LARA - Anna Pasternak - E-Book

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Anna Pasternak

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Beschreibung

Moskau, 1946: Im Büro eines literarischen Magazins begegnen sich der gefeierte Schriftsteller Boris Pasternak und die mehr als 20 Jahre jüngere Olga Ivinskaya. Es ist der Beginn einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung zwischen dem verheirateten Autor und der schönen Witwe, die bis zu Pasternaks Tod währen soll. Doch Olga zahlt einen hohen Preis: Stalins Schergen verbannen sie zweimal in den sibirischen Gulag, und auch Pasternaks Familie setzt alles daran, den Dichter von seiner Geliebten und Muse fernzuhalten. Basierend auf Archivmaterial und Quellen aus Familienbesitz erzählt die Großnichte des Literaturnobelpreiträgers die Lebensgeschichte der Frau, die Pasternak zu Lara in Doktor Schiwago inspirierte.

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Seitenzahl: 501

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Moskau, 1946: Im Büro eines literarischen Magazins begegnen sich der gefeierte Schriftsteller Boris Pasternak und die mehr als zwanzig Jahre jüngere Olga Iwinskaja. Es ist der Beginn einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung zwischen dem verheirateten Autor und der schönen Witwe, die bis zu Pasternaks Tod währen soll. Doch Olga zahlt einen hohen Preis: Stalins Schergen verbannen sie zweimal in den sibirischen Gulag, und auch Pasternaks Familie setzt alles daran, den Dichter von seiner Geliebten und Muse fernzuhalten. Basierend auf Archivmaterial und Quellen aus Familienbesitz erzählt die Großnichte des Literaturnobelpreiträgers die Lebensgeschichte der Frau, die Pasternak zu Lara in Doktor Schiwago inspirierte.

Zur Autorin

ANNA PASTERNAK ist Journalistin und Schriftstellerin. Sie entstammt der berühmten Pasternak-Familie und ist die Großnichte von Literatur-Nobelpreisträger Boris Pasternak. Anna Pasternak lebt mit ihrem Mann in Oxfordshire im Süden Englands.

ANNA PASTERNAK

LARA

Die wahre Geschichte hinter DOKTOR SCHIWAGO

Aus dem Englischen von Liselotte Prugger

Die englische Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »LARA. The Untold Lovestory That Inspired Doctor Zhivago« bei HarperCollins Publishers Ltd., London.

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Deutsche Erstausgabe Dezember 2019

btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © 2016 by Anna Pasternak

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019 by btb Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Covergestaltung: semper smile, München unter Verwendung

einer Fotografie aus dem Privatarchiv Anna Pasternak

Covermotiv: © Privatarchiv Anna Pasternak

Karte und Stammbaum: © Martin Brown

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

MK · Herstellung: sc

ISBN 978-3-641-18643-2V001

www.btb-verlag.de

www.facebook.com/btbverlag

In liebevoller Erinnerung an meine Mutter Audrey Pasternak

Die Schriftsteller kann man ferner einteilen in Sternschnuppen, Planeten und Fixsterne. Die ersteren liefern die momentanen Knalleffekte; man schaut auf, ruft »siehe da!« und auf immer sind sie verschwunden. … Die [Fixsterne] … sind unwandelbar, haben eigenes Licht, wirken zu einer Zeit, wie zur andern. Sie gehören … der Welt. Aber wegen der Höhe ihrer Stelle braucht ihr Licht meistens viele Jahre, ehe es dem Erdenbewohner sichtbar wird.

Arthur Schopenhauer

Du stehst nicht zufällig am Ende meines Lebens, mein heimlicher, verbotener Engel, unter dem Himmel der Kriege und Aufstände, du hast ja schon am Anfang meines Lebens gestanden, unter dem friedlichen Himmel der Kindheit.

Boris Pasternak Doktor Schiwago

INHALT

PROLOG Spinnennetze entwirren

Ein Mädchen aus anderen Kreisen

Mutterland und Wunderpapa

Der Wolkengucker

Wir stehen unter Spannung

Gretchen im Kerker

Kraniche über Potjma

Ein Märchen

Der italienische Engel

Jetzt haben wir den Salat

Die Affäre Pasternak

Bin umstellt, verloren, Beute

Die Wahrheit ihrer Agonie

EPILOG

Gedenken Sie dann meiner

Danksagung und Bemerkung zu den Quellen

Auswahlbibliographie

Namensregister

Ortsregister

Bildnachweis

Bildteil

Anmerkungen

PROLOG Spinnennetze entwirren

Gemessen an den heute geltenden Standards ist es fast unmöglich, den Grad der Berühmtheit nachzuvollziehen, den Boris Pasternak von den 1920er Jahren an in Russland genoss. Pasternak mag in der westlichen Welt als Verfasser des Liebesromans Doktor Schiwago, für den er den Nobelpreis erhalten hat, weltberühmt sein, in Russland hingegen ist er in erster Linie als Lyriker bekannt und wird dafür noch heute gefeiert. 1890 geboren, wuchs sein Ruhm mit Anfang dreißig sprunghaft an; bald füllte Pasternak große Vortragssäle mit jungen Studenten, Revolutionären und Künstlern, die zusammenkamen, um die Lesungen seiner Gedichte zu hören. Wenn er eine Kunstpause einlegte oder einen Hänger hatte, brüllte das ganze Publikum – ähnlich wie heutzutage bei Popkonzerten – die nächste Zeile seines Gedichtes im Chor.

»In Russland gab es einen sehr realen Kontakt zwischen dem Dichter und dem Publikum, viel intensiver als irgendwo sonst in Europa«, schrieb Boris’ Schwester Lydia über diese Zeit, »ganz bestimmt aber viel unmittelbarer, als man sich das in England vorstellen kann. Gedichtbände wurden in enormen Auflagen gedruckt und waren innerhalb weniger Tage nach Erscheinen ausverkauft. Überall in der Stadt hingen Plakate, die Lyrikabende ankündigten, und alle, die sich für Lyrik interessierten (und wer in Russland tat das nicht), strömten scharenweise in die Vortragssäle oder Theater, um ihre Lieblingsdichter zu hören.«1 Schriftsteller waren in der russischen Gesellschaft ungemein einflussreich. Während dieser unruhigen Jahre gab es keine glaubwürdigen Politiker, und so orientierte sich die Öffentlichkeit an ihren Schriftstellern. Literaturzeitschriften waren mächtige Instrumente für politische Meinungsmache. Boris Pasternak war nicht nur ein populärer Poet, der für seinen Mut und seine Aufrichtigkeit hochgeschätzt wurde. Eine ganze Nation verehrte ihn wegen seiner furchtlosen Stimme.

Schon in frühen Jahren wollte Pasternak einen großen Roman schreiben. Seinem Vater Leonid gestand er 1934: »Nichts von dem, was ich geschrieben habe, existiert … und jetzt verwandle ich mich schnell in einen Prosaiker der Dickens’schen, und anschließend, wenn die Kräfte ausreichen, in einen Lyriker – der Puschkin’schen Richtung. Glaub nicht, ich wollte mich mit ihnen vergleichen. Ich nenne sie, um dir einen Begriff von meiner inneren Verwandlung zu geben.«2 Pasternak tat seine Lyrik als zu einfach zu schreiben ab. Mit seinem ersten, 1917 veröffentlichten Gedichtband Über die Barrieren hatte er schon frühzeitig unerwarteten Erfolg. Dieses Werk gehörte bald zu den einflussreichsten Sammlungen, die jemals in russischer Sprache veröffentlicht wurden. Die Kritik pries den biographischen und historischen Stoff und bewunderte die kontrastierenden lyrischen und epischen Eigenschaften des Bandes. A. Manfred, der für die Kniga I revoljucija (Das Buch und die Revolution) schrieb, beobachtete eine neue, »expressive Klarheit« und hoffnungsvolle Signale, dass der Schriftsteller »in die Revolution hineinwachsen«3 werde. Pasternaks zweite Sammlung von zweiundzwanzig Gedichten, Meine Schwester, das Leben, 1922 veröffentlicht, erntete eine noch nie dagewesene literarische Würdigung. Die hier verbreitete Jubelstimmung verzückte die Leser, vermittelte sie doch die Euphorie und den Optimismus des Sommers 1917. Pasternak schrieb4, dass die Februarrevolution5 wie »aus Versehen« stattgefunden habe, und alle sich plötzlich frei fühlten. Es war Boris’ »berühmtester Gedichtband«6, wie seine Schwester Lydia bemerkte. »Die kultiviertere jüngere Generation literarisch interessierter Russen riss sich um das Buch.« Sie fanden, dass er die feinfühligsten Liebesgedichte im Bann seiner ganz persönlichen Bildersprache schrieb. Nachdem der Dichter Ossip Mandelstam Meine Schwester, das Leben gelesen hatte, verkündete er: »Pasternaks Verse zu lesen heißt, sich zu räuspern, seine Atmung zu kräftigen, die Lungen zu füllen; mit solcher Poesie ließe sich Tuberkulose heilen. Keine Dichtung ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt gesünder! Sie ist Kumys [vergorene Stutenmilch] verglichen mit Büchsenmilch.«7

»Die Gedichte meines Bruders sind ausnahmslos strikt rhythmisch und überwiegend im klassischen Versmaß gehalten«, schrieb Lydia später. »Pasternak hat wie Majakowski, der revolutionärste der russischen Dichter, niemals in seinem Leben eine einzige Zeile unrhythmischer Lyrik geschrieben, nicht, weil er sich etwa pedantisch an überholte Regeln klammerte, sondern weil ein instinktives Gefühl für Rhythmus und Harmonie in seiner Natur lag und er schlicht nicht anders schreiben konnte.«8 In einem Gedicht, das er kurz nach Erscheinen von Meine Schwester, das Leben schrieb, nahm Boris Abschied von der Lyrik. »Lebt wohl, meine Verse, meine Manie, ich habe eine Verabredung mit euch in einem Roman.«9 Und dennoch glorifizierte er das Schreiben von Prosa als zu schwierig. Doch unabhängig vom Genre verschmolz sein Werk die beiden Schreibformen miteinander. In seiner 1931 veröffentlichten Autobiographie Sicheres Geleit, einem manierierten Bericht über sein frühes Leben, seine Reisen und privaten Beziehungen, schrieb er: »Wir zerren den Alltag in die Prosa um der Poesie willen. Wir ziehen Prosa in die Poesie hinein um der Musik willen. So nannte ich in der weitesten Bedeutung des Wortes das Kunst …«10

1935 sprach Pasternak erstmals von seiner Absicht, sein künstlerisches Potenzial mit einem monumentalen Roman zu krönen. Und meine Großmutter, seine jüngere Schwester Josephine Pasternak1, war die Erste, der er bei ihrem letzten Treffen am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin sein Vorhaben anvertraute. Boris erzählte Josephine, dass in seinem Kopf die Saat eines Buches keimte; eine große Liebesgeschichte mit Symbolcharakter, die in der Zeit nach der Russischen Revolution spielen sollte.

Doktor Schiwago basiert auf Boris Pasternaks Beziehung zu der Liebe seines Lebens, Olga Wsewolodowna Iwinskaja, welche die Muse für Lara, die temperamentvolle Heldin des Romans, werden sollte. In dessen Mittelpunkt steht die leidenschaftliche Liebe zwischen Juri Schiwago, einem Arzt und Lyriker (eine Reverenz an Anton Tschechow, der ebenfalls Arzt war), und der Heldin Lara Guichard, einer Krankenschwester. Ihre Liebe wird auf eine harte Probe gestellt, denn Juri ist ebenso wie Boris verheiratet. Juris praktisch veranlagte Ehefrau Tonja ist Boris’ zweiter Frau Sinaida Neuhaus nachempfunden. Juri Schiwago ist ein halbautobiographischer Held; es ist das Buch einer Kämpfernatur.

Doktor Schiwago wurde zwar millionenfach verkauft, doch die wahre Liebesgeschichte dahinter ist bislang noch nie ganz erforscht worden. Pasternaks Familie wie auch seine Biographen haben die Rolle der Olga Iwinskaja in Boris’ Leben konsequent kleingeredet. Olga wurde regelmäßig geringgeschätzt und als »abenteuerlustig«, als »Verführerin« und als raffgierige Frau verunglimpft, die im Leben des Mannes und bei der Entstehung seines Buches nur eine unbedeutende Nebenrolle gespielt hatte. Als Pasternak den Roman zu schreiben begann, kannte er Olga noch nicht. Das traumatische Erlebnis der Lara, die als Teenager vom viel älteren Viktor Komarowski vergewaltigt wurde, erinnert stark an Sinaidas Erlebnisse mit ihrem sexuell übergriffigen Cousin. Doch kaum hatte Boris Olga getroffen und sich in sie verliebt, veränderte sich auch seine Lara, blühte auf und entwickelte sich zu Olgas Ebenbild.

Früher waren sowohl Olga wie auch deren Tochter Irina bei meiner Familie schlecht angesehen. Die Pasternaks spielten bei jeder Gelegenheit Olgas Bedeutung in Boris’ Leben und seinen literarischen Errungenschaften herunter. Die Familie hatte eine derart hohe Meinung von Boris, dass die Tatsache, dass er zwei Ehefrauen – Evgenija und Sinaida – hatte und obendrein in aller Öffentlichkeit eine Geliebte, nicht mit ihrem starren Moralkodex zu vereinbaren war. Hätten sie Olgas Platz in Boris’ Leben und in seinem Herzen akzeptiert, hätten sie zwangsläufig auch seine moralische Fehlbarkeit einräumen müssen.

Kurz bevor Josephine Pasternak starb, sagte sie wutentbrannt zu mir: »Es ist eine Schnapsidee, dass diese … Bekannte da überhaupt in Schiwago aufscheint.« Ihre Verachtung für »diese Verführerin« war tatsächlich so groß, dass sie sich standhaft weigerte, ihre Lippen mit deren Namen zu beschmutzen. Geblendet von der Verehrung für ihren Bruder, wollte sie der Wahrheit einfach nicht ins Auge sehen. Obwohl Boris in seinem letzten Brief an seine Schwester am 22. August 1958 schrieb, er hoffe, »mit Olga« in Russland zu reisen, und so den Stellenwert seiner Geliebten in seinem Leben unterstrich, weigerte Josephine sich, deren Existenz zur Kenntnis zu nehmen. Evgenij Pasternak, Boris’ Sohn aus erster Ehe, war da schon pragmatischer. Vielleicht mochte auch er Olga nicht, denn er ließ kaum Sympathien für sie erkennen, doch kam er mit der Situation deutlich besser zurecht. »Mein Vater hatte Glück, dass Lara ihn liebte«, sagte er mir 2012, kurz bevor er mit 89 Jahren starb. »Mein Vater brauchte sie. Er sagte immer: ›Lara existiert, also geh und besuch sie‹. Das war ein Kompliment.«

Erst 1946, als Boris 56 Jahre alt war, griff das Schicksal ein. Später schrieb er in Doktor Schiwago: »So hat der Sturm des Lebens dich zu mir geschleudert.«11 Es war in den Räumen von Nowy Mir, wo er die 34 Jahre alte Redaktionsassistentin Olga Iwinskaja kennen lernte. Sie war blond, von cherubinischer Schönheit, mit kornblumenblauen Augen und beneidenswert durchscheinender Haut. Ihr Auftreten war betörend – übernervös und stark gefühlsbetont, doch mit einer unterschwelligen Zartheit, die auf die Widerstandsfähigkeit einer Überlebenskünstlerin schließen ließ. Schon immer war sie ein glühender Fan von Pasternak gewesen, dem Helden der Lyrik. Beide fühlten sich gleichermaßen und unmittelbar voneinander angezogen, und der Grund dafür ist leicht zu erkennen. Beide waren melodramatische Romantiker, mit denen oft die Phantasie durchging. »An meinem Tisch am Fenster«, schrieb sie später, »stand unversehens dieser freigiebigste Mensch der Welt, dem das Recht zuteil geworden war, im Namen der Wolken, der Sterne und des Windes zu sprechen, er hatte ewig gütige Worte für männliche Leidenschaft und weibliche Schwäche gefunden. … Es hieß von Pasternak: Er lädt die Sterne an seinen Tisch zu Gast, die ganze Welt versammelt er auf seinem Bettvorleger.«12

Die Liebesgeschichte meines Großonkels hat mich so in ihren Bann gezogen, dass ich mittlerweile leidenschaftlich davon überzeugt bin, dass Doktor Schiwago weder beendet noch veröffentlicht worden wäre, wenn es Olga nicht gegeben hätte. Olga Iwinskaja bezahlte für ihre Liebe zu »ihrem Borja« einen enorm hohen Preis. In einem hochpolitischen Spiel wurde sie zu einem Bauernopfer. Ihre Geschichte zeugt von unvorstellbarer Courage, Loyalität, von Leid, Tragik, Drama und Verlust.

Ab Mitte der 1920er Jahre, als Stalin nach Lenins Tod die Macht übernahm, wurde verfügt, dass der Kommunismus individuelle Tendenzen nicht tolerieren werde. Stalin, ein Anti-Intellektueller, nannte Schriftsteller »Ingenieure der Seele« und sah in ihnen einflussreiche Kräfte, welche den kollektiven Interessen des Staates unterzuordnen seien. Er begann seinen Vorstoß zur Kollektivierung und damit zum Massenterror. Die Atmosphäre für Lyriker und Autoren, die ihre eigene Kreativität ausdrückten, wurde unerträglich repressiv. Nach 1917 wurden in der Sowjetunion fast anderthalbtausend Schriftsteller wegen angeblicher Gesetzesverstöße hingerichtet oder starben in Arbeitslagern. Unter Lenin waren willkürliche Verhaftungen zum Bestandteil des Systems geworden, da man glaubte, es sei im Interesse des Staates, lieber hundert Unschuldige einzusperren, als einen einzigen Staatsfeind laufen zu lassen. Eine Atmosphäre der Angst, von Kollegen oder früheren Schriftstellerfreunden denunziert zu werden, wurde in Stalins Regime, in dem alle ums Überleben kämpften, sogar aktiv gefördert. Viele Schriftsteller und Künstler begingen aus Furcht vor Verfolgung Selbstmord. Während Pasternaks halbautobiographischer Held Juri Schiwago 1929 stirbt, überlebte Boris selbst, obwohl er sich weigerte, sich den literarischen und politischen Diktaten jener Zeit zu unterwerfen.

Stalin, der Boris Pasternak aus unerfindlichen Gründen bewunderte, ließ den kontroversen Schriftsteller nicht verhaften; stattdessen schikanierte und verfolgte er dessen Geliebte. Zweimal wurde Olga Iwinskaja zu Haftstrafen in Arbeitslagern verurteilt. Sie wurde zu dem Buch verhört, an dem Boris arbeitete, weigerte sich jedoch hartnäckig, den Geliebten zu verraten. Die Nachsicht, die Stalin bei dem Schriftsteller walten ließ, konnte dessen Empörung über den Führer seines Landes nicht lindern: Er sei, wie Boris beklagte, »ein schrecklicher Mann, der Russland in Blut ertränkte.«13 In jener Zeit wurden schätzungsweise zwanzig Millionen Menschen getötet und achtundzwanzig Millionen deportiert, von denen die meisten Zwangsarbeiter in »Strafarbeitslagern« waren.14 Olga gehörte zu den Unzähligen, die grundlos in den Gulag geschickt wurden, wo man ihr wegen ihrer Beziehung zu Pasternak kostbare Jahre ihres Lebens stahl.

1934 hielt Alexej Surkow, ein Dichter und angehender Parteifunktionär, auf dem Ersten Kongress des sowjetischen Schriftstellerverbands eine Rede, in welcher er die sowjetische Sicht zusammenfasste: »Das riesige Talent B. L. Pasternaks wird sich erst dann gänzlich entfalten, wenn er sich mit dem gigantischen, bedeutenden und strahlenden Gegenstand, den die Revolution [darbietet], vollständig verbunden hat, und er wird nur ein großer Dichter werden, wenn er die Revolution organisch in sich aufgenommen hat.«15 Als Pasternak die Realität der Revolution erkannte, als er zusehen musste, wie seinem geliebten Russland das »Dach heruntergerissen« wurde, schrieb er seine eigene Version der Geschichte dieser Zeit in Doktor Schiwago, womit er das tyrannische Regime offen kritisierte. Dort sagt Juri zu Lara:

Die selbsternannten Vollstrecker der Revolution sind nicht deshalb so grausig, weil sie Unholde wären, sondern weil sie wie unlenkbare Mechanismen sind, wie entgleiste Lokomotiven. … Es zeigt sich aber, daß die Inspiratoren der Revolution im Chaos der Veränderungen und Umstellungen in ihrem Element sind und daß sie nicht Brot wollen, sondern irgend etwas von globalem Maßstab. Der Aufbau von Welten, Übergangsperioden, das ist ihnen Selbstzweck. Etwas anderes haben sie nicht gelernt, sie können nichts. Wissen Sie, woher die Hektik dieser ewigen Vorbereitungen kommt? Vom Fehlen ausgeprägter Begabungen, von ihrer Unfähigkeit.16

Im letzten Jahrhundert machten nur wenige literarische Werke eine solche Furore wie Doktor Schiwago. Erst 1957, über zwanzig Jahre, nachdem Pasternak sich zum ersten Mal Josephine anvertraut hatte, wurde das Buch publiziert, in Italien. Obwohl es unmittelbar zum internationalen Bestseller avancierte und obwohl Pasternak damals als »größter, lebender Schriftsteller« Russlands galt, sollte es dreißig Jahre dauern, bis sein Buch, das als antirevolutionär und unpatriotisch angesehen wurde, 1988 in seinem heißgeliebten »Mütterchen Russland« veröffentlicht werden durfte. Der Kulturkritiker Dmitri Lichatschow, Ende des 20. Jahrhunderts weltweit führender Experte für altrussische Sprache und Literatur, sagte, dass Doktor Schiwago kein Roman im herkömmlichen Sinne sei, sondern vielmehr »eine Art Autobiographie«17 des Seelenlebens des Dichters. Der Held, so glaubte er, sei kein aktiv Handelnder, sondern ein Fenster zur Russischen Revolution.

1965 schrieb David Lean Filmgeschichte mit seiner Umsetzung des Romans, in den Hauptrollen Julie Christie als Lara und Omar Sharif als Juri Schiwago. Der Film gewann fünf Oscars und war für fünf weitere nominiert. Leans Hollywood-Klassiker hat bei seinen Besuchern die gleichen magischen, unauslöschlichen Bilder hinterlassen wie Pasternaks Prosa. Es ist der Film mit den achthöchsten Einspielergebnissen in der amerikanischen Filmgeschichte. Robert Bolt, der einen Oscar für das Drehbuch erhielt, sagte zur Adaption von Pasternaks Werk: »Ich habe noch nie etwas so Schwieriges gemacht. Es war, als wollte ich Spinnennetze entwirren.«18 Omar Sharif kommentierte es so: »Doktor Schiwago umspannt Generationen, doch ohne den menschlichen Geist zu überfordern. Das ist das Geniale an Boris Pasternak.« Zur ungebrochenen Aktualität der Story stellte er fest: »Das Buch beweist, dass wahre Liebe zeitlos ist. Doktor Schiwago war ein Klassiker und wird es für alle Generationen bleiben.«19

Ein russisches Sprichwort sagt: »Russland lässt sich nicht mit dem Verstand begreifen. Man kann es nur mit dem Herzen verstehen.« Als ich Russland zum ersten Mal besuchte und durch Moskau schlenderte, beschlich mich ein fast unheimliches Gefühl: Ich empfand mich nicht als Tourist, sondern als jemand, der nach Hause kam. Es war nicht so, dass mir Moskau vertraut gewesen wäre, aber ich fühlte mich auch nicht fremd hier. An einem verschneiten Abend im Februar stapfte ich auf der breiten Twerskaja-Straße durch den Schnee, um im Café Puschkin zu Abend zu essen, als mir schlagartig bewusst wurde, dass die Jungverliebten Boris und Olga vor über sechzig Jahren viele Male genau denselben Bürgersteig entlanggelaufen waren.

Als ich inmitten der unzähligen flackernden Wachskerzen im Café Puschkin saß, das einer Aristokratenwohnung aus den 1820er Jahren nachempfunden ist – eine Bibliothek auf der umlaufenden Galerie, Bücherregale an den Wänden, üppig verzierte Schmuckleisten, Fresken an den hohen Zimmerdecken, zurückhaltende Atmosphäre –, spürte ich, wie mich der Hauch der Geschichte umwehte. Das Restaurant liegt in der Nähe des ehemaligen Verlagshauses der Nowy Mir, Olgas früherer Arbeitsstelle auf dem Puschkin-Platz. Ich stellte mir vor, dass Olga und Boris draußen vorbeigingen, eingepackt in ihren schweren Mänteln, die Köpfe zusammengesteckt, die Kragen ihrer Mäntel zum Schutz gegen den Schnee hochgeschlagen, die Herzen brennend vor Verlangen.

Fünf Jahre später spazierte ich bei einem weiteren Besuch in Moskau zur Puschkin-Statue, die 1898 errichtet worden war und unter welcher Boris und Olga sich in den Anfängen ihrer Liebesbeziehung regelmäßig verabredeten. Hier war es auch gewesen, wo er Olga zum ersten Mal seine tiefen Gefühle offenbarte. 1950 war die gewaltige Statue von einer Seite des Puschkin-Platzes zur anderen versetzt worden; so hatten die beiden ihre Liebesbeziehung vermutlich an der Westseite des Platzes begonnen und waren 1950 zur Ostseite übergewechselt, wo ich nun stand und zu den riesigen Bronzefalten des Umhangs hinaufsah, die über Puschkins Rücken fielen. Marina, meine Moskauer Fremdenführerin, die Putin und die aktuelle Regierung verehrte, sah mich unter der Puschkin-Statue stehen, stellte sich Boris genau an dieser Stelle vor und sagte: »Boris Pasternak ist jetzt im Himmel. Er ist für so viele von uns ein Idol, selbst für diejenigen, die mit Lyrik nichts am Hut haben.«

Bei dieser respektvollen Betrachtung dachte ich an mein Treffen mit Olgas Tochter Irina Jemeljanowa ein paar Monate zuvor in Paris. »Ich danke Gott dafür, dass ich diesen großen Dichter kennen lernen durfte«, sagte sie zu mir. »Bevor wir uns in den Mann verliebten, waren wir ja schon in den Dichter verliebt. Ich war immer verrückt nach Gedichten, und meine Mutter war wie Generationen von Russen verrückt nach Pasternaks Gedichten. Du kannst dir nicht vorstellen, welch eine Wirkung es hatte, Boris Leonidowitsch [sein russischer Vatername2] nicht nur in unseren Gedichten zu haben, sondern auch in unserem Leben.«

In Doktor Schiwago machte Pasternak Irina in der Figur von Laras Tochter Katenka unsterblich. Als Irina heranwuchs, entwickelte sich zwischen ihr und Boris eine ausgesprochen enge Beziehung. Er liebte sie als die Tochter, die er nie hatte, und vertrat bei ihr die Vaterfigur besser als jeder andere Mann in ihrem Leben. Irina stand vom Tisch auf, an dem wir saßen, und holte ein Buch aus ihren gut sortierten Regalen. Es war eine Übersetzung von Goethes Faust, die Boris ihr geschenkt hatte; auf dem Titelblatt gab es seine mit schwarzer Tinte geschriebene Widmung, in seiner schwungvollen, flüssigen Handschrift, die nach Olgas Worten »wie Kranichschwingen über das Papier«20 flog. Boris hatte der damals 17-jährigen Irina auf Russisch geschrieben: »Iroschka, das ist Dein Exemplar. Ich baue auf Dich, und ich glaube an Deine Zukunft. Sei kühn in Deiner Seele und Deinem Verstand, in Deinen Träumen und Deinen Vorhaben. Setze Dein Vertrauen in die Natur, in den Geist Deiner Bestimmung, in Ereignisse von Bedeutung – und nur in die wenigen Menschen, die Du tausendmal geprüft und Deines Vertrauens für würdig befunden hast.«

Stolz las Irina mir seinen letzten Eintrag auf der Seite vor: »Fast wie ein Vater, Dein BP. 3. November 1955, Peredelkino.« Zärtlich strich sie mit der Hand über die Seite und sagte traurig: »Es ist ein Jammer, dass die Tinte allmählich ausbleicht.«

Einen zeitlosen Augenblick lang betrachteten wir die Widmung, und vielleicht dachten wir dasselbe, dass irgendwann alles Kostbare im Leben schwindet. Irina klappte das Buch zu, streckte sich und sagte: »Du kannst dir nicht vorstellen, wie unsere Bekanntschaft mit Pasternak unser Leben verändert hat. Immer wenn ich zu seinen Lyriklesungen ging, beneideten mich alle meine Freundinnen, meine Englischlehrerin und die anderen Lehrer darum. ›Du kennst Boris Leonidowitsch wirklich persönlich?‹, fragten sie mich oft ehrfurchtsvoll. ›Sag mal, kannst du uns sein neuestes Gedicht besorgen?‹ Dann fragte ich seine Sekretärin, ob er vielleicht nur eine einzige Zeile seines Gedichts herausrücken würde, und manchmal gab er mir dann ein ganzes Gedicht, das ich verteilen durfte. In der Schule war ich der absolute Star; man könnte sagen, dass sein Ruhm auf mich abgefärbt hat.«

Dass das russische Volk Pasternak bis heute verehrt, liegt nicht allein an der unverändert großen Kraft seiner Worte, sondern auch daran, dass er seine Loyalität zu Russland niemals in Frage gestellt hat. Seine große Liebe galt seinem Vaterland; am Ende war sie stärker als alles. Er verweigerte die Annahme des Nobelpreises für Literatur, nachdem die sowjetischen Behörden gedroht hatten, ihm die Wiedereinreise zu verwehren, falls er sein Land verließe. Und er emigrierte nie, verzichtete darauf, seinen Eltern nach der Revolution von 1917 zunächst nach Deutschland und dann nach England zu folgen.

Als ich nach Peredelkino zur Schriftstellerkolonie hinausfuhr, fünfzig Autominuten von der Stadtmitte Moskaus entfernt, wo Boris fast zwei Jahrzehnte lang gelebt und an Doktor Schiwago geschrieben hatte, befiel mich eine tiefe Traurigkeit. Ich setzte mich an seinen Schreibtisch im Arbeitszimmer im oberen Stockwerk der Datscha und strich mit dem Finger über die schwach sichtbaren Ringe, die seine Kaffeetasse vor gut fünfzig Jahren auf dem Holz hinterlassen hatte. Vor dem Fenster hingen Eiszapfen, was mir David Leans Film ins Gedächtnis rief: Ich erinnerte mich an Varykino, das verlassene Anwesen aus dem Roman, wo Juri seine letzten Tage mit Lara verbringt und das in der Sonne und im Schnee glitzert; an das zarte Spitzenmuster des Raureifs auf den Fensterscheiben; an die kristalline, so wunderbar auf die Filmleinwand gezauberte Magie. Und ich hatte die natürliche Schönheit der Julie Christie unter der Pelzmütze vor Augen, die seine Lara verkörperte. Ich dachte an meinen Großonkel Boris, stellte mir vor, wie er aus dem Fenster in den Garten schaut, den er so liebte, an den Kiefern vorbei hinaus zur Preobraschenski-Kirche. Ganz hinten liegt der Friedhof von Peredelkino, auf dem er beerdigt wurde. Ein paar Stunden zuvor waren mein Vater – Boris’ Neffe – und ich durch die tiefen Schneeverwehungen auf dem Friedhof zu seinem Grab gestapft; ich war tief berührt, als ich dort einen Strauß langstieliger gefrorener rosaroter Rosen sah, die vermutlich einer seiner Verehrer an seinen Grabstein gelegt hatte. Mir fiel auf, dass keines von Boris’ Worten den Grabstein schmückte. Nur sein Gesicht war in den Stein geätzt. Kraftvolle Einfachheit: Es bedarf keiner Worte.

In Boris’ Arbeitszimmer lehnte ich mich in seinem Stuhl zurück und sinnierte, wie oft er wohl den Blick von der sanften Hügellandschaft abgewandt und sich mit neu gewonnener Inspiration seinem Blatt zugewandt haben mochte (er schrieb mit der Hand), um sehnsuchtsvolle Szenen zwischen Juri und Lara zu erschaffen. Während ich dort saß, fiel draußen leichter Schnee und vertiefte die Stille. Die Schlichtheit des Zimmers schmerzt fast. In einer Ecke steht ein schmales schmiedeeisernes Bett, darüber hängt eine Skizze von Tolstoj und links und rechts davon Skizzen der Familie von seinem Vater Leonid. Das Bett hätte mit seinem tristen, grau gemusterten Überwurf und dem rötlich braunen quadratischen Teppichabschnitt davor auch gut in eine Klosterzelle gepasst. An der gegenüberliegenden Wand ein Bücherregal: die russische Bibel, Werke von Einstein, eine Gedichtsammlung von W. H. Auden, T. S. Eliot, Dylan Thomas, Emily Dickinson, Romane von Henry James, die Autobiographie von Yeats und sämtliche Werke von Virginia Woolf (Josephine Pasternaks Lieblingsautorin), dann noch Shakespeare und die Lehren von Jawaharlal Nehru. Zum Schreibtisch hin ausgerichtet eine Staffelei mit einem großen Schwarz-Weiß-Foto von Boris. Er trägt einen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd und eine dunkle Krawatte; damals war er schätzungsweise in meinem Alter, also um Mitte vierzig. Aus seinen Augen sprechen Qual, Leidenschaft, Entschlossenheit, Resignation, Angst und Wut. Seine fast geschürzten Lippen künden von tiefer Überzeugung. Sein Allerheiligstes ließ das Weiche, Tröstliche vermissen; seine Sinnlichkeit war seiner Prosa vorbehalten.

Ich dachte über Boris’ Mut nach, den Mut, auf diesem Stuhl zu sitzen und seine Wahrheit über Russland zu Papier zu bringen. Wie er den sowjetischen Machthabern trotzte und wie Verfolgung und Todesdrohungen irgendwann ihren Tribut forderten. Wie er, ungeachtet dessen, dass er Stalin überlebt hatte und ungeachtet seiner kolossalen literarischen Errungenschaften seine letzten Jahre hier in erzwungener Isolation lebte, während die sowjetischen Machthaber ihn beobachteten und jeden seiner Schritte überwachten. Sein Arbeitszimmer wurde zu seiner persönlichen Quarantänestation; er schrieb im oberen Stockwerk; seine Frau Sinaida hielt sich unten auf, rauchte Kette, spielte Karten oder saß vor dem Ungetüm eines uralten Sowjetfernsehers, eines der ersten, die je gebaut worden waren.

Und ich stellte mir seine Geliebte Olga Iwinskaja in seinen letzten Lebensjahren vor, wie sie jeden Nachmittag ungeduldig in dem einen Kilometer entfernten »Kleinen Haus« in Ismalkowo auf der anderen Seite des Sees auf ihn wartete. Hier tröstete und unterstützte sie ihn, baute ihn auf und tippte seine Manuskripte ab. Doch in diesem Haus deutet weder ein lieb gewordenes Foto oder ein Gemälde auf sie hin – das erzeugt einen Missklang. Denn was soll die Liebesgeschichte in Doktor Schiwago anderes sein als ein leidenschaftlicher cri de cœur nach Olga? Ich dachte darüber nach, wie unermüdlich sie ihn für sein Talent pries, als die Machthaber höhnisch verkündeten, er habe keines; wie sie Freude und Zärtlichkeit in sein Leben brachte, als alles um ihn herum so strategisch, politisch und zermürbend war. Wie sie ihn liebte, aber ebenso wichtig, wie sie ihn verstand. Viele Künstler sind egoistisch und maßlos; er war es auch. Es wäre ein Leichtes, daraus den Schluss zu ziehen, dass Boris Olga benutzte. Es ist meine Absicht zu zeigen, dass sein großes Versäumnis vielmehr darin lag, dass er ihrer unerschütterlichen Loyalität und moralischen Beharrlichkeit nichts gleichzusetzen hatte. Er versäumte es, das Einzige zu tun, was in seiner Macht gestanden hätte: Er hat sie nicht geschützt.

Als ich mich ein letztes Mal in seinem Arbeitszimmer umsah, war mir klar, dass ich ein Buch schreiben und einen Erklärungsversuch wagen wollte, weshalb er diesen für ihn uncharakteristischen Akt moralischer Feigheit beging und seinen Ehrgeiz über sein Herz stellte. Könnte ich verstehen lernen, weshalb er sich so und nicht anders verhielt, und könnte ich das Ausmaß seines Leids und seiner Selbstzerfleischung nachvollziehen – wäre ich dann in der Lage, ihm zu vergeben, dass er sich und seine wahre Liebe verraten hat? Dass er sich nicht öffentlich zu Olga bekannte und dass er sie nicht heiratete, als sie ihr Leben wegen ihrer Liebe zu ihm aufs Spiel setzte? In Doktor Schiwago schrieb er: »Wie er sie liebte! Wie schön sie war! Sie war genauso beschaffen, wie er immer geglaubt und geträumt hatte, dass es für ihn notwendig sei! … Es war die unvergleichliche einfache und behende Linie, mit der der Schöpfer sie in einem einzigen Zug gezeichnet hatte, und dieser göttliche Umriß war seiner Seele in die Hände gegeben, so wie ein gebadetes Kind in das Laken gewickelt wird.«21

1 Josephine heiratete ihren Cousin Frederick Pasternak, weshalb der Familienname fortgeführt wurde.

2 Alle Russen haben drei Namen. Einen Vornamen, den Namen des Vaters und einen Familiennamen. Der Vatername ergibt sich aus dessen Vornamen. Die übliche Anredeform unter Erwachsenen ist der Vorname und der Vatername.

1 Ein Mädchen aus anderen Kreisen

Nowy Mir (»Neue Welt«), die führende literarische Monatszeitschrift der Sowjetunion, bei der Olga Iwinskaja arbeitete, wurde 1925 gegründet. Literaturzeitschriften wie Nowy Mir, das offizielle Organ des Schriftstellerverbands der UDSSR, genossen in der stalinistischen Ära enormen Einfluss und konnten sich einer zigmillionenfachen Leserschaft erfreuen. Sie sorgten für die Verbreitung politischer Ideen in einem Land, in dem politische Auseinandersetzungen einer strengen Zensur unterlagen, und deren Macher verfügten in der russischen Gesellschaft über ungeheure Macht. Die Büroräume am Puschkin-Platz befanden sich in einem vornehmen, ehemaligen Ballsaal mit kräftig dunkelrot gestrichenen Wänden und vergoldeten Deckenleisten. Dort hatte einst Puschkin getanzt. Der Herausgeber der Zeitschrift, der Dichter und Autor Konstantin Simonow, war eine flamboyante Erscheinung mit silbriger Haarmähne, der gern protzige Siegelringe trug und lose geschnittene Anzüge, die in Amerika gerade der letzte Schrei waren. Er legte größten Wert darauf, »lebende Klassiker« für das Magazin zu gewinnen, und zählte Pawel Antokolski, Nikolai Tschukowski und Boris Pasternak zu seinen Aushängeschildern. Olga war für die Abteilung Neue Autoren zuständig.

An einem frostigen Tag im Oktober 1946, als draußen feiner Schnee vom Himmel wirbelte, wollte Olga mit ihrer Freundin Natascha Bianchi, der Herstellungsleiterin der Zeitung, zum Mittagessen gehen. Als Olga gerade ihren Fehfellmantel anzog, hielt ihre Kollegin Sinaida Piddubnaja sie auf: »Boris Leonidowitsch, erlauben Sie mir, Ihnen eine ihrer glühendsten Verehrerinnen vorzustellen«, sagte sie und deutete auf Olga.22

Olga war wie vom Donner gerührt. »Dieser Gott stand nun … auf dem Teppichläufer, und er lächelte ausgerechnet mich an.«23 Mutig hielt sie ihm die Hand zum Handkuss hin. Boris beugte sich über ihre Hand und fragte, welche seiner Bücher sie denn besitze. Verblüfft und verzückt, ihrem Idol Auge in Auge gegenüberzustehen, antwortete Olga, dass sie nur eines habe. Er sah überrascht aus. »Nun, dann werde ich ihnen noch ein paar beschaffen«, sagte er, »obwohl ich fast alle Exemplare weggegeben habe.« Boris erzählte, dass er sich hauptsächlich mit Übersetzungsarbeiten beschäftigte, wegen der momentanen harten Restriktionen kaum noch Gedichte schrieb und nach wie vor Shakespeare-Theaterstücke übersetzte.

Während seiner ganzen schriftstellerischen Karriere bestritt Pasternak sein Einkommen vorwiegend mit solchen Aufträgen. Er beherrschte mehrere Sprachen, darunter Französisch, Deutsch und Englisch, und so galt sein besonderes Interesse den Feinheiten und Problemen der Übersetzungsarbeit. Dank seiner außergewöhnlichen Interpretationsgabe und seiner Fähigkeit, das Wesentliche umgangssprachlich vollendet umzusetzen, wurde er später der führende Shakespeare-Übersetzer in Russland und für seine Errungenschaften auf diesem Gebiet sechs Mal für den Nobelpreis vorgeschlagen. 1943 hatte die britische Botschaft ihm brieflich ihre Anerkennung und Dankbarkeit für seine Leistungen bei der Übersetzung dieses Dichters ausgesprochen. Die Arbeit sicherte ihm jahrelang ein regelmäßiges Einkommen. 1945 erzählte er einem Freund: »Shakespeare, der alte Mann aus Tschistopol, ernährt mich wie eh und je.«24

»Und dann, wissen Sie, arbeite ich an einem Roman«, erzählte er Olga bei Nowy Mir, »was dabei herauskommen wird, weiß ich noch nicht. Ich möchte vom alten Moskau erzählen – davon wissen Sie nichts mehr –, und ich möchte über Kunst sprechen, wie ich sie auffasse, und ein paar Gedanken darüber formulieren.«25 Damals trug der Roman den Arbeitstitel »Jungen und Mädchen«. Er hielt kurz inne und setzte ein wenig verlegen hinzu: »Wie interessant, dass ich noch Anhängerinnen habe.« Auch mit sechsundfünfzig Jahren und damit über zwanzig Jahre älter als Olga, galt Pasternak mit seiner athletischen, auffälligen Erscheinung als gutaussehend, auch wenn sein in die Länge gezogenes Gesicht oft mit dem eines Araberhengstes verglichen wurde – was auch angesichts seiner großen gelblichen Zähne nicht unbedingt ein Kompliment war. Dass Boris bezweifeln sollte, Anhänger zu haben, entbehrt nicht einer gewissen Koketterie, denn er wusste sehr genau, dass er auf Menschen hypnotisierend wirkte und von Männern wie Frauen gleichermaßen angebetet wurde. Der russische Lyriker Andrej Wosnessenski, der Pasternak später als Mentor gewinnen sollte, war schon bei seinem ersten Zusammentreffen mit dem Dichter ebenfalls im Jahr 1946 von dessen blendender Erscheinung fasziniert:

»Er war gleich mitten im Gespräch. … Seine Wangenknochen bebten sacht, wie dreieckige Schwingen, wenn sie vor dem Flügelschlag eng an den Körper gepreßt sind. Ich vergötterte ihn. In ihm war Kraft und Schwung und eine himmlische Ungeschicklichkeit. Beim Sprechen ruckte und reckte er das Kinn hoch, als wollte er sich des Kragens entledigen und des eigenen Leibes. … Seine kurze Nase hatte unmittelbar unter der Nasenwurzel einen Höcker und verlief dann gradlinig, einem dunkel getönten winzigen Gewehrkolben gleich. Die Lippen einer Sphinx. Kurzgeschorenes graues Haar. Das Wichtigste aber war die rollende, dampfende Welle von Magnetismus.«26

Sein ganzes Leben lang waren die Frauen hinter Boris Pasternak her. Dabei hatte er nichts von einem Don Juan an sich; es war eher das Gegenteil. Er verehrte Frauen, empfand für sie eine tiefe Empathie, da er sah, dass Frauen wie auch Dichter in ihrem Seelen- und Gefühlsleben oft mit komplexen und verwickelten Situationen zu kämpfen hatten. Sein schicksalhaftes Treffen mit Olga bei Nowy Mir sollte sich als die größte Verwicklung erweisen, die sein emotionales und kreatives Leben untrennbar miteinander verwob.

Nachdem er ein paar Worte mit Sinaida Piddubnaja gewechselt hatte, küsste er beiden Frauen die Hand und ging. Olga war wie vom Donner gerührt. Es war einer dieser lebensverändernden Momente, in denen sie fühlte, dass ihre Welt aus den Angeln gehoben wurde. »Ich war im Innerstenerschüttert von etwas Unbenennbarem, als der Blick meines Gottes mich durchdrang. Dieser Blick war so fordernd, so männlich prüfend, daß es überhaupt keinen Irrtum gab: Der einzige mir notwendige Mensch war gekommen, jener Mensch, der im Grunde genommen schon immer bei mir war. Das war das erschütternde Wunder.«27

In Doktor Schiwago lernt der Leser Lara im Kapitel 2 »Ein Mädchen aus anderen Kreisen« kennen. Juri Schiwagos erste Eindrücke von Lara basieren auf den ersten Treffen zwischen Boris und Olga: »›Sie legt keinen Wert darauf zu gefallen, schön oder gewinnend zu sein‹, dachte er. ›Sie verachtet diese Seite des weiblichen Wesens und hadert gleichsam mit sich wegen ihrer Schönheit. Diese stolze Feindseligkeit gegen sich selbst macht sie noch zehnmal anziehender.‹«28

Irina erinnerte sich, dass es zwischen Boris und Olga sofort funkte: »Boris hatte eine Schwäche für die spezielle Schönheit meiner Mutter. Es war eine müde Schönheit, nicht die einer strahlenden Siegerin, es war fast schon die Schönheit eines bezwungenen Opfers. Die Schönheit des Leidens. Wenn Boris in die schönen Augen meiner Mutter blickte, konnte er wahrscheinlich unendlich vieles darin sehen.«

Am folgenden Tag schickte Pasternak ein Paket an Olga. Fünf Gedichtbändchen und Übersetzungen landeten auf ihrem Schreibtisch bei Nowy Mir. Sein beharrliches Werben um sie hatte begonnen.

Vierzehn Jahre zuvor hatte Olga Boris zum ersten Mal gesehen. Damals war sie Studentin an der Moskauer Fakultät für Literatur und besuchte einen seiner Lyrikabende. Sie eilte gerade durch den Korridor zu ihrem Sitzplatz im Herzen-Haus in Moskau und freute sich darauf, dem »Helden der Lyrik« zu lauschen, der sein berühmtes Gedicht »Marburg« vortragen wollte, eine Chronik seiner ersten Liebe und seines ersten Liebeskummers. Gerade kündigte die Glocke den Beginn der Lesung an, da lief der nervöse schwarzhaarige Dichter plötzlich an ihr vorbei. Ihr war, als durchzuckte ihn eine elektrische Energie, als sei er jemand, den »die Leidenschaft … schüttelt«29. Nachdem er seine Lesung beendet hatte, drängte die erregte Menge zum Podium und umringte ihn. Olga sah, wie ein Taschentuch, das ihm gehörte, in Fetzen gerissen wurde und die Fans sogar die letzten Tabakbrösel aus seinen Zigarettenkippen aufsammelten und als kostbare Trophäen mitnahmen.

1946, über ein Jahrzehnt später, Olga war nun vierunddreißig, bekam sie eine Eintrittskarte für einen Abend in der Bibliothek des Historischen Museums, wo Pasternak aus seinen Shakespeare-Übersetzungen lesen sollte. Pasternaks erste Liebe, Ida Davidowna Wisotskaja, hatte ihn mit den Werken von Shakespeare in Berührung gebracht, als Boris an der Universität Marburg studierte; Ida war die Inspiration für sein Gedicht »Marburg« gewesen. Er hatte der Tochter eines wohlhabenden Moskauer Kaufmanns als jungem Mädchen Privatunterricht erteilt. 1912 waren Ida und ihre Schwester zu Besuch in Cambridge, wo Ida William Shakespeare und die englische Lyrik für sich entdeckte. Später im gleichen Sommer verbrachte sie drei Tage mit Boris in Marburg und schenkte ihrem Freund, der ernste Absichten hatte, eine Ausgabe der Stücke Shakespeares. Damit gab sie ihm indirekt den Anstoß zu einer neuen Berufung.

Am 5. November 1939 wurde Pasternaks Übersetzung des Hamlet, die der große Theaterdirektor Wsewolod Meyerhold angefordert hatte, im Moskauer Tschechow-Kunsttheater zur Aufführung freigegeben. Dies erfüllte Pasternak mit unendlichem Stolz, nicht zuletzt deshalb, weil die 1930er für ihn ein Jahrzehnt des Terrors und der Enttäuschungen gewesen waren. Gerade, als Pasternak sich für sein Vorhaben erwärmt hatte, den Roman zu schreiben, hielten äußere Umstände ihn von der Verwirklichung seines kreativen Traums ab. Zunächst hinderten ihn finanzielle Schwierigkeiten daran und später Isolation, Depressionen und Angst. 1933 hatte er an Maxim Gorki, den Patriarchen der Sowjetliteratur und Gründer des Literaturstils »Sozialistischer Realismus« geschrieben, dass er unbedingt kurze Arbeiten schreiben und schnell veröffentlichen müsse, um seine Familie zu ernähren, die sich nach Scheidung und Wiederverheiratung verdoppelt hatte.30 Damals schon war Pasternaks Einstellung zu seiner Arbeit von Risikofreude geprägt. Für ihn, der sich dagegen sperrte, als Sprachrohr der sowjetischen Propaganda zu dienen, war es ein moralisches Gebot, die Wahrheit über diese Epoche zu schreiben. Er fand es unredlich, vor einem Hintergrund allgemeiner Entbehrungen in einer privilegierten Position zu sein. Doch wurde die Veröffentlichung seiner Arbeiten wegen Problemen mit der Zensur regelmäßig verzögert.

Im August 1929 wurde die gesamte literarische Zunft von einem Thema betroffen, das in der Presse hochkochte. Während der 1920er war es bei sowjetischen Schriftstellern gängige Praxis, im Ausland zu veröffentlichen, um sich ein internationales Copyright zu sichern (die UDSSR gehörte nicht zu den Unterzeichnerstaaten einer internationalen Copyright-Konvention) und die amtliche Zensur zu umgehen. Am 26. August beschuldigte die Sowjetpresse zwei Autoren, Evgenij Samjatin und Boris Pilnjak, die im Ausland publizierten, des schweren Landesverrats und antisowjetischer Verleumdung.31 Die von Partei und Staat organisierte Verunglimpfungskampagne, die durch die Presse ging, hielt mehrere Wochen an und rief bei der schreibenden Zunft Angst und Verunsicherung hervor. Schließlich emigrierte Samjatin nach Frankreich, und Pilnjak wurde gezwungen, aus der Schriftstellergewerkschaft auszutreten. Pasternak nahm sich diese Fälle sehr zu Herzen, zumal er mit beiden Schriftstellern nicht nur stilistisch auf einer Linie lag, sondern auch persönliche Beziehungen pflegte. Diese literarischen Hexenjagden fielen mit der Kollektivierung der Landwirtschaft zusammen. In den folgenden paar Jahren sollte der brutal durchgesetzte Erlass die ländliche Ökonomie zugrunde richten und Millionen von Menschen das Leben kosten.

Am 21. September 1932 fügte Pasternak einer in Arbeit befindlichen Gedichtsammlung in der staatlichen Verlagsanstalt Federazija eine Anmerkung hinzu. »Die Revolution geht so unglaublich unnachsichtig mit den Hunderttausenden und Millionen um, und wie sanft hingegen behandelt sie diejenigen mit Qualifikationen und garantierten Posten.«32 Die Tatsache, dass er die Nöte in dieser grausamen Periode des nachrevolutionären Russlands in seiner Lyrik schonungslos äußerte, brachte ihm Attacken und Unmutsäußerungen seitens der sowjetischen Machthaber ein. Doch Boris ließ sich nicht einschüchtern. Sein Sohn Evgenij kommentierte das so: Er »musste der Zeuge der Wahrheit und die Stimme des Gewissens für seine Epoche werden«.33 Vielleicht lag es daran, dass Boris sich den Rat seines Vaters zu Herzen nahm: »Sei aufrichtig in deiner Kunst«, hatte Leonid Pasternak ihn bestärkt, »dann werden deine Feinde keine Macht über dich haben.«

Im Sommer 1930 schrieb Pasternak das Gedicht »An einen Freund«, das er mutig mit der Widmung »Für Boris Pilnjak« versah. Pilnjaks neueste Novelle Mahagoni, ein idealisiertes Portrait eines trotzkistischen Kommunisten, war in Berlin veröffentlicht und in der Sowjetunion verboten worden. Pasternaks Gedicht wurde 1931 in der Nowy Mir und im Nachdruck von Über die Barrieren veröffentlicht. Das Gedicht, als Solidaritätsbekenntnis mit Pilnjak und als Warnung geschrieben, dass Schriftsteller unter Beschuss standen, zog vernichtende Kommentare der rechtgläubigen Kollegen und Kritiker Pasternaks nach sich. Paradoxerweise führte es zu mehr Kontroversen als der Standpunkt, den Pilnjak und seine Novelle vertraten. In »Für Boris Pilnjak« schrieb Pasternak:

Meß ich mich nicht am Fünfjahrplane,

Strauchle ich nicht, lern ich nicht mit ihm laufen?

Doch wohin, sag, mit meinem Rippenkasten,

Der Trägheit, träger als ein Kehrichthaufen?

Vergebens, in der Zeit des Großen Rates,

Da hohe Leidenschaft das Feld besetzt,

Strebt keiner nach dem freien Dichteramte:

Gefährlich jedem, der die Feder netzt.34

1933 war es offensichtlich geworden, dass die Kollektivierung – die mindestens fünf Millionen Kleinbauern das Leben gekostet hatte – eine schreckliche und unumkehrbare Katastrophe war. Pasternak schrieb später in Doktor Schiwago: »Ich meine, die Kollektivierung war eine falsche, mißlungene Maßnahme, und sie wollten nur nicht den Fehler zugeben. Um den Mißerfolg zu bemänteln, mußten sie den Menschen mit allen Abschreckungsmitteln das Denken und Urteilen abgewöhnen und sie zwingen, Nichtvorhandenes zu sehen und dem Augenschein Zuwiderlaufendes zu behaupten. Daher die beispiellose Grausamkeit der Jeshow-Zeit, die Verkündung der Verfassung, die gar nicht angewendet werden sollte, und die Einführung von Wahlen, die überhaupt nicht auf dem Wahlprinzip beruhten.

Als der Krieg ausbrach, waren seine realen Entsetzlichkeiten, seine realen Gefahren und seine realen Todesdrohungen geradezu ein Segen, verglichen mit der unmenschlichen Herrschaft von Ausgedachtem, sie brachten Erleichterung, denn sie schränkten die Zauberkraft des toten Buchstabens ein.«35 An anderer Stelle sagt Juri zu Lara: »Alles Überkommene, Eingefahrene, alles, was mit dem täglichen Leben, dem häuslichen Nest und der menschlichen Ordnung zu tun hat, ist im Zusammenhang mit dem Umsturz der Gesellschaft und ihrem Umbau zu Staub zerfallen. Alle Sitten und Gebräuche sind umgestoßen und zerstört. Geblieben ist einzig die nicht alltägliche, unbemühte Macht der nackten, bis auf den letzten Faden ausgeplünderten Herzenswärme …«36

Während der großen Säuberung in den 1930ern, der ein Großteil der bolschewistischen Elite, Generäle, Schriftsteller und Künstler zum Opfer fiel, sah sich Pasternak zunehmend zum Stillhalten gezwungen, überzeugt davon, dass auch er nicht mehr lange auf einen nächtlichen Besuch werde warten müssen. Seine Verzweiflung verstärkte sich, als der Regisseur Wsewolod Meyerhold, kurz nachdem er ihn um die Übersetzung des Hamlet gebeten hatte, mit seiner Frau Sinaida Reich von der Geheimpolizei liquidiert wurde. Tapfer arbeitete Boris an seiner Übersetzung weiter, die ihm »den mentalen Spielraum gab, seiner ständigen Angst zu entfliehen.«37

Sein Mut zahlte sich aus. Am 14. April 1940 wurde er eingeladen, seinen Hamlet im Moskauer Schriftstellerclub vorzutragen. Über diesen Abend schrieb er an seine Cousine Olga Freudenberg: »Es ist ein mit nichts zu vergleichender Hochgenuß, das Stück ohne Striche vorzulesen, und sei es zur Hälfte. Drei Stunden lang fühlt man sich im höchsten Sinne des Wortes als Mensch – unabhängig, innerlich glühend, nicht mehr sprachlos; drei Stunden weilt man in Sphären, die von Geburt her und aus der ersten Lebenshälfte vertraut sind, und dann fällt man, vom Energieverschleiß entkräftet, ins Ungewisse, ›kehrt in die Wirklichkeit zurück‹.«38

***

Das erste Mal, dass Olga Iwinskaja Boris aus der Nähe sah, »sich als Mensch fühlte« und »drei Stunden lang unter Strom« stand, war ein Abend im Herbst 1946, an dem er seine Shakespeare-Übersetzungen in der Moskauer Museumsbibliothek vortrug. Sie beschrieb ihn als hochgewachsen und gepflegt. »Er war schlank, gut gebaut, wirkte außerordentlich jugendlich, hatte den kräftigen Hals eines jungen Mannes. Zum Publikum sprach er mit tiefer, leiser Stimme, so wie man sich selbst oder einem nahen Freund etwas vorliest …«39 In der Pause nahmen einige aus dem Auditorium allen Mut zusammen und baten ihn, aus seinen eigenen Arbeiten zu lesen, doch er lehnte ab und erklärte, dass der Abend nicht ihm selbst, sondern Shakespeare gewidmet sei. Olga war zu aufgeregt, um sich den »privilegierten Leuten« anzuschließen, und machte sich stattdessen auf den Weg nach Hause, wo sie erst nach Mitternacht eintraf. Da sie ihren Schlüssel vergessen hatte, musste sie ihre Mutter aus dem Bett holen. Als diese sie wütend zurechtwies, entgegnete Olga: »Lass mich in Ruhe, ich habe gerade mit Gott gesprochen!«

Wie ihre Schulfreundinnen und »alle anderen in meinem Alter« war auch Olga in ihrer Jugend in Boris Pasternak verknallt. Als Teenager wanderte sie häufig durch Moskau und murmelte die betörenden Zeilen seiner Lyrik vor sich hin. Sie begriff instinktiv, »daß hier Worte eines Gottes aufklangen, daß ich den mächtigen ›Gott des Details‹, die Stimme des ›allmächtigen Gottes der Liebe‹ vernahm.«40 Zu ihrer ersten Reise in den Süden ans Meer schenkte ihr eine Freundin Pasternaks Novelle Ljuvers Kindheit. Der lilafarbene Einband des Buches, das wie ein längliches Schulheft aussah, fühlte sich rau an. Diese Novelle, die Boris 1917 begonnen und 1922 veröffentlicht hatte, war sein erstes Prosawerk. Erstmals im Almanach Nashia Dni erschienen, hatte Pasternak die Novelle als ersten Teil eines Romans vorgesehen, der vom Bewusstwerdungsprozess der Shenja Ljuvers handelte, einem jungen Mädchen, Tochter eines belgischen Fabrikdirektors im Ural. Obwohl Shenja Ljuvers vielfach als Vorlage für die Lara in Doktor Schiwago angesehen wurde, bezog Pasternak sich in großen Teilen eher auf die Kindheit seiner Schwester Josephine.

Während der Zug Richtung Süden ratterte, versuchte Olga in der oberen Koje ihres Schlafwagenabteils zu ergründen, wie ein Mann einen so intimen Einblick in die verborgene Welt eines jungen Mädchens gewinnen konnte. Ihr und vielen ihrer Altersgenossinnen fiel es oft schwer, Pasternaks Bildersprache zu verstehen; sie war eher mit den traditionelleren Gedichten vertraut. »Doch die Lösung des Rätsels hing in der Luft«, schrieb sie. »Wir konnten schon den Frühling erkennen‚ ›im Wäschebündel eines aus dem Spital Entlassenen‹. ›Kerzenstummel, auf Frühlingsäste geklebt‹ brauchten wirklich nicht Knospen genannt zu werden … Ja, es war Zauberei und Wunder. … Den Leser bedrängt die Begierde, das von einem Gott ihm hinter verschlossener Tür Vorenthaltene zu entdecken.«41 Und nun konnte Olga kaum glauben, dass »der Magier, der mich verzaubert hatte, als ich sechzehn war … leibhaftig in mein Leben getreten« war.42

Ihre junge Liebe entwickelte sich rasant. Boris versuchte keinen Augenblick lang, seine Zuneigung zu der verführerischen Redakteurin zu verbergen, noch gegen sein Verlangen nach ihr anzukämpfen. Er rief sie jeden Tag im Büro an, wo Olga, »krank vor Glück«, jedoch bange, sich mit dem Dichter zu verabreden oder mit ihm zu sprechen, ihn immer wieder vertröstete. Davon ließ sich ihr Verehrer jedoch nicht abschrecken und kam jeden Nachmittag zur Nowy Mir. Er begleitete sie über die Moskauer Boulevards zu ihrer Wohnung in der Potapow-Gasse, wo sie mit ihrem Sohn Mitja, ihrer Tochter Irina, ihrer Mutter und ihrem Stiefvater lebte.

Da auch Boris Familie zu Hause hatte, verbrachten sie die erste Zeit ihrer Liebe mit Spaziergängen über die breiten Straßen Moskaus und mit Gesprächen. Sie trafen sich an den Denkmälern großer Dichter; ihr üblicher Treffpunkt war die Puschkin-Statue am Puschkin-Platz an der Kreuzung Twerskoj-Boulevard und Twerskaja-Straße. Bei einem ihrer Stadtspaziergänge kamen sie an einem Kanaldeckel vorbei, auf dem der Name des Industriellen »Schiwago« stand. Schiwago bedeutet so viel wie »Leben« oder »Doktor Lebhaft«, und Boris war inspiriert von diesem Namen. Als er sich in Olga verliebte und damit seine wahre Lara gefunden hatte, änderte er den Arbeitstitel des Romans von Jungen und Mädchen zu Doktor Schiwago.

Im neuen Jahr, am 4. Januar 1947, erhielt Olga die erste schriftliche Nachricht von Boris: »Noch einmal wünsche ich Ihnen aus tiefster Seele alles erdenklich Gute. Wünschen Sie mir, daß ich bald mit der Durchsicht des ›Hamlet‹ und ›1905‹ fertig werde, damit ich mich wieder an meine eigentliche Arbeit setzen kann. Sie sind so wundervoll. Ich will, daß es Ihnen gutgeht. B. P. «43 Obwohl Olga sich freute, dass ihr hochverehrter Bewunderer ihr zum ersten Mal eine Nachricht geschickt hatte, war sie von dem kühlen, formellen Ton ein wenig enttäuscht. Die Romantikerin in ihr, die etwas mehr Wärme erwartet hatte, befürchtete, dass dies seine Art war, sie auf Abstand zu halten. Sie hätte sich nicht zu sorgen brauchen. Dem besessenen Schriftsteller, der seine junge Schönheit umwarb, genügte bald nicht einmal mehr der tägliche Kontakt mit Olga.

Da Olga kein Telefon in ihrer Wohnung hatte und Boris mit ihr auch an den Abenden sprechen wollte, gab sie ihm kurz entschlossen die Nummer ihrer Nachbarn, den Wolkowas, die ein Stockwerk tiefer an derselben Treppe wohnten und stolze Besitzer eines Telefons waren – im Moskau der damaligen Zeit ein seltener Luxus. Jeden Abend hörte Olga ein morseähnliches Klopfen an den Heißwasserleitungen, das Signal, dass Pasternak am Telefon war. Als Antwort klopfte sie auf die feuchten Wände ihrer Wohnung und lief dann die Treppe hinunter, um die markante Stimme des Mannes zu hören, in den sie sich gerade verliebte. »Kam sie dann einige Augenblicke später zurück, war sie wie entrückt, ganz nach innen gekehrt«, erinnerte sich Irina. »Ein Jahr lang waren ihre Treffen mit Boris begleitet von Vorhaltungen, dem Klopfen an Wände und ständiger Beobachtung, bis unsere Familie angesichts der Unvermeidlichkeit ihrer Leidenschaft ein Einsehen hatte und beschloss, Pasternak offiziell kennen zu lernen.«

Am Tag zuvor hatte Boris Olga im Büro angerufen und verkündet, dass er sie treffen müsse, um ihr zwei wichtige Dinge zu sagen. Er bat sie, so schnell wie möglich zur Puschkin-Statue zu kommen. Als Olga dort eintraf – sie hatte sich kurze Zeit von ihrer Arbeit freigenommen – war Boris schon da und lief nervös auf und ab. Er sprach in einem seltsamen Tonfall, der nichts von seiner sonst üblichen, unverhohlenen Selbstsicherheit verriet. »Sehen Sie mich jetzt nicht an«, sagte er zu Olga. »Ich habe eine Bitte: Ich möchte, daß wir ›du‹ zueinander sagen, weil ›Sie‹ schon längst eine Lüge ist.«44

Im Hinblick auf ihre junge Liebe war das ein bedeutender Schritt vorwärts, weg vom formellen »Sie«, hin zur Vertrautheit des »du«.

»Ich kann nicht ›du‹ zu Ihnen sagen, Boris Leonidowitsch«, wehrte sich Olga. »Ich kann einfach nicht. Es erschreckt mich.«

»Nein, nein! Sie werden sich daran gewöhnen«, rief er. »Schön, dann sagen Sie einstweilen weiter »Sie« zu mir, aber lassen Sie mich ›du‹ zu Ihnen sagen.«

Geschmeichelt und gleichzeitig beunruhigt angesichts dieser neuen Vertrautheit, kehrte Olga wieder zu ihrer Arbeit zurück. Gegen neun Uhr abends hörte sie das vertraute Klopfen an den Rohren in ihrer Wohnung. Sie rannte hinunter ans Telefon. »›Ich habe dir ja das zweite, das andere noch nicht gesagt‹, begann er, ›und du hast mich nicht danach gefragt. … Also: das erste war, daß wir einander du sagen wollen, und das andere – ich liebe dich. Ich liebe dich, und darin besteht nun mein ganzes Leben. Morgen komme ich nicht in die Redaktion, ich warte vor deinem Haus, du kommst zu mir hinunter, und wir werden durch Moskau wandern.‹«45

An jenem Abend schrieb Olga eine »Beichte« an Boris; einen Brief, der am Ende ein Schulheft füllte. Darin berichtete sie in allen Einzelheiten von ihrer Vergangenheit, ließ kein Detail ihrer beiden Ehen und der Probleme aus, mit denen sie in ihrem Leben schon zu kämpfen hatte. Sie erzählte ihm, dass sie 1912 in einer Provinzstadt zur Welt gekommen war, wo ihr Vater Lehrer an der Mittelschule war. 1915 zog die Familie nach Moskau um. 1933 machte sie ihren Abschluss im Fach Literatur an der Universität Moskau. Ihre beiden Ehen hatten tragisch geendet.

Olgas Vergangenheit war bunt und komplex, eine Tatsache, auf die sich ihre Kritiker in den literarischen Kreisen Moskaus stürzten, nachdem Gerüchte über ihre Affäre mit Boris durchgesickert waren. Sie erzählte Boris jede Einzelheit und berichtete in ihrem »Beichtheft« auch vom Tod ihrer beiden früheren Ehemänner. Sie wollte sich nicht vorwerfen lassen, irgendetwas vor ihm zu verbergen. Seltsam ist allerdings, dass selbst ihre Tochter Irina nicht sicher war, ob Iwan Jemeljanow der erste oder zweite Ehemann ihrer Mutter war. »Iwan [Wanja] Jemeljanow ist der Mann, von dem ich meinen Namen habe«, schrieb Irina später.46 »Er war der zweite (vielleicht auch dritte) Ehemann meiner Mutter und vertrat bei mir die Vaterrolle. Wenn Sie sein Gesicht auf Fotos betrachten, ist es schwer zu glauben, dass er nur ein Bauer war und seine Mutter mit dem schwarzen Kopftuch Analphabetin gewesen sein soll. Seine Familie hatte etwas Stilvolles, irgendwie Elegantes an sich.«

Iwan Jemeljanow erhängte sich 1939, als Irina neun Monate alt war. Anscheinend hatte er Olga verdächtigt, eine Affäre mit seinem Rivalen und Feind Alexander Winogradow zu haben. Irina zufolge war ihr Vater »ein Mann aus einer anderen Zeit, ein guter Familienmensch, ein Ehemann mit Prinzipien und ein schwieriger Lebenspartner. Ihre Ehe musste zwangsläufig scheitern.«47 Auf Familienfotos war ihr Vater als »hochgewachsener Mann mit düsterem Gesicht und leidendem Gesichtsausdruck« zu sehen, »aber durchaus attraktiv«.

Auch wenn Olga Iwans Tod betrauerte, so hielt ihr Kummer, wie Irina ironisch feststellte, nicht sehr lange vor. Kaum war die vierzigtägige Trauerzeit verstrichen, als ein Mann (Winogradow) mit langem Ledermantel vor dem Haus der Familie gesehen wurde, wo er auf Irinas Mutter wartete. Olga und Winogradow heirateten bald und bekamen einen Sohn, Dmitri (den die Familie Mitja nannte). Winogradow stammte aus einer großen verarmten, von Krankheiten und Alkohol gezeichneten Familie, war aber selbst brillant und willensstark.48 Er befürwortete die neue, sowjetische Ordnung und hatte sich im Alter von vierzehn Jahren vom Leiter eines armen Kleinbauernkomitees nach oben gearbeitet. Bald wurde er mit der Führung einer Kolchose betraut und zog dann nach Moskau um, wo er einen Geschäftsleitungsposten im redaktionellen Beirat einer Zeitschrift namens Samolet übernahm. Dort lernte er Olga kennen, die als Sekretärin arbeitete.

Winogradow starb 1942 an einem Lungenödem, und Olga war zum zweiten Mal Witwe. »Viel Schlimmes lag schonhinter mir«, schrieb sie später. »Der Selbstmord meines ersten Mannes, Irinas Vater, Iwan Wassiljewitsch Jemeljanow; der Tod meines zweiten Mannes Alexander Petrowitsch Winogradow. Er starb im Krankenhaus in meinen Armen. … Auch hatte es viele flüchtige Verliebtheiten und Enttäuschungen gegeben.«49 Und so schloss Olga ihre Beichte an Boris: »Und nun urteilen Sie selbst (ich blieb beim ›Sie‹). Wenn andere Menschen Ihretwegen haben weinen müssen, so habe auch ich Anlaß zu Leid und Tränen gegeben. Ich mußte Ihnen dies alles schreiben als Antwort auf Ihre Worte: ›Ich liebe dich‹, Worte, die mich so glücklich machen, wie nichts zuvor in meinem Leben.«50

Am folgenden Morgen, als sie auf dem Weg zur Arbeit die Treppe von ihrer Wohnung hinunterkam, wartete Boris schon unten im Hof an einem trockenen Brunnen auf sie. Sie gab ihm das Schulheft, und er, der kaum erwarten konnte, es zu lesen, umarmte sie nur kurz und ging dann. Den ganzen Tag lang war Olga viel zu aufgewühlt, um sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, so sehr beschäftigte sie die Frage, wie er wohl auf ihre persönlichen Aufzeichnungen reagieren werde. Falls sie mit ihrer Beichte stellenweise beabsichtigt hatte, ihn zu vergraulen, hatte sie sich allerdings grandios verkalkuliert, denn sie unterschätzte Boris’ tiefes Verständnis für die Zwangslage von Frauen, denen Unrecht geschah.

In jener Nacht riefen Klopfzeichen Olga um halb zwölf abermals ans Telefon. Ihre wenig begeisterte, leidgeprüfte Nachbarin, die schon geschlafen hatte, ließ Olga in die Wohnung, damit sie mit ihrem Liebsten sprechen konnte. Olga war das alles schrecklich peinlich, doch Boris’ Stimme sprühte so vor Glück, dass sie es nicht schaffte, ihm nahezulegen, zu einer solch unchristlichen Zeit nicht mehr anzurufen.

»Oljuscha, ich liebe dich«, verkündete er. »Von nun an werde ich versuchen, die Abende für mich allein zu verbringen, dann kann ich an dich denken: wie du an deinem Redaktionstisch sitzt, wie dort, Gott weiß wieso, Mäuse herumhuschen, wie du deine Kinder versorgst. Du bist regelrecht in mein Leben hereinspaziert. Dieses Heft wird immer mit mir sein, aber du mußt es für mich aufbewahren. Zu Hause kann ich es nicht behalten, es könnte gefunden werden.«51

Nach diesem Telefongespräch wusste Olga, dass sie und Boris eine Grenze überschritten hatten: Nun würde nichts mehr sie trennen, mochte ihr Weg sich auch als noch so steinig erweisen. Es gab kaum einen Zweifel daran, dass sie sich gefunden hatten. Boris brauchte dieses Mysterium der Liebe auf den ersten Blick ebenso wie Olga. Sie waren beide einsam, voller Sehnsucht nach Liebe und steckten in schwierigen, emotional unbefriedigenden familiären Situationen.

Am 3. April 1947 bekam Boris die Einladung, Olgas Familie im obersten Stockwerk eines fünfstöckigen Hauses zu besuchen. Irina, neun Jahre alt, trug ein hübsches rosa Kleid mit passenden Schleifen im Haar. Da sie sich mit den »schlechten Zeiten im Kriegund nach dem Krieg«52 längst arrangiert hatte, fühlte sie sich derart herausgeputzt unwohl. Auch stand sie unter beträchtlichem Druck, weil Olga ihr am Abend zuvor immer wieder Pasternaks Gedichte vorgelesen hatte, die sie auswendig lernen und dem hohen Gast vortragen sollte. Irina, die nichts von dem verstand, was sie aufsagte, wurde nervös: »Selbst Worte, die ich kannte, wie ›Garage‹ und ›Taxidepot‹, haben in diesen Gedichten eine ungewöhnliche Bedeutung, und ich hatte das Gefühl, sie noch nie gelesen zu haben. Ich kam mir so hilflos vor; es war mir unmöglich, sie auszusprechen. Mama war verzweifelt, aber was konnte sie schon machen?«53

Olga hatte eine Flasche Cognac und eine Schachtel Schokolade vor Boris auf den Tisch gestellt. Irina zufolge hatte ihre Mutter sich für die »minimalistische Lösung« entschieden, da sie befürchtete, der Schriftsteller könnte sich über ihre Essgewohnheiten wundern, die »man einem solchen Mann wirklich nicht zumuten konnte.«54 Boris saß an dem Tisch mit dem überdimensionierten Wachstuch, behielt wie immer seinen langen schwarzen Mantel an und setzte auch seine etwas speckige schwarze Persianermütze nicht ab. Um die Unterhaltung ein wenig in Schwung zu bringen, erzählte Olga, dass Irina Gedichte schrieb. Irina lief rot an, als Boris sogar versprach, sich ihre Gedichte bei einer späteren Gelegenheit anzusehen.

Trotzdem war Irina schwer beeindruckt von ihm. Er hatte »etwas Bemerkenswertes an sich. Seine dröhnende Stimme, mit der er sein berühmtes ›ja, ja, ja‹ einwarf. Seine Ausstrahlung war magnetisch, magisch.«55

Obwohl Olgas »Idol« Irina einschüchterte und verlegen machte, hinterließ ihr erstes Zusammentreffen auch bei dem aufstrebenden Romanschreiber einen unauslöschlichen Eindruck: »Es kam der Tag, an dem meine Kinder Boris Leonidowitsch zum ersten Mal sahen«, schrieb Olga später. »Irina, ein dünnes Händchen auf die Stuhllehne gestützt, sagte ein Gedicht von ihm auf. Ich weiß nicht, wie sie es fertiggebracht hat, dieses schwierige Gedicht … auswendig zu lernen«. Danach wischte Boris eine Träne fort und gab ihr einen Kuss. »›Was für ungewöhnliche Augen sie hat!‹«, rief er aus. »›Irotschka, sieh mich an. Ich nehme dich, so wie du bist, in meinen Roman!‹«56

Was er dann auch sofort in die Tat umsetzte. In Doktor Schiwago beschreibt Pasternak Laras Tochter Katenka: »Ein kleines Mädchen von vielleicht acht Jahren mit zwei dünnen Zöpfchen war hereingekommen. Die schmalen, schrägen Augen verliehen ihr ein übermütiges, verschmitztes Aussehen. Wenn sie lachte, zog sie die Augenbrauen hoch. Sie hatte schon vor der Tür gemerkt, daß ihre Mutter Besuch hatte, doch als sie hereinkam, hielt sie es für notwendig, plötzliche Verwunderung zu mimen, machte einen Knicks und warf dem Arzt den starren, furchtlosen Blick des schon früh nachdenkenden, allein aufwachsenden Kindes zu.«57

Seit dem Moment, da Boris in das Leben von Olgas Familie trat, fühlte er sich zerrissen zwischen seiner Liebe und Loyalität zu ihr und zu seiner Frau Sinaida sowie zu deren gemeinsamem Sohn Leonid; genauso zerrissen wie Jahre zuvor zwischen Sinaida und seiner ersten Frau Evgenija und ihrem gemeinsamen Sohn Evgenij. Fast ein Jahrzehnt vorher, am 1. Oktober 1937, hatte Pasternak seinen Eltern über die nicht thematisierte, schlechte Stimmung bei sich zu Hause geschrieben: »Eine getrennte Familie, zerfleischt von Leid, die ständig über die Schulter auf diese andere Familie, die erste schaut.«58

Obwohl Boris unter Schuldgefühlen litt, weil er Sinaida (und vor ihr Evgenija) Leid zugefügt hatte, war es fast so, als ob ein Teil von ihm dieses Drama gequälter Seelen sogar genoss – oder zumindest brauchte. So erwog er niemals ernsthaft, Olga zu verlassen. Zu Beginn seiner Beziehung mit Olga erzählte er seiner Künstlerfreundin Ljussja Popowa, er habe sich verliebt. Als sie sich nach Sinaida erkundigte, gab er zur Antwort: »Aber was ist denn Leben, was ist Leben anderes als Liebe? … Sie ist bezaubernd, so hell, so leuchtend. Und diese goldene Sonne ist in mein Leben gekommen. Das ist so herrlich, so herrlich. Ich habe nicht geglaubt, noch einmal solche Freude zu erleben.«59

2 Mutterland und Wunderpapa