Lassiter 2766 - A. B. Mercy - E-Book

Lassiter 2766 E-Book

A. B. Mercy

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Beschreibung

Das Mondlicht schien matt auf die Mainstreet von Eagle Ridge. Der Staub lag schwer und müde auf der Straße, als könne nichts ihn je aufwirbeln. Als der erste Schuss knallte, zitterten die geschlossenen Fensterläden in einer Mischung aus Panik und Routine. Sie kannten das Spiel. Der Klang der Revolver war nichts Neues für sie. Schatten huschten über Verandas und positionierten sich in dunklen Fenstern. Die Salve der Schüsse schwoll an. Schreie mischten sich in diese Melodie des Todes. Der erste Mann landete im Dreck der Mainstreet, dann der zweite. Der Staub der Straße trank das Blut der Männer wie ein Verdurstender. Und als die Sonne aufging, glitzerten ihre Strahlen in den tiefroten Lachen, die sich über die Mainstreet verteilten wie harmlose Regenpfützen.

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Seitenzahl: 141

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Cover

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Die letzte Schlacht von Eagle Ridge

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Impressum

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Inhaltsverzeichnis

Inhaltsbeginn

Impressum

Die letzte Schlacht von Eagle Ridge

von A.B. Mercy

Das Mondlicht schien matt auf die Mainstreet von Eagle Ridge. Der Staub lag schwer und müde auf der Straße, als könne nichts ihn je aufwirbeln.

Als der erste Schuss knallte, zitterten die geschlossenen Fensterläden in einer Mischung aus Panik und Routine. Sie kannten das Spiel. Der Klang der Revolver war nichts Neues für sie. Schatten huschten über Verandas und positionierten sich in dunklen Fenstern. Die Salve der Schüsse schwoll an. Schreie mischten sich in diese Melodie des Todes.

Der erste Mann landete im Dreck der Mainstreet, dann der zweite. Der Staub der Straße trank das Blut der Männer wie ein Verdurstender. Und als die Sonne aufging, glitzerten ihre Strahlen in den tiefroten Lachen, die sich über die Mainstreet verteilten wie harmlose Regenpfützen.

Charles steckte sich einen Zigarillo zwischen die Lippen und nahm die Blechtasse von Tisch. Er zündete ein Streichholz an seiner Schuhsohle an und ging durch seine Werkstatt. Seine Stiefel quietschten, die Holzdielen unter seinen Füßen knarzten. Das Licht in seinem Laden war schummrig, die Särge an den Wänden standen aufrecht. Charles gähnte und schob die Tür mit der Schulter auf.

Er machte einen großen Schritt auf seine Veranda der Morgensonne entgegen. Charles zog an seinem Zigarillo, der erst Zug des Tages war immer der beste. Er roch den Duft seines Kaffees, er freute sich auf ein paar ruhige Minuten, bevor der Wahnsinn des Tages begann. Die Sonne blendete ihn, aber was machte das?

Charles konnte seinen Zigarillo auch mit geschlossenen Augen genießen. Er trat endgültig auf die Veranda, aber weit kam er nicht. Sein Fuß stieß gegen etwas Weiches.

Charles öffnete die Augen und sah auf den Boden. Seine komplette Veranda war voll mit Leichen. Zum Teil stapelten sich die Toten. Sie lagen schlaff und schwer vor seiner Tür, hatten Wunden an den Schläfen oder in der Brust. Charles starrte auf den Berg des Todes zu seinen Füßen.

»Nicht schon wieder«, murmelte er.

Er sammelte sich und stürzte seinen Kaffee. Der war zu heiß, also verbrannte er sich die Zunge.

»Verdammte Scheiße!«

Charles knallte die Kaffeetasse aufs Fensterbrett, klemmte sich den Zigarillo zwischen die Lippen und stieg über die Leichen hinweg. Das war leichter gesagt als getan, es gab kaum Platz, um irgendwo hinzutreten. Er balancierte ungeschickt und schob einen Fuß zwischen die Toten. Schließlich erreichte Charles das Geländer der Veranda und hangelte sich daran bis zu den drei Stufen, die auf die Straße führten.

Wütend stapfte er zwischen den glänzenden Blutlachen hindurch über die Mainstreet bis zum Sheriff's Department und riss die Tür auf. Die beiden Schreibtische waren noch leer, und die Zelle auf der anderen Seite des Raumes war es auch.

»Johnson!«, brüllte Charles die Treppe hinauf. »Johnson, kommt runter und fang deinen Dienst an!«

»Ja, ja«, murmelte eine Stimme oben, dann knarrten die Stufen und der Sheriff von Eagle Ridge kam herunter in sein Department. Er zog sich die Hosenträger über die Schultern und nahm seine Jacke von einem Haken an der Wand. Der Stern blitzte an seiner Brust auf.

Charles runzelte die Stirn beim Anblick des Abzeichens. Was galt dieser Stern überhaupt? Wenig. Zumindest hier in Eagle Ridge an dieser Brust. Charles verschränkte die Arme vor der Brust.

»Wo warst du gestern Nacht, Sheriff?«

»In meinem Bett«, antwortete Johnson. »So wie du auch.«

»Ja, aber ich bin auch nicht dafür verantwortlich, die Schießereien in dieser Town einzudämmen.«

»Sondern?«, fragte der Sheriff und nahm etwas Kautabak aus einer Blechdose auf seinem Schreibtisch. »Bist du jetzt beim County und dafür verantwortlich mich zu überwachen?«

»Nein, aber wie soll ich denn diese ganzen Männer unter die Erde bringen? Ich hab noch zwei Tote in meiner Werkstatt, die auf Särge warten, und jetzt liegen schon wieder acht auf meiner Veranda!«

»Das tut mir leid.«

»Acht Tote, Johnson! Wer soll denn deren Särge machen? Wer soll denn all diese Löcher graben? Ich habe nur zwei Hände.«

Der Sheriff kaute Tabak und musterte Charles. Der Totengräber sah einen unglücklichen Zug um die Lippen des Sheriffs und dann etwas, das er nicht anders nennen konnte als Angst. Schließlich aber runzelte Johnson die Stirn und sein Blick verfinsterte sich. Er kam auf Charles zu und sah zu ihm auf.

»Und was schlägst du vor? Bessy und Baron sind bis an die Zähne bewaffnet.«

Charles zeigte auf den Waffenschrank an der Wand.

»Du bist doch auch ausgestattet.«

»Ja, aber ich kann denen doch nichts beweisen. Wofür soll ich die einbuchten? Für Waffenbesitz? Das ist nicht strafbar.«

»Aber die beiden haben all diese Toten auf dem Gewissen, Sheriff.«

Der Sheriff lachte grunzend auf. »Die beiden haben in ihrem Leben noch keine Waffe abgefeuert. Man kann ihnen nichts nachweisen.«

»Du und ich wissen beide, dass Bessys und Barons Männer sich in deren Auftrag bekriegen.«

»Ja, aber es interessiert doch keinen Richter, was wir zu wissen glauben. Hast du schon mal gesehen, wie Bessy jemanden erschossen hat? Oder Baron?«

»Nein«, musste Charles zerknirscht zugeben.

»Eben. Niemand hat das je gesehen!«

Der Sheriff wandte sich ab, nahm einen Napf und spuckte Tabak hinein.

»Aber so kann das doch nicht weitergehen.«

»Willst du den beiden sagen, dass sie aufhören sollen?«, fragte der Sheriff. »Willst du ins Bordell marschieren und Lady Bessy sagen, dass sie Baron in Ruhe lassen soll.«

»Sheriff, die Frau ist der Teufel!«

»Dann sag Baron, dass er aufhören soll.«

»Das ist dein Job«, begehrte Charles auf.

»Ich rede mit denen.«

»Wirklich?«, fragte Charles.

»Ja, ja. Hauptsache, du machst deinen Job, Totengräber. Denn davon, dass du hier stehst und rumjammerst, kommt auch keine der Leichen unter die Erde.«

»Ich jammere nicht, ich will, dass du das Heft wieder in die Hand nimmst.«

»Ich hab das Heft in der Hand«, sagte der Sheriff. »Mehr oder weniger.«

»Wie bitte?«

»Immerhin töten diese Gunslinger sich nur gegenseitig. Und wenn die sich gegenseitig töten, dann bestrafen sie sich gegenseitig. Dann muss ich auch niemanden verhaften.«

»Aber die Schutzgelder ...«

»Davon weiß ich nichts«, unterbrach Johnson.

»Sheriff«, sagte Charles halb mahnend, halb genervt.

Aber Johnson hörte ihn nicht. Er nahm eine neue Prise Tabak, steckte sie sich in den Mund und traut kauend ans Fenster.

»Also, an deiner Stelle würde ich die Leichen da drüben mal aus der Sonne ziehen, Totengräber. Oder werden die in der Wärme ... besser?«

»Nein«, brummte Charles, sah den Sheriff ein letztes Mal an und verließ das Department. Nicht ohne die Tür zu knallen. Das half zwar auch nichts. Aber es fühlte sich für einen kurzen Moment befriedigend an.

Gina tauchte das Glas ins Spülwasser und verteilte mit dem Lappen Schaum am Glasrand. Sie gähnte und stellte das Glas umgekehrt auf das schmutzige Tuch neben dem Spülbecken. Wenn das hier ihr Laden wäre, dann wäre das Trockentuch in der Kochwäsche gewesen. Aber Bessy hatte andere Prioritäten.

Die Holzläden an den Fenstern waren noch zu. Durch ihre Ritzen drang düsteres Licht in die Gaststube. Es roch nach kaltem Rauch und Urin. Gina verzog die Nase. Es hatte wieder jemand in irgendeine Ecke gepinkelt, weil er zu besoffen gewesen war, um den Weg nach draußen zu finden.

Ein gequältes Ächzen erfüllte den Raum. Bessy Stöhnen betrat die Gaststube, bevor sie selbst es tat. Die Madame schickte ihr Leiden voraus. Gina seufzte und spülte Gläser. Was stellte die sich eigentlich so an? Gina war seit zwei Stunden wach und hatte gestern die letzten Gäste und Freier herausbefördert, als Bessy längst in den Federn gelegen hatte. Aber jetzt führte die Madame da oben auf der Galerie sich auf, als hätte sie die Nacht durchgeschuftet.

Bessy schuftete nicht. Die Arbeit erledigten ihre Girls, Gina und die Truppe an grimmigen Gunslingern, die Bessy sich hielt. Das Einzige, was die Madame tat, war Ächzen und Geld zählen.

»Was für eine Nacht«, brummte Bessy jetzt und steckte sich ihre Pfeife in den Mund. Hager stand sie oben am Geländer der Galerie und blickte über ihr Reich wie ein Habicht, der nie genug Mäuse fing. Sie entzündete ein Streichholz und paffte die ersten Züge ihrer geliebten, handgeschnitzten Pfeife.

»Morgen, Boss«, sagte Gina und setzte ein Lächeln auf.

»Ja, ja.«

»Du, sag mal, können wir die ganzen Lappen und Tücher hier vielleicht in Zukunft in die Wäscherei geben?«

»Was?«, fragte Bessy verwirrt und blieb mitten auf der Holztreppe stehen. Sie zog an der Pfeife und sah Gina an, als hätte die vorgeschlagen ein Taschentuch zum Waschen nach New York zu schicken. »Bist du irre? Weißt du, was das kostet?«

Gina schenkte dem dreckigen Lappen auf dem Tresen einen Seitenblick. »Ich könnte mir vorstellen, dass es das wert ist.«

Bessy warf den Kopf zurück und lachte. »Und deshalb bist du Bardame und ich hier der Boss, Lady. Weil du nichts vom Geschäft verstehst.«

Sie lachte weiter, bis ein trockener Husten das Heft in die Hand nahm und ihren Körper durchrüttelte. Sie klammerte sich in das Treppengeländer, ihre Hand glich der Kralle eines Greifvogels.

»So! Alle zusammenkommen!«, brüllte Bessy, als sie ihre Stimme wieder hatte. »Zack, zack, Girls!«

Türen öffneten sich, Holzdielen knarrten unter nackten Füßen, und dann standen sechs Huren in weißer, zerknitterter Nachtwäsche und mit zerzausten Haaren auf der Treppe. Der Koch lehnte in der Tür zur Küche, das Mädchen für alles stand mit Feuerholz im Arm am Hinterausgang und Jane lehnte in ihrem Brokatmorgenmantel auf der Galerie wie die Prinzessin, die sie war.

»Also«, begann Bessy, »neue Regel. Von jetzt an werden hier keine von Barons Männern mehr bedient. Kein einziger von diesen Bastarden bekommt was zu trinken. Und in eure Betten lasst ihr die schon gar nicht, verstanden?«

Gina spülte Gläser und runzelte die Stirn.

»Das hier ist ein anständiges Haus«, führ Bessy fort. »Und ich lasse keine Schweine an meine Mädchen.«

Na ja, dachte Gina bei sich. Es war nicht so, dass ein Mann automatisch ein Gentleman war, nur weil er nicht zu Barons Horde gehörte. In Eagle Ridge waren schon ganz andere durchgekommen, und die waren am Ende alle in Lady Bessys Saloon gewesen. Im Saloon – und mit mindestens einem der Girls auf einem Zimmer.

Es war klar, dass Bessy den Schutz ihrer Mädchen oder die Qualität ihres Hauses nur vorschob. Immerhin roch es nach wie vor nach Pisse, was die Madame nicht zu stören schien.

»Aber die zahlen am besten«, murmelte Sharon.

»Was?«, bellte Bessy. »Rede lauter, wenn du was zu sagen hast.«

Sharon räusperte sich und atmete durch. »Barons Männer haben Kohle, die anderen Kerle hier in Eagle Ridge nicht unbedingt«, sagte sie lauter, aber ohne Bessy anzusehen. Ihr Blick haftete am Boden. »Und die, die nicht zu Baron gehören, kommen aus Angst eh nicht mehr hierher.«

»Dann sind sie Weicheier«, knurrte Bessy. »Weicheier können wir so oder so nicht gebrauchen.«

Gina hob eine Augenbraue und spülte weiter. Nach Geschäftssinn klang das nicht gerade. Ihr Blick traf den von Jane, die oben an der Galerie residierte. Sie nickte Gina unmerklich zu und ging zur Treppe.

»Mom«, sagte sie und bahnte sich einen Weg durch die Nachtwäsche-Huren. »Mom, wir brauchen aber doch das Geld.«

»Lass das mal meine Sorge sein, Spatz«, gab Bessy zurück und paffte ihre Pfeife.

Jane stand auf der untersten Treppenstufe und sah auf ihre Mutter herab. Ihr Morgenmantel hatte mehr gekostet als die Einrichtung des kompletten Saloons. Jane seufzte.

»Mom, nimm doch Vernunft an, es ist nicht alles schlecht, was aus Barons Haus kommt.«

»Doch«, spuckte Bessy zurück, holte aus und knallte ihrer Tochter eine, dass der Kronleuchter in der Mitte des Gastraums bebte. Die Liebe, die eben noch in ihrem Vogelgesicht geleuchtet hatte, war verschwunden. Hass blitzte aus Bessys Augen. Sie sah voll Verachtung auf ihrer Tochter.

»Wer hat dich erzogen?«, knurrte sie. »Ekelhaft.«

»Aber, Mom ...«

»Geh auf dein Zimmer!«

Jane hielt sich die gerötete Wange und sah zu ihrer Mutter.

Gina wusste, dass es hinter der Stirn ihrer Freundin arbeitete, aber die Bardame sah auch, dass Jane nicht den Mut hatte, noch ein weiteres Wort an ihre Mutter zurichten. Mit hängenden Schultern drehte sie sich um und schlich zwischen den Huren hindurch die Treppe hinauf und zurück in ihr Zimmer.

Bevor Bessy noch etwas sagen konnte, schwangen die Saloontüren auf und der Postmann stand müde zwischen den Tischen. Seine Mütze saß schief auf seinem Kopf, es war ihm aber offenbar egal. Er griff in seine schwere Tasche, holte einen Brief hervor und hielt ihn leidenschaftslos in die Luft.

»Post aus Chicago.«

»Endlich«, kreischte Bessy, entriss ihm den Umschlag mit leuchtenden Augen und drückte ihn an ihr Herz.

Nathan wischte mit der Hand über die saubere Schreibtischfläche und legte seine Feder parallel zu der ledernen Schreibunterlage. Ein leiser Windhauch fuhr durch das offene Fenster, ließ die Feder erzittern und schob sie über den Tisch. Nathan legte sie wieder zurück an ihren rechtmäßigen Platz, dann wandte er sich dem Fenster zu und schloss es.

Kaum, dass er den Hebel umgedreht hatte, aber wurde die Tür aufgestoßen, und die Feder wurde aufgewirbelt. Sie segelte durch die Luft und Richtung Boden. Nathan hechtete nach vorn, fing sie in letzter Sekunde auf und hielt sie in den Händen wie ein Küken, das es zu beschützen galt. Als er sich aufrichtete, fiel sein Blick auf die dreckigen Stiefel, die eben in sein Büro hineinmarschiert waren.

Er schluckte und richtete sich weiter auf, sein Blick glitt dabei über dreckige Hosenbeine und blieb an einem Gürtel mit zwei Holstern hängen. Die Griffe von Revolvern blitzten in der Vormittagssonne. Direkt darüber hingen quer über dem Oberkörper zwei Patronengurte, die sich in der Mitte kreuzten.

»Na, Nate«, knarzte eine Stimme mit schmieriger Freundlichkeit. »Hast du das Massaker von letzter Nacht mitbekommen?«

»Äh, ich hab die Schüsse gehört, Dan«, sagte Nathan und legte die Feder zurück auf den Schreibtisch. Sie war nicht parallel zu der Unterlage, aber der Blick des Mannes vor ihm hielt Nathan davon ab, die Feder auszurichten. Er fühlte sich gefangen davon.

»Schrecklich«, sagte Dan jetzt mit gespielter Traurigkeit in den Augen. »Einfach schrecklich. Nicht auszudenken, wenn das einen braven Bürger wie dich träfe.«

»Ich bin Notar«, sagte Nathan. »Ich tue keiner Fliege was zu Leide.«

»Ja, aber das wissen die Kugeln von Baron ja nicht.«

Nathan schloss ermattet die Augen. Was half es, es war Donnerstag? Und jeden Donnerstag war es das gleiche Spiel.

»Baron und seine Männer sind gemeingefährliche Desperados. Was, wenn die hier reinmarschieren, Nate? Was, wenn die mit ihrem Remingtons und Winchesters hier reinmarschieren? Was dann? Kannst du dich wehren?«

»Nein«, antwortete Nathan ergeben.

»Kannst du dich beschützen?«

»Nein.«

»Aber wer kann dich beschützen?«

»Lady Bessy«, antwortete Nathan und trat hinter seinen Schreibtisch. Er holte den Schlüssel aus seiner Westentasche und steckte ihn in die oberste Schublade.

»Goldrichtig, goldrichtig«, sagte Dan und verschränkte die Arme vor der Brust. Er blickte aus dem Fenster.

»War ein richtiges Blutbad heute Nacht. Acht tote. Fünf von denen, drei von uns, Gott hab sie selig.«

»Ja, möge er sich ihren Seelen erbarmen«, murmelte Nathan und fragte sich vor allem, wer sich seiner Seele erbarmen würde.

»So viel Tote waren es noch nie«, erzählte Dan jetzt und riss den Blick vom Fenster los. Er grinste Nathan an. »Deshalb ist der Preis gestiegen.«

»Was?«

»Acht Dollar.«

»Die Woche?«, fragte Nathan fassungslos. »Ich bin Notar, kein Kaufmann. Wovon soll ich das bezahlen? So viel habe ich hier in diesem County auch nicht zu tun.«

Dan stützte sich auf dem Schreibtisch ab und nickte mit vorgeschobenem Verständnis.

»Natürlich, natürlich. Aber wie wenig hättest du erst zu tun, wenn du tot wärst, Nate?«

Nathan schluckte, in der Hand hielt er fünf Dollar. Das war die Summe, die er Bessys Männern eigentlich wöchentlich zahlte. Bis jetzt zumindest. Dans kleine Augen bohrten sich in Nathan hinein. Mit zitternden Fingern griff der Notar in die Schublade und holte drei weitere Dollarnoten hervor. Er reichte sie über den Schreibtisch.

Dan nickte und nahm die Scheine an sich. »Guter Mann.«

Er pfiff ein Liedchen und verließ das Büro. Die schließende Tür ließ erneut ein Lüftchen durch den Raum fegen. Die Feder zitterte, dann endlich lag sie still auf dem Schreibtisch.

Nathan richtete sie parallel zu seiner Unterlage aus und ließ sich erleichtert in seinen Schreibtischstuhl fallen. Er holte sein Taschentuch hervor und tupfte sich Schweiß von der Stirn.

Er kam nicht dazu, das Tuch wieder einzustecken, bevor die wieder aufschwang. Noch schwerere Stiefel als eben betraten das Büro. Smith grinste genauso gönnerhaft, wie Dan es getan hatte. Seine breiten Schultern schienen das ganze Büro auszufüllen.

»Es ist Donnerstag, Nate«, sagt der Mann, von dem Niemand den Vornamen überhaupt kannte. Der Gorilla wurde von allen nur Smith genannt.

»Ist Barons Lieblingstag«, verkündete er jetzt. »Meiner auch. Deiner auch?«

Nathan schluckte wieder und griff wieder in die kleine Tasche seiner Weste. Er nickte ergeben.

»Ist ein toller Tag, Smith.«

»Das will ich meinen«, sagte der Gorilla und stützte sich neben dem Fenster ab. Sein haariger Arm lehnte an der Wand, während er aus dem Fenster schaute.

»Acht Männer sind letzte Nacht gestorben. Acht, Nate. Fünf hat Bessy verloren, wir drei.«