt in Alarmbereitschaft versetzt zu sein: Hier und dort schob der eine oder andere Standbesitzer unauffällig Phiolen, Giftpulver, Zaubertränke und Totenkopfamulette außer Sichtweite. Angeleinte Dschinn verkrochen sich hinter ihren Gebietern. Die hübschen Peri hatten ihren Tanz unterbrochen und beobachteten die Schattenjäger mit kalter, steinerner Miene.

Kit folgte ihrem Blick: Die beiden Schattenjäger, ein Junge und ein Mädchen, waren etwa siebzehn oder achtzehn Jahre alt. Der Junge hatte rote Haare und war groß und sportlich, doch von dem Mädchen konnte Kit nichts sehen außer einer Fülle blonder Haare, die ihr Gesicht verdeckten und ihr bis zur Taille reichten. Sie hatte ein goldenes Schwert auf den Rücken geschnallt und schritt mit der Art von Selbstbewusstsein über den Markt, die man nicht vortäuschen konnte.

Beide trugen eine Kampfmontur – jene Schutzkleidung aus schwarzem, robustem Material, die sie als Nephilim kenntlich machte: zur Hälfte Mensch und zur Hälfte Engel. Die unangefochtenen Herrscher über jedes übernatürliche Wesen auf Erden. Sie unterhielten in fast jeder Großstadt der Welt sogenannte Institute, im Grunde schwer befestigte Polizeiwachen: von Rio über Bagdad und Lahore bis Los Angeles. Die meisten von ihnen wurden als Schattenjäger geboren, aber sie hatten auch die Macht, normale Menschen nach Lust und Laune in Schattenjäger zu verwandeln. Seit den hohen Verlusten an Nephilim im Dunklen Krieg waren sie beinahe schon verzweifelt darum bemüht, ihre Reihen wieder aufzufüllen. Es ging das Gerücht, dass sie jeden unter neunzehn, der auch nur das geringste Anzeichen für eine Eignung als Schattenjäger zeigte, eiskalt kidnappen würden.

Mit anderen Worten: jeden, der das Zweite Gesicht besaß.

»Sie wollen zum Stand deines Vaters«, flüsterte Wren. Sie hatte recht: Kit spürte, wie sich sein ganzer Körper anspannte, als er sah, dass die Nephilim zwischen den Marktständen hindurchgingen und zielsicher auf das Schild mit der Aufschrift JOHNNY ROOK’S zusteuerten.

»Steh auf.« Wren war aufgesprungen und scheuchte Kit hoch. Hastig faltete sie ihre Waren in das Tuch, auf dem sie gesessen hatten. Ihre Hände zitterten. Kit bemerkte eine merkwürdige Zeichnung auf ihrem Handrücken, ein Symbol, das an Wellenlinien unter einer Flamme erinnerte. Vielleicht hatte sie es sich aus Langeweile selbst auf die Haut gekritzelt. »Ich muss weg.«

»Wegen der Schattenjäger?«, fragte er überrascht und trat einen Schritt zurück, damit sie ihre Sachen zusammenpacken konnte.

»Psst«, zischte Wren und hastete so schnell davon, dass ihre leuchtend bunten Haare wippten.

»Seltsam«, murmelte Kit und kehrte zum Stand seines Vaters zurück. Mit gesenktem Kopf, die Hände in den Taschen, näherte er sich von der Seite. Er war sich ziemlich sicher, dass sein Vater ihn anbrüllen würde, wenn er sich vor den Schattenjägern blicken ließ – vor allem, wenn man an das Gerücht dachte, dass sie jeden unter neunzehn mit dem Zweiten Gesicht zwangsrekrutierten. Aber er konnte der Versuchung, das Gespräch zu belauschen, einfach nicht widerstehen.

Das blonde Mädchen beugte sich gerade vor und stützte die Handflächen auf die hölzerne Standtheke. »Schön, dich zu sehen, Rook«, sagte sie mit einem einnehmenden Lächeln.

Sie war hübsch, dachte Kit. Älter als er. Und der Junge, der sie begleitete, überragte ihn deutlich. Außerdem war sie eine Nephilim. Also war sie für ihn unerreichbar, aber trotzdem sehr hübsch. Eine lange, verblasste Narbe erstreckte sich von ihrem Ellbogen bis zum Handgelenk. Schwarze Tätowierungen mit eigenartigen Symbolen wanden sich über ihre nackten Arme und versahen ihre Haut mit einem Muster. Auch am V-Ausschnitt ihres T-Shirts war andeutungsweise eine dieser Tätowierungen zu sehen. Kit wusste, dass es sich in Wahrheit um Runenmale handelte – Zaubermarkierungen, die den Schattenjägern ihre Macht verliehen. Nur Schattenjäger konnten sie tragen: Wenn man einen normalen Menschen oder einen Schattenweltler damit versah, verlor derjenige unweigerlich den Verstand.

»Und wen haben wir denn hier?«, fragte Johnny Rook und deutete mit dem Kinn auf den jungen Schattenjäger. »Deinen berühmten Parabatai?«

Mit neu erwachtem Interesse musterte Kit die Schattenjäger. Jeder, der schon einmal von den Nephilim gehört hatte, wusste, was Parabatai waren: zwei Schattenjäger, die einander ewige platonische Treue schworen, vor allem im Kampf. Die füreinander lebten und auch starben. Jace Herondale und Clary Fairchild, die berühmtesten Schattenjäger der Welt, hatten jeweils einen Parabatai. Selbst Kit wusste das.

»Nein«, erwiderte das Mädchen gedehnt und nahm ein Glas mit grünlicher Flüssigkeit von einem Stapel in der Nähe der Kasse. Der Inhalt war eigentlich als Liebestrank deklariert, aber Kit wusste, dass einige der Gläser nur Wasser enthielten, das mit Lebensmittelfarbe getönt war. »Das hier ist kein Ort, den Julian aufsuchen würde.« Ihr Blick schweifte kurz über den Markt.

»Ich bin Cameron Ashdown.« Der junge Schattenjäger streckte die Hand aus, die Johnny leicht verwirrt ergriff. Kit nahm die Gelegenheit wahr, sich hinter die Ladentheke zu schieben. »Ich bin Emmas fester Freund.«

Das blonde Mädchen – Emma – zuckte kaum merklich zusammen. Cameron Ashdown mochte zwar im Moment mit ihr zusammen sein, überlegte Kit, aber er würde nicht darauf wetten, dass das lange so blieb.

»Ah ja«, sagte Johnny und nahm Emma das Glas aus der Hand. »Dann bist du vermutlich hergekommen, um das abzuholen, was du hiergelassen hast.« Er fischte eine Art roten Stofffetzen aus seiner Tasche. Kit starrte darauf. Was konnte an einem Stück Baumwollstoff denn so interessant sein?

Emma richtete sich auf. Sie wirkte jetzt sehr interessiert. »Hast du irgendetwas herausgefunden?«

»Wenn du es in eine Waschmaschine voll Weißwäsche gibst, färbt es deine Socken definitiv rosa.«

Stirnrunzelnd nahm Emma den Stofffetzen an sich. »Ich meine es ernst. Du hast keine Ahnung, wie viele Leute ich bestechen musste, um daranzukommen. Das Tuch lag im Spirallabyrinth. Es ist ein Stück von dem Hemd, das meine Mutter getragen hat, als sie umgebracht wurde.«

Johnny hielt eine Hand hoch. »Ich weiß. Ich wollte nur …«

»Du kannst dir deinen Sarkasmus sparen. Sarkasmus und geistreiche Bemerkungen sind meine Aufgabe. Deine Aufgabe besteht darin, dich so lange schütteln zu lassen, bis du irgendwelche Informationen ausspuckst.«

»Oder dich bezahlen zu lassen«, fügte Cameron Ashdown hastig hinzu. »Geld für Informationen ist auch in Ordnung.«

»Hör zu, ich kann dir nicht helfen«, erwiderte Kits Vater. »Das Tuch hat nichts Magisches an sich. Es ist einfach nur ein Stück Baumwollstoff. Zerfetzt und mit Meerwasser getränkt, aber … Baumwolle.«

Ein Ausdruck unverkennbarer Enttäuschung huschte über das Gesicht des Mädchens. Sie unternahm keinen Versuch, ihre Gefühle zu verbergen, während sie das Tuch in ihre Tasche steckte. Kit hatte unwillkürlich Mitleid mit ihr, was ihn überraschte. Er hätte nie gedacht, dass er für ein Mitglied der Schattenjäger einmal Sympathie empfinden würde.

Emma schaute zu ihm hinüber, fast als hätte er sie angesprochen. »Soso«, sagte sie, mit einem plötzlichen Glitzern in den Augen, »du hast also das Zweite Gesicht, genau wie dein Dad? Wie alt bist du denn?«

Kit erstarrte. Hastig schob sein Vater sich vor ihn und entzog ihn Emmas Sicht. »Ich dachte, du würdest mich nach den Morden fragen, die hier gerade am laufenden Band passieren. Nicht ganz auf dem neuesten Stand, Carstairs?«

Anscheinend hatte Wren recht, dachte Kit – wirklich alle schienen von diesen Morden zu wissen. Er konnte am warnenden Unterton in der Stimme seines Vaters hören, dass er sich verdünnisieren sollte, aber er war hinter der Theke gefangen und konnte nicht weg.

»Ich habe ein paar Gerüchte über tote Irdische gehört«, erwiderte Emma. Die meisten Schattenjäger sprachen diesen Begriff für normale Menschen mit deutlicher Verachtung aus. Emma klang dagegen nur müde. »Wir führen keine Ermittlungen durch, wenn die Irdischen sich gegenseitig umbringen. Das ist Aufgabe der irdischen Polizeibehörden.«

»Unter den Toten befanden sich auch Feenwesen«, sagte Johnny. »Einige der Leichname waren Elben.«

»Diese Morde dürfen wir nicht untersuchen«, wandte Cameron ein. »Das weißt du genau. Der Kalte Frieden untersagt das.«

Kit nahm ein leises Raunen von den umliegenden Ständen wahr – anscheinend war er nicht der Einzige, der hier mithörte.

Der Kalte Frieden war ein Nephilimgesetz, das die Schattenjäger fast fünf Jahre zuvor erlassen hatten. Kit konnte sich kaum an eine Zeit davor erinnern. Die Nephilim bezeichneten es zwar als Gesetz, aber in Wahrheit handelte es sich um eine Strafmaßnahme.

Als Kit zehn Jahre alt gewesen war, hatte ein Krieg die Welt der Schattenjäger und Schattenweltler in den Grundfesten erschüttert. Ein Schattenjäger namens Sebastian Morgenstern hatte sich gegen sein eigenes Volk gewandt: Er war von Institut zu Institut gezogen, hatte die Bewohner in seine Gewalt gebracht und sie so verwandelt, dass ihr Körper und ihr Geist nur noch ihm gehorchten. Und dann hatte er sie gezwungen, als eine schreckenerregende Armee von Sklaven ohne eigenen Willen in einen Krieg zu ziehen. Die meisten Schattenjäger des Instituts in Los Angeles waren damals verschleppt oder getötet worden.

Manchmal wurde Kit von Albträumen aus dieser Zeit geplagt; dann sah er Ströme von Blut in Korridoren, die er nie betreten hatte, und Eingangshallen, deren Wände mit Nephilimrunen überzogen waren.

Sebastian Morgenstern hatte Unterstützung gehabt: Die Feenwesen hatten ihm bei seinem Versuch geholfen, die Nephilim auszurotten. Kit hatte in der Schule Geschichten über die Feenwesen gehört: niedliche kleine Wesen, die in Bäumen lebten und Blütenhüte trugen. Doch die Wirklichkeit war weit von dieser Vorstellung entfernt. Die Bandbreite der Feenwesen reichte von Meerjungfrauen, Kobolden und Wassergeistern mit scharfen, haifischartigen Zähnen bis hin zu ranghohen Elbenrittern an den Feenhöfen. Diese adligen Elben waren groß gewachsen, wunderschön und Furcht einflößend und unterteilten sich in zwei Höfe: den Hof des Lichten Volkes (ein gefährlicher Ort, von einer Königin regiert, die seit Jahren niemand mehr zu Gesicht bekommen hatte) und den Hof des Dunklen Volkes (ein finsterer Ort voller Heimtücke und Schwarzer Magie, dessen König einem Monster aus uralten Sagen glich).

Da die Feenwesen zu den Schattenweltlern zählten und den Schattenjägern Treue und Loyalität geschworen hatten, stellte ihr Verrat ein unverzeihliches Verbrechen dar. Und die Nephilim hatten sie dafür brutal bestraft, mit einem Rundumschlag, der als der Kalte Frieden in die Geschichte eingegangen war: Die Feenwesen wurden gezwungen, gewaltige Reparationsleistungen zu zahlen, die im Krieg zerstörten Schattenjägerbauwerke wieder aufzubauen und ihre Armeen aufzugeben. Außerdem wurde anderen Schattenweltlern streng untersagt, ihnen irgendeine Form von Hilfe zukommen zu lassen. Jeder, der einem Feenwesen half, musste mit schweren Strafen rechnen.

Es hieß, die Feenwesen seien ein stolzes, uraltes, magisches Volk. Aber Kit hatte sie immer nur als gebrochene Wesen erlebt. Die meisten Schattenweltler – und andere Bewohner des schattenschwarzen Raums zwischen der Welt der Irdischen und der der Schattenjäger – hegten im Grunde keine Abneigung gegen die Feenwesen, doch es war auch niemand bereit, sich den Nephilim zu widersetzen. Vampire, Werwölfe und Hexenwesen hielten sich von den Feenwesen fern; nur an Orten wie dem Schattenmarkt, wo Geld noch immer wichtiger war als Groll oder Gesetze, kam es weiterhin zu gegenseitigen Begegnungen.

»Ach tatsächlich?«, fragte Johnny. »Was wäre, wenn ich dir verraten würde, dass die gefundenen Leichen mit seltsamen Schriftzeichen bedeckt waren?«

Ruckartig hob Emma den Kopf. Ihre dunkelbraunen, fast schwarzen Augen hoben sich deutlich von ihrer hellen Haut ab. »Was hast du gerade gesagt?«

»Du hast mich genau verstanden.«

»Was für eine Sorte von Schriftzeichen? Die gleiche Sprache, die man auch auf den Körpern meiner Eltern gefunden hat?«

»Keine Ahnung«, sagte Johnny. »Das ist nur das, was ich gehört habe. Aber trotzdem irgendwie verdächtig, oder?«

»Emma«, warnte Cameron. »Das wird dem Rat gar nicht gefallen.«

Der Rat war die Regierung der Schattenjäger, und nach allem, was Kit gehört hatte, gab es nicht viel, was den Ratsmitgliedern gefiel.

»Das ist mir egal«, sagte Emma. Offensichtlich hatte sie Kits Anwesenheit völlig vergessen; stattdessen starrte sie seinen Vater mit glühenden Augen an. »Erzähl mir alles, was du weißt. Ich zahl dir zweihundert.«

»Okay, aber ich weiß nicht viel«, räumte Johnny ein. »Das Ganze läuft so ab, dass jemand verschleppt wird und ein paar Nächte später tot wieder auftaucht.«

»Und wann war das letzte Mal, dass jemand ›verschleppt‹ wurde?«, fragte Cameron.

»Vor zwei Nächten«, berichtete Johnny, der offensichtlich das Gefühl hatte, sein Schmiergeld ehrlich zu verdienen. »Der Leichnam wird vermutlich morgen Nacht auftauchen. Ihr braucht nichts weiter zu tun, als vor Ort zu warten und euch denjenigen zu schnappen, der die Leiche loswerden will.«

Emma verschränkte die Arme vor der Brust. »Und wie genau sollen wir das anstellen?«

Johnny schnaubte. »Es geht das Gerücht, dass die nächste Leiche in West Hollywood auftauchen wird. Bei der ›Sepulchre Bar‹.«

Aufgeregt klatschte Emma in die Hände. Ihr Freund wiederholte ihren Namen, in mahnendem Ton, aber Kit hätte ihm sagen können, dass er nur seine Zeit verschwendete. Nie zuvor hatte er ein junges Mädchen gesehen, das wegen irgendeiner Sache dermaßen in Begeisterung geraten war – weder beim Anblick berühmter Schauspieler noch in Gegenwart einer Boyband oder vor einem Stand mit Schmuck. Das Mädchen schien bei dem Gedanken an einen Leichnam förmlich zu vibrieren.

»Und warum lauerst du demjenigen nicht auf, wenn dich diese Morde nicht loslassen?«, fragte Cameron Johnny in herausforderndem Ton. Er hatte interessante grüne Augen, dachte Kit. Das Mädchen und er waren ein fast schon lachhaft attraktives Paar. Kit fragte sich, wie wohl der sagenumwobene Julian aussehen mochte. Wenn er einen Eid abgelegt hatte, der ihn für immer als platonischen Busenfreund an dieses Mädchen band, sah er wahrscheinlich so aus wie das Hinterteil einer Kuh.

»Weil ich keine Lust darauf habe«, erklärte Johnny. »Das Ganze scheint mir eine ziemlich gefährliche Angelegenheit zu sein. Aber ihr Typen liebt ja die Gefahr. Nicht wahr, Emma?«

Emma grinste, und Kit wurde klar, dass sein Vater Emma ziemlich gut kennen musste. Offensichtlich war sie schon früher bei ihm gewesen und hatte Fragen gestellt oder um Hilfe gebeten. Seltsam, dass er sie noch nie zuvor gesehen hatte, aber er war auch nicht bei jedem Markt dabei. Als sie nun in ihre Tasche griff, ein Bündel Geldscheine hervorholte und seinem Vater den vereinbarten Betrag reichte, fragte Kit sich, ob sie vielleicht schon mal in seinem Elternhaus gewesen war. Jedes Mal, wenn Johnny Rook Kunden bei sich zu Hause empfing, sorgte er dafür, dass Kit vorher im Keller verschwand und dort mucksmäuschenstill wartete.

»Die Sorte von Leuten, mit denen ich Geschäfte treibe, sind nicht die Sorte von Leuten, die du kennenlernen solltest«, war alles, was er dazu sagte.

Bei einer Gelegenheit war Kit versehentlich zu früh die Treppe hinaufgestiegen, als sein Vater noch mitten in einer Besprechung mit einer Gruppe von Monstern in Kapuzenroben war. Zumindest hatte Kit sie auf den ersten Blick für Monster gehalten: kahle weiße Schädel, dunkle Höhlen statt Augen und Lippen mit dunklen Linien, die an OP-Nähte erinnerten. Sein Vater hatte ihm später erklärt, dass es sich um die Gregori, die Brüder der Stille, handelte: Schattenjäger, die auf magische Weise gefoltert und verstümmelt worden waren, bis sie sich in übermenschliche Wesen verwandelten, die auf telepathische Weise kommunizierten und anderer Leute Gedanken lesen konnten. Nach dieser Begegnung hatte Kit sorgfältig darauf geachtet, nie mehr aus dem Keller zu kommen, solange sein Vater noch in einer »Besprechung« war.

Kit wusste, dass sein Dad ein Krimineller war. Er verkaufte Geheimnisse, allerdings keine Lügen: Johnny war stolz darauf, nur erstklassige Informationen weiterzugeben. Und Kit wusste auch, dass sein Leben wahrscheinlich einen ähnlichen Verlauf nehmen würde. Es fiel nicht leicht, ein normales Leben zu führen, wenn man ständig vorgeben musste, die Dinge, die direkt vor der eigenen Nase passierten, nicht zu sehen.

»Na, jedenfalls danke für die Informationen«, sagte Emma und drehte sich vom Stand weg. Das goldene Heft ihres Schwerts glänzte im Sonnenschein. Kit fragte sich, wie es sich wohl anfühlte, ein Nephilim zu sein. Und unter Leuten zu leben, die die gleichen Dinge sahen wie er selbst. Und Waffen zu tragen. Und sich niemals vor dem zu fürchten, was in den Schatten lauerte. »Bis demnächst, Johnny.«

Emma zwinkerte … in Kits Richtung. Hastig wirbelte Johnny herum, um seinem Sohn einen Blick zuzuwerfen, während das Mädchen mit ihrem Freund in der Menge verschwand.

»Hast du irgendetwas zu ihr gesagt?«, herrschte Johnny ihn an. »Warum hat sie dich derart aufs Korn genommen?«

Abwehrend hielt Kit die Hände hoch. »Ich hab kein Wort gesagt«, protestierte er. »Ich glaube, ihr ist aufgefallen, dass ich zugehört habe.«

Johnny seufzte. »Dann versuch in Zukunft, weniger aufzufallen.«

Langsam trat Kit an die Standtheke. Jetzt, da die Schattenjäger verschwunden waren, erwachte der Markt wieder zum Leben. Er konnte Musik hören und Stimmengewirr, das wieder auf normale Lautstärke anschwoll. »Wie gut kennst du dieses Schattenjägermädchen?«

»Emma Carstairs? Sie kommt schon seit Jahren zu mir. Anscheinend interessiert es sie nicht, dass sie damit gegen das Gesetz der Schattenjäger verstößt. Ich mag sie, zumindest so sehr, wie man einen Nephilim eben mögen kann.«

»Sie wollte, dass du für sie herausfindest, wer ihre Eltern getötet hat.«

Johnny riss eine Schublade auf. »Ich weiß nicht, wer ihre Eltern getötet hat, Kit. Vermutlich Feenwesen. Das Ganze ist während des Dunklen Kriegs passiert.« Er zog eine selbstgerechte Miene. »Also habe ich versucht, ihr zu helfen. Na und? Schattenjägergeld stinkt nicht.«

»Und außerdem sollen die Schattenjäger ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes richten als auf dich«, meinte Kit. Das war zwar nur eine Vermutung, aber wahrscheinlich lag er damit gar nicht so falsch. »Hast du irgendwas laufen?«

Johnny knallte die Schublade zu. »Vielleicht.«

»Für jemanden, der Geheimnisse verkauft, hast du selbst verdammt viele«, bemerkte Kit und stopfte die Hände in die Taschen.

Sein Vater legte einen Arm um seine Schultern, eine seltene Geste der Zuneigung. »Mein größtes Geheimnis«, sagte er, »bist du.«

1

H

Ein Grab, so finster und kalt

»Es funktioniert einfach nicht«, sagte Emma. »Diese Beziehung, meine ich.«

Vom anderen Ende der Leitung kamen verzweifelt protestierende Laute. Emma konnte kaum etwas verstehen – der Empfang auf dem Dach der Sepulchre Bar war nicht besonders gut. Vorsichtig tastete sie sich zur Dachkante vor und spähte in den zentralen Innenhof hinab. Bunte Lichterketten schmückten die Jacarandabäume, aber moderne Tische und Stühle verliehen der Terrasse ein elegantes, ultracooles Ambiente. Auf der schummrig beleuchteten Fläche drängten sich passend elegante, ultracoole Männer und Frauen; die Weingläser in ihren Händen schimmerten wie rote, weiße und rosa Glaskugeln. Offenbar fand gerade eine private Geburtstagsfeier statt: Ein paillettenbesetztes Spruchband mit Glückwünschen hing zwischen zwei Bäumen, und mehrere Kellner bahnten sich mit Tabletts voller Snacks einen Weg durch die Schar der Gäste.

Diese mondäne Szenerie hatte irgendetwas an sich, das in Emma den Wunsch weckte, das Ganze durch ein paar losgetretene Dachziegel oder einen Frontflip mitten in die Menge zu beenden. Allerdings wusste sie, dass der Rat für ein derartiges Verhalten eine ziemlich lange Gefängnisstrafe verhängen würde. Irdische durften Schattenjäger auf keinen Fall zu Gesicht bekommen. Doch selbst wenn Emma tatsächlich in den Innenhof hinabspringen würde, wäre keiner der Partygäste in der Lage, sie zu sehen. Denn sie war mit Zauberglanzrunen bedeckt, die Cristina aufgetragen hatte und die ihre Trägerin für jeden unsichtbar machten, der nicht das Zweite Gesicht besaß.

Emma seufzte und drückte das Handy wieder ans Ohr. »Okay, unsere Beziehung«, sagte sie. »Unsere Beziehung funktioniert nicht.«

»Emma«, zischteCristina hinter ihr. Emma drehte sich um, die Füße gegen die Dachkante gestemmt. Cristina saß auf der Dachschräge und polierte ein Wurfmesser mit einem hellblauen Tuch, das farblich zu den Bändern passte, mit denen sie ihre dunklen Haare zu einem ordentlichen, gepflegten Knoten hochgesteckt hatte. Alles an Cristina war ordentlich und gepflegt – sie hatte eine Begabung dafür, in ihrer schwarzen Kampfmontur so attraktiv und geschäftsmäßig auszusehen wie die meisten Frauen in einem Businessanzug. An ihrer Kehlgrube schimmerte ein goldenes Glücksmedaillon, und der Familienring mit dem gewundenen Muster aus Rosenranken – das Symbol der Familie Rosales – glänzte an ihrer Hand, als sie das Messer zusammen mit dem hellblauen Tuch neben sich ablegte. »Emma, vergiss nicht: Benutze mehr Ich-Aussagen.«

Cameron schwafelte noch immer am anderen Ende der Leitung – er war der Meinung, dass sie sich unbedingt treffen und miteinander reden sollten. Aber Emma wusste, dass das sinnlos war. Plötzlich verengten sich ihre Augen zu Schlitzen: Bewegte sich da unten tatsächlich ein Schatten unbemerkt durch die Menge, oder bildete sie sich das nur ein? Vielleicht war das ja bloß Wunschdenken. Normalerweise war Johnny Rook recht zuverlässig mit seinen Informationen, und er schien sich bei der Sepulchre Bar sehr sicher gewesen zu sein. Emma hasste es, sich in ihre Schattenjägermontur zu werfen und voller Erwartung bis an die Zähne zu bewaffnen, nur um dann feststellen zu müssen, dass es nicht zum Kampf kam und sie ihre überschüssige Energie nicht abbauen konnte.

»Es liegt an mir, nicht an dir«, sagte sie ins Telefon. Cristina nickte ihr aufmunternd zu und hob beide Daumen. »Mir wird schlecht, wenn ich mit dir in einem Raum bin.« Emma lächelte strahlend, als Cristina den Kopf in die Hände sinken ließ. »Vielleicht können wir wieder nur Freunde sein?«

Ein Klicken verriet, dass Cameron aufgelegt hatte. Emma schob das Smartphone in ihren Gürtel und sondierte erneut die Menge. Nichts. Verärgert kletterte sie die Dachschräge hinauf und ließ sich neben Cristina nieder. »Okay, das hätte vielleicht etwas besser ablaufen können«, meinte sie.

»Ach wirklich?« Cristina nahm die Hände vom Gesicht. »Was ist passiert?«

»Keine Ahnung.« Emma seufzte und zog ihre Stele hervor, jenes empfindliche Schreibgerät aus Adamant, das alle Schattenjäger zum Auftragen von Runenmalen verwendeten. Das zauberstabartige Objekt mit dem Griff aus Dämonenbein war ein Geschenk von Jace Herondale, Emmas erstem Jugendschwarm. Die meisten Nephilim gingen mit ihren Stelen um wie Irdische mit billigen Kugelschreibern, doch diese Stele war für Emma etwas ganz Besonderes, und sie hütete sie genauso sorgfältig wie ihr Schwert. »Das passiert jedes Mal. Anfangs war alles in Ordnung, aber dann bin ich eines Morgens aufgewacht, und mir hat sich schon beim Klang seiner Stimme der Magen umgedreht.« Sie warf Cristina einen schuldbewussten Blick zu. »Ich hab’s versucht, ehrlich«, fügte sie hinzu. »Ich hab wochenlang gewartet! Weil ich gehofft hatte, dass es vielleicht besser würde. Aber das war nicht der Fall.«

Cristina tätschelte Emmas Arm. »Ich weiß, cuata«, sagte sie. »Du bist einfach nicht gut, wenn es um …«

»Takt geht?«, mutmaßte Emma. Cristina sprach fast akzentfrei Englisch, und Emma vergaß oft, dass das nicht die Sprache war, mit der ihre Freundin aufgewachsen war. Andererseits beherrschte Cristina neben ihrer Muttersprache Spanisch noch sieben andere Sprachen. Emma konnte dagegen nur Englisch, ein paar Brocken Spanisch, Griechisch und Latein. Dafür konnte sie drei Dämonensprachen lesen und in fünf Sprachen hervorragend fluchen.

»Ich hatte eigentlich ›Beziehungen‹ sagen wollen«, erklärte Cristina. Ihre dunkelbraunen Augen funkelten. »Ich bin erst zwei Monate hier, habe aber miterlebt, dass du drei Dates mit Cameron vergessen, seinen Geburtstag verschwitzt und ihn jetzt am Telefon abserviert hast, nur weil dieser nächtliche Patrouillengang bisher ereignislos verlaufen ist.«

»Er wollte ständig irgendwelche Videogames spielen«, erwiderte Emma. »Und ich hasse diese Spiele.«

»Niemand ist perfekt, Emma.«

Emma seufzte. »Aber manche Leute sind perfekt füreinander, wie füreinander geschaffen. Meinst du nicht auch, dass das einfach stimmen muss?«

Ein seltsamer Ausdruck huschte über Cristinas Gesicht, doch er war so schnell wieder verschwunden, dass Emma davon überzeugt war, dass sie sich das nur eingebildet hatte. Manchmal musste Emma sich daran erinnern, dass sie sich Cristina zwar verbunden fühlen mochte, sie aber nicht wirklich kannte – jedenfalls nicht so, wie sie Jules kannte, so wie man jemanden kannte, mit dem man von Kindesbeinen an jeden Moment seines Lebens geteilt hatte. Cristina redete nicht über das, was in Mexiko passiert war – was auch immer sie dazu veranlasst hatte, Freunden und Verwandten den Rücken zu kehren und nach Los Angeles zu fliehen.

»Na ja, wenigstens warst du so schlau, mich als moralische Unterstützung mitzubringen, damit ich dir in dieser schwierigen Phase helfen kann«, sagte Cristina nun.

Emma pikste Cristina spielerisch mit ihrer Stele. »Ich hatte nicht geplant, Cameron in die Wüste zu schicken. Wir waren hier, er hat angerufen, und sein Gesicht ist auf meinem Handy aufgetaucht. Okay, genau genommen war es ein Lama, weil ich kein Foto von ihm hatte. Also habe ich stattdessen ein Bild von einem Lama genommen … und das Lama hat mich so wütend gemacht, dass ich mich einfach nicht mehr beherrschen konnte.«

»Ein ungünstiger Zeitpunkt für Lamas, oder?«

»Wann ist jemals ein günstiger Zeitpunkt für die?« Emma wirbelte die Stele herum und trug die ersten Linien einer Rune für Trittsicherheit auf ihren Arm auf. Sie brüstete sich zwar damit, auch ohne Runenmale über einen hervorragenden Gleichgewichtssinn zu verfügen, aber hier oben auf dem Dach war es wohl besser, auf Nummer sicher zu gehen.

Mit einem wehmütigen Stich im Herzen dachte sie an Julian, der weit weg in England war. Er wäre bestimmt froh gewesen, dass sie sich so vorsichtig verhielt. Wahrscheinlich hätte er irgendeine lustige, liebevolle und bescheidene Bemerkung über seine eigenen Schwächen gemacht. Emma vermisste ihn schrecklich, aber vermutlich war das typisch für Parabatai – zwei Krieger, deren Seelen nicht nur durch Magie, sondern auch durch innige Freundschaft für immer miteinander verbunden waren.

Im Grunde fehlten ihr alle Mitglieder der Familie Blackthorn. Sie war zusammen mit Julian und seinen Geschwistern aufgewachsen und hatte seit ihrem zwölften Lebensjahr bei ihnen gelebt – seit sie ihre Eltern verloren hatte und Julian, dessen Mutter bereits gestorben war, auch seinen Vater verlor. Von einem Dasein als Einzelkind war sie mitten in eine große, laute, lärmende, liebevolle Familie hineinkatapultiert worden. Das war zwar nicht immer leicht gewesen, aber Emma hatte jedes einzelne der Kinder fest ins Herz geschlossen, von der schüchternen Drusilla bis hin zu Tiberius, der Detektivgeschichten liebte. Die Geschwister waren zu Beginn der Sommerferien nach England gereist, um ihre Großtante Marjorie in Sussex zu besuchen. Die alte Dame war inzwischen fast hundert Jahre alt, hatte Julian Emma erklärt, und konnte jeden Moment sterben. Sie mussten sie einfach besuchen; es war sozusagen ihre moralische Verpflichtung.

Die Abreise der Blackthorns, die ganze zwei Monate in England verbringen wollten, hatte Emma einen schweren Schlag versetzt. Im bis dahin geschäftigen, lärmigen Institut herrschte auf einmal Totenstille. Aber das Schlimmste war die Tatsache, dass Emma Julians Abwesenheit körperlich spüren konnte – ein ständiges Unbehagen, ein leichter, aber nicht zu leugnender Schmerz in der Brust.

Und während Emmas Beziehung mit Cameron nicht für Ablenkung gesorgt hatte, war ihr Cristinas Ankunft in Los Angeles eine große Hilfe gewesen. Viele Schattenjäger gingen nach Erreichen des achtzehnten Lebensjahrs für einige Zeit an andere Institute im Ausland, um die dortigen Gebräuche zu studieren. Und Cristina war von Mexiko-Stadt aus nach Los Angeles gekommen. Daran war nichts Ungewöhnliches. Aber Cristina strahlte etwas aus, das Emma an einen Menschen auf der Flucht erinnerte. Emma wiederum war auf der Flucht vor ihrer Einsamkeit. Sie beide waren einander regelrecht in die Arme gelaufen und schneller beste Freundinnen geworden, als Emma das je für möglich gehalten hätte.

»Diana wird erfreut sein, dass du Cameron endlich abserviert hast«, sagte Cristina jetzt. »Ich glaube, sie mochte ihn nicht besonders.«

Diana Wrayburn war die Tutorin der Familie Blackthorn. Sie war extrem intelligent, extrem streng und extrem verärgert, wenn Emma während des Unterrichts einschlief, weil sie mal wieder die halbe Nacht auf den Straßen von Los Angeles verbracht hatte.

»Diana hält jede Beziehung für eine unnötige Ablenkung vom Lernen«, erwiderte Emma. »Warum sollte man sich mit irgendjemandem verabreden, wenn man in der Zeit doch eine weitere Dämonensprache lernen könnte? Ich meine, wer wüsste nicht gern, wie man auf Purgatisch ›Kommst du öfter hierher?‹ sagt?«

Cristina lachte. »Du klingst wie Jaime. Er hat den Unterricht gehasst«, erzählte sie. Emma spitzte die Ohren: Cristina sprach nur selten von ihren Freunden und Verwandten, die sie in Mexiko zurückgelassen hatte. Sie wusste, dass Cristinas Onkel das Institut in Mexico-Stadt geleitet hatte, bis er im Dunklen Krieg getötet worden war und ihre Mutter die Leitung übernommen hatte. Sie wusste außerdem, dass Cristinas Vater gestorben war, als sie noch ein Kind war, aber das war es dann auch schon. »Ganz im Gegensatz zu Diego. Er war ganz versessen aufs Lernen und hat oft freiwillig zusätzliche Hausaufgaben gemacht.«

»Diego? Der perfekte Typ? Der, den deine Mutter so liebt?« Emma fuhr mit der Stele über ihre Haut, und die Scharfsichtigkeitsrune auf ihrem Unterarm nahm allmählich Gestalt an. Die Ärmel ihrer Monturjacke reichten bis zu den Ellbogen, aber auch die Haut darunter war mit bleichen Narben von längst verblassten Runenmalen übersät.

Cristina beugte sich vor und nahm Emma die Stele aus der Hand. »Gib mal her. Lass mich das machen.« Sie trug weitere Linien der Scharfsichtigkeitsrune auf. Cristina hatte ein Händchen für das Auftragen von Runenmalen – sie ging extrem sorgfältig und präzise vor. »Ich möchte nicht über den Perfekten Diego reden«, sagte Cristina. »Das macht meine Mutter schon mehr als genug. Kann ich dich mal was anderes fragen?«

Emma nickte. Der Druck der Stele auf ihrer Haut war vertraut, fast schon angenehm.

»Ich weiß, du wolltest hierherkommen, weil Johnny Rook dir erzählt hat, dass in der Stadt Leichen mit seltsamen Schriftzeichen gefunden wurden und dass er glaubt, heute Abend würde hier der nächste Leichnam auftauchen.«

»Stimmt.«

»Und du hoffst jetzt, dass es sich bei den Schriftzeichen um dieselben handelt, mit denen auch die Leichen deiner Eltern bedeckt waren.«

Emma erstarrte. Sie konnte nichts dagegen machen. Jede Erwähnung ihrer Eltern und ihres grausamen Todes tat noch genauso weh, als wäre es erst gestern geschehen. Selbst wenn derjenige, der nach ihnen fragte, so sanftmütig war wie Cristina. »Ja.«

»Der Rat behauptet, Sebastian Morgenstern hätte deine Eltern ermordet«, fuhr Cristina fort. »Das hat Diana mir zumindest erzählt. Die Ratsmitglieder sind fest davon überzeugt. Aber du glaubst das nicht.«

Der Rat. Nachdenklich blickte Emma über das nächtliche Los Angeles, die funkelnden Lichter der Skyline, die fluoreszierenden Werbetafeln am Sunset Boulevard. Als Emma den Begriff »der Rat« zum ersten Mal gehört hatte, war er ihr harmlos vorgekommen. Der Rat war einfach nur die Regierung der Nephilim und setzte sich aus allen aktiven Schattenjägern über achtzehn zusammen.

Theoretisch war jeder Schattenjäger gleichermaßen stimmberechtigt. Aber praktisch waren einige Schattenjäger einflussreicher als andere. Genau wie in jeder anderen politischen Gruppierung gab es auch im Rat Korruption und Vorurteile. Für die Nephilim bedeutete das: ein überlieferter Ehrenkodex und strenge Vorschriften, an die sich jeder Schattenjäger zu halten hatte, wenn er nicht die Konsequenzen zu spüren bekommen wollte.

Der Rat hatte ein Motto – Das Gesetz ist hart, aber es ist das Gesetz. Jeder Schattenjäger wusste genau, was das bedeutete: Die Regeln des Rats mussten unter allen Umständen eingehalten werden, ganz egal wie hart oder schmerzhaft das sein mochte. Das Gesetz stand über allem anderen, über persönlichen Bedürfnissen, Kummer, Verlust, Ungerechtigkeit, Verrat. Denn es war das Gesetz. Als der Rat Emma mitgeteilt hatte, sie müsse die Tatsache akzeptieren, dass ihre Eltern im Verlauf des Dunklen Kriegs gestorben waren, hatte man von ihr erwartet, dass sie das widerspruchslos hinnahm.

Aber das hatte sie nicht getan.

»Nein«, antwortete Emma gedehnt. »Ich glaube das nicht.«

Cristina saß still da, die Stele reglos in ihrer Hand, das Runenmal unvollendet. Der Adamant schimmerte im Mondlicht. »Könntest du mir erklären, warum du das nicht glaubst?«

»Sebastian Morgenstern hat versucht, eine Armee aufzustellen«, sagte Emma, den Blick noch immer auf das Lichtermeer geheftet. »Er hat Schattenjäger verschleppt und in Ungeheuer verwandelt, die nur ihm dienten. Aber er hat sie nicht mit dämonischen Schriftzeichen versehen und ihre Leichen ins Meer geworfen. Als die Nephilim meine Eltern aus dem Wasser bergen wollten, haben sich ihre Leichen aufgelöst. Und das ist bei keinem von Sebastians anderen Opfern passiert.« Emma fuhr mit einem Finger über einen Dachziegel. »Außerdem habe ich so eine dunkle Ahnung – kein flüchtiges, vorübergehendes Gefühl, sondern etwas, von dem ich seit jeher überzeugt bin. Und diese Überzeugung wird von Tag zu Tag stärker. Ich glaube fest daran, dass der Tod meiner Eltern nichts mit Sebastian zu tun hatte. Und wenn man ihm nun ihre Ermordung einfach in die Schuhe schiebt, bedeutet das …« Emma verstummte und seufzte. »Tut mir leid. Ich schweife ab. Hör zu, wahrscheinlich wird hier heute Abend gar nichts passieren. Du brauchst dir deswegen keine Sorgen zu machen.«

»Ich mache mir Sorgen um dich«, erwiderte Cristina, drückte die Stele aber wieder auf Emmas Haut und beendete das Runenmal, ohne noch ein Wort über die Geschichte zu verlieren. Das war eine der Eigenschaften, die Emma an Cristina vom ersten Moment an geschätzt hatte: Cristina verzichtete darauf, ihre Gesprächspartner zu bedrängen oder unter Druck zu setzen.

Bewundernd betrachtete Emma das Runenmal auf ihrer Haut, während Cristina sich zurücklehnte, zufrieden mit ihrer Arbeit. Die Scharfsichtigkeitsrune glänzte schwarz und hob sich mit klaren Konturen deutlich von Emmas Unterarm ab. »Ich kenne nur einen, der besser Runen zeichnen kann als du – und das ist Julian«, sagte sie. »Aber der ist schließlich auch Künstler …«

»Julian, Julian, Julian«, wiederholte Cristina mit leicht spöttischem Unterton. »Julian ist ein Maler. Julian ist ein Genie. Julian wüsste, wie man dieses repariert und wie man jenes richtet … In den vergangenen sieben Wochen habe ich so viele wundervolle Dinge über Julian gehört, dass ich allmählich fürchte, mich bei unserer ersten Begegnung sofort in ihn zu verlieben.«

Emma wischte ihre schmutzigen Hände sorgfältig an ihren Hosenbeinen ab. Sie fühlte sich angespannt, reizbar und nervös. Bis unter die Haarspitzen für einen Kampf motiviert, der aber nicht stattzufinden schien, redete sie sich ein. Kein Wunder, dass es ihr so vorkam, als müsste sie jeden Moment aus der Haut fahren. »Ich glaube nicht, dass Julian dein Typ ist«, sagte sie. »Aber da er mein Parabatai ist, bin ich auch nicht objektiv.«

Cristina reichte Emma ihre Stele zurück. »Ich habe mir immer einen Parabatai gewünscht«, erzählte sie ein wenig wehmütig. »Jemanden, der geschworen hat, mich immer zu beschützen und mich nie im Stich zu lassen. Einen besten Freund fürs ganze Leben, bis in alle Ewigkeit.«

Ein bester Freund fürs ganze Leben, bis in alle Ewigkeit. Nach dem Tod ihrer Eltern hatte Emma darum gekämpft, bei den Blackthorns bleiben zu dürfen – einerseits, weil sie alles verloren hatte, was vertraut gewesen war, und den Gedanken nicht ertragen konnte, noch einmal von vorn anfangen zu müssen. Und andererseits, weil sie in Los Angeles bleiben wollte, um Nachforschungen über die Todesumstände ihrer Eltern anzustellen.

Eigentlich hätte die Situation unangenehm werden können, und Emma hätte sich – als einzige Carstairs in einem Haus voller Blackthorns – deplatziert fühlen können. Aber das war nie der Fall gewesen, und das verdankte sie Jules. Parabatai zu sein bedeutete mehr als jede Freundschaft und sogar mehr als Blutsverwandtschaft. Es war ein unverbrüchlicher Bund, der die beiden Parabatai auf eine Weise miteinander verband, die jeder Schattenjäger respektierte und anerkannte – auf die gleiche Weise, wie der Bund zwischen Mann und Frau respektiert und anerkannt wurde.

Niemand würde zwei Parabatai trennen. Niemand würde es auch nur wagen: Parabatai waren gemeinsam stärker. Im Kampf reagierten sie so, als könnten sie die Gedanken des anderen lesen. Ein einziges vom Parabatai aufgetragenes Runenmal war mächtiger als zehn Runen, die von anderen aufgetragen wurden. Häufig ließen die Parabatai ihre verbrannte Asche Seite an Seite in einem gemeinsamen Grabmal beisetzen, damit sie nicht einmal im Tod voneinander getrennt wurden.

Nicht jeder Nephilim hatte einen Parabatai; genau genommen waren sie sogar ziemlich selten. Das Ablegen des Parabatai-Eids bedeutete, dass man eine lebenslange Bindung und Verpflichtung einging. Dabei gelobte man, seinem Parabatai immer zur Seite zu stehen, ihn zu beschützen, dorthin zu gehen, wo auch er hinging, und seine Familie als die eigene Familie zu betrachten. Die Worte des Eids stammten aus der Bibel und waren uralt: Wo du hingehst, da gehe ich hin; dein Volk ist mein Volk; wo du stirbst, sterbe ich und da will ich begraben sein.

Wenn es überhaupt einen Begriff in der Alltagssprache der Irdischen gab, der dem nahekam, überlegte Emma, dann wäre das »Seelenverwandter«. Ein platonischer Seelenfreund. Denn zwischen Parabatai waren romantische Gefühle nicht gestattet. Wie so viele andere Dinge verstieß auch das gegen das Gesetz. Emma hatte nie verstanden, warum: Es ergab überhaupt keinen Sinn. Aber andererseits ergaben viele Paragrafen des Gesetzes keinen Sinn. So hatte es auch überhaupt keinen Sinn ergeben, dass der Rat Julians Halbgeschwister Helen und Mark ins Exil geschickt beziehungsweise ihrem Schicksal überlassen hatte, nur weil ihre Mutter eine Feenprinzessin gewesen war. Aber genau das hatten die Ratsmitglieder im Zuge des Kalten Friedens verfügt.

Emma stand auf und schob die Stele in ihren Waffengurt. »Die Blackthorns kommen übermorgen nach Hause. Dann wirst du Julian ja kennenlernen.« Erneut ging sie zur Dachkante hinüber, aber dieses Mal hörte sie ein Scharren von Stiefeln auf den Ziegeln, das ihr verriet, dass Cristina ihr gefolgt war. »Kannst du irgendetwas sehen?«

»Vielleicht läuft ja heute wirklich nichts.« Cristina zuckte die Achseln. »Vielleicht ist es tatsächlich nur eine ganz normale Party.«

»Johnny Rook war sich so sicher«, murmelte Emma.

Cristinas dunkle Augen verengten sich zu Schlitzen. »Hatte Diana dir nicht ausdrücklich verboten, ihn aufzusuchen?«

»Möglicherweise hat sie mir gesagt, dass ich mich nicht mehr mit ihm treffen soll«, räumte Emma ein. »Sie hat ihn vermutlich sogar als einen ›Verbrecher, der Verbrechen begeht‹ bezeichnet, was ich ein wenig harsch finde. Aber sie hat nie gesagt, dass ich nicht mehr zum Schattenmarkt darf.«

»Weil jeder weiß, dass Schattenjäger dort ohnehin nichts zu suchen haben.«

Emma ignorierte diese Bemerkung. »Mal angenommen, ich wäre Rook zufällig auf dem Markt begegnet und er hätte versehentlich ein paar Informationen fallen lassen, während wir uns unterhielten. Und ich hätte versehentlich ein paar Münzen fallen lassen. Wer könnte das schon ›für Informationen bezahlen‹ nennen? Da haben sich einfach nur zwei Freunde getroffen, von denen der eine ein wenig nachlässig mit Gerüchten umgeht und die andere ein wenig nachlässig mit Geld …«

»Das ist aber nicht im Sinne des Gesetzes, Emma. Schon vergessen? Das Gesetz ist hart, aber es ist das Gesetz.«

»Und ich dachte immer, es hieße: ›Das Gesetz ist lästig, aber es ist auch flexibel.‹«

»Nein, so lautet das Motto ganz und gar nicht. Und Diana wird dich umbringen.«

»Nicht, wenn wir die Morde aufklären. Dann wird sie mich nicht umbringen. Der Zweck heiligt die Mittel. Und wenn nichts passiert, braucht sie ja nicht davon zu erfahren, oder?«

Cristina schwieg.

»Oder …?«, hakte Emma nach.

Cristina schnappte nach Luft. »Siehst du das auch?«, fragte sie und zeigte auf die Menge.

Und Emma sah es auch. Sie sah einen groß gewachsenen, gut aussehenden Mann mit seidigem Haar, heller Haut und maßgeschneiderter Kleidung, der sich durch die Menge bewegte. Während er über die Terrasse schritt, zog er die Blicke der Umstehenden auf sich, die ihm gebannt nachschauten.

»Auf ihm liegt ein Zauberglanz«, stellte Cristina fest. Emma hob eine Augenbraue. Zauberglanz war Illusionsmagie, die die Schattenweltler häufig verwendeten, um sich den Blicken der Irdischen zu entziehen. Auch die Nephilim hatten Zugang zu Runenmalen mit ähnlicher Wirkung; allerdings betrachteten sie diese nicht als Magie. Denn Magie war eindeutig eine Angelegenheit der Hexenwesen, während es sich bei den Runenmalen um ein Geschenk des Engels handelte. »Bleibt nur die Frage: Vampir oder Elbe?«

Emma zögerte. Der Mann näherte sich einer jungen Frau in Schuhen mit haushohen Absätzen und einem Glas Sekt in der Hand. Als er sie ansprach, nahm ihr Gesicht zuerst einen verwirrten und dann leeren Ausdruck an. Schließlich nickte sie zustimmend, hob die Arme und löste die schwere Goldkette von ihrem Hals. Sie ließ das Schmuckstück in die ausgestreckte Hand des Mannes fallen und lächelte, als er die Kette einsteckte.

»Elbe«, sagte Emma und griff nach ihrem Waffengurt. Feenwesen machten alles furchtbar kompliziert. Gemäß den Vorschriften des Kalten Friedens sollten minderjährige Schattenjäger eigentlich einen weiten Bogen um Feenwesen machen. Denn die Feenwesen waren tabu – eine verbannte und verbotene Gruppe der Schattenweltler, seit der Kalte Frieden ihnen ihre Rechte, ihre Armeen und ihre Besitztümer entzogen hatte. Ihre uralten Länder gehörten ihnen nicht länger, und andere Schattenweltler kämpften nun um ihre ehemaligen Territorien. Die Schlichtung derartiger Gebietsstreitigkeiten gehörte zu den vordringlichen Aufgaben des Instituts in Los Angeles; allerdings war das eine Aufgabe der erwachsenen Nephilim. Dagegen sollten sich Schattenjäger in Emmas Alter nicht direkt mit den Feenwesen befassen.

Theoretisch.

Das Gesetz ist lästig, aber es ist auch flexibel. Emma zog einen kleinen Stoffbeutel aus einer Tasche an ihrem Gurt und löste dessen Verschnürung, während der Elbe weiterging – von der lächelnden Frau zu einem schlanken Mann in einem schwarzen Jackett, der ihm bereitwillig seine funkelnden Manschettenknöpfe reichte. Der Elbe stand nun fast direkt unter Emma und Cristina. »Vampire interessieren sich nicht für Gold, aber die Feenwesen leisten den Tribut an ihre Königinnen und Könige mit Gold, Edelsteinen und anderen Kostbarkeiten.«

»Ich habe gehört, dass der Tribut am Hof des Dunklen Volkes in Menschenblut entrichtet wird«, sagte Cristina grimmig.

»Aber nicht heute Nacht«, bemerkte Emma, drehte den Beutel in ihrer Hand und kippte den Inhalt über den Kopf des Elben.

Bestürzt keuchte Cristina auf, als der Elbe unter ihnen einen heiseren Schrei ausstieß und der Zauberglanz von ihm abfiel wie die Schuppen einer sich häutenden Schlange.

Entsetzte Schreie erhoben sich aus der Menge, als das wahre Erscheinungsbild des Elben zum Vorschein kam. Zweige wuchsen aus seinem Kopf wie gezwirbelte Hörner. Seine rindenartig eingerissene Haut schimmerte dunkelgrün wie Moos oder Schimmelbelag. Und statt Händen besaß er spatelförmige Klauen mit drei Fingern.

»Emma«, drängte Cristina warnend. »Wir sollten besser aufhören … und die Brüder der Stille rufen …«

Doch Emma war bereits gesprungen.

Einen Moment lang war sie schwerelos, während sie durch die Luft segelte. Dann traf sie auf der Terrasse auf, mit gebeugten Knien, so wie sie es gelernt hatte. Sie erinnerte sich noch gut an ihre ersten Sprungversuche aus großer Höhe, an die heftigen, schwerfälligen Stürze und an die Tage danach, wenn sie warten musste, bis die Prellungen verheilt waren, bevor sie einen erneuten Versuch wagen konnte.

Doch das war vorbei. Emma kam mühelos auf die Beine und entdeckte den Elben auf der anderen Seite der fliehenden Menge. Seine gelben, katzenartigen Augen in dem verwitterten Rindengesicht starrten sie an und verengten sich zu Schlitzen. »Schattenjäger«, zischte er.

Die Partygäste flohen von der Terrasse zu den Toren, die zum Parkplatz führten. Obwohl keiner von ihnen Emma sehen konnte, setzte ihr Instinkt ein und sorgte dafür, dass sie um Emma herumströmten wie Wasser um einen Brückenpfeiler.

Emma griff über ihre Schulter und schloss die Finger um das Heft von Cortana. Die Klinge beschrieb einen golden flirrenden Bogen, als sie das Schwert zückte und die Spitze auf den Elben richtete. »Nein«, erwiderte sie, »ich bin ein Kusstelegramm. Und das hier ist mein Kostüm.«

Der Elbe starrte sie verwirrt an.

Emma seufzte. »Es ist echt schwierig, bei euch Feenwesen mal einen Scherz zu machen. Ihr kapiert den Witz einfach nicht, oder?«

»Wir sind berühmt für unsere Scherze, Streiche und Balladen«, entgegnete der Elbe sichtlich gekränkt. »Manche unserer Balladen dauern Wochen.«

»So viel Zeit hab ich nicht«, sagte Emma. »Ich bin eine Schattenjägerin. Witzel schnell, stirb jung.« Ungeduldig schlug sie mit der Schwertspitze gegen ihren Stiefel. »Und jetzt stülp deine Taschen um.«

»Ich habe nichts getan, was gegen den Kalten Frieden verstoßen würde«, protestierte der Elbe.

»Streng genommen hast du recht, aber wir sehen es nun mal nicht gern, wenn ihr die Irdischen beklaut«, antwortete Emma. »Kipp deine Taschen aus, oder ich reiß dir eines deiner Hörner aus und stecke es dir dahin, wo die Sonne nie scheint.«

Erneut musterte der Elbe sie verwirrt. »Wo scheint denn die Sonne nie? Ist das ein Rätsel?«

Emma seufzte gequält und hob ihr Schwert. »Kipp deine Taschen aus, oder ich werde dir deine Rinde abschälen. Mein Freund und ich haben uns eben getrennt, und ich bin nicht gerade bester Laune.«

Der Elbe leerte seine Taschen und legte den Inhalt langsam auf den Terrassenboden; dabei funkelte er Emma wütend an. »Dann bist du also solo«, bemerkte er höhnisch. »Was für eine Überraschung; da wäre ich nie draufgekommen.«

Ein Keuchen ertönte über ihm. »Also, das war jetzt wirklich unhöflich«, bemerkte Cristina und beugte sich über die Dachkante.

»Danke, Cristina«, sagte Emma. »Das war ein echt gemeiner Tiefschlag. Und nur zu deiner Information, Elbenknabe: Ich habe mit ihm Schluss gemacht.«

Der Elbe zuckte die Achseln – ein bemerkenswert expressives Achselzucken, das diverse Arten von Desinteresse und Gleichgültigkeit zum Ausdruck brachte.

»Obwohl ich ja nicht weiß, warum«, sagte Cristina. »Schließlich war er sehr nett.«

Emma verdrehte die Augen. Der Elbe räumte noch immer seine Taschen aus – Ohrringe, teure Lederbörsen und Diamantenringe bildeten einen funkelnden Haufen auf dem Boden. Emma wappnete sich. Im Grunde interessierte sie sich weder für den Diebstahl noch für die Schmuckstücke. Sie hielt nach Waffen Ausschau, nach Zauberbüchern oder sonst irgendeinem Zeichen für Schwarze Magie, von der Rook auf dem Markt gesprochen hatte. »Die Ashdowns und die Carstairs kommen nun mal nicht miteinander klar«, erklärte sie. »Das weiß doch jeder.«

Bei diesen Worten schien der Elbe in der Bewegung zu erstarren. »Carstairs«, zischte er, die gelben Augen auf Emma fixiert. »Du bist Emma Carstairs?«

Emma blinzelte perplex und blickte kurz zum Dach hinauf. Doch Cristina war von der Dachkante verschwunden. »Ich glaube nicht, dass wir uns schon mal begegnet sind«, wandte sie sich an den Elben. »An einen sprechenden Baum würde ich mich definitiv erinnern.«

»Tatsächlich?« Die spatelförmigen Gliedmaßen des Elben öffneten und schlossen sich nervös. »Dann musst du wohl Probleme mit deinem Gedächtnis haben. Ich hätte nämlich nicht gedacht, dass du und deine Institutsfreunde Mark Blackthorn so schnell vergessen würden.«

»Mark?«Emma erstarrte, außerstande, ihre Reaktion zu steuern. In diesem Moment flog etwas Glitzerndes auf ihr Gesicht zu. Der Elbe hatte eine Diamantenkette nach ihr geworfen. Emma duckte sich instinktiv, aber der Verschluss der Kette traf ihre Wange, und sie spürte einen stechenden Schmerz und warmes Blut.

Blitzschnell richtete Emma sich auf, doch der Elbe war verschwunden. Sie fluchte leise und wischte sich das Blut von der Wange.

»Emma!« Cristina war vom Dach geklettert und stand vor einer verriegelten Tür in der Außenmauer. Ein Notausgang. »Er ist hier lang!«

Sofort stürmte Emma zu ihr, und gemeinsam traten sie die Tür ein und platzten in die dahinterliegende Gasse, die erstaunlich dunkel war. Jemand hatte das Glas der Straßenlaternen zerschlagen. Aus den Müllcontainern an den Wänden stank es nach verfaultem Essen und Alkohol. Emma spürte, wie ihre Scharfsichtigkeitsrune brannte, als sie die Augen zu Schlitzen verengte. Am Ende der Gasse entdeckte sie die dürre Gestalt des Elben, der in diesem Moment nach links hastete.

Emma setzte ihm nach, mit Cristina an ihrer Seite. Sie hatte so viele Jahre ihres Lebens mit Julian trainiert, dass es ihr schwerfiel, sich dem Tempo anderer Leute anzupassen. Und da Feenwesen für ihre Schnelligkeit berüchtigt waren, gab sie ihre Zurückhaltung kurz darauf auf und sprintete los. In fliegendem Lauf bog sie um die nächste Ecke, hinter der die Gasse schmaler wurde. Der fliehende Elbe hatte zwei Müllcontainer zusammengeschoben, um ihnen den Weg zu versperren. Emma machte einen Satz und katapultierte sich über die Container, wobei ihre Stiefel laut über das Metall donnerten.

Dann taumelte sie vorwärts und landete auf einem weichen Untergrund. Stoff kratzte unter ihren Fingernägeln. Kleidung. Kleidung eines menschlichen Leichnams. Nasse Kleidung. Der Gestank von Meeresalgen und Verwesung stieg ihr in die Nase. Emma sah nach unten und blickte in das aufgedunsene Gesicht eines Toten.