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Leda ist ein Buch für die gesamte Familie. Hauptpersonen sind Franziska und Patrick (Franzi und Pat). Sie kennen sich seit Kindertagen und lernen sich während eines Urlaubs auf der Insel Kreta auch lieben. Er malt leidenschaftlich und sie schreibt gern, gut und phantasievoll, weiterhin interessiert sie sich sehr für Tiere. Erste Konflikte entstehen als Franzi während eines Spiels auf der Insel Kreta bemerkt, dass ihre Mutter und Pats Vater ein Liebespaar (wird genau beschrieben) sind. Erschüttert und nach langem Zögern, teilt sie ihre Beobachtung Pat mit. Der ist auch erschüttert. Es gelingt ihm doch während eines gemeinsamen Ausflugs Franzis Gedanken zu zerstreuen. Sie lernen den deutschen Aussteiger Salvatore kennen. Salvatore schlägt sich als Maler auf Kreta durch. Das junge Pärchen und der Maler werden Freunde und Salvatore lädt die beiden zum Übernachten in seine "Wohngrotte" ein. Dort soll ein Malerwettstreit stattfinden, auf den Pat mehr zum Schein eingeht. Bei der Wanderung zur Wohngrotte verletzt sich Franzi an einem Felsen. Jetzt ist Pats sofortiger Einfallsreichtum und seine Handlungsbereitschaft gefragt. Er hilft Franzi und gemeinsam finden sie mit Hilfe Salvatores die Wohngrotte. Hier erzählt Salvatore alias Hans Hansen seine Lebensgeschichte. Aber Pat will Franzi nackt malen. Doch dazu kommt er nicht, denn er ist viel zu heißblütig und ungestüm. Es ist genau beschrieben, wie sich die beiden zum ersten Mal vereinigen. Am nächsten Tag ist alles anders. Sie bemerkt ein fremdes Signal in sich und sagt ihm nichts darüber. Der Urlaub neigt sich dem Ende und der Alltag hat sie bald wieder. Mit einem neuen Lehrjahr, das Pat als Banker begonnen hat, kommt ein neues Mädchen namens Victoria aus Bayern in die Ausbildungsgruppe Pats. Weil Victoria feuerrote Haare hat nennt sie Franzi - eine Pumukelin. Sie ist eifersüchtig auf das fremde Mädchen und auf einer Discothek kommt es zum Showdown.
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Seitenzahl: 239
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Andreas A.F. Tröbs
Leda
Liebe und Tod gehen Hand in Hand
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Franzi
Die Entdeckung
Tierpflegerin im Zoo
Schools out forever
Ziegenhüten und andere Abenteuer
Karl-Heinz
Sabine
Maler aus Leidenschaft
Ein kaputter Zaun
Urlaub auf Kreta
Ankunft auf Kreta
Die Erkenntnis
Bad im Mittelmeer
Im Leihwagen über die Insel
Einsamkeit auf Probe
Ein tolles Bild
Die Insel im Mittelmeer
Das kann nicht wahr sein
Chersonissos
Salvatore
Blut und Spiele
In der einsamen Bucht
Die Wohngrotte
Leda und ihr Schwan
Ernüchterung
Franzis zerbrochene Welt
Die Konkurrentin
Der Tod kam nach der Disco
Kreisende Gedanken
Bei Nacht und Nebel
Impressum neobooks
Die Geschichte um Franzi und Pat begann in den frühen Tagen ihrer Kindergartenzeit. Der 5jährige Pat wirkte auf Franzi immer wie ein älterer Bruder, denn sie wuchs, genau wie er ohne Geschwister auf. Ihr Verhältnis zueinander erstaunte Eltern und Erzieher gleichermaßen und konnte erstmalig im Kindergarten des Städtchens Bad Bibra festgestellt werden. Kaum lockten die ersten warmen Tage die Bienen zum eifrigen Sammeln und lustigen Summen in die Apfelblüten des Steingrabens, trieb es auch die Kinder allerorts zu einem Spiel ins Freie. Auch alle Kindergartengruppen sausten auf dem neu errichteten Spielplatz der Einrichtung und suchten Spaß und Freude beim Zeitvertreib im Sandkasten, auf der Ritterburg oder am Klettergerüst. Höchste Zeit für Franzi Pats Nähe zu suchen. Sie rief: „Ich mill mit Pat Slieger spielen!“ Und Pat schien es immer sehr recht, etwas gemeinsam mit ihr zu unternehmen. Lag es daran, dass sie Pat mit ihrem lustigen Mundwerk eroberte oder weil sich beide schon in diesem Alter zueinander hingezogen fühlten? In jedem Fall unternahmen sie fast alles gemeinsam. Egal ob Jungs- oder Mädchenspiele. Pat fühlte sich neben Franzis Puppenwagen genauso wohl, wie Franzi auf Pats Ritterburg. Die anderen Kinder kümmerten sich nicht weiter darum, denn sie spürten eine unsichtbare Aura, die sie umfing und scheinbar beschützte. Zwei Königskinder? Wohl kaum, eher eine Freundschaft, die zwar den Kindergärtnerinnen auffiel, der aber vorerst keine große Bedeutung beigemessen wurde.
Alle Kinder hatten einem ganz besonderen Tag entgegengefiebert, den Tag kurz vor Ostern, an diesem Tag sollte Kinderfest sein. Neben vielen Spielen, leckeren Pfannkuchen und Kakao, fand ein großer Heiratsmarkt statt. Alle im Kindergarten hatten bereits Wochen vor dem Fest die tollsten Vorbereitungen getroffen: Mit selbst gemalten Bildern die Fenster geschmückt und mit Bastelarbeiten zum Thema: „Wir machen Hochzeit“ den Raum ausgestaltet. Auch draußen auf dem Spielplatz kündeten farbenfrohe Ostereier an grün knospenden Sträuchern, bunte Bänder und Schleifen und so manches heimliche Osternest das nahe Fest an. Alle Kinder halfen mit. Dass es sich um keinen Wettbewerb handelte, fiel nicht weiter auf, dass Pats Bild das Schönste war, welches den Raum schmückte. Wie konnte es auch auffallen, wo doch alles so bunt und festlich war. Auch der Rest, schien dem Anlass angemessen: Blumen auf weiß gedecktem Tisch, zwei exakt davor ausgerichtete Stühle und festliche Kerzen, die sich bereits angezündet in der Mitte des Tisches befanden. Alles stand bereit, um den großen Tag für das heiratwütige Volk aufs Beste zu umkränzen.
Natürlich galten einige der Mädchen bei den Jungen als besonders begehrenswert und wurden dementsprechend umschwärmt. Was sollte aber ein Mädchen mit 5 Verehrern? Es musste sich entscheiden! So erging es auch Franzi, die sich vor Heiratsangeboten kaum retten konnte. Sie hielt sich wacker gegen alle Liebesschwüre- und Beweise, denn Franzi wartete auf Pat. Pat schien dieser Heirats-Zirkus überhaupt nicht zu interessieren. Franzi, die kleine Braut, schaute gespannt, wie Pat in der Spielecke mit wagehalsigen „Crwash-Auto“ rumkurvte.
Er spielte mit seinem Kumpel Lucas so leidenschaftlich: „Rrrumm-Cr(w)ash-Auto“, dass er alles um sich herum, auch Franzi, vergessen hatte. Die beiden Jungen fanden es besonders toll, wenn sich die Autos mehrfach überschlugen. Dann riefen sie voller Begeisterung: „Oh, guck mal! Das hat jetzt aber cool gecwashd! Oach, schnell Krankenwagen, Feuerwehr, Polizei!“ Sie wiederholten diese Unfallszene mit wechselnden Rollen. Mal gewann Pat den „Cwash“, mal Lucas. Die Autos stießen zusammen und die Jungen freuten sich riesig über jeden Unfall, so schlimm der auch anmutete... Pat rief: „Mein Rennslitzerauto ist doch das schnellste!“
„Äh, äh, das doch eine alte Huppelkarre“ und mit einem „Räng, räng“, setzten die Beiden ihr Spiel fort, ohne sich irgendetwas Übelzunehmen. Ihre Spiele übte so viel Freude und Vergnügen auf die beiden aus, dass sie alles um sich herum vergaßen - den Kindergarten, das Standesamt, selbst Franzi, alles war vergessen.
Franzis Augen, die eben noch voller Glück strahlten, begannen traurig zu werden. Die Erzieherin-Standesbeamtin wusste auch sofort warum. Leise, ohne das es Franzi bemerkte, schlich sie zu Pat, ergriff ihn am Arm und flüsterte: „Guck mal Pat! Franzi ist ganz traurig! Du wolltest sie doch heute heiraten!“ Pat überlegte kurz, warf kurz entschlossen das Cwash-Auto in die Ecke und rief laut: „Na klar, mill ich Franzi reiraten!“ Doch seine Entschlossenheit legte sich mit jedem Schritt, den er ihr näher kam. Schließlich stand er ihr gegenüber, erblickte sie mit hochgesteckten Haaren, Schleier und wunderhübschem Kleid, den vielen Perlen und Rüschchen. Pat schluckte, er nahm allen Mut zusammen, seine Augen wurden groß. Er faltete die Hände vor dem Bauch, senkte den Kopf und stammelte verlegen schmunzelnd: „Millst du mich reiraten?“ Da sie auch keine Stimme mehr zu besitzen schien, nickte sie nur heftig, drehte sich beschämt hin und her und lächelte verlegen…
Der Raum ist so klein, dass er schnell zu überblicken ist. Er birgt nicht mehr als ein Bett, einen Schreibtisch, ein Schminktischen mit Stuhl und Spiegel sowie einen winzigen Schrank in sich. Das kleine Fenster des Raumes, eröffnet den Blick weit über die winzige Stadt Bad Bibra, an deren Grenzen sich ein Berg erhebt, der u.a. mit seinen sattgrünen oder bunten Laub- und Mischwäldern das Gesicht des Städtchens prägt. Auch die anderen drei Seiten des Ortes steigen mal sanft, mal stärker an und lassen die Ortschaft in einem schmucken Talkessel hinter den herausführenden Bundesstraßen verschwinden. Spaziert der Blick zurück, über das Sattgrün des Spitzen Hutes oder des Böselsteins, über die roten Ziegeldächer, die lärmenden Straßen, in die stille Gasse, wo das Haus von Franzis Eltern steht, und schaut nun umgedreht in das Fenster hinein, kann man in Franzis Zimmer blicken. Es sieht schlimm aus in diesem Zimmer: Unordentlich und chaotisch. Was ist los mit Franzi? Kann sie keine Ordnung halten? Ist sie zu faul dafür? Oder hält sie es mit den Sprichwörtern: „Nur das Genie beherrscht das Chaos“ Oder: „Wer Ordnung liebt, ist nur zu faul zu suchen?“ Nein, nein ist alles falsch!
In Wirklichkeit zeugt das Zimmer von der Suche nach möglichen Wegen. Franzi ist sich mit ihren fast 17 Jahren eben noch nicht angekommen, im richtigen Leben! Wie könnte sie auch, in diesem Alter... Das schafft so mancher Erwachsener sein ganzes Leben nicht! Aber wie verhält es sich heute mit Franzi, an diesem Samstag? Befindet sie sich in einer besonderen Phase ihrer Entwicklung? Kann schon sein, jedoch sie kann diese Entwicklung nicht spüren! Entwicklung ist genau so wenig zu spüren, wie zu fühlen. Sie ist genauso geruchs- und geschmacklos, wie unsichtbar und schleichend. Entwicklung schlägt sich nur in neuen Empfindungen, verändertem Verhalten und vielleicht anderen Anschauungen oder in der Konfektionsgröße nieder. Entwicklung zeigt sich in veränderten Verhaltensmustern oder in der Begeisterung für neue Interessen. Befindet sich Franzi bereits auf eingefahrenen Gleisen? Sie lebt in der Gegenwart, die genau an dem Tag stattfindet, den sie auch heute wieder, wie jeden anderen Tag, vollenden wird. Dabei bricht sie unmerklich mit der Vergangenheit und blickt ungeduldig in die Zukunft, wo scheinbar nichts greifbar und wirklich ist.
Alles ist so schwankend. Ist weder Fisch noch Fleisch! Und, sie spürt etwas Großes in sich! Fühlt sich so Entwicklung an? Entwicklung, die sich immer im Verborgen vollzieht und wie schon gesagt nur schwer wahrnehmbar ist? Franzi hat Ziele, doch die sieht sie nur verschwommene. Das sind echt verschwommene Wege. Ist das nicht auf der eine Seite absolut spannend und auf der anderen Seite fast absonderlich? Oder ist es normal, dass Ihre eigene Dynamik mit jedem Herzschlag heftiger in ihren Adern pocht und mit aller Macht einen Drang produziert, der ihr einen Weg weist, den sie nicht mal kennt, geschweige denn weiß, ob er richtig ist? Alles in ihr ruft nach diesem Weg! Es muß der richtige Weg sein! Diesen Weg will sie beschreiten, obwohl Sie nicht ahnt, was er für sie bereithält. Doch ihre Brust steckt voller guter Vorahnung, dass dieser Weg ihr Weg sein wird...
Franzi entdeckte dieses besondere Gemälde auf einem Plakat zu einer Ausstellung. Sie konnte gar nicht dagegen tun, sie brannte auf der Stelle lichterloh, fand es genial und verliebte sich sofort in dieses Bild. Der Initialzündung eines einzelnen Plakates schien es also zu verdanken, dass sich in Franzi eine Wandlung vollzog. In dieser Reize überfluteten Zeit, in der sich die Werbung gegenseitig auslöscht und sich ein einziges Plakat ausnimmt wie ein winziger Tropfen im riesigen Werbemeer, wurde der Beginn dieser Wandlung eben von solch einem Tröpfchen vollzogen. Dieses Plakat schien eine besondere Magie zu besitzen, die sich nicht jedem offenbarte. Doch ausgerechnet in Franzi schien das Plakat ein williges „Opfer“ gefunden zu haben, das sie gleichsam von dieser Magie bezaubern und in unbekannte Gefilde entführen ließ... Das Geschehen trug sich zu, als Franzi mit ihrer Mutter eine der wöchentlichen Shopping-Touren unternahm. Franzis Mutter besaß da so ihre Markt- und Einkaufsfavoriten wie zum Beispiel Globus in Isserstedt, Real in Leissling oder das Naumburger Kaufland. Sie schaute bereits sonntags, wie viele andere Hausfrauen auch, in die Angebotszeitungen der zahlreichen Märkte und entschied, wohin die Shoppingtour in der kommenden Woche gehen wird. An diesem Wochenende erhielten die Sonderangebote im Kaufland Naumburg den Zuschlag.
Mutter ging neben dem Wagen, verglich ihren Einkaufszettel, schaute sich um, prüfte und legte die Produkte hinein. Im Kaufland schob Franzi immer den Wagen. Sie tat es nicht, weil er dort besonders schön aussah, nein, weil er dort, im Vergleich zu anderen Märkten, besonders groß, also besonders hoch war. Schon bei dem Wort Kaufland geriet dieses geräumige Einkaufsmittel in Franzis Vorstellung zum Synonym für Fläzen, Relaxen und Träumen. „Franzi, musst du dich immer so auf den Korb lümmeln“, schimpfte Mutter meist schon kurz nach Betreten dieses Einkaufstempels, so auch an jenem Tag, an dem zunächst nichts ungewöhnlich schien. Franzi schob schweigend den Wagen, während Mutter, die auf der Suche nach einem passenden Ventil für Franzis unverbesserliches Verhalten war, sich schimpfend wie ein Rohrspatz über die ständige Preissteigerung mokierte. Sie sagte also nicht mehr „Franzi lass das, die Leute gucken schon“, sondern: „Schau dir bloß mal an! Es ist immer dasselbe! Die ködern mit günstigen Angeboten, aber guck mal, wie teuer diese Margarine hier wieder geworden ist!“ Sie nahm einen Becher und legte ihn in den Korb und zischte: „Aber brauchen tun wir sie auf jeden Fall!“ Sie schloss ihre erboste Betrachtung mit: „Du glaubst ja nicht, dass mal irgendetwas billiger wird?“ Aufgebracht drehte sie weiter ihre Runden. Der Korb füllte sich mehr und mehr, doch mit jedem ergatterten Sonderangebot, rückte Mutters Stimmungsbarometer wortlos in den positiven Bereich. Die 1. Etage des Marktbereiches mit Obst, Gemüse, Käse, Wurst, Fleisch, mit Brot, Joghurt, Büchern, Zeitschriften und Haushaltsartikel war erledigt, nun galt es im Erdgeschoß noch Papas Bier, Zahncreme für alle und Kosmetik für die Damen einzupacken. Endlich, die Waren hatten den Besitzer gewechselt, waren bezahlt und im Begriff den Markt zu verlassen, da geschah es. Auf dem Weg zwischen den bunten und kindgerechten Münzautos, den Auslagen einer Treppenrenovierungs-Firma und einem kleinen Teppichmarkt, entdeckte Franzi ein farbiges Plakat. Auf ihm prangte groß das Bildnis Ledas mit dem Schwan. Exorbitante Letter warben bei freiem Eintritt um Aufmerksamkeit für das Genie Leonardo da Vinci, dessen Erfindungen und Gemälde zurzeit auf einer Wanderausstellung in Naumburg zu bewundern waren. Franzi stand wie zur Salzsäule erstarrt und rief laut: „Mutti, da müssen wir hin!“ Die Mutter schaute ihre Tochter verwundert an. Entdeckte sie etwa in Franzis Haltung ihre eigenen Charakterzüge wieder? Sie kannte ihre Tochter, und hatte ähnliche Dinge bei ihr schon öfter erlebt. Und es wurde ihr klar, dass sie jetzt nichts mehr gegen Franzis Eigensinn aufbringen konnte! Wenn ja, käme das einem Versuch gleich, einen rasenden ICE mit der bloßen Hand aufzuhalten. Sie lächelte nach einiger Zeit still in sich hinein und dachte an ähnliche Situation, die sich zwischen sich und ihrem Mann abspielten. Der pflegte in solchen Situationen immer zu sagen: „Hier hast du einen Hammer, schlage dir das aus dem Kopf!“ Aber nutzten ihm solche Sprüche? Nein, denn was sie sich einmal in den Kopf gesetzt hat, war nur schwer wieder zu kippen. Genau diese Wesensart entdeckte sie wieder einmal bei Franzi. Sie ließ einen Stoßseufzer hören, streckte ihre Waffen und erklärte lakonisch, aber bestimmt: „Aber zu lange darf´s nicht dauern, nicht das uns das Feinfrostzeug auftaut!“
Schließlich, nach schier endloser Überwindung einer permanenten roten Ampelphase, erreichten sie das Naumburg Haus. Ein Leitsystem führte sie schnell in die besagten Räumlichkeiten der Ausstellung. Und endlich stand Franzi vor dem Bild, welches sie geradezu zu wie sich befohlen hatte. Franzi stand eine lange Zeit und betrachtete es stumm, mit drei Fingern der rechten Hand am Mund und geweiteten Augen. Leda mit dem Schwan schien ihr wie ein Mysterium, dessen Botschaft sich ihr nur schwer erschließen wollte Die Mutter inspiziert in dieser Zeit die gesamte Ausstellung. Sie kehrte in den Raum zurück, in dem sie Franzi verlassen hatte, schaute ihr vorsichtig über die Schulter, hüstelte verlegen und scherzte: „Franzi, bist du noch da?“ Franzi schaute wie ein aufgeschrecktes Wild, hielt sich beide Hände vor die Brust und rief: „Mensch Mutti, musst du mich so erschrecken!“ Doch sie besann sich, schaute ihre Mutter mit großen, begeisterten Augen an und flüsterte fast beschwörend: „Guck dir doch mal dieses Bild an, hat das nicht etwas ganz Besonderes?“ Ihre Mutter ging langsamen Schrittes, lässig einen Bogen um ihre Tochter, erblickte auf der anderen Seite unten links ein blank poliertes Messingschild und begann laut vorzulesen:„Leda war, der griechischen Mythologie zufolge, eine griechische Königstochter!“Sie schaute ihre Tochter verwundert, fast spöttisch an. Sie konnte sich deren Begeisterung nicht erklären, zuckte nur stumm mit den Schultern und fuhr fort:„Verheiratet mit dem König Tyndareos von Sparta. Zeus verliebte sich in ihr herrliches Aussehen und besuchte sie in der Gestalt eines Schwanes. Leda gebar die schöne Helena und Klytaimnestra, die mit Agamemnon verheiratet war.“Sie endete, hatte wieder diesen Blick und sagte: „Ist das nicht das Bild vom Plakat?“ Soviel Ignoranz konnte Franzi nicht ertragen. Sie wurde wütend, wandte sich ab und rief: “Mutti, du hast ja keine Ahnung!“ Die winkte nur ab und sagte vergnüglich: „Denk lieber an den gefrorenen Hahn! Nicht das er uns Zuhause aus dem Kofferraum stolziert!“ Mareike Reichlaub lachte glockenhell und Franzi folgte ihr mürrisch.
Dieses Bild musste sie haben! Natürlich nur eine Kopie davon! Sie würde es ihrer Mutter schon zeigen, schwor sie sich. Normalerweise ist so eine Reproduktion für ein Trinkgeld zu bekommen, aber Größe DIN A0, extra in einer Werbeagentur in Auftrag gegeben, hat seinen Preis. Egal! Franzi wollte es und wusste bald, wo sie das Bild platzieren würde. Sie hatte stundenlang in ihrem Zimmer mit dem Zollstock auf dem Schoß gesessen, ist mit ihm auf und ab gegangen und hat sich umgeschaut, hat verschiedene Möglichkeiten in Betracht gezogen, gegrübelt und gemessen. Endlich konnte sie sich die Frage nach dem „wohin“ beantwortet: „Das Bild kommt an die Zimmerdecke! Da kann ich es auf dem Bett liegend immer betrachten!“ Sie geriet ins Schwärmen und hätte dabei eine wichtige Frage fast vergessen: „Wie werde ich es befestigen und womit?“ Wieder war ihr praktischer Sinn gefragt. Franzi grübelte: Sie verwarf eine Möglichkeit nach der anderen, bis auf die eine, die ihr plötzlich in den Sinn kam. „Ganz einfach“, dachte sie, „Tapetenleim ist blöd! Die schöne Holzdecke; Vati frisst mich! Moment: Hat mir Pat nicht einmal von doppelseitigem Klebeband erzählt“, sie schaute zur Decke und überlegte, „mit dem er seine Auslegeware befestigte? Ja! Das muss klappen! Vielleicht hat er auch noch etwas davon?“
Franzi leistete sich den Schwur, nun immer ein ordentliches Zimmer zu haben. Vati hatte einen großen Anfang gemacht und sie musste nun endlich nachziehen. Sie meinte noch fast trotzig: „Das bin ich Leda und mir einfach schuldig!“ Sie lachte still, schaute sich um und rümpfte die Nase: „Aber wo fange ich an?“ Sie begann mit den Kleidungsstücke, die verstreut auf dem Boden lagen. Die nahm sie auf, trennte Schmutzwäsche von der sauberen Wäsche, und trug diese ordentlich zusammenlegt in den Kleiderschrank vor ihrem Zimmer. Sie seufzte: „Das müsste alles noch mal aufgebügelt werden!“ Überlegte kurz und in ihren Augen blitzte es: „Ich werd die Mutti fragen!“ Dann setzte Franzi ihre „Aufräumwut“ fort: „Was bin ich nur für eine Schluderliese“, entfuhr es ihr, als sie die angebissenen Kekse auf dem Tisch sah, und entfernte. Sie hatte sich einen kleinen Eimer mit warmem Seifenwasser, ein Wischtuch und trockene Baumwolltücher besorgt. Franzi stand in ihrem „Noch-Chaos-Zimmer“ hatte beide Hände in die Seiten gestemmt. Auf den Bildschirm ihres Computers hätte man getrost das Wörtchen „Schwein“ schreiben können. Das Wasser im Eimer plätscherte, sie wrang das Wischtuch aus. Kurz entschlossen machte sie mit dieser „Schweinerei“ ein Ende. Mit jedem Wisch, jedem Handgriff und jeder abgeschlossenen Arbeit fühlte sie sich besser. Die Arbeiten begannen ihr gut von der Hand zu gehen und sie anzutreiben. Alles musste vorbereitet sein. Sie wusste selbst nicht so recht, was das soll?
Plötzlich hielt sie inne und besann sich auf die Ausstellung. Die Magie des Bildes! Was hat ihr das Bild übermittelt? Hat sie bei der langen Betrachtung des Bildes nicht ihre innere Stimme gehört: „Nichts bleibt, wie es ist! Alles wird anders! Alles ist fließend, in Bewegung. Auch dir steht eine Veränderung bevor!“ Hatte sie sich das nur eingebildet, gespürt oder wirklich gehört? Pat hätte gesagt: „Quatsch mit roter Soße!“ Franzi lächelte versonnen. Dennoch: Es wollte ihr einfach nicht aus dem Kopf: „Ging von dem Abbild der hüllenlosen Leda und dem Schwan irgend ein Geheimnis oder eine Botschaft aus?“ Franzi schoss eine mögliche Erkenntnis durch den Kopf: „Gefällt mir das Bild etwa so gut, weil ich Leda genau so sehe, wie mich selbst?“ Oder: „Wie ich sein will?“
Sie atmete schwer aus: „Nun ist aber Schluss mit der Märchenstunde. Die Bude muß endlich auf Vordermann gebracht werden!“ Ihre Augen huschten durch das Zimmer. Das Bett glich einer Kampfstätte, deren Herrichten ihr bislang immer zu mühevoll, zu unwichtig und zu aufwendig erschien: „Am Abend lege ich mich ja eh wieder rein“, beruhigte sie sich immer und hatte aufgehört dagegen Front zu machen. „Auch das muß sich ändern“ nahm sie sich nun vor, während sie das Bett mit frischen, duftigen Bezügen und einem blütenweißen Laken bezog. Aber den vielen Grünpflanzen im Franzi-Reich ging es schon immer gut. So soll es auch bleiben. „Dafür hast du ein Händchen“, erklärte einmal ihre Mutter neidlos, denn sie staunte, wie alle Pflanzen bei ihr gediehen. „
Franzi hatte sich einen Wunschtraum, auf den sie zielstrebig zuarbeitete, erfüllt. Ein Realschulabschluss mit der Note „Gut“ galt als Grundbedingung. Ihr Vater hatte es immer gepredigt: „Franzi, wenn du das nicht schaffst, brauchst du gar nicht erst anzutreten. Die Lehrstellen fliegen heute keinem mehr zu! Bei dem knappen Angebot, musst du unter den Besten sein!“ Als sie sich bewarb, befand sie sich unter den Besten. Dennoch ihr war ganz flau in der Magengegend. Trotz der Johanniskrautkapseln, die Franzi von ihrer Mutter zur Beruhigung bekommen hatte, erschien ihr das Vorstellungsgespräch als pures Martyrium. Doch den Ausbildungsort im Zoologischen Garten in Halle sollte es unbedingt sein, das lag ihr sehr am Herzen. Sie hatte diese Stelle heimlich favorisiert. Wenn es in Erfurt geklappt hätte? Naja, dort wäre es auch gegangen, sie hätte sich wahrscheinlich auch gefreut, aber zu Halle bestand eben ihre besondere Affinität, ein ganz anderes, ein viel besseres Verhältnis eben. Halle war einfach ihr Traum! Dann kam der Tag: Sie hatte es erreicht! Wie groß war da ihr Jubel! Sicherlich auch, weil sie sich in Halle, gemeinsam mit zwei anderen Schülern, gegen 80 weitere Bewerbungen durchgesetzt hatte. Franzi hatte erleichtert durchgeatmet, ihren Vati geküsst und geflüstert: „Vati, du hattest recht!“
Diese Lehrstelle schien ihr das Größte, und genau so groß wuchs auch ihr Stolz: Einen wichtigen Schritt erfolgreich abgeschlossen! Sie durfte ehrlich stolz sein! Das liegt nun ein Jahr zurück. Damals konnte es nur die Phantasie sein, ihr blühendes Vorstellungsvermögen, das ihr Handeln und Empfinden bestimmte. Ihr Vati sagte immer: „Franzi, freue dich nicht zu früh! Lehrjahre sind keine Herrenjahre!“ Sie wußte, dass Vati immer Recht behalten hatte. Doch die volle Tragweite dieser Worte konnte sie einfach noch nicht verstehen, denn deren Inhalt verschloss sich vor ihr, so, wie bei Leda, und lebten bestenfalls als Klang der väterlichen Stimme irgendwo in ihr fort. Was besaß sie denn, um die Worte abzuwägen und zu verstehen? Lebenserfahrung? Nein! Behütetes Leben? Jede Menge! Franzi konnte sich gar nicht vorstellen, was es bedeutet kein behütetes Leben zu besitzen, weil sie ein Leben außerhalb dieses Schutzbereiches nicht kannte. Immer standen ihre Eltern da, die ihr dieses abnahmen, jenes vor ihr verbargen oder anderes gar nicht an sie heranließen!
Sie wuchs als Einzelkind heran. Noch ein Kind kam für ihre Mutter Mareike Reichlaub nicht in Frage. Ihr Vater wollte ja immer mehrere Kinder, jedoch dafür gab es bei seiner Frau nie eine Diskussion. Ihre Karriere stand immer im Vordergrund. Hätte sie es sonst bis zu der Position als Arbeitsvermittlerin bei der Agentur für Arbeit, mit Hilfe des ABi´s, des Studiums, der vielen Schulungen und Weiterbildungen geschafft? So waren Vater und Tochter oft allein und machten das Beste aus der Situation, die ihnen die Mutter vorgab. Nun war die Stunde des Loslassens und der Wahrheit angebrochen. Franzi musste lernen auf eigenen Beinen zu stehen. Nur gut, dass sie dafür mit Mutters Erbanlagen wie Durchsetzungsvermögen und Standhaftigkeit, bestens gerüstet war... Franzi liebt Tiere und wußte schon immer, dass mehr dazugehört, als sie nur zu streicheln. Nun ist sie seit einem Monat Azubi im Zoologischen Garten in Halle an der Saale.
Wenn Franzi an die letzten Wochen der Schulzeit zurückdenkt, überläuft sie eine wohlige Gänsehaut! Die letzten Tage an der Schule, erlebte sie als bedeutende Zeit mit unbeschreiblichem Gefühl. Die Schüler der 10. Klassen galten als Kings, als die Alten an der Schule! Sie besaßen fast alle Freiheiten und wurden von den Lehrern ganz anders, irgendwie differenzierter, gesehen. Die Schüler der unteren Klassen betrachteten sie mit respektvollen Augen und heimlich vielleicht sogar mit ein bisschen Neid. Die Alten galten etwas!
Dann stand der letzte Schultag an. Pat bekam davon nichts mit. Er befand sich schließlich mitten in der Lehrausbildung und konnte es leider nicht erleben, wie die Abschlussklassen ihren letzten Schultag zelebrierten. Franzi und ihre Mitschüler, hatten sich allerhand verrücktes Zeug einfallen lassen. Schon morgens um 7 Uhr standen sie mit einem großen Transparent „Schools out forever“ im halb zerrissenen Letter Design an der Steinbacher Straße kurz vor ihrer Schule, spannten ein weiß/grünes Absperrband über die Straße, hielten es je nach Verkehrslage mal gespannt, mal locker und stoppten so jedes Auto, Motorrad oder Fahrrad, um es nach einer Spende für ihre Abschlussfeier mit großen Dankesworten weiterziehen zu lassen. Der Ausdruck ihrer großen Freude, spiegelte sich auch in ihrer Garderobe wieder. Die Mädchen, gedresst in viel zu knappen Klamotten, schreiendem und herzerweichendem Makeup, Lutscher oder Trillerpfeife im Mund und den alten Ranzen aus Grundschultagen vor die Brust geschnürt. Sie gaben sich als Vamp oder aufreizende Anhalterinnen, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten möglichst viele Autofahrer zur Kasse zu beten. Ihnen gegenüber befanden sich die Jungs, die als Tramps oder in den alten Anzügen ihrer Väter den Mädchen Mut machten, auch wirklich jedes Auto anzuhalten, und um bei möglicher Eskalation der Dinge helfend beizustehen. Gab es Misserfolgen riefen sie beispielsweise: „Guck dir mal diesen Blödmann an, der war wohl nicht auch mal jung?“ Franzi hatte sich auf „Baby“ getrimmt. Ihre Haare zeigten alle Farben des Regenbogens und hingen in vielen kleinen Zöpfen wild von ihrem Kopf herab. Sie trug knappe Shorts und ein nabelfreies Top, große weiße Baseball Schuhe und je eine rote und eine blaue Socke. Da half es auch nichts mehr, dass sie mit übergroßem Schnuller und Nuckelflasche daherkam, sie gab mehr den Paradiesvogel, als ein Baby, aber das schien ihr auch egal, schließlich war es der Spaß an der Freude, der allen wichtig schien. Den ganzen Tag über trieben sie den Mummenschanz, der sich dann irgendwann in der Nacht nach der obligatorischen Disco im Bürgergarten auflöste. Das kleine Städtchen wurde so richtig aufgeschreckt aus seiner Beschaulichkeit. Man hörte an allen Ecken und Enden des Ortes schräge Töne, wie schrille Trillerpfeife, tutende Signalhörner und laute Fußballtröten, die aber gegen Abend wieder verschwanden, um dem allgemeinen Frieden und der Ruhe Platz zu machen.
