Leben ohne Angst - Patricia Vandenberg - E-Book

Leben ohne Angst E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Es war ein Sonntagmorgen ganz nach dem Herzen der Familie Norden. Danny und Felix genossen mit Behagen Lennis frischgebackene, knusprige Frühstücksbrötchen, während Anneka sich an das Porridge mit Sahne hielt, das Lenni ebenso hervorragend zuzubereiten verstand. Lenni liebte es, ›ihre Familie‹ zu verwöhnen, die sie vor Jahren, als sie am Tiefpunkt ihres Lebens gestanden hatte, so selbstverständlich bei sich aufgenommen hatte. Die Nordens dankten ihre Fürsorge, denn es war ihnen nicht oft vergönnt, so lange und gemütlich zusammenzusitzen. Lenni sah zufrieden in die Runde, während sie dem kleinen Christian ein Stück Brot in den Mund schob, der sich das zu gern gefallen ließ. »Unser kleiner Schatz kann aber eigentlich ganz gut allein essen«, meinte Fee Norden nachsichtig. »Is aber fein so«, sagte Christian verschmitzt und schmiegte sich in Lennis Arm. »Will auch gefüttert werden!« sagte nun Desirèe, Christians Zwillingsschwester, energisch und kletterte auf Daniels Schoß. »Ja, was haben wir denn da? Lauter Babies? Das ist ja ganz etwas Neues. Sonst seid ihr doch schon so groß!« Das betonten sie auch und wollten mit den älteren Geschwistern mithalten. Heute war es ihnen einfach nach Schmusen zumute. Dr. Norden genoß es, seine kleine Tochter an sich zu drücken. Sie war so lieb und vertrauensvoll.

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Seitenzahl: 124

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Dr. Norden Extra – 32 –Leben ohne Angst

Patricia Vandenberg

Es war ein Sonntagmorgen ganz nach dem Herzen der Familie Norden.

Danny und Felix genossen mit Behagen Lennis frischgebackene, knusprige Frühstücksbrötchen, während Anneka sich an das Porridge mit Sahne hielt, das Lenni ebenso hervorragend zuzubereiten verstand.

Lenni liebte es, ›ihre Familie‹ zu verwöhnen, die sie vor Jahren, als sie am Tiefpunkt ihres Lebens gestanden hatte, so selbstverständlich bei sich aufgenommen hatte.

Die Nordens dankten ihre Fürsorge, denn es war ihnen nicht oft vergönnt, so lange und gemütlich zusammenzusitzen.

Lenni sah zufrieden in die Runde, während sie dem kleinen Christian ein Stück Brot in den Mund schob, der sich das zu gern gefallen ließ.

»Unser kleiner Schatz kann aber eigentlich ganz gut allein essen«, meinte Fee Norden nachsichtig.

»Is aber fein so«, sagte Christian verschmitzt und schmiegte sich in Lennis Arm.

»Will auch gefüttert werden!« sagte nun Desirèe, Christians Zwillingsschwester, energisch und kletterte auf Daniels Schoß.

»Ja, was haben wir denn da? Lauter Babies? Das ist ja ganz etwas Neues. Sonst seid ihr doch schon so groß!«

Das betonten sie auch und wollten mit den älteren Geschwistern mithalten. Heute war es ihnen einfach nach Schmusen zumute.

Dr. Norden genoß es, seine kleine Tochter an sich zu drücken. Sie war so lieb und vertrauensvoll.

Fee machte ihm noch ein Brot, damit er bei aller Fürsorge nicht zu kurz kam. Sie waren eine glückliche Familie, für Daniel unendlich wichtig. Er schöpfte die Kraft für seinen aufopferungsvollen Beruf aus dem harmonischen Zusammensein mit seiner Frau und den Kindern.

Als das Telefon klingelte, ahnten er und Fee, daß die familiäre Idylle zumindest unterbrochen war.

Fee stand mit einem Seufzer auf.

Als sie erstaunt sagte: »Dr. Lereaux? Claude?« sah Daniel auf.

»Ja, natürlich, für dich ist Daniel zu sprechen. Ganz sicher«, sagte sie, als sie einige Sekunden nur zugehört hatte.

Daniel war schon neben ihr und nahm ihr den Hörer aus der Hand.

»Claude, gibt es dich überhaupt noch?« rief er aus. »Ja, ich weiß, ich bin genauso eingespannt wie du. Aber was verschafft uns das Vergnügen, nach so langer Zeit etwas von dir zu hören?«

Er hörte jetzt kommentarlos eine Weile zu.

»Wer ist denn Dr. Lereaux?« fragte Danny. »Den Namen hab’ ich ja noch nie gehört.«

Felix nickte zustimmend.

»Ein französischer Kollege, den wir kennenlernten, als wir jung verheiratet waren. Er hatte auch einige Zeit hier an der Uni-Klinik gearbeitet. Er, der Papi und Onkel Schorsch kamen gut miteinander aus und waren oft zusammen, dann haben wir nur noch ab und zu was voneinander gehört. Ich weiß auch nicht, warum«, sagte Fee.

»Hat er Kinder?« fragte Anneka.

»Doch, zwei, soviel ich weiß. Vielleicht sind es inzwischen auch mehr geworden.«

Die Kinder zog es nun in ihre Zimmer. Christian und Desirèe wurden quengelig und wollten spielen, so nahm sie Lenni mit in die Küche. Dort lag in der gemütlichen Ecke ein Holzpuzzle für sie bereit. Außerdem halfen sie Lenni gar zu gern. Sie wiederum liebte es, sich mit den Kleinen zu beschäftigen. So hatten Daniel und Fee etwas Ruhe, um sich unterhalten zu können.

»Claude fragt, ob es möglich wäre, eine Patientin unterzubringen. Sie soll inkognito hier sein. Er wollte erst bei mir fragen, ob das bei Schorsch möglich wäre.«

»Handelt es sich um eine Operation?«

»Um eine Geburt.«

»Und darum bringt er sie hierher nach München? Das ist aber sehr ominös«, meinte Fee.

»Wir werden die genauen Umstände erfahren, aber erst muß ich mit Schorsch sprechen, ob er so kurzfristig ein Einzelzimmer frei hat. Soviel ich weiß, ist die Klinik voll belegt.«

Dr. Hans-Georg Leitner, von seinen Freunden nur Schorsch genannt, war auch erstaunt.

»Wie kommen wir denn zu dieser Ehre?«

Er konnte sich noch gut an Claude Lereaux erinnern, aber auch ihm hatte immer die Zeit gefehlt, den Kontakt zu ihm aufrecht zu halten.

»Ich weiß es wirklich nicht, Schorsch. Er sagte nur, er würde uns vor Ort alles erklären und er hätte nur zu uns Vertrauen.«

Dr. Leitner dachte nach.

»Ich muß versuchen, da etwas zu organisieren, ich habe im Augenblick kein Einzelzimmer frei. Aber mir wird schon etwas einfallen.«

Daniel lächelte, als er auflegte.

»Freunde lassen sich nicht im Stich, auch wenn Jahre vergangen sind. Du wirst sicher auch Gelegenheit haben, mit ihm zu sprechen, Fee.«

»Das will ich aber auch hoffen, daß er nach so langer Zeit nicht gleich wieder abrauscht. Jetzt bin ich aber wirklich sehr neugierig.«

Das sagte Dr. Leitner auch, und als er am Montag mit Schwester Hilde sprach, schüttelte sie prompt den Kopf. »Morgen schon? Das geht einfach nicht«, erklärte sie. »Wir können doch Frau Hofmann nicht einfach heimschicken.«

»Aber vielleicht geht sie gern heim. Zu verantworten wäre es.«

»Das sagen Sie ihr dann aber bitte selbst.«

Dr. Leitner nickte und tat es. Frau Hofmann war eine nette Frau, die vor zwei Wochen operiert worden war. Es war eine Totaloperation gewesen, und sie war erst achtunddreißig Jahre alt. Sie hatte es psychisch nur mit Mühe verkraftet, aber Dr. Leitner hatte es in seiner überzeugenden Art verstanden, ihr klarzumachen, daß sie mit einer positiven Einstellung alle Minderwertigkeitskomplexe so schnell bewältigen würde. Sie hatte ja zwei Kinder und auch einen verständnisvollen Mann. Als Dr. Leitner ihr sagte, daß sie morgen heimgehen könnte, sah sie ihn staunend an. Er hatte nicht drumherum geredet, sondern es ganz direkt gesagt.

Dann lächelte sie und fragte: »Vielleicht auch heute schon? Was meinen Sie, wie Fred gucken würde, wenn ich abmarschbereit dastehe, wenn er mittags kommt.«

»Ich habe keine Bedenken«, erwiderte Dr. Leitner.

»Dann könnte ich nämlich für Katrinchen Kuchen backen. Sie hat doch übermorgen Geburtstag.«

»Übertreiben sollten Sie es nicht gleich«, meinte Dr. Leitner nachsichtig. »Ganz bedächtig an die Arbeit gehen, Frau Hofmann, sonst muß ich es mir doch überlegen.«

»Können Sie ja gar nicht«, lachte sie. »In einer Stunde kommt mein Mann, und jetzt werde ich mich ganz bedächtig ankleiden.«

Er war froh, daß sie eine solche Einstellung gefunden hatte, und natürlich war er auch erleichtert, daß er das Zimmer bekommen hatte für die fremde Patientin, von der er noch nichts wußte, außer daß sie inkognito bleiben wollte und sollte. Er war sehr gespannt. Wenn es nicht Claude Lereaux’ Bitte gewesen wäre – einem anderen hätte er eine solche Forderung abgeschlagen.

Herr Hofmann war tatsächlich sprachlos, als seine Frau ihm schon entgegenkam und ihn mit einem Kuß begrüßte. »Kannst mich gleich heimbringen, Fred«, sagte sie. »Dr. Leitner erlaubt es.«

Das wollte der besorgte Ehemann sich allerdings erst von Dr. Leitner bestätigen lassen, und das tat Dr. Leitner auch. Allerdings sagte er auch, daß sich Frau Hofmann noch schonen müsse.

»Sie werkelt bestimmt gleich wieder herum. Sie ist doch nicht zu bremsen, wenn sie zu Hause ist«, meinte Fred.

Im Grunde aber war er heilfroh, seine Frau heimholen zu können, da er nun nicht mehr so hetzen mußte. Bei den derzeitigen Straßenverhältnissen war das wahrhaftig kein Vergnügen, und gern war er auch nicht in die Klinik gekommen, denn er war ein Mensch, der möglichst wenig oder am liebsten gar nicht an Krankheiten erinnert werden wollte.

Dr. Leitner ermahnte seine Patientin, pünktlich zur Nachuntersuchung zu kommen, und das wurde versprochen. Nun konnte er aufatmen, weil er das Zimmer frei hatte, und wegen Frau Hofmann brauchte er sich keine Sorgen zu machen.

»Das hat ja geklappt«, sagte Schwester Hilde, »und wer kommt nun?«

Da mußte Dr. Leitner zugeben, daß er nicht einmal den Namen der neuen Patientin wußte. Schwester Hilde legte den Kopf schief und sah ihn von unten herauf an.

»Wenn das man nicht wieder Verwirrung mit sich bringt«, sagte sie skeptisch.

»Dr. Lereaux ist ein sehr seriöser Arzt«, erwiderte Dr. Leitner.

»Will ich ja nicht bezweifeln, aber warum inkognito und solche Diskretion? Handelt es sich gar um eine Prinzessin?«

»Wir werden es erfahren, Hilde«, erwiderte Hans-Georg. Aber dem kommenden Tag sah auch er mit Spannung entgegen.

*

Dr. Lereaux sprach zu dieser Zeit mit einer bildhübschen jungen Frau, die ihn aus traurigen Augen anblickte.

»Warum gar so weit, Claude?« fragte sie leise.

»Weil ich Daniel Norden und Schorsch Leitner außerordentlich schätze und dich bei ihnen gut aufgehoben weiß. Du wirst von diesen anonymen Briefen verschont bleiben. Niemand wird dich finden, Jessika.«

»Carlo auch nicht?« fragte sie tonlos.

Dr. Lereaux preßte kurz die Lippen aufeinander. »Er würde es selbstverständlich erfahren, Jessika.«

Sie schloß die Augen. »Es muß etwas passiert sein«, flüsterte sie. »Er würde mich nicht so lange ohne Nachricht lassen. Er weiß doch, daß das Baby bald kommt. Er hat mir versprochen, daß dann alles anders werden wird.«

Dr. Lereaux wußte, warum sie keine Nachricht von ihrem Mann bekam, aber ihm bereitete es Kopfzerbrechen, warum diese anonymen Drohungen, sie solle keine Ansprüche an Carlo geltend machen, sonst würde man ihr das Kind wegnehmen, nicht ausblieben.

Mit schönster Regelmäßigkeit kamen die Briefe jede Woche am Freitag. Seit einem Monat ging das so, und letzten Freitag war der vierte gekommen. Seit sechs Wochen war Carlo Lombardi in Südamerika. Seit vier Wochen hatte Jessika keine Nachricht mehr von ihm erhalten.

Dr. Lereaux hatte insgeheim gefürchtet, daß sich Carlo tatsächlich aus dem Staub gemacht hätte, bis er dann die wichtige Nachricht bekommen hatte, daß er bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war. Aber das konnte er Jessika nicht sagen, nicht jetzt, so kurz vor der Geburt des Kindes, das seinen Vater nie kennenlernen würde.

Den Arzt bewegten beklemmende Gefühle, als er Jessika zum Wagen führte. Freilich war auch diese weite Fahrt nach München mit einem Risiko für die werdende junge Mutter verbunden, aber er hatte sich keinen anderen Rat mehr gewußt, als sich Daniel Nordens Hilfe zu sichern. Jessika war seine Nichte, und er hatte ihrer Mutter auf dem Totenbett versprochen, sich ihrer anzunehmen.

Seine Schwester Giselle war mit einem Baron Bordolier verheiratet gewesen, der sie verlassen hatte, als Jessika gerade erst ein Jahr gewesen war. Es war für Claude Lereaux doppelt schmerzlich, daß Jessika ein ähnliches Schicksal beschieden sein sollte.

Behutsam führte er die Schwangere zum Wagen. Zwei Koffer waren schon verstaut. »Du sagst, wenn du eine Pause einlegen willst«, ermahnte er sie väterlich.

Sie nickte und lehnte den Kopf an seine Schulter. »Du bist so gut zu mir, Claude.«

»Ich habe es deiner Mutter versprochen«, erwiderte er, »und ich habe dich sehr lieb, Jessika.«

»Mein Vater ist verschollen, und nun ist Carlo wohl auch verschollen«, sagte sie tonlos. »Aber warum diese Briefe, Claude?«

»Das weiß ich auch nicht, mein Kleines. Wir hätten die Polizei einschalten sollen.«

»Ich habe Carlo versprochen, uns nicht ins Gerede zu bringen, bis er zurück ist.«

Du Kind, dachte Claude Lereaux. Du argloses, naives Kind! Und ihm wurde noch schwerer ums Herz.

Wir haben wohl kein Glück in der Liebe, dachte er, als sie dann unterwegs waren. Seine Frau hatte sich nach sechsjähriger Ehe von ihm getrennt. Das Leben als Arztfrau war ihr zu langweilig geworden. Die Kinder hatte sie mitgenommen, aber ihm war dann das Sorgerecht zugesprochen worden. Es war nichts Halbes und nichts Ganzes, weil er zu wenig Zeit für die Kinder hatte, aber ihre Mutter hatte auch keine Zeit mehr für sie, weil sie lieber mit einem anderen Mann durch die Welt reiste.

Und diese ganze Misere war mit ein Grund dafür gewesen, daß er Daniel Norden nichts von seinem Privatleben mitgeteilt hatte.

Jessika verhielt sich ganz ruhig. Ihre schmalen Hände lagen gefaltet im Schoß, und er war richtig erschrocken, als sie plötzlich leise stöhnte.

»Ist was, Jessika?« fragte er. »Soll ich halten?«

»Nein, er strampelt nur wieder so stark. Er ist nicht so bekümmert wie ich.«

›Er‹, damit war das ungeborene Kind gemeint.

Jessika war felsenfest davon überzeugt, daß es ein Sohn werden würde, obgleich sie keine weitere Ultraschalluntersuchung hatte machen lassen, nachdem bei der ersten das Geschlecht des Kindes noch nicht festgestellt werden konnte.

»Wenn wir über die Grenze sind, machen wir eine Pause und essen etwas«, sagte Claude Lereaux.

»Ich habe keinen Hunger«, erklärte Jessika. »Wenn ich etwas esse, staut sich alles, dann wird mir eher übel. Ich möchte mir nur gern ein bißchen die Beine vertreten.«

Das taten sie dann beide, und ihm genügte ein Sandwich, das ihm nicht mal besonders schmeckte. Die innere Unruhe trieb ihn weiter. Aber nun waren sie schon ein ganzes Stück von St. Etienne entfernt, und es schien, als beruhige dies auch Jessika.

Sie war nicht mehr so schweigsam auf der Weiterfahrt, aber das Thema, das sie anfing, wollte Claude nicht gefallen. Sie fragte nämlich, warum seine Ehe eigentlich zerbrochen wäre.

»Ich hatte zuwenig Zeit für Isa«, erklärte er. »Ärzte brauchen eine verständnisvolle Frau. Dr. Norden hat so eine gefunden. Isa fand es zuerst nur schick, mit einem Arzt verheiratet zu sein, dann gefiel es ihr nicht mehr, daß ich nicht einfach wegfahren konnte, wenn es ihr gerade einfiel. Und so lebten wir uns auseinander.«

»Ich wäre mit Carlo auch nach Südamerika gegangen«, sagte Jessika leise, »aber es ging ja nicht wegen des Babys. Wenn er nun nicht wiederkommt, Claude?«

»Das solltest du jetzt nicht denken, Jessika.«

»Ich will es auch nicht denken. Ich liebe ihn doch so sehr, Claude.«

Achtzehn war sie gewesen, als sie Carlo kennengelernt hatte und noch keine neunzehn war sie gewesen, als sie Claude verkündet hatte, daß sie Carlos Frau geworden sei. Strahlend hatte sie es gesagt und hinzugefügt, wie glücklich sie zusammen wären.

Und damit begann Claude Lereaux auch seinen Bericht über Jessika, als sie endlich in der Leitner-Klinik angekommen waren.

Jessika war so erschöpft, daß sie zuerst versorgt werden mußte, bevor die beiden Ärzte sich richtig begrüßen konnten.

Für Hilde spielten alle Geheimnisse keine Rolle mehr, seit sie dieses bezaubernde Geschöpf in ihre Obhut nehmen konnte. So scheu und lieb war Jessika, daß Hilde bereit war, sie gegen jede Gefahr, die ihr drohen könnte, zu verteidigen.

*

»Mon dieu, siehst du gut aus«, sagte Claude, als er Hans-Georg Leitner gegenübersaß. »Überhaupt nicht verändert!«

»Mach nicht solche Sprüche, Claude. Wir sind alle älter geworden! Danke für dein Vertrauen, das du in unsere Klinik setzt. Wir werden alles für Jessika tun.«

»Ich habe dich und Daniel als die besten Ärzte in Erinnerung«, sagte Claude. »Daniel ist als Allgemeinmediziner weiterhin tätig?«

»Ja, er hat eine gut florierende Praxis und ist sehr beliebt. Wir arbeiten eng zusammen. Auch mit Fee Norden, die allerdings momentan nicht praktiziert mit ihren fünf Kindern. Sie sind eine sehr glückliche Familie. Eines Tages wird er wohl das Sanatorium ›Insel der Hoffnung‹ übernehmen, das jetzt noch von seinem Schwiegervater geführt wird. Aber bis dahin hat es noch Zeit.«

»Wie geht es deiner Frau?«

»Danke, auch gut. Claudia hat sich aus dem Klinikbetrieb zurückgezogen und kümmert sich um unsere beiden Kinder, aber sie widmet sich auch der Altenfürsorge.«

»Von mir kann ich nur berichten, daß ich schon seit zehn Jahren geschieden bin – und daß Nicolas und Caroline jetzt glücklicherweise schon so groß sind, daß sie sich in einem Internat recht wohl fühlen.«

Dr. Leitner sah ihn forschend an. »Und warum haben wir das nicht erfahren?« fragte er.