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Wer sich in der Schule gefragt hat, weshalb man sich heute noch mit Latein beschäftigen sollte, findet die Antwort in diesem kompakten Büchlein. Anschaulich und zugänglich führt Martin Korenjak darin die überragende Bedeutung der lateinischen Sprache für die Kultur- und Geistesgeschichte Europas von der Antike bis heute vor Augen.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Martin Korenjak
LATEIN
Porträt einer Weltsprache
C.H.Beck
Cover
Inhalt
Textbeginn
Titel
Inhalt
Vorwort
1. Sprache
Herkunft und Eigenart
Vom
Lapis niger
bis zum Ende der Antike
Vom Frühmittelalter bis heute
2. Literatur
Literatur vor der Moderne
Die römische Literatur
Ein Beispiel: Vergils
Aeneis
Die nachantike lateinische Literatur
3. Recht
Geschichte
Die lateinische Rechtssprache
4. Religion
Geschichtlicher Überblick
Arten des Kirchenlateins
Die lateinische Bibel
Die Liturgie
5. Wissenschaft
Latein als Wissenschaftssprache in Antike und Mittelalter
Die Neuzeit: die Wissenschaftliche Revolution
Wissenschaftsliteratur, Wissenschaftslatein
Die Moderne: von der Sprache zur Terminologie
Ausblick
Literaturverzeichnis
Zu Latein im Allgemeinen
Zu Kapitel 1: Sprache
Zu Kapitel 2: Literatur
Zu Kapitel 3: Recht
Zu Kapitel 4: Religion
Zu Kapitel 5: Wissenschaft
Zum Ausblick
Zeittafel
Bildnachweis
Register
Zum Buch
Vita
Impressum
Latein ist heute im Bewusstsein der Allgemeinheit vor allem als Schulfach, als Sprache der alten Römer und als Quelle von Fremdwörtern präsent. Weitgehend verschüttet ist dagegen seine enorme kulturelle Bedeutung in der Geschichte und Gegenwart Europas, der westlichen Welt und der menschlichen Zivilisation insgesamt, sofern sie unter westlichem Einfluss steht. Wenn man Griechisch die Ursprungssprache des westlichen Denkens nennen kann, ist Latein die Sprache der westlichen Tradition.
Die Geschichte der lateinischen Sprache zerfällt in zwei Teile. Von den ersten schriftlich erhaltenen Sprachzeugnissen bis zum Ende der Antike war Latein für über ein Jahrtausend die Muttersprache der Römer und später der meisten Menschen in der Westhälfte des Römischen Reiches. Im Mittelalter, in der Frühen Neuzeit und in gewissem Sinn bis heute, also rund eintausendfünfhundert Jahre lang, war es niemandes Muttersprache mehr, aber dafür die gemeinsame Bildungssprache Europas und derjenigen Teile der Welt, in die Europa im Zeitalter der Entdeckungen ausgriff.
Der vorliegende Abriss versucht beiden Phasen dieser außerordentlichen Sprachgeschichte gerecht zu werden. Die Darstellung gliedert sich in fünf Kapitel. Das erste widmet sich der Sprache selbst, die anderen vier diskutieren zentrale Aspekte der westlichen Kultur, deren Entwicklung untrennbar mit Latein verflochten ist: Literatur, Recht, Religion und Wissenschaft. Ein kurzer Ausblick auf die lateinische Sprache in Gegenwart und Zukunft bildet den Abschluss.
Aus inhaltlichen und stilistischen Gründen wird das generische Maskulinum verwendet. Autoren werden mit den im Deutschen üblichen Kurznamen bezeichnet, sofern vorhanden («Cicero», «Properz»). Zitate sind in Orthographie und Zeichensetzung nötigenfalls an heutige Usancen angepasst. Stellenangaben folgen der Zählung der modernen Ausgaben. Alle Übersetzungen stammen von mir. Die heute gebräuchliche Art, lateinische Verse zu lesen, wird durch Akzente über den zu betonenden Silben angezeigt. Griechische und hebräische Ausdrücke erscheinen in Transkription. Die im Text und in der Zeittafel gegebenen Daten sind in vielen Fällen konventionell und approximativ. Ausführlichere Informationen, als in diesem begrenzten Rahmen gegeben werden können, finden interessierte Leser in den im Literaturverzeichnis genannten Überblickswerken. In einigen wenigen Fällen wird Spezialliteratur zu einzelnen Aspekten an Ort und Stelle im Haupttext zitiert.
Bei meinen Freunden und Kollegen vom Innsbrucker Institut für Klassische Philologie und Neulateinische Studien sowie bei Martin Pennitz vom Institut für Römisches Recht und Rechtsgeschichte bedanke ich mich herzlich für hilfreiche Hinweise und die kritische Durchsicht einzelner Kapitel.
Zu der Zeit, in der seine schriftliche Überlieferung einsetzt, gegen Ende der ersten Hälfte des ersten vorchristlichen Jahrtausends, war Latein ein lokaler Dialekt, der in der mittelitalischen Landschaft Latium und insbesondere in Rom gesprochen wurde, einer Siedlung, die damals schon seit einigen hundert Jahren in der Gegend des heutigen Palatin existierte. Dieser Dialekt war nur eine von vielen Sprachen und Varietäten, die auf der italischen Halbinsel in Gebrauch waren. Mit einigen Ausnahmen, etwa dem Etruskischen in der Toskana und der Poebene oder dem durch griechische Kolonisten in Süditalien verbreiteten Griechisch, waren die meisten der betreffenden Idiome untereinander durch eine Reihe gemeinsamer Merkmale verbunden. Sie werden deshalb zusammenfassend als italische Sprachen bezeichnet (S. 10).
Die italischen Sprachen stellten ihrerseits eine Untergruppe der indoeuropäischen Sprachfamilie (S. 12) dar. Das Ur-Indoeuropäische wurde vermutlich einige Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung nördlich des Schwarzen und Kaspischen Meers gesprochen, jedoch nicht schriftlich festgehalten, weshalb es nur hypothetisch rekonstruierbar ist. Seine Sprecher verbreiteten sich in den folgenden Jahrtausenden über einen gewaltigen geographischen Raum, der von Indien bis Nordwesteuropa reichte. Dabei entstanden neben dem Italischen zahlreiche weitere Sprachzweige, beispielsweise das Indoiranische, Tocharische (im nordwestchinesischen Xinjiang), Hethitische (in Anatolien), Griechische, Slawische, Baltische, Germanische und Keltische. Später fächerten sich die meisten dieser Zweige ihrerseits in mehrere Einzelsprachen auf, von denen manche wie Spanisch, Portugiesisch, Französisch und Englisch sich im Zuge der neuzeitlichen Entdeckungen und der Kolonisation rund um den Globus verbreiteten. Heute spricht gut ein Drittel der Weltbevölkerung indoeuropäische Sprachen.
Latein basiert wie seine Schwestersprachen auf dem lautlichen, lexikalischen und grammatikalischen Erbe, das es vom Ur-Indoeuropäischen übernommen hat. Auf lexikalischer Ebene führt es einen guten Teil des indoeuropäischen Grundwortschatzes weiter – Zahlwörter, Pronomina, Adjektive, Bezeichnungen für Personen, Körperteile, Tiere, Alltagsgegenstände und -tätigkeiten und anderes mehr. Oft ähneln die betreffenden Wörter noch heute erkennbar ihren Entsprechungen im Deutschen, das sie als germanische Sprache letztlich ebenfalls aus dem Ur-Indoeuropäischen übernommen hat: Das lateinische tres entspricht dem deutschen «drei», mater ist «Mutter», rota «Rad».
Lautlich haben sich die verschiedenen Sprachen allerdings, wie diese Beispiele bereits erahnen lassen, häufig stark von der gemeinsamen Ursprungssprache und voneinander entfernt. Der lautgesetzliche Wandel, wie die Sprachwissenschaftler dieses Phänomen nennen, vollzieht sich in jeder Sprache nach eigenen Regeln. Aus diesem Grund ist etwa das lateinische bos auf den ersten Blick nicht mehr als Entsprechung zum deutschen «Kuh» zu erkennen, obwohl beide vom selben indoeuropäischen Wort abstammen, das gʷōws gelautet haben dürfte.
Noch stärker wird jedem Lateinlerner auffallen, wie sehr sich Latein vom Deutschen und von den meisten anderen modernen Sprachen Europas grammatikalisch unterscheidet, also in der Art und Weise, wie die Beziehungen zwischen den einzelnen Wörtern zum Ausdruck gebracht werden. Die wichtigeren europäischen Sprachen sind heute eher analytisch, drücken also solche Beziehungen vorzugsweise durch eigens zu diesem Zweck bestimmte Wörter (etwa Präpositionen wie «auf» oder Konjunktionen wie «indem») und durch die Satzstellung aus. Das Ur-Indoeuropäische war dagegen eine flektierende Sprache, machte das Verhältnis eines Wortes zu anderen im gleichen Satz also durch Änderungen der Wortgestalt kenntlich. Zu diesem Zweck verfügte es bei seinen Substantiven, Adjektiven und Pronomina über acht Fälle (neben den im Deutschen geläufigen noch über vier weitere zur Angabe von angeredeter Person, Mittel, Herkunft und Ort) und drei Zahlen (Einzahl, Mehrzahl, Dual zum Ausdruck natürlicher Paarigkeit). Bei den Verben war die Formenvielfalt noch größer: Während die drei Personen den unseren entsprachen, kam bei der Zahl wieder der Dual hinzu. Zusätzlich zum Aktiv gab es statt unseres Passivs ein Medium für reflexive Vorgänge und Handlungen (z.B. «sich verbergen») sowie für intransitive Verben (also solche, die nicht ins Passiv gesetzt werden können, wie etwa «sitzen»). Die Kategorie der Zeit war anscheinend auf recht komplizierte Weise mit denen des Aspekts, der Vorgänge als punktuell, andauernd oder sich wiederholend kennzeichnete, und des Modus verquickt, der die Haltung des Sprechers zu einem bestimmten Aussageinhalt angab. Bei Nomina wie Verben wurde jede mögliche Kombination all dieser Parameter durch eine eigene Flexionsendung ausgedrückt, mitunter auch noch durch Änderungen am Beginn oder im Inneren des Wortes. Das Muster, nach dem all diese Kategorien formal realisiert wurden, war nicht immer dasselbe: Die Wörter fielen, wie das fachsprachlich heißt, in verschiedene «Deklinations-» und «Konjugationsklassen».
Das Lateinische hat hiervon viel, wenn auch nicht alles bewahrt. Die Verben führen teilweise die indoeuropäische Vermischung von Zeit und Aspekt fort und zeigen generell eine große Formenvielfalt, wobei die allermeisten Formen als ein einziges Wort realisiert werden: Wo man im Deutschen etwa sagen muss «du wurdest öfters gelobt», heißt es im Lateinischen einfach laudabaris: lauda- ist der Verbalstamm («lob-»), -ba- drückt das Imperfekt aus, das mit der Vergangenheit den Aspekt der Wiederholung oder der Dauer verbindet, -ris bezeichnet die 2. Person Singular im Passiv. Man unterscheidet grob vier Konjugationsklassen, die durch den Ausgang des Verbalstamms auf a, e, i oder Konsonant definiert sind.
Die Nomina, die man je nach dem Ausgang des Nominalstamms auf a, o, e, u und i bzw. Konsonant in fünf Deklinationsklassen einteilt, weisen einige Fälle auf, die es im Deutschen nicht mehr gibt: den Vokativ für die direkte Anrede, den Ablativ, der primär eine Trennung oder eine Bewegung weg von etwas ausdrückt, hiervon ausgehend aber eine große Bedeutungsvielfalt entwickelt hat, und gelegentlich auch noch den Lokativ zur Angabe des Ortes. Wie bei den Verben werden die unterschiedlichen Formen durch spezifische Endungen gekennzeichnet. Während im Deutschen z.B. der Dativ Plural von «Bär» genauso lautet wie der Nominativ, nämlich «Bären», und der Fall durch den Artikel «den» (statt «die» für den Nominativ) ausgedrückt wird, sagt man im Lateinischen ursis, wobei die Endung -is sowohl die Mehrzahl (statt urso, «dem Bären») als auch den Fall (statt ursi, «die Bären») ausdrückt. Das gesamte Deklinationsparadigma von ursus (einem Wort der o-Deklination) lautet:
Singular
Plural
Nominativ
ursus
ursi
Genitiv
ursi
ursorum
Dativ
urso
ursis
Akkusativ
ursum
ursos
Vokativ
urse
ursi
Ablativ
urso
ursis
Einen bestimmten oder unbestimmten Artikel machen die Deklinationsendungen entbehrlich; das klassische Latein kennt noch nichts dergleichen.
Auch in seinem Satzbau unterscheidet sich die Sprache der Römer in manchem von dem, was uns heute geläufig ist. Insbesondere weist es wie viele stark flektierende Sprachen eine freie Wortstellung auf. Will man im Deutschen ausdrücken, dass ein Kind eine Kuh sieht, muss man die betreffenden Wörter in genau festgelegter Abfolge aneinanderreihen: «Das Kind sieht die Kuh.» «Die Kuh sieht das Kind» würde die Blickrichtung umkehren, «Sieht das Kind die Kuh» wäre allenfalls als Frage zulässig und «Das Kind die Kuh sieht» schlicht falsch. Im Lateinischen dagegen kann man den ersten Satz prinzipiell in allen sechs möglichen Wortstellungen ausdrücken: Infans bovem videt, Infans videt bovem, Bovem infans videt, Bovem videt infans, Videt infans bovem und Videt bovem infans. Der Sinn ist dank der Deklinationsendungen, die zeigen, dass infans im Nominativ und bovem im Akkusativ steht, in jedem Fall klar. Vor allem in anspruchsvoller Literatur werden diese Freiheiten nach Kräften ausgenutzt, um lautliche und semantische Effekte zu erzielen und in der Dichtung zudem die Zwänge des Versmaßes zu überlisten.
