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New-Adult-Romance über das bewegende Thema Mental Health. Eineinhalb Jahre ist der Unfall nun schon her, doch die Erinnerungen daran verfolgen Emmi noch immer. Wie soll sie es jemals schaffen, sich von dem Fluch der Vergangenheit zu lösen? Um auf andere Gedanken zu kommen, besucht sie in den Semesterferien eine befreundete Familie in Neuseeland, die dort ein Unternehmen für Whalewatching betreibt. Als Meeresbiologie-Studentin ist es die perfekte Ablenkung für Emmi – und gleichzeitig doch ein großer Schritt ins Unbekannte, so ganz ohne ihre Schwestern, die ein wichtiger Teil ihres Lebens sind. Doch plötzlich kommt alles anders als gedacht: Valentin, der Sohn des Firmeninhabers, schafft es, die Mauer um Emmis Gefühle zum Einsturz zu bringen und hinter die Fassade aus Angst und Kontrolle zu blicken. Zwischen den beiden entspringt ein Funke, der sich zu einem Feuer entwickeln könnte - wenn da nicht immer wieder Valentins merkwürdig distanziertes Verhalten wäre.
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Seitenzahl: 467
Veröffentlichungsjahr: 2024
Für alle,
die gegen ihre inneren Dämonen kämpfen
Ein Hinweis zu Beginn
Lauter als das Meeresrauschen ist ein fiktives Werk,
doch es behandelt Themen, die potenziell triggernd wirken können.
Eine Auflistung dieser Themen (Achtung, Spoiler!)
sowie mögliche Hilfestellen findet ihr hinten im Buch.
Euer Magellan Verlag
NINA VOSS
Fleetwood Mac – Everywhere
Barns Courtney – Fire
Barns Courtney – Glitter & Gold
Daisy Jones & The Six – Look At Us Now
Daisy Jones & The Six – Aurora
The Beatles – Here Comes The Sun
The Beatles – Yesterday
Fleetwood Mac – Little Lies
Daxten, Wai feat. Cleo Kelly – Feel The Pressure
Queen – Another One Bites The Dust
Queen & David Bowie – Under Pressure
The Dunne Brothers – Susie Q
The Dunne Brothers – Flip The Switch
Daisy Jones & The Six – More Fun To Miss
AC/DC – Highway To Hell
The Rolling Stones – (I Can’t Get No) Satisfaction
The Rolling Stones – Paint It, Black
Daisy Jones & The Six – Let Me Down Easy
Daisy Jones & The Six – Two Against Three
Queen – Crazy Little Thing Called Love
Fleetwood Mac – The Chain
Don McLean – American Pie
Mit jedem Meter, den ich zwischen mich und das Flugzeug brachte, schlug mein Herz höher. Es war nicht die Erleichterung, diesem fliegenden Ungetüm entkommen zu sein, die mich so glücklich machte. Es war der Gedanke an das, was folgen würde. Ein Neuanfang.
Ich hatte ja auch nur lächerliche anderthalb Jahre dafür gebraucht.
Mit meinem Koffer im Schlepptau quetschte ich mich durch die Masse an abenteuerlustigen Touristen und Reiserückkehrern und steuerte den Ausgang des Flughafens an. Die Sonne strahlte vom wolkenlosen Himmel über Christchurch und tauchte den Parkplatz in ein warmes Licht. Und das, obwohl es Anfang Februar war. Ein Vorteil, wenn man ans andere Ende der Welt flog. Mehr als dreißig Stunden hatte meine Reise aus dem verschneiten Hamburg in die malerische Landschaft Neuseelands gedauert – und ich war noch nicht mal am Ziel.
»Emmi!«
Ich blieb ruckartig stehen und blickte mich suchend um. Es dauerte nur ein paar Sekunden, dann wurde ich fündig: goldblondes Haar, blaue Augen und ein eleganter Kleidungsstil, der alle Blicke auf sich zog. Julia hatte sich nicht verändert.
Ich schob mich zwischen zwei Autos hindurch und ging auf die zierliche Frau zu.
»Hallo Julia.«
Sie zog mich mit erstaunlicher Kraft an sich. »Komm, lass dich drücken. Wie war die Reise?«
»Anstrengend.« Ich lächelte. »Aber jetzt bin ich ja da. Zumindest fast.«
»Ach, die paar Kilometer.« Julia drückte einen Knopf ihres Autoschlüssels und der Kofferraum eines knallroten Opels sprang auf. Nachdem wir mein Gepäck im Wagen verstaut hatten, lächelte sie mich auffordernd an. »Hüpf rein.«
Es waren nur zwei einfache Worte, aber mein Herz setzte für einen Schlag aus. Wie von selbst fuhr ich mit den Fingerspitzen über die weiche Haut meiner rechten Schläfe, spürte jede Wölbung und noch so kleine Unebenheit. Mein Puls beschleunigte sich und ein vertrautes, beklemmendes Gefühl mischte sich unter das glückliche Flattern in meinem Bauch. Verdammt. So unauffällig wie möglich zwang ich meine Hand nach unten und schob sie in meine Jackentasche. Ein sehnsüchtiges Kribbeln schoss durch meinen Arm und ich atmete tief ein, um mich zu beruhigen.
Als ich den Blick hob, sah ich einen traurigen Ausdruck in Julias Augen und das ungute Gefühl verstärkte sich. Die Freundin meiner Mutter lächelte, aber ich wusste, sie hatte mein Zögern bemerkt. Bevor sie etwas sagen konnte, stieg ich schnell ein. Bis nach Kaikoura waren es noch ungefähr 180 Kilometer, also mehr als zwei Stunden Fahrtzeit. 140 Minuten auf der Autobahn, eingesperrt in einem fahrenden Ding aus Metall, das mein Leben in jeder Sekunde beenden konnte.
Das waren doch rosige Aussichten.
»Wie geht es dir?«, fragte Julia, nachdem sie sich hinters Steuer gesetzt und den Wagen angelassen hatte. Eine Spur zu fröhlich fädelte sie sich in die Reihe aus Autos in Richtung Hauptstraße ein.
Widerstrebend löste ich meinen Blick vom Straßenverkehr und sah sie an. Ich hatte die Freundin meiner Mutter seit einem Jahr nicht mehr gesehen. Nicht, seit sie beschlossen hatte, ihren Job zu schmeißen und mit ihrem Mann und ihrer Tochter nach Neuseeland auszuwandern, um das Whalewatching-Unternehmen eines Bekannten zu übernehmen. Jeder in unserer Heimat war vom Misserfolg dieser Mission überzeugt gewesen. Jeder bis auf Julia Henning und meine Mutter, die den Dickkopf ihrer besten Freundin kannte und wusste, sie würde alles schaffen. Die beiden behielten recht. Entgegen aller Erwartungen hatten die Hennings es geschafft, in Kaikoura Fuß zu fassen, und lebten heute in der kleinen Küstenstadt am Pazifik, die für ihren Artenreichtum an Meeresbewohnern bekannt war.
»Mir geht’s gut. Ich bin froh, dass wir endlich Semesterferien haben, die letzten Wochen waren anstrengend. Klausurenphase.« Ich verzog in gespieltem Frust das Gesicht und Julia lachte.
»Hach, Meeresbiologie.« Die Stimme von Mamas Freundin nahm einen schwärmerischen Tonfall an. »Gott, wenn ich noch mal jung sein könnte! Das wäre etwas für mich. In welchem Semester bist du jetzt?«
»Ich komme ins zweite.«
Julia setzte ihre Schwärmerei fort und ich lehnte mich im Autositz zurück. Ich war noch immer etwas angespannt, merkte aber, wie das angenehme Prickeln in meinem Bauch zurückkehrte. Wir näherten uns dem Stadtrand und ich wagte einen Blick aus dem Fenster. Die Sonne brachte das Grün der Wiesen zum Leuchten und spiegelte sich im Wasser eines kleinen Sees, der zu einer Parkanlage Christchurchs gehörte. Wenige Minuten später überquerten wir die Stadtgrenze. Die Natur rauschte an uns vorbei. Je näher wir Kaikoura kamen, desto imposanter wurde die Landschaft. Hinten am Horizont, durch das Blätterdach einiger Bäume bedeckt, ragten die Spitzen einer Bergkette in den Himmel und flüsterten von Abenteuern und Freiheit.
Ich liebte Neuseeland. Bereits als Kind hatte ich die unendlichen Weiten der Landschaft, die Rauheit der Berge und launischen Vulkane bestaunt. Ich hatte Frodo und Sam auf ihrer filmischen Reise durch dieses fantastische Land begleitet, jede Dokumentation, jedes Buch über die Vielfalt der Natur und ihrer Meeresbewohner gelesen. Denn Neuseeland war nicht nur an Land beeindruckend, es war auch ein Heimatort der Pottwale.
Gedankenverloren griff ich nach meiner Halskette und ließ den kleinen Pottwalanhänger durch meine Finger gleiten. Die Kette war ein Geschenk meiner Eltern zu meinem 18. Geburtstag gewesen. Ich würde nie den Moment vergessen, als ich sie aus der dunkelblauen Schachtel gezogen und das erste Mal in den Händen gehalten hatte – Pottwale weckten ein Gefühl von Ehrfurcht in mir, eine Bewunderung, die so viel mehr ausdrückte als die bloße Faszination für eine Tierart. Ich war mir nicht sicher, ob meine Eltern damals gewusst hatten, was dieses Geschenk für mich bedeutete, ob irgendjemand ahnte, was ich mit diesen Tieren verband. Sogar meine Schwestern hatten mich einmal damit aufgezogen, dass ich die Kette niemals ablegte, aber ich war einfach noch nicht so weit.
Ich hatte Wale schon immer bewundert, aber seit anderthalb Jahren spürte ich eine besondere Verbindung zu den Tieren. Sie hatten mich in meiner dunkelsten Stunde gerettet. Ich erinnerte mich noch genau an die Dokumentation, die ich in einem Moment purer Verzweiflung zur Ablenkung von meinen Problemen gesehen hatte. Der Moderator hatte Pottwale als Überlebenskünstler bezeichnet, als Räuber in den unendlichen Tiefen des Ozeans, wo sie allein und unbeobachtet ihre Kämpfe austrugen.
Mit einem Seufzen lehnte ich mich im Auto zurück. Neuseeland war wild und ungezähmt, ganz anders als mein normales Leben in Hamburg. Es fühlte sich nach Spontanität und Tatendrang an. Wäre dieses Land ein Mensch, wäre es genau die Art von Person, die ich bewunderte.
Und jetzt, anderthalb Jahre nachdem sich alles verändert hatte, war ich hier, auf dem Weg nach Kaikoura, um meine Semesterferien am Meer zu verbringen und mit Pottwalen zu schwimmen. Ich war mir sicher: Neuseeland würde das Ende meiner Vergangenheit sein – und der Anfang meines neuen Lebens.
*
Das Zuhause der Hennings gefiel mir sofort. Ein schmaler Kiesweg führte, eingerahmt von Sträuchern, Blumen und Beeten, durch den Garten in Richtung Eingangstür. Die Außenfassade war in hellen Farben gehalten, aber die Fensterläden und das Dach leuchteten in einem dunklen Blauton.
Julia schloss die Wohnungstür auf und bedeutete mir, meine Sachen stehen zu lassen. Stumm folgte ich ihr durch den Flur, viel zu sehr damit beschäftigt, die neuen Eindrücke zu verarbeiten. Ich mochte die hellen Räume mit den vielen Pflanzen und rustikalen Holzmöbeln. Ihr Zuhause erinnerte mich an mein Lieblingsferienhaus an der Ostsee, das über Jahre hinweg unser Rückzugsort für erholsame Ferien gewesen war.
Wir betraten die Küche, die sich mit ihren weißen Fronten und dunklen Arbeitsflächen nahtlos in den Stil des Hauses einfügte. Zwei kleine Regale oberhalb der Arbeitsfläche hatte Julia als Stauraum für eine beachtliche Sammlung an Gewürzen und Ölen genutzt. Zwischen die Dosen und Flaschen quetschten sich ein paar Kräuter und ich fragte mich unwillkürlich, ob die Hennings gern kochten. Es sah zumindest danach aus.
»Setz dich«, forderte Julia mich auf und deutete auf einen der Stühle am Esstisch. »Ich glaube, du hast dir eine kurze Pause verdient.« Sie startete die Kaffeemaschine und ein lautes, monotones Brummen setzte ein. Erst jetzt merkte ich, wie müde ich war. Ich hatte die letzten Stunden kaum geschlafen, war von einem Gate zum nächsten gehetzt und hatte darüber nachgedacht, warum zum Teufel ich das tat. Es waren diese Momente gewesen, in denen ich mein Handy gezückt und die Neuseeland-Pinnwand auf Pinterest geöffnet hatte, die ich seit einigen Jahren führte. Fotos kleiner Bäche, umgeben von rauen Felswänden, Lava spuckender Vulkane, der schäumenden Gischt des Meeres – und von Walen. Sie waren es, die mich daran erinnerten, warum ich hier war. Was ich in den nächsten sieben Wochen erleben würde und wofür sich der Aufwand lohnte.
»Hier.« Julia stellte eine dampfende Tasse vor meiner Nase ab, ging zu einem der zahlreichen Schränke und zauberte eine Dose mit Chocolate-Chip-Cookies hervor. Ich lächelte dankbar, als sie sich zu mir setzte. Schweigend knabberten wir beide an einem Keks und tranken die ersten Schlucke unseres Kaffees. Beim zweiten Keks lehnte Julia sich im Stuhl zurück. »Soll ich dir ein bisschen erzählen, was wir die nächsten Tage geplant haben?« Als sie meinen Blick auffing, hob sie eine Hand. »Keine Angst, ich weiß, dass du Ferien hast. Du kannst das alles ganz entspannt angehen lassen, und ich werde es auch niemandem verraten, wenn du ein paar Tage weniger hilfst als ausgemacht war.« Sie zwinkerte mir zu.
Das war der Deal gewesen: ich lebte sieben Wochen im Haus der Hennings und arbeitete dafür ein bisschen im Blue Horizon, dem Whalewatching-Unternehmen der Familie. Ich sollte die Führung einiger Bootstouren übernehmen und die Touristen mit meinem Wissen über Wale und ihre Nachbarn im Meer unterhalten. Ein fantastisches Angebot, denn mich störte die Arbeit nicht, und die Hennings waren sich ihrer Verantwortung gegenüber den Tieren bewusst – ein Punkt, der mir ziemlich wichtig war. Ich hatte im Vorfeld ein wenig über das Unternehmen recherchiert und erleichtert festgestellt, dass die Freundin meiner Mutter sich scheinbar intensiv mit dem Thema Whalewatching auseinandergesetzt hatte und alles tat, um dem Meer und seinen Bewohnern möglichst rücksichtsvoll zu begegnen.
»Thomas und ich haben uns überlegt, dass du diese Woche vielleicht erst mal die Gegend erkunden magst«, fuhr Julia fort. Beim Namen ihres Mannes hoben sich ihre Mundwinkel zu einem liebevollen Lächeln. »Valentin und Ida könnten dir den Strand, ein paar Restaurants und Bars zeigen. Valentin weiß zwar erst seit gestern von deinem Besuch, aber er freut sich auf dich. Genau wie Ida.«
»Valentin weiß erst seit gestern von meinem Besuch?«, wiederholte ich überrascht.
»Er ist vor zwei Tagen angekommen und, ehrlich gesagt, hatten wir vergessen, es ihm vorher zu erzählen.«
Während Julia sprach, kramte ich die Bilder der Geschwister aus meinem Gedächtnis hervor. Ich hatte die beiden lange nicht mehr gesehen. Obwohl unsere Mütter beste Freundinnen waren und wir in derselben Stadt gelebt hatten, war zwischen uns nie mehr als eine oberflächliche Bekanntschaft gewesen. Wenn ich mich richtig erinnerte, war Valentin ein Jahr älter als ich, müsste also 19 sein. Oder?
»Wenn die beiden Lust auf eine Sightseeing-Tour haben, würde ich mich freuen.« Ich nahm noch einen Schluck aus meiner Tasse und fuhr nachdenklich einen Kratzer auf der Tischplatte nach. Der kleine Makel schadete dem dunklen Holz nicht. Im Gegenteil: Die Gebrauchsspuren verliehen dem Tisch seinen Charme und bewiesen, dass hier tatsächlich gegessen und gelebt wurde. »Ich freue mich aber auch auf die Arbeit«, fügte ich hinzu, weil Julia nichts erwiderte.
»Weiß ich doch. Der Spaß darf nur nicht zu kurz kommen.« Julia griff nach einem dritten Keks, als ihr Blick auf etwas hinter meinem Rücken fiel. Sie strahlte.
»Ah perfekt – Valentin, hilfst du Emmi mit ihrem Gepäck?«
Ich hob meine Tasse, um den Rest des Kaffees hinunterzustürzen, und drehte mich um. Julias Sohn stand in der Tür und sein Anblick brachte mich kurz aus dem Konzept. Verdammt, ich hatte ganz vergessen, wie gut Valentin Henning aussah. Er hatte sich das dunkelbraune, kinnlange Haar hinter die Ohren geklemmt und musterte mich aus einem Paar wunderschöner moosgrüner Augen, während er sich über das stoppelige Kinn fuhr. Als sich unsere Blicke kreuzten, zuckte ich überrascht zusammen. In seinen Augen lag eine Kälte, die mich völlig unvorbereitet traf, und in meinem Magen breitete sich ein flaues Gefühl aus. Schaute er wegen mir so böse drein?
»Meinetwegen.« Seine gereizte Stimme durchbrach die Stille und erinnerte mich daran, dass ich meine Tasse immer noch wie eine Idiotin vor mein Gesicht hielt, ohne einen Schluck zu trinken. Ich kippte den Rest Koffein hinunter und stand verunsichert auf.
Valentin lächelte, aber es war eigentlich nicht mehr als ein kurzes, missbilligendes Zucken seiner Mundwinkel. »Ich kann deinen Koffer nehmen«, bot er barsch an, drehte sich um und verließ den Raum.
»Danke für den Kaffee und die Kekse«, sagte ich hastig zu Julia, die immer noch fröhlich strahlte, und folgte Valentin in den Flur.
In meinem Kopf rauschte es. Bildete ich mir sein ablehnendes Verhalten nur ein? Julia schien nichts gemerkt zu haben, sie hatte sogar behauptet, er würde sich über meinen Besuch freuen. In dem Fall hatte er eine sehr merkwürdige Art, das zu zeigen. Oder war er schon immer so grantig gewesen?
Ich drehte innerlich die Zeit zurück, versuchte, mich an den Valentin von damals zu erinnern, aber es war nicht mehr als ein blasser Nebel inmitten meiner Gedanken. Ich wusste nur noch, dass er ständig mit seinem besten Freund abgehangen hatte und einige Monate vor dem Umzug der Hennings nach Berlin gezogen war, um Medizin zu studieren. Warum also dieser abschätzige Blick? Hatte er nur einen schlechten Tag, oder störte es ihn, dass ich die Hennings zu genau der Zeit in Kaikoura besuchte, die er sonst allein mit seinen Eltern und seiner Schwester verbrachte?
Ohne es verhindern zu können, entwickelten meine Gedanken ein Eigenleben und feuerten meine Unsicherheit an. Immer mehr Erklärungsmodelle für Valentins schlechte Laune tauchten vor meinem geistigen Auge auf, verhöhnten mich. Konnte es sein, dass Valentin sauer war, weil er in seinen Ferien einfach nicht von mir und meinen … Problemen belästigt werden wollte?
Die Frage reichte aus, um in meinem Hirn einen Schalter umzulegen. Ich schluckte schwer, ignorierte das aufkeimende Gefühl von Enttäuschung und die Zweifel, die sich wie ein Schraubstock um meinen Brustkorb schlangen. In meinen Fingerspitzen kribbelte es, und das Bedürfnis, über die blassrosa Narbe an meiner Schläfe zu fahren, war plötzlich überwältigend.
Fuck.
Das konnte doch wohl nicht wahr sein! Nicht hier, nicht heute. Nicht, nachdem ich gerade erst das Haus betreten hatte. Es reichte ein beschissener Blick eines dahergelaufenen Typen aus und schon lösten sich all die Stunden guten Zuredens vor meiner Abreise in Luft auf.
Nicht. Mit. Mir.
Ich nahm einen tiefen Atemzug und straffte die Schultern. Kein Grund, in Panik zu verfallen. Vielleicht bildete ich mir das alles auch nur ein.
Valentin ächzte, als er meinen Koffer hob und ins obere Stockwerk schleppte. Das Gästezimmer lag am anderen Ende des Flurs. Licht fiel durch das große Fenster aufs Bett und reflektierte sich in dem gigantischen, goldgerahmten Spiegel auf der gegenüberliegenden Seite. Das Zimmer war hübsch, mit einem kleinen Kleiderschrank in Holzoptik, einem Schreibtisch und einem Korbsessel, auf dem eine flauschige weiße Decke lag. Zusammen mit den vielen Pflanzen erinnerte es mich ein wenig an mein eigenes Reich in Hamburg und ich fühlte mich sofort wohl.
Valentin ließ meinen Koffer krachend fallen und ich machte einen erschrockenen Satz zur Seite. Sofort zuckten meine Finger in Richtung Schläfe, aber ich konnte die Bewegung in letzter Sekunde abfangen und senkte meinen Arm.
Versuche, bewusst zu atmen. Höre auf deinen Herzschlag und führe dir vor Augen, was in deinem Körper geschieht.
Ich vertrieb Frau Hoffmanns Stimme aus meinem Kopf und hob den Blick. Valentin starrte auf meine Hand, die ich gegen den Oberschenkel gepresst hielt. Er öffnete den Mund, als wollte er etwas sagen, schloss ihn jedoch sofort wieder. Für einen Moment verharrten wir in dieser Position, dann deutete Valentin zur Tür.
»Ich bin unten«, murmelte er, um sich kurz danach zu räuspern. »Oder … brauchst du noch etwas?« In seiner Stimme lag keine Freundlichkeit.
»Nein.« Das Danke sparte ich mir. Luna wäre stolz auf mich.
Valentin verließ ohne ein weiteres Wort das Zimmer und ich wartete noch ein paar Sekunden, bevor ich mich aufs Bett fallen ließ und die weiße Decke anstarrte.
Mit einem Seufzen fischte ich mein Handy aus der Tasche. Natürlich konnte ich stundenlang hier liegen und die Begegnung mit Valentin im Kopf sezieren, aber es gab eine weitaus bessere Alternative.
»Ich hasse dich«, war die verschlafene Antwort meiner Schwester, nachdem sie endlich abgenommen hatte. »Weißt du eigentlich, wie spät es hier ist?«
Ups. Ich war so daran gewöhnt, Lu zu jeder erdenklichen Tageszeit anzurufen, dass ich die Zeitumstellung nicht bedacht hatte.
»Es ist 4:30 Uhr!«, beantwortete sie ihre eigene Frage und brummte noch eine Spur griesgrämiger: »Ich hoffe, es ist wichtig.«
Allein ihre Stimme reichte aus, um das nagende Gefühl in meinem Innern zu vertreiben. Luna war nicht nur meine Schwester – sie war mein Gegenstück. Meine Seelenverwandte. Ich konnte ihr alles erzählen, alles anvertrauen. Ein Wort genügte und sie würde sich in den nächsten Flieger setzen und nach Neuseeland kommen – genauso wie ich sofort nach Hamburg zurückkehren würde, wenn sie mich bräuchte. »Ich vermisse dich, Lu.«
Es raschelte am anderen Ende. »Was ist los?« Luna klang plötzlich wacher. »Ist alles in Ordnung?«
»Ja. Ich meine … wahrscheinlich schon.«
»Spuck’s aus.« Ich konnte förmlich sehen, wie sie die Augen verdrehte. »Jetzt bin ich wach.«
»Die Autofahrt war ein bisschen schwierig.« Ich griff nach meiner Halskette und fuhr über die Ränder des kleinen Wals. »Es fühlte sich nach einem Rückfall an.«
»Emmi, du darfst Rückfälle haben.« Die Stimme meiner Schwester wurde sanft. »Und in Anbetracht der Tatsache, dass du kilometerweit in ein neues Land geflogen bist, ist es doch verständlich, ein wenig durcheinander zu sein.«
»Es ist nicht nur das. Erinnerst du dich an Valentin, den Sohn der Hennings?«
»Klar. Er und sein bester Freund waren eindeutig die heißesten Jungs der Stadt. Ist er immer noch so hübsch wie damals?«
»Ja«, gab ich widerstrebend zu. »Ist er.«
»Perfekt! Dann die nächste wichtige Frage: Ist er noch mit seiner Freundin zusammen? Die, mit der er nach Berlin gezogen ist?«
»Nein, ist er nicht.« Meine Mutter hatte mir erzählt, dass die beiden nur wenige Monate nach ihrem gemeinsamen Umzug Schluss gemacht hatten. »Und es spielt auch gar keine Rolle, wie er aussieht oder ob er in einer Beziehung ist. Ich glaube, er mag mich nicht.«
»Was?« Lu lachte. »Wie kommst du denn darauf?«
»Er wirkte total abweisend und genervt. Du hättest mal seinen missbilligenden Blick sehen müssen. Als wäre ich eine Zumutung für ihn. Vielleicht hat er sich seine Ferien anders vorgestellt.« Verunsichert ließ ich meine Kette los. »Das, oder ich werde verrückt.«
»Warte doch erst mal ab.« Lu zögerte. »Vielleicht bist du einfach übermüdet. Verdammt, ich wäre es. Valentin hatte wahrscheinlich einen miesen Tag.« Mir lag eine Erwiderung auf der Zunge, aber Luna kam mir zuvor: »Schlaf eine Nacht darüber, und wenn er morgen immer noch meint, dir die kalte Schulter zeigen zu müssen, ist er ein Idiot. Wen interessiert es? Du bist in Neuseeland. Du wirst mit Pottwalen tauchen und nackt Strandpartys feiern.«
»Nackt?«
Lu gähnte. »Ich bin müde. Lass mich.«
Ihre verschlafene Antwort brachte mich zum Lachen. »Na bitte«, murmelte Luna. »So gefällst du mir schon besser.« Ein zweites Gähnen. »Ich will dich nicht abwürgen, aber –«
»– du bist müde«, unterbrach ich sie. »Schon kapiert. Danke, Lu. Und schlaf noch schön.«
»Du auch. Ich hab dich lieb.«
»Ich dich auch«, murmelte ich und verzichtete auf den Hinweis, dass es bei mir schon Nachmittag war.
Wir legten auf. Das Gespräch mit meiner Zwillingsschwester hatte nur wenige Minuten gedauert und trotzdem spürte ich, wie die Last auf meinen Schultern sank. Ich atmete tief durch, stand vom Bett auf und machte meine Lieblingsplaylist bei Spotify an, während ich meine Anziehsachen in den Kleiderschrank räumte. Von der Müdigkeit, die mich in der Küche überfallen hatte, fehlte jede Spur. Vielleicht schaffte ich es noch, bei dem schönen Wetter einen Spaziergang zu machen. Ich brannte darauf, den Strand zu sehen.
»Wie war die Anreise?«
Vor Schreck ließ ich den Pullover in meiner Hand fallen. Valentin lehnte im Türrahmen, den Blick auf mich gerichtet. Dann betrachtete er den blauen Pulli, der jetzt kläglich auf dem Boden lag. »Sorry.«
Was er wohl wollte? Vielleicht unser nettes Gespräch von vorhin weiterführen? Oder hatte er meine Unterhaltung mit Lu gehört? Bitte nicht.
Ich suchte in seinem Gesicht nach einem Anzeichen von Missbilligung, fand aber nichts. Er stand einfach nur da, lächelte und tat so, als wäre nichts gewesen.
»Hat dir mein Anblick die Sprache verschlagen?«
Das konnte nicht sein Ernst sein! Ich wusste gar nicht, was schlimmer war: Sein dämlicher Spruch oder die Tatsache, dass er recht hatte.
»Meine Anreise war in Ordnung«, sagte ich und musterte ihn misstrauisch. Sein plötzlicher Stimmungswechsel machte mich nervös.
»Das ist gut.« Valentin lächelte immer noch, als er das Zimmer betrat und meinen Pullover aufhob. »Ich finde den langen Flug immer wahnsinnig anstrengend. Aber die Vorfreude auf meine Eltern und Ida macht es erträglich. Und auf Neuseeland«, ergänzte er, als ich nichts erwiderte. »Warst du schon mal hier?«
»Nein.« Ich zögerte, dann fügte ich hinzu: »Aber ich wollte es immer. Das Land ist wunderschön … zumindest habe ich es mir so vorgestellt.«
»Und? Enttäuscht?«
»Überhaupt nicht.« Jetzt musste ich doch lächeln. »Ich habe zwar noch nicht viel gesehen, aber bisher ist es toll.«
Valentin räusperte sich, wirkte mit einem Mal fast verlegen. Von seiner abweisenden, grantigen Art fehlte jede Spur.
»Ich bin übrigens nicht nur gekommen, um nach deiner Anreise zu fragen«, sagte er und gab mir den Pullover zurück. »Mom hat vorgeschlagen, dass wir Ida von der Arbeit abholen. Sie kellnert manchmal nach der Schule und hat heute eine Schicht. Ich könnte die Gelegenheit nutzen, um dir ein bisschen die Gegend zu zeigen. Hast du Lust?«
Ich stopfte den Pulli in den Kleiderschrank und verschaffte mir ein paar Sekunden Bedenkzeit, ohne dass Valentin mein Gesicht sah. Er wirkte plötzlich so anders. So nett. Hatte Lu vielleicht recht und ich war einfach übermüdet gewesen?
»Emilia?«
Mit einem Räuspern wandte ich mich um. »Okay.« Es war eine intuitive Entscheidung und damit genau das Gegenteil von dem, was ich sonst tat. War das nicht der Grund, warum ich hier war? Um zu lernen, endlich loszulassen? »Ich komme mit, aber nur unter einer Bedingung.« Ich hob einen Finger. »Bitte nenn mich nicht Emilia. Das macht meine Mutter, wenn sie sauer auf mich ist.«
Valentin schmunzelte. »Sondern?«
»Emmi. So nennen mich alle.«
»Deal.« Er nickte zur Tür. »Sollen wir losgehen?«
Ein paar Wolken hatten sich vor den strahlend blauen Himmel geschoben, zogen vom Wind getrieben landeinwärts. Am Horizont verschluckte eine bedrohlich dunkle Decke das helle Blau, doch die grauen Schatten konnten nichts an der magischen Atmosphäre dieses Ortes ändern. Das Haus der Hennings befand sich in einer reinen Wohngegend, in der Nähe des Meers. Die Häuser wirkten allesamt gepflegt. Bunte Blumen zierten die Rasenflächen, viele hatten ihre Beete mit Windrädern geschmückt, die sich hektisch drehten. Ich nahm einen tiefen Atemzug. Lu nannte mich verrückt, aber Meeresluft war etwas ganz Besonderes. Die kreischenden Möwen, der Wind in den Haaren und das laute, unverkennbare Geräusch brechender Wellen hatten eine fast heilsame Wirkung auf mich.
»Wo arbeitet Ida?«, fragte ich, während wir die Straße entlangschlenderten.
»Im Red Crab am Strand.«
Ich schnaubte. »Kreativer Name.«
»Ist es. Die Küche ist auf Steak spezialisiert.«
Das kam überraschend. »Wirklich?«
Valentins Antwort bestand aus einem Grinsen und ich verdrehte die Augen. Jetzt machte er auch noch Scherze. Es würde mich nicht wundern, wenn er mir demnächst Hilfe bei meiner Arbeit im Blue Horizon anbot. Vielleicht hatte ich ihn doch falsch eingeschätzt.
»Also«, ich räusperte mich und sah demonstrativ zum dunklen Himmel in der Ferne, »wie weit ist es bis zum Red Crab?«
»Da vorne ist es schon.« Wir bogen um die Ecke und mein Atem stockte.
Einige Sonnenstrahlen hatten sich durch die größer werdende Wolkendecke gekämpft. Sie reflektierten sich in der unendlichen blauen Weite des Pazifiks, glitzerten auf den tosenden Wellen, die sich kurz vorm Strand in eine weiße, wütende Masse verwandelten. Weiter seitlich erstreckten sich die Berge majestätisch anmutend in den Himmel, buhlten gemeinsam mit dem wilden Ozean um die Aufmerksamkeit des Betrachters. Der starke Seewind wirbelte meine Haare durcheinander, aber es waren gerade diese ungezähmten, stürmischen Tage, die ich so liebte.
Ich ignorierte Valentin, dem die Belustigung deutlich ins Gesicht geschrieben stand. Vielleicht war er an diesen Anblick wilder Schönheit gewohnt, aber ich war es nicht. Ohne auf ihn zu warten, joggte ich die letzten Meter hinab zum Strand. Das Grün der Wiesen ging hier in einen rauen Kiesstrand über, der die Wildheit des Ortes unterstrich.
»Du wirst dich jetzt nicht übermütig ins Meer stürzen, oder?«
Ich drehte mich zu ihm um. Valentin war mir gefolgt und starrte mich so intensiv an, dass ich schauderte. Der Wind peitschte ihm einige Strähnen ins Gesicht, während er einen kleinen Schritt auf mich zu machte. Mit einem Mal wirkte er furchtbar ernst, doch so schnell, wie der nachdenkliche Ausdruck auf seine Züge getreten war, verschwand er auch wieder.
»Wir sind ein bisschen spät dran«, stieß er abrupt aus. »Ida wartet bestimmt schon auf uns. Wollen wir?«
Ich warf einen letzten, sehnsüchtigen Blick auf das Meer und folgte ihm zur Straße. Die paar Minuten, die wir bis zum Red Crab brauchten, verbrachten wir schweigend.
Valentin behielt recht – seine Schwester stand bereits vor dem Lokal und sah sich suchend um. Obwohl ich Ida seit einem Jahr nicht gesehen hatte, erkannte ich sie sofort wieder. Sie trug ihre blonden Haare in einem schicken Pixiecut, der ihre riesigen Federohrringe gut zur Geltung brachte. Ihre farbenfrohe, etwas ungewöhnliche Kombination aus blauem Rock mit rot gemustertem T-Shirt ließ sie jünger wirken, als sie eigentlich war – ihr 17. Geburtstag konnte nicht lange her sein. Als Valentins Schwester uns entdeckte, hörte sie auf, unruhig mit den Füßen auf und ab zu wippen, und kam uns strahlend entgegen.
»Da seid ihr ja endlich!« Kaum hatte Ida ihren Bruder umarmt, sah sie mich an. »Oh Mann, wir haben uns so lange nicht gesehen. Wie geht es dir? Wie war deine Anreise? Hast du den kurzen Spaziergang mit Henni überlebt oder jetzt schon das Bedürfnis, ihn ins Meer zu schubsen?« Obwohl ich eigentlich sehr gut Englisch sprach, überforderten mich ihr Akzent und das Tempo, mit dem sie ihre Fragen in meine Richtung schoss. Ida Henning sprühte förmlich vor Energie, die Worte sprudelten aus ihr heraus und kämpften mit ihrer enthusiastischen Gestik um die Aufmerksamkeit des Empfängers. Sie sah mich abwartend aus einem Paar großer blauer Augen an.
»Schalt mal einen Gang runter.« Valentin verdrehte die Augen und flüsterte gerade so laut in meine Richtung, dass Ida ihn ohne Probleme verstand: »Sie lässt gerne die coole Native Speakerin raushängen, obwohl sie erst seit einem Jahr hier wohnt.«
Dafür kassierte er einen freundschaftlichen Schlag gegen den Oberarm. »Sorry«, entschuldigte Ida sich auf Deutsch. »Ich wollte dich nicht überfallen. Wollen wir noch was trinken? Luke hat sich einen neuen, alkoholfreien Cocktail ausgedacht, der total lecker ist, und wir kriegen dank meiner entzückenden Wenigkeit Mitarbeiterrabatt.« Sie wackelte verschwörerisch mit den Augenbrauen und sah uns abwartend an. Ich spürte, dass Valentin mir den Vortritt ließ und lächelte. »Wieso nicht?«
Begeistert hakte Ida sich bei jedem von uns ein und zog uns durch die Tür ins Red Crab. Der Laden machte seinem Namen alle Ehre: Direkt gegenüber der Eingangstür hing ein riesiger, künstlicher Hummer von der Decke und begrüßte die Neuankömmlinge mit einem Blick aus zwei kreisrunden Glubschaugen, die nicht so recht zu dem Tier passen wollten. Die Bänke und Stühle um die vielen runden Holztische waren wie in einem amerikanischen Diner mit rotweiß gestreiften Polstern bezogen und entsprachen dem Farbton der Wände, an denen eine beachtliche Anzahl verschieden großer Spiegel hing. Trotz der plakativen Ausstattung war der Laden gut besucht.
Im Hintergrund spielte leise Popmusik, während Ida uns in Richtung eines kleinen Tisches lotste und sich auf eine der gepolsterten Bänke fallen ließ. Mich zog sie einfach mit sich. Nachdem Valentin auf die Bank gegenüber gerutscht war, schob Ida mir eine Karte zu und griff nach der kleinen Schale mit Erdnüssen, die auf unserem Tisch stand. »Hast du Hunger?«
Den hatte ich tatsächlich. Hastig überflog ich meine Möglichkeiten. »Habt ihr schon gegessen?«, fragte ich, weil keiner der Geschwister Anstalten machte, sich mir anzuschließen.
»Nö.« Ida lehnte sich zurück und ließ ihre Augen über die Gäste im Lokal wandern. »Aber wir bestellen sowieso immer das Gleiche. Du könntest dich uns anschließen, eine bessere Essensauswahl kann dir hier niemand zusammenstellen. Bei aller Bescheidenheit. Wahrscheinlich –« Sie unterbrach sich. »Da kommt Cathy.«
»Und?« Valentin hob betont gleichgültig die Schultern, das amüsierte Grinsen auf Idas Lippen ignorierend.
»Ach nichts!« Gut gelaunt griff Ida nach ihrem rechten Ohrring und ließ die kleinen bunten Federn durch ihre Finger gleiten. »Ich dachte nur, dass ihre Anwesenheit unangenehm für dich sein könnte. Du weißt schon, wegen Silvester …«
Valentins Antwort bestand aus einem warnenden Knurren, aber Ida fuhr einfach fort. »Die beiden haben rumgemacht«, raunte sie mir zu. »Auf der Party. Valentin hatte zwischen den Jahren frei und ist über Silvester geblieben. Er und Cathy konnten gar nicht mehr die Finger voneinander lassen.« Ihr lautes Lachen endete in einem Schmerzenslaut. »Aua! Hör auf, mich zu treten.«
»Dann hör du auf, über Sachen zu reden, die dich nichts angehen!«, gab Valentin gereizt zurück, aber Ida grinste nur noch breiter.
»Das muss dir doch nicht peinlich sein. Cathy ist ein guter Fang. Was sie von dir wollte, bleibt allerdings ein Rätsel …« Mit einem Augenrollen wandte sie sich mir zu. »Ich verstehe gar nicht, warum die Frauen hier mit ihm ausgehen wollen. Guck ihn dir doch mal an.«
Das hatte ich bereits und musste leider zugeben, dass die Frauenwelt Kaikouras einen guten Geschmack besaß. Unauffällig musterte ich Valentin, der Ida mit bösen Blicken durchbohrte. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah mit den hübschen Augen, dem Bart und der finsteren Miene ein wenig draufgängerisch aus. Ob er wohl Tattoos hatte? Es würde zu ihm passen. Nachdenklich betrachtete ich die muskulösen Arme, die in einem hellen T-Shirt verschwanden. Ich mochte Tattoos. Wäre ich nur ein bisschen mutiger, würde ich mir selbst eins stechen lassen.
Ein Schnauben lenkte meine Aufmerksamkeit nach oben. Verdammt. Valentin hatte mich beim Starren erwischt.
Peinlich berührt schob ich mir die Plastikkarte vors Gesicht und wartete darauf, dass die Hitze aus meinen Wangen verschwand. Mein Versteck war zwar nicht besonders subtil, wie sein leises Lachen bestätigte, aber ich musste dringend abkühlen.
»Wehe du sagst auch nur ein Wort, wenn Cathy kommt«, drohte Valentin leise. Das Lachen war aus seiner Stimme gewichen.
»Würde ich niemals tun.« So wie Ida das sagte, klang es nicht sehr vertrauenerweckend.
»Ida!«
»Ja? Höre ich da etwa Angst in deiner Stimme?«
Bevor Valentin etwas erwidern konnte, schob sich eine große Blondine mit ihrem Begleiter in mein Sichtfeld und unterbrach das Gezanke der Geschwister. Ohne auf eine Einladung zu warten, ließ sie sich neben Valentin sinken und sah ihn an. »Du bist ja schon da.« Der Typ neben ihr zog sich einen Stuhl heran und setzte sich ebenfalls.
»Seit ein paar Tagen. Ich war früher mit den Klausuren durch.«
»Das hat Ida gar nicht erwähnt.«
»Sorry, Cathy.« Ida schob ihr die Erdnüsse hin, als wären sie eine Entschuldigung.
Das war also Cathy. Grund genug, mein Plastikkarten-Versteck zu verlassen und einen ungehinderten Blick auf Valentins Silvester-Date zu erhaschen. Neugierig legte ich die Karte beiseite und betrachtete die hübsche Blondine. Ihr langes Haar war eine Spur dunkler als Idas und fiel in sanften Locken auf ihre Schultern. Sie war sehr schlicht gekleidet, setzte eher auf den lässigen Jeansstil mit Turnschuhen und Top. Am schönsten waren jedoch ihre Augen, die in einem warmen Braunton leuchteten. Blond und braunäugig, eine seltene Kombination, die ich persönlich mochte.
Ein Stich fuhr durch mein Herz und ich hielt überrascht inne. Bevor ich jedoch genauer darüber nachdenken konnte, stellte Ida mich den anderen vor. Wie sich herausstellte war Cathy die Kurzform für Catherine. Der Typ neben Cathy hieß Michael und war ebenfalls mit Ida befreundet. Während die anderen für uns bestellten und ich dem Gespräch der vier lauschte, stellte ich amüsiert fest, dass innerhalb der Gruppe eine gewisse Symmetrie herrschte. Die beiden Blondinen, die zwar optisch unterschiedlicher nicht sein konnten, aber trotzdem beide auf ihre Art schön waren, standen im Kontrast zu den zwei Jungs mit ihren dunklen Haaren und der großen Statur, die den rasanten Wortschwall der Freundinnen gelassen hinnahmen. Sie wirkten vertraut miteinander und banden mich geschickt in ihre Unterhaltung mit ein.
»Ida hat erzählt, dass du Meeresbiologie studierst«, wandte Michael sich an mich. In seinem Tonfall schwang ein Hauch Bewunderung mit. »Total cool!«
»Stimmt«, bestätigte ich.
Ich mochte Idas Freunde. Cathy war genauso aufgeweckt wie Ida, redete ohne Punkt und Komma und gestikulierte dabei so wild, als hätte sie Angst, von ihrem Gesprächspartner nicht verstanden zu werden. Sie sprach mit einer Begeisterung in der Stimme, einer Leidenschaft, die mich faszinierte.
»Die Wale sind echt beeindruckend, du wirst es lieben«, versprach Cathy. »Du hilfst doch im Laden aus, oder?«
Ich nickte. »Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich einmal so sehr auf einen Ferienjob freuen würde. Aber Wale sind etwas ganz Besonderes. Vor allem Pottwale. Sie vereinen so viele unfassbare Eigenschaften in einer Spezies.«
»Mhm?«, machte Michael, und diese kleine Aufforderung reichte, um mich ins Schwärmen zu bringen. »Diese Tiere sind so riesig, stark und irgendwie angsteinflößend, aber strahlen gleichzeitig eine Ruhe aus, der man sich gar nicht entziehen kann. Ich meine, überlegt doch mal: Pottwale haben das größte Gehirn aller Lebewesen! Ist das nicht irre? Außerdem können sie wahnsinnig tief tauchen und Schallwellen zur Orientierung und Jagd erzeugen. Ein megaspannendes Thema. Ich habe mal eine Hausarbeit darüber geschrieben und –« Ich stockte. Erst jetzt fiel mir auf, dass mich mehrere Augenpaare erstaunt anstarrten.
Ida schob sich vergnügt ein paar Erdnüsse in den Mund. »Das letzte Mal, als ich so über ein Lebewesen geschwärmt habe, ging es um einen Menschen. Einen attraktiven, männlichen Menschen, um genau zu sein.«
»Jeder hat seine Vorlieben, Ida.«
Ich warf Valentin einen vernichtenden Blick zu, aber der hatte nur ein schelmisches Grinsen für mich übrig.
»Ich find’s süß, wie sehr du dich freust.« Cathy beugte sich vor, sodass ihr ein Fächer blonder Haare über die Schulter fiel. »Bei uns sind ein paar Lehrer krank und wir haben Dienstag nur die ersten beiden Stunden Unterricht. Wir wollten den Tag nutzen, um morgens nach der Schule rauszufahren. Ida und ich wollten etwas zu essen mitnehmen und auf dem Wasser picknicken. Meistens fahren wir für einige Stunden raus, manchmal dauert es auch, bis man die Wale sieht.«
»Und manchmal tauchen sie gar nicht auf.« Michael hob angesichts Idas finsterer Miene die Schultern. »Was denn?«
»Sei mal nicht so pessimistisch«, tadelte sie. »Wenn wir keine Wale sehen, klappt es wann anders. Dienstag wird schon allein durch das Picknick toll. Cathy und ich wollten Montag nach der Schule ein bisschen was vorbereiten, vielleicht einen Nudelsalat und ein paar Sandwiches machen, während wir einen Film schauen. Wenn du möchtest, kannst du uns helfen. Aber fühl dich nicht verpflichtet.«
»Doch, gerne. Ich hätte Lust. Kann man denn vorhersagen, wie wahrscheinlich es ist, dass wir die Wale sehen?« Bei der Vorstellung, diese Geschöpfe nicht nur sehen, sondern auch berühren zu können, stellten sich die Härchen an meinem Arm auf.
Ida schnaubte. »Mannomann, du bist ja echt verliebt.«
»Vielleicht seid ihr auch einfach abgestumpft, weil es euer Alltag ist. Im Hamburger Hafen sind die größten Wassertiere die Containerschiffe«, konterte ich.
»Touché.« Sie tippte sich gegen die zierliche Nasenspitze. »Ist schwer zu sagen, aber mach dir mal keinen Kopf. Henni kommt auch mit und der ist ein Wal-Glücksbringer. Hattest du eigentlich jemals Pech beim Tauchen?«
Wir sahen zu Valentin, der nur leise vor sich hin brummte. Das amüsierte Grinsen, das er mir kurz nach meiner Schwärmerei zugeworfen hatte, war verschwunden. Eine steile Falte hatte sich zwischen seinen Augenbrauen gebildet, sein ganzer Körper wirkte plötzlich angespannt. War ich paranoid, oder passte es ihm nicht, dass Cathy mich zum Ausflug eingeladen hatte?
»Und wieder einmal präsentiert mein Bruder seine grandiosen Kommunikationsfähigkeiten.«
»Dein Redeanteil reicht für zwei«, erwiderte Valentin trocken. »Außerdem weiß ich nicht, ob ich Dienstag kommen kann.«
»Wieso?« Cathy schmollte. »Ich dachte, das steht fest.«
»Tut es auch«, entschied Ida. »Was hast du denn für wichtige Termine in deinen Ferien?«
»Was geht dich das an?«
Michael grinste seinen Kumpel an. »Soso. Du brauchst wohl Zeit für dein heißes Date, mhm?«
Ida schnappte überrascht nach Luft, während Cathy die beiden Jungs mit einem Stirnrunzeln bedachte. »Welches Date?«
Valentins Antwort bestand aus einem gequälten Stöhnen. »Warum sagst du so etwas?«
»Du hast ein Date?«, hakte Ida nach. »Mit wem?«
»Ich habe kein Date, sondern einen miesen Freund. Es existiert kein Date. Jetzt nicht und auch nicht in naher Zukunft.«
»Wie langweilig.« Ida nippte an ihrem Cocktail. »Und ehrlich gesagt auch ein bisschen drastisch ausgedrückt. Was, wenn du deine Seelenverwandte triffst?« Sie hielt kurz inne. »Oder schon getroffen hast?«
Cathy schoss ihrer Freundin einen vielsagenden Blick zu, der mich daran erinnerte, was Ida über letztes Silvester gesagt hatte. Wollte Ida die beiden verkuppeln? Vielleicht stand Cathy ja auf Valentin.
»Hört zu, es tut mir leid«, erklärte Valentin rasch, ohne auf Idas Worte einzugehen. »Ich weiß, so was ist blöd, aber es geht nicht anders. Ich …« Er sah so angestrengt auf die Tischplatte, dass ich für einen Moment befürchtete, sein Kopf könnte explodieren. »Ich muss etwas organisieren. Kein Date, sondern … eine Überraschung für euch«, schloss er und verzog das Gesicht, als wir ihn nur irritiert ansahen. »Ihr werdet es sehen. Vertraut mir.«
»Du planst eine Überraschung?« Idas verdrossene Miene war wie weggewischt. Innerhalb eines Herzschlages hatte sie sich auf ihrem Platz aufgerichtet und betrachtete ihren Bruder mit der Aufmerksamkeit eines Hundes, der auf sein Leckerli wartet.
»Jap. Ich hatte eine spontane Idee und … die Vorbereitung geht nur am Dienstag.«
»Ich liebe Überraschungen! Dann bist du entschuldigt. Oder, Leute?«
Die anderen wirkten noch immer etwas verwundert, nickten aber, was nicht gerade zu Valentins Entspannung beitrug. Nervös fuhr er sich mit der Hand in den Nacken und drehte seinen Kopf zur Seite, bis es knackte. Das Geräusch entlockte Ida ein Kreischen und eine Erdnuss flog zielsicher über den Tisch, prallte gegen Valentins Stirn und plumpste in seinen Schoß. »Du sollst das nicht ständig machen!«
Valentin betrachtete für einige Sekunden die Nuss auf seiner Hose, schob sie sich dann in den Mund und biss sie mit einem lauten Knacken durch. »Danke.«
Ida kniff die Augen zusammen. »Du hältst dich wohl für besonders witzig, oder?«
»Ehre, wem Ehre gebührt. Ich kenne meine Vorteile.« Offenbar erleichtert über den Themenwechsel lehnte er sich im Stuhl zurück und deutete auf die Nussschale. »Tu dir keinen Zwang an, ich esse die Teile gern.«
»Ich hatte vergessen, wie nervig ihr beide zusammen seid«, sagte Michael und wandte sich in fast verschwörerischem Tonfall an mich. »Alleine sind sie viel erträglicher.«
»Glück für euch, dass ich nur in den Ferien da bin.«
Obwohl Valentin nicht in Kaikoura lebte, schien er fest in die Gruppe integriert. Mehr noch, ich hatte das Gefühl, dass er nicht nur wegen seiner Schwester mit Michael und Cathy abhing, sondern weil er die beiden mochte. Er strahlte eine Gelassenheit aus, die mir gefiel. Vielleicht, weil ich mich selbst so sehr nach etwas Ruhe von meinen Gedankenspiralen sehnte.
Ida streckte Valentin die Zunge raus. »Länger würden wir dich auch nicht ertragen.«
Das war der Startschuss für Runde zwei der Geschwisterkabbelei, aber es war offensichtlich, dass die beiden ihren Spaß hatten und Cathy und Michael das Schauspiel genossen. Je mehr sie sich zankten, desto deutlicher wurde ihr enges Verhältnis. Ihre Streiterei erinnerte mich an Lu und unsere jüngere Schwester Liv.
Plötzlich ertönte ein lauter Knall.
Sofort wechselte mein Körper in den Fluchtmodus. In meinen Ohren rauschte es, meine Hände umklammerten mit eiserner Kraft unseren Tisch. Einem Stromstoß gleich schoss das Verlangen durch meine Fingerspitzen, wanderte meinen Arm hinauf und bettelte förmlich um meine Aufmerksamkeit. Irgendwie war ich von der Bank gesprungen und stand jetzt etwas abseits der anderen, die mich mit großen Augen ansahen. Meine Beine zitterten, mir war heiß, das Rauschen in meinen Ohren schwoll zu einem Kreischen an und verschluckte jedes Geräusch in der Umgebung.
Fast verschwommen nahm ich die Kellnerin neben mir wahr, die erschrocken über das Tablett gebeugt stand, das sie hatte fallen lassen. Scherben lagen über den Boden verteilt.
Es war nur ein Tablett, Emmi. Geschirr.
Hektisch fuhr ich über die Haut an meiner rechten Schläfe. Das Brennen in meinem Arm ließ etwas nach, doch meine Panik blieb. Was, wenn man jetzt meine Narbe sehen konnte? Ich verdeckte sie zwar jeden Morgen unter einer schützenden Schicht Make-up, hatte aber eben etwas kräftiger als sonst über die Stelle gestrichen. Unwillkürlich zuckte mein Blick in Richtung des großen Spiegels, der die Wand neben unserem Tisch zierte, und ich atmete erleichtert auf. Glück gehabt. Sie war nicht zu sehen.
Während ich bewusst in mich hineinhorchte und spürte, wie sich mein Puls verlangsamte, konnte ich Frau Hoffmann und ihr zufriedenes Nicken geradezu vor mir sehen. Meine Sicht wurde klarer und ich verstand, was die anderen sagten.
»Alles in Ordnung?« Michael hatte die dichten Brauen zusammengezogen. Er wirkte besorgt.
Ich schaffte ein Nicken. Das hier war gut. Ein Fortschritt. Es hatte eine Zeit gegeben, in der ich mich nicht wieder so schnell beruhigt hätte.
»Wenn du dich als verrückt bezeichnest, klingt das für mich sehr negativ«, sagte Frau Hoffmann und ging damit auf meine eigene Wortwahl ein. »Du hattest einen Unfall, der dich in furchtbare Angst versetzt hat.« Sie tippte mit ihrem Kugelschreiber auf das Klemmbrett in ihrer Hand. Das tat sie immer, wenn sie mir widersprach. Ich fand es irgendwie beruhigend, dass selbst meine Therapeutin einen Tick hatte, den sie offenbar nicht abstellen konnte.
Meine Fingerspitzen wanderten zu meiner Schläfe, berührten die Haut, von der ich wusste, dass sie längst nicht mehr makellos war. »Frieda erschreckt sich nicht bei jedem harmlosen Knall.«
»Die anderen sind, wie du selbst schon festgestellt hast, genau das – anders. Jeder Mensch verarbeitet so ein Erlebnis auf individuelle Art und Weise. Wieso denkst du, dich genau wie deine Freundin verhalten zu müssen?«
Ich schüttelte die Erinnerung ab und zwang mich zu einem Lächeln. »Mir geht’s gut, danke. Ich habe mich nur erschrocken.«
»Und wie du das hast. Mann, du hättest dich mal sehen müssen.« Michael zögerte einen Moment, dann boxte er mir freundschaftlich gegen die Schulter. »Wie ein Ninja. Zack, weg warst du.«
»Ist mein zweiter Spitzname.« Ich hob kurz die Mundwinkel. Mein Herz rannte zwar keinen Marathon mehr, schlug mir aber immer noch unnatürlich laut in der Brust. Es waren nicht nur die Blicke der anderen. Das ganze Lokal sah in unsere Richtung, und ich hatte das Gefühl, ihre Gedanken zu kennen.
Sonderbar. Verrückt. Unnormal.
Wäre ich jetzt in einer Sitzung, würde Frau Hoffmann mich darauf hinweisen, dass ich keine Gedanken lesen konnte und die Situation vermutlich überinterpretierte. Wahrscheinlicher war, dass die anderen Gäste zu der Kellnerin blickten, die mit hochrotem Kopf den Scherbenhaufen zusammenfegte. Dem rationalen Teil meines Hirns war das durchaus bewusst, aber er war es nicht, der dieses Engegefühl um meinen Brustkorb und das Zittern meiner Hände kontrollierte. Ich wusste, dass ich falsch reagierte. Ich konnte es nur nicht abstellen. Ida und ihre Freunde nahmen langsam ihren Gesprächsfaden wieder auf und die ausgelassene Stimmung kehrte zurück. Wie in Trance bugsierte ich mich zurück auf meinen Platz und folgte halbherzig den Wortfetzen ihrer Unterhaltung.
Schließlich hob ich den Blick. Valentin sah mich an, seine Mundwinkel hingen herab. Und als wäre das nicht schlimm genug, tat er etwas, mit dem ich nicht gerechnet hätte: Langsam, fast peinlich berührt, schlug er die Augen nieder und verbannte mich aus seinem Sichtfeld.
Mit einem Gähnen schlurfte ich den Flur entlang in Richtung Küche. Es war bereits Mittag, also viel zu spät zum Aufstehen, aber mein Schlafrhythmus hatte sich noch nicht an die Zeitverschiebung gewöhnt. Obwohl ich eindeutig nicht mehr müde sein sollte, fühlte mein Kopf sich matschig an, und ich sehnte mich nach einer heißen Tasse Kaffee. Ida und Cathy hatten gestern unbedingt ihren Freitagabend ausnutzen wollen. Wir waren erst nach Mitternacht aus dem Red Crab aufgebrochen und ich hatte vor Aufregung lange nicht einschlafen können.
Auf den letzten Stufen der Treppe stieg mir der Geruch von Tomatensoße in die Nase und mein Magen gab ein erwartungsvolles Knurren von sich. Ich war nur noch wenige Meter von der Küche entfernt und hörte bereits das unverkennbare Geräusch klappernder Töpfe, als ich zwei Stimmen bemerkte, die sich über den Arbeitslärm hinweg leise unterhielten.
»Ich verstehe dein Problem nicht«, sagte Julia. Sie wirkte verärgert, und für einen Moment hatte ich das Gefühl, die Töpfe klirrten besonders laut. »Ich dachte, du magst Emmi.«
Abrupt blieb ich stehen.
»Ich kenne sie kaum. Du und ihre Mutter, ihr habt damals viel Zeit miteinander verbracht. Sie und ich? Eher weniger.«
»Dann lern sie doch kennen. Du benimmst dich albern und, ehrlich gesagt, auch etwas unhöflich. Es sollte selbstverständlich sein, dass ihr sie ein bisschen herumführt.«
»Ich habe sie gestern herumgeführt.« Valentin stieß ein frustriertes Seufzen aus. »Wieso können Ida und sie das nicht allein machen?«
»Es geht um ein paar Stunden. Ihr sollt sie einmal mit aufs Wasser nehmen und ihr die Abläufe zeigen, bevor sie die Touren begleitet.« Ein kurzes Zögern. »Ich will nicht, dass sie sich überfordert fühlt.«
»Wegen der paar Touristen? Du hättest sie gestern mal hören sollen, mit Walen kennt sie sich aus.«
Sein Kommentar hätte ein Kompliment sein können, aber die Art und Weise, wie er davon sprach, ließ mich zusammenzucken.
»Valentin.« Julia schnitt einen schärferen Tonfall an, der jeglichen Widerstand untergrub. »Es reicht. Ich erkenne dich in den letzten Tagen gar nicht wieder. Es tut mir leid, dass wir dir so spät von Emmis Besuch erzählt haben, aber ich verstehe wirklich nicht, was so schlimm daran ist. Sie ist ein nettes Mädchen, und wenn du dir nur ein wenig Mühe gegeben hättest, wüsstest du das bereits.« Mit einem lauten Plopp stellte sie etwas auf der Arbeitsfläche ab. »Du weißt ganz genau, was damals passiert ist.«
Ich biss die Zähne zusammen. Natürlich wusste er es, die ganze verdammte Stadt hatte über den Unfall und meine Probleme danach gesprochen. Valentin hatte mich sogar mit seinen Eltern im Krankenhaus besucht.
»Sie braucht ein bisschen Unterstützung, und wenn ich dir sage, du sollst netterweise mit Ida und ihr eine Probefahrt machen, dann tust du das auch. Ist das klar?«
»Ich kann nicht fassen, dass du mich dazu zwingst«, sagte Valentin säuerlich, aber die Diskussion schien beendet. Die beiden schwiegen, und während ich noch immer unschlüssig im Flur stand, hörte ich Julia beim Kochen zu. Valentin wollte also wirklich nichts mit mir zu tun haben. Er kannte mich nicht gut genug, um von meiner Person mit all den dazugehörigen Macken genervt zu sein. Also musste der Grund für sein eisiges Verhalten mit dem zusammenhängen, was er bereits über mich wusste. Meiner Erkrankung.
Ein dicker Kloß bildete sich in meinem Hals und ich blinzelte hektisch gegen die Tränen an, die sich in meine Augen schlichen. Gott, wie ich es hasste! Entweder hatten die Leute Mitleid mit mir oder tuschelten hinter vorgehaltener Hand über mich. Frau Hoffmann meinte, ich sollte mich akzeptieren und aufhören, so harsch zu mir zu sein, aber wie sollte das funktionieren, wenn alle Welt mir meine Fehler vor Augen führte? Ich war offensichtlich nicht normal, sonst würden die Menschen in meinem Umfeld sich nicht so auffällig benehmen. Ich dachte an Julia, die es für nötig hielt, mir einen Babysitter an die Seite zu stellen, und an Valentins Unbehagen, wenn ich mich in irgendeiner Weise auffällig verhielt.
Das war doch alles scheiße! Ich war in Neuseeland, verdammt, und würde mit Pottwalen tauchen. Trotzdem hatte es nur einen Tag gedauert und ich stand heulend im Flur.
Wild entschlossen, mir meine Trauer nicht anmerken zu lassen, wischte ich mir über die tränennassen Wangen und schickte ein Stoßgebet gen Himmel, dass meine Augen nicht gerötet waren. Dann streckte ich meine Schultern durch und stieß die Küchentür auf.
»Morgen!«
Meine fröhlich geplante Begrüßung klang wie ein Marschbefehl und Julia und Valentin zuckten erschrocken zusammen. »Jetlag«, fügte ich erklärend hinzu und schlurfte zum Kaffeeautomaten. Das brummende Geräusch, mit dem die Maschine die Bohnen im Inneren zerkleinerte, klang wie Musik in meinen Ohren. Mit der Tasse in der Hand ließ ich mich auf einen Stuhl am Esstisch fallen. »Ich bin total durch den Wind.«
»Das macht doch nichts.« Julias Stimmlage war eine Spur zu heiter. »Hast du gut geschlafen?«
»Ich habe ein bisschen gebraucht, um einzuschlafen, aber danach? Wie ein Stein.«
Mein Blick huschte zu Valentin, der mit dem Rücken gegen die Küchenzeile lehnte und seine Arme störrisch vor der Brust verschränkt hielt. Er sah aus, als hätte er in eine Zitrone gebissen, aber Julia ignorierte die schnippische Haltung ihres Sohnes und ich tat es ihr gleich. Beschwingt hantierte sie mit dem Topf-Chaos auf der Herdplatte herum, schob einen der zahlreichen Deckel zur Seite, um dem Dampf einen Weg in die Freiheit zu schaffen, und rührte mit der anderen Hand den Inhalt eines Nachbartopfes um. »Willst du ein paar Nudeln? Sie sind gleich fertig.« Ihre Mundwinkel zuckten, als sie mein Gesicht sah. »Du musst nicht. Nudeln zum Frühstück sind nicht jedermanns Sache.«
»Ich befürchte, ich muss tatsächlich erst mal passen. Für Nudeln ist es mir wirklich noch zu früh, mein Zeitgefühl ist total im Eimer. Ich mache mir einfach ein Brot.« Entschuldigend nippte ich an meinem Kaffee. »Nachher probiere ich sie aber auf jeden Fall, versprochen.«
»Kein Problem.« Mit einem routinierten Handgriff zog Julia die Schublade unterm Herd auf, zauberte einen Löffel hervor und probierte die Soße. »Schmeckt gut. Übrigens – wir haben uns gefragt, ob du nicht schon mal mit Ida und Valentin rausfahren willst. Dann lernst du den Laden und die Valida richtig kennen und erfährst ein bisschen von den Abläufen. Was meinst du?«
»Valida?«
»Unser Ausflugsboot.« Sie verdrehte die Augen. »Wir haben stundenlang nach einer Kombination aus Idas und Valentins Namen gesucht. Valida war das Endergebnis.«
Mein Blick zuckte kurz zu Valentin. Wollte ich wirklich nach dem Mist, den er eben gegenüber Julia von sich gegeben hatte, mit ihm einen Tag verbringen? Eigentlich nicht. Anderseits wäre das eine gute Chance, schon mal ein Gefühl für die Touren zu bekommen.
»In Ordnung«, stimmte ich nach kurzem Zögern zu.
»Hervorragend!« Während Julia fröhlich die Nudeln abgoss und ihre Soße ein letztes Mal abschmeckte, erzählte sie vom Blue Horizon und der Anfangszeit, als sie den Laden übernommen hatten. Ihre gute Laune war ansteckend, und ich versuchte, mich auf ihre Anekdoten aus der Vergangenheit zu konzentrieren und Valentins grimmige Miene zu ignorieren. Für ein paar Minuten lauschte er einfach unserer Unterhaltung, dann rauschte er plötzlich aus dem Zimmer und verschwand. »Der hat heute schlechte Laune«, war Julias einziger Kommentar, und ich beschloss, es dabei zu belassen.
*
Ein paar Sonnenstrahlen durchbrachen die Wolkendecke und brachten die weiße Fassade des Blue Horizon zum Leuchten. Das kleine Haus befand sich am Hafen gegenüber dem Anlegeplatz, von wo aus die Touren starteten. Ich hob eine Hand vor die Stirn, um meine Augen vor der grellen Sonne zu schützen, und betrachtete das große Ausflugsboot und den Laden an seiner Seite. Dank Julias Ausführungen wusste ich, dass die Hennings das Blue Horizon seit ihrem Kauf vor einem Jahr nicht sonderlich verändert hatten, und obwohl die helle Farbe der Holzplanken an einigen Stellen abblätterte, behielt das Haus seinen Charme. Die Hennings hatten recht – der Laden besaß Charakter, erzählte von vergangenen Geschichten, die man durch Renovierungsarbeiten nur ausgelöscht hätte.
Auf dem Surfbrett über der Eingangstür war mit feinen Pinselstrichen eine riesige Welle gemalt, die die Buchstaben des Ladennamens fast verschluckte. Es war farblich auf das blaue Dach abgestimmt und verlieh dem Geschäft eine eigene Note, konnte aber auch durchaus irreführend sein. Hätten die Hennings den Hinweis auf ihr Whalewatching-Angebot nicht dazugeschrieben, hätte ich den Laden für eine coole Surfbude gehalten.
Ich ging die kleine Steintreppe nach oben und schob mich, begleitet vom leisen Glockenbimmeln, durch die Holztür ins Innere.
Ida stand hinter dem Tresen und blätterte gelangweilt durch eine Informationsbroschüre über Wale. Beim Geräusch der kleinen Glocke über dem Eingang hob sie den Kopf und ihre Miene hellte sich auf.
»Emmi, Gott sei Dank. Ich sterbe vor Langeweile.«
»Ist nicht viel los?«
Die Frage war überflüssig – der Laden war leer und gewährte dadurch einen perfekten Blick auf die vielen Fotos vorheriger Touren, die an den Wänden hingen. Vor einer Reihe Unterwasserbilder blieb ich hängen. Meine Fingerspitzen strichen über das Plakat, fuhren die Konturen des Pottwals entlang und stoppten schließlich beim Taucher neben ihm. Ich konnte kaum erwarten, dass diese Momentaufnahmen Realität wurden.
Ida stand plötzlich direkt neben mir. »Es macht Spaß, wenn man den ersten Schock überwunden hat.«
»Ich freue mich auf unseren Ausflug am Dienstag.« Ich riss meinen Blick von dem Plakat los. »Es muss beeindruckend sein.«
»Ist es.« Ein schelmisches Grinsen huschte über Idas Lippen und ich fragte mich, was sie im Schilde führte. »Cathy und ich haben schon für unsere Koch-Session am Montag eingekauft und ein paar Snacks und eine Flasche Wein mitgenommen. Magst du Wein? Beim Film sind wir uns übrigens noch nicht sicher, also her mit den Vorschlägen! Wir dachten an einen richtigen Mädchenfilm oder etwas Actionreiches.« Ida plapperte fröhlich weiter, während sie mir meine Tasche abnahm und mich durch den Laden führte. Er war nur unwesentlich größer, als ich erwartet hatte. Hinter dem Tresen mit modernem PC, in dem die Daten bereits gebuchter Touren vermerkt waren, stand ein Regal mit Flyern, Souvenirs und Sachbüchern über die vielen Geheimnisse des Pazifiks und seiner Meeresbewohner. Eine kleine Tür führte zum Hinterzimmer, das als privater Aufenthaltsraum der Familie diente. Gut gelaunt stellte Ida die Kaffeemaschine an und legte meine Tasche auf das dunkelgrüne Sofa neben der Tür. Der Raum war klein, aber gemütlich. Der Esstisch aus hellem Holz in der Mitte wurde von vier unterschiedlich aussehenden Stühlen mit blau grünem Bezug eingerahmt und lud zu einer kleinen Pause ein. Hinter dem Tisch, an der gegenüberliegenden Wand, führte eine Tür in den seitlichen Anbau, in dem die Tauchausrüstung und ein paar Bootsteile untergebracht waren. Es standen sogar ein paar Surfbretter an der Wand, die Ida zufolge jedoch ausschließlich für private Zwecke genutzt wurden. Ich ließ meinen Blick über die vielen Kisten mit Schwimmflossen schweifen, vorbei an den Taucheranzügen, die verlassen an ihrer Stange hingen und auf ein neues Abenteuer warteten, und blieb schließlich an den orangefarbenen Rettungswesten hängen. Ein Bild flackerte vor meinem inneren Auge auf, katapultierte mich in der Zeit zurück. Ich hörte das Heulen von Sirenen, Stimmen, die durcheinanderriefen, und meine Fingerspitzen begannen, sehnsüchtig zu kribbeln. Wütend ballte ich meine Hände zu Fäusten, atmete tief ein und versuchte, mich auf diesen Moment zu konzentrieren, statt mich in den Strom aus Erinnerungen reißen zu lassen.
»Emmi? Hörst du mir überhaupt zu?« Ida betrachtete mich skeptisch von der Seite. »Alles in Ordnung? Du bist ja wie weggetreten.«
Ich hatte gar nicht gemerkt, dass sie mich angesprochen hatte. »Sorry. Ich war in Gedanken. Was hast du gesagt?«
Bitte lass es einfach gut sein.
Ida erfüllte mir den Wunsch. Mit einem Schulterzucken deutete
