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Als aus heiterem Himmel die Direktorin und ihr Bruder beim Sonntagsessen vor ihren Augen tot umfallen, haben die sieben Schülerinnen des St. Etheldra Mädcheninternats die Wahl: Entweder sie erzählen von den Todesfällen und werden nach Hause geschickt, oder sie vertuschen den Vorfall und haben die fantastische Chance, das Mädcheninternat selbst zu führen – ganz ohne die Kontrolle von Erwachsenen! Also schaufeln sie den beiden ein Grab im Garten und pflanzen einen hübschen Kirschbaum darauf. Doch das ist erst der Anfang. Für ihren Traum von der eigenen Schule verstricken sich die Mädchen in ein fulminantes Netz aus raffinierten Lügen, während der Mörder noch frei herumläuft … Eine skurrile Krimi-Komödie mit viel schwarzem Humor
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Veröffentlichungsjahr: 2014
Als aus heiterem Himmel die Direktorin und ihr Bruder beim Sonntagsessen vor ihren Augen tot vom Stuhl fallen, haben die sieben Schülerinnen des St. Etheldra Mädcheninternats die Wahl: Entweder erzählen sie von den Todesfällen und werden nach Hause geschickt, oder sie vertuschen den Vorfall und haben die fantastische Chance, das Mädcheninternat selbst zu führen – ganz ohne die Kontrolle von Erwachsenen!
Also schaufeln sie den beiden ein Grab im Garten und pflanzen einen hübschen Kirschbaum darauf. Doch das ist erst der Anfang. Für ihren Traum von der eigenen Schule verstricken sich die Mädchen in ein fulminantes Netz aus raffinierten Lügen, während der Mörder noch frei herumläuft …
Eine skurrile Krimi-Komödie mit viel schwarzem Humor
© Bruce Lucier
Julie Berry hat einen Masterabschluss des Vermont College. Ihre Jugendbücher wurden für verschiedene Auszeichnungen nominiert, standen auf Bestenlisten und erhielten zahlreiche lobende Pressestimmen. Sie lebt mit ihrem Mann und vier Söhnen in einem Vorort von Boston. Dort arbeitet sie als Marketingleiterin eines Start-up-Unternehmens und ist aktiv an „Desert Books“, einem Verlagszweig der mormonischen Kirche, beteiligt.
www.julieberrybooks.com
Für meine eigenen skandalösen Schwestern Sue, Jane, Beth, Sal und Joanna sowie alle weiteren Schwestern, die ich im Laufe der Jahre dazugewonnen habe.
Die Schülerinnen des Mädchenpensionats Saint Etheldreda
Diesen jungen Damen werdet ihr in der folgenden Geschichte begegnen:
Roberta „Liebenswert“ Pratley
Mary Jane „Ungeniert“ Marshall
Martha „Einfältig“ Boyle
Alice „Robust“ Brooks
Kitty „Schlau“ Heaton
Louise „Pockennarbig“ Dudley
Elinor „Düster“ Siever
Verwandte und Bekannte der oben genannten jungen Damen
Personen, die euch in der folgenden Geschichte nicht begegnen werden:
Mrs Maybelle Pratley, deren erste Tat nach ihrer Hochzeit mit Benson Pratley darin bestand, seine Tochter Roberta in das Mädchenpensionat Saint Etheldreda im gut sechzig Kilometer entfernten Ely, Cambridgeshire, zu geben. Mrs Pratley war der festen Überzeugung, dass ein so hochgewachsenes, schlacksiges Mädchen von schwachem Verstand, das ständig über seine großen Füße stolperte, nur mit intensiver Anleitung zu einer tüchtigen Frau geformt werden konnte. Die nachsichtige Erziehung der verstorbenen Mrs Pratley hatte Roberta zu einem sanftmütigen Wesen heranwachsen lassen und die neue Mrs Pratley beabsichtigte, das zu korrigieren. Das Mädchenpensionat Saint Etheldreda war für seine strenge Disziplin sowie strikte moralische Grundsätze bekannt und entsprach damit ganz Maybelle Pratleys Vorstellungen. Mochten auch sonst alle, die Roberta Liebenswert kannten, das Mädchen als hinreißend warmherzig und sanftmütig preisen, die Stiefmutter wusste es besser.
Mrs Llyod Marshall, deren größte Sorge es war, dass ihre Tochter Mary Jane Marshall sich viel zu jung auf die falsche Sorte Mann einlassen und mit einer Heirat für einen Skandal sorgen würde. Mary Jane Ungeniert gelang es immer wieder, sich der rigorosen Überwachung ihrer Mutter zu entziehen, und junge Herren, insbesondere solche der draufgängerischen und mittellosen Sorte, umschwärmten sie wie Fliegen einen Honigtopf. Die besorgte Mutter legte all ihre Hoffnungen in das wachsame Auge der Leiterin des Mädchenpensionats Saint Etheldreda.
Leroy, Rupert, Alexander und Chesterfield Boyle, die jüngeren Brüder von Martha Einfältig. Sie drangsalierten ihre Schwester wie sie nur konnten, weil sie es ihnen so leicht machte. In Marthas Porridge tauchten Frösche auf, Mäuse krabbelten unter ihren Laken hervor und ständig verschwand ihre Brille, nur um wenig später im Kartoffeleimer oder im Butterfass wieder aufzutauchen. Fairerweise muss gesagt werden, dass die meisten Jungen ihre Schwestern für einfältig halten. Nur hatten diese vier jungen Herren damit leider recht. Auch Marthas einstige Gouvernante hätte dem widerstrebend zustimmen müssen, obgleich sie hinzugefügt hätte, dass Martha ein liebes, reizendes Mädchen sei mit Talent für das Klavierspiel und einer Engelsstimme.
Isabelle Brooks, die Cousine von Alice Brooks. Isabelle naschte den ganzen Tag über bis zur Teestunde kandierte Nüsse, Fruchtgelee oder Petits Fours und die Zeit zwischen der Teestunde und dem Abendessen überbrückte sie mit gebuttertem Toast und Feigenkonfitüre oder Käsecroissants. Dennoch – und weil es keine Gerechtigkeit auf der Welt gibt – setzte sie nie auch nur ein überflüssiges Gramm an und ihrer schlanken, anmutigen Figur standen die neuesten Kreationen der Pariser Mode auf das Beste. Alice musste sich Cousine Isabelle tagtäglich von ihrer Großmutter als leuchtendes Beispiel vorhalten lassen. Und es zeugte von einem großen Herzen und bemerkenswerter Selbstbeherrschung, dass es Alice Robust, die zu Übergewicht neigte, gelang, die Cousine nicht zu hassen.
Mr Maximilian Heaton, ein wohlhabender Fabrikant aus Nordengland, Vizepräsident des britischen Eisenbahnausschusses und Vater von Kitty Schlau. Seine Frau war gestorben, als Kitty, ihr einziges Kind, erst vier Jahre alt war, und hatte ihn zu seinem großen Kummer ohne männlichen Erben für das gewaltige Vermögen zurückgelassen, das dank seiner unermüdlichen regen Tätigkeit stetig weiterwuchs. Oft prahlte er damit, dass er sich noch nie mit einem Mann in einem Raum befunden habe, der ihm als Unternehmer das Wasser reichen könne. (Hätte er sich öfter mit seiner Tochter in einem Raum befunden, wäre ihm vielleicht aufgefallen, dass direkt vor seiner Nase eine junge Frau heranwuchs, die es mit seinen Fähigkeiten durchaus aufnehmen konnte.) So ungemein erfolgreich Mr Heaton auch war, nicht einmal bei den Anteilseignern seiner Fabrik, die durch ihn zu Reichtum gelangten, erfreute er sich Beliebtheit.
Dr. Matthew Dudley, ein Londoner Chirurg und Louise Dudleys Onkel väterlicherseits. Er hatte mit einem Stipendium an der Universität Cambridge Medizin studiert und seine Ausbildungan der Universität im schottischen Edinburgh fortgesetzt. Als seine kleine Nichte im Alter von acht Jahren an Pocken erkrankte, wich er Tag und Nacht nicht von ihrer Seite und sorgte für ihre Genesung. Von da an blieb er für Louise ein Idol und Mentor. Er förderte ihr Interesse an Naturwissenschaften, Chemie und Medizin, indem er sie mit Büchern versorgte und zu Vorlesungen einlud. Er prophezeite, dass seine Nichte auf dem Gebiet der Medizin Großes leisten würde. Aus Angst, dass er recht behalten könnte, konfiszierten Louises Eltern ihren Chemiekasten, als sie zwölf Jahre alt wurde, und schickten sie in das Mädchenpensionat Saint Etheldreda, damit sie statt der Heilkunde damenhaftere Wissenschaften erlernte.
Der alte Jim Clitherow, ein Totengräber aus Newark-on-Trent, Nottinghamshire. Vierzig Jahre lang begrub er die Toten seiner Kirchengemeinde und manchmal grub er sie auch wieder aus, wenn sie Eheringe oder feste Stiefel trugen oder ihre Lungen und Leber einem Chirurgen gutes Geld wert waren. Eines Nachts, als er gerade einen wieder ausgegrabenen deutschen Witwer auf seinen Karren hievte, bemerkte er, dass die junge Miss Elinor Siever hinter einem Baum stand und ihn beobachtete. Ihr blasses Gesicht wirkte gespenstisch im Mondlicht und er hielt sie für einen Racheengel, der geschickt worden war, um ihn für den Grabraub zu bestrafen. Beinahe wäre dem alten Jim vor Schreck das Herz stehen geblieben. Die junge Frau schaute ihm über die Schulter und betrachtete den Leichnam von Hans Marx, dann streckte sie die Hand aus, um das kalte, graue Gesicht des Toten zu berühren. Der alte Jim Clitherow scheuchte Elinor Siever davon, warf Hans Marx zurück in die Grube, wo er hingehörte, schaufelte Erde auf den Leichnam und rannte davon. Er erzählte dem Wirt des örtlichen Pubs Bubble and Brisket von dem Erlebnis. Als Mr und Mrs Siever die Gerüchte von den nächtlichen Ausflügen ihrer Tochter zu Ohren kamen, wurde Elinor Düster schneller am Mädchenpensionat Saint Etheldreda angemeldet, als sich „Nekromantie“ aussprechen lässt.
England
1890
Jeden Sonntagnachmittag waren die sieben jungen Damen des Mädchenpensionats Saint Etheldreda in der Prickwillow Road in Ely, Cambridgeshire, an die Tafel der Schulleiterin Constance Plackett geladen, wenn diese ihren Bruder Mr Aldous Godding zu Gast hatte. Das Privileg der Schulleiterin und ihrem regelmäßigen Sonntagsgast dabei zusehen zu dürfen, wie sie das Kalbfleisch verzehrten, das die jungen Damen selbst zubereitet hatten, war Entschädigung genug dafür, dass es nicht ausreichend Fleisch für alle an der Tafel gab. Die Mädchen hatten gelernt, sich Sonntag für Sonntag mit Butterbrot und heißen Bohnen zu begnügen. Sich so in Verzicht zu üben, sei eine gute Vorbereitung auf ihr späteres Eheleben. Davon war Mr Aldous Godding fest überzeugt und seine Schwester, die verwitwete Mrs Plackett, konnte ihm nach langjähriger ehelicher Erfahrung in diesem Punkt nur zustimmen.
Während jenes besonderen Sonntagsessens im Mai hatte Mrs Plackett gerade ein Stück Kalbfleisch in die Soße auf ihrem Teller gestippt. Sie schob sich das Fleisch in den Mund und ließ die Gabel fallen. Ihr Kopf kippte nach hinten und ihre Augen starrten mit leerem Blick an die Decke. Sie schauderte, erzitterte, dann stieß sie ein würgendes Keuchen aus und verstummte.
„Was ist los, Conny?“, fragte ihr Bruder zwischen zwei Bissen. „Sag schon. Man stiert nicht so herum. Reich mir den Pfeffer, Fräulein.“ Mit dem letzten Satz wandte er sich an Mary Jane Ungeniert, die neben ihm saß. Aber er kannte weder ihren Namen noch den Grund für ihren Beinamen. Alle Schülerinnen waren für ihn „Fräulein“.
Mary Jane Ungeniert reichte ihm den Pfeffer. Mr Godding machte reichlich davon Gebrauch, nahm einen Bissen vom Kalbfleisch, legte Messer und Gabel neben den Teller, tupfte sich den Bart mit der Serviette ab und stand auf. Er ging zur anderen Seite des Tisches, wo seine Schwester saß, und hob die Hand, um ihr auf den Rücken zu klopfen. Doch dann würgte er, fasste sich an die Kehle, kippte vornüber und krachte mit einem dumpfen Schlag auf den Boden, sodass die Stuhlbeine unter den sieben jungen Damen erzitterten.
„Tot, würde ich sagen“, stellte Elinor Düster fest.
Kitty Schlau sprang auf und eilte leichtfüßig zu Mrs Plackett. Sie nahm Martha Einfältig die Brille von der Nase, putzte sie an ihrem Ärmel ab und hielt sie dann vor die schlaffen Lippen der Schulleiterin. Kitty lauschte und beobachtete aufmerksam. Die übrigen Mädchen warteten gebannt auf das Urteil, ihre Hände mit den Gabeln schienen auf halbem Weg zum Mund erstarrt zu sein.
Kitty Schlau nickte zufrieden, weil kein Atem die Gläser beschlug, und setzte Martha Einfältig die Brille wieder auf die Nase. „Tot wie ein Bückling“, verkündete sie.
„Igitt!“, stieß Martha Einfältig aus. „Du hast eine Tote auf meine Brille atmen lassen!“
Louise Pockennarbig machte schon den Mund auf, um Martha zu korrigieren, aber Kitty Schlau schüttelte leicht den Kopf. Louise Pockennarbig war die jüngste der Schülerinnen und es gewohnt, dass die älteren Mädchen sie herumkommandierten. Sie schwieg.
Roberta Liebenswert vergrub ihr Gesicht in den Händen. „Aber das ist ja furchtbar! Sollten wir nicht Dr. Snelling rufen?“
„Dafür ist es ein bisschen spät“, entgegnete Elinor Düster. „Louise, schau du nach, wie es um Mr Godding steht.“
Louise Pockennarbig, die Wissenschaftlerin des Pensionats, näherte sich vorsichtig der am Boden liegenden Gestalt von Mr Aldous Godding. Ihr wurde bewusst, dass sie den Mann anfassen musste, um ihn umzudrehen, weil er mit dem Gesicht nach unten lag, ein Gedanke, bei dem sie ihre pockennarbige Nase vor Schreck und Ekel rümpfte.
„Komm schon“, drängte Elinor Düster. „Er wird dich nicht beißen.“
„Aber er ist ein Mann“, protestierte Louise. „Und noch dazu so ein schmieriger.“
„Sei kein Dummchen. Natürlich ist er ein Mann“, schnaubte Mary Jane Ungeniert. „Aber glaub mir, es gibt jede Menge weit bessere Exemplare.“
„Stell ihn dir als ein Präparat in einem Glas vor, das man speziell für Untersuchungszwecke getötet hat“, schlug Kitty Schlau vor.
Roberta Liebenswert betupfte sich die Augen mit einem Taschentuch. „Getötet?“, quiekte sie. „Hast du gesagt ‚getötet‘?“
Louise Pockennarbig hatte sich endlich überwunden, ihr Präparat umzudrehen, und erklärte es für tot. Das Blut, das aus Mr Goddings gebrochener Nase quoll, schmierte grausig über sein ohnehin unansehnliches Gesicht und drohte dem Perserteppich einige bleibende Flecken zuzufügen. Die Mädchen umringten die Leiche und beugten sich darüber.
„Getötet!“, wiederholte Elinor Düster. „Ermordet!“ Sie betonte genussvoll die „R“, was in etwa so klang: „Errrrmorrrrdet“.
„Oh! Oh gute Güte!“, stieß Roberta Liebenswert hervor. „Ein Mord. Guter Gott. Ich glaube, ich falle in Ohnmacht.“ Sie fächelte sich mit der Hand Luft zu.
„Nicht jetzt, Roberta, sei so lieb“, mischte sich Mary Jane ein. „Was hast du davon, ohnmächtig zu werden, wenn gar keine jungen Herren in der Nähe sind, die es mitbekommen könnten?“
„Mumpitz!“, schnaubte Louise Pockennarbig. „Wenn ich in Ohnmacht fallen wollte, was nicht der Fall ist, würde ich es tun, egal, ob Männer anwesend sind oder nicht.“
„Starker Tobak, Louise“, sagte Alice Robust und zitierte Shakespeare: „‚Dies über alles: Sei dir selber treu.‘ Also, wenn wir uns jetzt wieder dem auf der Hand liegenden Problem zuwenden könnten?“
„Das vor unseren Füßen liegt, meinst du“, verbesserte sie Martha Einfältig und betrachtete die Leiche auf dem Teppich.
„Irgendetwas hat Mrs Placket und Mr Godding getötet.“ Alice Robust tupfte mit ihrer Serviette an dem Blutfleck auf dem Teppich herum. „Aber vielleicht haben sie sich auch nur an einem Stückchen Fleisch verschluckt. Wir dürfen uns nicht gleich vergaloppieren und von Mord sprechen.“
„Die Wahrscheinlichkeit, dass beide zufällig innerhalb von wenigen Sekunden an einem Stück Fleisch ersticken, erscheint mir verschwindend gering“, erklärte Louise Pockennarbig mit einem Naserümpfen. „Die Umstände legen Gift nahe, was wiederum klar auf Mord hindeutet. Jemand hat die beiden umgebracht.“
Ein engelsgleiches Lächeln breitete sich auf Kitty Schlaus hübschem Gesicht aus. „Ah, aber die Frage ist, wer?“, sagte sie.
Schweigen legte sich über das Esszimmer. Auf dem Kaminsims tickte die Uhr unter dem Glaszylinder. Die geblümten Chintzvorhänge bauschten sich in der sanften Maibrise. Mrs Constance Plackett saß für immer und ewig aufrecht und mit offenem Mund auf ihrem Stuhl am Esstisch und sieben junge Damen schauten sich an, als würden sie einander zum ersten Mal begegnen.
„Es kann doch unmöglich eine von uns gewesen sein“, schniefte Roberta Liebenswert.
„Warum nicht?“, widersprach Mary Jane Ungeniert. „Ich würde ‚Hurra‘ rufen, wenn es eine von uns war. Endlich hat jemand gesunden Menschenverstand bewiesen und uns von den beiden befreit.“
Robertas Augen füllten sich mit Tränen. „Aber das wäre grauenvoll! Wie sollen wir weiter hier leben, wenn wir uns ständig fragen, wer von uns eine Giftmörderin ist?“
„Pack ihn bei den Füßen, Liebes, ja?“, bat Alice Robust Martha Einfältig, während sie selbst sich bückte, um ihre Arme unter Mr Goddings Achseln zu schieben. Der Mann schien aus Zement zu bestehen. Martha Einfältig gehorchte und die übrigen jungen Damen packten ebenfalls an. Mit vereinten Kräften bewegten sie den Körper, so gut sie konnten, wobei sie darauf bedacht waren, ihre Kleider nicht mit Blut zu beflecken, und schließlich hievten sie den toten Bruder der toten Schulleiterin hoch.
„Und was machen wir jetzt mit ihm?“, erkundigte sich Mary Jane Ungeniert. „Legen wir ihn auf das Sofa bis die Polizei eintrifft? Vermutlich sollten wir jemanden losschicken, um sie zu informieren.“ Der Gedanke schien Mary Jane zu gefallen. „Wisst ihr was, ich gehe. Da ist dieser neue Constable aus London: Er ist groß und hat diese herrlich breiten Schultern und eine reizende kleine Lücke zwischen den Schneidezähnen. Ich hole nur schnell meinen neuen Schal …“
„Warte“, unterbrach sie Kitty Schlau. „Ich finde, wir sollten gründlich nachdenken, bevor wir loslaufen, um mit Polizisten zu flirten und Ärzte zu rufen. Roberta hat da gerade eine sehr kluge Frage gestellt.“
Roberta Liebenswert blinzelte. „Habe ich das?“
Alice Robust hielt angestrengt Mr Goddings Oberkörper umklammert. „Würde es euch etwas ausmachen, wenn wir unseren kleinen Plausch fortsetzen, nachdem wir Mr Godding irgendwo abgelegt haben?“
„Ach, lasst ihn einfach da fallen“, sagte Kitty Schlau. „Ihm ist nicht mehr zu helfen.“
Und zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten krachte Mr Godding auf den Boden.
„Mist, jetzt müssen wir ihn später wieder hochhieven“, sagte Alice Robust.
„Wie ich gerade sagte“, setzte Kitty erneut an, aber hielt plötzlich inne: „Ach! Sieh doch bitte nach, was er in den Taschen hat, Louise, sei so gut.“
„Warum?“
Kitty zuckte mit den Achseln. „Wenn er Geld bei sich hat, können wir jetzt mehr damit anfangen als er.“
„Wie die Achäer im Trojanischen Krieg“, murmelte Elinor Düster mit einem merkwürdigen Glanz in den Augen. „Sie nahmen den gefallenen Feinden den Harnisch ab.“
Kitty Schlau hüstelte. „Nun ja. So ähnlich.“
„Ich weiß nicht, warum immer ich die unangenehmen Arbeiten erledigen soll“, murrte Louise Pockennarbig.
„Weil du die Jüngste bist und wir es dir sagen“, erklärte Mary Jane Ungeniert und erntete dafür von Alice Robust einen Tritt gegen den Fuß.
„Weil du so gründlich bist, Liebes“, sagte Kitty Schlau.
Louise Pockennarbig verzog das Gesicht, während sie mit zwei Fingern Mr Goddings Hosentaschen durchsuchte. Sie beförderte dabei eine Zigarre, eine Schnupftabaksdose, eine Münze und einen Schlüssel zutage, außerdem einen zusammengefalteten Zettel mit einer Kritzelei.
„Ist das eine Notiz?“, fragte Alice und spähte auf das Papier. „Bedeutet das etwas?“
Louise runzelte die Stirn. „Es sieht eher aus wie ein Tintenfleck“, erklärte sie. „Vielleicht ein Dreieck. Nichts von Belang.“ Sie ließ die Funde auf den Tisch fallen.
„Ein Sovereign ist für dich nicht von Belang?“ Kitty Schlau, die ein Faible für Zahlen und Buchhaltung hatte, schnappte sich die Goldmünze, dann erstattete sie Bericht über den Tascheninhalt der Schulleiterin. „Mrs Plackett hat einen Sovereign, ein paar Shilling und Pence, ein Taschentuch und Minzpastillen bei sich.“
„Hätte sie die Pastillen bloß öfter gelutscht“, bemerkte Mary Jane Ungeniert.
„Mary Jane!“, rief Roberta Liebenswert aus. „Du darfst doch nicht so über die Verstorbene sprechen!“
„Na, sie hatte Mundgeruch, ob tot oder lebendig“, entgegnete Mary Jane. „Und besser wird das jetzt nicht werden.“
Kitty Schlau nahm das Geld der beiden Toten an sich und steckte es in ihre Tasche. Den übrigen Krimskrams legte sie in eine kleine Steingut-Urne auf der Anrichte.
„Wie ich eben schon sagte“, nahm Kitty den ursprünglichen Faden wieder auf, wobei eine leichte Ungeduld in ihrer Stimme mitschwang, „hat Roberta vorhin eine sehr kluge Frage gestellt: ‚Wie sollen wir weiter hier leben?‘ Damit hat sie einen entscheidenden Punkt angesprochen: Sobald wir die Polizei und alle anderen informiert haben, schicken sie uns nach Hause.“
„Selbstverständlich werden wir nach Hause geschickt“, sagte Roberta Liebenswert. „Das ist nur vernünftig.“ Sie seufzte. „Ich muss dann wohl irgendwie lernen, Stiefmutter zu mögen. Hier, wo ich sie nicht sehen muss, ist das so viel einfacher. Es war sehr viel leichter, für sie zu beten, so wie der Pfarrer uns ermahnt, für unsere Feinde zu beten.“
„Aber warum, liebe Roberta“, fragte Martha Einfältig, „warum solltest du nach Hause zu deiner gemeinen Stiefmutter zurückkehren? Können wir nicht alle hierbleiben und so weitermachen wie bisher?“
„Sie lassen uns nicht!“, warf Louise Pockennarbig ein.
„Wer ‚sie‘?“, erkundigte sich Martha Einfältig.
„Die Leichenbeschauer“, erklärte Elinor Düster. „Die Bestatter. Die Polizei. Die Schulaufsicht. All die Leute, die sich wie ein Schwarm Krähen auf uns stürzen, sobald bekannt wird, dass die beiden tot sind.“
„Du klingst beinahe so, als würdest du dich auf ihr Kommen freuen“, stellte Kitty Schlau fest.
„Nur auf das der Bestatter“, räumte Elinor ein. „Ich wollte schon immer mal eine Einbalsamierung miterleben.“
„Mist und Doppelmist.“ Mary Jane Ungeniert ließ sich auf ihren Stuhl am Esstisch fallen. „Jetzt, wo wir die beiden Nervensägen los sind, hätten wir endlich ein bisschen Spaß haben können. Das Leben hier kommt mir auf einmal sehr viel interessanter vor und ausgerechnet jetzt sollen wir weg.“
„Und voneinander getrennt werden“, fügte Louise Pockennarbig hinzu.
Alice Robust legte einen Arm um Louise und die legte ihren Kopf auf Alices Schulter.
„Ich will auch nicht nach Hause“, sagte Martha Einfältig. „Meine kleinen Brüder piesacken mich ständig. Sie ziehen mich an den Haaren und tauchen sie in Tinte und kleben meine Klaviernoten zusammen.“
„Mutter lässt mich keine Minute aus den Augen“, berichtete Mary Jane Ungeniert. „Sie ist felsenfest überzeugt, ich würde mit irgendeinem Mann durchbrennen, wenn sie mich nur eine halbe Stunde unbeaufsichtigt ließe. Habt ihr je so einen Unsinn gehört?“ Sie grinste. „Zehn Minuten und ein williger Mann sind alles, was ich brauche.“
„An willigen Männern hat es dir nie gefehlt“, stellte Kitty Schlau fest.
„Richtig, aber unter Mutters Aufsicht fehlt es entschieden an Minuten.“
Alice Robust interessierte sich nicht für Mary Janes Chancen auf eine überstürzte Heirat. „Wenn ich nach Hause zurückkehren muss, bekomme ich von Großmama wieder nur zu hören, wie dick ich bin im Vergleich zu Cousine Isabelle“, berichtete Alice. „Und das sagt ausgerechnet sie! Zwei Dienstmädchen sind nötig, um Großmamas Korsett zu schnüren, und das hält sie trotzdem nicht davon ab, an mir herumzumäkeln.“
Elinor Düster starrte auf die schwarzen Kohlen im Kamin. „Meine Mutter wird mir wieder den lieben langen Tag vorbeten, dass von einer jungen Dame Liebreiz und ein sonniges Gemüt erwartet wird.“ So wie Elinor die Worte betonte, dachte man an Maden und Schwarzfäule.
Kitty Schlau schnalzte mitleidig mit der Zunge.
„Ich vermute, sie schicken uns letztlich auf andere Schulen“, sagte Louise Pockennarbig. „Mit neuen Lehrerinnen und neuen fiesen Mädchen, die uns das Leben schwer machen.“
„Wir hatten es so schön hier miteinander.“ Roberta Liebenswert seufzte. „Das ist wirklich ein Wunder. Wir sind nicht einfach nur Pensionatsfreundinnen. Wir sind wie eine Familie.“
„Besser als eine Familie“, wurde sie von Mary Jane Ungeniert korrigiert. „In Familien wimmelt es von Tanten, Brüdern und Eltern. Wir sind Schwestern.“
„Ich habe mir immer eine Schwester gewünscht“, gestand Martha Einfältig.
„Ich mir auch“, sagte Roberta Liebenswert.
„Ich nicht“, erklärte Elinor Düster. „Aber ich habe nichts gegen eure Gesellschaft.“
Louise Pockennarbig richtete sich auf. „Keine von uns hat eine Schwester zu Hause, oder?“, sagte sie bedächtig. „Das war mir bisher gar nicht bewusst. Keine Einzige von uns.“
„Deshalb finde ich es so furchtbar, von hier wegzumüssen.“ Roberta Liebenswert hatte angefangen zu weinen. „Wir haben unsere eigene Schwesternschaft.“
Elinor reichte Roberta ein schwarzes Seidentaschentuch.
„Wollt ihr wissen, was ich denke?“, fragte Kitty Schlau in die Runde. „Ich denke, wir sagen diesen … Krähen und, wie hast du sie genannt, … diesen Leichenbeschauern nichts. Wir erzählen einfach überhaupt niemandem davon.“
Die Mädchen schauten einander an. Aus der glimmenden Kohle im Kamin sprangen kleine Funken. Einen Augenblick lang hing jede ihren Gedanken nach und verarbeitete den erstaunlichen Vorschlag. Kitty Schlau zählte ihre Herzschläge, während sie auf eine Antwort der anderen wartete.
„Aber die Leichen werden stinken“, gab Martha Einfältig schließlich zu bedenken. „Früher oder später lässt sich das nicht vermeiden.“
Mary Jane Ungeniert, deren grüne Augen bei Kittys Vorschlag herrlich aufgeleuchtet hatten, strich Martha Einfältig kurz über den Rücken. „Nein, Schätzchen, tun sie nicht“, sagte sie. „Wir begraben die Leichen. Und zwar in den Gemüsebeeten.“
„Sie geben einen wunderbaren Kompost“, fügte Louise Pockennarbig hinzu. „Vielleicht noch nicht für die diesjährige Ernte, aber im kommenden Jahr werden die Zucchini und Kürbisse in vollem Saft stehen.“ Sie kratzte sich nachdenklich an der Nase. „Wir müssen nur vorsichtig sein, wenn wir im Herbst nach Kartoffeln graben.“
Kittys Blick huschte von einem Mädchen zum anderen, um abzuschätzen, wie ihr Vorschlag aufgenommen wurde. Sie wagte es noch nicht, sich zu gratulieren. Sie musste sicher wissen, wo die anderen standen.
„Vergesst die Kartoffeln“, erklärte sie. „Die Sache wird für einen Skandal sorgen. Es wird eine Untersuchung geben. Auf jeder von uns könnte für den Rest des Lebens der Schatten eines Verdachts liegen.“
„Ein schwarzer Fleck“, fuhr Elinor Düster fort. „Ein Makel auf unserer jungfräulichen Reinheit.“
„Oh, nein, sicher nicht“, widersprach Mary Jane Ungeniert. „Nicht wegen so einer Nichtigkeit – doch nicht nur weil wir versäumt haben, den Tod einer Schulleiterin und ihres widerlichen Bruders anzuzeigen. Es bedarf schon eines größeren Vergnügens, um unserer jungfräulichen Reinheit einen Makel zuzufügen.“
„Sie werden denken, dass eine von uns die beiden umgebracht hat“, warnte Louise Pockennarbig.
Kitty Schlau hakte sich bei Louise unter. „Herzchen, und was ich nur zu gern wüsste, ist, ob es tatsächlich eine von uns war.“
Neugierig geworden?
E-Book- und Printausgabe dieses Buches erscheinen am 17.09.2014 (ISBN E-Book: 978-3-522-62117-5, ISBN Printausgabe: 978-3-522-20199-5).
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Berry, Julie:
Lasst uns schweigen wie ein Grab (Leseprobe)
ISBN 978 3 522 68013 4
Aus dem Amerikanischen von Eva Plorin
Einbandgestaltung: Maximilian Meinzold
E-Book Konvertierung: KCS GmbH, Stelle/Hamburg
© 2014 by Julie Berry
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel The Scandalous Sisterhood of Prickwillow Place bei Roaring Brook Press, New York.
© 2014 Thienemann in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart.
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Maryrose Wood
Das Geheimnis von Ashton Place - Aller Anfang ist wild
ab 10 Jahren
ISBN 978 3 522 61008 7
Thienemann Verlag
Sie sind alles andere als normal, die drei Wilden von Ashton Place. Sie heulen wie die Wölfe und jagen leidenschaftlich gern Eichhörnchen. Dabei sollen sie doch endlich lernen, sich richtig zu benehmen – schließlich gibt Lady Ashton bald ein großes Fest! In dieser äußerst schwierigen Situation kann nur eine helfen: Miss Penelope Lumley, die zauberhafte Gouvernante der Swanburne Academy. Beherzt macht sie sich an die Arbeit und merkt bald, dass nicht jeder ihre Bemühungen unterstützt. Allen voran Lord Ashton … Wie kann sie die Kinder vor ihm schützen?
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