Lärm - Christoph W. Bauer - E-Book

Lärm E-Book

Christoph W. Bauer

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Beschreibung

Ein Baustellenlärm wird zum Störgeräusch im Leben eines Mannes – und wirft die Frage auf: Sind wir mehr als bloßer Zufall? Seit mehr als zehn Jahren lebt Emil Murnau, 55, nun wieder in Innsbruck, obwohl er nie vorgehabt hatte, nach Tirol zurückzukehren. Mittlerweile arbeitet er als Buchhändler, hat Urlaub und weiß nicht recht, was mit sich selbst anfangen. Der Lärm einer Großbaustelle in unmittelbarer Nähe seiner Wohnung zehrt an seinen Nerven, wirft zugleich Fragen auf. Als würden die Bagger nicht nur Erdreich ausheben, sondern ihre Schaufeln auch in ihn hineingraben und immer tiefer in seine Vergangenheit hinab. Murnau verfällt in Grübelei: Er denkt an seine Jahre in Wien, an sein Leben mit Martina, mit der ihn über die Liebe hinaus die Faszination für die Bilder des Malers Francis Bacon verband, der propagierte, der Mensch sei ein Zufall. Er denkt an die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche, die sein Leben begleiteten, leiteten und in die Irre führten oder ihn manchmal schlicht ratlos zurückließen. Was hat sich nicht alles ereignet in diesem halben Jahrhundert, was hat das aus ihm gemacht, was aus anderen? Der Puls beschleunigt, die Wände eines Daseins vibrierend Der ohrenbetäubende Lärm einer Baustelle wird zum Symbol und Katalysator für eine existenzielle Krise – eine meisterhafte Metapher für die Reibung zwischen Außenwelt und Innenleben. Innerhalb von knapp dreißig Stunden tastet sich Murnau durch ein Geflecht aus Erinnerungen und Selbsttäuschungen. Er plant einen Aufbruch – zurück nach Wien, zurück zu sich? Doch am Ende kommt alles anders und Murnau begeht einen folgenschweren Fehler ... Christoph W. Bauer liefert eine literarisch fein gearbeitete Novelle über das Leben, das Scheitern an sich selbst und der Frage danach, was die Jahre aus uns gemacht haben.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Christoph W. Bauer

Lärm

Novelle

Inhalt

I

II

III

IV

V

VI

VII

Über den Autor

Impressum

In der Mitte deines Kopfesschläft ein wachsamer Soldat,der, sobald er in den Krieg zieht,alles aufgibt, was er hat.

Der Nino aus Wien

I

Das Vibrieren des Bodens, seit Monaten ging das jetzt so. Blickte Murnau aus dem Fenster, sah er von Rost zerfressene Rohre, teils einzeln über den Platz verstreut, teils zu sonderbar anmutenden Skulpturen geschichtet, als hätte ein Künstler sich am Schrottplatz mit Material eingedeckt, um der Gegenwart ein Gesicht nachzubilden; er sah abgerissene Kabelstränge und freigelegte Straßenbahngleise, die plötzlich endeten und sich aus dem Asphalt krümmten, Absperrbänder, die im Wind flatterten. Mehrere Verkehrsschilder lagen auf den Gehsteigen, Schutthaufen türmten sich auf, und da wo einmal ein Zebrastreifen über die Straße geführt hatte, klaffte ein Loch, in dem ein Kleinwagen Platz gefunden hätte. Nicht der einzige Krater, er zählte deren sechs, nein, sieben, dort hinten die Grube war neu. Vor ihm auf der Fensterbank der zerrissene Zehner, er sollte den Geldschein endlich kleben. Es sind schon Menschen für weniger Geld umgebracht worden, ein Spruch seiner Großmutter, warum fiel sie ihm jetzt ein? Murnau schüttelte den Kopf. Er presste die Stirn gegen die Scheibe, kühl war sie und von außen mit einer Staubschicht überzogen, sodass ihm vorkam, er sähe seit Wochen alles nur noch in Unschärfe. Er dachte an die Wellinger aus dem Parterre. Neulich war er ihr wieder einmal begegnet, er gerade auf dem Nachhauseweg, sie am geöffneten Fenster mit roten Gummihandschuhen bis in die Armbeugen hinauf. Eine Tragödie sei das, hatte sie gesagt und mit weitausholender Geste auf den Platz in seinem Rücken gewiesen, ja, eine Katastrophe. Als hätten Bomben hier eingeschlagen, sie komme sich vor wie im Krieg. Er hatte nichts erwidert, was sie wohl als Bestätigung ihrer Ansicht nahm. Ja, wie im Krieg, hatte sie wiederholt, dann hatte sie in den Kübel vor ihr auf dem Fensterbrett gegriffen, hatte einen Lappen herausgezogen und ihn mit über die Oberlippe gestülpter Zunge ausgewrungen, um mit dem Fensterputzen fortzufahren.

Die Wellinger, für jeden Vergleich zu haben. Während der Pandemie hatte sie behauptet, uns sperrten sie ein und die Verbrecher ließen sie draußen frei herumlaufen. Wen sie mit uns meinte und wen mit Verbrecher, darüber gab es für sie keine zwei Ansichten. Auch nicht über ihr Votum bei Wahlen. Warum war sie zuhause gewesen an jenem Tag, hatte sie Urlaub? Sie arbeitete in einem Geschäft in der Innenstadt, Edelleben hieß der Laden, dort bekam man für teures Geld, was man nicht brauchte. Aber was brauchte man schon. Dabei war im Edelleben schon mehrmals eingebrochen worden, man hatte Vasen, Obstschalen und andere Keramik entwendet, alles Designerware, so die Wellinger, ob er Thomas Adler kenne? Und als hätte sie ihm eine Antwort ohnehin nicht zugetraut oder wollte ihn nicht zu lange mit seiner Unwissenheit beschämen, war sie fortgefahren: Einmal haben die Gauner einen ganzen Karton voller Stabfeuerzeuge mitgehen lassen, aber nicht bedacht, dass sich in einem weiteren Karton die dazugehörigen USB-Ladekabel befinden, na, die werden schön blöd aus der Wäsche geschaut haben. Und die Wellinger hatte ein Leuchten in den Augen gehabt, um das Murnau sie immer noch beneidete.

An sich mochte er Edith Wellinger, sie verstellte sich nicht, war keine von jenen, die links redeten und rechts dachten. Schwieriger war es bei Biernhauer aus der Maisonette seitlich über ihm, der wechselte die Rolle oft mitten im Satz. Mal gab er den Dandy, mal den Rabauken, dann wieder den Oberstudienrat. Am wenigsten konnte er als jugendlicher Draufgänger überzeugen, sosehr er sich auch ins Zeug legte, sein schlohweißes Haar setzte ihm doch Grenzen. Mit seinem Virgilio, einem Labradorrüden, teilte er die Leidenschaft, stundenlang auf dem Balkon zu verweilen und gegebenenfalls das Geschehen im Hof zu kommentieren, den beiden entging nichts.

Doch links wie rechts waren ohnehin Kategorien, die Murnau nicht mehr interessierten, sie schienen ihm Relikte einer Zeit zu sein, in der man noch in kariertem Kurzarmhemd und gelbem Pullunder Politreden schwingen konnte, ohne sich sorgen zu müssen, beim Urnengang als Verlierer dazustehen. Sah er Wahlplakate, auf denen einem FPÖ-Mann ein Hitlerbärtchen aufgemalt worden war oder einer Vertreterin der KPÖ der Name Putin von der Stirn prangte, wollte er das gerne als Albernheit abtun, zugleich aber gewahrte er darin eine Form der Realitätsverweigerung. Und es spiegelte eine Verbohrtheit wider, eine Denkart, vor der ihm grauste, ein Gebaren, das Usus geworden war, die öffentliche Diffamierung einer Person, die anders dachte.

Vor ein paar Wochen war er nach der Lesung einer Autorin mit einem anderen Zuhörer ins Gespräch gekommen. Sie unterhielten sich über den präsentierten Roman, dem sein Gegenüber formale Schwächen vorwarf, ohne diese näher zu präzisieren, so manche stilistische Hoppalas seien der Guten unterlaufen, auch diesbezüglich hielt er sich mit Beispielen bedeckt. Bald hatte es sich daher fertiggeredet, sie standen aber immer noch mit ihren Gläsern da und hielten es für unangemessen, im Rahmen einer Buchvorstellung über das Wetter zu plaudern, sie fingen also an, ein wenig zu politisieren. Rasch waren sie bei den bevorstehenden Wahlen angekommen. Dass ihm Populismus jeglicher Couleur zuwider sei, hatte Murnau gesagt, was der andere mit einem Lachen quittiert hatte, der linke sei ihm allemal lieber, ja, viel lieber sogar. Und er beharrte auch noch darauf, als Murnau wiederholt erklärte, es gehe ihm um den Populismus an sich. Es war diese Selbstgewissheit, die Murnau sprachlos machte, dieses süffisante Schürzen der Lippen, mit dem ihm der andere coram publico vermittelte, links und rechts müsse man aber bitte schon unterscheiden können. Murnau hatte vorgegeben, sich bei der Autorin ein Buch signieren lassen zu wollen, und war über den Hinterausgang der Buchhandlung verschwunden. Mit pochenden Schläfen dann in der Straßenbahn heimwärts, mehrmals hatte er den Witz zum Tag auf dem Infoscreen gelesen und ihn beim Austeigen schon wieder vergessen. Zuhause hatte er sich bis spät in die Nacht noch einmal den Roman der Autorin vorgenommen, keinerlei formale Schwächen hatte er erkennen können, besser eingeschlafen war er deshalb aber nicht.

Im Park hinter dem Bauzaun, den sie vor einem halben Jahr errichtet hatten, spielten Kinder Fußball. Er schaute auf die Uhr, zugleich kam ihm in den Sinn, dass Herbstferien waren. Er konzentrierte sich auf den Ball, sah bald nur noch diesen, jagte ihm auf dem Rasen hinterher, seine Narbe auf dem Schienbein fing an zu jucken. Er müsse sich das Gel besorgen, das ihm die Wellinger empfohlen hatte, dachte er und schon fielen ihm die Stabfeuerzeuge wieder ein.

Murnau verschränkte die Arme vor der Brust, schloss die Augen. Was wurde nicht alles gestohlen, vor allem vor den Feiertagen. Manchmal merkte man erst bei der Inventur, was fehlte. Ein verschwundener Franzose im Schuber fiel rasch auf, Klassiker und Vorzugsausgaben hinterließen Lücken, aber all die Taschenbücher. Wenn einem sonst nichts mehr einfiel, schenkte man zu Weihnachten eben gerne Bücher. Kaum anzunehmen, dass die Beschenkten wussten, auf welchem Weg sie zu ihren Präsenten kamen. Von den Dieben eigenhändig eingepackt und mit Schleife versehen. Das Buch lasse sich umtauschen, kein Problem. Auf welche Art denn? Murnau fuhr sich durchs Haar, es fühlte sich ungewaschen an, die Kopfhaut schuppig, seit gut zwei Wochen hatte er sich nicht mehr rasiert.