Leben im Zeichen des Kreuzes - Joachim Cochlovius - E-Book

Leben im Zeichen des Kreuzes E-Book

Joachim Cochlovius

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Beschreibung

Die vorliegende Auslegung des Römerbriefs ist aus vielen Jahren Lehr- und Seminartätigkeit des Verfassers erwachsen. Sie bemüht sich, dieses zentrale Dokument des christlichen Glaubens einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Der Kommentar, eine seelsorgerlich motivierte Vers-für-Vers-Auslegung, verbindet Allgemeinverständlichkeit mit wissenschaftlicher Genauigkeit. Exkurse vertiefen theologische Einzelfragen, und ein Fremdwörterverzeichnis hilft, theologische und rhetorische Fachbegriffe zu verstehen. So können sich auch theologisch nicht geschulte Leser die Botschaft des Römerbriefs mit Gewinn aneignen. In besonderer Weise eignet sich das Buch zum Selbststudium und als Arbeitsgrundlage für Gemeindeseminare und Hauskreise. Noch ein Vorteil: Wer einen Zugang zum Römerbrief gefunden hat, versteht auch den Ursprung und die Anliegen der Reformation besser.

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Seitenzahl: 335

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Joachim Cochlovius

Leben im Zeichen des Kreuzes

Eine Auslegung des Römerbriefes

Dr. Joachim Cochlovius, 1974 bis 1979 evang.-luth. Gemeindepastor in Oberfranken, 1979 bis 1996 Studienleiter im Geistlichen Rüstzentrum Krelingen, ab 1996 hauptamtlicher 1. Vorsitzender des Gemeindehilfsbundes mit Sitz in Walsrode. Verheiratet, vier Kinder, zusammen mit seiner Frau u.a. seit vielen Jahren in der Eheberatung tätig. Weitere Veröffentlichungen siehe S. 223.

Die Deutsche Bibliothek – CIP Einheitsaufnahme

Cochlovius, Joachim:

Leben im Zeichen des Kreuzes: Eine Auslegung des Römerbriefs, Joachim Cochlovius. – Neuhausen-Stuttgart: Hänssler, 1997

Joachim Cochlovius

Leben im Zeichen des Kreuzes

Eine Auslegung des Römerbriefes

© Lichtzeichen Verlag GmbH. Lage

E-Book Erstellung: 

LICHTZEICHEN Medien - www.lichtzeichen-medien.com

ISBN: 978-3-86954-839-5

Bestell-Nr.: 548839

Struktur des Römerbriefs

Briefeingang undBriefeinleitung

1.Hauptteil

1.1Leitthema: Die Offenbarung des Heils durch das Evangelium

1.2Gottes künftiges Zorngericht über die Menschheit

1.3Die Errettung vom Zorngericht durch den Glauben an Jesus Christus

1.4Das Leben aus dem Heil Gottes

1.5Israels Verstockung und Errettung

2.Hauptteil

2.1Leitthema: Liebe und Hingabe als Inbegriffe christlicher Ethik

2.2Die richtige Ausübung der Verkündigung und der Diakonie

2.3Das Verhalten in der Gemeinde und gegenüber Außenstehenden

2.4Das Verhalten gegenüber den staatlichen Behörden

2.5Die Liebe als Erfüllung des Willens Gottes

2.6Das Annehmen der Glaubensschwachen

Briefschluss

Inhalt

Struktur des Römerbriefs

Vorwort

Zur Einleitung

1.Briefeingang (1,1-7)

2.Briefeinleitung (1,8-15)

3.Die Offenbarung des Heils im Evangelium (1,16-17)

4.Gott wird ein Zorngericht über die Gottlosigkeit und Bosheit der Menschen abhalten (1,18)

5.Die Schuld der Heiden (1,19-27)

6.Die Schuld der Juden (1,28-32)

7.Die Juden sind unentschuldbar wie die Heiden (2,1-5)

Zusammenfassung

8.Das Endgericht ist ein Gericht nach den Werken (2,6-10)

9.Der Maßstab im Gericht Gottes (2,11-16)

10.Gesetz und Beschneidung können nicht vor dem Gericht bewahren (2,17-29)

11.Jüdische Einwände und ihre Widerlegung (3,1-8)

12.Schriftbeweis für die Schuld der Heiden und Juden (3,9-20)

13.Die Errettung durch den Glauben an Christus (3,21-27)

Exkurs: Erlösung (apolytrosis) durch Jesus Christus

14.Nur der Glaubende empfängt Gottes Heil (3,27-31)

15.Abraham hat das Heil Gottes aus freier Gnade durch den Glauben empfangen (4,1-8)

16.Die Heilsverheißungen der Schrift gelten allen, die den Glaubensweg Abrahams gehen, egal ob sie Juden sind oder Heiden (4,9-12)

17.Auch die Verheißung Gottes an Abraham und seine Nachkommen, die Welt zu erben, wird nur durch den Glauben zur Erfüllung kommen (4,13-17a)

18.Das Wesen des Glaubens (4,17b-22)

19.Abrahams Glaube wurde um unsretwillen aufgeschrieben (4,23-25)

20.Die lebendige Hoffnung der Christen (5,1-11)

21.Adam hat der Menschheit den Tod gebracht, Christus bringt das Heil (5,12-21)

22.Ist das Evangelium ein Freibrief zum Sündigen? (6,1-11)

Exkurs: Taufe als göttliche Segenshandlung und menschliche Übereignungshandlung

23.Der Kampf mit der Sünde und das Leben für Gott (6,12-23)

Zusammenfassung

24.Mit Christus verbunden – geschieden vom Gesetz (7,1-6)

25.Der geistliche Zweck des Gesetzes (7,7-13)

26.Der Kampf zwischen Gesetz und Sünde und die Sehnsucht nach völliger Erlösung (7,14-25)

Exkurs: Luthers Auslegung von Römer 7

27.„Christus in euch” – Das Leben unter der Führung des Geistes (8,1-17)

28.Die Hoffnung auf den Herrlichkeitsleib (8,18-30)

29.Das Hohelied der Heilsgewissheit (8,31-39)

30.Die Trauer des Apostels um das Volk Israel (9,1-5)

31.Gott erfüllte seine Verheißungen in Israels Geschichte immer nur an einzelnen von ihm auserwählten Menschen (9,6-13)

32.Zwei Einwände gegen Gottes Auserwählungshandeln und ihre Widerlegung (9,14-23)

33.Gottes Auserwählungshandeln heute (9,24-33)

34.Schriftbeweis für die Notwendigkeit des Glaubens (10,1-13)

35.Israel versteht das Evangelium nicht (10,14-21)

36.Gott hat sein auserwähltes Volk Israel nicht verstoßen, aber etliche Israeliten verstockt, die das Heil nicht im Glauben angenommen haben (11,1-10)

37.Der göttliche Zweck der teilweisen Verstockung Israels (11,11-15)

38.Warnung an die Heidenchristen vor Überheblichkeit gegenüber dem verstockten Teil Israels (11,16-24)

39.Gottes Erbarmen über Heiden und Juden (11,25-32)

40.Der Lobpreis Gottes (11,33-36)

41.Liebe und Hingabe - die Leitmotive christlicher Ethik (12,1 und 2)

42.Die richtige Ausübung der Verkündigung und der Diakonie (12,3-8)

Exkurs: Die gemeindlichen charismata in den Paulusbriefen

43.Das Verhalten in der Gemeinde (12,9-16)

44.Das Verhalten gegenüber Außenstehenden und Feinden (12,17-21)

45.Das Verhalten gegenüber den staatlichen Behörden (13,1-7)

46.Die Liebe als Erfüllung des Willens Gottes (13,8-14)

47.Die Warnung vor Gemeindespaltung (14,1)

48.Die Überwindung theologischer Streitigkeiten, die auf unterschiedlicher Glaubenserkenntnis beruhen (14,2-13)

49.Das Annehmen der Glaubensschwachen (14,14-15,13)

50.Der geistliche Stolz des Apostels (15,14-21)

51.Die Reisepläne des Apostels (15,22-33)

52.Empfehlung, abschließende Ermahnung und Lobpreis Gottes (16,1-27)

Fremdwörtererklärung

Ausgewählte Literatur

Weitere Veröfentlichungen des Autors

Vorwort

Der Brief des Apostels Paulus an die christliche Gemeinde in Rom gehört zu Recht zur Weltliteratur. In keinem anderen biblischen Dokument ist das Evangelium so umfassend und komprimiert zugleich bezeugt. Der Aufbau des Römerbriefs drückt das großartige Programm christlicher Existenz überzeugend aus. Kapitel 1 bis 11 beschreiben den Inhalt und die Verheißungen des Glaubens. Kapitel 12 bis 16 stellen die Liebe als Wirksamkeit des Glaubens in den verschiedenen Lebensbereichen und Herausforderungen des Christen dar. Vor unseren Augen entsteht das Zeichen des Kreuzes. Die Vertikale, der Glaube, zieht uns zu Gott. Die Horizontale, die Liebe, zieht uns zum Nächsten. Deswegen heißt diese kleine Auslegung „Leben im Zeichen des Kreuzes”.

Immer wieder in der Kirchengeschichte war der Römerbrief geistlicher Anstoß zur Erweckung des Einzelnen und der Gemeinde. Augustinus, Luther, Wesley, Francke, Zinzendorf, Karl Barth und viele andere haben in ihm die unverrückbare Grundlage des christlichen Glaubens gefunden und wurden hier in ihrem theologischen Denken zum Einen, was nottut, geführt. Der Römerbrief strahlt eine unverlierbare Frische aus, und er stellt eine bleibende Herausforderung an die Gemeinde Jesu dar, sich immer wieder in ihrem Glauben und ihrer Liebe am Evangelium zu orientieren und zu motivieren.

Diese Auslegung ist aus theologischen Seminaren erwachsen, die ich zwischen 1979 und 1995 im Geistlichen Rüstzentrum Krelingen und von 1991 bis 2009 in verschiedenen Gemeinden gehalten habe. Die vorliegende 2. Auflage wurde komplett überarbeitet. Ich danke Pfr. Karl Baral und Joachim Opitz herzlich für die freundliche Korrektur-Durchsicht. Allen Lesern wünsche ich eine neue Gründung im Wort Gottes und eine geistliche Erfrischung des Glaubens und der Liebe.

Walsrode-Düshorn, im Juni 2015

Pastor Dr. Joachim Cochlovius

Zur Einleitung

Der Brief des Apostels Paulus an die Christen in Rom hebt sich von seinen anderen Briefen deutlich ab. Während er sonst an Gemeinden schreibt, die er persönlich gegründet hat, und an Personen, die er persönlich kennt, ist er im Blick auf die römische Gemeinde auf Nachrichten seiner dort wohnhaften Mitarbeiter angewiesen. Paulus hat den Römerbrief ca. 56/57 n. Chr. in Korinth geschrieben. Seine strategische Gemeindegründungsarbeit im östlichen Teil des Römischen Reichs sah er als beendet an. Sein Blick wendet sich nach Westen bis hin nach Spanien. Für diesen neuen Abschnitt seiner missionarischen Tätigkeit braucht er die römische Gemeinde als Stützpunkt.

Zu diesem missionsstrategischen Anlass tritt noch ein missionstheologischer Grund. Paulus weiß sich vom erhöhten Herrn Jesus Christus selber zu seinem Dienst berufen. Er lebt und arbeitet in völliger Gewissheit, das auserwählte Werkzeug seines Herrn für die Pioniermission der ganzen damaligen heidnischen Welt zu sein. Für dieses gewaltige Ziel war ihm vom Herrn das Evangelium in der besonderen, für Nicht-Juden bestimmten Ausprägung anvertraut worden. Dieses „paulinische” Evangelium sollten und mussten die Christen in Rom noch hören. Das war dem Apostel eine heilige Verpflichtung.

Es ist uns nicht bekannt, wer die römische Gemeinde gegründet hat und wann sie entstanden ist. Ihre Zusammensetzung kann jedoch aus dem Römerbrief gut erschlossen werden. Die überwiegende Mehrzahl waren Heidenchristen, im Brief die „Starken” genannt, während die judenchristliche Gruppe als die „Schwachen” bezeichnet wird. Die zweifellos vorhandene theologische Spannung zwischen diesen beiden ungleichen Teilen der Gemeinde nimmt Paulus zum Anlass, das Verhältnis des christlichen Glaubens zum Judentum und seiner Glaubensauffassung grundsätzlich zu klären. Wir verdanken dieser einmaligen Konstellation die ausführlichste und tiefste Darstellung der Frohen Botschaft von Jesus Christus im ganzen Neuen Testament.

Martin Luther hat diese Erkenntnis in seiner Vorrede zum Römerbrief in die folgenden bekannten Worte gefasst: „Diese Epistel ist das rechte Hauptstück des Neuen Testaments und das allerlauterste Evangelium, welche wohl würdig und wert ist, dass sie ein Christenmensch nicht allein Wort zu Wort auswendig weiß, sondern täglich damit umgeht als mit dem täglichen Brot der Seele”.

1.Briefeingang (1,1-7)

V. 1: Paulus nennt sich „Knecht des Messias Jesus”. Der Ausdruck „Knecht Gottes” ist alttestamentlich festgelegt, besonders durch Jesaja. Er ist als höchste Würdebezeichnung zu verstehen. Wen Gott Knecht nennt, dem gibt er volles Vertrauen, dessen Gehorsam ist ihm ganz gewiss (vgl. Jes 49,1-6). Paulus reiht sich mit dieser Selbstbezeichnung in die Reihe der alttestamentlichen berufenen Gottesmänner ein. Er weiß sich genauso wie sie berufen. „Berufener Apostel” ist er seit dem Damaskuserlebnis. Zweifellos liegt hier der exklusive Apostelbegriff vor: „Apostel” sind die persönlich von Jesus ausgewählten und berufenen Zwölf. Die Nachwahl des Matthias (Apg 1,21ff) zeigt, welche hohen Maßstäbe an einen Apostel gestellt wurden (Augen- und Auferstehungszeuge). Indem der Auferstandene Paulus vor Damaskus begegnet und ihm erscheint, macht er ihn zum Augen- und Auferstehungszeugen. Paulus versteht sich von seiner Berufung an als vollwertiger und gleichwertiger Apostel neben den Jüngern. Seine Biographie als messiasgläubiger Jude ist von diesem Berufungsbewusstsein geprägt. So geht er z.B. erst nach Arabien, bevor er in Jerusalem Petrus aufsucht (vgl. Gal 1,15-20). Er sucht also zuerst das Zwiegespräch mit seinem Herrn und erbittet von ihm Weisung, bevor er in Kontakt mit dem Zwölferkreis tritt. Zur Berufung gehört die Beauftragung. Der Auferstandene hat ihm die gewaltige Aufgabe übertragen, „unter allen Heiden” (1,5) Gottes gute Botschaft zu verkündigen.

V. 2: Das Evangelium, die Botschaft von der Herrschaft Gottes auf Erden, die mit Jesus Christus beginnt und unter die Menschen durch den Glauben an Jesus Christus hineingerufen werden, dieses Evangelium sieht Paulus schon von den alttestamentlichen Propheten verheißen. Paulus denkt hier wohl an die Abraham gegebene Verheißung (vgl. Gal 3,15-18). Alle Heilsverheißungen des Altes Testaments zielen auf Jesus Christus (nicht nur die sog. Messiasverheißungen). Indem Paulus das Evangelium von Jesus Christus im Alten Testament verheißen sieht, ermächtigt er zur christologischen Auslegung des Alten Testaments.

V. 3: Obwohl der Ausdruck „Sohn Gottes” nur selten im Alten Testament anklingt (etwa Ps 2,7), sieht Paulus in allen alttestamtlichen Verheißungen letztlich den „Sohn” verheißen. Er interpretiert das Alte Testament von der neutestamentlichen Offenbarung her. Die Sohnschaft Jesu Christi ist vor allem aus den Selbstaussagen Jesu, besonders im Johannesevangelium (z.B. 5,19; 6,40; 8,36; 14,13; 17,1), den entsprechenden Gleichnissen (z.B. Mt 21,37) und der Stimme Gottes bei Jesu Taufe (Mt 3,17) zu begründen. Jesus Christus ist seiner menschlichen Abstammung nach ein Nachkomme Davids. Damit erfüllen sich alttestamentliche Weissagungen wie 2.Sam 7,12ff. Aber damit ist noch mehr gesagt. Er ist „geboren”. Damit ist er voll und ganz Mensch. Hier klingt Joh 1,14 an. Die biblischen Aussagen über die Gottessohnschaft Jesu sind klar antimythisch und antignostisch. Der Sohn Gottes hat ein datierbares menschliches Leben, und er ist voll und ganz Mensch.

V. 4: Der zweite Hoheitstitel ist kyrios - „Herr”. In der LXX (der sog. Septuaginta, der griechischen Übersetzung des Alten Testaments) wird dieses Wort als Übersetzung von Jahwe verwendet. Damit ist klar, dass kyrios die Göttlichkeit des Gottessohns ausspricht. Im Blick auf seine menschliche Abstammung ist Jesus ein Davidsnachkomme. Im Blick auf seine Göttlichkeit ist er der „in Macht herrschende Gottessohn”. Als solcher ist er nun durch die vom Heiligen Geist bewirkte Auferstehung eingesetzt. Der Geist Gottes wird hier als schöpferischer Geist dargestellt, der den Leichnam Jesu zu neuer Leiblichkeit umgeschaffen und mit göttlichem Leben erfüllt hat. Die Einsetzung selbst erfolgte durch Gott (vgl. Phil 2,9ff). Eine Adoptionstheologie liegt hier nicht vor, denn „Sohn” war Jesus schon vor seiner menschlichen Geburt (4a).

V. 5: „Gnade und Apostelamt” bilden ein sog. Hendiadyoin, gemeint ist die „Gnade des Apostelamts”. Nun beschreibt Paulus seinen Auftrag näher. Er soll die Heiden, genauer „alle Heiden”, zum „Gehorsam des Glaubens” rufen. Gemeint ist der Gehorsam gegenüber dem Evangelium. hyper mit Genitiv heißt „für, zum Besten”, also: „um die Heiden zur Anrufung seines Namens zu führen”.

V. 6: Paulus ordnet die römischen Christen den Heiden zu. Also ist davon auszugehen, dass sich der Römerbrief vorwiegend an Heidenchristen wendet.

V. 7: Paulus vermeidet hier den sonst von ihm oft gebrauchten Ausdruck ekklesia, wörtlich „die herausgerufene Schar”. Er spricht die römischen Christen nicht als Gemeinde an. Dies könnte evtl. daran liegen, dass ihnen die apostolische, und d.h. für Paulus die paulinische Bestätigung noch fehlt. Sie sind „Geliebte”, weil Gott ihnen seine Liebe zugewendet hat. Sie sind „berufene Heilige”. Der Sammelbegriff „Heilige” ist aus dem Alten Testament übernommen. Dort bezeichnet er das Volk Israel als von Gott beschlagnahmtes und damit Gott zugehöriges Volk. Die an Jesus Christus gläubigen Menschen gehören ebenfalls zu Gottes heiligem Volk. Sie sind in den geistlichen Ölbaum Israel eingepflanzt (vgl. Kap. 11,17ff).

2.Briefeinleitung (1,8-15)

V. 8: Paulus dankt zunächst dafür, dass Gott im heidnischen Rom Glauben an Jesus Christus gewirkt hat. Dass es Christen im religiösen Schmelztiegel Rom gab, ist für ihn ein Wunder Gottes.

V. 9ff: Paulus will in seinem Missionsdienst nur dem Willen Gottes gehorchen. Bis jetzt stand der Wille Gottes einem Besuch in Rom entgegen. Offensichtlich soll Paulus erst seine Mission in Kleinasien und Griechenland abschließen. Aus V. 13 wird deutlich, dass Paulus schon oft die Absicht hatte, nach Rom zu kommen. Seine Missionsstrategie forderte dies, denn er predigte grundsätzlich nur in den größeren Städten und überließ die Anschlussmission den neu entstandenen Gemeinden. So musste Rom auf seiner Wunschliste im Grunde die Nummer eins sein. Dass in der Hauptstadt des römischen Weltreiches eine Gemeinde ohne sein Zutun als dazu berufener Heidenmissionar entstanden war, musste ihn darüber hinaus mit Sorge erfüllen, denn wie leicht konnte hier inmitten des synkretistischen Roms ein „geistlicher Wildwuchs” entstehen.

V. 11-13: Paulus möchte zu den römischen Christen kommen nicht in erster Linie deswegen, um von ihnen etwas zu empfangen, sondern um ihnen etwas zu geben. Er möchte ihnen sein charisma, seine „Gabe” weitergeben, um sie zu stärken, und dann zusammen mit ihnen geistlich erquickt werden. Was ist seine „Gabe”? Sein Apostelamt. Das Ziel seiner gesamten Tätigkeit als Missionar sieht Paulus darin, „Frucht zu schaffen”. Mit „Frucht” bezeichnet Paulus das durch die Liebe geprägte Wesen des Christen und vor allem das aus der Liebe entspringende Tun (Gal 5,22f). Glaube ohne Liebe ist für den Apostel genauso undenkbar wie für Jakobus. Die Frucht der Liebe entsteht durch die Predigt des Evangeliums und durch den Glauben an Jesus Christus. Man könnte auch sagen, Paulus sieht das Ziel seiner ganzen geistlichen Arbeit in der geistlichen Erneuerung von Menschen, so dass sie leben können zum Lob Gottes.

V. 14: Paulus weiß sich absolut dienstverpflichtet. Es liegt hier die gleiche Begründung für seinen Dienst vor wie in 1 Kor 9,16. Paulus ist allen Heiden das Evangelium schuldig, den „Griechen” (hier gleichzusetzen mit den griechisch sprechenden zivilisierten Völkern) und den „Nichtgriechen”, den „Barbaren” (d.h. den unzivilisierten Völkern). Die Zusammenstellung dieser Begriffe ist antiker Brauch.

V. 15 fasst die ganze Briefeinleitung noch einmal zusammen. Der Römerbrief soll offensichtlich die von Paulus geplante Verkündigung in Rom vorwegnehmen bzw. intonieren. Solange Gott ihm den Dienst in Rom nicht gestattet, will er seine Botschaft wenigstens in schriftlicher Form den römischen Christen sagen.

3.Die Offenbarung des Heils im Evangelium (1,16-17)

V. 16: Inhaltlich ist der Begriff „Evangelium” von Jes 40,9 und 52,7 her zu füllen. Israel soll sich von Herzen freuen, dass Gott seine Herrschaft über die Menschheit antritt, dass er sein Reich auf dieser Welt baut. Evangelium ist also die gute Nachricht, dass Gott durch Jesus Christus sein Reich auf der Erde begründet und mit dem Bau begonnen hat. Das Evangelium ist die große Proklamation des Beginns der wunderbaren Gottesherrschaft in dieser Welt. Paulus bekennt sich freimütig zu dieser Botschaft. Sie ist die „Kraft Gottes” - dynamis theou, „zur Errettung” - eis soterian. Paulus redet hier sehr abgekürzt. Es geht aber um fundamentale Tatsachen.

Das Evangelium hat göttliche Kraft. Dieses Wort kann aus dem Tod ins Leben ziehen. Keine Macht der Welt vermag das. Das kann nur das Evangelium, weil Gott selbst der im Evangelium Redende ist. Menschliche Rede hätte keine göttliche Kraft. Das Evangelium will die Errettung von Menschen in Zeit und Ewigkeit, und zwar geht es um die Errettung vor dem Zorn Gottes am Tag des Zornes (vgl. 1,18ff). Luthers Übersetzung der Kraft Gottes als eine Kraft, „die selig macht” ist insofern mit heutigen Ohren gehört unzureichend.

Wem wird diese Kraft zuteil? Die Antwort lautet: panti to pisteuonti - „jedem, der glaubt”. Die Errettung vom künftigen Zorngericht Gottes erfährt der Glaubende, und zwar nur der Glaubende. Dies ist jedoch nicht konditional, sondern modal gemeint. Der Glaube ist nicht die Bedingung, die der Mensch aufbringen müsste (dies könnte er auch gar nicht, denn Glaube ist nur möglich, wo Gott redet). Vielmehr ist er die Art und Weise, wie der Mensch das Evangelium aufnimmt.

Dass Israel zuerst genannt wird, hat heilsgeschichtliche Gründe. Gott hat seinen Heilswillen zuerst seinem auserwählten Volk offenbart, danach - und zwar durch Israel - der heidnischen Welt. Diese heilsgeschichtliche Reihenfolge ist unveränderbar. Sie wird von Jesus in Joh 4,24 bestätigt: „Das Heil kommt von den Juden”. Auch Paulus hält in seiner missionarischen Praxis am heilsgeschichtlichen Vorrang Israels fest (vgl. Apg 13,46). Als Prototyp der Heilsökonomie Gottes kann die Abrahamsverheißung in 1 Mose 12,1-3 gelten. Zuerst wird Abraham berufen und gesegnet. Aber durch Abraham und dann durch Israel sollen alle Völker gesegnet werden.

V. 17: Auch der Begriff dikaiosyne (Gerechtigkeit) ist vom Alten Testament her zu verstehen. Er wird vor allem bei Jesaja synonym mit „Heil” verwendet (Jes 46,13; 51,5; 54,14; 54,17; 56,16; 62,1f). Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch Ps 98,2: „Der Herr lässt sein Heil kund werden; vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar”. Die „Gerechtigkeit Gottes” ist ein Begriff, der Gottes heilschaffende Liebe ausdrückt, die den Menschen verändert und erneuert. Die Frommen des Altes Testaments sehnten sich nach dieser „Gerechtigkeit”. Sie wussten, dass ihre eigene „Gerechtigkeit” vor Gott nichts taugt. Daniel betet: „Wir vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit” (Dan 9,18). Die „Gerechtigkeit Gottes” im Römerbrief ist eine den Menschen neu qualifizierende, schöpferische Tat Gottes. Sie ist letztlich das Wesen Gottes selbst. Aber was Gott ist, das ist er für andere. Sein Wesen ist Liebe. Und die Liebe bleibt niemals bei sich selbst. Die „Gerechtigkeit Gottes” verschenkt sich an andere. Sie spricht den Menschen frei von Gottlosigkeit und Bosheit. Dementsprechend wird der „Gerechte” in Hes 18,5-9 als ein Mensch beschrieben, der Gott die Ehre gibt und das Beste für seinen Nächsten sucht. Wer Sehnsucht nach der „Gerechtigkeit Gottes” hat, wird von Jesus glücklich gepriesen: „Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden” (Mt 5,6). „Gottes Gerechtigkeit” war also für den Menschen des Altes Testaments und für den Juden z.Zt. Jesu ein gefüllter Begriff, ja der Inbegriff ihrer ganzen Hoffnung.

Die „Gerechtigkeit Gottes” wird im Evangelium „offenbar”. Die Offenbarung des Heils Gottes ist viel mehr als nur eine informative Darlegung. Gott lässt sein Heil nicht nur ausrufen, Gott will es den Menschen zueignen. Apokalyptetai - „wird offenbart” ist ein aktiver Vorgang der Zueignung. Wenn Gott sein Heil offenbart, dann bedeutet dies, dass er dem Menschen sein Heil schenkt. Eine ähnliche aktive Bedeutung hat das Wort in 1,18, dort in der Beziehung auf den Zorn Gottes.

Der Ausdruck ek pisteos eis pistin - „aus Glauben zu Glauben” nimmt V. 16 wieder auf. Dort hieß es, dass das Evangelium eine Gotteskraft ist, die alle Glaubenden errettet. Hier wird das gleiche gesagt, nun auf die „Gerechtigkeit Gottes” bezogen. Im Evangelium bzw. durch das Evangelium wird die „Gerechtigkeit Gottes” dem Glaubenden zugeeignet. Die Doppelung des Ausdrucks liegt wahrscheinlich in der Absicht des Apostels begründet, die Ausschließlichkeit des Glaubens zu betonen. Nur dem Glaubenden bzw. dem Glauben ist das Heil Gottes zugänglich. Auch hier liegt eine Breviloquenz, eine abgekürzte Redeweise vor. Das Heil muss „im Glauben” (modal) empfangen werden, denn es ist „für den Glauben” (d.h. für den Glaubenden) bestimmt.

Das Schriftzitat aus Hab 2,4 ist exklusiv gemeint. Nur der durch den Glauben Gerechte („gerecht Gemachte”) wird leben. Damit legt Paulus einen anderen Akzent in das Schriftwort hinein. Im ursprünglichen Zusammenhang hieß es: Der Gerechte bleibt wegen seiner Treue zu Gott am Leben. Die Treue, der Glauben ist also dort als Voraussetzung für die Bewahrung gemeint. Bei Paulus ist der Glaube das Mittel der Heilsaneignung. Der Glaube ist für ihn keine Voraussetzung des Heils im Sinn einer menschlichen Leistung mehr. Er lebt nach Pfingsten, und d.h. nach der Ausgießung des Heiligen Geistes, und deswegen weiß er, dass der Glaube die Antwort des Menschen auf den Ruf Gottes ist, der vom Heiligen Geist vermittelt wird. Man kann die beiden unterschiedlichen Verständnisweisen von Hab 2,4 mit den beiden folgenden Übersetzungsvarianten darstellen. Nach dem alttestamentlichen Verständnis lautet der Vers „Der Gerechte wird aus Glauben leben”, nach dem paulinischen Verständnis „Der aus Glauben Gerechte wird leben”.

4.Gott wird ein Zorngericht über die Gottlosigkeit und Bosheit der Menschen abhalten (1,18)

Der gesamte Abschnitt 1,18 bis 3,20 ist eine Erklärung zu 1,16: Wovon wird der an Jesus Christus Glaubende errettet? Der Abschnitt 3,21 bis 4,25 ist dann die Erläuterung zu 1,17: Das Heil wird im Glauben offenbart.

V. 18 kann insofern als Überschrift über den ganzen Abschnitt 1,18 bis 3,20 angesehen werden, in dem Paulus die Gottlosigkeit und Bosheit aller Menschen und ihr Verfallensein unter den Zorn Gottes thematisiert. Der Satz ist äußerst wuchtig und inhaltsschwer. Paulus kündigt den eschatologischen Zorn Gottes über alle Gottlosigkeit und Bosheit der Menschen an. Deutlich klingen hier die beiden Tafeln der Zehn Gebote an. Die Übertretungen der 1. Tafel werden zusammengefasst unter dem Stichwort „Gottlosigkeit”, diejenigen der 2. Tafel unter der „Boshaftigkeit”. Die Aussage in V. 18b, dass die Menschen die Wahrheit durch ihre Sünde unterdrücken, ist sehr bedeutsam. Unterdrücken kann man nur etwas, was man hat und kennt. Die Menschen haben also Zugang zur Wahrheit, aber sie nutzen ihn nicht nur nicht, sondern sie verachten ihn sogar noch. Diese Tatsache verschärft die Anklage noch. Nach O. Hofius entfaltet Paulus den Inhalt von V. 18 im Folgenden in der Art der rhetorischen Redefigur des Chiasmus. Dies würde bedeuten: V. 18b wird in 1,19-32 ausgeführt, und V. 18a in 2,1-16.

Die weithin übliche Gliederung, wonach sich 1,18-32 auf die Heiden und 2,1 bis 3,20 auf die Juden bezieht, kann nicht völlig überzeugen. Beobachtungen am Text zeigen, dass sich der ganze Zusammenhang von 1,18 bis 2,16 - wenn auch mit unterschiedlicher Akzentuierung - auf alle Menschen, also auf Heiden und Juden bezieht und das Judentum speziell erst in 2,17 bis 3,20 angesprochen wird. Deutliche Anklänge an Jer 2 und 5 sind z.B. im Abschnitt 1,18-32 festzustellen (2,5.11.19; 5,8.23f), so dass die Behauptung, Paulus handele hier nur von den Heiden und ihren Sünden, aufgegeben werden sollte. Auch wenn die Diagnose des Apostels, dass Juden wie Heiden vor Gott gleich sündig, gleich gottlos sind, für ein jüdisches Ohr tief anstößig gewesen sein musste, der gesamte Duktus des Abschnitts 1,18–32 ist so grundsätzlich und global angelegt, dass eine Einschränkung nur auf die Heiden nicht möglich ist.

Ungeachtet der globalen Schau des Apostels in 1,18-32 lassen sich in den Abschnitten V. 22-27 und V. 28-31 Differenzierungen feststellen, auf die wir nachher noch näher eingehen müssen. Jetzt geht es erst einmal um die grundsätzliche Ankündigung eines Zorngerichtes Gottes.

Der Zorn Gottes ist kein Affekt, sondern bei Paulus ein Begriff für das Endgericht Gottes (vgl. Kap. 2,5). Apokalyptetai - „es wird offenbart” ist formal Präsens, muss aber futurisch übersetzt werden (wie in 1.Kor 3,13 und 2.Kor 3,16). Das ergibt sich zwingend aus 2,5. V. 18 korrespondiert mit V. 16. Die dort verheißene Errettung ist die Errettung von dem künftigen Zorngericht. Wie in V. 16 ist auch hier „Offenbarung” nicht nur eine öffentliche Kundgabe, sondern ein aktives Wirksamwerden Gottes. Der Mensch muss sich im Gericht für seine Gottlosigkeit und Bosheit verantworten.

Die eschatologisch-futurische Auslegung von V. 18 hat Konsequenzen für das Verständnis des „Dahingegebensein” in 1,22-32. Bei einer präsentischen Auslegung kommt man nicht umhin, dieses Dahingegebensein als Ausdruck des als schon gegenwärtig gedachten Zorns zu verstehen. Aber in Wirklichkeit lebt die Welt noch unter der Gnade Gottes (vgl. Kap. 2,4). Der Zorn Gottes wird erst am „Tag des Zorns” offenbart. Das Dahingegebensein ist eine pädagogische Strafmaßnahme Gottes, die dem Menschen aufzeigt, wohin er ohne Gott kommt, nämlich ins Chaos.

Gottes Zorn im Endgericht gilt in gleicher Weise der „Gottlosigkeit” (asebeia) und der „Bosheit” (adikia) der Menschen. Die asebeia kann man auch das Sein und die adikia das Tun des von Gott getrennten Menschen nennen. Jedenfalls ist es so - und die ganze Argumentation des Apostels in 1,19-32 ist ein exzellentes Beispiel dafür -, dass die innere Stellung des Menschen zu Gott sich immer auch an seiner Haltung zum Nächsten äußert. aletheia - „Wahrheit” ist hier und im weiteren Zusammenhang sowohl das Wissen von Gottes Kraft und Majestät und die Erkenntnis seines Willens, das Gott dem Menschen erschließt, das der Mensch aber nicht haben will und von sich weist.

6.Die Schuld der Juden (1,28-32)

Aus V. 28 und 32 geht hervor, dass die hier gemeinten Menschen nicht nur – wie die Heiden – Gottes Kraft und Majestät an den Schöpfungswerken ablesen können, sondern auch Gottes Willen kennen. Das trifft eindeutig nur für die Juden zu, die ja auch selber von sich sagen, im Gesetz Gottes unterwiesen zu sein (2,18). Wir haben es also in diesem Abschnitt mit dem jüdischen Volk zu tun.

Die Schuld der Juden besteht im Wesentlichen darin, dass sie Gottes Willen zwar kennen, sich aber in ihrem Tun gegen ihn stellen. Die Juden verachten die besondere Gotteserkenntnis, die Gott ihnen durch sein Gesetz gibt. Paulus verwendet in V. 28 den griechischen Ausdruck epignosis (Erkenntnis) im Unterschied zur bloßen gnosis (Kenntnis) der Heiden. Der Apostel gesteht den Juden also im Unterschied zu den Heiden eine Erkenntnis des Wesens und Willens Gottes zu. Das stellt sie in eine besondere Verantwortung. Aber der werden sie nicht gerecht. Sie ziehen aus ihrer Gotteserkenntnis nicht die nötige Schlussfolgerung, die darin bestehen würde, sich als heiliges Gottesvolk inmitten einer heidnischen Umwelt zu bewähren. Deswegen verhängt Gott auch über die Juden eine adäquate Strafe. So wie sie die ihnen offenbarte Gotteserkenntnis verachten, so gibt sie Gott dahin an eine verachtenswerte Gesinnung, so dass sie sich gegenseitig in jeglicher Beziehung schädigen und ihrer Berufung, Licht der Heiden zu sein, Hohn sprechen.

V. 28: Wieder nennt Paulus zuerst die Urschuld. Die Juden halten es nicht für nötig, das innere Wissen von Gott, das sie haben, und Gottes Willen, den sie kennen, festzuhalten und daraus die nötigen Schlüsse zu ziehen. Stattdessen verachten und verwerfen sie ihre besondere Gotteserkenntnis. Ab V. 28b folgt die Schilderung des Strafhandelns Gottes. Worin liegt die adäquate Strafe? Der jüdische Mensch praktiziert eine nichtsnutzige Gesinnung, adokimos nous, indem er sein „Wissen von Gott” verachtet und verwirft. Gottes Strafe besteht darin, dass er ihn an die Folgen dieser nichtsnutzigen Gesinnung dahingibt. Die zum Guten untaugliche Gesinnung führt zum Tun des „Unrechten”. Der Ausdruck me kathekonta - „das Lasterhafte” ist aus der stoischen Philosophie übernommen und gilt als Oberbegriff für das lasterhafte menschliche Tun. Die Strafe äußert sich direkt und indirekt. Trotz aller Gotteserkenntnis erfährt sich der jüdische Mensch als ausgeliefert an den „bösartigen Sinn” des anderen und an die eigene böse Gesinnung.

V. 29-31: All die zwischenmenschlichen und sozialen Sünden, die Israel den Heiden immer wieder vorwarf finden sich bei den Juden selber. In 2,21-23 wird Paulus auf diesen Übelstand noch einmal seine Finger legen. Es besteht kein Anlass für irgendeinen geistlichen Hochmut Israels.

V. 32 macht noch einmal vollends klar, dass sich der Apostel in diesem Abschnitt an seine Volksgenossen wendet. Nur sie kennen die „Rechtssatzung” Gottes (griech. dikaioma), denn nur sie haben den erklärten Willen Gottes in der mosaischen Gesetzgebung empfangen. Damit wissen sie, dass alle, die solche Sünden tun, dem Verdammungsurteil Gottes entgegengehen („Tod” ist hier eschatologisch gemeint). Aber trotzdem bleiben sie bei ihrem bösen Tun, ja noch mehr, sie bewundern diejenigen und finden an ihnen Gefallen, die böse handeln. (Gemeint ist das stille oder auch offene Beifallzollen für Menschen, denen es wieder einmal gelungen ist, anderen Menschen irgendetwas Böses anzutun).

Damit ist Paulus mit seinem ersten Beweisgang zu Ende gekommen, mit dem er V. 18b ausgelegt hat. Alle Heiden haben ein Elementarwissen von Gott, alle Juden kennen darüber hinaus Gottes Willen. Aber sie alle unterdrücken dieses Wissen und weigern sich, daraus die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Alle Menschen, Heiden und Juden, werden deswegen unter die Anklage Gottes kommen. Alle haben sich den Zorn Gottes zugezogen. Alle, denen keine göttliche Errettung geschenkt wird, gehen verloren.

7.Die Juden sind unentschuldbar wie die Heiden (2,1-5)

In Kap. 1,19-32 hatte Paulus 1,18b begründet (inwiefern die Menschen die ihnen bekannte Wahrheit von Gott unterdrücken). Nun folgt die Begründung von 1,18a (inwiefern alle Menschen, ohne Ausnahme, dem kommenden göttlichen Zorn- und Strafgericht verfallen sind). Das ganze 2. Kapitel ist als direkte, persönliche Anklagerede gegen die Menschheit stilisiert.

Die Verse 1-16 geben die Begründung zu 1,18a. Ab V. 17 wird dann in direkter Weise das Volk Israel angeklagt. Aber schon in V. 1-16 ist mit dem „Du” der jüdische Mensch gemeint.

V. 1: In 1,19-32 hatte Paulus die Urschuld des Menschen vor Gott (Verunehrung und Vertauschung Gottes, Verwerfung der Gotteserkenntnis) und die adäquate Vergeltung dieser Schuld durch Gott dargestellt. Nun formuliert Paulus aufgrund dieser Urschuld des Menschen seine große Anklage gegen die gesamte Menschheit. Er knüpft eng an den vorigen Abschnitt 1,18-32 an. Schon in 1,20 hatte er von der Unentschuldbarkeit der Menschheit gesprochen. Gott dokumentiert sich den Menschen anhand der Schöpfungswerke (Heiden) und seines Gesetzes (Juden), er macht sich durch diese Taten erfahrbar, so dass der Mensch, wenn er Gott abweist, keine Entschuldigung hat. Gott selbst macht also gewissermaßen den Menschen unentschuldbar.