Landgut der Träume - Ulla Schlappa - E-Book

Landgut der Träume E-Book

Ulla Schlappa

0,0

  • Herausgeber: 110th
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
Beschreibung

Siegertitel des Homburger Buchpreises 2013 Sarah erhält den Auftrag ein altes Landgut zu renovieren und neu einzurichten. Doch mit diesem Haus scheint etwas nicht zu stimmen, es birgt ein altes Geheimnis. Es passieren seltsame Dinge, die Sarah nicht einordnen kann. Je mehr sie den Dingen auf den Grund geht, um so mehr schwebt sie in Lebensgefahr.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 395

Veröffentlichungsjahr: 2014

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Landgut der Träume

Roman

 

 

 

Impressum

Cover: Karsten Sturm – Chichili agency

Foto: fotolia

 

© 110th / Chichili Agency 2014

EPUB ISBN 978-3-95865-043-5

MOBI ISBN 978-3-95865-044-2

 

 

Urheberrechtshinweis:

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors oder der beteiligten Agentur „Chichili Agency“ reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Ulla Schlappa, geboren 1972 in Homburg/Saar, lebt mit ihrer Familie in dem beschaulichen Örtchen Brücken in der Pfalz. Die Leidenschaft zu Büchern und zum Schreiben wurde in ihrer Kindheit durch die Autorin Lucy Maud Montgomery geweckt.

Tausend Dank auf immer und ewig an alle die an mich geglaubt

und mich unterstützt haben, dieses Buch Wirklichkeit werden zu lassen.

Einen besonderen Dank schulde ich meiner Nichte und Freundin Tanja,

deren Rat ich besonders schätze.

Schließlich ein Dankeschön an meinen Mann

und an meine ganze Familie für ihre Ermutigung und ihr Verständnis.

-1-

„Mist, schon wieder verschlafen!”, schoss es Sarah durch den Kopf und mit einem Satz hüpfte sie schwungvoll aus dem Bett. Der Piepton des Radioweckers klingelte erneut. Mit einem leichten Schlag auf den Knopf war alles still. Draußen herrschte noch Dunkelheit. Es war Herbst und Regentropfen klopften leise auf das Dachfenster über ihrem Bett. In dem kleinen, aber gemütlichen Bad war es mollig warm. Erst mal eine Dusche, damit meine Lebensgeister erwachen, dachte sie noch und schon prasselte das Wasser auf Sarah herab. Die Zähne putzte sie gleich unter der Dusche. Zwanzig Minuten später verließ sie das Badezimmer, zog sich an und ging einen Stock tiefer in die Küche. Sarah drückte den Knopf der Kaffeemaschine und fing an den Tisch zu decken. Ein Griff zum Kühlschrank um Milch, Butter und Käse heraus zunehmen. Marmelade und Honig standen auf dem Regal daneben. Hinter sich hörte Sarah das Trippeln von Kinderfüßen und drehte sich um. Noch ganz verschlafen stand Mick, ihr fünfjähriger Sohn, in der Tür.

„Guten morgen mein Schatz. Hast du gut geschlafen?”

„Mmmh” kam leicht verschlafen die Antwort. „Ich habe Hunger. Ist das Frühstück fertig?“

„Setz dich schon mal an den Tisch. Dein Kakao kommt sofort.”

Dann frühstückten sie gemütlich zusammen. Frühstück mit Mick war Sarah sehr wichtig. Da sie fast den ganzen Tag im Büro verbrachte und Mick im Kindergarten und bei Oma bleiben musste, genossen die beiden diese ruhigen Minuten am Morgen.

Nachdem Mick angezogen war, ging es für ihn in den Kindergarten. Dort angekommen gab er seiner Mama noch einen Kuss, stieg aus dem Auto und trottete in das Gebäude.

Im Radio lief Reamon mit `Super Girl´ und Sarah konzentrierte sich auf den Straßenverkehr, der um diese Zeit sehr hektisch war.

Seltsam dachte Sarah, während sie ihren Wagen parkte, Frank ist ja noch nicht da. Frank war ihr Chef und eigentlich kam er nie zu spät. Aber es wird schon seinen Grund haben, überlegte sie und betrat das Architekturbüro Schneider & Sohn. Mit einem freundlichen „Guten Morgen“ begrüßte sie die anwesenden Kollegen und steuerte auf ihren Schreibtisch zu. Petra, eine ihrer Kolleginnen, kam mit einer Tasse Kaffee für Sarah direkt hinter ihr her.

„Na warst du heute Morgen wieder im Stress?”, fragte Petra freundlich und stellte die Tasse vor Sarah ab.

„Es war schon schlimmer. Aber irgendwie kann ich machen was ich will, ein paar Minuten bin ich immer zu spät“, antwortete sie lachend. „Weißt du, warum Frank noch nicht in seinem Büro ist?“

„Ja, er hat eben angerufen. Er sagte, er treffe sich mit einem neuen Kunden, irgendwo im Norden. Er selbst kann aber noch nichts Konkretes zu dem Projekt sagen. Lassen wir uns überraschen. Übermorgen will er wieder da sein und uns alles genau darüber berichten.“

„Das kann ja heiter werden“, meinte Sarah und damit war der Kaffeeklatsch beendet. Der ganze Tag war von nun an voll ausgefüllt.

Gegen halb drei machten sie eine kleine Kaffeepause. Sven hatte Kuchen mitgebracht.

Nach der Pause ging die Arbeit zügig weiter, und als sie das nächste Mal auf ihre Uhr schaute, war es schon fast fünf. Nur Petra und Sven waren noch da. Die anderen hatten schon Feierabend.

„Jetzt muss ich aber auch los“, sagte Sarah laut.

Sven, der ihr schräg gegenüber saß, schaute von seiner Arbeit auf.

„Ja, mach dass du nach Hause kommst. Mick wartet sicher schon auf dich.”

„Dann Tschüss bis morgen.“

Mit diesen Worten machte sie sich auf den Heimweg. Unten angekommen stellte sie fest, dass es stark regnete. Bis ich im Auto sitze, bin ich klatschnass, dachte sie und rannte los, den Schlüssel schon griffbereit in der Hand. „Geschafft.”

Zehn Minuten später hielt ihr Wagen vor dem Haus ihrer Eltern. Zum Glück war die Überdachung der Haustür mit dem Carport verbunden, so blieb sie jetzt trocken. Sarah wollte gerade die Tür aufschließen, als Mick die Haustür aufzog. Er fiel ihr um den Hals und ließ sie gar nicht mehr los.

„Hallo mein Schatz. Na, hattest du einen schönen Tag heute?” Sein Mund stand nicht mehr still, als er seiner Mama die Erlebnisse des Tages schilderte.

„Ja. Ich war mit Oma in der Stadt und auf dem Markt. Mit Opa war ich in der Werkstatt und bei Tante Birgit.“ Birgit war Sarahs zwei Jahre ältere Schwester. Sie hatte im letzten Jahr das Restaurant ihrer Eltern übernommen und sehr viel zu tun.

In der Küche hatte ihre Mutter schon einen Teller bereitgestellt und den Herd eingeschaltet um das restliche Mittagessen für Sarah aufzuwärmen. Sie wusste, dass Sarah wie immer tagsüber nicht zum Essen gekommen war und sich auf eine warme Mahlzeit freute.

„Danke Mama“, sagte Sarah und nahm den Teller entgegen.

Mick hatte sich neben seine Mama gesetzt und löcherte sie mit Fragen, die Sarah zwischen den Bissen ausgiebig beantwortete. Ihr war bewusst, dass Mick oft zu kurz kam, aber als alleinerziehende Mutter war es oft nicht anders möglich. Ihrer Familie war sie sehr dankbar, dass sie sich so um Mick kümmerten und sie damit unterstützten. Nach dem Essen quengelte Mick. Er wollte jetzt nach Hause.

Am nächsten Morgen fuhr Sarah gerade ihren Wagen auf den Parkplatz des Bürogebäudes, da entdeckte sie Franks Cabrio. Der silber- metallicfarbene SLK fiel sofort ins Auge.

Der Himmel strahlte blau und die Sonne schien.

Sie betrat das moderne Bürogebäude und drückte auf den Fahrstuhlknopf.

Im Büro herrschte hektisches Treiben. Was ist denn hier los, dachte Sarah. „Hallo Sarah“, kam Lara ihr entgegen. „Frank hat schon nach dir gefragt. Du sollst gleich in sein Büro kommen.“

„Hat er gesagt, worum es geht?”

„Nein, hat er nicht. Er hat nur gesagt, es sei wichtig.”

„Na dann auf in die Höhle des Löwen.” Sie stellte ihre Tasche auf ihren Schreibtisch und machte sich auf den Weg in Franks Büro. Er saß mit dem Rücken zu ihr auf der Schreibtischkante und telefonierte. Zaghaft klopfte sie an seine offene Tür, woraufhin er sich zu ihr umdrehte. Als er Sarah in der Tür stehen sah, beendete er das Gespräch und drehte sich ganz ihr zu. Frank war groß, schlank, hatte schwarze Haare, markante Gesichtszüge und das charmanteste Lächeln, das man sich vorstellen kann.

„Guten Morgen, Sarah. Komm rein und setz dich. Ich hab was mit dir zu besprechen.”

„Hallo Frank. Schön, dass du wieder da bist.” Frank saß ihr jetzt gegenüber. Doch er stand wieder auf, ging zur Tür und teilte Frau Simon, seiner Sekretärin mit, keine Anrufe durchzustellen und schloss die Tür.

„Sicher hast du dich gefragt, wo ich die zwei letzten Tage war. Ich hab mich mit einem neuen Auftraggeber getroffen. Die ganze Sache ist nämlich etwas anders als sonst. Herr von Brecht kommt aus London, und als sein Vater vor einem Jahr starb, hat er hier in Deutschland ein altes verfallenes Landgut geerbt. Da er aus beruflichen Gründen noch keine Zeit hatte, sich mit dem Landgut zu befassen, konnten wir erst jetzt einen Besichtigungstermin ausmachen. Er hat auch jetzt nicht die Zeit, sich um die Instandsetzung zu kümmern. Aus diesem Grund hat er mir den Auftrag erteilt, mich darum zu kümmern, beziehungsweise du wirst dich damit befassen. Das Landgut muss von Grund auf neu renoviert werden und das wird von nun an deine Aufgabe sein. Du wirst die komplette Bauleitung übernehmen, die Firmen organisieren, die Arbeiten überwachen, das Haus neu einrichten und so weiter. Kurz und knapp, du sollst das Haus wieder bewohnbar machen. Ich hab mir alles angesehen, zusammen mit Herrn von Brecht und es gibt eine Menge Arbeit. Und da du Architektin und Raumdesignerin bist, bist du dafür bestens geeignet.“

„Ok, und wo liegt dieses Landgut?“

„Das ist der Haken an der Sache. Es liegt ca. vierhundert Kilometer von hier. Aus dem Grund war ich auch zwei Tage nicht in Büro.“

„Wie stellst du dir das denn vor? Ich hab ein Kind, bin alleinerziehend. Ich müsste ständig hin und her fahren. Das schaffe ich doch zeitlich gar nicht.“

„Du sollst ja auch nicht hin und her fahren. Du wirst die ganze Zeit über dort sein. Du kannst nicht ständig hin und her fahren. Von hin und her fahren war keine Rede! Diesen Auftrag werde ich mir nicht entgehen lassen, Sarah. Da ist eine Menge Geld im Spiel. Mick kann doch solange bei deinen Eltern wohnen.“

„Du machst es dir ja einfach. Ich kann doch nicht einfach sagen, ich verschwinde über die Woche und komme nur am Wochenende. Das ist nicht so einfach, wie du denkst.“

„Ich mach dir einen Vorschlag. Du fährst jetzt nach Hause zu deinen Eltern und besprichst alles mit ihnen. Später rufst du mich an, wenn du alles geregelt hast. Und finanziell macht es sich für dich ja auch bezahlt. Dein Gehalt wird in dieser Zeit das Doppelte sein. Wenn du alles geklärt hast, packst du deine Koffer und fährst gleich morgen früh los. Das Zimmer im Gasthof ist schon für dich gebucht.”

„Ich bin absolut nicht begeistert davon. Ich kann doch meinen Eltern nicht von heute auf morgen sagen, ich muss für einige Wochen weg. Ich kann vor allem Mick nicht so lange alleine lassen.“

„Kläre das und ruf mich dann an. Es ist eine einmalige Gelegenheit für dich. Ich verlass mich da auf dich.“ Damit war für Frank erst einmal das Thema erledigt. Er stand auf und somit war das Gespräch für ihn beendet. Frank war ein absoluter Macho. Was er sagte war Gesetz und ein geht nicht oder ein, das ist nicht möglich, zählte für ihn nicht. Er war eigentlich in jeder Beziehung so und was er wollte, erreichte er auch.

Sarah und er waren schon oft deswegen aneinandergeraten. Sarah gehörte zu den Frauen, die sich von Männern nichts mehr gefallen ließen. Er wusste das genau und trotzdem provozierte er sie immer wieder. Diese Sache war nun sehr verzwickt für Sarah. Das Geld konnte sie natürlich mehr als gut gebrauchen, andererseits konnte und wollte sie Mick nicht solange alleine lassen.

Es war schon fast elf Uhr, als sie das Büro verließ.

Ich kann es nicht fassen, was Frank da von mir erwartet. Mein ganzes Leben soll kopfstehen, nur weil er sich das so einfach macht. Unfassbar! ärgerte Sarah sich im Stillen. Sie war richtig fassungslos. Die ganze Fahrt über zu ihrer Mutter schimpfte sie im Auto laut vor sich her. Einmal hätte sie fast zu spät gebremst. In letzter Sekunde kam ihr Auto zum Stehen.

Sarah steuerte ihr Auto in die Einfahrt und stellte es unter dem Carport ab. Sie stieg aus und sah ihre Mutter gerade aus der Tür kommen.

„Nanu, hast du schon Feierabend?“, wunderte die sich. „Oder bist du krank?”

„Ja und nein. Aber ich erzähl dir alles bei einer Tasse Kaffee.” Beide gingen ins Haus, und während Sarah sich im Bad frisch machte, setzte ihre Mutter Kaffee auf. Kurze Zeit später kam Sarah in die Küche. Gespannt saß ihre Mutter am Tisch, vor ihr zwei Tassen Kaffee. Noch immer wusste Sarah nicht, wie sie ihrer Mutter die Sache erklären sollte.

„Was ist los?”

„Eigentlich weiß ich das selbst nicht so genau. Frank hat einen neuen Auftrag angenommen und ist der festen Überzeugung, dass ich dafür die Richtige bin.”

„Und wie sieht dieser Auftrag aus wo du die richtige dafür bist?“

„Gestern und vorgestern war Frank nicht da. Er hat sich mit seinem neuen Auftraggeber getroffen. Dieser Auftraggeber hat ein Landgut geerbt, das, nebenbei bemerkt, vierhundert Kilometer von hier entfernt steht. Nun hat Frank den Auftrag angenommen und einfach beschlossen, dass ich alles, was an Arbeiten anfällt, plane, organisiere und überwache. Das heißt, ich soll über einige Wochen lang, unter der Woche natürlich nur, vor Ort bleiben.“

Ruth, ihre Mutter, zog überrascht die Augenbraue hoch und dachte kurz nach. „Das ist alles kein Problem. Du lässt Mick einfach bei uns. Dein Vater und ich, wir kümmern uns solange um Mick. Mach dir da mal keine Sorgen. Wir kommen dich dann so oft, wie es uns möglich ist, besuchen. Für Mick ist das eine tolle Abwechslung.”

„So gesehen hast du recht. Und dieser Job bringt mir das doppelte Gehalt ein. Das Geld kann ich gut gebrauchen.”

„Dann mach dir deswegen keine Sorgen. Das bekommen wir schon alles hin. Mach du nur deinen Job und wir stehen immer zu dir.“

„Dann ruf ich Frank an und du holst in der Zwischenzeit Mick ab.“ Sarah erhob sich und drückte ihre Mutter ganz fest.

„Danke Mama. Ich weiß nicht, was ich ohne euch machen würde. Ihr habt schon so viel für uns getan.“

„Dafür ist eine Familie doch da.” Während Ruth sich auf den Weg zum Kindergarten machte, rief Sarah ihren Chef an und teilte ihm alles mit.

„Gut, das du das regeln konntest“, war Franks Antwort.

„Du fährst am besten gleich morgen früh los. Der Ort heißt Bad Stegnitz. Es sind etwa vierhundert Kilometer zu fahren. Der Gasthof, in dem du vorerst übernachtest, heißt „Zum goldenen Hahn.“ Dort wirst du so lange wohnen, bis das Gästehaus, ein englisches Cottage, bewohnbar ist. Dann wirst du dort einziehen. Ich komme später noch bei dir vorbei und bringe dir die Schlüssel vom Landgut und eine genaue Wegbeschreibung. Den Rest können wir noch besprechen.“

„Wann wird das etwa sein?”

„Ich denke, so gegen sieben. Bis später dann.”

Mick kam ins Wohnzimmer gestürzt. Seine Tasche hatte er schon im Flur abgestellt.

„Hey Mama, warum hast du schon Feierabend?”, frage er und gab ihr einen Kuss.

„Komm setz dich, ich muss dir was sagen. Du wirst für einige Zeit bei Oma und Opa wohnen müssen. Ich hab von Frank einen neuen Auftrag und dafür muss ich die Woche über weg. Aber ihr kommt mich da oft besuchen, hat Oma gesagt. Ist das für dich in Ordnung?”

„Ich bin ja gerne bei Oma. Das ist nicht so schlimm wenn ich eine Weile hier wohne.” Sarah erzählte Mick alles ganz genau und er war ganz neugierig auf das alte Haus. Ob es dort auch spukt, wollte er wissen. Alles Gruselige faszinierte ihn zurzeit total.

So gegen zwei Uhr machten sich beide auf den Weg nach Hause.

Die ganze Sache schlug ihr auf den Magen, wie immer wenn Situationen aufkamen, die ihren Mikrokosmos ins Wanken brachten. Ihr Leben lief seit sechs Jahren in geregelten Bahnen, was nicht immer so war. Bevor sie schwanger wurde und sich von Steffen trennte, drohte sie ins Bodenlose abzustürzen. Steffen war wie eine Droge für sie. Sie war emotional abhängig. War sie auf Entzug, versuchte sich von ihm zu lösen, bekam sie Entzugserscheinungen. Sie konnte nicht mehr klar denken. Ihrer Schwester und ihrer Familie verdankte sie heute ihr Leben. Sie gaben ihr die Kraft, das alles zu überstehen. Das Telefon klingelte und Sarah wurde aus ihren Gedanken gerissen.

Draußen war es windig geworden. Kalte Luft blies ihnen entgegen, als sie gemeinsam am nächsten Morgen das Haus verließen. Blätter tanzten im Hof und es roch nach Regen. Sarah schloss die Haustür und stieg in ihren Wagen. Mick wartete schon im Auto. Als sie den Zündschlüssel drehte, bemerkte sie, dass es zu regnen begann.

Schnell setzte sie Mick am Kindergarten ab, fuhr kurz bei ihren Eltern vorbei um sich zu verabschieden und machte sich auf den Weg nach Bad Stegnitz.

Vorbei an LKW und Bussen fuhr Sarah über die Autobahn. Bäume, Wiesen und Felder flogen an ihr vorüber. Der Himmel war wolkenverhangen und die ersten Regentropfen platschten gegen die Scheibe. Ihre Stimmung hatte sich dem Wetter angepasst. Trübselig. Die halbe Nacht hatte sie nicht geschlafen. Zuviel ging ihr durch den Kopf. Ob sie wohl der neuen Situation gewachsen war? Würde Mick mit der neuen Situation zu Recht kommen? So viele Gedanken hatten ihr den Schlaf geraubt. Doch neugierig und aufgeregt war sie auch. Ihr Ehrgeiz war geweckt, sich selbst zu bestätigen. Für sie war es ein tolles Gefühl, zurückzublicken und sagen zu können, super, wie du das gemacht hast und wenn man Stolz auf geleistete Arbeit sein konnte. Das war eine große Herausforderung und sie würde diese meistern. Es fing stärker an zu regnen und Sarah schaltete die Scheibenwischer ein. Im Radio liefen gerade die Nachrichten und der Verkehr wurde stockender. Nach drei Stunden Autobahn fuhr sie die nächste Ausfahrt ab auf die Landstraße. Sie blickte auf ihre Uhr und entschied sich für eine Kaffeepause. Vor einem gemütlich aussehenden Café mit Wintergarten parkt sie ihren Wagen. Im Café umhüllte sie eine mollige Wärme. In der Mitte des Raumes stand ein rustikal gemauerter Kamin, der eine herrliche Atmosphäre ausstrahlte. Sarah setzte sich an einen kleinen Tisch im Wintergarten und genoss die Stimmung des Raumes. Leise Musik strömte aus einer Stereoanlage in der Ecke. Eine Bedienung kam an den Tisch.

„Was darf ich Ihnen bringen?”

„Ein Kännchen Kaffee, bitte.” Aus ihrer Tasche nahm Sarah die Wegbeschreibung heraus und sah sie sich an. Der Beschreibung zufolge lagen noch etwa hundert Kilometer Landstraße vor ihr.

Der Kaffee ließ Sarah entspannen und ihre Gedanken schweiften ab.

Die Umgebung hatte sich verändert. Die Häuser im Ort waren zum Teil alte Fachwerkgebäude. Die Kellnerin kam an den Tisch und riss sie aus ihren Tagträumen. Ob sie noch einen Wunsch hätte, aber Sarah lehnte dankend ab, bezahlte und machte sich wieder auf den Weg. Weites braches Land, Wiesen und Hügellandschaften zogen an ihr vorbei. Selten stand ein Haus am Wegrand oder eine Ortschaft kam in Sicht. Die wilde Landschaft wirkte durch die düsteren Wolken unheimlich und bedrohend auf sie. Die Wolken zogen schnell vorüber und Sarah hatte das ungute Gefühl, dass sich ein Sturm zusammenbraute. Hoffentlich ist es nicht mehr weit, dachte sie und schaltete das Radio ein, um eine eventuelle Sturmwarnung nicht zu verpassen. Kurze Zeit später hatte sie die Ortschaft erreicht.

„Jetzt nur noch den Gasthof finden, dann bin ich erleichtert. Bei diesem Wetter ist auch kein Mensch auf der Straße.“ Dreimal war sie nun schon den Ort abgefahren und keine Spur von dem Gasthof, geschweige denn ein Schild, das in die richtige Richtung zeigte. Schließlich hielt sie an einer Bäckerei an. Dort sagte man ihr, dass sie fünfhundert Meter außerhalb des Ortes auf einen geteerten Weg, rechts abbiegen musste. Nun fand sie den richtigen Weg auf Anhieb.

Eine sauber geschnittene Hecke verdeckte das Gebäude etwas.

Das weiß gestrichene Holztor stand einladend weit offen. Sie fuhr den Kopfsteinpflasterweg entlang zum Parkplatz. Gerade als sie den Motor abstellte, platschten dicke Regentropfen auf die Scheibe und sie rannte schnell zum Eingang des roten Backsteingebäudes. Dort angekommen schüttelte sie sich erst einmal den Regen aus dem Haar und schaute sich um. Die Eingangshalle war hellgelb gestrichen und überall standen saftig grüne Pflanzen im Raum. Von draußen hätte man eine solche Atmosphäre nicht erwartet. Die Rezeption hingegen schien noch aus vergangener Zeit. Doch die Kombination aus den hellen Farben des Raumes und das dunkle massive Holz aus vergangenen Tagen wirkten sehr warm und einladend.

„Hallo. Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?“ Eine Frau von Anfang sechzig stand ihr an der Rezeption gegenüber und lächelte sie freundlich an.

„Hallo, mein Name ist Sarah Sander. Für mich ist ein Zimmer reserviert.” Sarah lächelte freundlich zurück.

„Hier steht es ja. Bis morgen ist gebucht. Sie haben Zimmer 7. Das Zimmer hat eine kleine Küche.“

„Sehr schön. Ich hole nur schnell meine Tasche aus dem Wagen. Zum Glück hat der Regen aufgehört.“

„Ja, das Wetter ist schrecklich. Aber wenn man schon immer hier lebt, kennt man es nicht anders.“

Wenige Minuten später stand Sarah mitsamt ihrem Koffer vor Zimmer 7 und schloss die Tür auf. Das Zimmer war schlicht und dennoch sehr gemütlich. Gegenüber der Tür war eine kleine Küchenzeile, um die Ecke herum stand das Bett aus hellem Eichenholz. Der Bettbezug war aus weißer Brokatbettwäsche. Rechts an der Wand stand ein Einbauschrank, die Tür zum Badezimmer und ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen. Der Boden und die Decke waren aus Holz. Sie war gerade damit beschäftigt ihre Kleider in den Schrank zu hängen, als sich ihr Magen meldete. Gleich Mittag, sagte ihr ein Blick auf die Uhr. Na dann gehe ich doch erst mal was Essen, entschied Sarah sich.

Im Restaurant angekommen, setzte sie sich an einen Tisch am Fenster. Draußen tobte jetzt ein richtiger Herbststurm. Blätter tanzten im Wind und Regen schlug an die Fenster. Das Restaurant sah aus wie eine gemütliche Bauernstube. Rustikale Tische und Stühle und einem urigen Kachelofen in der Ecke. Um den Kachelofen herum stand eine Holzbank. Im Restaurant herrschte reges Mittagstreiben. Viele Hotelgäste gedachten hier zu speisen. Sicher hatte das Wetter vielen die Wanderung vermiest, dachte Sarah, und wenn der Sturm nicht nachlässt, ist mein Tag auch gelaufen. Nach dem Essen ging sie auf ihr Zimmer und machte sich frisch. Sie tauschte ihren Hosenanzug gegen eine Jeans, Sweatshirt und Sportschuhe.

Das Wetter hatte sich in der Zwischenzeit wieder beruhigt. Daher beschloss sie, sich doch noch auf den Weg zum Landgut zu machen. Schnell noch die Windjacke übergeworfen und schon ging es los. An der Rezeption traf sie Frau Jung, die Besitzerin.

„Hallo Frau Sander. Ich hoffe Sie sind zufrieden mit Ihrem Zimmer und es gefällt Ihnen bei uns.“

„Ja, alles ist wunderbar. Wie Sie sicher wissen, werde ich das alte Landgut renovieren. Daher würde ich das Zimmer gerne länger mieten. Solange bis das Gästehaus bewohnbar ist.”

„Sicher, das ist kein Problem. Doch seien Sie vorsichtig. Dort gingen schon immer seltsame Dinge vor, auch als das Gut noch bewohnt war. Die Dorfbewohner machen alle einen großen Bogen um das Gut. Auch heute ist es dort nicht ganz ungefährlich.“

„Könnten Sie mir trotzdem den Weg dorthin beschreiben? Ich bin nicht abergläubig und kann auch sonst ganz gut auf mich aufpassen.“ Mit einem unguten Gefühl beschrieb Frau Jung ihr den Weg.

„Sie fahren zurück zur Hauptstraße. Biegen links ab. Nach etwa einem Kilometer kommt eine Waldschneise. Dort müssen Sie etwas langsam fahren, dann geht rechts ein Feldweg ab. Fünfhundert Meter weiter kommt eine Schranke. Hier ist der Schlüssel zu der Schranke. Schließen sie die hinter sich wieder ab. Dann fahren Sie immer gerade aus. Der Weg führt direkt zum Gut.”

„Danke. Das war sehr nett von Ihnen. Ich mache mich jetzt auf den Weg.“

Gerade als Sarah in ihren Wagen stieg, riss die Wolkendecke auf und die Sonne kam zum Vorschein. Schlagartig hellte sich auch ihre Stimmung auf. Neugierig fuhr sie los. Was wohl Frau Jung meinte, als sie von seltsamen Vorkommnissen geredet hatte? Bei nächster Gelegenheit werde ich sie danach fragen, dachte Sarah.

Die Hauptstraße war jetzt sehr stark befahren, sodass sie einige Minuten warten musste, bevor sie abbiegen konnte. Die Waldschneise, die Frau Jung beschrieb, war als Baumallee angelegt.

Sarah bog rechts in den Feldweg ein. Eine Schranke versperrte ihr nach einigen Metern den weiteren Weg. Nachdem sie diese passiert hatte, konnte sie weiter fahren. Die Straße war bedeckt von Blättern. Sie hielt kurz den Wagen an und ihr Blick wanderte über die Landschaft, die vor ihr lag. Freies Gelände mischte sich mit Bäumen und Sträuchern. Sie legte den ersten Gang ein und fuhr langsam weiter. Traumhaft diese Landschaft, dachte sie. Wenig später fuhr Sarah auf einen kleinen Wald zu. Dann plötzlich, wie aus dem nichts, stand ihr Wagen vor einem hohen schmiedeeisernen Tor. Links und rechts davon je eine hohe, gemauerte viereckige Säule. Auf einer Mauer daneben thronte ein schmiedeeiserner Zaun mit spitzen Zacken oben auf. Dahinter hohe Blautannen, die den weiteren Blick versperrten. Sarah stieg aus und begutachtete das Tor aus der Nähe. Ziemlich verwittert sah es aus.

Das Tor war zusätzlich durch eine schwere Eisenkette verschlossen. Sarah holte den Schlüssel aus ihrer Tasche und schloss beide Schlösser auf. Nur mit großer Mühe ließ sich das Eisentor aufschieben. Sie stieg wieder in ihren Wagen und fuhr weiter. Soweit das Auge reichte, war hier alles verwildert. Überall breitete sich Unkraut aus und wild wachsende Büsche prägten das Gelände. Dann machte der Weg eine Biegung. Sie fuhr vorbei an einigen Fichten und dann erblickte Sarah das Landgut.

Eindrucksvoll stand es da. Umwuchert von wildem Efeu. Die Fenster waren alle mit Holzklappläden verschlossen. Sie ging näher heran, und man konnte deutlich erkennen, dass die Natur im Laufe der Jahre ihre Spuren hinterließ. Die Fensterverschläge schienen zum Teil aus den Angeln gerissen und der Verputz an den Mauern blätterte ab.

Das Dach sieht extrem einsturzgefährdet aus und sicher hat es schon rein geregnet, überlegte sie. Sie beschloss, das Gebäude erst mal von außen zu besichtigen. Die Grünanlage des Landgutes war total verwahrlost. Natürlich. Seit über vierzig Jahren hatte hier niemand mehr gelebt oder gearbeitet. Was wohl einst sauber gepflegte Rosenbeete waren, wurde heute verdeckt von Gras und Schlingpflanzen.

Plötzlich hatte sie das Gefühl, beobachtet zu werden. Als ob sie von Blicken durchbohrt würde. Schnell blickte sie sich um, doch sie konnte niemanden erblicken. Ihre Augen wanderten langsam an dem Gebäude hoch. Die Klappläden waren verschlossen. Nur das Turmzimmer mit dem Erkerfenster hatte keine Läden. Hatte sich da nicht etwas bewegt? Sarah erschauerte. Vermutlich nur ein Windzug, der durch die Ritzen streifte und die Gardinen bewegte.

Der Himmel verdunkelte sich erneut, daher entschied sie, sich den Rest morgen anzusehen. Für heute ist es spät genug, und einen ersten Eindruck von der Arbeit, die auf mich zukommt, habe ich mir auch gemacht, dachte sie und schlenderte den Weg um das Gebäude zurück zum Wagen. Morgen ist ja auch noch ein Tag, dann werde ich mir das Haus von innen ansehen, dachte Sarah. Und der nächste Sturm ist auch schon im Anmarsch, spürte sie, als eine starke Windböe sie erfasste und einen Schritt zurück drängte. Doch das Gefühl, beobachtet zu werden, ließ Sarah erst los, als sie im Auto saß. Trotz der Kälte im Wagen fühlte sie wieder Wärme in sich aufsteigen. Sie startete den Motor, machte die Scheinwerfer an und brauste los. Am Horizont brach schon die Dämmerung herein und erste Blitze zuckten.

Sarah freute sich auf eine Tasse Kaffee und darauf, mit Mick zu telefonieren. Eine viertel Stunde später parkte sie ihren Wagen vor dem Gasthof. Alles war hell erleuchtet. Richtig einladend sieht es aus, dachte Sarah und öffnete die Wagentür. Es begann wieder zu regnen. Eilig ging sie ins Haus, um sich vor den dicken Regentropfen zu schützen. An der Rezeption traf Sarah Frau Jung. Sie schien sichtlich erfreut, Sarah zu sehen.

„Schön, dass Sie wieder hier sind. Wir haben uns schon Sorgen gemacht, denn bei Dunkelheit sollten Sie dort nicht mehr alleine sein.“ Sie reichte Sarah ihren Zimmerschlüssel.

„Da machen Sie sich mal um mich keine Sorgen, Frau Jung. Ich könnte mich im Notfall schon sehr gut verteidigen. Sobald das Gästehaus fertig ist, werde ich auch ganz allein dort leben.“

„Ich finde das keine gute Idee. Allein der Gedanke daran, dass Sie dort ganz allein wohnen, beunruhigt mich doch sehr. Aber vorerst sind Sie ja noch im Gasthof. Ich hab hier noch zwei Nachrichten für Sie.“

„Danke. Ich finde es sehr nett von Ihnen, dass Sie sich solche Sorgen um mich machen, aber das ist wirklich nicht nötig. Mir passiert schon nichts. Wir sehen uns sicher nachher wieder. Bis dann.”

Im Zimmer angekommen machte sie sich erst mal eine Tasse Instantkaffee. Anschließend sprang sie unter die Dusche und streifte sich eine bequeme Sporthose und ein Sweatshirt über. Die beiden Nachrichten fielen ihr wieder ein. Eine war von Frank, die andere von Herrn von Brecht. Er teilte ihr mit, dass er am Samstagvormittag ankäme.

Ist ja toll, das heißt, ich muss das Wochenende hier verbringen. Mick wird nicht gerade begeistert sein. Nicht aufregen, das bringt ja doch nichts. Jetzt ruf ich erst mal zu Hause an und werde ihnen die frohe Botschaft überbringen, dachte Sarah ärgerlich.

Sie stellte ihren Kaffee auf den Nachttisch, machte es sich auf dem Bett gemütlich und wählte die Nummer ihrer Mutter. Nach dem vierten Läuten war Mick am Telefon.

Die nun leere Kaffeetasse stellte sie in die Spüle, zog ihre Schuhe an und ging ins Restaurant. Unten angekommen bemerkte sie erfreut, dass ihr Tisch am Fenster, an dem sie zu Mittag gegessen hatte, noch nicht besetzt war. Sie steuerte darauf zu und wollte gerade Platz nehmen, als sich ein Mann ihr gegenübersetzte.

„Entschuldigung, aber ich glaube das ist mein Tisch. Ich wollte mich eben hier hinsetzen.“

„Oh, das tut mir leid. Da Sie aber allein zu sein scheinen, könnten wir uns doch den Tisch teilen.“ Nach kurzem Überlegen stimmte sie zu. „Das ist eine gute Idee. Das Essen schmeckt in Gesellschaft sowieso besser.“ Der Mann stellte sich als Georg Wolf vor. Er war mittelgroß, etwas kräftiger und hatte blondes, lockiges Haar. Seine tiefe Stimme hatte einen angenehmen Klang.

„Was macht so eine reizende Frau wie Sie hier in dieser Einöde? Sicher keine Geschäfte.“

„Doch, ich bin beruflich hier. Ich bin Architektin und werde hier ein Landgut renovieren lassen. Sehr interessante Aufgabe. Und was machen Sie hier? Urlaub?”

„Nein. Ich will hier in der Gegend ein Haus kaufen und treffe mich morgen früh mit einer Maklerin. Meine Frau will raus aus der Stadt. Sie meint, unsere Tochter könnte hier sorgloser und kindgerechter aufwachsen als in der Stadt. Ich bin eher ein Stadtmensch und werde daher die Woche über in unserer jetzigen Wohnung leben. Nur am Wochenende komme ich dann raus gefahren. Zur Erholung sozusagen.“

„Warum ist Ihre Frau nicht mitgekommen? Schließlich muss sie doch auch in dem Haus wohnen.“

„Unsere Tochter hat die Windpocken. Doch der Termin mit der Maklerin steht schon so lange, dass ich ihn nicht absagen wollte. Daher musste ich allein fahren.” Das Abendessen wurde gebracht. Sarah hatte sich einen Fitnesssalat bestellt. Herr Wolf dagegen hatte sich die Hausmacherplatte bestellt, die auch sehr lecker aussah.

Das Essen, der Wein und die gemütliche Atmosphäre des Raumes machten sie sehr müde. Während des Essens erzählte Herr Wolf, dass er Anwalt sei, seine eigene Kanzlei und drei Angestellte habe. Er und seine Frau seien schon seit zwölf Jahren verheiratet und vor vier Jahren kam ihre Tochter Nina zu Welt. Sarah war froh, nicht so viel reden zu müssen, denn der lange Tag machte sich nun bemerkbar.

„Ich werde mich jetzt auf mein Zimmer zurückziehen. Das Gespräch mit Ihnen war sehr angenehm. Ich wünsche Ihnen Morgen viel Erfolg bei der Hausbesichtigung.“

-2-

Schweißgebadet wachte Sarah auf. Die Nachttischlampe brannte noch, die Zeitung lag auf ihrer Nase. Ihr Traum fiel ihr wieder ein. Sie befand sich in der Mitte eines Zimmers. Draußen zuckten Blitze, doch ein Donner folgte nicht. Stimmen, wie in Watte gehüllt, drangen zu ihr durch. Angestrengt hatte sie versucht, die Worte zu verstehen. Doch alles hörte sich dumpf, wie durch Nebel an. Es folgte ein lauter Knall, alles wurde schwarz und ein Gefühl von Panik überkam sie. Ihre Arme und Beine trommelten gegen unsichtbare Wände.

Sie riss sich die Zeitung von der Nase. Die Uhr zeigte an, dass es zwei Uhr durch war. Sie schwang ihre Beine aus dem Bett und öffnete das Fenster. Kalte, nasse Luft schlug ihr ins Gesicht. Tief atmete sie die Luft ein. Auf dem Tisch stand eine Flasche Mineralwasser. Ihr Hals war ganz trocken. Sie nahm die Flasche an den Mund und trank gierig daran. Tat das gut. Nachdem sie das Fenster geschlossen hatte, schlüpfte Sarah zurück ins Bett. Ein traumloser Schlaf riss sie mit fort. Erst als leise Töne von Musik zu ihr durchdrangen, kam sie langsam zu sich. Die Augenlider noch geschlossen, ließ sie sich von den sanften Klängen einer Ballade davon tragen. Das Gutshaus kam ihr in den Sinn. Heute Mittag werde ich mir alles von innen ansehen. Was mich da wohl erwartet? Heute Vormittag werde ich mich mit einigen Firmen in Verbindung setzen und für nächste Woche Termine vereinbaren. Mit Schwung hüpfte sie aus dem Bett und wankte leicht verschlafen ins Bad und unter die Dusche. Beim Zähneputzen stellte sich dann langsam ein Hungergefühl ein. Sie schlüpfte in ihre Jeans, streifte einen flauschigen Pullover über. Ihre Jacke lässig über die Schulter geworfen, ging Sarah frühstücken. Das Frühstück war großzügig als Buffet aufgebaut. Sie entschied sich für einen Kaffee, Orangensaft, Müsli und ein Brötchen mit Kirschmarmelade. Zum Essen setzte Sarah sich heute in die Nähe des Kachelofens. Dort ist es angenehm warm, was man von dem Wetter draußen nicht gerade behaupten kann, dachte sie. Durch den Kaffee und das gute Frühstück war sie gestärkt für den Tag, der vor ihr lag. An der Rezeption stand Frau Jung.

„Guten Morgen, Frau Jung.“

„Guten Morgen. Haben Sie gut geschlafen?”

„Ja danke.” Ihren schlechten Traum behielt sie lieber für sich.

„Sie wissen ja, was Sie in der ersten Nacht in einem fremden Bett träumen geht in Erfüllung“, redete Frau Jung munter drauf los.

Na, das sind ja schöne Aussichten, dachte Sarah.

„Ich bräuchte die Adressen und Telefonnummern einiger Firmen. Sie haben doch sicher die Gelben Seiten.“

„Die kann ich Ihnen gerne geben. Aber mit Sicherheit kann ich Ihnen da auch weiter helfen. Ich hole nur schnell mein Adressbuch. Einen Augenblick.“

„Da wäre mir schon ein Stück weiter geholfen“, bedankte sich Sarah. Einige Minuten später hatte sie sich Adressen von einem Landschaftsgärtner, einer Schreinerei und Glaserei, einem Dachdecker und einem Stuckateur notiert.

„Am besten fahren Sie aber selbst vorbei und klären das persönlich ab. Da fast alles im Industriegebiet von Bad Stegnitz liegt, ist es mit dem Auto nicht weit.“

„Das werde ich machen. Dann fahre ich nämlich gleich los, damit ich rechtzeitig zurück bin. Ich will mir heute Nachmittag das Haus von innen ansehen.“

Sie verabschiedete sich und ging zu ihrem Wagen. Bad Stegnitz war ein kleines, beschauliches Städtchen mit schönen alten Häusern. Während Sarah ihren Wagen langsam durch die Straßen lenkte, schaute sie sich ein wenig um. Wenn ich die Termine ausgemacht habe, werde ich mich noch ein wenig in der Stadt umsehen, entschied sie. Sie ließ die Stadt hinter sich und bog rechts ab ins Industriegebiet. Vor einem großen Schild hielt sie an, um sich zu orientieren, wo die Firmen zu finden waren. Gut gelaunt stellte sie fest, dass die Landschaftsgärtnerei als Erste auf ihrem Weg lag. Ihr Wagen rollte langsam vorbei an einem Lebensmittelmarkt, Autohäusern und einem Baumarkt. Direkt gegenüber entdeckte sie die große Gärtnerei. Sie steuerte ihr Auto auf eine Parklücke zu. Erfreut sah sie, dass das Büro sich direkt vor ihr befand. Nachdem sie ausgestiegen war, schaute sie sich kurz um. Dann ging sie auf das Büro zu, klopfte kurz und betrat das Gebäude. In dem Raum herrschte Chaos. Ein Gemisch aus Grünpflanzen, Blumenduft und frisch gekochtem Kaffeeduft. Papierstapel türmten sich auf dem kleinen Schreibtisch. In einen Computer vertieft, den Telefonhörer ans Ohr haltend, saß die wohl ausgeflippteste Büroangestellte, die Sarah je gesehen hatte. Die knallroten, lockigen Haare mit bunten Spangen wild hochgesteckt. Die Augen leuchtend grün geschminkt, den Mund passend zum Haar rot angemalt und dazu ein absolut schrilles Outfit. Sie lächelte Sarah an und gestikulierte ihr, sich doch zu setzen. Eine Minute später legte sie den Hörer auf und wendete sich ihr zu.

„Darf ich Ihnen Kaffee anbieten? Ich hab eben frischen gekocht.“ Sarah nahm dankend an.

„Wie kann ich Ihnen helfen?”, fragte sie Sarah.

„Nun, ich bin auf der Suche nach einer Gärtnerei, die die Außenanlage eines alten Landguts neu anlegt und in Zukunft pflegt. Den Auftrag würde ich Ihnen gerne erteilen. Seit über vierzig Jahren hat die Anlage keinen Gärtner mehr gesehen und es ist sehr viel zu tun.“

„Ich denke schon, dass wir den Auftrag übernehmen können, aber das soll der Chef doch selbst entscheiden. Ich gehe ihn schnell holen. Bin in fünf Minuten wieder da.“ Mit diesen Worten war sie aus der Tür. Einige Minuten später öffnete sich diese wieder und die Angestellte kam mit einem kleinen, untersetzten Mann mit Halbglatze in den Raum. Der Mann reichte ihr die Hand und stellte sich als Herr Schmitt vor. Das ist also der Chef, dachte Sarah.

„Sie wollen also dem alten Landgut der von Brechts wieder zu neuem Glanz verhelfen“, und mit einem schmierigen Lächeln setzt er hinzu, „und die Außenanlage übernehmen wir natürlich gerne.”

„Woher wissen Sie, um welches Landgut es sich handelt? Ich hab das doch noch gar nicht erwähnt.“

„Sie müssen wissen, das ist eine sehr kleine Stadt. So etwas spricht sich sehr schnell herum.“

„Dann lassen Sie uns doch einen Termin für nächste Woche ausmachen. Sie können sich dann alles ansehen und wir besprechen die Einzelheiten vor Ort.”

Er nickte zustimmend und sie verabredeten sich für nächsten Dienstag vormittag. Dann verließ Sarah die beiden und fuhr zum Stukkateurgeschäft. Dort machte sie einen Termin für Dienstagmittag aus. Die Fensterbaufirma befand sich in der Stadt, hatte Sarah herausgefunden und so beschloss sie, sich auch die Kleinstadt ein wenig näher anzusehen, da beides auf ihrem Weg lag. Die graue Wolkendecke hatte sich aufgelockert und die Sonne zeigte sich ein wenig. Alles wirkte gleich viel freundlicher. Sie parkte ihren Wagen auf einem Parkplatz, der umringt war von alten Pappeln. Reges Treiben herrschte in der Stadt und Sarah genoss die Stimmung. Sie schlenderte vorbei an Modeboutiquen, Schuhgeschäften, einem Obst und Gemüseladen, einer Metzgerei und an der Ecke entdeckte sie ein Schild Schreinerei und Glaserei Grub. Na, das macht sich ja gut, dachte sie und ging auf das Geschäft zu. Sie betrat den Laden. Eine Türglocke ertönte und ein junger Mann Anfang zwanzig erhob sich von seinem Schreibtisch.

„Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?”

Sarah teilte ihm ihr Anliegen mit und für einen kurzen Augenblick verdunkelte sich das Gesicht des jungen Mannes. Ihr war sein Gesichtsausdruck nicht entgangen.

„Ist alles in Ordnung?”, fragte sie, doch seine Miene war schon wieder hell und freundlich, als hätte es nie eine Veränderung gegeben. Seltsam dachte sie.

„Das muss ich erst mit meinem Vater besprechen. Aber ich denke schon, dass wir das machen können. Kann ich Sie anrufen?“ Sarah gab ihm die Telefonnummer und verabschiedete sich. Seltsam, dass die meisten Leute so komisch reagieren, wenn sie nur das Wort Landgut hören. Was sich dort wohl abgespielt haben mag? Ich werde dem Ganzen auf den Grund gehen. Da sie von Natur aus neugierig war, musste sie dem Ganzen einfach nachgehen. Da es kurz nach elf war, entschied sie sich, jetzt eine Kleinigkeit zu essen und anschließend gleich zum Gut zu fahren. Sarah entdeckte ein italienisches Restaurant. Sarah setzte sich ans Fenster und beobachtete die vorbei gehenden Leute. Eine heimliche Leidenschaft von ihr. Sie bestellte sich einen Cappuccino, eine Pizza und ein Mineralwasser.

Eine viertel Stunde später wurde das Essen gebracht und ihre Gedanken drehten sich um das Landgut. Sie überlegte, wie das Leben auf dem Gut wohl gewesen sein mag und was sich dort wohl alles abgespielt haben mochte? Es musste ein großes Drama gewesen sein, das es den Menschen noch heute im Kopf herumspukte. Sie stellte sich vor, wie es ausgesehen hatte, als der Garten in voller Blüte stand. Blühend in den herrlichsten Farben. Wenn der Flieder duftete und der Rhododendron blühte. Rosen durch ihre Farben betörten und das Haus von Leben erfüllt war. Fast unvorstellbar, dass diese herrlichen Gemäuer bald wiederbewohnt werden, dachte sie. Ich werde das Haus in neuem Glanz erstrahlen lassen.

Der Ehrgeiz hatte sie gepackt und frisch gestärkt machte sie sich auf den Weg zu ihrem Wagen. Dieses Städtchen ist einfach traumhaft romantisch, fand Sarah. Mit seinen schmalen Gässchen, mittelalterlichen Torbögen im Park und den alten Fachwerkhäusern lädt es zum Träumen ein.

„Hey, können Sie nicht aufpassen. Brauchen Sie eine Brille oder was?” Sarah schreckte aus ihren Gedanken auf. Um ein Haar wäre sie in einen Mann hinein gelaufen, der ein kleines Schränkchen aus einem Kleinlaster hievte.

„Passen Sie doch selber auf. Wenn Sie so parken als hätten Sie keinen Führerschein und den Weg blockieren, dürfen Sie sich nicht wundern, wenn ein Unfall passiert.“ Frechheit dachte Sarah. Ob ich eine Brille brauche? Der spinnt wohl! Im Vorbeigehen hörte sie ihn sagen, „Ziege.“ Sie antwortete prompt, „Vollidiot!” Dann war sie aus seinem Blickfeld verschwunden und musste über sich selbst lachen. Über sich selbst und ihren Mut einen fremden Mann Vollidiot zu nennen. Während der Fahrt zum Landgut verzogen sich die dunklen Wolken immer mehr und der Himmel wurde strahlend blau. Das Wetter hält hoffentlich, dachte sie. Dort gibt es ja noch keinen Strom und das muss ich gleich nächste Woche in die Wege leiten.

Die Neugierde, das Haus von innen zusehen, stieg in ihr. Fast unbewusst trat sie fester auf das Gaspedal. Kurze Zeit später setzte sie den Blinker und steuerte den Wagen in die Auffahrt zum Gut. Erneut war sie überwältigt von der Landschaft, die sich vor ihr erstreckte. Die Sonne ließ die triste, düstere Idylle von gestern neu und lebendig erscheinen. Eine Herbstbrise strich durch ihr Haar, als sie die schwere Kette vom Eisentor entfernte. Tief zog sie den Duft von Wald und Wiese in ihre Lungen und genoss den Augenblick der Stille. Der schrille Schrei eines Vogels am Himmel brach die Stille und sie fuhr weiter. Im Licht der Sonne sah alles gleich so freundlich, einladend und gar nicht bedrohend aus. „Als ob es spürt, dass ich es aus seinem Dornröschenschlaf erwecken werde. Dass ich es aufleben lasse“, dachte Sarah. Sie wühlte in ihrer Handtasche und suchte den Schlüssel, um die schwere Tür aus dunklem Kirschholz aufzuschließen. „Na, wo hab ich ihn denn? Sarah, du hast mal wieder zu viel Zeugs in deiner Tasche. Hab ich den Schlüssel etwa auf dem Nachttisch liegen lassen?“ Sie setzte sich auf die oberste der beiden Eingangsstufen und entleerte ihre Tasche sorgfältig. Man, was sich da so alles angesammelt hat. Ein Geräusch schreckte sie auf. Ein Eichhörnchen sprang aus dem Gebüsch neben ihr, rannte über den Weg und verschwandt in den Nussbäumen. Die Suche nach dem Schlüssel ging weiter. Eine Packung Kaugummi fiel ihr in die Hände. Sie steckte sich einen Streifen davon in den Mund. Das Papier knüllte sie zusammen und schob es in ihre Jackentasche. Darin fühlte sie etwas Kaltes, und als sie es herauszog, hatte sie den Schlüssel in der Hand. „Wusste ich es doch! Ich bin zwar über dreißig, aber nicht vergesslich.“ Sie lachte über sich selbst und räumte die Tasche wieder ein. Dann klopfte sie sich den Staub von der Hose, warf die Tasche über die Schulter und beim ersten Versuch die Tür aufzuschließen, klemmte das Schloss. Beim zweiten Versuch musste Sarah etwas Gewalt anwenden, dann sprang die Tür mit einem lauten Knarren auf. Im Inneren des Hauses war es dunkel.

Nur der Eingangsbereich wurde durch die einfallenden Sonnenstrahlen schwach erleuchtet. Sie drehte sich auf dem Absatz herum und ging zurück zum Auto. Aus dem Kofferraum holte sie eine Taschenlampe. Zum Glück liegt die im Wagen, dachte sie. An der Eingangstür schaltete sie die Lampe ein und ging auf Entdeckungsreise in eine längst vergangene Zeit. Vorsichtig und Schritt für Schritt ging sie auf eines der Fenster zu. Links und rechts von der Tür befanden sich zwei große Fenster. Sie öffnete erst die Flügelfenster, löste dann die Sicherung an den Fensterläden und sogleich strömte Tageslicht herein. Sie sah einige Möbelstücke, abgedeckt mit zugestaubten Tüchern. Zur Empfangshalle ging es zwei Stufen abwärts. Mitten im Raum stand ein großer Tisch. Das Licht der Taschenlampe fiel etwas weiter hinten in der Empfangshalle auf eine Treppe, die nach oben führte. Langsam bewegte sich Sarah durch den dunklen Raum. Dabei öffnete sie ein Fenster nach dem anderen. Dann war das Zimmer hell erleuchtet, von Tageslicht durchflutet. Der Boden war aus sandfarbenen Fliesen, die weiße Farbe an den Wänden vergilbt und blätterte ab. Ihr Weg führte sie von der Treppe aus nach links in einen noch dunklen Flur. Sarah entging nicht, dass sich gegenüber jeder Tür ein großes Fenster befand.

Nachdem sie die Fenster geöffnet hatte, betrat sie das hinterste Zimmer. Das Licht der Taschenlampe zeigte ihr den Weg durch den Raum. Sie befand sich in der Bibliothek.

Der Raum war in dunklem Holz gehalten. Sie zog die hellen Leinenstoffe von den Möbeln. Durch den aufgewirbelten Staub musste sie Husten und Niesen. Die Regale an der Wand waren ebenfalls mit Tüchern verdeckt. Als sie diese herunterzog, kamen Hunderte von Büchern zum Vorschein.

Auf ihrem Streifzug war der nächste Raum das Arbeitszimmer des früheren Hausherrn. Aufgrund der Einrichtung ließ sich leicht darauf schließen. Ein großer Schreibtisch stand unmittelbar vor dem Fenster. Der Füllfederhalter lag auf vergilbtem Briefpapier, so als wäre er gerade dort abgelegt worden, um gleich darauf wieder benutzt zu werden. Zu ihrem Erstaunen sah sie, dass der Sekretär mit geöffneter Klappe da stand. Ihr erster Eindruck sagte ihr, dass jemand ihn durchwühlt haben musste. Viele Briefe lagen zerstreut auf dem Parkett. Sogar zwei kleine Schubladen waren herausgerissen und achtlos zu Boden geworfen. Sie beschloss, nichts zu verändern und die Sache erst morgen mit Herrn von Brecht genauer in Augenschein zu nehmen.

Sarah war ganz angetan von den schönen, teils antiken Stücken im Haus. Zum größten Teil jedoch schienen sie sehr reparaturbedürftig. Die Holzwürmer hatten es sich gut schmecken lassen und der Lack blätterte ab.

Aber das sollte meine kleinste Sorge sein, dachte Sarah. Sie öffnete weitere Fensterläden und stand im Speisesaal. Dominierend im Raum war ein langer Tisch. Sie zählte die dazu gehörigen Stühle. Sechzehn waren es an der Zahl.

Jedoch der rot-weiße Marmorkamin überwältigte Sarah. Darin eingearbeitet dominierte das Familienwappen. Prunkvolle Verzierungen an den Seiten. Sie konnte sich gar nicht sattsehen daran. Sie durchwanderte einen kurzen Flur und kam in den wohl schönsten Wintergarten, den sie je gesehen hatte. Von außen konnte man ihn nicht erkennen, da er ganz von Efeu, Gestrüpp und Bäumen verdeckt wurde. Jedes Fenster war mit buntem Glas umrandet, was den Raum in ein wunderschönes Licht tauchte. Geträumtes Licht kam es Sarah in den Sinn. Anders konnte sie es nicht beschreiben. In diesem Raum befanden sich keine Möbel. Doch sie hatte schon eine genaue Vorstellung, wie sie den Raum einrichten würde, sodass der Wintergarten voll zur Geltung käme.

Sarah verließ den Raum und öffnete eine Tür, die zu einer Treppe in die untere Etage führte. Sie ging fünf Stufen abwärts. Das Licht der Taschenlampe erfasste Teile der Küche. Die Treppe machte eine Biegung nach links, dann weitere sieben Stufen nach unten und sie befand sich mitten in der Küche. Der Lichtstrahl wanderte an den Wänden entlang, bis er die Fenster erfasste. Sarah steuerte darauf zu und öffnete eins nach dem anderen. Eine riesig große Küche lag vor ihr.