Wilder als der Wellentanz - Nina Voss - E-Book

Wilder als der Wellentanz E-Book

Nina Voss

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Beschreibung

Enemies to Lovers-Gefühlschaos vor spanischer Traumkulisse auf La Palma Luna kann es selbst kaum glauben: Sie hat tatsächlich einen Platz für ein Kunststipendium auf La Palma ergattert und darf sieben Wochen auf der grünen Insel verbringen. Den ganzen Tag interessante Kurse, Sommer, Sonne, Strand und neue Freunde – klingt fantastisch, wäre da nicht der gut aussehende, aber arrogante Jesper, mit dem Lu gleich am ersten Abend aneinander gerät. Und ausgerechnet mit ihm wird sie für eine Zusammenarbeit eingeteilt! Doch je länger die beiden Zeit miteinander verbringen, umso stärker fliegen die Funken. Schnell wird deutlich, dass hinter Jespers überheblicher Fassade mehr steckt, als Lu zu Beginn ahnte … Mehr New Adult-Romance von Nina Voss: Lauter als das Meeresrauschen

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Seitenzahl: 440

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für Jana

Ein Hinweis zu Beginn

Wilder als der Wellentanz ist ein fiktives Werk, doch es behandelt Themen, die potenziell triggernd wirken können.

Eine Auflistung dieser Themen (Achtung, Spoiler!) sowie mögliche Hilfestellen findet ihr hinten im Buch.

Euer Magellan Verlag

Lus La-Palma-Playlist

Celia Cruz – La Vida Es Un Carnaval

Compay Segundo – Guajira guantanamera

Buena Vista Social Club – Chan Chan

Los Sabandeños und María Dolores Pradera – Perfidia

Celia Cruz – La Negra Tiene Tumbao

Joaquín Sabina – 19 Días y 500 Noches

Jarabe De Palo – La flaca

Daddy Yankee – Lo Que Pasó, Pasó

Los Sabandeños und María Dolores Pradera – Quizas, Quizas, Quizas

Daddy Yankee – La Despedida

Buena Vista Social Club – El Cuarto de Tula

Juan Magán – Bailando por Ahi

Nickodemus, Quantic, Tempo – Mi Swing es Tropical

Buena Vista Social Club feat. Omara Portuondo – Tiene Sabor

Rubén González – Mandinga

Manu Chao – Me Gustas Tu

Buena Vista Social Club – Candela

Compay Segundo – La negra Tomasa

Los Sabandeños und María Dolores Pradera – Ansiedad

Bebo Valdés, Diego El Cigala – Lágrimas Negras

1

An manchen Tagen hatte ich das Gefühl, mein Leben ziemlich gut im Griff zu haben. Dann sprudelten die Ideen nur so aus mir heraus, meine Finger entwickelten ein Eigenleben, zeichneten, bis auch der letzte Entwurf seinen Weg in meine Mappe gefunden hatte. In diesen Momenten sah ich meine Zukunft und Träume so klar vor mir, als wären sie mit dunkler Farbe auf Papier verewigt.

Heute war jedoch alles anders.

»Emmi, weißt du, wo meine weiße Oversized-Bluse ist?« Hektisch riss ich die Schubladen meiner Kommode auf. »Die aus dem Secondhandladen auf St. Pauli? Ohne sie steige ich nicht ins Flugzeug!«

Das war vielleicht etwas dramatisch ausgedrückt, aber meine Nervosität brauchte dringend ein Ventil. Warum war ich so verdammt aufgeregt? Die letzten Wochen hatte ich allen versichert, mich auf das Stipendium zu freuen. Doch heute, einen Tag, bevor der Flieger nach La Palma startete, hatte ich das Gefühl, meine gesamte Zukunft hänge von den folgenden sieben Wochen ab.

Keine sehr beruhigende Vorstellung.

»Hattest du gestern nicht so ein übergroßes weißes Ding an?« Valentin sah meine Schwester an. »Vielleicht kann Luna sich das ausleihen.«

»Das war Lus Bluse.« Verlegen strich Emmi sich ein paar dunkle Strähnen aus dem Gesicht. »Sie liegt in meinem Zimmer, aber ich wollte sie dir wiedergeben. Ehrlich!«

Mühsam unterdrückte ich ein Seufzen. »Weiß ich doch«, beruhigte ich sie. Meine Schwester war der aufrichtigste Mensch der Welt und es war nicht das erste Mal, dass wir unsere Klamotten tauschten. Denn was mir stand, sah auch an ihr toll aus – ein Umstand, den wir unserem Erbgut verdankten. Emmi und ich waren eineiige Zwillinge. Dass wir in denselben Sachen gut aussahen, war eine Realität, die nur meine Schwester manchmal infrage stellte. Sie war so voller Zweifel.

»Ist nicht schlimm«, fügte ich hinzu. »Ich habe dir ja gesagt, dass du nicht fragen musst, wenn du was von mir anziehen willst. Es ist wirklich alles in Ordnung. Mach dir keinen Kopf!«

Emmi betrachtete mich aus einem Paar haselnussbrauner Augen, die auch mir jeden Tag aus dem Spiegel entgegenblickten. Sie schien genau zu wissen, was mich dazu brachte, so übertrieben beschwichtigend zu reagieren. Dass ich meine Sorge um sie nie ganz abstellen konnte, egal, wie sehr ich mich bemühte.

»Okay.« Ein zaghaftes Lächeln umspielte ihre Lippen. Es war ein Zeichen an mich, dass alles in Ordnung war. »Ich hole sie dir.«

Während Emmi in ihrem Zimmer verschwand, fuhr ich mir über die schmerzende Stirn. Ich musste einen Gang runterschalten. Schließlich ging es ihr inzwischen besser.

Um mich abzulenken, wandte ich mich an Valentin. »Fährt dein Zug nicht bald ab?«

»Willst du mich loswerden?« Mit provokanter Gelassenheit streckte sich der Freund meiner Schwester auf unserer dunkelblauen Couch aus und grinste mich an.

»Niemals«, erwiderte ich spöttisch. Noch ein Grund, warum ich Valentin mochte: Es machte ziemlich viel Spaß, ihn aufzuziehen, denn er hatte sich im vergangenen Jahr als würdiger Gegner entpuppt. »Ich habe nur an deinen letzten Besuch gedacht.«

Das Grinsen auf Valentins Lippen erlosch und ich verkniff mir ein Lachen. Punkt für mich. Emmis Freund hatte vor einigen Wochen so lange getrödelt, bis er aus Eile fast in seiner Pyjamahose aus der Tür gestürmt wäre. Zum Glück würde er bald keine Züge mehr verpassen. Vor einigen Wochen hatte er die Bestätigung erhalten, auf die Emmi und er seit einem Jahr warteten: Jemand wollte den Studienplatz mit ihm tauschen. Valentin würde für sein Medizinstudium nach Hamburg ziehen, wo Emmi und ich seit circa anderthalb Jahren in unserer Zweier-WG zusammenlebten. Und obwohl ich mich riesig für die beiden freute, versetzte mir der Gedanke an Emmis Auszug einen Stich. Wie sollte ich nur ohne sie überleben? Kaum vorstellbar, eines dieser WG-Castings machen und mir eine neue Mitbewohnerin suchen zu müssen.

Missmutig schob ich den Gedanken beiseite und musterte das Chaos aus Anziehsachen, Zeichenblöcken und Stiften in unserem Wohnzimmer. Nicht nur der Couchtisch, auch Emmis Lesesessel diente meinen Sachen als Ablage. Von dem ursprünglich aufgeräumten Zustand konnte man nicht mehr viel erkennen. Mit einem Seufzen hob ich mein Schmuckkästchen auf und legte es zu den Dingen, die ich mitnehmen wollte. Seit ich mir vor einigen Jahren einen kinnlangen Bob hatte schneiden lassen, wusste ich ein Paar schicker Ohrringe zu schätzen. Und die kleine Schatulle würde nun wirklich nicht viel Platz einnehmen. Oder?

»Don't panic. Das wird schon, immerhin habe ich bis morgen Zeit.«

»Eben«, bestätigte Valentin. »Entspann dich, Lu.«

Von außen betrachtet, war es vermutlich kein Problem, schließlich musste ich nur ein paar Anziehsachen und die Zeichenutensilien einpacken. Ich wollte bei der Outfit-Wahl jedoch keine Fehler machen. Die Sachen sollten, nein, sie mussten, perfekt zusammenpassen!

Unwillkürlich dachte ich an mein letztes Gespräch mit unserer jüngeren Schwester Liv, die mich mit meinem Hang zur Modewelt aufgezogen hatte. Wen scheren schon ein paar Klamotten? Sie hatte es mit einem Augenzwinkern gesagt, da sie die Antwort auf ihre Frage eigentlich schon kannte:

Mich! Mich scherte es! Livi interessierte es vielleicht nicht, welche Kleidung sie trug, aber mir waren diese Dinge wichtig. Mode bedeutete so viel mehr als eine Antwort auf die Frage, welches T-Shirt man am Morgen überstreifte. Es war eine Möglichkeit, sich auszudrücken. Sich zu definieren.

»Wie heißen die Veranstalter von deinem Stipendium noch mal?«, fragte Valentin.

Sein Einwurf holte mich in die Gegenwart zurück. »Verbund deutscher Künstler und Künstlerinnen. Es ist ein Pilotprojekt zur Förderung junger Talente«, erklärte ich.

Fast fünfzig Tage auf den Kanaren, zusammen mit elf anderen Kunstschaffenden aus den Bereichen Modedesign, Malerei, Schriftstellerei und Fotografie, die man im Rahmen ihres Studiums dazu eingeladen hatte, gemeinsam kreativ zu arbeiten und sich weiterzuentwickeln. Es klang nach einer mega Chance und war der Grund für meine wachsende Unruhe. Vielleicht war das Stipendium das Sprungbrett für meine Karriere, auf das ich immer gewartet hatte. Nicht nur machte es sich in der Vita gut, die Veranstalter hatten uns bei guten Leistungen ein Empfehlungsschreiben in Aussicht gestellt, das nach Abschluss unseres Studiums Gold wert sein würde. Bei dem Gedanken, dass mein Traum durch diese Möglichkeit realistischer wurde, schoss ein aufgeregtes Kribbeln durch meinen Körper. Eine Modedesignerin mit eigenem Designstudio in Hamburg. Gott, ich wollte das so sehr!

»Weißt du, ich glaube, die haben Waschmaschinen auf La Palma«, sagte Valentin schmunzelnd, den Blick demonstrativ auf meine verstreute Kleidung geheftet. »Habe ich zumindest gehört.«

»Witzig.«

Emmi war inzwischen mit meiner Bluse zurückgekehrt und ich legte sie auf den Unbedingt-mitnehmen-Stapel. Dann trat ich einen Schritt zurück, um meine bisherige Auswahl zu begutachten. Scheiße. Wann war das so viel geworden? Klar, der bunte Mix aus Hosen, Shirts und Kleidern ermöglichte eine Vielzahl an ausgefallenen Outfit-Kombis – allerdings würde ich ihn niemals in meinen Koffer bekommen.

»Lu.«

Beim Klang von Emmis Stimme hob ich den Kopf. Sie war mein persönlicher Magnet, mein Ruhepol in stürmischen Zeiten.

»Soll ich dir helfen?«

»Beim Packen?«

Sie hob die Schultern. »Wieso nicht? Du wirkst überfordert.«

Typisch Emmi. Kein spöttischer Kommentar darüber, dass sie mir seit Tagen sagte, ich solle anfangen zu packen und nicht alles auf den letzten Drücker erledigen. Kein genervtes Seufzen, weil ich unser – dank Emmi – aufgeräumtes Wohnzimmer in einen begehbaren Kleiderschrank verwandelt hatte. Sie fragte einfach, ob sie helfen sollte.

Womit hatte ich diese Schwester verdient?

»Wir könnten zusammen überlegen, welche Sachen du unbedingt mitnehmen willst und was hierbleiben kann.«

»Das habe ich ja versucht«, sagte ich und deutete auf die verschiedenen Stapel. »Hat nicht sonderlich gut funktioniert.«

»Wir finden eine Lösung.«

Wahrscheinlich würde sie gleich Stift und Papier holen, um eine Packliste zu erstellen. Meine Schwester liebte Pläne, Listen und Strukturen. Sie war in diesem Punkt so anders als ich, dass ich mich manchmal fragte, wie wir überhaupt zusammenwohnen konnten.

»Danke.« Ich schenkte Emmi ein erleichtertes Lächeln, das sie zum Anlass nahm, in ihr Zimmer zu laufen. Nach nur wenigen Sekunden kehrte sie mit einem Zettel in der Hand zurück. Ich hatte es gewusst.

»Nein«, stöhnte ich und ließ mich neben Valentin auf die Couch fallen. »Bitte keine Packliste! Ich entscheide lieber nach Gefühl, was ich mitnehme.«

»Du meinst, weil das bisher so fantastisch funktioniert hat?« Emmi schnaubte. »Du musst dich entscheiden, Lu. Oder willst du ein ganzes Flugzeug mit deinem Kram füllen?«

Unsere Klingel bewahrte mich davor, mit dem Aussortieren anzufangen. Bevor Emmi noch etwas hinzufügen konnte, sprang ich vom Sofa auf und ging zur Tür.

»Ja?«, fragte ich in den Hörer unserer Gegensprechanlage.

»Ich bin's.«

Mein Herz machte einen Satz. War das etwa …? Hektisch drückte ich den Summer, riss unsere Tür auf und lief in Socken die Treppe nach unten. Bereits auf halber Strecke kam ich zum Stehen. Da stand sie. Mit einem Rucksack auf den schmalen Schultern, die Lippen zu einem zaghaften Lächeln erhoben. Ein paar Sonnenstrahlen fielen durch das Fenster und verliehen ihrem dunklen Haar diesen leichten Rotschimmer, den Emmi und ich so liebten.

»Livi!«, rief ich und zog unsere jüngere Schwester in eine feste Umarmung. »Ich glaub's nicht, was machst du hier?«

»Überraschung«, sagte sie und erwiderte meine stürmische Umarmung mit der für sie typischen Zurückhaltung. »Ich muss doch Tschüss sagen, bevor du abfliegst.«

»Mann, ich freue mich so! Du bist hier! Moment – hat Emmi etwa gewusst, dass du kommst?«

»Alle wussten es.«

»Alle? Valentin auch?«

»Nicht nur der«, ertönte eine vertraute Stimme von unten und mein bester Freund Malik schloss zu uns auf. In der Hand hielt er eine Einkaufstüte, die verdächtig klirrte. »Wir dachten, dein Abflug schreit nach einer Party«, sagte er und hob demonstrativ die Tüte an. »Ich habe die Getränke besorgt.«

»Ihr schmeißt eine Abschiedsparty für mich?« Eigentlich war ich nicht sonderlich nah am Wasser gebaut, aber Livs und Maliks unerwartetes Auftauchen mischten sich mit der Vorfreude auf die nächsten Wochen und meine Sicht verschwamm. »Das ist … danke.«

»Zieh bloß keine voreiligen Schlüsse.« Malik grinste. »Wir feiern, weil wir dich los sind.«

Und schon konnte ich wieder klar sehen. »Wart's ab. Bestimmt schreibst du mir in der ersten Woche, wie sehr du mich vermisst.«

Maliks Tonfall wurde sanfter. »Mit Sicherheit werde ich das.« Er hob wieder die Tüte an. »Hilfst du mir mit den Getränken?«

Gemeinsam trugen wir die Einkäufe hinauf in die Küche, wo Emmi und Valentin in der Zwischenzeit Gläser auf unserem Esstisch bereitgestellt hatten. In der Mitte des Tisches brannte eine Kerze und beleuchtete einen Strauß Blumen, der vor wenigen Minuten noch nicht dort gestanden hatte. Vermutlich Emmis Werk. Es sah gemütlich aus und ich musste lächeln. Vielleicht lag es an den vielen Pflanzen, die in unserem Holzregal standen, oder dem alten Fliesenspiegel an der Wand, den unser Vermieter damals als »antike Besonderheit« beschrieben hatte, aber die Küche war mein Lieblingsraum – und Emmi wusste das. Sie hatte sogar die Lichterkette angemacht, die wir um die Topfpflanzen auf unserer Fensterbank geschlungen hatten. Es war perfekt.

»Damit du Hamburg nicht vergisst«, erklärte sie, als ich den Teller mit Franzbrötchen bemerkte. Sie musste ihn hingestellt haben, während ich Liv entgegengestürmt war.

»Und uns«, fügte Liv hinzu, die Finger bereits nach einem Stück des süßen Gebäcks ausgestreckt. »Wenn du als berühmte Designerin wiederkommst.«

»Ich könnte euch niemals vergessen.« Jedes Wort davon entsprach der Wahrheit und war eine stille Vereinbarung, die wir geschlossen, aber nie ausgesprochen hatten. Das war auch nicht nötig. Sie war geschmiedet aus Zuneigung, Vertrauen und all den anderen Gefühlen, die uns verbanden.

Liv hielt mitten in ihrem Vernichtungsfeldzug gegen das Franzbrötchen inne. »Das ist … schön.« Sie klang gerührt und eine bedeutungsvolle Stille breitete sich zwischen uns aus. Die Sekunden verstrichen, dann wischte Liv meinen Kommentar mit einer Handbewegung beiseite, als halte sie die Schwere hinter meinen Worten nicht aus: »Lasst uns zu den Jungs gehen. Hier ist zu wenig Platz.« Schon war sie aus der Küche verschwunden.

Ich verfolgte ihren fluchtartigen Abgang mit einem Stirnrunzeln. »Was war das denn?«

»Liv ist so … verschlossen in letzter Zeit. Vielleicht liegt es am Alter?«, überlegte Emmi. Sie klang genauso ratlos, wie ich mich fühlte.

»Sie ist zwei Jahre jünger als wir. Das ist kein besonders großer Unterschied.«

Schweigend griff ich nach einem Franzbrötchen. Wenn ich genauer darüber nachdachte, hatte Emmi vielleicht doch recht. Zwei Jahre waren zwar keine Ewigkeit, konnten aber durchaus die eigene Welt auf den Kopf stellen. Das Leben meiner Schwester war in den vergangenen zweieinhalb Jahren in viele Einzelteile zerlegt, durcheinandergewirbelt und neu zusammengesetzt worden. Und auch ich hatte einen gigantischen Sprung in Richtung Zukunft gemacht. Dabei war der Beginn des Modedesignstudiums erst der Anfang.

»Haben wir noch den Sekt im Kühlschrank?«, fragte ich Emmi. »Das hier ist der perfekte Zeitpunkt für etwas Prickelndes.«

»Du verschmähst mein Bier?«

Malik hatte die Küche betreten. Mit einem misstrauischen Blick in Richtung unseres Efeus, an dem er wahrscheinlich einmal zu oft mit seinem tiefschwarzen Dutt hängen geblieben war, quetschte er sich an Emmi vorbei.

»Verschmähen tue ich gar nichts, aber ich freue mich, dass ihr da seid. Darauf könnten wir doch mit Sekt anstoßen.«

Das war ihm Argument genug. Wenige Minuten später hatte er die Sektflasche geköpft, die seit dem letzten Besuch unserer Eltern darauf wartete, getrunken zu werden. Ausgerüstet mit fünf vollen Gläsern siedelten wir ins Wohnzimmer um.

»Auf Lu und ihr Abenteuer«, sagte Malik, aber ich schüttelte den Kopf.

»Auf uns alle! Danke, dass ihr da seid.«

Klirrend stießen unsere Gläser aneinander. Der Sekt schmeckte angenehm süß und ich betrachtete meine Familie und Freunde mit neu gewonnener Zuversicht. Kaum zu glauben, dass ich mir eben noch Gedanken darüber gemacht hatte, was ich auf die Insel mitnehmen sollte. Heute war mein letzter Tag in Hamburg! Die Zeit sollte ich nicht mit Packen verbringen. Am besten sortierte ich radikal aus, was nicht unbedingt notwendig war. Schließlich könnte ich mir im Notfall etwas Neues nähen … und das sogar, ohne mir einen stichelnden Kommentar von Emmi anhören zu müssen, dass ich zu viele Anziehsachen besaß.

»Einen Euro für deine Gedanken.«

Empört sah ich Malik an. »Einen Euro nur? Vergiss es.«

Keine Ahnung, wer damit angefangen hatte, aber irgendwann war es zur Tradition geworden, einen beliebigen Betrag für die Gedanken des anderen zu nennen. Je neugieriger man war, desto höher der Wert.

»Bei dem fetten Grinsen auf deinen Lippen ist es offensichtlich, woran du denkst. An La Palma.«

»Überhaupt nicht.«

»Nein? Du lügst doch!

Lachend zog ich ihn auf den Balkon, um abseits der anderen reden zu können. Die Luft war eisig frisch. Über uns erstreckte sich ein zerklüftetes Wolkenmuster, das vom Wind getrieben immer wieder neu zusammengesetzt wurde. Es war ein typischer Februartag in Hamburg.

»Allein das Wetter wird besser sein«, sagte ich und verschränkte bibbernd die Arme vor der Brust.

»Sieben Wochen Sonnenschein. Du bist echt ein Glückspilz, weißt du das?«

»Ich habe hart dafür gearbeitet.«

»Das weiß ich.« Er stupste mich leicht von der Seite an. »Bist du aufgeregt?«

»Sehr. Aber es fühlt sich gut an, endlich loslegen zu können. Außerdem soll La Palma megaschön sein.«

»Ich war vor drei Jahren mit meinen Eltern dort. Du musst auf jeden Fall ein paar Ausflüge machen.«

Ich nickte, den Blick auf die vielen Messingtöpfe und Blumenkübel geheftet, die Emmi ordentlich übereinandergestapelt hatte. Im Sommer verwandelte sie die drei Quadratmeter unseres Balkons in ein Meer bunter Blumen und Pflanzen. Heute stand dort lediglich ein lila blühendes Etwas, dessen Namen ich nicht kannte. Allerdings gefiel mir die Farbe. In Kombination mit einem schwarzen, fließenden Stoff könnte das fantastisch aussehen.

»Lu.«

»Aua!« Eine Hand an die schmerzende Stelle gelegt, wandte ich mich Malik zu. »Hast du mich gerade in die Seite gekniffen?«

»Ich habe dich sanft gepiekt, weil du mir nicht geantwortet hast.« Als ich nichts erwiderte, seufzte er. »Ich habe dich gefragt, ob du inzwischen weißt, welche zwei anderen Modestudenten teilnehmen werden.«

»Nein. Ich schätze, ich lerne sie erst auf der Insel kennen.«

»Freust du dich?«

»Auf die beiden anderen? Was denkst du denn?« Ich liebte es, mich über Mode auszutauschen, und drängte die aufflackernde Sorge, die Maliks Frage in mir ausgelöst hatte, zurück. Es gab keinen Grund, sich verrückt zu machen. Das Stipendium sollte ein kreatives Miteinander und kein Konkurrenzkampf sein.

»Sollen wir reingehen?«, schlug ich vor. »Langsam wird es kalt.«

Nicht mal eine Stunde später saßen wir wieder in unserem Wohnzimmer und tranken Bier und Sekt. Emmis Lieblingsplaylist, eine wilde Mischung aus alten Rocksongs und den Liedern der fiktiven Band Daisy Jones and The Six, erfüllte den Raum, während die Welt draußen im Dämmerlicht versank. Vielleicht konnten wir bald auf meine La-Palma-Playlist umsteigen. Ich hatte die spanischen und kubanischen Songs in Vorfreude auf das Stipendium gesammelt.

»Jetzt verstehe ich, warum Emmi dich nicht ständig an deinen Zug erinnert hat«, sagte ich an Valentin gewandt. »Sie wusste, dass du morgen fährst.«

»Stimmt. Spätestens da hättest du misstrauisch werden müssen.«

»Unsinn«, mischte Emmi sich vom Sofa ein. »Meinetwegen kann er jeden Zug verpassen, der ihn zurück nach Berlin bringt.«

Das brachte ihr einen Kuss von Valentin ein, der sie mit leicht geröteten Wangen zurückließ.

»Ihr zwei seid noch genauso anhänglich wie vor einem Jahr.« Malik lachte. »Ist ja furchtbar.«

Valentins Antwort bekam ich nicht mit. Meine Aufmerksamkeit galt Livi, die ihren Pullover ausgezogen und auf Emmis Lesesessel geschmissen hatte. Zum Vorschein gekommen war ein zart verarbeitetes Tanktop in einem dunklen Grün, dessen Träger mit Blüten verziert waren. Es passte zu Livs rötlichen Haaren und unterstrich ihre natürliche Schönheit mit den Sommersprossen und langen Wimpern.

Kurz entschlossen robbte ich von meinem Platz neben dem Sofa an ihre Seite. Den Sekt nahm ich mit. »Wo hast du denn dieses Meisterwerk her?«

Livs Mundwinkel zuckten. »Von einer wahren Künstlerin.«

»Oha. Das klingt beeindruckend.«

»Ist es.« Der Ausdruck in ihren Augen wich einem Ernst, der mich überraschte. »Wirklich, Lu.« Sie strich über den feinen Stoff, fuhr mit den Fingerspitzen das Blütenmuster entlang, um dann ihr Sektglas klirrend gegen meins zu stoßen. »Cheers. Das hast du gut gemacht, ich liebe das Top.«

Wärme breitete sich in meiner Brust aus. Ich wusste, dass ich Talent hatte, aber Zweifel waren hinterhältige, miese Arschlöcher. Sie lauerten auf den passenden Moment und schlugen dann umso härter zu. Niemand war vor ihnen sicher. Umso mehr freuten mich Livs Worte. Sie waren genau das, was ich vor meiner Abreise gebraucht hatte.

»Danke. Es bedeutet mir besonders viel, wenn du oder Emmi meine Sachen mögt.«

»Du hast dich im letzten Jahr enorm verbessert. Kein Wunder, dass sie dir das Stipendium sofort angeboten haben.«

Das stimmte nicht. Eigentlich war die Bewerbungsphase ganz schön anstrengend gewesen. Nach Einreichen einer Mappe mit einer Auswahl an Skizzen und Fotos von mir entworfener Designs, waren mehrere Wochen vergangen, bis ich eine Einladung für ein persönliches Gespräch erhalten hatte. Dem waren Monate qualvollen Wartens gefolgt. Jeden Tag war ich zum Briefkasten gelaufen, nur um enttäuscht in unsere Wohnung zurückzukehren. Selbst nach der Zusage hatte ich noch einen Monat lang Formalitäten mit meiner Uni klären müssen, da das Praktikum eine Woche des neuen Semesters kostete.

So viele Stunden Stress. Und jetzt war das alles nicht mehr wichtig. Mein Blick galt nicht der Vergangenheit. Es war die Zukunft, die mich reizte. Dieses Stipendium war der Beweis dafür, dass Modedesign eine Perspektive bot. Dass es sich lohnte, für seine Träume zu kämpfen und daran festzuhalten, selbst wenn sie abseits des durchschnittlichen Weges lagen.

Ich wusste, dass ich es schaffen konnte. Und nun war der Zeitpunkt gekommen, es allen anderen zu beweisen.

2

Kaum hatte ich den Flughafen hinter mir gelassen, wurde ich von Sonnenschein und den wogenden Wellen des Ozeans begrüßt. Die Luft war herrlich klar und warm. Schnell zog ich meine dicke Winterjacke aus und hängte sie über meinen Koffer, den ich gestern Nacht noch hatte packen müssen – was mit Livs und Emmis Hilfe deutlich einfacher gewesen war.

In der Mail zum Programmablauf hatte gestanden, dass wir von einem Shuttle abgeholt werden sollten. Schützend hielt ich eine Hand über meine Augen, um gegen das helle Sonnenlicht sehen zu können.

Neben einem blau funkelnden Kleinbus stand ein Mann mit Sonnenbrille und hielt das Schild »Künstler:innen-Stipendium« hoch.

»Hola«, begrüßte ich ihn. »¿Vas a la Finca Flora? Soy Luna und … ich meine y … ¿debería estar en la lista de participantes?«

Die Worte hörten sich seltsam fremd und doch vertraut an. Mir hatte Spanisch in der Schule immer Spaß gemacht. Es war das Gefühl von Sommer, Lebensfreude und Abenteuern, das ich mit der Sprache verband. Trotzdem waren meine praktischen Fähigkeiten eingerostet, weswegen mein letzter Satz mehr wie eine Frage als eine Feststellung geklungen hatte.

Mein Versuch, Spanisch zu sprechen, schien den Schild-Typen zu freuen. »Soy Carlos.« Er nahm seine Sonnenbrille ab, was ein Paar hübscher dunkler Augen mit unverschämt langen Wimpern offenbarte. »Und ich spreche Deutsch. Aber das hast du gut gemacht!«

»Danke.« Nachdem ich mein Gepäck im Kofferraum verstaut hatte, schob ich die Schiebetür vom Van zur Seite und lugte ins Innere. Fünf Plätze waren besetzt, alle plapperten wild durcheinander. Die Luft wirkte elektrisiert von der aufgekratzten Stimmung.

»Hi.« Die anderen unterbrachen ihre Gespräche, um meine Begrüßung zu erwidern. Mit einem Lächeln steuerte ich zwischen den Sitzen entlang auf die hinterste Reihe zu. Natürlich war nur noch der Mittelsitz frei. »Ich bin Luna«, stellte ich mich meinen Sitznachbarn vor.

»Imani«, sagte die junge Frau auf dem linken Fensterplatz. »Woher kommst du?«, schoss sie direkt hinterher, nachdem ich mich gesetzt hatte.

»Aus Hamburg. Und du?«

»Leipzig«, antwortete Imani und ich drehte mich neugierig zu dem Typ rechts von mir um. Er sah gut aus mit seinen eisblauen Augen, schwarzen Haaren und dem leichten Bartschatten, der seine Kinnpartie betonte. Aus seinem Halsausschnitt ragte ein beeindruckendes Tattoo hervor. Tintenschwarze Linien schlangen sich in komplizierten Mustern um seine Muskeln, liefen die Oberarme entlang bis zu den Fingerspitzen. Ich schätzte ihn auf Anfang zwanzig.

»München«, sagte er, bevor ich die Frage hatte stellen können. »Ich bin Jesper.« Er sprach mit einer angenehm tiefen Stimme und ich verkniff mir ein Schnauben. War es überhaupt legal, sowohl gut auszusehen als auch eine anziehende Stimme zu haben? Mein Blick wanderte wieder nach oben, glitt prüfend über seine Züge hinweg und blieb an der etwas zu spitzen Nase hängen. Immerhin. Sonst wäre das echt nicht fair gewesen.

Jespers Augenbrauen wanderten in die Höhe und zeigten mir, dass ich mich nicht gerade unauffällig verhielt. Ich beschloss, seine Belustigung zu ignorieren, und schob schnell eine Frage hinterher: »Wartet ihr schon lange?«

»Nein. Ich glaube, du bist die Letzte, die gefehlt hat. Wir fahren bestimmt gleich los.«

»Ich bin so gespannt auf die Finca«, sagte Imani. »Habt ihr die Fotos gesehen?«

Und ob ich das hatte! Die Casa Flora lag in den Bergen, in einem kleinen Ort nahe der Hauptstadt Santa Cruz. Der Name schien Programm: Die Bilder im Internet zeigten ein Meer bunter Blumen, saftig grüner Pflanzen und Sträucher, die ein wunderschönes Anwesen aus weißen Mauern und Holzelementen umgaben. Vom Garten mit Avocadobäumen und Pool ganz zu schweigen.

»Die Finca ist ein schönes Motiv«, stimmte Jesper zu. »Zusammen mit der Umgebung echt unschlagbar.« Er deutete aus dem Fenster. Unser Bus hatte sich in Bewegung gesetzt, rauschte die Schnellstraße entlang in Richtung Santa Cruz. Links von uns erhoben sich einige Felsen in den Himmel, deren Oberfläche vereinzelt von grünen Pflanzen bedeckt war. Auf der anderen Seite erstreckte sich grenzenloses Blau.

»Fotografierst du?«, fragte ich, doch Jesper schüttelte den Kopf.

»Ich male.«

»Cool. Und du?« Ich hatte mich wieder Imani zugewandt, deren Gesicht am Fenster klebte.

»Ich schreibe.« Sie beugte sich vor, um an Jesper und mir vorbei aus dem gegenüberliegenden Fenster sehen zu können. »Wie schön ist das bitte? Diese Farben! Die Sonne. Ich sag's euch, die nächsten Wochen werden richtig gut.« Seufzend drehte Imani sich wieder zu mir um. »Was ist dein Spezialgebiet?«

»Modedesign.«

»Ah, das hätte ich mir bei deinem Outfit denken können, du siehst so schick aus.« Sie grinste. »Im Gegensatz zu meinem Gammel-Flugzeug-Look.«

Das stimmte nicht. Imani hatte vielleicht ein schlichtes, lockeres T-Shirt an, aber das Grün ihrer Leggings war ein echter Hingucker. Es passte perfekt zur Farbe ihres Haargummis, das die vielen Braids zusammenhielt. Sie sah wirklich hübsch aus. »Ich mag dein Outfit.«

»Danke.«

Ich wandte mich Jesper zu, um ihn wieder ins Gespräch miteinzubeziehen, doch er starrte so gebannt aus dem Fenster, dass ich ihn seiner stillen Bewunderung überließ.

»Du bist Modedesignerin?«, fragte eine der Teilnehmerinnen vor uns. Ihr rötliches Haar erinnerte mich an Liv.

»Zumindest arbeite ich daran. Wobei …« Ich studierte zwar erst seit einem Jahr, hatte aber bereits eigene Entwürfe umgesetzt. »Wahrscheinlich darf ich das schon sagen. Und was machst du?«

»Auch Modedesign. Ich bin Nele.« Sie wirkte etwas älter als wir, musste aber unter dreißig sein. Das Stipendium war auf eine Zielgruppe von achtzehn bis neunundzwanzig Jahren ausgelegt.

»Luna. Und was sind eure Bereiche?« Fragend sah ich die anderen auf den Vordersitzen an. Es war der Startschuss für eine Vorstellungsrunde.

Die beiden Jungs – Markus und Igor – bildeten mit Imani zusammen das Schriftsteller-Trio und Clara, Neles Sitznachbarin, war Fotografin. Während wir über die anstehenden Wochen sprachen, fuhr der Bus eine von Palmen gesäumte Straße entlang. Es ging bergauf, weg von der Küste dem Dorf entgegen, das die nächsten Wochen unser Zuhause sein würde.

Wenige Minuten später hatten wir die Finca erreicht. Pinkfarbene Blüten überzogen die weißen Steinwände der Außenfassade und verhakten sich eng umschlungen mit einigen Efeuranken. Die Sonne knallte vom Himmel und ich zog meine Sonnenbrille aus dem Seitenfach meines Rucksacks hervor.

Gemeinsam steuerte unsere Gruppe das verschnörkelte Eingangstor aus Metall an und betrat den Wohnsitz.

Rechts von uns, direkt neben dem Eingang, schimmerte die Wasseroberfläche eines Pools im Sonnenlicht.

»Ist das schön.« Imani war neben mir stehen geblieben. »Das ist noch besser als auf den Fotos!«

Sie hatte recht. Das hier war … Inspiration pur. Die strahlend weißen Wände der Finca, die Pflanzen, das funkelnde Wasser im Pool. Ein unendlich erscheinendes Angebot an Mustern, Schattierungen und Farben.

»Die anderen sind ja schon da«, flüsterte ich Imani zu, als uns Gelächter aus dem Innern der Finca entgegenschlug. Einen Augenblick später betraten drei Männer und eine Frau die Terrasse.

»Herzlich willkommen in der Casa Flora!« Eine kleine, dunkelhaarige Frau war aus dem Haus getreten und umrundete leichtfüßig den Esstisch auf der Terrasse. Sie hatte Deutsch gesprochen und trug einen Stapel Flyer bei sich, auf denen ich das Verbundslogo erkannte.

»Ich bin Teresa García, Koordinatorin des Projekts und Ihre Ansprechpartnerin in den nächsten Wochen. Sie können mich gern Teresa nennen.« Ihr Lächeln wurde breiter. »Es freut mich, Sie alle in unserer wunderschönen Finca begrüßen zu dürfen! Dabei heiße ich Sie auch im Namen unseres Förderkreises willkommen, der dieses außergewöhnliche Projekt möglich gemacht hat. Wir wissen, dass es ein langer Weg war. Ein Weg, der Kreativität, Disziplin und Fleiß erforderte.«

»Sie hat Geduld vergessen«, murmelte Imani und ich lachte leise. Ja, die Projektleitung hatte uns diesbezüglich auf eine harte Probe gestellt.

»Sie können stolz auf sich sein«, fuhr die zierliche Frau mit ihrer Rede fort. »Dieses Stipendium ist ein weiterer Schritt in Ihrer Karriere und wir freuen uns, Sie dabei begleiten zu dürfen.« Sie wedelte mit den Flyern in ihrer Hand herum. »Ich habe ein Programm, das die Punkte des heutigen Tages zusammenfasst. Ich werde Sie gleich durch die Räumlichkeiten führen, danach haben Sie Zeit, in Ruhe Ihre Sachen auszupacken und sich umzusehen. Heute Abend ist die offizielle Einführungsveranstaltung mit anschließender Welcome-Party, bei der auch unsere Vorsitzende vom Verbund anwesend sein wird. Außerdem werden Sie einige Ihrer zukünftigen Mentorinnen und Mentoren vom Projekt kennenlernen.« Sie reichte uns den Stapel Flyer zum Verteilen. »Starten wir mit der Führung!«

Ohne auf unsere Reaktion zu warten, setzte Teresa sich in Bewegung und unsere beiden Gruppen vermischten sich zu einer Einheit. Wir hatten uns rasch untereinander vorgestellt. Die Frauen hießen Franzi und Loreen, die drei Männer Pablo, Jasir und Fabian. Letzterer studierte wie Nele und ich Modedesign und war das fehlende Mitglied unserer Fashion-Clique. Vom ersten Eindruck her wirkten alle sympathisch.

Während wir in Richtung Garten gingen, schlossen Imani und ich zu Nele und Pablo auf, die einige Meter vor uns liefen.

»Also bist du hier aufgewachsen?«, fragte Nele gerade.

»Nein, wir sind recht früh nach Deutschland gezogen, aber mein Onkel ist aus beruflichen Gründen geblieben. Deswegen bin ich öfters auf der Insel.«

»Cool! Dann hast du bestimmt ein paar Tipps.«

»Wenn ihr etwas wissen wollt«, Pablo salutierte grinsend, »bin ich stets zu Diensten.«

»Gut zu wissen.« Imani hatte die Liegen vorm Pool entdeckt. »Ich sehe uns dort schon Cocktails schlürfen. Natürlich nur, um den Geist für neue Ideen zu öffnen«, zitierte sie einen Satz aus dem Werbeslogan des Stipendiums.

Ein Räuspern von Teresa brachte sie zum Schweigen. Die Spanierin ging in ihrer Rolle als Tourguide voll auf und fütterte uns mit Infos über das Anwesen: Die Finca umfasste ein Haupthaus mit Kursräumen im oberen Stockwerk und mehreren Bungalows, die durch einen Garten miteinander verbunden waren. Neben dem Hauptgebäude lud eine weitläufige Terrasse mit langem Esstisch in der Mitte zum Entspannen ein. Ihre Überdachung war von Kletterpflanzen überwuchert, deren Blätter Schutz vor der Sonne boten. Grüne Sträucher und bunte Blumen in Terrakottatöpfen rundeten das Bild eines idealen Rückzugsortes ab.

Eine schmale Treppe führte uns hinab in den Garten, in dem die Bungalows lagen. »Sie können sich überall frei bewegen. Jedes der Häuser«, Teresa deutete auf die kleinen Gebäude, »hat zwei Schlafzimmer. Mit wem Sie das Zimmer teilen, ist Ihnen überlassen.«

»Hast du Lust?«, flüsterte Imani neben mir und ich nickte.

Ihre lockere, entspannte Art gefiel mir und ich konnte mir gut vorstellen, die nächsten Wochen mit ihr zusammenzuwohnen.

Während wir durch den Garten schlenderten, blieb mein Blick an den Avocadobäumen hängen, deren dünne Äste voll dunkler Früchte hingen. Nachher würde ich Liv ein Foto schicken. Sie liebte Avocados. Wenn wir Urlaub im Süden machten, waren getoastetes Brot und Guacamole ihr Hauptnahrungsmittel.

»Neben zwei Schlafzimmern hat jedes der Häuser ein eigenes Badezimmer und einen kleinen Wohnbereich. Die Küche, den Essbereich und einen Aufenthaltsraum finden Sie im Haupthaus.«

Die Tür zum Hauptgebäude stand offen und wir gingen einer nach dem anderen ins Innere. Links befand sich eine Küchenzeile mit weißen Schränken und einer Holzarbeitsplatte, über der an einer Metallstange befestigt allerlei Kochutensilien hingen. Tageslicht flutete den Raum und brachte das Holz des rustikalen Esstischs zum Glänzen. Der Blick aus dem Fenster raubte mir den Atem. Am Horizont traf der strahlend blaue Himmel auf die dunkleren Töne des Ozeans, der im Sonnenlicht glitzerte.

»Unglaublich«, sagte ich an Imani gewandt und umfasste die Einrichtung in einer kreisenden Handbewegung. »Siehst du das?«

Die Frage war überflüssig, die Freude stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. Imanis Finger strichen über den weißen Stoff der Couch, die den Küchenbereich vom Rest des Zimmers abgrenzte. »Sieben Wochen.« Ihre Stimme hatte einen ehrfürchtigen Klang angenommen. »Kaum vorstellbar, dass manche Menschen so eine Aussicht jeden Tag genießen, oder?«

»Mhm«, machte ich zustimmend. Es war unglaublich schön hier. Ein Glück, dass wir genug Zeit hatten, um die Insel zu erkunden.

3

Unser kleines Reich für die nächsten Wochen gefiel mir. Direkt gegenüber der Eingangstür befanden sich die beiden Schlafzimmer. Sie orientierten sich am Stil des Haupthauses. Viel Holz, erdige Töne, Pflanzen und Gardinen aus Leinen. Links schloss sich ein Badezimmer an, das mit der gläsernen Dusche und den Bambuselementen viel schicker als Emmis und mein Bad in Hamburg war. Rechts gab es eine kleine Sitzecke mit Sofa und Korbsessel.

Nach Teresas Abzug waren wir mit der ganzen Gruppe einkaufen gewesen und hatten den Kühlschrank gefüllt. An- und Abreise, Unterkunft sowie die Kurse waren im Stipendium mit inbegriffen, die Verpflegung mussten wir selbst zahlen.

Jetzt brüteten Imani und ich über dem Kursangebot der nächsten Wochen. Wir alle hatten eine Mappe mit Informationen zur Finca und der näheren Umgebung, dem Kursangebot und einem Portrait des Projektvorstands erhalten.

»Mann, es sind echt spannende Kurse dabei.«

»Total.« Ich überflog zum wiederholten Mal die Seminarnamen. Modetrends und Marktanalyse, Farbenlehre, Material- und Textilkunde, Nachhaltigkeit in der Fashionindustrie, Schnitttechnik – meine Wunschliste wuchs stetig. Einige der Kurse waren auf die speziellen Bereiche zugeschnitten, andere boten sich für mehrere Fachrichtungen an. Wir konnten die Seminare frei wählen, solange wir die zwölfstündige Anmeldefrist einhielten.

»Hast du dich entschieden, welchen Kurs du morgen machen willst?«

»Ich denke, ich werde zur Farbenlehre gehen. Das wird viel zu oft unterschätzt, dabei können Farben Gefühle richtig gut transportieren. Ich meine, schau dir mal den Himmel an!« Ich hatte meine Schlafzimmertür offen gelassen und nickte in Richtung des Bettes. Durch ein riesengroßes Fenster konnten wir den Horizont sehen. Am Himmel hatte sich ein flammend roter Streifen gebildet, der sich an einigen Stellen mit orange- und gelbfarbenen Sprenkeln vermischte. Wahrscheinlich würde ich nachts die Sterne beobachten können.

»Gute Wahl. Ich werde mir die Plotentwicklung ansehen. Mittags gibt es was zum kreativen Schreiben, das klingt auch cool.« Imani griff nach ihrem Handy, tippte ein paarmal auf den Bildschirm und wechselte zu einem neuen Lied. Sie hatte vor gut einer halben Stunde ihre Musikbox ausgepackt, aus deren Lautsprecher seitdem meine La-Palma-Playlist drang. Ich hatte sie ihr zur Einstimmung auf die nächsten Wochen geschickt. Allerdings hörten wir kaum ein Lied zu Ende, da Imani schnell das Interesse verlor und das nächste auswählte.

»Weißt du, wie lange du morgen beschäftigt bist? Wir könnten nachmittags nach Santa Cruz fahren.«

Teresa hatte uns erzählt, dass der Gruppe zwei Mietautos zur Verfügung standen, damit wir die Insel erkunden konnten. Anscheinend waren Ausflüge in unserer Freizeit sogar erwünscht – sie sollten unser kreatives Denken fördern, inspirieren und motivieren.

Imani überflog die Seminarliste.

»Ist gebongt. Kreatives Schreiben geht nur bis 14 Uhr, danach habe ich Zeit.« Sie hob den Kopf. »Wir könnten noch die anderen fragen.«

»Je mehr, desto besser.« Ich hatte mich inzwischen im Schneidersitz auf den Boden gesetzt und blätterte durch meinen Reiseführer. Er war ein Geschenk von Liv und mit bunten Klebezetteln versehen, die einige Highlights der Insel markierten. Die farbenfrohen Post-Its waren Emmis Idee gewesen, die mir ihre Sammlung geradezu aufgedrängt hatte.

»Hast du ein Must-See für die Insel? Irgendetwas, das du unbedingt sehen willst?«, fragte ich Imani.

»Ehrlich gesagt freue ich mich am meisten auf die Strände. Und du?«

»Eindeutig auf den Roque.« Der Berg galt als höchster Punkt der Insel und war Einsatzort eines der bekanntesten Observatorien weltweit. Wenn man Glück hatte und das Wetter gut war, konnte man angeblich über die Wolkendecke hinwegsehen.

»Wir machen beides«, beschloss Imani und drehte die Musikbox lauter auf.

Hinter dem Fenster war die farbenfrohe Sichel am Horizont einem graublauen Wolkenmuster gewichen. Hoffentlich kühlte es nicht allzu sehr ab. Die Einführungsveranstaltung sollte draußen stattfinden und ich wusste genau, was ich anziehen wollte.

*

Zufrieden betrachtete ich mein Spiegelbild. Ein unaufmerksamer Betrachter könnte meinen, dass ich ein Kleid trug. Rock und Oberteil passten hervorragend zusammen, wurden jedoch von einem schmalen Streifen nackter Haut an der Taille unterbrochen. Es war ein wunderschönes Set, das ich vor Jahren in einem Secondhandladen entdeckt hatte. Der glatte Rock aus Seidentaft verlief von der Taille abwärts bis knapp unter die Knie. Auf dem tiefschwarzen Hintergrund prangte ein buntes Dschungel-Muster, das sich im Oberteil wiederfand. Gedankenverloren zupfte ich das kurze Top zurecht. Es war ärmellos, eng anliegend und zeigte genauso viel Haut, wie noch anständig war. Dazu trug ich ein Paar eleganter, schwarzer High Heels, eine farblich passende Tasche und einen dunkelroten Lippenstift.

»Wollen wir los? Oh, wow.« Imani war im Türrahmen stehen geblieben. »Jetzt komme ich mir underdressed vor.«

»Quatsch. Aber wenn es dich beruhigt: Fang!« Der rote Lippenstift segelte durch die Luft.

»Danke.« Imani stoppte geschickt seinen Flug. »Meinst du, der passt zum Kleid?« Sie hatte sich farbtechnisch für ein dunkles Grün entschieden.

»Klar. Wenn du willst, kannst du meine rote Clutch haben.« Ich klopfte auf meine eigene Tasche. »Schlau wie ich bin, habe ich sie in zwei Farben eingepackt.« Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich sie im Kleiderschrank gefunden hatte.

»Gefällt mir. Danke.« Imani stellte sich vor den Spiegel und ihre Augen begannen zu leuchten. Ich hatte das Gefühl, dass sie sich hübsch fand. Und das sollte sie auch! Imani sah fantastisch aus und wir Frauen mussten aufhören, unser Aussehen ständig zu kritisieren. Leider war das einfacher gesagt als getan.

Gemeinsam machten wir uns auf den Weg in den Garten. Die Dämmerung hatte ihn in ein schummriges Licht getaucht, die Luft war abgekühlt und von den vielen Blumen stieg ein süßlicher Duft auf. Die Organisatoren der Veranstaltung hatten ganze Arbeit geleistet. Während wir die Bungalows bezogen hatten, war der Garten in die perfekte Party-Location verwandelt worden. Bunte Lampions schaukelten im Wind und warfen ein flackerndes Licht auf die Stehtische mit Snacks und Getränken. Es gab Hauptspeisen im Miniaturformat: Salate, Tortilla, Mini-Pizzen und winzige Burger, die aussahen, als könnte man sie mit einem einzigen Bissen verputzen. Jeder Snack war mit einem Schildchen versehen, auf dem in einer geschwungenen Schrift Name und Inhaltsstoffe des Gerichts standen. Das meiste war vegetarisch oder vegan. Beschwingt schnappten wir uns zwei Sektgläser und steuerten auf die anderen Gäste zu, die sich zwischen den Tischen verteilten.

»Hey!« Nele winkte uns zu. Sie trug einen schicken Jumpsuit in wunderschönem Fliederblau, der ihre kurvige Figur besonders gut betonte. Das rote Haar hatte sie zu einem unordentlichen Dutt zusammengebunden. »Habt ihr euer Namensschild abgeholt?« Sie deutete auf ihre Brust, an der ein Schildchen klebte. Nele Berg. Modedesign.

»Nein. Woher hast du das?«

»Die sind am Eingang zum Garten. Kommt mit.« Sie führte uns durch das zunehmende Gedränge in Richtung der schmalen Steintreppe. Auch hier hatte man einen Stehtisch aufgebaut, der jedoch statt Essen Namensschildchen trug. Imani und ich schnappten uns unsere Schilder. Das Luna Warmann zusammen mit dem Wort Modedesign erfüllte mich mit Stolz. Ich beäugte die Namen der übrig gebliebenen, die entweder noch nicht da waren oder ihres nicht abgeholt hatten. Jesper Hansen, Malerei, und Fabian Siebengold, Modedesign lagen vorne.

»Hallo.« Clara, das Mädchen, das im Bus neben Nele gesessen hatte, kam auf uns zu. Gott sei Dank trug sie bereits ein Schild, sodass ich mir einen subtilen Blick auf ihren Fachbereich erlaubte. Fotografie, stimmt ja. Manchmal hatte ich das Gedächtnis einer Eintagsfliege. »Ich glaube, die Vorsitzende vom Verbund hält gleich ihre Willkommensrede. Kommt ihr mit?«

Wir gingen zum Mittelteil des Gartens, wo sich die Mehrzahl der Gäste in einem Kreis um eine hochgewachsene Frau mit kurzen blonden Haaren versammelt hatte. Sie trug ein silberfarbenes Kostüm, das im schummrigen Licht der Lampions funkelte. Nachdem sich das allgemeine Gemurmel gelegt hatte, drehte sie sich im Kreis herum. Ich hatte Juliane Behrens bereits während der Bewerbungsphase kennengelernt, da sie bei den Gesprächen in der zweiten Runde dabei gewesen war.

»Liebe Kunstschaffende, liebe Helfer und Helferinnen, liebe Kursleitende, ich weiß, viele von Ihnen sind bereits von unserer fantastischen Frau Garciá begrüßt worden. Dennoch möchte ich Sie nochmals im Namen des Verbunds deutscher Künstler und Künstlerinnen in unserer wunderschönen Casa Flora willkommen heißen.« Leiser Applaus erhob sich im Garten. »Heute ist für uns alle ein bedeutender Moment. Für zwölf außergewöhnliche Talente in den Bereichen Schriftstellerei, Fotografie, Malerei und Modedesign beginnt eine aufregende Zeit, in der Sie Ihrer Kreativität freien Lauf lassen können. Aber auch für uns Außenstehende, die seit zwei Jahren an der Realisation des Projektes arbeiten, ist mit dem heutigen Tag ein Meilenstein erreicht. Endlich haben wir es geschafft.« Zustimmendes Nicken wanderte durch die Reihen. »Es war immer ein Traum, jungen Nachwuchs im künstlerischen Bereich zu fördern. Durch das Stipendium KunstLeben ist es geglückt. Viele von Ihnen haben mich die letzten Jahre gefragt, warum wir unser Projekt nicht in Deutschland umgesetzt haben. Meine Antwort war stets dieselbe: Weil La Palma inspiriert. Weil La Palma berührt … wobei ich zugebe, in diesem Punkt etwas voreingenommen zu sein.« Einige stimmten in ihr Lachen ein. »Für diejenigen unter Ihnen, die es nicht wissen: La Palma war für viele Jahre meine Heimat und hat meinen Weg als Künstlerin auf eine Art geprägt, wie kein anderer Ort es jemals getan hat. Ich möchte dieses Gefühl an Sie weitergeben. Ich möchte Ihnen Türen öffnen, die uns damals verschlossen blieben.«

Bei ihren letzten Worten schoss mein Puls in die Höhe. Es war genau das, was mich am Stipendium reizte: die Aussicht auf das Empfehlungsschreiben, das man uns versprochen hatte, und die Möglichkeit, bedeutende Connections in der Modeindustrie aufzubauen. Neben dem Lerninhalt, natürlich.

»Um Ihnen zu beweisen, wie ernst es uns damit ist, haben wir als Projektleitung eine Überraschung vorbereitet.« Juliane Behrens legte eine Kunstpause ein. Ihre Worte hatten ein aufgeregtes Murmeln ausgelöst und Imani und ich tauschten einen raschen Blick. Ich war sowas von bereit für eine Überraschung! »Leider müssen Sie sich dafür noch etwas gedulden«, fuhr die Vorsitzende heiter fort. »Wir wollen es ja spannend halten.«

Bemüht, meine Ungeduld zu überspielen, stimmte ich in das fröhliche Lachen mit ein. Verdammt, ich wollte nicht warten. Ich wollte jetzt wissen, was der Verbund geplant hatte.

Juliane Behrens räusperte sich. »Um Sie nicht allzu sehr zu langweilen, komme ich zum Ende meiner Rede. Als letzten Punkt möchte ich allen helfenden Händen danken, die zur Realisation des Stipendiums beigetragen haben. Ohne Sie und euch wäre dieser Moment nicht möglich gewesen.« Sie schnappte sich von einem der Tische ein Glas Sekt und hob es an. »Auf wundervolle sieben Wochen.«

»Cheers«-Rufe erfüllten die Luft, Glas klirrte und ich nahm einen Schluck der prickelnden Flüssigkeit. Langsam zerstreute sich die Menge, die sich um die Vorsitzende angesammelt hatte.

»Mit wem teilst du dir einen Bungalow?«, fragte ich Nele, die sich Imani und mir angeschlossen hatte. Gemeinsam schlenderten wir unter den Avocadobäumen entlang. Über unseren Köpfen schwankte eine Gruppe bunter Lampions im Wind, Musik klang durch den Garten.

»Mit Clara, sie ist echt lieb.«

Wir waren an einem der Tische stehen geblieben und ich nutzte den Moment, um mein leeres Glas gegen ein Dessert zu tauschen.

»Wo sie wohl steckt? Vorhin stand sie noch neben mir.«

Dieses Mal erinnerte ich mich an die schüchterne Fotografin, die uns an der Steintreppe begegnet war. Mit ihren rehbraunen Augen, den langen dunklen Haaren und weichen Gesichtszügen hatte sie eine gewisse Ähnlichkeit mit Nina Dobrev. Das sollte ich mir merken können, immerhin hatten Emmi, Liv und ich Vampire Diaries früher geliebt.

»Wir können sie gleich suchen gehen«, schlug Imani vor. Dann sah sie von Nele zu mir. »Was, denkt ihr, könnte die Überraschung sein?«

»Vielleicht eine finanzielle Unterstützung?«, überlegte Nele.

»Für uns alle?« Genüsslich schob ich mir einen Löffel des Cheesecakes in den Mund. »Das würde den Verbund eine Menge Geld kosten. Ich glaube nicht, dass die so reich sind.«

»Es sind ein paar berühmte Mitglieder dabei. Überlegt mal, sie haben uns eine Finca auf La Palma zur Verfügung gestellt«, konterte Nele. »So arm können sie nicht sein.«

Auch wieder wahr. Nachdenklich ließ ich meinen Blick über die Gäste schweifen. Die meisten waren mir nicht bekannt, aber Nele hatte recht. Der Verbund war Teil eines Netzwerkes von Kunstschaffenden aus ganz Deutschland.

»Ah, ich habe Clara entdeckt. Dahinten ist sie.« Ich nickte zu einer Gruppe, die sich in einigen Metern Entfernung lebhaft unterhielt. »Sollen wir hingehen?«

Nachdem ich meinen Cheesecake aufgegessen hatte, schlossen wir uns den anderen an. Einige erkannte ich von der Autofahrt zur Finca, manche hatte ich noch nie gesehen.

»Hi, ich bin Luna Warmann«, stellte ich mich vor. Ein kleiner Mann mit Glatze streckte mir seine Hand entgegen. Er wirkte furchtbar ernst. »Hugo Lichtmann.« Er deutete auf mein Namensschild, dann tippte er auf sein eigenes. »Sie sind Teilnehmerin im Bereich Modedesign? Ich leite den Kurs zur Material- und Textilkunde.«

»Auf den freue ich mich schon!«

»Das ist schön zu hören. Hatten Sie eine angenehme Anreise?«

Ich nickte. »Und Sie?« Oder wohnte der Mann auf der Insel?

»Ja. Allerdings bin ich schon vor einer Woche angekommen«, sagte er und erstickte meine Überlegung damit im Keim. »Entschuldigen Sie mich bitte für einen Moment.« Seine Augen folgten Juliane Behrens, die an uns vorbeigegangen war. »Ich bin sicher, wir haben nachher noch Zeit für ein Gespräch.« Damit war er verschwunden.

Interessant. Vielleicht sollte ich den Mann nachher googeln, sein Name sagte mir nichts. Mit dem Small Talk der anderen im Hintergrund musterte ich unsere wachsende Gruppe. Irgendwann in der letzten Minute musste Jesper, der im Shuttle neben mir gesessen hatte, zu uns gestoßen sein. Er trug eine schlichte Jeans und ein weißes T-Shirt, das in der zunehmenden Dunkelheit hervorstach. Sein Namensschild hatte er entweder vergessen oder getrost ignoriert. Mit einem Sekt in der Hand lauschte er der Geschichte eines älteren Mannes im Anzug. Ich hatte keine Ahnung, wer der Mann war, und trat einen Schritt zur Seite, um einen unauffälligen Blick auf sein Namensschild zu erhaschen. Aha, jemand aus dem Malereibereich.

»Guten Abend.« Der Fremde hatte sich mir zugewandt. »Ich glaube, wir kennen uns noch nicht.«

Ups. Vielleicht sollte ich das unauffällige Mustern noch mal üben.

»Ähm, nein.« Ich ergriff seine ausgestreckte Hand. »Luna Warmann.«

»Peter Hobel«, erwiderte er, was ich bereits auf seinem Namensschild gelesen hatte. »Wir sprechen gerade über das Kursangebot.« Er sah auf meinen Aufkleber. »Ich leite das Seminar zum figurativen Malen. Das könnte Sie als Modedesignerin interessieren, immerhin liegen unsere Bereiche nah beieinander.«

»Stimmt. Ich muss noch entscheiden, welche Kurse ich belegen möchte. Die Auswahl ist zu gut.«

Herr Hobel seufzte. »Leider war es nicht möglich, alle Seminare zu unterschiedlichen Zeiten stattfinden zu lassen. Deswegen haben wir versucht, insbesondere die Kurse, die für eine Fachrichtung spannend sein könnten, zu entzerren. Trotzdem – probieren Sie sich aus, wenn es Ihnen möglich ist! Sie können gern in andere Bereiche reinschnuppern. Letztlich teilen wir alle dieselbe Leidenschaft für das kreative Arbeiten. Egal in welcher Form.«

Schon im Bewerbungsverfahren hatte man die offene Gestaltung des Kurssystems beworben. Die Seminare fanden unter der Woche statt, die Wochenenden standen uns frei zur Verfügung. Solange man sich an die zwölfstündige Anmeldefrist hielt, durften wir im Verlauf zu anderen Kursen dazustoßen. Insgesamt war alles sehr locker beschrieben worden – auch wenn die Leitung hatte durchklingen lassen, dass ein gewisses Engagement erwartet wurde. Wir mussten zwar keinen offiziellen Leistungsnachweis erbringen, aber sieben Wochen Urlaub waren genauso wenig erlaubt. Wer krank wurde, durfte fehlen, musste sich jedoch abmelden und bei einem längeren Ausfall ein ärztliches Attest nachweisen.

Ich sah zu Jesper, der etwas verstimmt wirkte. Mit gerunzelter Stirn verfolgte er mein Gespräch mit dem Kursleiter. War er sauer, weil ich die beiden unterbrochen hatte?

»Hast du dich schon für deine Kurse entschieden?«

»Für ein paar«, gab er knapp zurück.

»Was steht auf deiner Liste? Meine ist jetzt schon zu lang.«

Jesper ratterte einige Namen herunter.

»Das klingt wunderbar«, rief Herr Hobel, nachdem er geendet hatte. »Hauptsache, Sie schauen beim figurativen Malen vorbei!« Er lachte dröhnend und klopfte Jesper auf die Schulter. Die Geste hatte etwas Väterliches, wirkte jedoch angesichts Jespers höflicher Distanz fehl am Platz. Während der Kursleiter sich abwandte, um sich von einem Kellner einen Snack zu nehmen, verzog Jesper das Gesicht. Sein Unmut hielt allerdings nur für eine Sekunde an. Kaum hatte Hobel sich uns wieder zugewandt, war der verkniffene Ausdruck um seinen Mund verschwunden.

»Ihr Kurs steht ganz oben auf meiner Liste«, sagte er. Es klang ehrlich. »Ich finde figuratives Malen spannend. Gerade seit dem letzten Jahr.«

»Leider muss ich mich als unwissend outen«, gestand ich. »Was genau ist figuratives Malen?«

»Macht nichts«, versicherte Hobel eifrig. »Lassen Sie es mich erklären, es ist recht simpel. Figurative Kunst umfasst die Darstellung von Menschen und Gegenständen und steht damit der abstrakten Malerei gegenüber, wo man sich mehr auf Farben und Formen konzentriert.«

»Ich verstehe.« Das klang interessant und durchaus hilfreich für meine Skizzen. »Das heißt, Sie malen selbst … figurativ? Falls man das so sagen kann.«

»Absolut, es ist mein Steckenpferd.« Hobel verlor sich in einem philosophisch anmutenden Monolog über die Portraitmalerei. Er war ein faszinierender Gesprächspartner, voll überbordendem Charme mit seinem dröhnenden Lachen, das unerwartet von ruhigen Momenten abgelöst wurde. Ich hörte ihm gern zu.

Überrascht stellte ich fest, wie schnell die Zeit verflogen war. Die Nacht hatte La Palma in eine dunkle Umarmung gezogen, ein Sternenmeer funkelte am Himmel und tauchte den Garten in einen magischen Glanz. Allmählich dünnte sich die Partygesellschaft aus und Hobel sah erschrocken auf seine Uhr. »Mein Gott, es ist viel zu spät! Ich muss nach Hause, meine Frau wartet auf mich.«

»Sie wohnen hier?«

»Zumindest im Winter. Wir haben uns vor Jahren eine Wohnung in Santa Cruz gekauft, in der wir während der kalten Jahreszeit leben. Normalerweise fliegen wir im März zurück nach Deutschland, aber dieses Jahr bleiben wir wegen des Stipendiums länger. Kein sehr großes Opfer und den Organisatoren kam es gelegen.« Er zwinkerte uns zu. »Weniger Kosten.« Hobel schüttelte uns zum Abschied die Hände. »Ich freue mich, Sie beide kennengelernt zu haben!«

»Gleichfalls.«

Wenige Minuten später war er verschwunden. »Netter Typ«, sagte ich.

»Stimmt.« Und wieder klang Jespers Antwort merkwürdig distanziert. Mir lag schon die Frage auf der Zunge, ob alles in Ordnung war, doch ich hielt mich zurück. Ich kannte ihn nicht und es ging mich nichts an. Wer wusste schon, ob er nicht immer etwas befangen auf Partys war?

Stolz, mich zurückgenommen zu haben, sah ich mich nach den anderen um. Normalerweise war ich kein sehr zurückhaltender Mensch. Zu oft wurde ich von meinen Gefühlen überrannt und plapperte das Erstbeste aus, das mir in den Sinn kam – nur um es kurze Zeit später zu bereuen.

Eine Aufbruchsstimmung lag in der Luft. Die Kellner räumten Tische und Essen beiseite, immer mehr Gäste verabschiedeten sich. Abseits der Aufräumarbeiten sah ich Juliane Behrens mit den restlichen Stipendiaten stehen.

»Ich gehe mal weiter.« Schnell schloss ich zu ihnen auf. Jesper folgte mir.

»Ich hoffe, Sie hatten einen schönen ersten Tag«, sagte Frau Behrens in die Runde. »Ich habe dem Catering gesagt, dass sie ihre Arbeit morgen beenden können. Es ist spät geworden, viel später, als ich dachte.«

»Danke für den netten Abend.« Nele lächelte.

»Sehr gerne. Ich mache mich jetzt auf den Weg, Sie wollen sicherlich ins Bett. Schließlich fangen die Kurse morgen früh an.« Die Vorsitzende sah den Mitarbeitenden aus dem Catering nach, die durch das Eingangstor verschwanden. »Wir sehen uns spätestens zum Projektabschluss wieder.«

Dann war sie verschwunden und eine seltsame Ruhe legte sich über die Finca. Einige gähnten, Handydisplays leuchteten in der Dunkelheit auf. Die Ersten traten den Rückzug an.

»Wartet!«

Das Wort war mir herausgerutscht, bevor ich darüber nachgedacht hatte. Da war eine Sehnsucht in mir, der Wunsch, die letzten Stunden niemals enden zu lassen. Ich wollte noch nicht ins Bett gehen. Das hier war unser erster Abend in der Finca! Ich wollte die frische Luft genießen, dem Zirpen der Grillen lauschen und die Nacht unter den Sternen verbringen.

»Worauf?« Imani war neben mir aufgetaucht und auch die anderen waren stehen geblieben.

»Wollen wir noch draußen bleiben? Es ist so schön hier.« Einem spontanen Impuls folgend, befreite ich meine Füße aus den hohen Pumps. Das Gras kitzelte meine nackten Zehen und ich seufzte erleichtert. Meine High Heels sahen super aus, waren allerdings das unbequemste Paar in meinem Schrank. Mit den Schuhen in einer Hand deutete ich auf die übrig gebliebenen Tische, die das Catering noch nicht aufgeräumt hatte. Auf einigen standen ein paar halb volle Wein- und Sektflaschen. Vielleicht hatten Sie auch irgendwo den ein oder anderen Snack noch nicht aufgeräumt?

»Wir könnten einen Moment an den Pool gehen und den Abend gemütlich ausklingen lassen. Was sagt ihr?«

Die anderen schwiegen für einen Moment, dann trat einer der Männer auf mich zu. Er sah gut aus. Tiefschwarze Haare, groß, sportlich und ein fettes Grinsen auf den Lippen, bei dem man gar nicht anders konnte, als es zu erwidern. Das Schild auf seiner Brust erinnerte mich an seinen Namen. Jasir. Er war wie Jesper Maler.

»Bin dabei.«

Mehr brauchte es nicht. Jasirs Begeisterung war der Funke, der das Feuer entfachte. Wo eben noch Müdigkeit und Erschöpfung geherrscht hatten, lockerte die Stimmung langsam auf. Gespräche wurden wieder aufgenommen, einige schnappten sich die halb vollen Flaschen von den Tischen.

»Ich glaube, ich bin zu müde«, sagte eine Stimme leise hinter mir. Es war Franzi. »Der Kurs für Studiofotografie fängt morgen wirklich früh an, ich will den Einstieg nicht verpassen.«

Imani und ich tauschten einen flüchtigen Blick. Eigentlich hatte sie recht. Andererseits …

»Ich hole meine Musikbox!« Imani schoss in Richtung der Bungalows davon. Ihr Enthusiasmus brachte mich zum Lachen. Offenbar hatte ich die perfekte Mitbewohnerin gefunden.

»Alles gut, das kann ich verstehen«, sagte ich dennoch an Franzi gewandt. »Morgen werde ich das hier eventuell bereuen.«