Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Vers für Vers praxisnah ausgelegt Das Buch der Sprüche ist einzig in seiner Art! Es deckt treffend die Regungen des menschlichen Herzens auf und zeigt, wie ein Leben nach Gottes Gedanken aussehen sollte – ein Leben in der Furcht des Herrn. Dieses Bibelbuch vermittelt klare Lebensregeln, über die es sich lohnt, intensiv nachzudenken und sie auf Herz und Gewissen anzuwenden. Nach einer hilfreichen Einführung in das Buch der Sprüche beleuchtet die vorliegende Auslegung jeden einzelnen Vers und verbindet ihn mit der Lebenspraxis des Gläubigen. Besonders gekennzeichnete Impulse bieten Denkanstöße, auch prophetische Gesichtspunkte fehlen in dieser Ausarbeitung nicht. Ein ausführliches Stichwortverzeichnis hilft beim Auffinden zusammenpassender Verse. Zusätzlich findet der Leser zu über 20 Themengebieten (z. B. "Fleiß – Faulheit") eine strukturierte Auflistung zugehöriger Verse – ideal für ein vertiefendes Studium.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 793
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Die Bibelstellen werden nach der überarbeiteten Fassung der „Elberfelder Übersetzung“ (Edition CSV Hückeswagen) angeführt.1. durchgesehene Auflage 2020© by Christliche Schriftenverbreitung, HückeswagenUmschlaggestaltung: Jürgen Benner, Ideegrafik Kreativagentur UGSatz: Christliche Schriftenverbreitung, HückeswagenDruck: BasseDruck GmbH, HagenISBN-Buch: 978-3-89287-233-7www.csv-verlag.de
Einleitung
Sprüche Salomos Teil 1a
Einführung (Kapitel 1,1–6)
Die Furcht des Herrn (Kapitel 1,7)
Persönliches Verhalten (Kapitel 1,8–2)
Beziehung zu Gott und Menschen (Kapitel 3)
Gefahren auf dem Weg (Kapitel 4–7)
Sprüche Salomos Teil 1b
Gefahren auf dem Weg (Kapitel 4–7)
Die Weisheit (Kapitel 8–9)
Sprüche Salomos Teil 2a
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Sprüche Salomos Teil 2b
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22,1–16
Worte der Weisen
Angemessenes Verhalten (Kapitel 22,17–23,14)
Appelle an den Sohn (Kapitel 23,15–24,22)
Ergänzende Worte der Weisen (Kapitel 24,23–34)
Sprüche Salomos Teil 3
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Anhang
Ausspruch Agurs (Kapitel 30)
Worte Lemuels (Kapitel 31,1–9)
Die tüchtige Frau (Kapitel 31,10–31)
Stichwortverzeichnis
Spezielle Themengebiete
Alphabetisches Verzeichnis
„Die Sprüche“ – so lautet der Titel dieses bemerkenswerten Bibelbuches, das wir nun vor uns haben. Dass es diesen, wenn auch von Menschen gewählten Titel, zu Recht trägt, zeigt bereits der erste Vers: Er beginnt mit dem Wort „Sprüche“. Grund genug, zunächst die Bedeutung dieses Wortes zu erforschen.
Mögliche Übersetzungen des hebräischen Wortes lauten: Sprichwort[1], (Denk-)Spruch[2], Beispiel, Gleichnis[3]. Es leitet sich nach allgemeiner Auffassung von einem Wort ab, das „herrschen“ oder „vorstehen“ bedeutet.
Daraus können wir entnehmen, dass es sich bei den Sprüchen um Aussagen eines an Weisheit Überlegenen handelt. Sie fordern zum Nachdenken auf. Es spricht jemand, der Autorität hat. Es sind „Machtworte“, denen man gehorchen muss. Es sind Aussprüche des weisen Salomos, aber zudem inspiriert durch den Heiligen Geist, der höchsten Autorität. Es sind Worte des „Herrn“[4]. Er betont seinen Autoritätsanspruch gegenüber solchen, die in einer Beziehung als Knechte zu Ihm stehen. Auch die häufig vorkommende Anrede „Sohn“ deutet auf eine (von Gott gegebene) Autorität hin. Doch gründet sich diese auf eine Beziehung der Liebe und Zuneigung, wie sie normalerweise zwischen einem Vater und seinem Sohn besteht. Gott fordert unseren Gehorsam, aber Er tut es in Liebe und aus Liebe!
Der größte Teil dieses Buches wurde von König Salomo, dem Sohn Davids, verfasst.[5] Er hatte nicht nur ein enormes Wissen, sondern war auch ein begnadeter Poet. Er „redete 3.000 Sprüche, und seine Lieder waren 1.005“ (1. Kön 5,12). Was befähigte ihn, eine solche Fülle von Lebensweisheiten weiterzugeben, wie wir sie in diesem Buch finden?
„Der Herr liebte ihn“ (2. Sam 12,24).
Er wurde von Gott mit besonderer Weisheit ausgestattet und war daher der weiseste Mann, der jemals gelebt hat (1. Kön 3,12; 5,9–11).
Er bekam wertvolle Ratschläge von seinem Vater David (Spr 4,3–9; 1. Kön 2,1–9).
Er erhielt sicher auch von dem weisen und treuen Propheten Nathan gute Instruktionen (1. Kön 1,11.12.38; 2. Chr 9,29).
Aus Salomos Sprüchen redet jedoch Einer, der mehr ist als Salomo: Gott selbst. Von Ihm hatte Salomo in letzter Konsequenz gelernt. Die Weisheit, in der er spricht, ist Gottes Weisheit.
Es geht im Buch der Sprüche um unser Leben auf der Erde. Durch die aufgekommene Sünde hat sich auf ihr ein gottfeindliches System voller Ungerechtigkeit entwickelt. Wie kann ein Glaubender da den richtigen Weg erkennen? Von sich aus schafft es niemand (1. Kön 3,7). Daher belehrt Gott uns in diesem Buch über das richtige Verhalten in allen Lebensumständen. In den Sprüchen wird alles, auch die kleinsten Dinge des täglichen Lebens, in Verbindung mit Gott gebracht.
Der Bibelausleger John Nelson Darby (1800–1882) schreibt: „Es ist gut, daran zu denken, dass es sich in diesem Buch nicht um Erlösung oder Versöhnung handelt; es stellt uns einen Wandel dar, welcher der Weisheit der Regierung Gottes entspricht.“ Gott zeigt uns hier seine Gedanken über Gut und Böse, seine Sicht von Sitte und Moral. Es sind sozusagen göttliche Leitplanken. Durch sie werden wir in dem gottlosen Umfeld dieser Welt sicher geleitet und vor dem Bösen bewahrt. Sie sind wie Leuchttürme, die an gefährlichen Küsten warnen.
Deswegen ist das Lesen der Sprüche ganz besonders jungen Menschen zu empfehlen. Beschäftigt euch intensiv mit diesem Buch! Tut es mit dem aufrichtigen Wunsch im Herzen, vor Bösem bewahrt zu bleiben, den Herrn Jesus zu verherrlichen und ganz bewusst sein Kommen zu erwarten, das uns aus dieser bösen Welt herausführt!
Die Weisheit Gottes ist die vollkommene Erkenntnis aller Dinge, aller Zusammenhänge und aller Abläufe. Gott besitzt sie von Ewigkeit her, sie ist Teil seines Wesens. Er hat sie uns auf dreierlei Weise offenbart:
In seinem Wort, und nicht zuletzt im Buch der Sprüche.
In seinem Sohn, dem Herrn Jesus. Er ist die personifizierte Weisheit, „in dem verborgen sind alle Schätze der Weisheit“ (Kol 2,3). An Ihm und durch Ihn lernen wir die Weisheit Gottes kennen.
In der Schöpfung, die Er durch Ihn ins Dasein gerufen hat.
Gott hat seine Weisheit aber nicht nur offenbart, sondern Er will sie uns auch geben. Dazu schenkt Er jedem, der sich Ihm aufrichtig im Glauben zuwendet, neues Leben (Joh 3,3–8). Gleichzeitig beginnt diese Person, das Böse zu hassen und das Gute zu lieben. Das ist nichts anderes als praktizierte „Furcht des Herrn“. Damit ist der Grundstein, der Anfang zur Weisheit, gelegt (Spr 1,7; 9,10).
Obwohl ein Glaubender also grundsätzlich weise, verständig und klug ist, soll er dies natürlich auch praktisch ausleben. Er soll sich nicht mehr töricht, unverständig oder einfältig verhalten, indem er weiterhin die alte, sündige Natur wirken lässt. Diese beiden Schienen werden wir bei der Untersuchung der Sprüche stets berücksichtigen und mal die eine, mal die andere Seite beleuchten. Dabei ist es bezeichnend, dass es gerade der Weise ist, der nach mehr (praktischer) Erkenntnis verlangt: „Das Herz des Verständigen erwirbt Erkenntnis, und das Ohr der Weisen sucht nach Erkenntnis“ (Spr 18,15).
Gott wünscht, dass wir als Kinder der Weisheit in der durch Torheit gekennzeichneten Welt einen gebahnten Weg finden. Die Weisheit hilft uns, gerechte und zielführende Entscheidungen zu treffen und diese im richtigen Moment auszuführen. Das gilt für unsere Taten und nicht zuletzt auch für unsere Worte: „Ein Wort zu seiner Zeit, wie gut!“ (Spr 15,23). Die Weisheit gibt unseren Schritten Festigkeit und Sicherheit und lässt uns durch Erfahrung reifen (Spr 4,18).
Weisheit führt uns demnach auch dahin, nach Gottes Ordnungen zu handeln. Er hat seine Satzungen gegeben, damit wir ein glückliches Leben in Gemeinschaft mit Ihm führen. Wir Menschen sind befähigt, selbstständige Entscheidungen zu treffen. Doch oft sind wir so töricht, dass wir nach eigenem Gutdünken handeln, ohne die Furcht des Herrn. Das zeugt nicht von Weisheit!
► Lassen wir uns durch das Lesen der Sprüche dazu anspornen, im täglichen Leben wirklich ein „Mensch Gottes“ zu sein (2. Tim 3,17), der „wacht“ und „im Glauben feststeht“ (1. Kor 16,13) und der prüft, „was das Vorzüglichere ist“ (Phil 1,10)!
Für jeden von uns gibt es zwei Wege: Der eine ist der Weg der Weisheit, den Gott uns empfiehlt, damit wir in Harmonie mit Ihm leben. Der andere ist der Weg des Bösen, auf den der Teufel uns entführen will. Er möchte, dass wir unseren Begierden folgen und nicht danach fragen, was Gott dazu sagt. Wenn ein Mensch sich selbst überlassen ist, wird er den „leichteren“ Weg wählen. Das ist der Weg, auf dem er seine eigenwilligen Wünsche sofort befriedigen kann. Deswegen schreit die Weisheit draußen (Spr 1,20), um solche zu warnen, die sich keine Gedanken über die Konsequenzen ihres Tuns machen. Ihnen drohen Schrecken, Unglück, Bedrängnis und Angst (Spr 1,27).
Aus dem gleichen Grund gebietet Gott heute den Menschen, Buße zu tun und sich zu bekehren (Apg 17,30).
Die moralische Lehre der Sprüche hat viel mit Dienst zu tun. Dieser wird unter verschiedenen Aspekten vorgestellt:
Dienst für Gott: Der wichtigste Dienst besteht in der „Furcht des Herrn“ (Spr 1,7), die auch das Fundament jeder Moral und damit jeden weiteren Dienstes ist. Dieser „Gottesdienst“ muss begleitet werden von vollkommenem Vertrauen in Ihn und Misstrauen gegen sich selbst (z. B. Spr 3,5). Nur Gott kann beurteilen, ob ein Dienst wirklich für Ihn ist; „Prüfer der Herzen ist der Herr“ (Spr 17,3).
Dienst an sich selbst: Wichtige Lektionen sind in diesem Zusammenhang die Unterdrückung der Lust des Fleisches (z. B. Spr 2,16), die Vermeidung böser Gesellschaft (z. B. Spr 1,10; 13,20) und die Bewahrung der Zunge (z. B. Spr 10,19; 12,13).
Dienst am Nächsten: Gott erwartet von denen, die Ihn fürchten, Mitleid mit Bedrängten (z. B. Spr 14,21) und Hilfe für die Armen (z. B. Spr 22,9).
Dienst in der Familie: Gottesfürchtige Eltern sind ein Segen für ihre Kinder (z. B. Spr 20,7). Ihre Aufgabe ist es, sie von frühester Jugend an zu unterweisen (z. B. Spr 4,1) und die nötige Zucht anzuwenden (z. B. Spr 13,24; 23,13.14). Umgekehrt werden die Kinder ermahnt, die Belehrungen der Eltern anzunehmen und festzuhalten (z. B. Spr 10,1; 13,1).
Auch auf den nützlichen Dienst einer tüchtigen Ehefrau wird hingewiesen (z. B. Spr 12,4; 31,10–29).
Dienst in der Öffentlichkeit: Auf verschiedene Weise werden die Aufgaben eines Königs an seinem Volk dargestellt. Sein Verhalten soll gekennzeichnet sein durch Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Wahrheit (z. B. Spr 16,12; 20,28).
Viele Sprüche bestehen aus zwei Teilen, so genannten „Parallelismen“ (= Nebeneinanderstellungen). Hierdurch wird die Aussagekraft des jeweiligen Spruchs erhöht und wir können ihn leichter verstehen. Man unterscheidet sechs verschiedene Arten von Parallelismen:
Der antithetische (gegensätzliche) Parallelismus: Es werden zwei Gegensätze genannt, z. B.: „Ein weiser Sohn erfreut den Vater, aber ein törichter Sohn ist der Kummer seiner Mutter“ (Spr 10,1). Dieser Parallelismus ist kennzeichnend für das ganze Buch der Sprüche. Gott will dadurch besonders deutlich den Kontrast zwischen den beiden Menschengruppen hervorheben: Weise – Einfältige, Kluge – Toren, Gehorsame – Ungehorsame, Fleißige – Faule, Gerechte – Gottlose.
Der synonyme (sinnverwandte) Parallelismus: Es wird zweimal ein ähnlicher Gedanke ausgedrückt, z. B.: „Auf dem Pfad der Gerechtigkeit ist Leben, und kein Tod ist auf gebahntem Weg“ (Spr 12,28).
Der parabolische (gleichnisartige) Parallelismus: In der ersten Zeile wird ein Bild aus dem täglichen Leben entnommen, was dann in der zweiten Zeile auf eine Belehrung übertragen wird, z. B.: „Eine beständige Traufe am Tag des strömenden Regens und eine zänkische Frau gleichen sich“ (Spr 27,15).
Der emblematische (sinnbildliche) Parallelismus: Wie der parabolische Parallelismus, jedoch wird auf den Vergleich zwischen Bild und Bedeutung nicht ausdrücklich hingewiesen, sondern sie werden einfach nebeneinandergestellt, z. B.: „Der Himmel an Höhe, und die Erde an Tiefe, und das Herz der Könige sind unerforschlich“ (Spr 25,3).
Der komparative (vergleichende) Parallelismus: Es wird der Vergleich mit etwas Besserem vorgestellt, z. B.: „Besser wenig mit Gerechtigkeit, als viel Einkommen mit Unrecht“ (Spr 16,8).
Der synthetische (zusammengesetzte) Parallelismus: Der zweite Teil des Spruchs führt den Gedanken des ersten weiter, z. B.: „Ein Ohr, das auf die Zucht zum Leben hört, wird inmitten der Weisen weilen“ (Spr 15,31).
Daneben gibt es noch dreizeilige Verse, z. B.: „Verlass nicht deinen Freund und deines Vaters Freund, und geh nicht am Tag deiner Not in das Haus deines Bruders: besser ein naher Nachbar als ein ferner Bruder“ (Spr 27,10). Auch bilden manchmal zwei bis fünf Verse einen Sinnzusammenhang (z. B. Spr 27,23–27; 30,11–14). Darunter fallen auch die so genannten Zahlensprüche, z. B.: „Drei sind es, die nicht satt werden, vier, die nicht sagen,Genug!’“ (Spr 30,15–31).
Eine weitere Besonderheit findet sich in Sprüche 31,10–31. Dort folgen die Anfangsbuchstaben der einzelnen Verse der Ordnung des hebräischen Alphabets.[6]
Das Buch der Sprüche gehört in die Reihe der poetischen Lehrbücher (Hiob bis Hohelied). In der hebräischen Bibel wird es den so genannten „Schriften“ zugeordnet.[7] Außer den Sprüchen stammen auch das Buch des Predigers und das Lied der Lieder (Hohelied) aus Salomos Feder.
Im Buch der Sprüche wird der Mensch als jemand gesehen, dem Weisheit mangelt und der deswegen unterwiesen werden muss. Er soll in seinem Herzen richtige Entscheidungen treffen. Im Buch des Predigers ist das Herz des Menschen leer, und die ganze Welt mit allem, was sie bietet, kann das Herz nicht ausfüllen. Im Lied der Lieder ist das Herz voll und fließt über, denn es hat einen Gegenstand gefunden, der es durch und durch glücklich macht: Es ist Jesus Christus, unser Herr.
Etwa 30 Sprüche werden im Neuen Testament zitiert, und zwar in den Evangelien sowie in den Schriften von Paulus und Petrus. Solche Zitate sind besonders hilfreich, da uns der Geist Gottes hierin eine wertvolle Erklärungshilfe für den jeweiligen Spruch gibt.[8]
Einteilung des Buches der Sprüche
Kapitel 1–9: Fünf Unterweisungen Salomos in längeren, belehrenden Gedichten. Sie sind vor allem den Jugendlichen gegeben, um ihnen die Vortrefflichkeit der Weisheit vorzustellen und um sie anzureizen, mit Eifer Weisheit zu erwerben und von der Torheit abzulassen. Dieser Abschnitt ist sozusagen die Einleitung zu den dann folgenden Sprüchen.9
Kapitel 10–22,16: Dieser Teil enthält eine Sammlung von 375 Sprüchen Salomos. Es sind jeweils nur kurze Verse, die die verschiedensten Lebensbereiche behandeln.
Kapitel 22,17–24,34: Worte der Weisen, wahrscheinlich von Salomo aufgeschrieben.
Kapitel 25–29: Weitere meist kurze Sprüche von Salomo, die später von Hiskia und seinen Männern gesammelt wurden. Wir finden hier Grundsätze über das Regieren, über moralische Enthaltsamkeit und über Themen des privaten und öffentlichen Lebens.
Kapitel 30–31: Anhang: Sprüche von den ansonsten unbekannten Schreibern Agur und Lemuel. Agur verwendet vor allem das Stilmittel der „Zahlensprüche“, um seine Beobachtungen kundzutun. König Lemuel gibt die Unterweisungen seiner Mutter wieder. Das Buch endet mit der Beschreibung einer tüchtigen Ehefrau. Der Autor dieser Verse ist unbekannt.
Wiederholt sich ein Text aus den Sprüchen (fast) wörtlich innerhalb der Bibel, wird dies direkt hinter dem entsprechenden Vers angegeben. Bei völliger Übereinstimmung steht ein „=“ davor.
Bei Bibelzitaten entstammen Hervorhebungen (Kursivschrift) nicht immer dem Originaltext, sondern sollen lediglich dem besseren Verständnis dienen.
FußEÜ bedeutet: Siehe Fußnote in der „Elberfelder Übersetzung“; Edition CSV-Hückeswagen.
Hin und wieder werden kleinere Textpassagen durch besondere Symbole herausgestellt. Deren Bedeutung ist:
► Zum persönlichen Nachdenken
■ Beachtenswerte Nebengedanken
Fußnoten
[1] Z. B. 1. Sam 10,12; Ps 69,12; Hes 14,8.
[2] Z. B. 4. Mo 23,7; 1. Sam 24,14; Hes 12,23.
[3] Z. B. Hes 17,2; 24,3.
[4] In Anlehnung an die „Elberfelder Übersetzung“, Edition CSV Hückeswagen, schreiben wir bei Bibelzitaten „Herr“ in Kapitälchen, wenn im Grundtext JHWH (Jehova/Jahwe) steht. Der Name „Gott“ findet sich in den Sprüchen nur an 6 Stellen (s. Stichwortverzeichnis).
[5] Außer Spr 22,17–24,34 (Worte der Weisen), Spr 30 (Agur), Spr 31,1–9 (Lemuel) und viell. Spr 31,10–31 (Lob der tüchtigen Frau).
[6] Hebr. Akrostichon; vgl. auch Ps 25 und die einzelnen Abschnitte von Ps 119.
[7] Hebr. Ketubim; dazu gehören außerdem folgende Bücher: Psalmen, Hiob, Ruth, Lied der Lieder, Prediger, Klagelieder, Esther, Daniel, Esra, Nehemia, 1. und 2. Chronika.
[8] Vgl. z. B. Spr 10,25 mit Mt 7,24–27; Spr 25,6.7 mit Lk 14,9.
Der erste große Teil des Buches der Sprüche enthält nach einer kurzen Einführung (Spr 1,1–6) fünf zum Teil längere Unterweisungen. Es sind Unterweisungen des weisen Vaters an den „Sohn“. Sie lassen sich bemerkenswerterweise den fünf Büchern Moses zuordnen.
Die Furcht des Herrn (Spr 1,7): Die erste Unterweisung fasst die Belehrungen der sechs einführenden Verse zusammen. Sie zeigt uns mit einem einzigen Satz den Grundgedanken des Buches der Sprüche. Es geht um die Grundlage der Beziehungen zwischen Gott und Menschen. Eine Parallele dazu ist das 1. Buch Mose, wo ebenfalls grundlegende Elemente der Beziehung zwischen Gott und Menschen vorgestellt werden.
Persönliches Verhalten (Spr 1,8–2): In dieser Unterweisung geht es um die praktische Auswirkung der Weisheit. Vater und Mutter zeigen dem Sohn die richtigen Wege und ermuntern ihn, ihren Geboten zu folgen. Ähnliches haben wir im 2. Buch Mose: Der erste Teil beschreibt die Erlösung, was im weitesten Sinn eine Begegnung mit der Weisheit Gottes ist, der zweite Teil behandelt das Gesetz, auf dessen Basis Gott dann im Zelt der Zusammenkunft die Gemeinschaft mit seinem Volk sucht. Letzteres führt uns schon zur nächsten Unterweisung.
Beziehungen zu Gott und Menschen (Spr 3): Die dritte Unterweisung belehrt uns zunächst über die Einzelheiten der Beziehungen zwischen Gott und demjenigen, der auf die Weisheit hört. Im weiteren Verlauf erhalten wir dann Belehrungen über das rechte Verhalten gegenüber unserem Nächsten. Entsprechend finden wir im 3. Buch Mose zunächst den Opferdienst, der die Beziehungen zu Gott regelt, und dann Gebote über den Umgang miteinander.
Gefahren auf dem Weg (Spr 4–7): In dieser vierten Unterweisung geht es um verschiedene Lebensbereiche, die Gefahren in sich bergen: erstens um das Verhältnis zum anderen Geschlecht, zweitens um gewisse schlechte Gewohnheiten und drittens um boshaftes Verhalten gegenüber Mitmenschen. Ebenso beschreibt das 4. Buch Mose den gefahrvollen, aber oft auch bösen Weg des Volkes Israel durch die Wüste. Wir sollen aus ihren Irrwegen und Erfahrungen lernen.
Der Weg der Weisheit (Spr 8–9): Die fünfte Unterweisung hat in besonderer Weise das Wesen der Weisheit zum Thema. Manche der vorher behandelten Gedanken werden wiederholt und vertieft. Ebenso stellt auch das 5. Buch Mose eine Zusammenfassung und Vertiefung der Gebote und Gedanken Gottes dar.
Dieser erste Abschnitt belehrt uns über den Zweck dieses Buches: Es geht um das Erkennen der Weisheit Gottes.
1,1 „Sprüche Salomos, des Sohnes Davids, des Königs von Israel“
Salomo regierte 40 Jahre über das Großreich Israel, das er von seinem Vater David übernommen hatte. Er war „größer an Reichtum und an Weisheit als alle Könige der Erde“ (1. Kön 10,23). Sein Reich war durch Gerechtigkeit und Frieden gekennzeichnet (Ps 72,2.3). So ist er ein deutliches Vorausbild auf unseren Herrn Jesus Christus: Dieser wird ebenfalls „Sohn Davids“ genannt (Mt 1,1) und wird einst in Macht und Herrlichkeit regieren (Mk 13,26). Diese Regierung wird Er ebenfalls in Weisheit – und zwar in absoluter Weisheit! – führen: „Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes“ (Jes 11,2). Und auch sein Reich wird – in vollendeter Form! – durch Gerechtigkeit und Frieden gekennzeichnet sein (Jes 9,6; 32,1.17). Es ist das so genannte „Tausendjährige Reich“ (Off 20,6).
Aber nicht nur als König weist die Person Salomos auf Christus hin. Auch als weiser Lehrer, wie er in diesem Buch vornehmlich auftritt[1], ist er ein Vorausbild auf den vor 2000 Jahren hier lebenden Menschen Jesus Christus, der schon als Kind „erfüllt mit Weisheit“ war (Lk 2,40). Der Herr weist selbst darauf hin, dass die Weisheit Salomos nur ein schwaches Bild seiner eigenen Weisheit ist: „Sie [die Königin von Scheba] kam von den Enden der Erde, um die Weisheit Salomos zu hören; und siehe, mehr als Salomo ist hier“ (Mt 12,42).
Salomo spricht von der Weisheit, der Herr Jesus ist die Weisheit. In 1. Korinther 1,24 wird Christus „Gottes Weisheit“ genannt. Dass Er Weisheit nicht nur besitzt, sondern in Person „die Weisheit Gottes“ ist, wird auch durch eine Gegenüberstellung von Lukas 11,49 und der Parallelstelle Matthäus 23,34 bewiesen: Bei Lukas heißt es, dass die Weisheit Gottes sagt: „Ich sende euch Propheten …“, wogegen bei Matthäus der Herr Jesus selbst sagt: „Ich sende euch Propheten …“
1,2 „… um Weisheit und Unterweisung zu kennen, um Worte des Verstandes zu verstehen, …“
Weisheit zu kennen, ist das erste Ziel der Sprüche. Wir sollen die Fähigkeit erhalten, alles in richtiger, Gott wohlgefälliger Weise zu tun. Dazu benötigen wir Weisheit. Eine gute Illustration davon gibt es in 2. Mose 28,3, wo weise Leute, „mit dem Geist der Weisheit erfüllt“, die heiligen Kleider Aarons machten, oder in 2. Mose 35,25, wo „Frauen, die weisen Herzens waren“, die kostbaren Stoffe für die Stiftshütte herstellten.
Wir sehen: Die Weisheit muss uns erfüllen, wir müssen sie ins Herz aufnehmen, sie innerlich „kennen“ (lernen). Dort wächst sie mit der Erfahrung, die ein Leben in Gottesfurcht mit sich bringt. Sie ist eben nicht einfach eine theoretische Kenntnis, ein bloßes „Kopfwissen“.
Echte Weisheit wird nur durch Gottes Wort gelernt. Das wird besonders deutlich in Jeremia 8,9: „Die Weisen werden beschämt, bestürzt und gefangen werden; siehe, das Wort des Herrn haben sie verschmäht, und welcherlei Weisheit haben sie?“ (vgl. auch Jer 18,18).
Ein weiteres Ziel der Sprüche ist, „Unterweisung zu kennen“. Unterweisung ist das Einprägen biblischer Grundsätze. Der erste Unterricht geschieht durch Vater und Mutter (Spr 1,8). Gottesfürchtige Eltern legen bei ihren Kindern ein geistliches Fundament. Dies geschieht anhand der Bibel und durch ihr eigenes Vorbild. Doch unser ganzes Leben lang benötigen wir die Unterweisung durch Gottes Wort.
■ Vollkommene Unterweisung erhalten wir durch den Herrn Jesus. Er ist nicht nur der beste Lehrer, sondern auch das beste Vorbild.
Zur richtigen Unterweisung gehört auch die „Zucht“ (Spr 3,11; FußEÜ zu Spr 19,20). Zucht in ihrer „milden“ Form bedeutet „ziehen“ oder „erziehen“. Das Ziel ist, dem „Zögling“ den richtigen Weg zu weisen, und zwar mit Autorität. Wenn dies nicht gelingt und er vom Weg abweicht, muss eine strengere Form der Zucht, die „Zurechtweisung“ (Spr 6,23) oder gar die körperliche Züchtigung erfolgen (Spr 13,24).
► Wenn du Eltern hast, die dich „in der Zucht und Ermahnung des Herrn“ (Eph 6,4) erziehen oder erzogen haben – hast du schon einmal dafür gedankt?
Nicht zuletzt will das Buch der Sprüche Voraussetzungen dafür schaffen, im täglichen Leben richtige Entscheidungen zu treffen. Eine dieser Voraussetzungen ist, unterscheiden zu können zwischen menschlichen Worten und „Worten des Verstandes“, die Ausdruck der Gedanken Gottes sind. Wir sollen sie „verstehen“, also mit Kopf und Herz nachvollziehen. Dazu gehört auch, dass man eigenen Gedanken kritisch gegenübersteht, sozusagen von der eigenen Klugheit „ablässt“ (Spr 23,4[2]).
1,3 „… um zu empfangen einsichtsvolle Unterweisung, Gerechtigkeit und Recht und Geradheit; …“
Gott möchte, dass wir ein umsichtiges Verhalten an den Tag legen, zum Nutzen für unsere Umgebung. Dazu notwendig sind:
Gerechtigkeit: Sie spricht von der Tat. Wir sollen als „Kinder des Lichts“ wandeln (Eph 5,8), unter den Augen des gerechten Gottes.
Recht: Dies spricht mehr von der Norm. Es soll alles gerecht beurteilt werden, nach Gottes Gedanken, seinem Wesen gemäß.
Geradheit: Sie ist das Kennzeichen eines Aufrichtigen, der auf dem geraden Weg des Herrn wandelt, ohne nach rechts oder links abzuweichen (Spr 8,20; Jes 30,21; 33,15.16).
David gibt hierzu ein schönes Beispiel ab. Als er daran dachte, wie Saul ihn mit tödlichem Hass verfolgte, betete er: „Höre, Herr, die Gerechtigkeit …! Von deiner Gegenwart gehe mein Recht aus; lass deine Augen Aufrichtigkeit anschauen!“ (Ps 17,1.2).
Wir haben hier drei Tugenden vor uns, die auch Gott kennzeichnen: „Der Fels: Vollkommen ist sein Tun; denn alle seine Wege sind recht. Ein Gott der Treue und ohne Trug, gerecht und gerade ist er!“ (5. Mo 32,4) und: „Du stellst fest die Geradheit, du übst Recht und Gerechtigkeit in Jakob“ (Ps 99,4).
► Durch das Lesen der Sprüche werden wir darin unterwiesen, alles aus unserem Herzen zu verbannen, was uns daran hindert, Gott wohlgefällig zu leben.
1,4 „… um Einfältigen Klugheit zu geben, dem Jüngling Erkenntnis und Besonnenheit.“
In diesem und den folgenden Versen werden uns drei Personengruppen vorgestellt, für die die Sprüche segensreich sein werden. Die erste Gruppe sind die „Einfältigen“. Das sind Unerfahrene oder Unverständige (FußEÜ). Sie haben keine Urteilsfähigkeit. Daher brauchen sie Belehrung durch die Weisheit, um durch „Klugheit“ wachsam zu werden und keinen bösen Weg zu betreten (Spr 7,7). Sie sollen schließlich selbstständig zu guten Entscheidungen finden und nicht „jedem Wort“ glauben (Spr 14,15).
Die zweite Gruppe sind die „Jünglinge“. Die Sprüche wenden sich auch an Menschen, die noch am Anfang ihres Lebens, aber bereits unter eigener Verantwortung stehen. Sie sind noch unwissend und benötigen daher „Erkenntnis“. Erkenntnis über Gott und über sich selbst. Sie sind oft leichtsinnig oder überschätzen ihre Kraft. Erkenntnis soll verhindern, dass sie durch mögliche Folgen einer schweren (Jugend-)Sünde lebenslang belastet werden.
Die Sprüche lehren auch „Besonnenheit“ oder Vorsicht. Wir – und insbesondere die Jüngeren – müssen lernen, unsere Entscheidungen nicht übereilt zu treffen, sondern mit Überlegung zu handeln. Wir müssen lernen, abzuwägen, die Umstände aufmerksam zu beobachten und auch schwierigen Situationen mit Ruhe entgegenzutreten. Auch sollen wir uns nicht zu unbedachten Worten hinreißen lassen. Aber diese Vorsicht muss mit der Furcht des Herrn gepaart sein. Sonst kann sie leicht in Böses ausarten. Man kann sich nämlich auch einen bösen Plan gut (mit Bedacht) überlegen! Das wird z. B. deutlich in Sprüche 12,2 und Sprüche 24,8, wo das hebräische Wort für „Besonnenheit“ mit „tückisch“ bzw. mit „Ränke“ oder „Anschläge“ übersetzt wird.
► Als „Jünglinge“ benötigen wir also vor allem deswegen Erkenntnis und Besonnenheit, damit wir unsere von Gott gegebenen Fähigkeiten und Charaktereigenschaften nicht zum Bösen gebrauchen.
1,5 „Der Weise wird hören und an Kenntnis zunehmen, und der Verständige wird sich weisen Rat erwerben; …“
Nun wird die dritte Gruppe angesprochen, die „Weisen“ und „Verständigen“. Auch sie benötigen Unterweisung. Wer schon weise ist, weil er die Weisheit gefunden hat und sich von den „Torheiten“ dieser Welt fernhält, der wird gern hören. Ein weiser Mensch möchte immer mehr dazulernen.
Mit Hören beginnt jeder Unterricht. Das Ziel davon ist, an „Kenntnis zuzunehmen“. Das hebräische Wort für „Kenntnis“ wird oft auch mit „Lehre“ übersetzt (z. B. in Spr 4,2; 16,23). In Sprüche 7,21 wird das gleiche Wort negativ gebraucht und mit verführerischem „Zureden“ übersetzt. Es gibt also – ähnlich wie bei dem Ausdruck „Besonnenheit“ – eine positive und eine negative Seite von Kenntnis bzw. Lehre. Die Unterweisung durch gute Lehre kommt von Gott, die Verführung durch böse Lehre vom Teufel. Auf wen „hören“ wir?
Der „Verständige“ entgeht der Gefahr, auf unweisen oder gar bösen Rat zu hören. Er erwirbt sich „weisen Rat“. In Sprüche 11,14 wird das hier mit „Rat“ übersetzte hebräische Wort mit „Führung“ wiedergegeben, und zwar im guten Sinn. In Sprüche 12,5 wird es mit „Überlegungen“ übersetzt, jedoch sind es da böse Überlegungen gottloser Menschen. Auch hier wieder die Frage: Lassen wir uns durch weisen Rat führen oder leiten uns die Überlegungen ungläubiger Menschen? Stichwort: Zeitschriften, Bücher, elektronische Medien …
► Wir möchten doch sicher zu den „Verständigen“ gehören, die sich öffnen, um noch mehr göttliche Unterweisung zu hören, „denn wer hat, dem wird gegeben werden, und er wird Überfluss haben“ (Mt 13,12).
1,6 „… um einen Spruch zu verstehen und verschlungene Rede, Worte der Weisen und ihre Rätsel.“
Der Weise und Verständige hat den Wunsch, die nun folgenden Sprüche zu verstehen. Er weiß um die Gefahr, die „verschlungene Rede“ falsch zu deuten.[3] Einfach sind die Sprüche nicht. Es sind „Rätsel“. Aber durch die Weisheit, die von Gott kommt, lassen sich alle Schwierigkeiten lösen. Wir müssen nur bereit sein, auf die „Worte der Weisen“ zu hören und sie ins Herz aufzunehmen. Dabei sollte uns stets bewusst sein, dass wir es mit lebendigen Aussprüchen göttlicher Wahrheit zu tun haben. „Worte der Weisen, in Ruhe gehört, sind mehr wert als das Geschrei des Herrschers unter den Toren“ und sie „sind wie Treibstacheln und wie eingeschlagene Nägel“ (Pred 9,17; 12,11).
Die sechs einleitenden Verse der Sprüche zeigen uns, nach welchen Grundsätzen wir unser Leben ausrichten sollen. Die genannten Merkmale treffen auf eine Person völlig zu: auf den Menschen Jesus Christus. Er, der Messias, wird in Jesaja 11,2–4 mit ganz ähnlichen Worten beschrieben: „Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Kraft, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn, und sein Wohlgefallen wird sein an der Furcht des Herrn. … Er wird die Geringen richten in Gerechtigkeit und den Sanftmütigen des Landes Recht sprechen in Geradheit.“
► Ich höre also in diesen Versen die Stimme dessen, der jede dieser positiven Eigenschaften selbst in seinem Leben verwirklicht hat. Er ist mein großes Vorbild. Er ist der Weise und will auch mich unterweisen, Er, der mehr ist als Salomo. Er ist der große Lehrer, der mir Unterricht mit Ewigkeitswert erteilt.
Diese Unterweisung führt uns zusammen mit den sechs Einleitungsversen in die großen Grundsätze des Buches der Sprüche ein. Sie behandelt die Grundlage der Beziehungen zwischen Gott und dem Menschen und teilt die Menschheit in zwei konträre Gruppen: Gottesfürchtige und Gottlose, die hier „Narren“ genannt werden. Diese Gegenüberstellung zieht sich durch das ganze Buch der Sprüche.
Die „Furcht des Herrn“ ist ein Kennzeichen des neuen Lebens; ein nicht wiedergeborener Mensch besitzt keine Gottesfurcht. Aber auch bei einem wiedergeborenen Christen kann sie fehlen: nämlich wenn er im Eigenwillen seinen Weg geht. Ohne die „Furcht des Herrn“ kann
man jedoch das Buch der Sprüche nicht wirklich verstehen.[4] Sie ist das einzige Fundament, auf dem man sicher stehen kann.
Doch was bedeutet es überhaupt, den Herrn zu fürchten? Zunächst einmal sei betont, dass es nicht darum geht, „Angst“ vor Gott zu haben. Nein, wer den Herrn fürchtet, hat „Furcht“, etwas zu tun, was Ihm missfällt. Wir fürchten uns oft mehr vor den zu erwartenden Folgen einer Sünde. Wenn uns aber lediglich diese Furcht vom Begehen einer Sünde abhält, ist es mit unserer Gottesfurcht nicht weit her. Den Herrn fürchten bedeutet, Ehrfurcht und Respekt vor Ihm, dem heiligen Gott, zu haben und sich unter seine Autorität zu beugen. Es bedeutet, sich stets dessen bewusst zu sein, dass sein prüfendes Auge uns beobachtet.
Wer gottesfürchtig ist, hat einen tiefen Eindruck von der Größe Gottes. Von seiner Autorität und Gewalt, von seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit, aber auch von seiner Gnade, Liebe und Barmherzigkeit. Durch die Furcht des Herrn glauben wir, dass Er die einzige Quelle von Leben, Weisheit und allem Erstrebenswerten ist. Ohne sie können wir Gott, unseren Vater, nicht wirklich erkennen. Das gilt auch für alle geistlichen Segnungen, die uns in dem Herrn Jesus geschenkt sind.
► Im Neuen Testament kommt der Ausdruck „Furcht des Herrn“ ein einziges Mal vor (Apg 9,31). Es war ein Kennzeichen der ersten Christen. – Tragen wir dieses Merkmal immer noch?
Gottesfurcht ist mehr als bloße Gesetzestreue, wie etwa das Halten der Zehn Gebote. Das Befolgen göttlicher Vorschriften wird für den, der keine Gottesfurcht besitzt, nur eine lästige Pflicht sein. Aber mit der Furcht des Herrn im Herzen werden wir dem Psalmdichter beipflichten, der sagt: „Ich werde meine Wonne haben an deinen Geboten, die ich liebe“ (Ps 119,47).
Wo wahre Furcht des Herrn ist, da ist auch Abhängigkeit. Da sucht man den Rat Gottes in seinem Wort. Da weiß man, dass man in sich selbst unfähig ist, richtige Entscheidungen zu treffen. Darum hört man auf Gott, der wie ein beratender Vater zu seinen Kindern spricht.
Es gibt auch unter den Ungläubigen manche, die sich ordentlich verhalten, die solide Ansichten haben und die sehr liebenswürdig sind. Es gibt unter ihnen sogar solche, die – aus menschlicher Sicht – wirklich weise und verständig sind. Aber da bei ihnen das richtige Fundament, die „Furcht des Herrn“ fehlt, hat das alles keinen Bestand und am Ende keinen Wert für Gott.
Zehn Stellen in den Sprüchen zeigen, welche Auswirkungen die „Furcht des Herrn“ hat und welchen großartigen Nutzen sie bringt[5]:
Sie ist der „Anfang der Erkenntnis“ (Spr 1,7).
Sie ist: „das Böse hassen“, also hassen, was Gott hasst (Spr 8,13).
Sie ist „der Weisheit Anfang“, also die Basis dafür, Erkenntnis zu gebrauchen (Spr 9,10).
Sie „mehrt die Tage“ (Spr 10,27).
Sie bewirkt ein „starkes Vertrauen“ (Spr 14,26).
Sie ist eine „Quelle des Lebens“, also Basis für ein Leben mit Gott (Spr 14,27).
Sie ist „Unterweisung zur Weisheit“ (Spr 15,33).
Sie bewahrt „vor Bösem“ (Spr 16,6).
Sie ist „zum Leben“, d. h., sie bewirkt bleibende Zufriedenheit (Spr 19,23).
Sie gibt „Reichtum, Ehre und Leben“ (Spr 22,4).
Gottesfurcht wird also reichlich belohnt. „Die Güte des Herrn aber ist von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten“ (Ps 103,17). Wie ganz anders ist es bei den ungläubigen Menschen: „Verwüstung und Elend ist auf ihren Wegen, und den Weg des Friedens haben sie nicht erkannt. Es ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen“ (Röm 3,16–18).
Nach diesen einleitenden Bemerkungen kommen wir jetzt zu den Einzelheiten dieses bedeutsamen Verses.
1,7 „Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis; die Narren verachten Weisheit und Unterweisung.“ (Spr 9,10; Ps 111,10)
Wie schon in der Einleitung erwähnt, nennt Gott sich in diesem Buch fast ausschließlich „HERR“, der Bundesgott Israels. So auch hier. Er spricht als Einer, der eine Beziehung zum Menschen hat. Und Er spricht zu solchen, die eine Beziehung zu Ihm haben. Sie kennen ihren Gott.
► Wir kennen Gott als unseren Vater, der uns liebt und uns auf dem Weg des Glaubens nur segnen will. Daher ist es „logisch“, dass wir Ihn willig fürchten. Und unsere Gottesfurcht wird in dem Maß zunehmen, wie wir seine Liebe erkennen und genießen.
Auf allen Gebieten hat der Mensch erstaunliche Erkenntnisse erlangt. Und doch ist der Wert aller menschlichen Erkenntnis relativ. Zwar ist sie nicht unbrauchbar, sondern im Gegenteil oft sehr nützlich. Aber der „Anfang“ aller Erkenntnis, d. h., ihr Beginn als auch das Wesentliche, die eigentliche Grundlage aller Erkenntnisse, ist die „Furcht des Herrn“. Das ist ein wichtiger Grundsatz für jeden Gläubigen. Alle Erkenntnis, auch jede irdische Erkenntnis, muss überprüft werden, ob sie mit den göttlichen Grundsätzen übereinstimmt.
Was versteht die Bibel unter einem „Narren“? Dieser Vers gibt die Definition: Ein Narr ist ein Mensch, der „Weisheit verachtet“ und sich daher auch nicht unterweisen lassen will. Göttliche Weisheit ist ihm „zu hoch“ (Spr 24,7), da ihm alles Göttliche fremd ist und ihm jegliche Gottesfurcht fehlt. Er hat „Mangel an Verstand“ (Spr 10,21). Dabei kommt er sich selbst sehr weise vor. Eigensinnig und hochmütig geht er seinen Weg. „Der Weg des Narren ist richtig in seinen Augen“ (Spr 12,15). Paulus schreibt über solche Menschen, dass sie „in ihren Überlegungen in Torheit verfielen und ihr unverständiges Herz verfinstert wurde. Indem sie sich für Weise ausgaben, sind sie zu Toren [Narren] geworden“ (Röm 1,21.22).
Übrigens kann es sich hier durchaus um einen intelligenten Menschen handeln. Wenn er aber göttliche Weisheit und Zucht (FußEÜ) missachtet, nennt Gott ihn einen Narren. Mancher Hochgebildete stand am Ende seines Lebens vor einem Scherbenhaufen, weil er sich wie ein „Narr“ verhalten hat. Er musste dann bekennen: „Wie habe ich die Unterweisung gehasst, und mein Herz hat die Zucht verschmäht!“ (Spr 5,12).
Die zweite Unterweisung erinnert an das 2. Buch Mose. Dort steht zunächst die Erlösung des Volkes Gottes im Vordergrund. Dann bezeugt Gott durch das Gesetz vom Sinai, wie sich das Volk verhalten soll, damit Er in ihrer Mitte wohnen kann. Er gibt ihnen die „zwei Tafeln des Zeugnisses“ (2. Mo 31,18). Es ist das zweite Buch der Bibel, und bekanntermaßen ist Zwei in der Bibel die Zahl des Zeugnisses[6].
Entsprechend wird hier der „Sohn“ als Bild eines erlösten Menschen[7] eingeführt. Sein Vater bezeugt ihm das richtige Verhalten, um das „Land bewohnen“ zu können (Spr 2,21). Zwei Möglichkeiten stehen dem Sohn zur Auswahl: der Weg Gottes – der Weg der Sünder.
Wir finden in diesen Abschnitten dieselben Grundsätze, die Gott schon in den Zehn Geboten niederlegte. Nachdem die ersten vier Gebote bereits im Aufruf zur „Furcht des Herrn“ (V. 7) zusammengefasst wurden[8], geht es hier nun im Wesentlichen um die Gebote, die das tägliche Leben regeln (2. Mo 20,12–17). Wir erkennen folgende Zusammenhänge:
Gebot „Ehre deinen Vater und deine Mutter“: Sprüche 1,8.9.
Gebot „Du sollst nicht töten“: Sprüche 1,11.16.
Gebot „Du sollst nicht ehebrechen“: Sprüche 2,16.17.
Gebot „Du sollst nicht stehlen“: Sprüche 1,13.
Gebot „Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen“: Sprüche 2,12.
Gebot „Du sollst nicht begehren …“: Sprüche 1,19.
Wenn wir nun in die Betrachtung der einzelnen Verse dieser zweiten Unterweisung eintreten, können wir drei Themenbereiche erkennen:
Warnung vor Gewalttat (Spr 1,8–19)
Ansprache der Weisheit (Spr 1,20–33)
Weisheit schützt vor Unmoral (Spr 2)
Warnung vor Gewalttat (Kap. 1,8–19)
In dieser ersten Ansprache des Vaters wird der „Sohn“ vor dem verführerischen Einfluss der Sünder gewarnt. Wesentliche Kennzeichen dieser gottlosen Menschen werden in Römer 3,13–18 aufgelistet: „Ihr Schlund ist ein offenes Grab; mit ihren Zungen handelten sie trügerisch. Schlangengift ist unter ihren Lippen. Ihr Mund ist voller Fluchen und Bitterkeit. Ihre Füße sind schnell, Blut zu vergießen; Verwüstung und Elend ist auf ihren Wegen. … Es ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen.“ Es handelt sich hier um Menschen, die von Gewalttat gekennzeichnet sind, wogegen bei der zweiten Ansprache des Vaters (Spr 2) mehr die Verdorbenheit (speziell Unmoral) in den Vordergrund tritt.
Diese beiden Formen des Bösen werden schon im 1. Buch Mose geschildert: Die Gewalttat beim Brudermord Kains (1. Mo 4) und die Verdorbenheit bei der sexuellen Verbindung von Engeln mit Menschen (1. Mo 6,1.2). „Und die Erde war verdorben vor Gott, und die Erde war voll Gewalttat“ (1. Mo 6,11).
Die vorliegende Ansprache an den Sohn lässt sich wie folgt gliedern:
Spr 1,8–9: Der Wert der Unterweisung des VatersSpr 1,10–14: Beschreibung der VerlockungenSpr 1,15–19: Das Ende des bösen Weges
1,8–9: Diese beiden Verse können wir als Überschrift zu allen folgenden Ansprachen des Vaters nehmen. Jedes Mal wird die liebevolle Anrede „mein Sohn“ verwendet. Der Vater meint es gut mit ihm. Er soll auf den Vater hören, weil es zu seinem Segen gereichen wird.
1,8 „Höre, mein Sohn, die Unterweisung deines Vaters, und verlass nicht die Belehrung deiner Mutter!“ (Spr 6,20; 4,1)
Eltern haben ihre Autorität von Gott erhalten. Sie sind sozusagen Vertreter der Autorität Gottes. Jede sittliche Ordnung gründet sich auf das, was Gott gesagt hat; und den Grundsatz der Autorität der Eltern hat Er im 5. Gebot festgelegt. Wer die Autorität der Eltern nicht akzeptiert, kann nicht „gottselig“, d. h. nicht zu Gottes Wohlgefallen, leben.
► Wir finden in der Bibel nicht weniger als neun Stellen über das Ehren der Eltern.[9] Offenbar haben wir diese Ermahnung dringend nötig!
Es geht in den Sprüchen sehr oft um das Hören. Wir sollten uns hüten, große Redner sein zu wollen. „Daher, meine geliebten Brüder, sei jeder Mensch schnell zum Hören, langsam zum Reden“ (Jak 1,19). „Hören“ bedeutet für uns in erster Linie Bibellesen. Das Wort Gottes spricht jeden persönlich an. Dann aber sollen wir auch auf die Unterweisungen unserer (leiblichen wie geistlichen) Väter hören, die sie uns auf der Basis des Wortes Gottes erteilen oder in der Vergangenheit erteilt haben (Stichwort: Biblische Betrachtungen).
Die Belehrung der Mutter ergänzt die Unterweisung des Vaters. Sie ist es, die das Kind vor allem in den ersten Lebensjahren am meisten umsorgt und daher seine Neigungen und Bedürfnisse am besten kennt. Christliche Mütter können ihre Kinder schon früh mit der Liebe des Herrn Jesus vertraut machen. Diese Belehrungen aus dem Wort Gottes soll der „Sohn“ dann ein Leben lang bewahren, er soll sie „nicht verlassen“.
► Möchtest du gerne glücklich sein? Der Herr Jesus hat versichert: „Glückselig die, die das Wort Gottes hören und bewahren!“ (Lk 11,28; vgl. Spr 8,32).
■ In diesem Vers wird auch deutlich, dass Eltern eine Verantwortung ihren Kindern gegenüber haben. Wenn sie zum Beispiel die Belehrung ihrer Kinder den Sonntagschullehrern überlassen, dann haben sie ihre von Gott erhaltene Aufgabe nicht verstanden. Unser Vers macht auch deutlich, dass sowohl der Vater als auch die Mutter in der Erziehung der Kinder tätig sein müssen. Wenn man dies beachtet, wird der Herr „segnen, die den Herrn fürchten, die Kleinen mit den Großen“ (Ps 115,13).
1,9 „Denn sie werden ein anmutiger Kranz für dein Haupt und ein Geschmeide für deinen Hals sein.“
Gott lässt Gehorsam nicht unbelohnt. Es ist eine Zierde („anmutiger Kranz“) für jeden Christen, wenn er die Autorität seiner Eltern anerkennt. Man merkt es seinem Verständnis („Haupt“) und seiner inneren Haltung („Hals“[10]) an. Das beste Beispiel hierfür ist der Knabe Jesus. Er war seinen Eltern vollkommen untertan, und schon als Zwölfjähriger erstaunte Er die im Tempel anwesenden Schriftgelehrten durch sein Verständnis (Lk 2,46–51).
In Kolosser 3,20 wird betont, dass der Gehorsam gegenüber den Eltern Gott wohlgefällig ist. Es ist „das erste Gebot mit Verheißung“ (Eph 6,1.2; vgl. 2. Mo 20,12). Ein gehorsames Kind wird von Gott gesegnet und man sieht ihm an, dass es glücklich ist.
1,10–14: Der Vater beginnt nun mit einer Beschreibung der einzelnen Verlockungen. Die Verführer schieben die Gebote Gottes beiseite und machen das Land durch ihre Gewalttat unsicher (Hos 6,7–9).
1,10 „Mein Sohn, wenn Sünder dich locken, so willige nicht ein.“
Der weise Vater weiß, womit ein sündiger Weg oft beginnt: Gottlose Menschen „locken“ mit freundlichen Versprechungen. Doch ehe man sich’s versieht, ist man gefangen. Selbst ein gut behüteter junger Mensch kann durch die Ansichten und Gepflogenheiten der bösen Welt verführt werden, wenn er sich nicht rechtzeitig davor verschließt.
Hier können wir von David lernen. Er hatte den Wunsch, nicht mit Sündern und Blutmenschen „in einen Topf geworfen“ zu werden, und hielt sich fern von ihnen (Ps 26,9.4.5). Fliehen ist tatsächlich der beste Schutz vor bösen Versuchungen. Joseph floh vor den sündigen Verlockungen der Frau Potiphars (1. Mo 39,7–12).
Ein Beispiel eines Verführers ist der König Jerobeam, der Salomo auf dem Thron Israels folgte. 22-mal wird von ihm gesagt, dass er (durch den Altar in Bethel) Israel veranlasst hatte zu sündigen (z. B. 1. Kön 14,16). Es kann uns also passieren, dass selbst Vorgesetzte, Lehrer oder sogar die Regierung uns zum Sündigen verleiten.
Man kann auf verschiedene Weise auf den Weg der Sünde kommen:
Verführung: „… wenn Sünder dich locken“ (Spr 1,10).
Böses Reden: „In der Übertretung der Lippen ist ein böser Fallstrick“ (Spr 12,13).
Unbesonnenheit: „Wer mit den Füßen hastig ist, tritt fehl“ (Spr 19,2).
Hochmut: „Stolz der Augen und Überheblichkeit des Herzens … sind Sünde“ (Spr 21,4).
Not: „Für einen Bissen Brot kann ein Mann übertreten“ (Spr 28,21).
1,11 „Wenn sie sagen: Geh mit uns! Wir wollen auf Blut lauern, wollen den Unschuldigen nachstellen ohne Ursache; …“
Diese Verführer verstoßen gegen das 6. Gebot: „Du sollst nicht töten.“ Jonathan musste seinen Vater Saul vorwurfsvoll fragen: „Warum willst du dich an unschuldigem Blut versündigen, indem du David ohne Ursache tötest?“ (1. Sam 19,5). Und was musste unser Herr erleben? „Sie belauerten ihn …, um ihn anklagen zu können.“ „Und obschon sie keine Todesschuld fanden, baten sie Pilatus, dass er umgebracht würde“ (Mk 3,2; Apg 13,28).
Wir stehen wohl nicht in Gefahr, jemand zu ermorden. Doch gibt es ja auch „Rufmord“ (Mt 5,21.22). Auch kann man jemand (z. B. durch Mobbing) so „fertigmachen“, dass er am Leben verzweifelt. Bedenken wir auch: „Jeder, der seinen Bruder hasst, ist ein Menschenmörder“ (1. Joh 3,15). Eine solche Handlungsweise ist besonders abscheulich, wenn sie – wie hier – ganz bewusst „ohne Ursache“ geschieht.
1,12 „… wir wollen sie lebendig verschlingen wie der Scheol, und unverletzt, gleich denen, die plötzlich in die Grube hinabfahren; …“
Der Vergleich mit dem Scheol und der Grube[11] erinnert in Verbindung mit dem Vers „Scheol und Abgrund sind unersättlich“ (Spr 27,20) an die unbändige Gier dieser Menschen. Ihre Pläne sind sehr konkret. Und sie glauben, alle Spuren verbergen zu können („unverletzt“).
Jedoch übersehen diese Verbrecher, dass Gott seinerseits mit derart bösen Menschen ebenso handelt. Als Er Korah und seine Rotte bestrafte, „öffnete die Erde … ihren Mund und verschlang sie und ihre Familien und alle Menschen, die Korah angehörten“ (4. Mo 16,32).
Es mag sein, dass wir uns über solche Sünder entrüsten. Aber in Titus 3,3 lesen wir, was auch uns einst kennzeichnete: Wir waren „unverständig, ungehorsam, irregehend, dienten mancherlei Begierden
und Vergnügungen, führten unser Leben in Bosheit und Neid, verhasst und einander hassend“. Wir sehen: Das Böse steckt in jedem von uns.
1,13 „… wir werden allerlei kostbares Gut erlangen, werden unsere Häuser mit Beute füllen; …“
Oft wird die Sünde attraktiv dargestellt. „Gestohlene Wasser sind süß“ (Spr 9,17). Aber das 8. Gebot lautet: „Du sollst nicht stehlen.“ Stehlen ist eine Folge der Habsucht (V. 19). Es ist beschämend, dass Gott auch uns ermahnen muss: „Wer gestohlen hat, stehle nicht mehr“ (Eph 4,28). Die Verlockung ist groß, sich an fremdem Eigentum zu bereichern.
► Auch wenn wir anderen etwas vorenthalten, was ihnen zusteht, ist das nichts anderes als Stehlen: private Nutzung der Arbeitszeit, Steuerhinterziehung usw.
1,14 „… du sollst dein Los mitten unter uns werfen, wir alle werden einen Beutel haben: …“
Hier kommt nun eine weitere Verlockung, falls der Sohn noch zögern sollte, mitzumachen. Dem „Anfänger“ wird dasselbe versprochen wie den „Profis“. Doch der Sohn wird in dieser üblen Gesellschaft die Erfahrung machen, dass er am Ende selbst der Geschädigte ist. Mancher ist schon in eine solche Falle getappt und gehörte dann einer Clique an, die ihn nicht mehr losließ.
Das Beispiel Lots ist hier sehr lehrreich. Er hatte die saftigen Weiden Sodoms vor Augen und erwählte sich diese Gegend als Wohnort, obwohl die Menschen dort „große Sünder“ waren (1. Mo 13,10–13). Er „warf sein Los mitten unter ihnen“. Bald wandelte er im „Rat der Gottlosen“, stand auf dem „Weg der Sünder“ und saß schließlich im Tor Sodoms, sozusagen im „Kreis der Spötter“ (Ps 1,1; 1. Mo 19,1).
1,15–19: Nachdem der Vater seinem Sohn geschildert hat, wie gefährlich und geschickt Verführer oft auftreten, richtet er nun einen warnenden Appell an ihn. Er beschreibt ihm das böse Ende ihres Weges.
1,15 „Mein Sohn, geh nicht mit ihnen auf dem Weg, halte deinen Fuß zurück von ihrem Pfad; …“
Aus diesen Worten spürt man die Besorgtheit eines weisen und liebenden Vaters. Es ist ihm wichtig, dass der Sohn nicht in den Sog des Bösen gerät und dann sein Ende mit dem der Mörder teilt. Mit den Ausdrücken „Weg“ und „Pfad“ meint er die Lebensführung des Sohnes. Der „Fuß“ deutet darauf hin, dass sich der Sohn selbst entscheiden muss und sich von dem ersten verkehrten Schritt „zurückhalten“ soll.
► Wir sollten immer wieder beten: „Deine Wege, Herr, tu mir kund, deine Pfade lehre mich!“ (Ps 25,4).
1,16 „… denn ihre Füße laufen dem Bösen zu, und sie eilen, Blut zu vergießen.“ (Spr 6,18)
In den Versen 16 und 18 nennt der Vater zwei Gründe, warum er so dringend davon abrät, sich mit diesen Menschen zu verbinden. Erstens sind es Mörder, und zweitens bereiten sie sich ihr eigenes Verderben.
Sie eilen, Blut zu vergießen. In Daniel 6 ist auffällig, dass die Vorsteher immer wieder eilen, wenn sie Daniel vor dem König anklagen. Ähnlich heißt es in Römer 3,15: „Ihre Füße sind schnell, Blut zu vergießen“. Ja, zum Sündigen sind wir Menschen leider immer sehr schnell bereit!
► Als Gläubige sollten wir „laufen“, den Willen Gottes auszuführen und das Evangelium zu verbreiten. Der Psalmdichter sagt: „Den Weg deiner Gebote werde ich laufen“ (Ps 119,32).
1,17 „Denn vergeblich wird das Netz ausgespannt vor den Augen alles Geflügelten; …“
Die Belehrung dieses Verses ist: Mach es wie die Vögel, flieh vor der Gefahr, flieh vor der Versuchung! Wer sich nicht auf Böses einlässt, der entrinnt dem Feind, auch wenn dieser wie ein Vogelfänger „Netze ausspannt“. Aber dazu muss der Blick für das, was Gott gefällt, geschärft sein. Sünder dagegen rennen mit geöffneten Augen in ihr eigenes Verderben (Hiob 33,18; 36,12).
1,18 „… sie aber lauern auf ihr eigenes Blut, stellen ihren eigenen Seelen nach.“
Der zweite Grund für die Warnung des Vaters ist, dass böse Menschen letztendlich selbst in die von ihnen aufgestellten Fallen geraten. „Den Gottlosen wird das Böse töten“ (Ps 34,22), sagt der gejagte David. Sie beschwören über sich sogar ein schwereres und sichereres Verderben herauf als das, was sie über andere planten. Räuber, die gemeinsame Sache machen, „lauern“ oft nach der Tat gegenseitig auf ihr Blut, weil jeder die Beute für sich haben möchte.
1,19 „So sind die Pfade all derer, die der Habsucht frönen: Sie nimmt ihrem eigenen Herrn das Leben.“
In der Bibel wird die Habsucht oft zusammen mit den „größten“ Sünden genannt (1. Kor 5,10; 6,10; Eph 5,3). Da sie schwerer zu entdecken ist – auch in meinem eigenen Herzen! –, wird sie oft verharmlost. Aber dieser Vers sagt, dass sie ebenso „tödlich“ ist wie andere Sünden. Und niemand kann sich von dieser Sünde wirklich freisprechen. Man hat gesagt, dass das 10. Gebot „Du sollst nicht begehren …“ eines der schwersten ist.
Da das sündige Fleisch immer noch in uns ist, warnt uns der Heilige Geist eindringlich vor der Geldliebe. Sie „ist eine Wurzel alles Bösen, der nachstrebend einige von dem Glauben abgeirrt sind und sich selbst mit vielen Schmerzen durchbohrt haben“ (1. Tim 6,10). Auch Jakobus beschreibt die Folgen der Habsucht sehr plastisch, wenn er sich an die wendet, die sich auf Kosten anderer bereichern: „Wohlan nun, ihr Reichen, weint und heult über euer Elend, das über euch kommt! Euer Reichtum ist verfault, und eure Kleider sind von Motten zerfressen worden“ (Jak 5,1.2).
► Der Herr Jesus warnt: „Gebt acht und hütet euch vor aller Habsucht, denn auch wenn jemand Überfluss hat, besteht sein Leben nicht durch seine Habe“ (Lk 12,15).
Die speziellen Warnungen des Vaters sind nun vorerst beendet. Dreimal hat er die Anrede „mein Sohn“ verwendet:
Vers 8: Vergiss nicht, was du zu Hause gelernt hast!
Vers 10: Pass auf, wenn Sünder dich locken!
Vers 15: Lass dich nicht mit Sündern ein!
Nun spricht die Weisheit selbst. Wie einleitend bereits bemerkt, wird sie im Buch der Sprüche oft personifiziert. Das beginnt schon hier im ersten Kapitel: Sie „schreit“, sie „ruft“, sie „lacht“, sie „spottet“, was man eigentlich nur von einer Person sagen kann. Und ist es nicht letztlich der Herr Jesus, der hier spricht?
Wir können in der Ansprache der Weisheit deutlich zwei Teile erkennen:
Spr 1,20–23: Allgemeiner Appell der WeisheitSpr 1,24–33: Konsequenzen der Ablehnung dieses Appells
1,20–23: Diese Verse haben große Ähnlichkeit mit den einleitenden Versen des 8. Kapitels. Ebenso wie dort, „schreit“ hier die Weisheit, damit sie von jedermann gehört wird.
1,20 „Die Weisheit schreit draußen, sie lässt auf den Straßen ihre Stimme erschallen.“ (Spr 8,1)
Die Weisheit flüstert ihre Belehrungen nicht ins Ohr, sondern sie „schreit“. Auch der Herr Jesus „rief und sprach“ (Joh 7,28.37; 12,44). Die Stimme Gottes soll weithin gehört werden.
Die Weisheit redet nicht nur im (gläubigen) Elternhaus (Spr 1,8–19), sondern sie lässt ihre Stimme auch öffentlich („draußen“), inmitten unseres gesellschaftlichen Umfelds („Straßen“) erschallen. Es geschieht dort, wo viele sie hören können (Joh 18,20) – „damit sie ohne Entschuldigung seien“ (Röm 1,20).
1,21 „Sie ruft an der Ecke lärmender Plätze; an den Eingängen der Tore, in der Stadt redet sie ihre Worte: …“
Auch da, wo allerlei Ablenkung ist, versucht die Weisheit, sich Gehör zu verschaffen, ebenso wo Recht gesprochen („Tore“) und Handel getrieben wird („Stadt“). Dort befinden sich die hochgestellten Menschen dieser Welt, die meinen, alles selbst im Griff zu haben. Aber auch sie brauchen die Belehrung der göttlichen Weisheit.
■ Ein Evangelist muss die Menschen da suchen, wo sie sich aufhalten. Auch Jesus zog gezielt in das verachtete Samaria oder in das Gebiet von Tyrus und Sidon, um dort einzelne Personen aufzusuchen (Joh 4,4–7; Mk 7,24–30).
1,22 „Bis wann, ihr Einfältigen, wollt ihr Einfältigkeit lieben und werden Spötter ihre Lust an Spott haben und Toren Erkenntnis hassen?“
Die Frage „Bis wann?“ zeigt die Geduld Gottes. Er ist langmütig, redet aber doch gleichzeitig mit energischem und eindringlichem Ton. Drei Gruppen spricht Er an:
Die Einfältigen, die keine Einsicht und Urteilsfähigkeit haben, aber doch verantwortlich sind für ihr Tun (Spr 1,4).
Die Spötter, die alle Appelle an das Gewissen verwerfen. Sie machen sich in frivoler Weise über die Worte der Weisheit lustig. Im Gegensatz zu den Einfältigen besteht bei ihnen nur geringe Hoffnung auf Besserung (Spr 19,25; 13,1).
Die Toren, die Erkenntnis hassen. Ihre Unvernunft liegt darin, dass sie gottlos leben oder sogar sagen: „Es ist kein Gott“ (Ps 14,1). Der Tor ist ein Mensch, der ungeniert „gegen den Allmächtigen trotzt“ (Hiob 15,25), d. h. Ihm widersteht. In Vers 29 wird „Erkenntnis hassen“ in einem Atemzug mit fehlender Furcht des Herrn
► Die Weisheit spricht jeden gezielt an. Auch bei uns zögert sie nicht, uns genau zu sagen, was wir sind. „Du bist der Mann“, musste David vom Propheten Nathan hören (2. Sam 12,7).
Bis heute appelliert Gott noch an Einfältige, Spötter und Toren, dass sie von ihrem verderblichen Weg umkehren. Aber Er lässt sie frei entscheiden – wie sie „wollen“.
1,23 „Kehrt um zu meiner Zucht! Siehe, ich will euch meinen Geist hervorströmen lassen, will euch kundtun meine Reden.“
Wie bereits bei Vers 4 erläutert, wendet Gott „Zucht“ an, wenn sich jemand auf einem falschen Weg befindet. Zucht ist nicht angenehm (Heb 12,11). Deshalb besteht die Gefahr, sich ihr irgendwie zu entziehen. Daher der Ruf: „Kehrt um zu meiner Zucht!“ Hier geht es also nicht um den Ruf des Evangeliums, sondern um die Aufforderung, Gottes Regierungswege zu erkennen und anzuerkennen.
► Denke nach, ob Gott dir vielleicht durch eine Krankheit, ein Unglück oder irgendein Missgeschick etwas sagen will!
Gott möchte segnen. Er möchte seinen „Geist hervorströmen lassen“. Dabei geht es hier natürlich nicht um die Verheißung des Heiligen Geistes, den jeder, der an Jesus Christus glaubt, empfängt. Es geht einfach um das Wirken des Geistes Gottes in einem Menschen, der sich unter Gottes Zucht beugt. Er versteht dann in seinem Herzen das „Reden“ Gottes und wird sein Leben in Gemeinschaft mit Ihm führen.
1,24–33: Nach den eindringlichen Appellen der Weisheit beschreibt sie nun die fatalen Folgen für den, der nicht auf sie hört.
1,24 „Weil ich gerufen habe und ihr euch geweigert habt, meine Hand ausgestreckt habe und niemand zugehört hat, …“
Gott will nicht, dass jemand verloren geht: „Habe ich etwa Gefallen am Tod des Gottlosen?, spricht der Herr, Herr, nicht vielmehr daran, dass er von seinen Wegen umkehre und lebe?“ (Hes 18,23; vgl. Hes 33,11). Gott ist gnädig und langmütig. Deswegen hat Er immer wieder gerufen, aber man hat sich geweigert, zu hören. „Am Ende der Tage“ hat Gott in der Person seines Sohnes geredet (Heb 1,1; Gal 4,4), aber „die Seinen nahmen ihn nicht an“ (Joh 1,11). Er hat seine „Hand ausgestreckt“, aber „niemand hat zugehört“: „Wer hat unserer Verkündigung geglaubt, und wem ist der Arm des Herrn offenbar geworden?“ (Jes 53,1).
Gott nimmt durchaus Notiz davon, wenn jemand Ihm nicht zuhört oder seine Worte in den Wind schlägt. Wenn man achtlos seine eigenen Wege weitergeht, „der eine auf seinen Acker, der andere an seinen Handel“ (Mt 22,5). Das ist eine Beleidigung Gottes.
Besondere Verantwortung trifft hierbei das Volk der Juden und die Menschen, die in christlichen Ländern leben. Sie können das Wort Gottes lesen im Gegensatz zu den vielen Menschen aus der Heidenwelt, die den Willen Gottes nur durch ihr Gewissen erkennen können (Röm 2,15).
1,25 „… und ihr all meinen Rat verworfen und meine Zucht nicht gewollt habt, …“ (Spr 1,30)
Der Mensch ist von sich aus nicht an dem „Rat“ Gottes interessiert. Wer einen guten Rat verwirft, meint, es besser zu wissen. Das ist nicht nur Unabhängigkeit und Hochmut, sondern auch eine Beleidigung gegenüber dem Ratgeber und eine Missachtung der angebotenen Hilfe.
Wer göttliche „Zucht“ ablehnt, meint, dass in seinem Leben alles in Ordnung sei und er keine Korrektur benötige. Wie leicht können auch wir zu einer solchen Ansicht kommen.
Diese Verse zeigen, dass Menschen, die die göttliche Weisheit ablehnen, aus zweierlei Gründen besondere Schuld trifft:
Wegen der Vielseitigkeit der Bemühungen Gottes:
Er hat gerufen. Das war ein Appell, nicht nur eine Mitteilung der Wahrheit (V. 20.21.24).
Er hat seine Hand einladend ausgestreckt (V. 24).
Er hat unterwiesen mit „Rat“ und „Zucht“ (V. 23.25).
Er hat Verheißungen gegeben (V. 23.33).
Er hat gewarnt (V. 26–33).
Wegen des Charakters ihrer Ablehnung:
Sie „liebten“ die Einfältigkeit und hatten Freude an Spott (V. 22).
Sie weigerten sich hartnäckig (V. 24).
Sie hörten einfach nicht zu (V. 24).
Sie verwarfen Rat und Zucht (V. 25).
1,26 „… so werde auch ich bei eurem Unglück lachen, werde spotten, wenn der Schrecken über euch kommt; …“
Gott zeigt dem Menschen seine Grenzen auf. Einmal ist das Maß voll (Mt 23,32). Ständige Weigerung, auf Ihn zu hören, führt schließlich zum Gericht. Derselbe Gott, der langsam zum Zorn und groß an Güte ist, „lacht“ dann nur noch. Es ist ein „Lachen des Gerichts“ (Ps 2,4). Dieses Lachen und Spotten Gottes unterstreicht einerseits die Absurdität der Torheit und andererseits die Überlegenheit der Weisheit.
In 5. Mose 28,63 steht eine ähnliche, schreckliche Prophezeiung: „Und es wird geschehen: So wie der Herr sich über euch freute, euch Gutes zu tun und euch zu mehren, so wird der Herr sich über euch freuen, euch zugrunde zu richten und euch zu vertilgen.“ Auch andere Verse zeigen, dass Gottes Geduld einmal zu Ende sein wird. Hosea schreibt über das 10-Stämme-Reich: „Ephraim ist mit Götzen verbündet; lass ihn gewähren“ (Hos 4,17), und Stephanus stellt in Bezug auf Israel in der Wüste fest: „Gott aber wandte sich ab und gab sie hin“ (Apg 7,42). Über die Heiden schreibt Paulus: „Deswegen hat Gott sie hingegeben in schändliche Leidenschaften“ (Röm 1,26). Wenn ein Mensch sich bewusst für die Sünde entscheidet, dann lässt Gott ihn sozusagen gehen. Er lässt ihn allein. Das ist ein schreckliches Los!
1,27 „… wenn der Schrecken über euch kommt wie ein Unwetter, und euer Unglück hereinbricht wie ein Sturm, wenn Bedrängnis und Angst über euch kommen.“
Wenn Gott das Unglück (die Züchtigung) bringt, wird dies verheerende Auswirkungen haben. Mit den Ausdrücken „Unwetter“ und „Sturm“ betont der Heilige Geist die Plötzlichkeit und Gewalt, mit der das Gericht den trifft, der die Weisheit verachtet hat.
Bei dieser Beschreibung werden unsere Gedanken auch auf das zukünftige Gericht über die gottlose Menschheit vor Beginn des Tausendjährigen Reiches gelenkt. Paulus schreibt, dass es „wie ein Dieb in der Nacht“ und „wie die Geburtswehen über die Schwangere“ hereinbricht (1. Thes 5,2.3). Auch Zephanja gibt eine sehr ernste Beschreibung dieses Gerichtstages: „Ich werde alles von der Fläche des Erdbodens ganz und gar wegraffen …“ (Zeph 1,2–3.15–18). Wer dieses furchtbare Gericht nicht fürchtet, beweist, dass er auch den Herrn nicht fürchtet.
1,28 „Dann werden sie zu mir rufen, und ich werde nicht antworten; sie werden mich eifrig suchen und mich nicht finden, …“
Hier ist der Moment gekommen, wo Gott nicht (mehr) hört. „Wie er gerufen hatte und sie nicht gehört hatten, so riefen sie, und ich hörte nicht, spricht der Herr der Heerscharen“ (Sach 7,13). „Sie werden umherlaufen, um das Wort des Herrn zu suchen, und werden es nicht finden“ (Amos 8,12).
Die Weisheit versichert: „Die mich früh suchen, werden mich finden“ (Spr 8,17). Der Herr ist treu im Blick auf diejenigen, die Ihn früh (oder eifrig[12]) suchen. Er liebt sie und lässt sich von ihnen finden. Aber Er ist auch „treu“ in seinem Verhalten gegenüber denen, die Ihn in der „wohlangenehmen Zeit“ ablehnen (2. Kor 6,2). Wer Ihn nicht finden wollte, wird Ihn auch später nicht finden, selbst wenn er dann den Segen wie Esau „mit Tränen eifrig sucht“ (Heb 12,17). Denselben Gedanken äußert der Herr in Lukas 13,24–28, wenn Er von der „engen Tür“ spricht, die einmal verschlossen sein wird.
1,29 „… weil sie Erkenntnis gehasst und die Furcht des Herrn nicht erwählt, …“
Das ist der Kern der Sache und der Grund, warum Gott nicht mehr hört. Er lässt sich nicht spotten. Er hat es den Toren gesagt, hat es ihnen bewusst gemacht, dass sie „Erkenntnis hassen“ und ihnen das zum Schaden sein würde (V. 22). Sie hätten über dieses Urteil nachdenken sollen und ihre Einstellung ändern sollen. Aber sie haben ihre Wahl getroffen – und sich bewusst gegen die „Furcht des Herrn“ entschieden.
1,30 „… nicht eingewilligt haben in meinen Rat, verschmäht haben all meine Zucht.“ (Spr 1,25)
Der Heilige Geist wiederholt die Worte aus Vers 25, um zu zeigen, wie schwerwiegend es ist, den Rat und die Zucht Gottes zu ignorieren. Als vor etwa 2000 Jahren Gott „zu uns im Sohn geredet hat“ (Heb 1,2), wollte Er den Menschen helfen, ihnen raten. Aber sein Sohn wurde abgelehnt. Sein „Rat“, sein Aufruf zur Buße und seine Worte der Gnade verhallten ungehört. Und wenn Er ihr Gewissen bloßstellte und deutliche Worte des Gerichts aussprach, „verschmähten“ sie diese Zucht.
1,31 „Und sie werden essen von der Frucht ihres Weges und von ihren Plänen sich sättigen.“
Gott urteilt nach dem, was ein Mensch in seinem Leben tut, es sei Gutes oder Böses. Jeremia sagt, dass Gottes „Augen über alle Wege der Menschenkinder offen sind, um jedem zu geben nach seinen Wegen und nach der Frucht seiner Handlungen“ (Jer 32,19; vgl. Jer 21,14; Jes 3,10). Er wird nichts übersehen oder vergessen.
