Lebwohl, mein Liebling - Raymond Chandler - E-Book

Lebwohl, mein Liebling E-Book

Raymond Chandler

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Beschreibung

»Ein Rotschopf war sie. So süß wie sonst was. Wir wollten gerade heiraten, als sie mich aus dem Verkehr gezogen haben.« Bei Velma Valento, Nachtclubsängerin in Los Angeles, werden auch die toughsten Männer schwach. Zum Beispiel Moose Malloy. Doch als Moose aus dem Gefängnis kommt, ist Velma verschwunden. Er sucht nach ihr – und schon ist er selbst auf der Flucht. Schöne Frauen, harte Männer und lasche Gesetzeshüter: ›Lebwohl, mein Liebling‹ ist ein explosiver Cocktail aus Liebe und Verbrechen.

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Seitenzahl: 399

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Raymond Chandler

Lebwohl, mein Liebling

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch vonMelanie Walz

Mit einem Nachwort vonPaul Ingendaay

Diogenes

1

Es war einer der gemischten Blocks drüben an der Central Avenue, einer, der noch nicht komplett von Schwarzen bewohnt wurde. Ich kam gerade aus einem Barber Shop mit drei Stühlen, weil ein Detektivbüro vermutet hatte, ein gewisser Dimitrios Aleidis könne dort als Aushilfe arbeiten. Weiter nichts Aufregendes. Seine Frau war bereit, etwas Geld lockerzumachen, um ihn nach Hause zurückzubekommen.

Gefunden habe ich ihn nicht, und Mrs. Aleidis hat mir auch nie etwas bezahlt.

Es war ein warmer Tag, fast schon Ende März. Ich stand vor der Tür und sah zu der Neonreklame eines Speise- und Spielsalons namens Florian’s im ersten Stock hoch, die mir ins Auge gestochen war. Neben mir schaute noch jemand dorthin. Der Mann war angesichts der staubigen Scheiben so verzückt wie ein Einwanderer beim Anblick der Freiheitsstatue. Er war sehr groß, nicht größer als zwei Meter, nicht breiter als ein Bierlaster. Er stand ein Stück von mir entfernt. Seine Arme hingen locker herab, zwischen seinen riesigen Fingern qualmte eine vergessene Zigarre.

Schmächtige stille Schwarze, die in beiden Richtungen vorbeikamen, musterten ihn mit schnellen Blicken aus dem Augenwinkel. Der Anblick lohnte sich. Er trug einen abgewetzten Borsalino, ein grobes graues Sportsakko mit Golfbällen als Knöpfen, braunes Hemd, gelbe Krawatte, graue Flanellhosen mit Bügelfalte und Krokolederschuhe mit grellweißen Kappen über den Zehen. Aus der Brusttasche quoll ein Einstecktuch, genauso knallgelb wie die Krawatte. In seinem Hutband steckten ein paar bunte Federn, doch die hätte es nicht gebraucht. Selbst auf der Central Avenue, nicht für unscheinbare Kleidung bekannt, sah er so diskret aus wie eine Tarantel auf einem Babykuchen.

Seine Haut war blass, und er hatte eine Rasur nötig. Er hatte wohl immer eine nötig. Sein Haar war schwarz und lockig, und seine dichten Augenbrauen trafen sich beinahe über der kräftigen Nase. Die Ohren waren für einen Mann seiner Größe klein und zierlich, und die Augen glänzten, wie oft bei grauen Augen, als seien sie den Tränen nah. Er stand da wie eine Statue, erst nach einer Weile lächelte er.

Langsam näherte er sich der Doppelschwingtür vor der Treppe nach oben. Er schob die zwei Flügel auf, warf einen ausdruckslosen Blick über die Schulter die Straße hinunter und ging hinein. Wäre er kleiner gewesen und unauf‌fälliger gekleidet, hätte ich vielleicht gedacht, er wolle den Laden ausrauben. Aber nicht in dieser Aufmachung, mit diesem Hut, bei dieser Statur.

Die Türen schwangen zurück und waren fast wieder an ihrem Platz. Doch bevor sie zur Ruhe kamen, schnellten sie plötzlich nach außen. Etwas flog über den Gehsteig und landete zwischen zwei Autos im Rinnstein. Es landete auf Händen und Knien und quiekte schrill wie eine Ratte in der Falle. Es kam langsam auf die Füße, hob den Hut auf und stand wieder auf dem Bürgersteig: ein schmächtiger junger Schwarzer mit schmalen Schultern in einem fliederfarbenen Anzug mit Nelke. Er hatte glattes schwarzes Haar. Mit offenem Mund wehklagte er einen Moment. Passanten starrten ihn unbeteiligt an. Dann setzte er seinen Hut keck wieder auf, suchte Halt an der Hausmauer und tappte wortlos von dannen.

Stille. Die Leute liefen weiter. Ich näherte mich der Doppeltür und blieb davor stehen. Die Tür rührte sich nicht. Es ging mich überhaupt nichts an. Ich schob die Tür auf und spähte hinein.

Eine Hand, in der ich hätte sitzen können, fuhr aus dem Halbdunkel, packte meine Schulter und zerquetschte sie zu Brei. Dann zerrte die Hand mich durch die Tür und hob mich wie ein Spielzeug auf die erste Stufe. Das große Gesicht sah mich an. Eine tiefe, sanfte Stimme sagte gelassen: »Alles voller Schwatten hier drin? Was sagst du dazu, Kumpel?«

Es war dunkel dort drin. Und ruhig. Von oben waren leise Stimmen zu hören, aber auf der Treppe waren nur wir. Der Riese starrte mich ernst an und bearbeitete weiter meine Schulter.

»Rußkäfer«, sagte er. »Hab ihn rausgeschmissen. Hast du mitbekommen?«

Er ließ meine Schulter los. Sie fühlte sich nicht gebrochen an, aber der Arm war taub.

»So ein Ort ist das nun mal«, sagte ich und rieb meine Schulter. »Was hast du anderes erwartet?«

»Sag so was nicht, Kumpel«, schnurrte der Riese so sanft wie vier Tiger nach der Fütterung. »Velma hat hier gearbeitet. Die kleine Velma.«

Er langte wieder nach meiner Schulter. Ich versuchte mich wegzuducken, doch er war flink wie eine Katze. Er knetete meine Muskeln mit seinen Eisenfingern.

»Ja«, sagte er. »Die kleine Velma. Hab sie seit acht Jahren nicht gesehen. Du bist sicher, dass das hier eine Schwattenbude ist?«

Ich krächzte, so sei es.

Er beförderte mich zwei Stufen höher. Ich riss mich los und versuchte mir Ellbogenfreiheit zu verschaffen. Ich hatte keine Waffe. Für die Suche nach Dimitrios Aleidis hatte ich so was nicht für nötig gehalten. Doch sie hätte mir eh nichts genützt. Der Riese hätte sie mir nur entrissen und sich einverleibt.

»Geh hoch, und überzeug dich selbst«, sagte ich und versuchte mir meine Qualen nicht anmerken zu lassen.

Er gab mich frei. Mit etwas wie Trauer in seinen grauen Augen sah er mich an. »Ich bin gut drauf«, sagte er. »Will bloß nicht, dass mir jemand in die Quere kommt. Lass uns zusammen hoch und was trinken.«

»Da kriegst du nichts. Hab dir doch gesagt, dass es ein Lokal für Farbige ist.«

»Ich hab Velma seit acht Jahren nicht gesehen«, begann er wieder mit tiefer trauriger Stimme. »Acht lange Jahre, seit ich Tschüs sagen musste. Und seit sechs Jahren hat sie mir nicht mehr geschrieben. Hat sicher ihre Gründe. Sie hat früher hier gearbeitet. Sie war süß. Komm, wir gehen zusammen hoch, ja?«

»Okay«, rief ich. »Ich komme mit. Aber lass mich los. Ich kann selber gehen. Mir fehlt nichts. Ich bin erwachsen. Ich kann allein aufs Klo und so weiter. Trag mich bitte nicht.«

»Die kleine Velma hat hier gearbeitet«, wiederholte er sanft. Er hatte mir nicht zugehört.

Wir gingen die Treppe hinauf. Er ließ mich alleine gehen. Meine Schulter schmerzte. Mir stand der Schweiß im Nacken.

2

Eine Doppelschwingtür verbarg am oberen Treppenende, was sich dahinter befand. Der Riese schob sie mit den Daumen auf und ging hinein. Es war ein länglicher enger Raum, nicht allzu sauber, nicht allzu hell, nicht allzu einladend. In einer Ecke johlte und redete eine Gruppe Schwarzer im Lichtkegel über einem Spieltisch. An der rechten Wand stand eine Bar. Der Rest des Raums war mit kleinen runden Tischen vollgestellt. Es waren ein paar Gäste anwesend, Männer und Frauen, nur Farbige.

Das Johlen verstummte schlagartig, und das Licht über dem Tisch erlosch. Stille machte sich breit, so schwer wie ein vollgelaufenes Boot. Augen richteten sich auf uns, kastanienbraune Augen aus Gesichtern von grau bis tiefschwarz. Köpfe drehten sich uns langsam entgegen. Die Augen funkelten und starrten uns an im tödlichen Schweigen unvereinbarer Welten.

Am Ende der Bar lehnte ein massiger Schwarzer mit rosa Ärmelhaltern und rosa-weiß gestreif‌ten Hosenträgern, die sich auf seinem wuchtigen Rücken kreuzten. Alles an ihm markierte den Rausschmeißer. Er stellte den aufgestützten Fuß langsam auf dem Boden ab, wandte sich langsam um, stellte sich breitbeinig hin, starrte uns an und fuhr sich mit seiner kräftigen Zunge über die Lippen. Sein Gesicht sah so mitgenommen aus, als hätte es bis auf eine Baggerschaufel schon alles gesehen. Es war vernarbt, geplättet, verschwollen, scheckig und striemig. Ein Gesicht, das nichts mehr zu fürchten hatte. Alles Erdenkliche war ihm schon widerfahren. Sein kurzes, verstrupptes Haar war leicht ergraut. Ein Ohr hatte kein Läppchen. Der Schwarze war bullig und breit. Er hatte kräftige Beine, die erstaunlicherweise leicht krumm wirkten. Er fuhr sich wieder mit der Zunge über die Lippen, lächelte und kam in Bewegung. Er näherte sich uns in der lockeren, leicht geduckten Haltung eines Boxers. Der große Mann erwartete ihn wortlos.

Der Schwarze mit den rosa Ärmelschonern legte seine mächtige Hand auf die Brust des großen Mannes. Sie wirkte darauf wie ein Stecknadelkopf. Der Riese rührte sich nicht. Der Rausschmeißer lächelte sanft. »Keine Weißen hier, Freundchen. Nur für Farbige. Tut mir leid.«

Der Riese sah sich mit seinen kleinen, traurigen grauen Augen im Zimmer um. Seine Wangen röteten sich leicht. »Schwattenkneipe«, sagte er leise und verächtlich. Er wurde lauter. »Wo steckt Velma?«, fragte er den Rausschmeißer.

Der Rausschmeißer unterdrückte ein Lachen. Er musterte die Kleidung des großen Mannes, das braune Hemd, die gelbe Krawatte, das grobe graue Sakko mit den weißen Golfbällen. Er drehte seinen kräftigen Kopf ein wenig hin und her und musterte all das aus verschiedenen Blickwinkeln. Er sah auf die Krokolederschuhe hinunter. Er kicherte leise. Nahm den andern nicht ernst. Er tat mir ein bisschen leid. Er sprach wieder leise. »Velma, sagst du? Keine Velma hier, Freundchen. Kein Schnaps, keine Mädchen, kein gar nichts. Verpiss dich, Weißbacke, und zwar schnell.«

»Velma hat hier gearbeitet«, sagte der große Mann. Seine Stimme klang verträumt, als wäre er ganz allein, draußen im Wald, um Stiefmütterchen zu pflücken. Ich holte mein Taschentuch heraus und wischte mir den Schweiß aus dem Nacken.

Plötzlich lachte der Rausschmeißer laut. »Klar doch«, sagte er und vergewisserte sich mit einem kurzen Blick über die Schulter seines Publikums. »Velma hat hier gearbeitet. Aber das tut sie nicht mehr. Ist in Rente gegangen. Haha.«

»Nimm deine verdammten Flossen von meinem Hemd«, sagte der große Mann.

Der Rausschmeißer runzelte die Stirn. Diesen Ton war er nicht gewohnt. Er nahm die Hand vom Hemd und ballte sie zu einer Faust von der Größe und Farbe einer ausgewachsenen Aubergine. Er musste an seinen Job, seinen Ruf als zäher Bursche und an sein Publikum denken. Eine Sekunde lang tat er es, dann machte er einen Fehler. Er holte mit der Faust aus und schlug dem großen Mann mit abgewinkeltem Ellbogen schnell und hart gegen den Kiefer. Ein leises Stöhnen ging durch den Raum.

Es war ein guter Schlag. Die Schulter senkte sich, und der Körper schwang mit. Dieser Schlag hatte großen Drall und der Mann viel Übung. Der große Mann bewegte seinen Kopf nur unmerklich. Er hatte nicht versucht, dem Schlag auszuweichen. Er steckte ihn ein, schüttelte sich kurz, ein leises Geräusch entrang sich seiner Kehle, und schon packte er den Rausschmeißer an der Gurgel.

Der Rausschmeißer wollte ihm in die Eier treten. Doch der große Mann wirbelte ihn durch die Luft, während seine Angeberschuhe über das durchgelaufene Linoleum grätschten. Er bog den Rausschmeißer nach hinten und fasste mit der rechten Hand den Gürtel des Mannes. Der Gürtel zerriss wie Küchengarn. Der große Mann lud den Rücken des Rausschmeißers auf seine Pranke und riss ihn hoch. Dann warf er ihn quer durch den Raum, während der andere sich wand und zuckte und mit den Armen ruderte. Drei Männer sprangen aus dem Weg. Der Rausschmeißer riss einen Tisch um und krachte so laut gegen die Fußleiste, dass man es bis Denver hören musste. Seine Beine zuckten. Dann lag er da.

»Manche Typen«, sagte der große Mann, »wissen einfach nicht, wann sie besser keinen auf harter Bursche machen.« Er wandte sich zu mir. »Ja«, sagte er, »lass uns beide einen heben.«

Wir gingen zur Bar. Die Kunden wurden zu stillen Schatten, die allein, zu zweit oder zu dritt geräuschlos über den Boden und durch die Türen zum Treppenabsatz glitten. Geräuschlos wie Schatten über Gras. Sie brachten nicht einmal die Tür zum Schwingen.

Wir lehnten uns an die Theke. »Whisky Sour«, sagte der Große. »Und du?«

»Whisky Sour«, sagte ich.

Wir bekamen Whisky Sour.

Der große Mann leerte ungerührt sein dickes, klobiges Glas. Er starrte finster den Barkeeper an, einen mageren, nervösen Schwarzen in weißem Kittel, der so aussah, als täten ihm die Füße weh.

»Weißt du, wo Velma ist?«

»Velma, sagen Sie?«, jammerte der Barkeeper. »Hab sie in letzter Zeit hier nicht gesehen. Nicht in letzter Zeit.«

»Seit wann bist du hier?«

»Mal sehen.« Der Barkeeper legte sein Geschirrtuch hin, runzelte die Stirn und begann an den Fingern abzuzählen. »An die zehn Monate, schätz ich. So ein Jahr. Etwa –«

»Denk scharf nach«, sagte der große Mann.

Der Barkeeper schluckte. Sein Adamsapfel zuckte wie ein kopf‌loses Huhn.

»Seit wann ist diese Hütte ein Schwattenladen?«, fragte der Große schroff.

»Wie meinen?«

Der große Mann ballte seine Hand zur Faust, bis das Glas mit dem Whisky Sour kaum mehr zu sehen war.

»Mindestens seit fünf Jahren«, schaltete ich mich ein. »Er kann nichts von einem weißen Mädchen namens Velma wissen. Niemand hier kann es.«

Der große Mann sah mich an, als sei ich soeben aus dem Ei geschlüpft. Der Whisky Sour hatte seine Laune nicht verbessert. »Wer zum Teufel hat dich hier reingelassen?«, fragte er.

Ich lächelte. Ein schönes, ein freundliches Lächeln. »Ich bin der Typ, der mit dir reingekommen ist. Schon vergessen?«

Er grinste, ein nichtssagendes, unverbindliches Grinsen. »Whisky Sour«, sagte er zum Barmann. »Mach vorwärts. Und zwar flott.«

Der Barkeeper rollte die Augen und machte sich eilig zu schaffen.

Ich lehnte mich gegen die Theke und sah mich um. Es war niemand mehr da außer dem Barkeeper, dem großen Mann und mir sowie dem Rausschmeißer, der an der Wand klebte. Er begann sich zu rühren, langsam, wie mit Schmerzen und Mühe. Er kroch so vorsichtig an der Leiste entlang wie eine Fliege mit nur einem Flügel. Er kroch hinter den Tischen durch, kraftlos, auf einen Schlag alt und vom Leben enttäuscht. Ich ließ ihn nicht aus den Augen. Der Barkeeper servierte den zweiten Whisky Sour. Ich wandte mich wieder dem Tresen zu. Der große Mann warf nur einen kurzen Blick auf die kriechende Gestalt, beachtete sie nicht weiter.

»Nichts mehr, wie es früher war«, beschwerte er sich. »Es gab hier eine kleine Bühne und Musik und nette kleine Separees, wo man Spaß haben konnte. Velma legte ein paar Nummern hin. Ein Rotschopf war sie. So süß wie sonst was. Wir wollten gerade heiraten, als sie mich aus dem Verkehr gezogen haben.«

Ich trank meinen zweiten Whisky Sour. Langsam hatte ich genug von der Geschichte. »Welchem Verkehr?«, fragte ich.

»Was denkst du, wo ich die acht Jahre war, von denen ich gesprochen hab?«

»Schmetterlinge fangen.«

Er klopf‌te sich mit einem Finger so krumm wie eine Banane an die Brust. »War eingelocht. Heiße Malloy. Sie nennen mich Moose Malloy, weil ich so groß bin wie ein Elch. Der Überfall auf die Great-Bend-Bank. Vierzig Riesen. Solonummer. Was sagst du dazu?«

»Und das Geld willst du jetzt ausgeben?«

Er warf mir einen scharfen Blick zu. Hinter uns gab es ein Geräusch. Der Rausschmeißer war, wenn auch etwas wacklig, wieder auf den Beinen. Er hatte die Hand auf der Klinke einer dunklen Tür hinter dem Spieltisch. Er öffnete sie mit Mühe, fiel fast durch die Öffnung. Die Tür fiel ins Schloss. Und wurde verschlossen.

»Wo geht’s da hin?«, fragte Moose Malloy.

Die Augen des Barkeepers schweif‌ten in die Ferne, richteten sich dann zögernd auf die Tür, durch die der Rausschmeißer gestolpert war.

»Das – das ist Mr. Montgomerys Büro, Sir. Er ist hier der Chef. Das da hinten ist sein Büro.«

»Der könnte Bescheid wissen«, sagte der große Mann. Er leerte sein Glas mit einem Schluck. »Wehe, er tut dumm. Noch zwei davon.«

Er ging gelassen durch den Raum, so leichtfüßig, als gehöre ihm die Welt. Sein riesiger Rücken verdeckte die verschlossene Tür. Er rüttelte daran. Ein Stück Türfüllung löste sich. Er ging hinein und schloss die Tür.

Stille. Ich sah zum Barkeeper. Der sah zu mir. Sein Blick umwölkte sich. Er putzte die Theke, seufzte und griff mit dem rechten Arm nach unten.

Ich langte über den Tresen, packte seinen dünnen, schmächtigen Arm, hielt ihn fest und lächelte. »Was haben wir denn da?«

Er befeuchtete sich die Lippen, stemmte sich gegen meinen Arm und sagte nichts. Sein schwitzendes Gesicht wurde grau.

»Mit diesem Burschen ist nicht zu spaßen«, sagte ich. »Und er wird schnell böse. Vor allem, wenn er getrunken hat. Er sucht nach einem Mädchen, das er gekannt hat. Damals war das hier ein Laden für Weiße. Verstehst du?«

Der Barkeeper befeuchtete sich die Lippen.

»Er war lange weg«, sagte ich. »Acht Jahre. Er begreift offenbar nicht, wie lange das ist, obwohl es ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen sein muss. Er denkt, die Leute hier müssten wissen, wo sein Mädchen steckt. Verstehst du?«

Der Barkeeper sagte langsam: »Ich dachte, Sie sind auf seiner Seite.«

»Ich hatte keine andere Wahl. Er hat mich unten angesprochen und in Schlepp genommen. Ich hatte ihn noch nie gesehen. Aber ich hatte keine Lust, über die Dächer zu fliegen. Was hast du da unten?«

»Abgesägte Flinte«, sagte der Barkeeper.

»Psst. Das ist illegal«, flüsterte ich. »Hör zu, wir sitzen in einem Boot. Hast du sonst noch was?«

»Handwaffe«, sagte der Barkeeper. »In ’ner Zigarrenkiste. Lassen Sie meinen Arm los.«

»Gut«, sagte ich. »Jetzt geh beiseite. Ganz ruhig. Ist nicht der Moment, die Artillerie aufzufahren.«

»Von wegen«, schimpf‌te der Barkeeper und drückte mit all seiner müden Schwere gegen meinen Arm. »Sie denken –«

Er verstummte. Seine Augen weiteten sich. Sein Kopf fuhr herum.

Am anderen Ende des Zimmers, von der geschlossenen Tür hinter dem Spieltisch her, war ein dumpfes Geräusch zu hören. Hätte eine zugeschlagene Zimmertür sein können. Kam mir aber nicht so vor. Dem Barkeeper auch nicht.

Der Barkeeper erstarrte. Ihm lief Speichel aus dem Mund. Ich lauschte. Nichts mehr zu hören. Ich lief schnell die Bartheke entlang. Ich hatte genug gehört.

Die Tür krachte auf, und Moose Malloy hechtete heraus, mit einem breiten, blassen Grinsen.

Der .45 Colt sah in seiner Hand wie eine Spielzeugpistole aus.

»Keine Mätzchen, ihr beide«, sagte er seelenruhig. »Flossen auf die Theke.«

Der Barkeeper und ich legten die Hände vor uns hin.

Moose Malloy sah sich forschend um. Sein Grinsen war starr, wie angenagelt. Er bewegte sich auf leisen Sohlen durch den Raum. Selbst in dieser Aufmachung wirkte er wie jemand, der mit links eine Bank ausräumen konnte.

Er kam zur Bar. »Flossen hoch, Nigger«, sagte er sanft. Der Barkeeper hielt die Hände hoch. Der große Mann trat hinter mich und durchsuchte mich mit der linken Hand. Seinen Atem spürte ich heiß im Nacken. Dann nicht mehr.

»Mister Montgomery wusste auch nicht, wo Velma ist«, sagte er. »Wollte mir Bescheid geben – mit dem hier.« Seine harte Hand streichelte die Waffe. Ich drehte mich langsam um und sah ihn an. »Ja«, sagte er. »Du sollst mich kennenlernen. Du wirst mich nicht vergessen, Kumpel. Sag diesen Brüdern, sie sollen bloß keinen Blödsinn machen.« Er wedelte mit der Waffe. »Na, dann bis später, ihr Idioten. Muss los.«

Er ging zum Treppenabsatz.

»Die Drinks sind noch nicht bezahlt«, sagte ich. Er blieb stehen und sah mich prüfend an.

»Ist vielleicht was dran«, sagte er, »aber ich würd an deiner Stelle nicht drauf rumreiten.«

Er ging weiter, durch die Schwingtür, und seine Schritte auf den Treppenstufen wurden leiser.

Der Barkeeper bückte sich. Ich sprang hinter die Theke und schob ihn aus dem Weg. Auf der Ablage war eine in ein Tuch eingeschlagene abgesägte Flinte, daneben eine Zigarrenkiste mit einer Automatik Kaliber 38. Ich nahm beide an mich. Der Barkeeper drückte sich gegen das Gläserregal.

Ich umrundete die Theke und lief quer durch den Raum bis zu der offenen Tür hinter dem Spieltisch. Dahinter führte ein Flur um die Ecke, ziemlich düster. Der Rausschmeißer lag bewusstlos am Boden, ein Messer in der Hand. Ich bückte mich, nahm ihm das Messer ab und warf es eine Hintertreppe runter. Der Rausschmeißer schnarchte, seine Hand war schlaff.

Ich stieg über ihn und öffnete eine Tür mit der Aufschrift »Büro« in abgeblätterter schwarzer Farbe.

Ein kleiner zerkratzter Tisch stand neben einem halb mit Brettern vernagelten Fenster. Der Torso eines Mannes saß steif auf einem Stuhl. Der Stuhl hatte eine Rückenlehne, die fast bis zum Nacken des Mannes reichte. Sein Kopf war so zurückgeklappt, dass die Nase in Richtung Fenster zeigte. Hing da wie ein Taschentuch oder ein Scharnier.

Zu seiner Rechten war eine Schublade offen. Darin eine Zeitung mit einer Ölspur. Da kam offenbar die Waffe her. Er hatte es vielleicht für eine gute Idee gehalten, doch die Position von Mr. Montgomerys Kopf bewies, dass es keine gute Idee gewesen war.

Auf dem Tisch stand ein Telefon. Ich legte die abgesägte Flinte hin und schloss die Tür ab, bevor ich die Polizei anrief. Mir war wohler so, und Mr. Montgomery hatte offenbar nichts dagegen.

Als die Männer aus dem Streifenwagen die Treppe hochstapf‌ten, waren der Rausschmeißer und der Barkeeper verschwunden, hatten mich meinem Schicksal überlassen.

3

Ein gewisser Nulty wurde mit dem Fall betraut, ein hohlwangiger Griesgram mit langen gelblichen Händen, die er die meiste Zeit auf den Knien gefaltet hielt. Er war Kriminalinspektor bei der 77th Street Division, und das Verhör fand in einem kahlen Zimmer statt, mit zwei schmalen Schreibtischen an den Längsseiten und genug Platz, sich dazwischen durchzuquetschen, wenn es nicht zwei Leute gleichzeitig versuchten. Über dem schmutzig braunen Linoleumboden hing ein Geruch nach alten Zigarrenkippen. Nultys Hemd war abgestoßen, die Ärmel seiner Jacke umgenäht. Er wirkte ärmlich genug, um anständig zu sein, aber nicht wie jemand, der es mit Moose Malloy aufnehmen konnte.

Er zündete einen Zigarrenstummel an und warf das Streichholz auf den Boden, wo es von seinesgleichen erwartet wurde. Nultys Stimme sagte verbittert: »Schwarze. Noch ein Mord unter Schwarzen. Seit achtzehn Jahren geht nur so was auf mein Konto. Kein Foto in der Zeitung, keine Meldung, nicht einmal vier Zeilen in den Kleinanzeigen.«

Ich sagte nichts. Er nahm meine Karte, las sie noch einmal und ließ sie auf den Tisch fallen.

»Philip Marlowe. Privatdetektiv. Diese Sorte, wie? Mein Gott, zäh genug sehen Sie aus. Wo waren Sie die ganze Zeit?«

»Welche ganze Zeit?«

»Während Malloy dem andern den Hals verdreht hat.«

»Oh, das war in einem anderen Zimmer«, sagte ich. »Malloy hatte mir nicht verraten, dass er ihm den Hals umdrehen würde.«

»Nehmen Sie mich ruhig hoch«, sagte Nulty verbittert. »Nur zu, tun Sie sich keinen Zwang an. Das machen alle. Wen kümmert es? Armer alter Nulty. Den nehmen wir hoch und machen uns über ihn lustig. Immer für einen Witz gut, unser Nulty.«

»Ich will niemanden hochnehmen«, sagte ich. »So war es einfach – in einem anderen Zimmer.«

»Na klar«, sagte Nulty durch einen Schleier ranzigen Zigarrenrauchs. »Kann mich ja selbst davon überzeugen, nicht wahr? Hatten Sie keine Waffe dabei?«

»Nicht bei dem Auf‌trag, den ich hatte.«

»Was für ein Auf‌trag?«

»Ich war auf der Suche nach einem Friseur, der seiner Frau weggelaufen war. Sie dachte, man könnte ihn dazu bringen, nach Hause zurückzukommen.«

»Meinen Sie einen Schwarzen?«

»Nein, einen Griechen.«

»Okay«, sagte Nulty und spuckte in seinen Papierkorb. »Okay. Und wie sind Sie dann dem großen Mann begegnet?«

»Sagte ich schon. Ich war zufällig dort. Er warf einen Schwarzen aus dem Florian’s, und ich habe dummerweise den Kopf reingesteckt, um zu sehen, was los war. Da hat er mich in Schlepp genommen.«

»Sie wollen sagen, er hat Sie bedroht?«

»Nein, da hatte er noch keine Waffe. Jedenfalls habe ich keine gesehen. Die Waffe hat er vermutlich Montgomery abgenommen. Er hat mich einfach am Arm gefasst. Manchmal bin ich einfach zu nett.«

»Wer hätte das gedacht«, sagte Nulty. »Sie sind offenbar leicht mitzunehmen.«

»Von mir aus«, sagte ich. »Wozu streiten? Ich hatte diesen Typ vor mir, Sie nicht. Der hängt sich Sie oder mich an die Uhrkette. Ich habe erst mitbekommen, dass er jemand umgebracht hat, als er schon weg war. Ich hatte einen Schuss gehört, aber gedacht, dass jemand aus Angst auf Malloy geschossen hatte und Malloy demjenigen die Waffe abgenommen hatte.«

»Und wie kamen Sie auf diese Idee?«, fragte Nulty beinahe sanft. »Bei seinem Banküberfall hatte er doch auch eine Waffe, oder nicht?«

»Bedenken Sie, wie er angezogen war. Er war nicht gekommen, um jemanden umzubringen, nicht in dieser Aufmachung. Er ging hin, um nach einem Mädchen namens Velma zu suchen, das seine Freundin gewesen war, bevor er für diese Sache mit der Bank eingebuchtet wurde. Sie hat im Florian’s gearbeitet oder wie auch immer der Laden hieß, als er nur für Weiße war. Dort hatten sie ihn aufgegriffen. Sie werden ihn schon schnappen.«

»Klar«, sagte Nulty. »Bei der Körpergröße und den Klamotten. Kein Problem.«

»Er könnte andere Kleider haben«, sagte ich. »Und ein Auto und ein Versteck und Geld und Freunde. Aber Sie werden ihn schon schnappen.«

Nulty spuckte wieder in den Papierkorb. »Den kriege ich«, sagte er, »ungefähr so schnell wie meine dritten Zähne. Wie viel Mann habe ich dafür? Einen. Wissen Sie, warum? Keine Kapazitäten für so was. Einmal haben sich fünf Schwarze an der East Eighty-Four gegenseitig mit Harlem-Sonnenuntergängen verziert. Einer von ihnen war schon kalt. Blut an den Möbeln, Blut an den Wänden, sogar an der Zimmerdecke. Ich komme hin, da war ein Typ, fürs Vermischte beim Chronicle zuständig, gerade auf dem Weg zu seinem Wagen. Zieht eine Grimasse und sagt: Na ja, Neger halt, setzt sich in seine Karre und fährt davon. Er war nicht mal im Haus gewesen.«

»Vielleicht war Malloy auf Bewährung draußen«, sagte ich. »Dann bekommen Sie schon eher Verstärkung. Sie müssen ihn erwischen, sonst legt er eine ganze Latte Leute um. Und dann kriegen Sie Ihre Kapazitäten.«

»Und der Fall würde mir abgenommen«, höhnte Nulty.

Auf seinem Schreibtisch klingelte das Telefon. Er nahm den Hörer ab und lächelte unfroh. Nach dem Auf‌legen notierte er etwas, einen schwachen Schimmer in den Augen wie ein fernes Licht weit hinten in einem staubigen Korridor.

»Na, so was, sie führen ihn. Im Archiv. Haben seine Fingerabdrücke, seine Visage, alles. Gar nicht übel für den Anfang.« Er las laut vor: »Verdammt, was für ein Kerl. Eins fünfundneunzig groß, hundertzweiunddreißig Kilo, ohne Krawatte. Mann, das ist ein Brocken. Was soll’s. Sie suchen ihn jetzt übers Radio. Kommt wahrscheinlich nach der Liste mit den geklauten Autos. Jetzt muss man nur noch abwarten.« Er warf die Zigarre in den Spucknapf.

»Versuchen Sie es über das Mädchen«, sagte ich. »Velma. Malloy ist auf der Suche nach ihr. Damit fing alles an. Versuchen Sie es über Velma.«

»Versuchen Sie es selbst«, sagte Nulty. »Ich war seit zwanzig Jahren in keinem Puff.«

Ich stand auf. »Okay«, sagte ich und ging zur Tür.

»He, Augenblick«, sagte Nulty. »War nur ein Scherz. Sie sind im Moment nicht gerade überbeschäftigt, oder?«

Ich drehte eine Zigarette zwischen den Fingern, sah zu ihm und wartete auf der Schwelle.

»Scheint mir, Sie hätten Zeit, sich nach der Dame umzusehen. Ihre Idee war gut. Sie könnten was in Erfahrung bringen. Unauf‌fällig.«

»Und was wäre für mich drin?«

Er streckte traurig seine gelblichen Hände aus. Sein Lächeln war so überzeugend wie eine kaputte Mausefalle. »Sie hatten schon öfter Ärger mit uns. Leugnen ist zwecklos. Ich weiß es. Könnte nicht schaden, einen guten Draht zu haben.«

»Und was hätte ich davon?«

»Hören Sie«, sagte Nulty eindringlich. »Ich bin nur eine kleine Nummer. Aber jeder in unserer Abteilung könnte eine Menge für Sie tun.«

»Aus reiner Menschlichkeit – oder würde Geld dabei rausschauen?«

»Kein Geld«, sagte Nulty und rümpf‌te seine traurige gelbe Nase. »Ich könnte ein bisschen Rückhalt dringend gebrauchen. Seit den letzten Versetzungen sitzen wir hier ziemlich auf dem Trockenen. Ich würde es Ihnen nie vergessen, Kumpel. Niemals.«

Ich sah auf meine Uhr. »Okay, wenn mir eine Idee kommt, gehört sie Ihnen. Und wenn Sie das Fahndungsbild haben, identifiziere ich ihn für Sie. Nach dem Lunch.«

Wir schüttelten uns die Hand, und ich ging durch den schlammfarbenen Flur und das schlammfarbene Treppenhaus hinunter zum Ausgang und meinem Auto.

Moose Malloy hatte das Florian’s vor zwei Stunden mit dem Colt in der Hand verlassen. Ich aß im Drugstore zu Mittag, kauf‌te einen halben Liter Bourbon, fuhr nach Osten zur Central Avenue und von dort in Richtung Norden. Meine Ahnung war so verschwommen wie das Hitzeflimmern, das über dem Gehsteig waberte.

Allein die Neugier machte dies zu meiner Sache. Aber genau genommen hatte ich den ganzen Monat nichts zu tun gehabt. Selbst ein Auf‌trag ohne Bezahlung wäre mal eine Abwechslung.

4

Das Florian’s hatten sie natürlich geschlossen. Ein unverkennbarer Polizist in Zivil saß davor in einem Auto und las mit einem Auge Zeitung. Keine Ahnung, wozu sie sich die Mühe machten. Niemand dort kannte Moose Malloy. Der Rausschmeißer und der Barmann waren abgetaucht. Niemand weit und breit wollte Auskunft geben.

Ich fuhr langsam vorbei, parkte um die Ecke und bemerkte ein Hotel für Schwarze schräg über die nächste Kreuzung. Es hieß Sans Souci. Ich stieg aus, überquerte die Straße und betrat das Hotel. Auf einem dunkelbraunen Faserteppichläufer starrten zwei Reihen harter leerer Stühle einander an. Hinten im Dämmerlicht war eine Theke. Ein kahlköpfiger Mann ließ seine weichen braunen Hände mit geschlossenen Augen friedlich darauf ruhen. Er döste, oder es wirkte so.

Er trug eine Ascot-Krawatte, deren Knoten aus dem Jahr 1880 zu stammen schien. Der grüne Schmuckstein an seiner Krawattennadel war nicht ganz so groß wie ein Apfel. Sein breites Doppelkinn ruhte friedlich auf der Krawatte. Auch seine gefalteten Hände waren friedlich und sauber, mit manikürten Nägeln und grauen Halbmonden im Rosa der Nägel.

In ein Metallschild neben seinem Ellbogen war eingeprägt: »Dieses Hotel steht unter dem Schutz der International Consolidated Agencies Ltd. Inc.«

Als der friedliche braune Mann bedächtig ein Auge aufschlug, deutete ich auf das Schild. »Komme von der H. P. D.Irgendwelcher Ärger hier?«

Das Hotel Protective Department ist die Unterabteilung einer großen Agentur, die ein Auge auf Scheckbetrüger hat und auf Leute, die sich über die Hintertreppe verdrücken und unbezahlte Rechnungen und Koffer aus zweiter Hand voller Ziegelsteinen hinterlassen.

»Ärger ist was, Bruder«, sagte der Mann an der Rezeption mit hoher, klangvoller Stimme, »was wir hinter uns gelassen haben.« Er senkte die Stimme eine halbe Oktav und fragte: »Wie war noch der Name?«

»Marlowe. Philip Marlowe …«

»Netter Name, Bruder. Anständig und freundlich. Bist ein angenehmer Anblick.« Er senkte wieder die Stimme. »Aber du bist nicht von der H. P. D. Seit Jahren niemanden von dort gesehen.« Er faltete die Hände auseinander und deutete gelangweilt zu dem Schild. »Hab ich secondhand gekauft, Bruder, nur zur Abschreckung.«

»Verstehe«, sagte ich. Ich beugte mich über die Theke und ließ einen halben Dollar auf dem nackten, zerkratzten Holz kreiseln. »Schon gehört, was heute früh im Florian’s passiert ist?«

»Kann mich nicht erinnern, Bruder.« Er hatte jetzt beide Augen offen und ließ die Lichtspur der kreiselnden Münze nicht aus dem Blick.

»Der Boss wurde erledigt«, sagte ich. »Mann namens Montgomery. Jemand hat ihm das Genick gebrochen.«

»Möge der Herr sich seiner Seele erbarmen, Bruder.« Seine Stimme senkte sich wieder. »Polyp?«

»Ein Privater – vertrauliche Sache. Und ich weiß, wenn ich jemanden vor mir habe, dem ich trauen kann.«

Er betrachtete mich, schloss dann die Augen und dachte nach. Er öffnete sie wieder vorsichtig und starrte die kreiselnde Münze an. Er konnte den Blick nicht abwenden. »Wer hat das getan?«, fragte er leise. »Wer hat Sam umgelegt?«

»Ein Knastbruder war sauer, dass es kein weißer Schuppen mehr ist. War es offenbar früher mal. Erinnerst du dich?«

Er sagte nichts. Die Münze fiel leise klirrend um und blieb liegen.

»Mach eine Ansage«, sagte ich. »Ich kann dir aus der Bibel vorlesen oder dir einen Drink spendieren. Was ist dir lieber?«

»In meiner Bibel lese ich im trauten Kreis meiner Familie, Bruder.« Seine Augen glänzten starr wie die einer Kröte.

»Vielleicht brauchst du einen nach dem Essen«, sagte ich.

»Lunch«, sagte er, »ist was, worauf einer von meiner Figur und Veranlagung lieber verzichtet.« Seine Stimme senkte sich wieder. »Komm mal auf meine Seite rüber.«

Ich kam zu ihm hinter, holte die flache, versiegelte Flasche hervor, stellte sie auf die Theke und ging wieder nach vorn. Er beugte sich über die Flasche und untersuchte sie. Er sah zufrieden aus. »Bruder, damit kannst du nichts erkaufen«, sagte er. »Aber ich riech gerne mit dir gemeinsam daran.«

Er öffnete die Flasche, stellte zwei kleine Gläser daneben und füllte beide seelenruhig bis zum Rand. Er nahm ein Glas, schnupperte daran und trank es mit abgespreiztem kleinem Finger aus.

Er schmeckte nach, versonnen, nickte und sagte: »Das kommt aus der richtigen Flasche, Bruder. Was kann ich für dich tun? Hier gibt’s keine Ritze im Gehsteig, die ich nicht kenne. Ja, dieser Schnaps ist nicht von schlechten Eltern.«

Er goss sich nach.

Ich erzählte ihm, was im Florian’s passiert war und warum.

Er starrte mich ernst an und schüttelte seinen Kahlkopf.

»War ein netter, ruhiger Ort, der von Sam«, sagte er. »Keine einzige Messerstecherei im letzten Monat.«

»Als das Florian’s so vor sechs oder acht Jahren ein Schuppen für Weiße war, wie hieß es da?«

»Leuchtreklame ist nicht billig, Bruder.«

Ich nickte. »Dachte mir schon, dass es genauso hieß. Malloy hätte sicher was gesagt, wenn der Name sich geändert hätte. Aber wer hat den Laden geführt?«

»Muss mich über dich wundern, Bruder. Der arme Sünder hieß Florian. MikeFlorian …«

»Und was passierte mit MikeFlorian?«

Der Schwarze streckte seine sanften Hände aus. Seine Stimme war wohlklingend und traurig. »Tot, Bruder. Zum Herrn gegangen. Neunzehnhundertundvierunddreißig, vielleicht fünfunddreißig. Weiß nicht mehr genau. Verpfuschtes Leben, Bruder, eingelegte Nieren, wie es hieß. Der Gottlose geht zu Boden wie ein hornloser Ochse, Bruder, aber im Jenseits wartet die Barmherzigkeit.« Seine Stimme senkte sich auf Geschäftsniveau. »Keine Ahnung, warum.«

»Wen hat er hinterlassen? Nimm dir noch einen.«

Er schloss die Flasche entschieden und schob sie über die Theke. »Zwei sind genug, Bruder – vor Sonnenuntergang. Ich danke dir. Dein Vorgehen ist tröstlich für die Würde eines Menschen … Hat eine Witwe hinterlassen. Namens Jessie.«

»Was ist aus ihr geworden?«

»Die Suche nach Antworten, Bruder, lässt viele Fragen stellen. Hab nichts gehört. Versuch es mit dem Telefonbuch.«

In der hintersten Ecke des Foyers gab es eine Telefonzelle. Ich schloss die Tür weit genug, dass das Licht anging. Ich suchte nach dem Namen in dem angeketteten und zerschlissenen Buch. Weit und breit kein Florian. Ich ging zur Theke zurück. »Fehlanzeige«, sagte ich.

Der Schwarze bückte sich widerwillig, hievte ein amtliches Adressverzeichnis auf die Theke und schob es zu mir hinüber. Er schloss die Augen. Er war es langsam leid.

In dem Verzeichnis gab es eine JessieFlorian, verwitwet. Sie wohnte West 54th Place, in der Nummer 1644. Ich fragte mich, wofür ich mein Leben lang meinen Grips angestrengt hatte.

Ich notierte die Adresse auf einem Stück Papier und schob das Verzeichnis wieder über die Theke. Der Schwarze verstaute es, gab mir die Hand und faltete seine Hände wieder genau an demselben Ort, wo sie vorher gelegen hatten. Seine Lider senkten sich, als schliefe er ein.

Für ihn war die Sache erledigt. Auf dem Weg zur Tür blickte ich mich noch einmal schnell um. Seine Augen waren geschlossen, er atmete friedlich und blähte bei jedem Atemzug leicht die Lippen. Sein Kahlkopf glänzte.

Ich verließ das Sans Souci und ging über die Kreuzung zu meinem Wagen. Es sah alles so einfach aus. Viel zu einfach.

5

Nummer 1644, West 54th Place, war ein vertrocknetes braunes Haus mit einem vertrockneten braunen Rasen davor. Eine tapfere Palme stand inmitten einer großen öden Fläche. Auf der Veranda ein einsamer hölzerner Schaukelstuhl. Die Nachmittagsbrise ließ die Schösslinge der Weihnachtssterne vom Vorjahr gegen den rissigen Mauerputz pochen. Neben dem Haus flatterte an einem rostigen Draht steife gelbliche, noch halb dreckige Wäsche.

Ich fuhr ein paar Häuser weiter, parkte auf der anderen Straßenseite und ging zurück.

Die Klingel reagierte nicht. Ich klopf‌te an den Holzrahmen neben dem Fliegengitter. Langsame Schritte schlurf‌ten herbei, die Tür wurde einen Spaltbreit geöffnet. Im Halbdunkel erkannte ich eine füllige Frau, die sich während dem Öffnen die Nase putzte. Ihr Gesicht war grau und aufgedunsen. Sie hatte strohige Haare von der Farbe, die weder braun noch blond ist, nicht genug Leben hat, um ingwerfarben zu heißen, und nicht gepflegt genug, um grau zu sein. Ihr Körper steckte unförmig in einem aus der Form gegangenen Morgenrock, der seit Langem keine Farbe mehr gesehen hatte. Er war einfach nur etwas um sie herum. Ihre großen Zehen ragten aus einem Paar Männerpantoffeln aus abgestoßenem braunem Leder.

Ich sagte: »Mrs. Florian? Mrs. JessieFlorian?«

»Uh-hu«, quälte sich ihre Stimme aus der Kehle wie ein Kranker aus seinem Bett.

»Sie sind Mrs. Florian, deren Ehemann an der Central Avenue ein Vergnügungslokal betrieben hat? MikeFlorian?«

Ihr Daumen schob eine Haarsträhne hinter das große Ohr. Ihre Augen glitzerten überrascht. Die schwerfällige, belegte Stimme sagte: »Wa– was? Wie um alles im Leben? Mike ist seit fünf Jahren tot. Wer, haben Sie gesagt, sind Sie?«

Die Fliegengittertür war immer noch verriegelt.

»Ich bin Detektiv«, sagte ich. »Ich hätte gern ein paar Informationen.«

Sie starrte mich eine öde Minute lang an. Dann entriegelte sie mühsam die Tür und drehte mir den Rücken zu. »Also, kommen Sie rein. Hatte noch keine Zeit aufzuräumen«, jammerte sie. »Bulle, wie?«

Ich ging hinein und verschloss die Tür hinter mir. Linker Hand dudelte in einer Zimmerecke ein großer schicker Musikschrank. Er war das einzige anständige Möbelstück im Haus. Es sah nagelneu aus. Alles andere war heruntergekommen – verdreckte Sofakissen, ein hölzerner Schaukelstuhl wie der auf der Veranda und hinter einem Durchgang zum Esszimmer ein schmutziger Tisch und eine Schwingtür voller Fingerspuren in Richtung Küche. Zwei Lampen mit rissigen, ehedem bunten Schirmen wirkten so verführerisch wie uralte Straßenmädchen.

Die Frau setzte sich in den Schaukelstuhl, wackelte mit den Pantoffeln und sah mich an. Ich setzte mich mit Blick auf das Röhrenradio aufs äußerste Ende des Sofas. Sie folgte meinem Blick. Aufgesetzte Fröhlichkeit, so schwach wie chinesischer Tee, färbte jetzt ihre Miene und ihre Stimme. »Ist meine einzige Gesellschaft«, sagte sie. Dann ein Kichern. »Mike hat doch nichts angestellt, oder? Es kommen selten Polypen hierher.«

Ihr Kichern hatte einen leicht alkoholischen Beiklang. Ich lehnte mich zurück und fühlte etwas Hartes, tastete danach und förderte eine leere Ginflasche zutage. Die Frau kicherte wieder.

»War nur ein Scherz«, sagte sie. »Aber ich hoffe wirklich, dass es dort, wo er ist, genug billige Blondinen gibt. Von denen konnte er hier unten nie genug kriegen.«

»Ich dachte eher an eine Rothaarige«, sagte ich.

»Da hat er auch Verwendung für gehabt.« Ihre Augen waren, wie mir schien, nicht mehr so unstet. »Will mir nicht einfallen. Eine bestimmte Rothaarige?«

»Ja. Eine gewisse Velma. Weiß nicht, welchen Nachnamen sie benutzt hat, nur dass es nicht ihr wahrer Name ist. Versuche sie für ihre Familie zu finden. Der Laden an der Central ist jetzt ein Laden für Farbige, der Name hat sich zwar nicht geändert, aber keiner dort hat je von ihr gehört. So kam ich auf Sie.«

»Hat sich die Familie aber viel Zeit gelassen – mit dem Suchen«, sagte die Frau nachdenklich.

»Es ist Geld im Spiel. Nicht viel. Vermute, sie brauchen sie, um dranzukommen. Geld schärft das Gedächtnis.«

»Genau wie Schnaps«, sagte die Frau. »Ziemlich heiß heute, was? Sagten Sie nicht, Sie wären ein Bulle?« Gerissener Blick, wachsamer Gesichtsausdruck. Die Füße in den Männerpantoffeln rührten sich nicht.

Ich schwenkte die geköpf‌te Ginflasche. Dann warf ich sie auf den Boden und tastete an meiner Hüfte nach dem Bond Bourbon, von dem der Schwarze im Hotel und ich nur gekostet hatten. Ich stellte die Flasche auf mein Knie. Der Blick der Frau wurde zu einem ungläubigen Starren. Dann kletterte eine Ahnung über ihr Gesicht wie ein Kätzchen, nur nicht so verspielt.

»Sie sind kein Polyp«, sagte sie leise. »Keiner von denen hat je so guten Stoff mitgebracht. Was wird hier gespielt, Mister?«

Sie putzte sich wieder die Nase mit dem schmutzigsten Taschentuch, das ich je gesehen habe. Ihr Blick hing an der Flasche. Misstrauen kämpf‌te mit Durst, und Durst war der Gewinner. Wie immer.

»Diese Velma war Animierdame und Sängerin. Haben Sie sie gekannt? Sie waren vermutlich nicht oft dort.«

Die seetangfarbenen Augen klebten an der Flasche. Die pelzige Zunge leckte die Lippen. »Mann, ist das ein Stoff«, sagte sie seufzend. »Ist mir egal, wer Sie sind. Halten Sie nur die Flasche gut fest, Mister. Nicht der Moment, was zu verschütten.«

Sie stand auf, watschelte aus dem Zimmer und kam mit zwei dickwandigen verschmierten Gläsern zurück.

»Nichts zum Verlängern da. Nur das, was Sie mitgebracht haben«, sagte sie.

Ich schenkte ihr einen Drink ein, der mich an die Decke katapultiert hätte. Sie griff gierig danach, warf ihn wie ein Aspirin ein und blickte zu der Flasche. Ich schenkte ihr ein zweites Mal und mir einen kleinen Schluck ein. Sie ging mit ihrem Glas zum Schaukelstuhl. Ihre Augen waren zwei Schattierungen dunkler geworden.

»Mann, diesen Stoff kill ich wie nix«, sagte sie und setzte sich. »Ist hinüber, eh er sich’s versieht. Wo waren wir gerade?«

»Bei einer Rothaarigen namens Velma, die in dem Laden an der Central Avenue gearbeitet hat.«

»Ja.« Sie leerte ihr zweites Glas. Ich ging hinüber und stellte die Flasche neben ihr ab. Sie griff danach. »Ja. Wer, haben Sie gesagt, sind Sie?«

Ich holte eine Karte hervor und gab sie ihr. Sie formte die Buchstaben mit Zunge und Lippen, ließ die Karte auf das Tischchen neben sich fallen und stellte ihr leeres Glas darauf.

»Oh, ein Privater. Das hatten Sie nicht gesagt, Mister.« Sie zeigte mit wackelndem Finger in meine Richtung, in scherzhaftem Vorwurf. »Aber Ihr Schnaps besagt, dass Sie alles in allem in Ordnung sind. Darauf einen Ordentlichen.« Sie goss sich einen dritten Drink ein und leerte ihn in einem Zug.

Ich setzte mich, rollte eine Zigarette zwischen meinen Fingern und wartete. Entweder wusste sie etwas oder nicht. Wenn sie etwas wusste, würde sie es mir sagen oder nicht. So einfach war das.

»Süßer kleiner Rotschopf«, sagte sie langsam und undeutlich. »Ja, ich weiß noch. Gesungen und getanzt. Hübsche Beine, und hat sie nicht versteckt. Irgendwann ist sie verschwunden. Wie soll ich wissen, wohin es diese Schlampen verschlägt?«

»Nun ja, ich hatte nicht damit gerechnet, dass Sie es wissen«, sagte ich. »Aber es war naheliegend, zu kommen und Sie zu fragen, Mrs. Florian. Bedienen Sie sich mit dem Whisky – ich kann noch mehr holen, wenn wir welchen brauchen.«

»Sie trinken ja nichts«, sagte sie plötzlich.

Ich schloss die Hand um das Glas und leerte es langsam, um es nach mehr aussehen zu lassen.

»Wo wohnt ihre Familie denn?«, fragte sie unvermittelt.

»Warum interessiert Sie das?«

»Okay«, sagte sie giftig. »Typisch Bulle. Okay, okay, netter Mann. Wer mir einen Drink spendiert, ist mein Freund.« Sie griff nach der Flasche und machte sich an Nummer vier. »Sollte mich nicht mit Ihnen abgeben. Aber wenn ich einen mag, geht es durch die Decke.« Sie schmachtete mich an. Sie hatte den Charme eines Waschzubers. »Bleiben Sie schön sitzen, treten Sie auf keine Schlangen«, sagte sie. »Mir ist was eingefallen.«

Sie stand auf, nieste, hätte fast ihren Morgenrock verloren, hielt ihn über ihrem Bauch zusammen und starrte mich kalt an. »Nicht rumschnüffeln«, sagte sie noch, ging in Richtung Tür und knallte mit der Schulter gegen den Rahmen.

Ich hörte sie mit unsicheren Schritten ins Innere des Hauses gehen.

Die Schösslinge pochten dumpf gegen die Hauswand. Die Wäscheleine knarrte leise. Ein Eisverkäufer radelte klingelnd vorbei. Der nagelneue Musikschrank in der Ecke raunte etwas von Tanz und Liebe in einem tiefen, sanften, drängenden Ton wie die samtene Stimme eines Schnulzensängers.

Dann war von hinten im Haus viel Lärm zu hören. Offenbar fiel ein Stuhl um, wurde eine Schublade so weit herausgezogen, dass sie auf den Boden krachte, jemand wühlte darin herum und fluchte. Dann das Klicken eines Schlosses und das Quietschen, mit dem der Deckel einer Truhe angehoben wurde. Weiteres Kramen und Krachen. Ein Tablett landete auf dem Boden. Ich stand auf, schlich in das Esszimmer und von dort in einen kurzen Flur. Ich spähte durch eine offene Zimmertür.

Sie stand taumelnd vor der Truhe, riss Dinge heraus und warf zornig die Haare zurück. Sie war betrunkener, als sie gedacht hatte. Sie beugte sich vor, suchte an der Truhe Halt, hustete und seufzte. Dann sank sie auf ihre dicken Knie und durchsuchte die Truhe mit beiden Händen.

Die Hände tauchten, etwas unsicher haltend, wieder auf. Ein dickes Päckchen, mit einem verblassten rosa Band darum. Langsam und fahrig löste sie das Band. Sie zog einen Umschlag heraus, beugte sich vor und versenkte ihn rechts in der Truhe. Mit zitternden Fingern verschnürte sie das Päckchen wieder.

Ich schlich zurück, wie ich gekommen war, und setzte mich wieder auf das Sofa. Laut schnaufend kam die Frau zum Wohnzimmer zurück und blieb mit dem verschnürten Päckchen schwankend auf der Schwelle stehen.

Sie grinste mich triumphierend an, warf mir das Päckchen irgendwo neben die Füße. Dann watschelte sie zu ihrem Schaukelstuhl, setzte sich und griff nach der Whiskyflasche.

Ich nahm das Päckchen und dröselte das verblasste rosa Band auf.

»Sehen Sie sich das an«, schnaubte die Frau. »Fotos. Studiobilder. Nicht, dass es diese Schlampen jemals in die Zeitung geschafft hätten – außer als Suchmeldung der Polizei. Haben alle mal in dem Laden gearbeitet. Die Fotos sind alles, was der Mistkerl mir hinterlassen hat – die und seine alten Klamotten.«

Ich blätterte in dem Packen Hochglanzbilder von Männern und Frauen in professionellen Posen. Die Männer hatten verschlagene Ganovengesichter, trugen Sportkleidung oder exzentrisches Make-up wie im Zirkus. Nicht viele von ihnen würden es bis über die Main Street bringen. Denen begegnete man herausgeputzt in den Vaudevilles von Kaffs oder in schäbigen Absteigen, so verdreckt, wie gesetzlich zugelassen, und ab und zu gerade dreckig genug für eine Razzia und eine Festnahme mit Radau, um dann wieder in ihrer Show aufzutauchen, grinsend, sadistisch schmierig und von dem ranzigen Gestank alten Schweißes triefend. Die Frauen hatten ansehnliche Beine und stellten ihr Innenleben mehr zur Schau, als der Hays Code zugelassen hätte. Aber ihre Gesichter waren so fade wie ein Staubmantel. Blondinen, Brünette, große Kuhaugen von bäuerlicher Dumpfheit. Dann wieder Blicke voll durchtriebener Gier. Ein, zwei Gesichter eindeutig lasterhaft. Die eine oder andere hätte rothaarig sein können. Den Fotos konnte man das nicht entnehmen. Ich sah die Bilder kurz und unbeteiligt durch und verschnürte sie wieder.

»Die kenne ich alle nicht«, sagte ich. »Warum soll ich sie mir ansehen?«

Sie schielte über die Flasche in ihrer unsicheren rechten Hand hinweg. »Suchen Sie nicht nach Velma?«

»Soll sie auf einem dieser Bilder sein?«

Plumpe Berechnung machte sich auf ihrer Miene breit, fand es dort nicht spannend und verzog sich wieder. »Haben Sie kein Foto – von ihrer Familie?«

»Nein.«

Das beunruhigte sie. Von jedem Mädchen gibt es irgendein Foto, und sei es im Kinderkleidchen mit Schleife im Haar. So eines hätte ich dabeihaben müssen.

»Ich glaub, ich mag Sie doch nicht«, sagte die Frau beinahe mit Nachdruck.

Ich stand auf, ging zu ihr und stellte mein Glas neben ihres. »Schenken Sie mir einen Drink ein, bevor die Flasche alle ist.«

Während sie noch nach dem Glas griff, drehte ich mich auf dem Absatz um, lief durch den Durchgang, das Esszimmer, den Flur in das vollgestopf‌te Schlafzimmer mit der offenen Truhe und dem heruntergefallenen Tablett. Eine Stimme rief mir hinterher. Ich grub rechts in der Truhe, förderte den Umschlag zutage.

Als ich ins Wohnzimmer zurückkam, hatte sie sich gerade mal von ihrem Stuhl hochgerappelt, aber nur ein paar Schritte geschafft. Ihr Blick war eigenartig glasig. Mörderisch glasig.

»Setzen Sie sich«, fuhr ich sie bewusst scharf an. »Diesmal haben Sie es nicht mit einem Schwachkopf wie Moose Malloy zu tun.«

Es war mehr oder weniger ein Schuss ins Dunkle. Sie blinzelte zweimal und schob mit der Oberlippe die Nase empor. Ihr Kaninchengrinsen entblößte dreckige Zähne.

»Moose? Dieser Moose? Was ist mit ihm?«, keuchte sie.

»Er ist von der Leine«, sagte ich. »Nicht mehr im Knast. Er ist mit einem Kaliber .45 unterwegs. Drüben an der Central hat er heute in der Früh einen Schwarzen umgelegt, weil der ihm nicht sagen konnte, wo Velma steckt. Und jetzt sucht er nach dem Spitzel, der ihn vor acht Jahren verpfiffen hat.«

Eine Unschuldsmiene entstellte das Gesicht der Frau. Sie setzte die Flasche an und gurgelte. Whisky rann ihr über das Kinn. »Und die Polypen suchen nach ihm«, sagte sie und lachte. »Polypen. Ha!«

Eine bezaubernde alte Frau. Es gefiel mir bei ihr. Es gefiel mir, sie zu meinen eigenen schäbigen Zwecken besoffen zu machen. Ich war ein toller Typ. Es machte mir Spaß, ich zu sein. In meinem Metier kennt man nichts, aber mir wurde langsam ein bisschen übel.