Leben ist ansteckend - Tine Braun - E-Book

Leben ist ansteckend E-Book

Tine Braun

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Beschreibung

Nichts ist so, wie du denkst, dass es ist, sagt Rosalie. Rosalie, die Joggerin, die für den Berlin Marathon trainiert und Antonia, die seit Monaten ihren an Demenz erkrankten Vater pflegt. Zwei Frauen, die zufällig nachts aufeinandertreffen. Durch Rosalies Satz ändert sich Antonias Sicht auf die Welt. Nichts ist so, wie du denkst, dass es ist. Aber was ist dann die Wahrheit? Eine Woche im September. Gespräche in der Nacht zwischen zwei jungen Frauen. Ist ihre Begegnung Zufall? Wer ist Rosalie wirklich, und wie schafft sie es, dass Antonias Leben am Ende der Woche nicht nur völlig verändert, sondern komplett auf den Kopf gestellt wird.

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Seitenzahl: 343

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

1. Am Montag danach

2. Die Erinnerung

3. Wie es begann

4. Sonntag

5. Montag

6. Die Nacht von Montag auf Dienstag

7. Dienstag

8. Die Nacht von Dienstag auf Mittwoch

9. Mittwoch

10. Die Nacht von Mittwoch auf Donnerstag

11. Donnerstag

12. Die Nacht von Donnerstag auf Freitag

13. Freitag

14. Die Nacht von Freitag auf Samstag

15. Samstag

16. Sonntagvormittag

17. Montag danach

Es wäre ein Fehler zu behaupten, ich sei verrückt geworden. Ich war nicht immer so. Ich bin immer noch normal.

Auch wenn mein Verstand in den letzten Tagen Federn lassen musste, mein Verstand, so wie ich ihn kannte. Vielleicht hat er aber auch Flügel bekommen, endlich, oder einen neuen Anstrich. Was auch immer.

Er ist nicht mehr das, was er einmal war.

Aber was heißt das schon.

Meine Worte mögen verrückt klingen, und das ist gut so.

Letztendlich haben wir alle keine Ahnung von dem, was verrückt ist oder normal.

Wir diskutieren über Realitäten, Regeln, Grundsätze, über das was ist, wie es ist oder wie es war.

Wir maßen uns an, vorauszusehen, was mit hoher Wahrscheinlichkeit oder absoluter Sicherheit morgen kommen wird, oder auch nicht.

Dabei haben wir keine Ahnung. Und nicht nur das.

Wir haben nicht nur keine Ahnung, wir erkennen noch nicht einmal ein Fünkchen von dem, was wirklich um uns herum geschieht.

Wie können wir uns anmaßen, die „Krone der Schöpfung“ zu sein?

Wir Menschen, die wir blind und taub durch unser Leben rennen, im

Glauben Bescheid zu wissen.

Was für eine Arroganz.

Wir wissen nichts.

Wir sehen nur Vordergründiges.

Wir hören nur Oberflächliches.

Wir fühlen nur unser kleines Ich.

Wir meinen alles im Griff haben zu müssen. Die Kontrolle, vielleicht sogar die Macht besitzen zu wollen, über die Schöpfung, über das Leben.

Dabei befinden wir uns in einem luftleeren Raum. Das wirkliche Leben fliegt neben uns her und lacht uns aus.

Gemeinsam und doch jeder für sich, hängen wir in einer Schleife fest. Bis sie sich auflöst.

Dies geschieht nicht immer, aber oft in Situationen, in denen du wieder und wieder gegen eine Wand läufst, in einer Sackgasse stecken bleibst, oder in Grenzbereiche geworfen wirst und dich in ihnen verirrst.

Immer dann besteht die Chance, dass sich die Schleife, in der du hängst, auflöst.

Weil die Zeit gekommen ist.

Weil dein Leben genau auf diesen Zeitpunkt hingearbeitet hat.

Obwohl du dachtest, dass das Leben dir nichts mehr zu bieten hat. Obwohl du müde bist und dein Kopf sich leer anfühlt.

Genau das sind die Zeitfenster, die das Leben liebt und nutzt, und in denen die Magie zu fließen beginnt.

In solch einem Zeitfenster wirst du geführt, und du hast keine Ahnung wie dir geschieht.

So erging es mir, als ich Rosalie traf.

1.

Am Montag danach

Vor mir auf dem Küchentisch meiner Eltern liegt der Brief. Es ist früh am Morgen und es ist Montagmorgen.

Seit gestern trage ich den Brief mit mir herum. In der Nacht war ich bereit ihn zu öffnen und die ersten Sätze zu lesen. Der Brief umfasst mehrere Seiten.

Ich muss behutsam mit diesem Brief umgehen. Mit diesem Brief und mit mir.

Ich stehe auf dünnem Eis. Meine Welt hat sich verschoben.

Innerhalb weniger Tage haben sich Türen geschlossen und andere geöffnet.

Türen, von denen ich keine Ahnung hatte und die mir ehrlich gesagt immer noch etwas Angst machen.

Noch stehe ich wie auf einer schwankenden Hängebrücke, und am anderen Ende ist ein Tor, ein offenes Tor. Der Weg geht nur nach vorne.

Das Tor ist mein Ziel.

Ich habe keine Ahnung, was dahinter auf mich wartet.

All das beunruhigt mich nicht.

Ich habe Zeit und ich bin frei.

Es ist Montagmorgen. Es regnet. Nach einem heißen August regnet es endlich.

Der Regen passt mir gut.

Ich sitze am Küchentisch meiner Eltern, und vor mir liegt der Brief.

Neben dem Brief stapeln sich weiße Blätter. Ich habe mir eine Kanne mit Kaffee gemacht und auch sie hat einen Platz auf dem Tisch, zusammen mit einer Tasse, Bleistiften und Buntstiften.

Es ist ein regnerischer Tag im September.

Ich habe Zeit und ich bin frei.

Obwohl dies so nicht ganz stimmt.

Noch hänge ich fest in einem Zwischenraum, in einem zeitlichen oder räumlichen Zwischenraum, in jedem Fall einem Zwischenraum von dem ich nicht wusste, dass es ihn gibt.

Innerhalb der letzten Woche hat sich meine Welt verschoben.

Ich hänge fest in einem Zwischenraum auf einer Hängebrücke und es wird mir erst gelingen durch das Tor am Ende der Brücke zu gehen, wenn sich der Kreis in mir geschlossen hat.

Solange werde ich sitzenbleiben, hier in der Küche.

Alles was ich benötige, liegt auf dem Küchentisch meiner Eltern, der ab jetzt mein Küchentisch ist. Ich will nicht hin- und herrennen müssen, weil dieses und jenes fehlt.

Deshalb habe ich alles, was ich brauche vor mir und in Reichweite platziert.

Ich will zurückgehen zum Anfang oder zu dem Zeitpunkt, von dem ich glaube, dass er der Anfang war.

Der Anfang von dem, was mich hinter dem Tor erwartet. Mich sozusagen in die Zukunft zurückschreiben.

Mich hin zu diesem Tor schreiben, mich der Bilder und Worte, der Gesten und Zeichen erinnern, um den ersten Schritt zu wagen.

Das Leben hat die Angewohnheit uns Krisen, Überraschungen und

Wunder um die Ohren zu hauen. Das geschieht für gewöhnlich in Monaten, Jahren, Jahrzehnten, aber manchmal auch in einer einzigen Woche.

Es ist wie ein Sprung in der Zeit, in der alles zusammen auf einmal geschieht. Wahrscheinlich habe ich in all den Jahren nur die Zeichen nicht verstanden.

Zu jeder Zeit begegnen uns Zeichen, die wir übersehen oder nicht verstehen. Das Leben würde sich leichter leben, würden wir genauer hinschauen, um das zu sehen, was wir nicht sehen wollen, genauer hinhören, um die Melodien hinter allem zu erfassen oder die wahren Worte hinter den vordergründigen. Das erkennen, was das Offensichtliche verbirgt, was sich hinter den Masken dieser Welt versteckt. Oder wie Rosalie sagte: „Die Wahrheit liegt fast immer dahinter.“ Nachdenklich gieße Ich mir eine Tasse Kaffee ein, lege mir ein Blatt Papier zurecht, gehe mit meinen Gedanken über den Anfang hinaus.

Es gab Momente in den letzten Monaten, in denen ich mich fast verlor.

Der Blick auf ein Kissen oder auf die Medikamentenschachtel genügte, um mich mit Gedanken und Bildern herumzuquälen, die ich niemals in mir vermutet hätte. Gedanken, die mir meine inneren Dämonen vor Augen führten. Gedanken daran, wie ich all dem ein Ende setzen konnte. Wieder und wieder gab es Momente, da bewegte ich mich auf dünnem Eis, malte mir Szenen aus, in denen ich Gift mischte, oder ein Kissen auf sein Gesicht presste. Knappe Episoden in meinem Gehirn, die mir zeigten, wozu Menschen fähig sein können, wenn kein Ausweg sichtbar ist.

Die Stille im Haus meiner Eltern machte mich wahnsinnig. Dann wiederum war es der Krach auf der Straße, der Geruch, die Geräusche.

Die verdammte Unberechenbarkeit der Demenz meines Vaters übernahm Schritt für Schritt die Kontrolle über mein Leben.

Kleinigkeiten, Alltäglichkeiten brachten mich zur Verzweiflung.

Am schlimmsten jedoch war die Wut, eine alte, tiefe, klebrige Wut.

Ich redete mir ein, dass ich immer noch alles unter Kontrolle hätte, obwohl ich mich nicht so fühlte. Es gab Situationen, da befürchtete ich, dass die Demenz mich mehr und mehr infizierte.

Schließlich war es nicht normal, an Mord zu denken, an Weglaufen, Flüchten oder daran, aus dem Fenster zu springen.

Rein äußerlich wirkte ich immer noch normal. Nichts hatte sich verändert an meinem Aussehen in all den Wochen, so dachte ich. Die Haare vielleicht, die Haut. Aber wen interessierte das?

Mein Spiegelbild schaute mich an wie früher. Etwas dunkler, ja, ja. Die Falten um den Mund waren im letzten Sommer auch noch nicht dagewesen. Aber was bedeutete schon, früher. Früher, dachte ich, bedeutet, stundenlang in einem Café zu sitzen und ein Buch zu lesen.

Als ich am heutigen Morgen vom Spiegel weg hinaus auf die Straße schaue, kommt es mir vor, als bliebe die Zeit stehen. Für einen Moment ist da eine Leere in meinem Kopf, die all meine Gedanken einfriert. Eine Art Stillstand von Raum und Zeit.

Für den Hauch eines Moments rast die Zeit ohne mich.

Aber so ist es natürlich nicht.

Leben bedeutet stete Veränderung, oft unbemerkt und ohne unser Zutun.

Manch einer glaubt, wir Menschen würden uns nie verändern. Was für ein Trugschluss.

Alles verändert sich, überall und zu jeder Zeit. Gott sei Dank.

Und mitten im Gerangel der Veränderungen gibt es Sprünge in der Zeit, von denen wir keine Ahnung haben. Wir sind so sehr in unserem Alltagsgewusel gefangen, dass wir nicht einmal das bemerken.

Dann braucht es tiefere Sprünge. So wie bei mir.

Immer dann, wenn dies geschieht, verändert sich von einem Moment zum anderen die Perspektive, und nichts ist mehr so, wie es einmal war.

Manche dieser Sprünge sind kaum in Worte zu fassen. Sie berühren uns auf der tiefsten Ebene unseres Seins. Sie öffnen uns die Augen und lassen uns mit unserer veränderten Sicht ein wenig hilflos zurück.

Ich lege den Stift zur Seite, schaue mich um. Sehe die vertrauten Bilder, sehe Szenen aus der Vergangenheit, Menschen, die kommen und gehen, und mittendrin, sehe ich mich. Sehe mein Herz schlagen und weiß mit einem Mal, dass ich diese Geschichte nur mit dem Herzen schreiben kann.

Ich muss mein Herz also endlich öffnen, sowie man ein Tor öffnet. Ein Herzenstor für mich selbst und für meine Menschen.

Ich heiße Antonia. Die Menschen, die mich gut kennen, nennen mich Toni. Ich nenne mich selbst seit gestern Tonia. Ich bin achtunddreißig Jahre alt. Aber das heißt nichts, das heißt rein gar nichts.

Noch vor einer Woche war ich davon überzeugt, dass mein Leben mir nicht mehr viel zu bieten hat.

Dabei besaß ich alles. Ein Haus, ein Auto, einen Vater, einen Mann, einen Küchenstuhl, Kleidung, einen Spiegel. Und Zigaretten, ja, seit ein paar Wochen besaß ich auch wieder Zigaretten. Was fehlte denn noch?

Nichts, dachte ich, nichts.

Im Gegenteil.

Außer den Zigaretten würde ich an manchen Tagen gerne auf alles andere verzichten. Kein Haus, kein Auto, keinen Vater, keinen Mann.

Genauso, dachte ich, genauso.

Aber auf diese Weise zu denken, machte mir keine Freude. Ganz allgemein betrachtet, machten mir meine Gedanken schon lange keine Freude mehr.

Freude, ein unstetes Gefühl, dem man nicht trauen sollte, trügerisch und nicht verlässlich. Viel zu anstrengend.

Es fiel mir leichter, mich nicht zu freuen. Für Freude war ich viel zu erschöpft. Freude hätte eine Veränderung bedeutet. Veränderung jedoch lag außerhalb meines Blickfeldes, außerhalb meines Vorstellungsvermögens.

Ich hatte mich festgefahren in einer freudlosen Sackgasse.

Seit Wochen, nein Monaten zogen sich meine Tage und Nächte in einem stummen, beängstigenden Rhythmus dahin. Veränderung, bereits der Gedanke daran überforderte mich, obwohl ich wie ein Kleinkind um ein Wunder betete.

Ich wollte einfach nur, dass es aufhörte.

In den letzten Monaten gab es immer wieder Stunden, da saß ich auf dem Küchenstuhl in der Küche meiner Eltern und hörte das Leben an mir vorbeirauschen. Es plätscherte wie eine auslaufende Wärmflasche über dem Waschbecken, lauwarm und wellenlos.

Ich saß auf dem Küchenstuhl, legte die Hände auf meinen Bauch, während neben mir, quasi außerhalb von mir, mein Leben zerrann und hinter mir der Wecker meiner Eltern auf der Kommode tickte, wie eine Zeitbombe, die das Warten leid war.

Dieser penetrante Wecker stand dort seit Menschengedenken. So ein buntes schrilles Ding, tausend Jahre alt, seitlich mit zwei Schellen, die, wenn die Stunde schlägt, Tote aufschrecken konnten.

Wie lange wollte ich dieses Geräusch noch aushalten und warum? Es wäre ein leichtes gewesen, ihn schnurstracks mit dem Müll zu entsorgen, wenn ich nicht insgeheim den Zusammenbruch meines so filigranen gesponnenen Spinnennetzes hätte befürchten müssen.

Eines Spinnennetzes rund um die Demenz meines Vaters, mit all seinen Verrücktheiten, Ängsten, hohlen Haltegriffen und unberechenbaren Grausamkeiten. Das penetrante Ticken des Weckers dröhnte durch die zähe Stille der Wohnung und gab meinem Vater ein, wenn auch schwindendes Gefühl von Geborgenheit.

Alles Vertraute, das ihn umgab, löste sich mehr und mehr auf.

Das wenige, was ihm geblieben war, musste bleiben, auch wenn es auf Kosten meines Verstandes ging. Es gab Schlimmeres. Vermutlich gab es Schlimmeres.

Allerdings fiel es mir schwer, mir Schlimmeres vorzustellen, wenn in der bedrückenden Stille einer wieder einmal schlaflosen nächtlichen Sitzwache der tickende Wecker mich unbarmherzig auf die Probe stellte.

Die Sitzwachen in der Wohnung meines Vaters waren zu meinem Lebensmittelpunkt geworden. Ich lebte sie sitzend, stehend, laufend, liegend. Die Wände der Wohnung meines Vaters wurden zu meinen Wänden. Es gab Nächte, da bewegten sich die Wände auf mich zu oder von mir weg.

Seit Monaten ging das so.

Mein Vater zog mental aus und ich ein.

In meinem normalen Leben wohne ich gegenüber auf der anderen Straßenseite.

Auch in meiner Wohnung ticken Wecker. Beide stehen auf Philipps Nachtschrank.

Ich besitze keine Wecker. Ich hasse Wecker.

Ich höre das Leben und die Zeit auch ohne Wecker.

Der Stuhl in der Küche meiner Eltern war zum Fixpunkt meiner täglichen und nächtlichen Sitzwachen geworden.

Am Küchentisch las ich Bücher, zerbröselte mir den Kopf mit Grübeleien oder Träumereien, kämpfte mit meinen Ängsten und den Schatten an der Wand.

Hinter mir, durch die offene Tür des Schlafzimmers tickte der verdammte Wecker oder schnarchte mein Vater.

Es war kein übliches Schnarchen, nicht dieses aggressive Stoßgeräusch des Kehlkopfes, das ich von Philipp kenne, und das ich mit einem behutsamen Tritt oder Schlag in seine Richtung unterbrechen konnte.

Das Schnarchen meines Vaters dagegen, eher ein Schnüffeln, ein beschleunigtes Hin und Herschieben der Atemluft, so wie ein Hund sich mit der Nase auf dem Boden durch den Park schiebt, um Spuren zu orten oder Orientierungspunkte an Bäumen und Hecken zu suchen. Vermutlich suchte Papa nach Orientierungspunkten. Ich wusste es nicht.

Im Grunde wusste ich nicht, ob er überhaupt nach etwas suchte.

Es gab Tage mit verzweifeltem Herumirren durch eine ihm fremdgewordene Welt. Tage, an denen er mit aufgerissenen Augen in einem Raum ohne Gegenwart und Vergangenheit gefangen war. Ein unbegreiflicher Zustand von Verlorensein und erbarmungsloser Angst. Er erkannte mich nicht, erkannte mich einfach nicht mehr. Das mussten wir aushalten, irgendwie.

Wir beide überlebten solche Tage nur dank seiner Medikamente, aber nicht ohne Risse in unseren Seelen.

Es gab andere Tage, da räumte er Schränke und Schubladen aus. Als habe er dort etwas Wichtiges hinterlegt, Orientierungspunkte vielleicht oder eine Brille. Etwas aus der Vergangenheit, das ihm in den Sinn kam. Möglich, dass er dann in Situationen oder vergangenen Zeiten festhing oder in einer anderen zeitlichen Dimension, die ich nicht verstand.

Mehr als einmal schrie ich ihn an. Meistens jedoch nahm ich es, wie es war, weil mir die Kraft fehlte und die Motivation, ein Leben in Bahnen zu halten, dem die Bahnen fehlten.

Vor einigen Tagen fand er die Kaffeedose.

Sie fiel ihm vermutlich zufällig in die Hände. Der Bezug zu Kaffeepulver war ihm längst abhandengekommen. Was vielleicht nur zum Teil stimmte, ich weiß es nicht. Vielleicht war er wieder einmal auf der Suche? Vielleicht war er neugierig? Wobei mir nicht klar war, ob er so etwas wie Neugierde noch empfand, vielleicht reagierte er auch nur, oder sein Körper machte einfach, was er wollte.

In diesem Fall verteilte er das Kaffeepulver.

Was sollte er auch sonst damit tun.

Aus welchen Gründen auch immer, erwischte er die Dose mit dem Kaffeepulver, die dort stand wo sie immer stand, nämlich im Gewürzregal, das aber längst kein Gewürzregal mehr war. Es hieß nur so. Ein flaches Brett neben dem Herd, ideal für Gewürze. Nie für Gewürze genutzt.

Immer schon der Platz für die rot-orange

Metalldose mit dem Kaffeepulver und für die Filtertüten. Lange hatte er sie ignoriert. An diesem Tag fiel sie ihm in die Hände. Ich hätte es ahnen müssen.

In seinem Kopf gingen schließlich merkwürdige Dinge vor sich, oder zu viele auf einmal, oder überhaupt keine mehr.

Die Kaffeespur zog sich von der Küche bis ins Schlafzimmer. Wie hatte er es bloß geschafft, den Kaffee bis in seine Unterhose zu bekommen?

Bemerkte er, dass er die Kaffeedose immer noch in der Hand hielt? Die Kaffeedose mit der Öffnung nach unten. Und der Kaffee rieselte und rieselte.

Er stand wie ein zittriger Baum im Türrahmen. Er starrte mich an und ich starrte zurück. Es war nicht möglich seinen Blick zu erwidern, denn da war nichts in seinem Blick. ER war nicht in seinem Blick.

Ich wurde nicht wütend, nein, nicht bei solchen Kleinigkeiten.

Seit geraumer Zeit schon hatte ich vor dem, was für mich nicht zu kontrollieren war, kapituliert.

Ein Gefühl als würden sich zwei grobe, warme Hände auf meine Schultern legen und meinem Widerstand die Luft aus den Segeln nehmen.

Es erschien mir einfacher, Chaos, Chaos sein zu lassen, als diesen mühevollen Kampf gegen, ja gegen was eigentlich?

Ich war dieses sinnlose Saubermachen und Wiederherstellen von Ordnung und Routine von tiefstem Herzen leid.

Für was oder für wen bemühte ich mich jeden Tag aufs Neue? Wem wollte ich etwas beweisen?

Papa und ich, mehr war ja nicht mehr da.

So stand ich eine Zeitlang in der Tür, ließ das Kaffeepulver rieseln und atmete. Atmete wie in den mürben Stunden der Nacht, aus und ein.

Ließ meine Gedanken Achterbahn fahren, rauf und runter, hin und her, bis auch dies irgendwann genug war. Bis ich wieder auf null stand, den Kopf hob und das annahm, was nicht zu ändern war.

Nach und nach kam meine Kraft zurück. Die Verzweiflung verzog sich in ihr Schneckenhaus, blieb dort hocken bis zum nächsten Mal.

Das Bewusstsein, trotz allem lebendig zu sein, durchfuhr mich immer dann, wenn es mir gelang meinen Atem zu beobachten. Das Einatmen, das Ausatmen und die ruhigen Pausen dazwischen. Diese winzigen Zeitfenster gaben mir mein Körpergefühl zurück. Auch wenn es nur in Form eines pochenden Herzens oder hämmernden Kopfschmerzes war.

So stand ich im Türrahmen, umgeben von Kaffeepulver und atmete.

Er sah mich nicht. Er sah mich immer seltener.

Seine langen weißen Unterhosen hingen ihm um die Hüftknochen, schlabberten um die dürren Beine.

Wie immer fror er, selbst im Hochsommer. Niemals würde er am Morgen das Bett verlassen, ohne seine langen Unterhosen anzuziehen, niemals. Vielleicht ein Orientierungspunkt, wer weiß.

Seine Füße standen im Kaffeepulver, die Zehen verbogen, als wolle er sich damit in die Fliesen krallen.

Tiefstes Mitleid und Wut hoben sich gegenseitig auf und ließen mich im Regen stehend zurück.

Vermutlich die Müdigkeit.

Seit Wochen kam ich nicht mehr heraus aus dieser andauernden, unsäglichen Müdigkeit in meinen Knochen, meinem Gehirn.

Schon längst ging es mir nicht um Kaffeepulver, nicht um den Dreck, der sich in der Küche verteilte, noch nicht einmal um ihn ging es mir.

Im Grund weiß ich nicht, worum es mir ging, nur, dass ich müde war, so unendlich müde und diese Müdigkeit war anders als jede Müdigkeit zuvor.

Ich packte seinen Arm, zog ihn weg. Packte ihn heftig, schob, nein schupste ihn in den Ohrensessel am Fenster.

Er schlug nach mir.

Ich hielt ihn fest, hielt mich fest, hielt uns beide solange, bis das Schluchzen aufhörte. Zuerst bei ihm und dann bei mir.

Es dauerte zwei Tage, bis ich das Kaffeepulver entfernt hatte, oberflächlich entfernt. In den Fliesenfugen sitzt es teilweise heute noch.

Zum ersten Mal in meinem Leben war es zu einer Situation gekommen, in der ich kurz davor war, meinen dementen Vater zu schlagen.

Die Kraftlosigkeit in meinem System suchte ein Ventil. Weglaufen oder zuschlagen, aussitzen, durchhalten, aus dem Fenster springen, schreien, schreien, schreien.

Aber nein, sagte mein Verstand, du schaffst das schon, und natürlich wirst du nicht zuschlagen, meine Güte.

Seit diesem Tag sprach mein Vater nicht mehr mit mir, fixierte mich mit einem Blick, der kaum auszuhalten war und verstummte.

Nicht dass er vorher viel mit mir gesprochen hätte, nein. Es gab keine Gespräche zwischen uns. Die hatte es nie gegeben. Aber eine Verständigung und dadurch irgendwie eine Verbindung, wenn auch eine sehr fragile.

Es reichten Worte wie „Wasser, Hose, Bett“ und immer wieder „Ja, Ja oder Nein, Nein“.

Ich kannte ihn so gut, dass ich aus seinem Blick, seiner Gestik und Mimik lesen konnte.

All dies stellte er ein. All dies, bis auf diesen Blick.

Zu Beginn seiner Erkrankung nannte er mich oft Lea. Lea, nicht Antonia. Lea, der Name meiner Mutter.

Wenn mein Vater Lea zu mir sagte, klang seine Stimme zuletzt so, als habe er eine heiße Kartoffel im Mund.

2.

Die Erinnerung

An dem Tag, an dem meine Eltern sich kennenlernten, wurde im Capitol Kino zum ersten Mal der Film „Zur Sache Schätzchen“ aufgeführt.

Es war ein Sonntag. Gleichzeitig zur Prämiere des Films, aber aus einem anderen Land, machte George Harrison, Gitarrist und Sänger der Beatles sich zu einem spirituellen Trip nach Indien auf, um sich dort selbst zu finden.

Obwohl meine Mutter von der revolutionären Musik der Beatles mehr als hingerissen war, hatte sie keine Ahnung von George Harrisons Suche nach sich selbst und dem Sinn von allem, bewunderte allerdings das aufmüpfige Selbstbewusstsein von Uschi Glas und wollte diesen Film unbedingt sehen.

Die Vorstellung war so gut wie ausverkauft. Im Foyer drängelten sich zumeist junge Leute, Colaflaschen, Popcorn und Zigaretten in den Händen, in kleinen Gruppen zusammenstehend, oder allein.

Nachdem der Beginn des Filmes durch einen Lautsprecher angekündigt worden war, versuchten sich alle gleichzeitig durch die Drehtür die zum Kinosaal führte, zu zwängen. Dabei kollidierte meine Mutter mit einem großgewachsenen jungen Mann, der sie erschrocken und gleichzeitig belustigt anstarrte. Mein Vater.

„Und dann“, so erzählte es mir meine Mutter immer wieder einmal, „fiel ich in seine Augen. Ein magischer Moment war das, ein magischer Moment.“

Ohne sich abzusprechen landeten sie nebeneinander in der gleichen Sitzreihe.

Der Film löste anfangs Sprachlosigkeit in ihnen aus, aber bereits nach kurzer Zeit war eine aufregende Unruhe zu spüren, die sich schließlich zu einer Art hitziger Euphorie aufbauschte. Sie begannen miteinander zu tuscheln, zu kichern, sich zu echauffieren, zu ereifern.

Im Kinosaal machte sich ein Geraune, Gelächter, Gerangel breit. Der Film machte etwas mit den jungen Leuten. Er rüttelte an ihnen.

Manch einer von ihnen wäre nur zu gerne so wie Martin oder Barbara gewesen. Und manch einer glaubte, dass die Zeit gekommen war, genauso zu werden.

Meine Mutter und mein Vater verließen gemeinsam das Kino, ließen sich mit den anderen treiben, hinein in die nächste Kneipe, diskutierten über den Film und über das Leben an sich. Weil ihnen der Gesprächsstoff nicht ausging, diskutierten sie in der Nacht auf der Straße weiter, bis sie sich in der kleinen Wohnung meines Vaters wiederfanden.

Ab hier wurde die Geschichte durch die Erzählung meiner Mutter immer etwas schwammig. Mein Vater winkte bereits vorher ab. Trotz allem war es nicht schwer, die Geschichte weiterzuspinnen, denn neun Monate später wurde ich geboren.

Man möchte meinen, die Geschichte meiner Eltern wäre eine dieser Liebesgeschichten gewesen, die das Schicksals vorherbestimmt.

Ich glaube nicht, dass es so war. Im Nachhinein bin ich davon überzeugt, dass das Schicksal ihnen eher einen Streich gespielt hat.

Im Nachhinein heißt, nachdem ich Rosalie kennengelernt habe.

Meine Mutter starb, kurz bevor ich siebzehn wurde.

Die Krankheit, an der sie litt, war schmerzvoll und kurz. Zu kurz, um zu begreifen, was da vor sich ging und was auf uns zukommen würde.

Die Angst saß uns im Nacken, mir, Papa, Evelyn. Zu unvorstellbar war der Gedanke an Tod und Verlust, als dass wir in der Lage gewesen wären, ihn zuzulassen.

Mama war krank und würde wieder gesund werden.

Nur darauf richtete ich meinen Fokus, und sowohl meine Eltern, als auch Evelyn, Mamas beste Freundin, bestärkten mich darin.

Besonders geschickt, die eigene Wahrheit zu verdrängen, war meine Mutter selbst.

Immer dann, wenn ich nachfragte, ging es ihr, trotz sichtbarer Verschlimmerung der Symptome, gut. Sie spielte mir etwas vor. Und ich nahm alles nur zu gerne für bare Münze, auch wenn mein Verstand mir wieder und wieder die rosarote Brille von der Nase ziehen wollte.

„Mach dir keine Sorgen, Toni, mir geht es gut.“

Leicht hätte ich erkennen können, dass ihr Lächeln nicht mit den zittrigen Händen, der grauen Haut, den dünnen Haaren, zusammenpasste.

So leicht hätte ich ihr widersprechen können. Aber ich konnte nicht.

Ich konnte und ich wollte nicht. Zu mächtig und unüberwindlich war meine Angst vor der unerbittlichen, grausamen Wahrheit.

Mamas Krankheit dauerte ein Jahr.

Ein Jahr, in dem ich mich wie auf rohen Eiern durch meine Welt bewegte.

Ich wurde leiser, umgänglicher, unauffälliger. Wut, Ärger und Spontanität verbot ich mir, verschloss sie in der hintersten Ecke meines Systems, schlug mir lieber selbst auf die Finger, als den Erwachsenen zu widersprechen.

Was mir jedoch besonders zu schaffen machte, war die Verunsicherung, die uns alle erfasst hatte, die sich sogar in der Luft der Wohnung breit machte und mich kaum atmen ließ. Die Verunsicherung, die sich in unseren Köpfen einnistete und uns allesamt einsamer machte.

Dabei war uns klar, dass Mamas Leben am seidenen Faden hing. Das war uns allen klar. Selbst meiner Mutter muss es klar gewesen sein.

Gemeinsam und jeder für sich, schoben wir den Gedanken an ein Leben ohne sie vor uns her und dadurch immer weiter von uns weg.

Gemeinsam und doch jeder für sich, lebten wir unseren Alltag, sehr darauf bedacht nicht zu viel nachzudenken, geschweige denn, miteinander zu reden.

Im Nachhinein vermute ich, dass die drei sehr wohl miteinander über die Situation sprachen.

Aber mich, mich hielten sie aus allem heraus.

Es gab Tage, da überfiel mich die Angst vor dem Tod wie ein Tiger aus dem Hinterhalt, und ich rannte aus dem Haus, nicht wissend wohin mit all dem Grauen, der Furcht und der Wut in meinem Bauch.

Ich rannte und rannte, die Straße hinunter in den Park und wieder zurück. Stand ich anschließend aufgewühlt im Türrahmen, wurde ich getröstet und beruhigt. Meine Eltern steckten mir Geld zu, damit ich mit Evchen oder Rebecca ins Kino gehen konnte, um mich abzulenken von all den „unsinnigen“ Gedanken.

Sie hielten mich raus. Sie lenkten mich ab.

Und nicht nur das.

Sie ließen mich in dem Glauben, alles würde wieder gut werden.

Es fielen Sätze wie, „das ist nur eine Phase, sie erholt sich wieder. Die Ärzte haben alles im Griff. In ein paar Monaten wird sie wieder ganz die Alte sein.“

Diese und andere Sätze fielen und ich griff sie nur zu gerne auf, denn ich war siebzehn und mitten in meinem Leben unterwegs.

Trotz allem entging mir nicht, wie sie immer weniger wurde, ihre Wangen einfielen, die Haare dünner und farblos wurden. Die Schwäche, die nicht nachließ, sondern sich, im Gegenteil deutlicher zeigte, nahm ich sehr wohl wahr.

Aber ich schaute weg. Ohne Zweifel wusste ich, was die Diagnose, die Therapien, die Medikamente bedeuteten. Aber ich ließ mich nicht darauf ein. Negierte das, was ich längst wusste, saugte alles, was mir die Erwachsenen vormachten wie einen Schwamm auf.

Der Tod meiner Mutter war ein Unding für mich. Mit Hilfe meiner Eltern und Evelyn schuf ich mir eine Illusion und fütterte sie mit immer neuen Lügen.

Ich bewegte mich auf dünnem Eis.

An manchen Tagen schaffte es Mama nur noch vom Bett bis zum Ohrensessel am Fenster. Dann, zwischendurch gab es Zeiten, da sortierte sie Wäsche, backte einen Kuchen, telefonierte mit Freundinnen, trank Kaffee und redete stundenlang mit Evelyn. Ein Auf und Ab, ein Hin- und Herschwanken.

Schließlich wurden die guten Tage seltener.

Immer öfter saß sie in ihrem Ohrensessel, las in einem Buch, schaute hinaus auf die Straße oder sonst wo hin.

„Das wird schon wieder“, sagte Evelyn.

Die Energien zwischen meiner Mutter und mir veränderten sich. Sie, die mich kaum aus den Augen ließ, alles, was ich tat oder wollte, hinterfragte, die auf festgelegte Regeln und Zeiten bestand und möglichst immer wissen wollte, wo ich war und mit wem, ließ ihre Zügel fallen.

Ihre plötzliche Art mit mir umzugehen, verunsicherte mich. Es kam mir vor, als wäre ich ihr gleichgültig geworden. In dieser Zeit begann ich mehr und mehr mit meinen Freundinnen unterwegs zu sein.

Sie missbilligte mein Verhalten nicht etwa, sondern ließ mich gehen.

Sie veränderte sich, und das machte mir Angst.

Kam ich aus der Schule, rief sie mich zu sich, hörte sich alles an, was ich zu erzählen hatte, ärgerte oder freute sich mit mir und ließ mich lächelnd wieder losrennen, wenn meine Freundinnen auf mich warteten, um zusammen mit mir durch die Stadt zu ziehen, ohne Sinn und Verstand.

Es lag etwas in der Luft. Aber ich konnte es nicht greifen.

Tief in mir vermutete ich, dass ihre Stimmung zu jeder Zeit kippen konnte. Aber das tat sie nicht. Warum packte sie mich in Watte?

Was erwarteten die Erwachsenen von mir?

Schon längst hielt ich es immer weniger zu Hause aus. Die Unruhe in Kopf und Bauch trieb mich hinaus, weg von Mama, vor allem weg von meinem Vater.

Meinem Vater, der umher schlich wie ein dunkler Schatten. Wenn möglich ging ich ihm aus dem Weg. Seine Anwesenheit verunsicherte mich so lange ich denken konnte.

Zwischen meinem Vater und mir stand, seitdem ich mich erinnern kann, eine Wand.

Wir hielten uns gegenseitig auf Abstand. Ich mutierte zu einem Stock, wenn er in meiner Nähe war, spürte seine Abneigung gegen mich wie ein Nagelbrett auf der Haut. Wir standen uns gegenseitig im Weg. In seiner Gegenwart wurde jedes Wort zu einem Vorwurf, jeder Blick zu einem Stich.

Immer öfter unterbrachen meine Eltern ihr Gespräch, wenn ich ins Zimmer kam. Sie verheimlichten mir etwas, und ich fühlte mich schuldig.

Warum wurde es nicht wieder so, wie es gewesen war?

Wenn eben möglich, hielt ich mich bei Evelyn auf.

In ihrem Wohnzimmer lernte ich meine Vokabeln, bereitete mich auf Klassenarbeiten vor, schaute mir alte Videofilme an und ließ mir meine ängstlichen Gedanken nehmen.

„Das wird wieder“, beschwichtige Evelyn,“ es hat nichts mit dir zu tun.

In ein paar Monaten ist alles wieder gut.“

Ich fühlte mich immer unwohler im Haus meiner Eltern.

War mein Vater wieder tagelang unterwegs, kroch ich zu meiner Mutter ins Bett oder kuschelte mich auf dem Sofa unter ihre Decke. Wir redeten über die Schule, meine Freundinnen und über früher. Über meinen Vater redeten wir nie.

Als ich klein war glaubte ich, meine Eltern könnten glücklicher sein, wenn es mich nicht gäbe. Der Gedanke brannte in meinem Bauch und ich versuchte besonders lieb zu meiner Mutter zu sein.

Ich erinnere mich an Träume, in denen mich mein Vater auf den Schultern trägt. Ich erinnere mich an mein Gefühl, so als sei mein Traum Wirklichkeit gewesen. Es war wie in einem Märchen zu stecken.

Als ich ungefähr sieben oder acht Jahre alt war, belauschte ich ein Gespräch zwischen meinem Vater und meiner Mutter. Von da an wusste ich, was er von mir hielt und ich erkannte seinen Widerwillen mich zu lieben.

„Ich werde sie nicht mitnehmen. Von mir aus kann sie Tag und Nacht hier bei dir herumhocken. Es gibt genug andere Kinder, die ich unterrichten kann.“

Es dauerte eine Weile bis ich begriff, dass sie über mich sprachen.

Ich stand an einer Wand und fand keinen Halt.

Was hatte ich ihm getan, dass er mich so sehr hasste?

Die Worte meiner Mutter, eher weinerlich und dünn, kamen nicht bei mir an. Ich hörte nur ihn und wusste nicht wohin mit mir.

Seit diesem Tag ging ich ihm aus dem Weg. Ich schlich in mein Zimmer und starrte gegen den Schrank. Stunden später, als er endlich weg war, lag ich in den Armen meiner Mutter, schluchzend und weinend, bis ich irgendwann erschöpft einschlief. Kein Wort kam über meine Lippen. Ich schämte mich entsetzlich und hatte keine Ahnung, warum.

Meinen Vater sah ich erst Tage später wieder.

Mein Vater arbeitete als Bademeister und Schwimmlehrer im Städtischen Schwimmbad. Ganze Klassen verbrachten ihre Sportstunden in der Schwimmhalle und lernten bei ihm das Schwimmen.

Ich gehörte nicht dazu.

Er trainierte die Kinder und Jugendlichen des Schwimmvereins, begleitete sie zu Turnieren und Wettkämpfen. Als Leiter des Schwimmvereins organisierte er die Veranstaltungen und arbeitete eng mit den Sponsoren zusammen.

Es gibt eine Erinnerung in mir, die eher oder vermutlich ebenfalls ein Traum ist.

Mein Vater trägt mich auf dem Arm und steigt mit mir eine Leiter hinunter in kaltes, klares Wasser. Er hält mich fest, wirbelt mich herum, legt seine Arme unter meinen Rücken und lässt mich schweben.

In Wahrheit bin ich nie mit ihm in einer Schwimmhalle gewesen. Weder mit ihm, noch mit meiner Mutter.

Schwimmen interessierte mich nicht, sowie es meine Mutter nicht interessierte. Es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, meinen Vater zu Schwimmveranstaltungen oder Wettkämpfen zu begleiten.

Im Nachhinein vermute ich, dass sie Nichtschwimmerin war, so wie ich es heute immer noch bin.

Der Tag, an dem meine Mutter starb, begann sonnig und ungetrübt.

Ein warmer Morgen im August. Wie immer in den letzten Tagen half ich ihr vor Schulbeginn aus dem Bett zu kommen.

Während ich in der Küche frühstückte, zog sie sich alleine an, putzte sich die Zähne, steckte ihre Haare hoch, holte ein Buch aus dem Bücherregal und setzte sich in den Ohrensessel am Fenster.

Ich brachte ihr die Decke, die sie über ihre Beine legte, eine Teekanne mit frischem Tee und Zwieback, die ich auf den kleinen Tisch neben ihrem Sessel stellte.

Mein Vater war am Tag vorher zu einer Tagung gefahren, oder einem Sportmeeting. Irgend so etwas muss es gewesen sein. Ich erinnere mich nicht mehr.

„Hast du alles, was du brauchst“, fragte ich, denn ich hatte es eilig.

Auch heute konnte ich nicht schnell genug aus dem Haus kommen, obwohl es in der Schule an diesem Morgen möglicherweise ungemütlich werden würde. Eine Biologieprüfung stand an.

„Ja“, sagte sie, hielt mir ihre Arme entgegen und lächelte mich an.

Eine kurze Umarmung und schon war ich weg.

Der Morgen in der Schule war eine Katastrophe.

In der Umkleidekabine der Sporthalle bekam ich ungewollt mit, welch ungeheure Geschichte meine beste Freundin Rebecca zwei anderen Mädchen aus meiner Klasse über meine Eltern erzählte. Meine Mutter würde bald sterben, flüsterte sie, und mein Vater, na ja, jeder wüsste ja, was das für einer sei.

Wie vor den Kopf gestoßen ging ich zurück in die Klasse. Noch eine Stunde und ausgerechnet die Biologieprüfung. Ich hatte keine Chance.

Konnte mich vor Enttäuschung und Verwirrung über das, was ich gehört hatte, nicht konzentrieren. Mein Kopf war wie leergefegt, obwohl ein Gedanken hinter dem anderen herjagte.

Das war aber nur der Anfang dieses furchtbaren Tages.

Es fällt mir immer noch schwer über das zu reden, was danach kam.

Wie kann eine Mutter sterben, während ihre noch sechzehnjährige Tochter nichtsahnend aus der Schule nach Hause flüchtet, in der Hoffnung auf mütterlichen Trost, so wie es immer war, wenn es Schwierigkeiten in der Schule gab.

Wie unüberwindlich tief zeigt sich der Krater in den du, geladen mit all dieser wütenden Energie wie ein abgeknickter Strohhalm stürzt, unschuldig und ahnungslos.

Nach der Schule flüchtete ich nach Hause, knallte die Wohnungstür zu, fetzte meinen Rucksack gegen die Garderobe und meine Schuhe daneben.

Dann stand ich still.

Etwas Fremdes, Kühles bremste mich aus, ließ sich auf meinen Schultern, meinem Nacken nieder.

Die Stille in der Wohnung benebelte mich. Keine Musik, kein Laut aus dem Schlafzimmer meiner Eltern, kein Knistern oder Klirren aus der Küche, kein „Hallo Toni“.

Die Luft stand. Mein Hals zog sich zu.

Etwas bremste mich aus, drängte mich weg. Ich wollte nicht hier sein.

Wollte nichts von dem sehen und hören, von dem ich nicht wusste, was es war.

Da kam etwas viel zu Großes auf mich zu und es gab kein zurück.

Schritt für Schritt tastete ich mich durch den Flur.

Die Wohnzimmertür stand einen Spalt offen. Ein Teil in mir wollte weglaufen. Der andere wusste, dass es ein Weglaufen nicht mehr gab.

Ich ahnte, dass der nächste Schritt mein Leben für immer verändern würde.

Ich hatte Angst, erbärmliche Angst.

Und ich war allein. Ich bewegte mich auf einen Krater zu und fiel.

Meine Gegenwart wurde durch die Vergangenheit und die Zukunft gespalten.

Ein Schnitt. Ein Loch. Ende.

Meine Hände waren eisig als ich die Wohnzimmertür öffnete.

Meine Mutter saß in ihrem Ohrensessel, gerade so, wie ich sie am Morgen verlassen hatte. Nein, sie sah nicht so aus, als ob sie schlafen würde.

Sie sah aus wie eine Marionette, der man die Schnüre gekappt hat.

Sie war nicht mehr da. Sie war weg.

Es gibt in mir keine Erinnerung an das, was danach geschah.

Vor einigen Tagen erzählte mir Evelyn, dass ich tagelang geweint und wochenlang geschwiegen habe. Im Grunde genommen, so sagte sie, hast du bis vor einer Woche geschwiegen.

Und genauso war es wohl.

3.

Wie es begann

Die Wachstuchdecke auf dem Küchentisch in der Küche meiner Eltern ist immer noch die gleiche wie vor einundzwanzig Jahren. Grün-Gelb kariert ist sie, und an den Kanten franst die Oberfläche ab.

Irgendwann, an einem hektischen Tag stellte meine Mutter einen Topf heiße Suppe auf die Decke und brannte einen braunen Kreis in die grün-gelben Karos. Obwohl sie wusste, dass der Topf zu heiß für die Tischdecke war, stellte sie ihn dort ab.

Man kennt das ja.

Ein Fehler liegt klar auf der Hand, zeichnet sich ab. Irgendetwas in dir sagt: „tu es nicht.“

Doch du tust es und kannst später nicht einmal erklären, warum.

Nun gut, ein Missgeschick, eine Gedankenlosigkeit, eine Ungeschicklichkeit und eine angekokelte Wachstuchdecke. Alles nicht der Rede wert, alles zu verkraften. Man entfernt die Decke, kauft eine neue, Schwamm drüber.

Mama allerdings, dachte gar nicht daran. Mama nicht und niemand anderer in all den Jahren danach. Die Tischdecke blieb. Sie blieb, weil sie bleiben sollte.

Der Grund dafür zeichnete sich ab, als die Demenz meines Vaters immer offensichtlicher wurde.

Die alte Tischdecke und auf ihr besonders der verbrannte Fleck, wurden zu einem Fixpunkt, einem Bezugspunkt, der meinem Vater weiterhin etwas sagte.

Der Küchentisch wurde zu einem Ort in der Wohnung zu dem es ihn immer wieder hinzog. Vor dem er stehenblieb, sich festhielt, während er mit der Hand über die verbrannte Stelle strich und vor sich hinmurmelte.

Dabei nickte er oder schüttelte den Kopf, als führe er ein Gespräch oder hielte Zwiesprache, mit wem auch immer.

Es gab andere Tage, da sprach die Tischdecke nicht zu ihm. Tage zum Beispiel, an denen er stundenlang aus dem Fenster starrte, unbeweglich, wie eingefroren.

Es kam mir niemals in den Sinn, die alte Tischdecke zu entsorgen, war sie doch offensichtlich ein Orientierungspunkt für ihn. Eine Erinnerung, ein Gefühl vielleicht.

Es gab Zeiten, da erwischte ich mich selbst dabei, wie ich über die verbrannte Stelle strich.

Vor etwas mehr als zwei Jahren habe ich die Pflege meines an Demenz erkrankten Vaters übernommen. Ich kann nicht behaupten, diese Aufgabe freiwillig, aus eigener Überzeugung oder Menschenliebe an mich gerissen zu haben.

Ich hatte vor vielen Jahren ein Versprechen gegeben. Auch dies nicht freiwillig, eher widerwillig. In einer Situation, in der ich mit dem Rücken an der Wand stand, in der ich alles versprochen hätte, damit es meiner Mutter besser ging. Ein Notfallversprechen, das ich nicht so ernst nahm, weil ich mir nicht vorstellen konnte, es jemals einlösen zu müssen.

Das Versprechen wurde zu einer Verbindung zwischen meinem Vater und mir, die weder sichtbar, noch erkennbar in meinem Unterbewusstsein wirkte und mein Leben lenkte, ohne dass ich eine Ahnung davon hatte.

Mein Vater und ich, wir kannten uns kaum, und wir mochten uns nicht.

Wie konnte ich ahnen, dass es etwas in uns gab, das zusammengehörte. Dass uns ein Band zusammenhielt, das unzerstörbar war. Ein gemeinsamer Weg, nur für uns beide gemacht, auf dem der Eine den Anderen nie verließ, auch wenn wir uns noch so sehr bemühten.

Wir hätten es uns leichter machen können, mein Vater und ich. Aber wir waren uns zu ähnlich. So brauchte es diese leidvolle Zeit und es brauchte Rosalie.

Seit nunmehr fast zwei Jahren vergaß mein Vater seine Welt, vergaß er mich, lösten sich seine Erinnerungen in Nichts auf oder verknoteten sich zu Bilderfetzen, die ihn überfielen und in Verwirrung und Verzweiflung stürzten.

Seine Erkrankung begann mit scheinbaren Missgeschicken, Vergesslichkeiten, Veränderungen von Gewohnheiten, die mir nicht weiter auffielen. Bis ich nicht mehr wegschauen konnte.

Die erste Alarmglocke schlug bei mir an, als ich bemerkte, dass er tagelang nicht mehr aus dem Haus ging. Er stellte seine Besuche in der Stadt ein, seine Kontakte, wo auch immer die waren. Ich begann ihn zu beobachten und zu kontrollieren. Ich übernahm seine Einkäufe, um auf diese Weise einen Grund zu haben, um nach dem Rechten zu schauen.

Hin und wieder half mir Philipp. Ja, am Anfang half mir Philipp, hin und wieder.

Es machte ihm nichts aus, die Einkäufe für meinen Vater zu übernehmen, wenn ich ihn darum bat. Auch um die Mülltonnen kümmerte er sich.

Es gab Tage, da beschloss er von sich aus eine kleine Stippvisite bei meinem Vater, trank mit ihm eine Tasse Kaffee, erinnerte sich gemeinsam mit ihm an die sagenhaften Schwimmstunden, erklärte ihm die neuesten Automodelle.

Am Anfang gab es gute Zeiten zwischen Philipp, mir und meinem Vater.

Es dauerte allerdings nicht lange bis sich die ersten Symptome zeigten, auf eine Weise zeigten, mit der Philipp nicht mehr zurechtkam.

Alles begann als Philipp und ich ein Wochenende bei Rebecca an der See verbrachten.

Papa ging es gut.

Der Kühlschrank war voll, im Fernsehen gab es Quizsendungen und Tatort. Wir dachten uns nichts dabei, ihn alleine zu lassen.

Obwohl der Herbst schon seine Fühler ausstreckte, nutzten wir die Sonne am Meer, ließen es uns gutgehen mit frischem Fisch direkt vom Hafen, Rotwein und Rebeccas Geschichten. Viel zu schnell verging die Zeit.