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Wilhelm Windelbands "Lehrbuch der Geschichte der Philosophie" bietet eine umfassende und systematische Darstellung der philosophischen Entwicklung von der Antike bis zur Neuzeit. In seinem prägnanten Stil gelingt es Windelband, komplexe Gedankenstrukturen und philosophische Theorien klar und nachvollziehbar darzustellen, während er gleichzeitig die historischen Kontexte berücksichtigt, die das Denken der jeweiligen Epochen beeinflussten. Durch die Verbindung von historischen und systematischen Ansätzen schafft Windelband ein Lehrwerk, das sowohl für Studierende als auch für Interessierte eine wertvolle Ressource darstellt. Wilhelm Windelband (1848–1915) war ein einflussreicher deutscher Philosoph und Historiker der Philosophie, dessen Werk von einem tiefen Verständnis für die Entwicklung des philosophischen Denkens geprägt ist. Als Vertreter des Neukantianismus verknüpfte er philosophische Analyse mit geschichtlicher Einordnung und trug maßgeblich zur Etablierung der Philosophie als akademische Disziplin bei. Sein reichhaltiges Wissen und seine didaktischen Fähigkeiten spiegeln sich in diesem Lehrbuch wider, das sowohl als eingeführtes Standardwerk als auch als Anregung für eigene philosophische Reflexionen dienen kann. Das "Lehrbuch der Geschichte der Philosophie" ist ein unverzichtbares Werk für alle, die sich für die Grundlagen des philosophischen Denkens interessieren. Es bietet nicht nur eine abwechslungsreiche Lektüre, sondern regt auch dazu an, eigene philosophische Perspektiven zu entwickeln. Leser, die tiefere Einblicke in die Evolution der Ideen suchen, werden von Windelbands klarer Argumentation und reichhaltigem historischen Wissen bereichert. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Zwischen der beständigen Wiederkehr philosophischer Grundfragen und dem historischen Wandel ihrer Antworten erkundet Wilhelm Windelbands Lehrbuch der Geschichte der Philosophie jene Spannung, in der Denken zugleich Tradition bewahrt und kritisches Maß gewinnt, und führt vor, wie eine systematisch ausgerichtete Geschichtsschreibung nicht bloß chronologisch erzählt, sondern Maßstäbe der Geltung prüft, ohne den Reichtum der Epochen zu nivellieren, indem sie den Faden von der antiken Suche nach Wissen über mittelalterliche Ordnungen bis zu neuzeitlichen Begründungsansprüchen spannt und dabei die Aufgabe stellt, in der Vielfalt der Lehren normative Orientierung und historische Sensibilität miteinander zu vermitteln.
Das Werk gehört zum Genre der philosophiehistorischen Lehrbücher und entstand im deutschen Universitätsmilieu des späten 19. Jahrhunderts, geprägt von der neukantianischen Rückbesinnung auf kritische Begründungsfragen. Als Überblicksdarstellung richtet es sich an Studierende und interessierte Leserinnen und Leser, die einen zuverlässigen Einstieg in die großen Linien der Tradition suchen. Der Schauplatz ist nicht lokal, sondern intellektuell: die europäische Ideengeschichte, in der Schulen, Begriffe und Argumentationsformen einander ablösen und befruchten. Publiziert im Kontext wissenschaftlicher Systembildung, will das Buch die Vielfalt der Positionen ordnen, ohne die Eigenart der Epochen zu verwischen, und so Orientierung in einem weiten, vielstimmigen Kanon bieten.
Ausgangssituation ist die Einladung, die Entwicklung zentraler philosophischer Probleme in einer durchdachten Abfolge zu verfolgen: von den Anfängen über klassische Wendepunkte bis zu modernen Systementwürfen. Die Stimme bleibt didaktisch und nüchtern, zugleich engagiert, wo begriffliche Präzision und argumentative Strenge gefordert sind. Der Stil bevorzugt klare Gliederung, knappe Charakteristiken und behutsame Wertungen, die den Eigenklang der Positionen respektieren. Ton und Tempo sind maßvoll; der Text fordert Aufmerksamkeit, belohnt jedoch mit Übersicht und begründeter Einordnung. Wer liest, erlebt nicht bloß Namenreihen, sondern eine strukturierte Problemgeschichte, die Zusammenhänge sichtbar macht, ohne interpretative Alternativen zu verschließen.
Im Zentrum stehen Themen, die Philosophiegeschichte als Reflexion über Probleme begreifen: Verhältnis von Wissen und Sein, Geltung und Erfahrung, Sittlichkeit und Freiheit, sowie die wechselnde Rolle von Vernunft, Anschauung und Glaube. Windelbands Zugriff lässt erkennen, wie Epochen nicht bloß aufeinander folgen, sondern Fragen transformieren und Kriterien der Begründung neu bestimmen. Der Leser gewinnt so ein Bild, in dem Kontinuität und Bruch gleichermaßen sichtbar werden. Wichtig ist die methodische Einsicht, dass historische Darstellung und systematische Bewertung sich wechselseitig erhellen können, ohne zu verschmelzen; diese doppelte Perspektive macht das Lehrbuch zu mehr als einer bloßen Chronik von Namen und Daten.
Heutige Leserinnen und Leser finden darin ein Instrument, um die Breite philosophischer Tradition einzuordnen und zugleich die Kriterien solcher Einordnung zu reflektieren. Das Lehrbuch sensibilisiert für Kanonbildungen, für Auslassungen und Schwerpunktsetzungen, die jede Geschichte unvermeidlich vornimmt. Es ermutigt, Argumente zu prüfen, statt bloß Epochenklischees zu wiederholen, und zeigt, wie Debatten über Erkenntnis, Moral, Wissenschaft und Kultur fortwirken. Gerade in pluralen Gegenwarten bietet die klare Problemorientierung einen Maßstab, ohne Vielfalt zu nivellieren. Wer den Einstieg sucht oder vorhandenes Wissen systematisieren will, erhält ein verlässliches Raster, das Anschluss an weiterführende Lektüren ermöglicht und produktive Fragen eröffnet.
Im Leseeindruck verbinden sich Übersicht und Detailtreue: knappe Porträts, klare Periodisierungen, sorgsam herausgearbeitete Leitbegriffe. Der Text verlangt Konzentration, doch die Anstrengung wird durch ein zunehmendes Verständnis für argumentative Linien belohnt, die sich über Jahrhunderte spannen. Dabei bleibt die Darstellung erklärungsorientiert statt anekdotisch; sie bevorzugt begriffliche Fokussierung gegenüber biografischer Ausschmückung. Das erleichtert den Vergleich zwischen Positionen und schärft den Blick für innere Kohärenz. Zugleich zeigt sich, dass jede Geschichte Perspektiven setzt; das Lehrbuch macht diese Setzungen transparent und lädt dazu ein, alternative Lesarten mitzudenken, ohne den Anspruch auf methodische Strenge und sachliche Fairness preiszugeben.
Als zuverlässige Karte in einem weit verzweigten Terrain empfiehlt sich das Buch besonders dann, wenn es begleitend zu Primärtexten und neueren Studien gelesen wird. So tritt seine Stärke hervor: historische Ordnung und systematische Sensibilität miteinander zu vermitteln. In Zeiten rascher Wissenszirkulation erinnert es daran, dass philosophische Fragen Zeit, Genauigkeit und Kontext verlangen. Zugleich lädt es dazu ein, Gegenwartsprobleme mit geschärftem Instrumentarium zu betrachten, ohne die Eigenlogik vergangener Debatten zu übergehen. Wer Orientierung sucht, findet hier eine fundierte Basis; wer vertiefen will, erhält Wegweiser für eine informierte, kritische und zugleich respektvolle Weiterarbeit.
Wilhelm Windelbands Lehrbuch der Geschichte der Philosophie bietet eine kompakte, systematisch gegliederte Darstellung des abendländischen Denkens von den Anfängen bis in die neuere Zeit seines Autors. Leitend ist ein problemgeschichtlicher Zugriff: Nicht isolierte Lebensbilder, sondern die Entwicklung grundlegender Fragen nach Sein, Erkenntnis, Gut und Sinn strukturieren den Überblick. Die Darstellung folgt einer sachlichen, didaktisch gebündelten Ordnung der Epochen und Schulen, in der Positionen in ihren inneren Motiven und Argumenten rekonstruiert werden. Zugleich spiegelt sich eine kritische, vom Neukantianismus geprägte Orientierung, die jedoch auf ausgewogene Wiedergabe abzielt und Bewertung von nüchterner Analysenstrenge trennt.
Den Auftakt bildet die griechische Frühzeit, in der sich der Übergang vom Mythos zum Logos vollzieht. Naturphilosophen wie die Milesier, Heraklit und Parmenides entwerfen konkurrierende Ontologien und Kosmologien, an denen sich das Problem des Wandels und der Identität schärft. Mit den Sophisten tritt die Frage nach Maßstäben des Wissens und der Sprache hervor, worauf Sokrates die Aufmerksamkeit auf das Ethische und die Bestimmung des Menschen richtet. Windelband zeigt, wie Definition, Begriff und Dialog zur Methode werden und wie aus der Spannung zwischen Relativismus und Wahrheitsanspruch jene Fragestellungen erwachsen, die den klassischen Systemen die Richtung weisen.
Die klassische Blüte schildert er anhand der Systeme Platons und Aristoteles’. Platon ordnet Erkenntnis und Sittlichkeit im Horizont überzeitlicher Ideen, während Aristoteles mit Substanzlehre, Kategorien, Teleologie und Logik eine umfassende Wissenschaftslehre begründet. Die hellenistischen Schulen – Stoiker, Epikureer, Skeptiker – verschieben den Akzent zur Lebensführung und Erkenntniskritik: Ordnung der Welt, Freiheit von Furcht und methodisches Innehalten werden zu Leitmotiven. Der Überblick arbeitet die inneren Spannungen zwischen metaphysischem Wahrheitsanspruch und praktischer Orientierung heraus und bereitet so das Verständnis für die Transformation des philosophischen Erbes in Spätantike und christlicher Übernahme sowie deren erneuter Auslegung.
In der Spätantike vermittelt Neuplatonismus den Übergang zur christlichen Denkform. Windelband verfolgt, wie mit Augustinus Innerlichkeit, Zeitbewusstsein und Gnade zu tragenden Themen werden und wie sich im Mittelalter die scholastische Methode herausbildet. Die Wiederentdeckung des Aristoteles, die Frage nach dem Verhältnis von Vernunft und Offenbarung sowie der Universalienstreit strukturieren die Debatten. Thomas von Aquin strebt eine ausgewogene Synthese an, während Duns Scotus und Ockham das metaphysische Instrumentarium zuspitzen und Willensfreiheit, Individuation und Nominalismus akzentuieren. So zeichnet sich eine Auflösung des scholastischen Konsenses ab, die neue Wege für Renaissance und frühneuzeitliche Wissenschaft öffnet.
Die Neuzeit beginnt mit Humanismus und naturwissenschaftlicher Revolution; das Problem sicherer Methode rückt in den Mittelpunkt. Windelband ordnet Rationalismus und Empirismus als zwei Hauptlinien: Descartes’ Fundament und Dualismus, Spinozas strenger Substanzmonismus, Leibniz’ begrifflicher Reichtum stehen Überlegungen zu Induktion, Erfahrung und Wahrnehmung bei Bacon, Locke und Berkeley gegenüber. Mit Humes Analyse von Kausalität und Selbstverständnis erhält der Skeptizismus erneute Schärfe. Der Gegensatz zwischen systematischer Begründung und erfahrungsnaher Kritik treibt die Debatte voran und erzeugt jene Spannung, in der die kritische Wendung der Philosophie als notwendiger Vermittlungsschritt plausibel wird und methodisch geboten erscheint.
Im Zentrum steht die kritische Philosophie Kants als Zäsur: Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung, Grenzen spekulativer Metaphysik und der Anspruch praktischer Vernunft markieren eine neue Orientierung. Windelband zeichnet nach, wie Fichte, Schelling und Hegel diesen Ansatz unterschiedlich erweitern: Subjektivität und Handlungsgrund, Natur- und Identitätsphilosophie, schließlich ein systematischer, dialektischer Entwurf des Ganzen. Stärken und Einseitigkeiten dieser Konstruktionen werden im Licht des kritischen Maßstabs sichtbar. Parallel treten Gegenbewegungen auf, die die Reichweite spekulativer Systeme problematisieren und die Frage nach Methode, Wissenschaftscharakter und Lebensbezug der Philosophie neu stellen. Dabei gewinnt die Idee, Geschichte als Vernunftprozess zu begreifen, an Kontur, zugleich wachsen Zweifel an Totalitätsansprüchen.
Die nachhegelsche Landschaft erscheint als Pluralisierung: Positivismus, Materialismus, Historismus und Strömungen der Lebensphilosophie profilieren neue Programme; zugleich gewinnt die neukantianische Rückbesinnung auf Geltung, Methode und Werte an Gewicht. Windelband betont, wie sich Philosophie zwischen Natur- und Kulturwissenschaften methodisch differenziert, ohne ihren normativen Anspruch preiszugeben. Das Lehrbuch endet mit der Einsicht, dass die Geschichte der Philosophie als fortlaufende Klärung von Problemen zu verstehen ist, in der jede Epoche Antworten prüft, transformiert und begrenzt. Der nachhaltige Effekt des Werks liegt in seiner klaren Ordnung, seiner nüchternen Bewertung und seiner Orientierungskraft für weiteres Studium.
Das Lehrbuch entstand im Deutschen Kaiserreich des späten 19. Jahrhunderts, in einem Milieu, das von neu gegründeten und reformierten Universitäten geprägt war. Besonders bedeutsam waren die Kaiser-Wilhelms-Universität Straßburg (gegründet 1872) und die Universität Heidelberg, an denen Wilhelm Windelband lehrte. Der Seminarmodus, die philologische Schulung und die historisch-kritischen Methoden bestimmten die Ausbildung. Windelbands Lehrbuch erschien in den 1890er Jahren und richtete sich an Studierende und Lehrende. Es ordnete den Stoff systematisch und sollte die akademische Lehre standardisieren. Der institutionelle Rahmen aus Fakultäten, Prüfungsordnungen und Bibliotheken förderte Verbreitung und Kanonisierung solcher Handbücher.
Die Darstellung von Philosophiegeschichte hatte in Deutschland bereits eine starke Tradition. Kuno Fischer und Eduard Zeller hatten mit umfangreichen, quellennahen Darstellungen Maßstäbe gesetzt. Nach dem Rückgang spekulativer Systeme gewannen historische und philologische Verfahren an Autorität. Quellenkritik, Texteditionen und die Rekonstruktion antiker Schulen prägten die Disziplin. Windelband knüpfte an diese Entwicklung an, zielte aber auf eine problemgeschichtliche Systematik, die Fragestellungen über bloße Chronologie stellte. Sein Lehrbuch steht daher zwischen historischer Schularbeit und systematischer Orientierung. Es nutzt die etablierten Ergebnisse der Altertums- und Frühneuzeitforschung und integriert sie in einen übersichtlichen Rahmen für die universitäre Lehre.
Philosophisch ist das Werk im Kontext des Neukantianismus zu verorten. Zeitgleich profilierte sich die Marburger Schule um Hermann Cohen und Paul Natorp mit Schwerpunkt auf Wissenschaftstheorie, während die badische Richtung um Windelband und Heinrich Rickert Werttheorie und Kulturwissenschaften betonte. Das Lehrbuch spiegelt diese Lage, indem es Kant und die kritische Methode als Zäsur der Neuzeit herausstellt, zugleich aber Rationalismus und Empirismus der frühen Neuzeit sorgfältig einordnet. Die Idee einer Geschichte der Probleme statt bloßer Systeme trägt die Darstellung. Damit positioniert sich das Buch gegen teleologische Geschichtsbilder und gegen psychologische Ableitungen von Geltungsansprüchen.
Die rasche Expansion der Naturwissenschaften und die Institutionalisierung der Psychologie bildeten einen prägenden Hintergrund. Wilhelm Wundt eröffnete 1879 in Leipzig das erste Labor für experimentelle Psychologie; positivistische Programme gewannen Ansehen. Zugleich entfaltete sich die Auseinandersetzung um Psychologismus und den Status normativer Geltung. Windelband unterschied 1894 in seiner Straßburger Rektoratsrede Geschichte und Naturwissenschaft als idiographische und nomothetische Erkenntnisweisen. Diese methodische Sensibilität durchzieht sein Lehrbuch: Die Entwicklung von Begriffen und Wertideen wird nicht naturwissenschaftlich reduziert, sondern in ihrer logischen und kulturellen Eigenart rekonstruiert. So versprach die Philosophiegeschichte Orientierung im Spannungsfeld wachsender Fachwissenschaften.
Politisch-kulturell stand das Projekt im Zeichen der Reichsgründung von 1871 und der Integration Elsass-Lothringens. Straßburg wurde als moderne deutsche Universität ausgebaut und sollte Wissenschaftsprestige sichern. Universitäre Expansion, staatliche Finanzierung und Bibliotheksaufbau schufen die Infrastruktur für Forschung und Lehre. Philosophische Handbücher dienten der Vereinheitlichung des Curriculums in einem Reich aus föderalen Bildungstraditionen. Windelbands Lehrbuch passt in diese Struktur, indem es einen gut prüfbaren Kanon bereitstellt, der Antike, Scholastik, Neuzeit und klassische deutsche Philosophie in verbindlicher Ordnung bietet. Damit reagierte es auf den Bedarf nach verlässlichen Überblicken in stark wachsenden Studierendenkohorten.
Die Wissenszirkulation wurde durch neue Zeitschriften und Editionen beschleunigt. Das 1888 gegründete Archiv für Geschichte der Philosophie und die seit 1897 erscheinenden Kant-Studien bündelten Forschungsergebnisse, bibliographische Hinweise und Rezensionen. In diesem Umfeld verankerte sich Windelbands Lehrbuch als Referenztext, der laufende Spezialforschung für den Unterricht aufbereitete. Bald kursierten Ausgaben in mehreren Auflagen; Übersetzungen in andere Sprachen erschlossen ein internationales Publikum. Die Orientierung an gesicherten Texten, kritischen Apparaten und standardisierten Begriffen machte das Werk kompatibel mit einer europaweiten Fachkommunikation, die um 1900 zunehmend institutionalisiert wurde.
Der Erfolg des Buches zeigte sich in wiederholten Neuauflagen und in seiner Nutzung in Seminaren und Universitätsvorlesungen. Es bot Dozierenden ein Gerüst für Lehrveranstaltungen und Studierenden eine verlässliche Grundlage zur Prüfungsvorbereitung. Es war im deutschsprachigen Raum und in Übersetzungen weit verbreitet. Nach Windelbands Tod wurde das Lehrbuch im 20. Jahrhundert von Heinz Heimsoeth überarbeitet, wodurch es an den Stand der Forschung angepasst blieb. Trotz neuer Strömungen wie Lebensphilosophie und Phänomenologie behielt es seinen Platz als Handbuch, das Epochen und Schulen kanonisch gliederte. Die Kombination aus historischer Genauigkeit und systematischer Übersicht prägte die Ausbildung über Generationen hinweg.
Als Kommentar zu seiner Epoche artikuliert das Lehrbuch das Selbstverständnis einer Gelehrtenkultur, die kritische Vernunft und historische Bildung verbinden wollte. Es legitimiert einen Kanon, der die klassischen Quellen der europäischen Philosophie unter der Leitidee normativer Geltung ordnet, und bietet Orientierung in einer Zeit beschleunigter Spezialisierung. Indem es Kant als Wendepunkt, aber nicht als Endpunkt präsentiert, stellt es die Moderne als offene, methodisch zu prüfende Tradition dar. So fungiert das Werk zugleich als Lehrmittel und als programmatische Bekräftigung neukantianischer Kulturwissenschaft, die der Vielfalt moderner Wissensformen einen gemeinsamen Bezugspunkt geben wollte.
Inhaltsverzeichnis
Aus dem Vorwort zur ersten Auflage.
Man wird diese Arbeit nicht mit den Kompendien verwechseln, wozu wohl sonst Kollegienhefte über die allgemeine Geschichte der Philosophie ausstaffiert worden sind: was ich biete, ist ein ernsthaftes Lehrbuch, welches die Entwicklung der Ideen der europäischen Philosophie in übersichtlicher und gedrängter Darstellung schildern soll, um zu zeigen, durch welche Denkantriebe im Laufe der geschichtlichen Bewegung die Prinzipien zum Bewußtsein gebracht und herangebildet worden sind, nach denen wir heute Welt und Menschenleben wissenschaftlich begreifen und beurteilen.
Dieser Zweck hat die gesamte Gestaltung meines Buches bestimmt. Die literarhistorische Grundlage der Forschung mußte deshalb auf eine Auswahl beschränkt werden, welche dem weiter arbeitenden Leser die Wege zu den besten Quellen eröffnet. Auch auf die eigenen Darlegungen der Philosophen wurde wesentlich nur da verwiesen, wo sie dauernd wertvolle Formulierungen und Begründungen der Gedanken darbieten, und daneben nur hie und da dasjenige angeführt, worauf sich eine von der üblichen abweichende Auffassung des Verfassers stützt.
Den Schwerpunkt legte ich, wie schon in der äußeren Form zu Tage tritt, auf die Entwicklung desjenigen, was im philosophischen Betracht das Wichtigste ist: die Geschichte der Probleme und der Begriffe. Diese als ein zusammenhangendes und überall ineinander greifendes Ganzes zu verstehen, ist meine hauptsächliche Absicht gewesen. Die historische Verflechtung der verschiedenen Gedankengänge, aus denen unsere Welt- und Lebensansicht erwachsen ist, bildet den eigentlichsten Gegenstand meiner Arbeit: und ich bin überzeugt, daß diese Aufgabe nicht durch eine begriffliche Konstruktion, sondern nur durch eine allseitige, vorurteilslose Durchforschung der Tatsachen zu lösen ist. Wenn aber dabei – schon der räumlichen Oekonomie nach – dem Altertum ein verhältnismäßig großer Teil des Ganzen gewidmet erscheint, so beruht das auf der Ueberzeugung, daß für ein historisches Verständnis unseres intellektuellen Daseins die Ausschmiedung der Begriffe, welche der griechische Geist dem Wirklichen in Natur und Menschenleben abgerungen hat, wichtiger ist als alles, was seitdem – die kantische Philosophie ausgenommen – gedacht worden ist.
Die so gestellte Aufgabe verlangte jedoch einen Verzicht, den niemand mehr bedauern kann, als ich selbst: die rein sachliche Behandlung der historischen Bewegung der Philosophie erlaubte nicht, die Persönlichkeit der Philosophen zu eindrucksvoller Geltung zu bringen. Diese konnte nur da berührt werden, wo sie als kausales Moment in der Verknüpfung und Umgestaltung der Ideen wirksam wird. Der ästhetische Zauber, welcher dem individuellen Eigenwesen der großen Träger jener Bewegung innewohnt, und welcher dem akademischen Vortrage wie der breiteren Darstellung der Geschichte der Philosophie einen besonderen Reiz verleiht, mußte hier zugunsten des Einblicks in die pragmatische Notwendigkeit des geistigen Geschehens preisgegeben werden.
Straßburg, November 1891.
*
Vorwort zur zweiten Auflage.
Der Umstand, daß bereits vor zwei Jahren eine starke Auflage dieses Werkes vergriffen war, während es außerdem in englischer und russischer Uebersetzung verbreitet ist, gestattet mir anzunehmen, daß die neue Behandlung, der ich den Gegenstand unterzog, eine bestehende Lücke ausgefüllt und die synoptisch-kritische Methode, die ich einführte, ihre Probe im Prinzip bestanden hat. Durfte ich danach das Buch für die neue Auflage in seinen Grundzügen unverändert lassen, so konnte ich umsomehr Sorgfalt auf die selbstverständlichen Verbesserungen und auf die Erfüllung besonderer Wünsche verwenden.
In erster Linie sind also unter Benutzung der inzwischen erschienenen Literatur an einzelnen Punkten Berichtigungen, Kürzungen und Erweiterungen vorgenommen worden, wie sie für ein Lehrbuch, das auf der Höhe der Forschung bleiben will, erforderlich sind. Dabei habe ich aber auch formell dafür zu sorgen gesucht, der Darstellung, welche infolge der starken Zusammendrängung des Stoffs zum Teil schwierig geworden war, eine leichtere und flüssigere Gestalt zu geben, indem ich sie deutlicher gliederte, längere Sätze auflöste, und gelegentlich Nebensächliches über Bord warf.
Sodann war aus dem Leserkreise eine breitere Berücksichtigung der Persönlichkeiten und persönlichen Verhältnisse der Philosophen in Anregung gebracht worden. Wie berechtigt dieses Bedürfnis an sich auch mir erscheint, hatte ich im Vorwort der ersten Auflage selbst ausgesprochen, auf seine Befriedigung aber im Hinblick auf den besonderen Plan und die notwendig beschränkte Ausdehnung meines Lehrbuchs verzichtet. Jetzt habe ich wenigstens durch knappe und präzise Charakteristiken der bedeutendsten Denker auch diesen Wunsch so weit zu erfüllen gesucht, als es im Rahmen des Werkes möglich erschien.
In ähnlicher Weise ist dem mir nahegelegten Verlangen nach einer ausführlichen Behandlung der Philosophie des 19. Jahrhunderts Rechnung getragen: aus wenigen Seiten sind zwei volle Bogen geworden, und ich hoffe, daß man darin, wenn auch der eine dies, der andere jenes Besondere vermissen wird, doch ein geschlossenes Gesamtbild von den Bewegungen der Philosophie bis zur unmittelbarsten Gegenwart in dem Sinne gewinnen kann, wie es von einer Geschichte der Prinzipien zu erwarten ist.
Endlich habe ich das Sachregister vollständig neu bearbeitet und ihm eine Ausdehnung gegeben, vermöge deren es in Verbindung mit dem Texte, wie ich hoffe, den Wert eines philosophiegeschichtlichen Lexikons gewonnen hat. Damit ist meinem Werke neben seiner doxographischen Eigenart[1] ein zweites Unterscheidungsmerkmal aufgeprägt, dasjenige eines systematisch-kritischen Nachschlagebuches.
Durch alle diese Erweiterungen ist der Umfang des Buches beträchtlich angewachsen, und ich spreche auch an dieser Stelle meinem verehrten Verleger, Herrn Dr. Siebeck, meinen verbindlichsten Dank für das bereitwillige Entgegenkommen aus, mit dem er diese wesentlichen Verbesserungen ermöglicht hat.
Straßburg, September 1900.
*
Vorwort zur dritten Auflage.
Angesichts der Kürze der Zeit, welche seit dem Abschluß der zweiten Ausgabe erst verflossen ist, sind die Veränderungen, welche dies Werk für die dritte Auflage hat erfahren können, verhältnismäßig gering. Doch wird man nicht nur die Bibliographie und Literatur sorgfältig revidiert und ergänzt, sondern auch den Text an vielen einzelnen Stellen verändert finden, wo neuere Arbeiten mir Berichtigungen, Kürzungen oder Erweiterungen zu fordern schienen. In allen diesen Hinsichten bin ich bestrebt gewesen, das Buch auf der Höhe des gegenwärtigen Standes der Wissenschaft zu erhalten. In der Hoffnung, daß dies in den Hauptsachen gelungen sei, habe ich gern darein gewilligt, meinem Werke auch auf dem Titel den Charakter zu geben, den es von Anfang an haben sollte: den eines Lehrbuchs.
Heidelberg, Juli 1903.
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Literatur: R. HAYM, Art. Philosophie in Ersch und Grubers Encyklopädie. III. Abt. Bd. 24. W. WINDELBAND, Praeludien (4. Aufl. Tübingen 1911) I, 1 ff.Unter Philosophie versteht der heutige Sprachgebrauch die wissenschaftliche Behandlung der allgemeinen Fragen von Welterkenntnis und Lebensansicht. Diese unbestimmte Gesamtvorstellung haben die einzelnen Philosophen je nach den Voraussetzungen mit denen sie in die Denkarbeit eintraten, und den Ergebnissen die sie dabei gewannen, in bestimmtere Definitionen1 zu verwandeln gesucht; diese gehen jedoch zum Teil so weit auseinander, daß sie sich nicht vereinbaren lassen und daß die Gemeinsamkeit des Begriffs zwischen ihnen verloren erscheinen kann. Aber auch jener allgemeinere Sinn ist schon eine Einschränkung und Umgestaltung der ursprünglichen Bedeutung, welche die Griechen mit dem Namen Philosophie verbanden, und diese Wandlung ist durch den ganzen Verlauf des abendländischen Geisteslebens herbeigeführt worden.
1. Während das erste literarische Auftreten2 der Wörter philosophein und philosophia noch die einfache und zugleich unbestimmte Bedeutung des »Strebens nach Weisheit« erkennen läßt, hat das Wort »Philosophie« in der auf Sokrates folgenden Literatur und insbesondere in der platonisch-aristotelischen Schule den fest ausgeprägten Sinn erhalten, wonach es genau dasselbe bezeichnet wie im Deutschen »Wissenschaft«3. Danach ist Philosophie im allgemeinen4 die methodische Arbeit des Denkens, durch welche das »Seiende« erkannt werden soll; danach sind die einzelnen »Philosophien« die besonderen Wissenschaften, in denen einzelne Gebiete des Seienden untersucht und erkannt werden5.
Mit dieser ersten, theoretischen Bedeutung des Wortes Philosophie verband sich jedoch sehr früh eine zweite. Die Entwicklung der griechischen Wissenschaft fiel in die Zeit der Auflösung des ursprünglichen religiösen und sittlichen Bewußtseins und ließ nicht nur die Fragen nach der Bestimmung und den Aufgaben des Menschen mit der Zeit immer wichtiger für die wissenschaftliche Untersuchung werden, sondern auch die Belehrung für die rechte Lebensführung als einen wesentlichen Zweck, schließlich als den Hauptinhalt der Wissenschaft erscheinen. So erhielt die Philosophie in der hellenistischen Zeit die schon früher (bei den Sophisten und Sokrates) angebahnte praktische Bedeutung einer Lebenskunst auf wissenschaftlicher Grundlage6.
Infolge dieser Wandlung ging das rein theoretische Interesse auf die besonderen »Philosophien« über, die nun zum Teil die Namen ihrer besonderen, sei es historischen sei es naturwissenschaftlichen Gegenstände annahmen, während Mathematik und Medizin weiterhin die Selbständigkeit, welche sie von Anfang an der Gesamtwissenschaft gegenüber besessen hatten, um so energischer bewahrten. Der Name der Philosophie aber blieb an denjenigen wissenschaftlichen Bestrebungen haften, welche aus den allgemeinsten Ergebnissen menschlicher Erkenntnis eine das Leben bestimmende Ueberzeugung zu gewinnen hofften, und welche schließlich in dem Versuche (des Neuplatonismus) gipfelten, aus solcher Philosophie heraus eine neue Religion an Stelle der alten verloren gehenden zu erzeugen7.
An diesen Verhältnissen änderte sich zunächst wenig, als die Reste der antiken Wissenschaft in die Bildung der heutigen Völker Europas als die intellektuell bestimmenden Mächte übergingen. Inhalt und Aufgabe desjenigen was das Mittelalter Philosophie nannte, deckte sich durchaus mit dem was das spätere Altertum darunter verstanden hatte8. Jedoch erfuhr die Bedeutung der Philosophie eine wesentliche Veränderung durch den Umstand, daß sie ihre Aufgaben durch die positive Religion in gewissem Sinne bereits gelöst fand. Denn auch diese gewährte nicht nur eine sichere Ueberzeugung als Regel der persönlichen Lebensführung, sondern auch im Zusammenhange damit eine allgemeine theoretische Ansicht über das Seiende, welche um so mehr philosophischen Charakters war, als die Dogmen des Christentums ihre Formulierung durchgängig unter dem Einflusse der antiken Wissenschaft erhalten hatten. Unter diesen Umständen blieb während der ungebrochenen Herrschaft der kirchlichen Lehre für die Philosophie in der Hauptsache nur die dienende Stellung einer wissenschaftlichen Begründung, Ausbildung und Verteidigung des Dogmas übrig. Aber eben dadurch trat sie mit immer deutlicher werdendem Bewußtsein in einen methodischen Gegensatz zur Theologie, indem sie dasselbe was diese auf Grund göttlicher Offenbarung lehrte, ihrerseits aus den Mitteln menschlicher Erkenntnis gewinnen und darstellen wollte9.
Die unausbleibliche Folge dieses Verhältnisses aber war, daß die Philosophie, je freier das individuelle Denken der Kirche gegenüber wurde, um so selbständiger auch die ihr mit der Religion gemeinsame Aufgabe zu lösen begann, – daß sie von der Darstellung und Verteidigung zur Kritik des Dogmas überging und schließlich ihre Lehre völlig unabhängig von den religiösen Interessen lediglich aus den Quellen herzuleiten suchte, die sie dafür in dem »natürlichen Licht« der menschlichen Vernunft und Erfahrung10 zu besitzen meinte. Der methodische Gegensatz zur Theologie wuchs auf diese Weise zu einem sachlichen aus, und die moderne Philosophie stellte sich als »Weltweisheit« dem Dogma gegenüber11. Dies Verhältnis nahm die mannigfachsten Abstufungen an, es wechselte von anschmiegender Zustimmung bis zu scharfer Bekämpfung; aber stets blieb dabei die Aufgabe der »Philosophie« diejenige, welche ihr das Altertum gegeben hatte: aus wissenschaftlicher Einsicht eine Welterkenntnis und eine Lebensansicht da zu begründen, wo die Religion dies Bedürfnis nicht mehr oder wenigstens nicht mehr allein zu erfüllen vermochte. In der Ueberzeugung, dieser Aufgabe gewachsen zu sein, sah es die Philosophie des 18. Jahrhunderts, wie einst die der Griechen, für Recht und Pflicht an, die Menschen über den Zusammenhang der Dinge aufzuklären und von dieser Einsicht aus das Leben des Individuums wie der Gesellschaft zu regeln.
In dieser selbstgewissen Stellung wurde die Philosophie durch KANT erschüttert, welcher die Unmöglichkeit einer »philosophischen« (metaphysischen) Welterkenntnis neben oder über den einzelnen Wissenschaften nachwies und dadurch Begriff und Aufgabe der Philosophie abermals einschränkte und veränderte. Denn nach diesem Verzicht engte sich das Gebiet der Philosophie als besonderer Wissenschaft auf eben jene kritische Selbstbesinnung der Vernunft ein, aus welcher KANT die entscheidende Einsicht gewonnen hatte und welche nur noch systematisch auf die übrigen Tätigkeiten neben dem Wissen ausgedehnt werden sollte. Vereinbar blieb damit das, was KANT12 den Weltbegriff der Philosophie nannte, ihr Beruf zur praktischen Lebensbestimmung.
Freilich fehlt viel, daß dieser neue und wie es scheint abschließende Begriff der Philosophie sogleich zu allgemeiner Geltung gekommen wäre; vielmehr hat die große Mannigfaltigkeit der philosophischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts keine der früheren Formen der Philosophie unwiederholt gelassen, und eine üppige Entfaltung des »metaphysischen Bedürfnisses«13 hat sogar zeitweilig zu der Neigung zurückgeführt, alles menschliche Wissen in die Philosophie zurückzuschlingen und diese wieder als Gesamtwissenschaft auszubilden.
2. Angesichts dieses Wechsels, welchen die Bedeutung des Wortes Philosophie im Laufe der Zeiten durchgemacht hat, erscheint es untunlich, aus historischer Vergleichung einen allgemeinen Begriff der Philosophie gewinnen zu wollen: keiner von denen, die man zu diesem Zwecke aufgestellt hat14, trifft auf alle diejenigen Gebilde der Geistestätigkeit zu, welche auf den Namen Anspruch erheben. Schon die Unterordnung der Philosophie unter den allgemeinen Begriff der Wissenschaft wird bei solchen Lehren, welche einseitig die praktische Bedeutung im Auge haben, bedenklich15: noch weniger aber läßt sich allgemeingültig bestimmen, was Gegenstand und Form der Philosophie als besonderer Wissenschaft heißen soll. Denn selbst wenn man den Standpunkt nicht in Rechnung ziehen wollte, für welchen die Philosophie noch oder wieder die Gesamtwissenschaft ist16, so sieht man sich einer Menge von verschiedenen Versuchen zur Abgrenzung des Forschungsgebietes der Philosophie gegenüber. Die Aufgaben der Naturforschung füllen anfangs das Interesse der Philosophie fast allein aus, bleiben dann lange Zeit in ihrem Umfang und scheiden erst in neuerer Zeit aus. Die Geschichte umgekehrt ist dem größten Teile der philosophischen Systeme gleichgültig geblieben, um erst verhältnismäßig spät und vereinzelt als Objekt philosophischer Untersuchung aufzutreten. Die metaphysischen Lehren wiederum, in denen meist der Schwerpunkt der Philosophie gesucht wird, sehen wir gerade an ihren bedeutsamen Wendepunkten entweder beiseite geschoben oder gar für unmöglich erklärt17; und wenn zeitweilig die praktische Bedeutung der Philosophie für Individuum und Gesellschaft als ihr wahres Wesen betont wird, so verzichtet anderseits ein stolzer Standpunkt der reinen Theorie auf solche gemeinnützige Geschäftigkeit18.
Anderseits ist behauptet worden, die Philosophie behandle zwar dieselben Gegenstände wie die übrigen Wissenschaften, aber in anderem Sinne und nach anderer Methode: allein auch dies spezifische Merkmal der Form hat keine historische Allgemeingültigkeit. Daß es eine solche anerkannte philosophische Methode nicht gibt, würde freilich kein Einwurf sein, wenn nur das Streben nach einer solchen ein konstantes Merkmal aller Philosophien wäre. Dies ist Jedoch so wenig der Fall, daß manche Philosophen ihrer Wissenschaft den methodischen Charakter anderer Disziplinen, z. B. der Mathematik oder der Naturforschung19, aufdrücken, andere aber von methodischer Behandlung ihrer Probleme überhaupt nichts wissen wollen und die Tätigkeit der Philosophie in Analogie zu den genialen Konzeptionen der Kunst setzen20.
3. Aus diesen Umständen erklärt es sich auch, daß es kein festes, allgemein historisch bestimmbares Verhältnis der Philosophie zu den übrigen Wissenschaften gibt. Wo die Philosophie als Gesamtwissenschaft auftritt, da erscheinen die letzteren nur als ihre mehr oder minder deutlich gesonderten Teile21: wo dagegen der Philosophie die Aufgabe zugewiesen wird, die Ergebnisse der besonderen Wissenschaften in ihrer allgemeinen Bedeutung zusammenzufassen und zu einer abschließenden Welterkenntnis zu harmonisieren, da ergeben sich eigentümlich zusammengesetzte und verschränkte Verhältnisse. Zunächst zeigt sich eine Abhängigkeit der Philosophie von dem jeweiligen Stande der Einsicht, die in den besonderen Disziplinen erreicht ist: wesentliche Förderungen der Philosophie erwachsen aus den entscheidenden Fortschritten der Einzelwissenschaften22, und zugleich ist dadurch die Richtung und die Grenze bestimmt, worin die allgemeine Wissenschaft jeweilig ihre Aufgabe zu lösen vermag. Umgekehrt aber erklärt sich daraus der Eingriff der Philosophie in die Arbeit der besonderen Wissenschaften, der von diesen bald als Befruchtung, bald als Hemmung empfunden wird: denn die philosophische Behandlung der speziellen Fragen bringt zwar häufig vermöge des weiteren Gesichtspunktes und der kombinativen Richtung wertvolle Momente zur Lösung der Probleme bei23, in andern Fällen jedoch stellt sie sich nur als eine Verdopplung dar, welche, wenn sie zu gleichen Resultaten führt, unnütz, wenn sie aber andere Ergebnisse gewähren will, gefährlich erscheint24.
Aus dem Gesagten erklärt sich ferner, daß die Beziehungen der Philosophie zu den sonstigen Kulturtätigkeiten nicht minder nahe sind als zu den Einzelwissenschaften. Denn in das Weltbild, auf dessen Entwurf die metaphysisch gerichtete Philosophie hinzielt, drängen sich neben den Errungenschaften wissenschaftlicher Untersuchung überall auch die Auffassungen hinein, welche dem religiösen und sittlichen, dem staatlichen und gesellschaftlichen, dem künstlerischen Leben entstammen; und gerade die Wertbestimmungen und Urteilsnormen der Vernunft verlangen in jenem Weltbilde ihren Platz um so lebhafter, je mehr dies die Grundlage für die praktische Bedeutung der Philosophie werden soll. Auf solche Weise finden in der Philosophie neben den Einsichten auch die Ueberzeugungen und die Ideale der Menschheit ihren Ausdruck: und wenn die letzteren dabei, ob auch oft irrigerweise, die Form wissenschaftlicher Einsichten gewinnen sollen, so kann ihnen daraus unter Umständen wertvolle Klärung und Umgestaltung erwachsen. So ist auch dies Verhältnis der Philosophie zur allgemeinen Kultur nicht nur dasjenige des Empfangens, sondern auch das des Gebens.
Es ist nicht ohne Interesse, auch den Wechsel der äußeren Stellung und der sozialen Verhältnisse zu betrachten, den die Philosophie erlebt hat. Man darf annehmen, daß der Betrieb der Wissenschaft in Griechenland sich mit vielleicht wenigen Ausnahmen (Sokrates) schon von Anfang an in geschlossenen Schulen gestaltet hat25. Daß diese auch in der späteren Zeit die Form sakralrechtlicher Genossenschaften hatten26, würde an sich allein bei dem religiösen Charakter aller griechischen Rechtsinstitute, noch nicht einen religiösen Ursprung dieser Schulen beweisen; aber der Umstand, daß die griechische Wissenschaft sich inhaltlich direkt aus religiösen Vorstellungskreisen herausgearbeitet hat und daß in einer Anzahl ihrer Richtungen gewisse Beziehungen zu religiösen Kulten unverkennbar hervortreten27, macht es nicht unwahrscheinlich, daß die wissenschaftlichen Genossenschaften ursprünglich aus religiösen Verbänden (Mysterien) hervorgegangen und mit ihnen im Zusammenhange geblieben sind. Aber als sodann das wissenschaftliche Leben sich zu voller Selbständigkeit entwickelt hatte, fielen einerseits diese Beziehungen ab und vollzog sich anderseits die Gründung rein wissenschaftlicher Schulen: es waren freie Vereinigungen von Männern, die unter Leitung, bedeutender Persönlichkeiten die Arbeit der Forschung, Darstellung, Verteidigung und Polemik unter sich teilten28 und zugleich in einem gemeinsamen Ideal der Lebensführung einen sittlichen Verband untereinander besaßen.
Mit den größeren Verhältnissen des Lebens in der hellenistischen und römischen Zeit lockerten sich naturgemäß diese Verbände, und wir begegnen, namentlich unter den Römern, häufiger Schriftstellern, welche ohne jeden Schulzusammenhang oder Lehrberuf in rein individueller Weise auf dem Gebiete der Philosophie tätig sind (Cicero, Seneca, Marc Aurel und besonders die Mehrzahl der sog. Skeptiker). Erst die späteste Zeit des Altertums zeigt unter dem Einflusse religiöser Interessen weder eine straffere Verknüpfung genossenschaftlicher Schulverbände, wie im Neupythagoreismus[2] und Neuplatonismus.
Bei den romanischen und germanischen Völkern ist der Verlauf der Sache nicht so unähnlich gewesen. Im Gefolge der kirchlichen Zivilisation erscheint auch die Wissenschaft des Mittelalters: sie hat ihre Stätten in den Klosterschulen und empfängt ihre Anregungen zu selbständiger Gestaltung zunächst aus Fragen des religiösen Interesses. Auch in ihr machen sich Gegensätze verschiedener religiöser Genossenschaften (Dominikaner und Franziskaner) zeitweilig geltend, und selbst die freieren wissenschaftlichen Vereinigungen, aus welchen sich allmählich die Universitäten entwickelten, hatten ursprünglich religiösen Hintergrund und kirchliches Gepräge29. Deshalb blieb auch in dieser zünftigen Philosophie der Universitäten der Grad der Selbständigkeit gegenüber der Kirchenlehre immer gering, und es gilt dies bis in das 18. Jahrhundert hinein auch für die protestantischen Universitäten, bei deren Errichtung und Ausbildung ebenfalls kirchliche und religiöse Interessen im Vordergrunde standen.
Dagegen ist es für die mit dem Beginn der neueren Zeit sich verselbständigende »Weltweisheit« charakteristisch, daß ihre Träger durchweg nicht Männer der Schule, sondern Männer der Welt und des Lebens sind. Ein entlaufener Mönch, ein Staatskanzler, ein Schuster, ein Edelmann, ein gebannter Jude, ein gelehrter Diplomat, unabhängige Literaten und Journalisten – das sind die Begründer und Vertreter der modernen Philosophie, und dementsprechend ist deren äußere Gestalt nicht das Lehrbuch oder der Niederschlag akademischer Disputationen, sondern die freie schriftstellerische Tat, der Essay.
Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist die Philosophie wieder zünftig und an den Universitäten heimisch geworden. Es geschah dies zuerst in Deutschland, wo mit der steigenden Selbständigkeit der Universitäten die Bedingungen dafür in glücklichster Weise gegeben waren und wo ein fruchtbares Wechselverhältnis zwischen Lehrern und Schülern der Universität auch der Philosophie zugute kam30. Aus Deutschland hat sich dies nach Schottland, England, Frankreich und Italien übertragen, und im allgemeinen darf man sagen, daß im 19. Jahrhundert der Sitz der Philosophie wesentlich auf den Universitäten zu suchen war31. Dagegen ist dies Verhältnis gegenwärtig wieder angesichts unserer geistigen Gesamtlage in einer Veränderung begriffen so daß die Vertretung der Philosophie an den Universitäten, namentlich in Deutschland. z.T. den Eindruck der Rückständigkeit zu machen anfangt.
Eine kurze Erwähnung verdient endlich noch die Beteiligung der verschiedenen Völker an der Ausbildung der Philosophie. Wie alle Entfaltungen der europäischen Kultur, so haben auch die Wissenschaft die Griechen geschaffen, und ihre schöpferische Erstgestaltung der Philosophie ist noch heute deren wesentliche Grundlage. Was im Altertum von den hellonistischen Mischvölkern und von den Römern hinzugefügt worden ist, erhebt sich im allgemeinen nicht über eine Sondergestaltung und praktische Anpassung der griechischen Philosophie: nur in der religiösen Wendung, welche diese Ausführung genommen hat, ist ein wesentlich Neues zu sehen, was der Ausgleichung der nationalen Unterschiede im römischen Weltreich entsprungen ist. International ist, wie sich schon in der durchgängigen Anwendung der lateinischen Sprachform bekundet, auch die wissenschaftliche Bildung des Mittelalters. Erst mit der neueren Philosophie treten die besonderen Charaktere der einzelnen Nationen maßgebend hervor während sich die Traditionen der mittelalterlichen Scholastik am kräftigsten und selbständigsten in Spanien und Portugal erhalten, liefern Italiener, Deutsche, Engländer und Franzosen die Anfangsbewegungen der neueren Wissenschaft, welche ihren Höhepunkt in der klassischen Periode der deutschen Philosophie gefunden hat. Diesen vier Nationen gegenüber verhalten sich die übrigen in der Hauptsache nur empfangend.
Inhaltsverzeichnis
Literatur: R. EUCKEN, Beitrage zur Einführung in die Geschichte der Philosophie (Leipzig 1906) p. 157 ff.. W. WINDELBAND, Die Philosophie im Beginn des 20. Jahrhunderts (Heidelberg 1905) II 175 ff, 2. Aufl. 529 ff.Je verschiedener im Laufe der Zeiten Aufgabe und Inhalt der Philosophie bestimmt worden sind, um so mehr erhebt sich die Frage, welchen Sinn es haben kann, so nicht nur mannigfache sondern auch verschiedenartige Vorstellungsgebilde, zwischen denen es schließlich keine andere Gemeinschaft als diejenige des Namens zu geben scheint, in historischer Forschung und Darstellung zu vereinigen.
Denn das anekdotenhafte Interesse an dieser buntscheckigen Mannigfaltigkeit verschiedener Meinungen über verschiedene Dinge, welches wohl früher, gereizt auch durch die Merkwürdigkeit und Wunderlichkeit mancher dieser Ansichten, das Hauptmotiv einer »Geschichte der Philosophie« gewesen ist, kann doch unmöglich auf die Dauer als Keimpunkt einer eigenen wissenschaftlichen Disziplin gelten.
1. Jedenfalls ist klar, daß es mit der Geschichte der Philosophie eine andere Bewandtnis hat, als mit der Geschichte irgend einer andern Wissenschaft. Denn bei jeder solchen steht doch das Forschungsgebiet wenigstens im allgemeinen fest, wenn auch seine Ausdehnung, seine Herauslösung aus einem allgemeineren Gebiete und seine Abgrenzung gegen die benachbarten noch so vielen Schwankungen in der Geschichte unterlegen sein mögen. Für eine solche Einzelwissenschaft macht es also keine Schwierigkeit, die Entwicklung der Erkenntnisse auf einem derartig bestimmbaren Gebiete zu verfolgen und dabei eventuell eben jene Schwankungen als die natürlichen Folgen der Entwicklung der Einsichten begreiflich zu machen.
Ganz anders aber steht es bei der Philosophie, der es an solch einem allen Zeiten gemeinsamen Gegenstande gebricht, und deren »Geschichte« daher auch nicht einen stetigen Fortschritt oder eine allmähliche Annäherung zu dessen Erkenntnis darstellt. Vielmehr ist von je hervorgehoben worden, daß, während in andern Wissenschaften, sobald sie nach den rhapsodischen Anfängen erst eine methodische Sicherheit gewonnen haben, die Regel ein ruhiger Aufbau der Erkenntnisse ist, der nur von Zeit zu Zeit durch ruckweisen Neuanfang unterbrochen wird, umgekehrt in der Philosophie ein dankbares Fortentwickeln des Errungenen durch die Nachfolger die Ausnahme ist, und jedes der großen Systeme der Philosophie die neu formulierte Aufgabe ab ovo zu lösen beginnt, als ob die andern kaum dagewesen wären.
2. Wenn trotz alledem von einer »Geschichte der Philosophie« soll die Rede sein können, so kann der einheitliche Zusammenhang, den wir weder in den Gegenständen finden, mit denen sich die Philosophen beschäftigen, noch in den Aufgaben, die sie sich setzen, schließlich nur in der gemeinsamen Leistung gefunden werden, welche sie trotz aller Verschiedenheit des Inhalts und der Absicht ihrer Beschäftigung sachgemäß herbeigeführt haben.
Dieser gemeinsame Ertrag aber, der den Sinn der Geschichte der Philosophie ausmacht, beruht gerade auf den wechselnden Beziehungen, in denen sich die Arbeit der Philosophen nicht nur zu den reifsten Erzeugnissen der Wissenschaften, sondern auch zu den übrigen Kulturtätigkeiten der europäischen Menschheit im Laufe der Geschichte befunden hat. Denn mochte mm die Philosophie auf den Entwurf einer allgemeinen Welterkenntnis ausgehen, die sie, sei es als Gesamtwissenschaft sei es als verallgemeinernde Zusammenfassung der Resultate der Sonderwissenschaften, gewinnen wollte, oder mochte sie eine Lebensansicht suchen, welche den höchsten Werten des Wollens und Fühlens einen geschlossenen Ausdruck geben sollte, oder mochte sie endlich mit klarer Beschränkung die Selbsterkenntnis der Vernunft zu ihrem Ziele machen, – immer war der Erfolg der, daß sie daran arbeitete, die notwendigen Formen und Inhaltsbestimmungen menschlicher Vernunftbetätigung zum bewußten Ausdruck zu bringen, und sie aus der ursprünglichen Gestalt von Anschauungen, Gefühlen und Trieben in diejenige der Begriffe umzusetzen. In irgend einer Richtung und in irgend einer Weise hat jede Philosophie sich darum bemüht, auf mehr oder minder umfangreichem Gebiete zu begrifflichen Formulierungen des in Welt und Leben unmittelbar Gegebenen zu gelangen, und so ist in dem historischen Verlaufe dieser Bemühungen Schritt für Schritt der Grundriß des geistigen Lebens bloßgelegt worden. Die Geschichte der Philosophie ist der Prozeß, durch welchen die europäische Menschheit ihre Weltauffassung und Lebensbeurteilung in wissenschaftlichen Begriffen niedergelegt hat.
Dieser Gesamtertrag aller der geistigen Gebilde, die sich als »Philosophie« darstellen ist es allein, welcher der Geschichte der Philosophie als einer eigenen Wissenschaft ihren Inhalt, ihre Aufgabe und ihre Berechtigung gibt: er ist es aber auch, um dessenwillen die Kenntnis der Geschichte der Philosophie ein notwendiges Erfordernis nicht nur für jede gelehrte Erziehung, sondern für jede Bildung überhaupt ist; denn sie lehrt, wie die begrifflichen Formen ausgeprägt worden sind, in denen wir alle, im alltäglichen Leben wie in den besonderen Wissenschaften, die Welt unserer Erfahrung denken und beurteilen
Die Anfänge der Geschichte der Philosophie sind in den (zum weitaus größten Teil verloren gegangenen) historischen Arbeiten der großen Schulen des Altertums, insbesondere der peripatetischen[3] zu suchen, welche wohl meist in der Art, wie Aristoteles32 selbst schon Beispiele gibt, den kritischen Zweck hatten durch dialektische Prüfung der früher aufgestellten Ansichten die Entwicklung der eigenen vorzubereiten. Solche historische Materialiensammlungen wurden für die verschiedenen Gebiete der Wissenschaft angelegt, und es entstanden auf diese Weise neben Geschichten der einzelnen Disziplinen, wie der Mathematik, der Astronomie, der Physik u.s.w. auch die philosophischen Doxographien[4]33. Je mehr indessen später Neigung und Kraft zum selbständigen Philosophieren abnahmen, um so mehr artete diese Literatur in einen gelehrten Notizenkram aus worin sich Anekdoten aus den Lebensumständen und einzelne epigrammatisch zugespizte Aussprüche der Philosophen mit abgerissenen Berichten über ihre Lehren mischten.
Den gleichen Charakter von Kuriositätensammlungen trugen zunächst die auf den Resten der antiken Ueberlieferung beruhenden Darstellungen der neueren Zeit, wie STANLEYs34 Reproduktion des Diogenes von Laerte oder BRUCKERs Werke35. Erst mit der Zeit traten kritische Besonnenheit in der Verwertung der Quellen (BUHLE36, FÜLLEBORN37), vorurteilsfreiere Auffassung der historischen Bedeutung der einzelnen Lehren (TIEDEMANN38, DE GÉRANDO39) und systematische Kritik derselben auf Grund der neuen Standpunkte (TENNEMANN40, FRIES41, SCHLEIERMACHER42) in Kraft.
Zu einer selbständigen Wissenschaft aber ist die Geschichte der Philosophie erst durch HEGEL43 gemacht worden, welcher den wesentlichen Punkt aufdeckte, daß die Geschichte der Philosophie weder eine bunte Sammlung von Meinungen verschiedener gelehrter Herren »de omnibus rebus et de quibusdam aliis«, noch eine stetig sich erweiternde und vervollkommende Bearbeitung desselben Gegenstandes, sondern vielmehr nur den vielverschränkten Prozeß darstellen kann, in welchem successive die »Kategorien« der Vernunft zum gesonderten Bewußtsein und zur begrifflichen Ausgestaltung gelangt sind.
Diese wertvolle Einsicht wurde jedoch bei HEGEL durch eine Nebenannahme verdunkelt und in ihrer Wirkung beeinträchtigt, indem er überzeugt war, daß die zeitliche Reihenfolge, nach der jene »Kategorien« in den historischen Systemen der Philosophie aufgetreten sind, sich mit der sachlichen und systematischen Reihenfolge decken müßte, worin dieselben Kategorien als »Elemente der Wahrheit« bei dem begrifflichen Aufbau des abschließenden Systems der Philosophie (wofür HEGEL das seinige ansah) erscheinen sollten. So führte der an sich richtige Grundgedanke zu dem Irrtum einer philosophisch systematisierenden Konstruktion der Philosophiegeschichte und damit vielfach zu einer Vergewaltigung des historischen Tatbestandes. Dieser Irrtum, den die Entwicklung der wissenschaftlichen Geschichte der Philosophie des 19. Jahrhunderts zu Gunsten der historischen Richtigkeit und Genauigkeit beseitigt hat, entsprang aber der unrichtigen (wenn auch mit den Prinzipien der HEGELschen Philosophie selbst folgerichtig zusammenhangenden) Vorstellung, als ob der geschichtliche Fortschritt der philosophischen Gedanken lediglich oder wenigstens wesentlich einer ideellen Notwendigkeit entspränge, mit der eine Kategorien die andere im dialektischen Fortgange hervortriebe. In Wahrheit ist das Bild der historischen Bewegung der Philosophie ein ganz anderes: es handelt sich dabei nicht lediglich um das Denken »der Menschheit« oder gar »des Weltgeistes«, sondern ebenso auch um die Ueberlegungen, die Gemütsbedürfnisse, die Ahnungen und Einfälle der philosophierenden Individuen.
3. Jenes Gesamtergebnis der Geschichte der Philosophie, wonach in ihr die Grundbegriffe menschlicher Weltauffassung und Lebensbeurteilung niedergelegt worden sind, entspringt aus einer großen Mannigfaltigkeit von Einzelbewegungen des Denkens, als deren tatsächliche Motive sowohl bei der Aufstellung der Probleme, als auch bei den Versuchen ihrer begrifflichen Lösung verschiedene Faktoren zu unterscheiden sind.
Bedeutsam genug ist allerdings der sachliche, pragmatische Faktor. Denn die Probleme der Philosophie sind der Hauptsache nach gegeben, und es erweist sich dies darin, daß sie im historischen Verlaufe des Denkens als die »uralten Rätsel des Daseins« immer wieder kommen und gebieterisch immer von neuem die nie vollständig gelingende Lösung verlangen Gegeben aber sind sie durch die Unzulänglichkeit und widerspruchsvolle Unausgeglichenheit des der philosophischen Besinnung zugrunde liegenden Vorstellungsmaterials44. Aber eben deshalb enthält auch das letztere die sachlichen Voraussetzungen und die logischen Nötigungen für jedes vernünftige Nachdenken darüber, und weil sich diese der Natur der Sache nach immer wieder in derselben Weise geltend machen, so wiederholen sich in der Geschichte der Philosophie nicht nur die Hauptprobleme, sondern auch die Hauptrichtungen ihrer Lösung. Eben diese Konstanz in allem Wechsel, welche, von außen betrachtet, den Eindruck macht als sei die Philosophie erfolglos in stets wiederholten Kreisen um ein nie erreichtes Ziel bemüht, beweist doch nur, daß ihre Probleme unentfliehbare Aufgaben für den menschlichen Geist sind45. Und ebenso begreift sich, daß dieselbe sachliche Notwendigkeit eventuell zu wiederholten Malen aus einer Lehre eine andere hervortreibt. Deshalb ist der Fortschritt in der Geschichte der Philosophie in der Tat streckenweise durchaus pragmatisch, d.h. durch die innere Notwendigkeit der Gedanken und durch die »Logik der Dinge« zu verstehen.
Vgl. C. HERMANN, Der pragmatische Zusammenhang in der Geschichte der Philosophie (Dresden 1836). Der oben erwähnte Fehler HEGELS besteht also nur darin, daß er ein in gewissen Grenzen wirksames Moment zu dem einzigen oder wenigstens zu dem hauptsächlichsten machen wollte. Der umgekehrte Fehler wäre es, wollte man diese »Vernunft in der Geschichte« überhaupt leugnen und in den aufeinander folgenden Lehren der Philosophen nur wirre Ideen der Individuell sehen. Vielmehr erklärt sich der Gesamtinhalt der Geschichte der Philosophie eben nur dadurch, daß sich im Denken der einzelnen, so zufällig es bedingt sein mag, doch immer wieder jene sachlichen Notwendigkeiten geltend machen. – Auf diesen Verhältnissen beruhen die Versuche, die man gemacht hat, alle philosophischen Lehren unter gewisse Typen zu rubrizieren und zwischen diesen in der geschichtlichen Entwicklung eine Art von rhythmischer Wiederholung zu konstatieren. So hat V. COUSIN46 seine Lehre von den vier Systemen (Sensualismus, Idealismus, Skeptizismus, Mystizismus), so AUG. COMTE47 die seinige von den drei Stadien (dem theologischen, metaphysischen und positiven) aufgestellt48Eine interessante und vielfach instruktive Gruppierung der philosophischen Lehren um die einzelnen Hauptprobleme bietet auch CH. RENOUVIER, Esquisse d'une classification systématique des doctrines philosophiques. 2 Bde. Paris 1885/86. Ein Schulbuch, welches die philosophischen Lehren nach Problemen und Schulen ordnet, haben PAUL JANET und SÉAILLES herausgegeben: Histoire de la philosophie; les problèmes et les écoles. Paris 1887.
4. Allein der pragmatische Faden reißt in der Geschichte der Philosophie sehr häufig ab. Insbesondere fehlt es der historischen Reihenfolge, in der die Probleme aufgetreten sind, fast durchgängig an einer solchen immanenten sachlichen Notwendigkeit; dagegen macht sich darin ein anderer Faktor geltend, den man am besten als den kulturgeschichtlichen bezeichnet. Denn aus den Vorstellungen des allgemeinen Zeitbewußtseins und aus den Bedürfnissen der Gesellschaft empfängt die Philosophie ihre Probleme, wie die Materialien zu deren Lösung. Die großen Errungenschaften und die neu auftauchenden Fragen der besonderen Wissenschaften, die Bewegungen des religiösen Bewußtseins, die Anschauungen der Kunst, die Umwälzungen des gesellschaftlichen und des staatlichen Lebens geben der Philosophie ruckweis neue Impulse und bedingen die Richtungen des Interesses, das bald diese bald jene Probleme in den Vordergrund drängt und andere zeitweilig beiseite schiebt, nicht minder aber auch die Wandlungen, welche Fragestellung und Antwort im Laufe der Zeit erfahren. Wo diese Abhängigkeit sich besonders deutlich erweist, da erscheint unter Umständen ein philosophisches System geradezu als die Selbsterkenntnis eines bestimmten Zeitalters, oder es prägen sich die Kulturgegensätze, in denen das letztere ringt, in dem Streit der philosophischen Systeme aus. So waltet in der Geschichte der Philosophie neben der pragmatischen und bleibenden Sachgemäßheit auch eine kulturgeschichtliche Notwendigkeit, welche selbst den in sich nicht haltbaren Begriffsgebilden ein historisches Daseinsrecht gewährleistet.
Auch auf dies Verhältnis hat zuerst in größerem Maße HEGEL aufmerksam gemacht, obwohl die »relative Wahrheit«, welche er mit Hinweis darauf den einzelnen Systemen zuschreibt, bei ihm zugleich (vermöge seines dialektischen Grundgedankens) einen systematischen Sinn hat. Dagegen ist das kulturgeschichtliche Moment unter seinen Nachfolgern von KUNO FISCHER am besten formuliert49 und in der Darstellung selbst zur glänzendsten Geltung gebracht worden. Er betrachtet die Philosophie in ihrer historischen Entfaltung als die fortschreitende Selbsterkenntnis des menschlichen Geistes, und läßt ihre Entwicklung als stetig bedingt durch die Entwicklung des in ihr zur Selbsterkenntnis gelangenden Objekts erscheinen. So sehr aber dies gerade für eine Reihe der bedeutendsten Systeme zutrifft, so ist es doch auch wiederum nur einer der Faktoren.
Aus den kulturhistorischen Anlässen, welche die philosophische Problemstellung und Problemlösung bedingen, erklärt sich in der Mehrzahl der Fälle eine höchst interessante und für das Verständnis der historischen Entwicklung bedeutsame Erscheinung: die Problemverschlingung. Denn es ist unausbleiblich, daß zwischen verschiedenen Gedankenmassen durch die Gleichzeitigkeit eines vorwiegend auf beide gerichteten Interesses nach psychologischer Gesetzmäßigkeit Assoziationen erzeugt werden, welche sachlich nicht begründet sind, – daß infolgedessen Fragen, die an sich nichts miteinander zu tun haben, vermischt und in ihrer Lösung von einander abhängig gemacht werden. Ein äußerst wichtiges und häufig wiederkehrendes Hauptbeispiel davon ist die Einmischung ethischer und ästhetischer Interessen in die Behandlung theoretischer Probleme: die schon aus dem täglichen Leben bekannte Erscheinung, daß die Ansichten der Menschen durch ihre Wünsche, Hoffnungen, Befürchtungen und Neigungen bestimmt, daß ihre Urteile durch ihre Beurteilungen bedingt sind, wiederholt sich in größerem Maßstabe auch in den Weltanschauungen, und sie hat sich in der Philosophie sogar dazu steigern können, daß das sonst unwillkürlich Geübte zu einem erkenntnistheoretischen Postulat proklamiert wurde (KANT).
5. Indessen verdankt nun der philosophiegeschichtliche Prozeß seine ganze Mannigfaltigkeit und Vielgestaltigkeit erst dem Umstande, daß die Entwicklung der Ideen und die begriffliche Ausprägung allgemeiner Ueberzeugungen sich nur durch das Denken der einzelnen Persönlichkeiten vollzieht, die, wenn auch ihre Auffassungen noch so sehr in dem sachlichen Zusammenhange und in dem Vorstellungskreise einer historischen Gesamtheit wurzeln, doch durch Individualität und Lebensführung stets noch ein Besonderes hinzufügen. Dieser individuelle Faktor der philosophiegeschichtlichen Entwicklung ist um so mehr zu beachten, weil ihre Hauptträger sich als ausgeprägte, selbständige Persönlichkeiten erweisen, deren eigenartige Natur nicht bloß für die Auswahl und Verknüpfung der Probleme, sondern auch für die Ausschleifung der Lösungsbegriffe in den eigenen Lehren, wie in denjenigen der Nachfolger maßgebend gewesen ist. Daß die Geschichte das Reich der Individualitäten, der unwiederholbaren und in sich wertbestimmten Einzelheiten ist, zeigt sich auch in der Geschichte der Philosophie: auch hier haben große Persönlichkeiten lang hinreichende und auch hier nicht ausschließlich fördernde Wirkungen ausgeübt. Aristoteles darf in dieser Hinsicht als charakteristisches Beispiel gelten.
Es leuchtet ein daß die oben besprochene Problemverschlingung durch die subjektiven Verhältnisse, unter denen die einzelnen philosophierenden Persönlichkeiten stehen, noch in viel höherem Maße herbei geführt wird, als durch die in dem allgemeinen Bewußtsein einer Zeit, eines Volkes u.s.w. gegebenen Anlässe. Es gibt kein philosophisches System, welches von diesem Einflusse der Persönlichkeit seines Urhebers frei wäre. Deshalb sind alle philosophischen Systeme Schöpfungen der Individualität, die in dieser Hinsicht eine gewisse Aehnlichkeit mit Kunstwerken haben und als solche aus der Persönlichkeit ihres Urhebers begriffen sein wollen. Jedem Philosophen wachsen die Elemente seiner Weltanschauung aus den ewig gleichen Problemen der Wirklichkeit und der auf ihre Lösung gerichteten Vernunft, außerdem aber aus den Anschauungen und den Idealen seines Volkes wie seiner Zeit zu: die Gestalt aber und die Ordnung, der Zusammenhang und die Wertung, welche sie in seinem Systeme finden, sind durch seine Geburt und Erziehung, seine Tat und sein Schicksal, seinen Charakter und seine Lebenserfahrung bedingt. Hier fehlt somit oft die Allgemeingültigkeit, welche in abgestufter Bedeutung den beiden andern Faktoren beiwohnt. Bei diesen rein individuellen Bildungen muß der ästhetische Reiz an Stelle des Wertes bleibender Erkenntnis treten, und das Eindrucksvolle vieler Erscheinungen der Philosophiegeschichte beruht in der Tat nur auf diesem Zauber der »Begriffsdichtung«.
Zu den Problemverschlingungen und den durch Phantasie und Gefühl bestimmten Vorstellungen, wel che schon das allgemeine Bewußtsein in die Irre zu führen vermögen treten somit bei den Individuen noch ähnliche, aber rein persönliche Vorgänge hinzu, um der Problembildung und -Lösung noch mehr den Charakter der Künstlichkeit zu verleihen. Es ist nicht zu verkennen, daß vielfach sich die Philosophen auch mit Fragen herumgeschlagen haben, denen es an der natürlichen Begründung fehlte, so daß alle darauf verwendete Denkmühe vergebens war, und daß anderseits auch bei der Lösung realer Probleme unglückliche Versuche von Begriffskonstruktionen mit untergelaufen sind, welche mehr Hindernisse als Förderungen für den Austrag der Sache gebildet haben.
Das Bewunderungswürdige in der Geschichte der Philosophie bleibt eben dies, daß aus solcher Fülle individueller und allgemeiner Verwirrungen sich doch im ganzen der Grundriß allgemeingültiger Begriffe der Weltauffassung und Lebensbeurteilung niedergeschlagen hat, der den wissenschaftlichen Sinn dieser Entwicklung darstellt. Deshalb aber ist die Geschichte der Philosophie auch das vornehmste Organon der Philosophie selber und gehört nicht nur in weit größerem Maße, sondern auch in ganz anderem Sinne als es bei andern Wissenschaften der Fall ist, als integrierender Bestandteil zu ihrem System. Denn sie bildet in ihrer Gesamtheit die umfassendste und geschlossenste Entwicklung der Probleme der Philosophie selbst. Vgl. W. WINDELBAND, Festschrift f. Kuno Fischer, »Die Philosophie der Gegenwart« (Heidelberg, 2. Aufl. 1907) p. 529 ff.
6. Hiernach hat die philosophiegeschichtliche Forschung folgende Aufgaben zu erfüllen: 1) genau festzustellen, was sich über die Lebensumstände, die geistige Entwicklung und die Lehren der einzelnen Philosophen aus den vorliegenden Quellen ermitteln läßt; 2) aus diesen Tatbeständen den genetischen Prozeß in der Weise zu rekonstruieren, daß bei jedem Philosophen die Abhängigkeit seiner Lehren teils von denjenigen der Vorgänger, teils von den allgemeinen Zeitideen, teils von seiner eigenen Natur und seinem Bildungsgange begreiflich wird; 3) aus der Betrachtung des Ganzen heraus zu beurteilen, welchen Wert die so festgestellten und ihrem Ursprunge nach erklärten Lehren in Rücksicht auf den Gesamtertrag der Geschichte der Philosophie besitzen.
Hinsichtlich der beiden ersten Punkte ist die Geschichte der Philosophie eine philologisch-historische, hinsichtlich des dritten Moments ist sie eine kritisch-philosophische Wissenschaft.
a) In Bezug auf die Feststellung des Tatsächlichen ist die Geschichte der Philosophie auf eine sorgfältige und umfassende Durchforschung der Quellen angewiesen. Diese fließen aber für die verschiedenen Zeiten mit sehr verschiedener Durchsichtigkeit und Vollständigkeit.
Die Hauptquellen für die philosophiegeschichtliche Forschung sind selbstverständlich die Werke der Philosophen selbst. Hinsichtlich der neueren Zeit stehen wir in dieser Hinsicht auf verhältnismäßig sicherem Boden. Seit Erfindung der Buchdruckerkunst ist die literarische Tradition so fest und deutlich geworden, daß sie im allgemeinen keinerlei Schwierigkeiten macht. Die Schriften, welche die Philosophen seit der Renaissance herausgegeben haben, sind für die heutige Forschung durchgängig zugänglich: die Fälle, in denen Fragen der Echtheit, der Entstehungszeit u.s.w. zu Kontroversen Anlaß gäben, sind verhältnismäßig äußerst selten; eine philologische Kritik hat hier nur geringen Spielraum, und wo sie (wie z. B. teilweise bei den verschiedenen Auflagen der kantischen Werke) eintreten kann, betrifft sie lediglich untergeordnete und in letzter Instanz gleichgültige Punkte. Auch sind wir hier der Vollständigkeit des Materials leidlich sicher: daß Wichtiges verloren oder noch von späterer Publikation zu erwarten wäre, ist kaum anzunehmen, wenn die geschärfte philologische Aufmerksamkeit der letzten Jahrzehnte uns über SPINOZA, LEIBNIZ, KANT, MAINE DE BIRAN Neues gebracht hat, so ist der philosophische Ertrag davon doch nur verschwindend gegenüber dem Werte des schon Bekannten gewesen. Höchstens handelt es sich dabei um Ergänzungen, insbesondere tritt wohl die Wichtigkeit gelegentlicher brieflicher Aeußerungen in Kraft, welche über den individuellen Faktor der philosophiegeschichtlichen Entwicklung mehr Licht zu verbreiten geeignet sind.
Weniger günstig schon steht es um die Quellen der mittelalterlichen Philosophie, welche zu einem (freilich geringen) Teile noch eine nur handschriftliche Existenz führen. V. COUSIN und seine Schule haben sich zuerst um die Publikation der Texte sehr verdient gemacht, und im ganzen dürfen wir überzeugt sein, auch für diese Zeit ein zwar lückenhaftes, aber doch zutreffendes Material zu besitzen. Dagegen ist unsere Kenntnis der arabischen und jüdischen Philosophie des Mittelalters und damit auch ihres Einflusses auf den Gang des abendländischen Denkens im einzelnen noch sehr problematisch; und es dürfte dies die empfindlichste Lücke in der Quellenforschung der Geschichte der Philosophie sein.
Viel schlimmer noch ist es um den direkten Quellenbefund der antiken Philosophie bestellt. Erhalten ist von Originalwerken uns allerdings die Hauptsache: der Grundstock der Werke von Platon und Aristoteles, auch dieser freilich nur in vielfach zweifelhafter Form, und daneben nur die Schriften späterer Zeit, wie diejenigen Ciceros, Senecas, Plutarchs, der Kirchenväter und der Neuplatoniker. Der weitaus größte Teil der philosophischen Schriften des Altertums ist verloren. Statt ihrer müssen wir uns mit den Fragmenten begnügen, welche der Zufall gelegentlicher Erwähnung bei den erhaltenen Schriftstellern, auch hier vielfach in fragwürdiger Form übrig gelassen hat50.
Wenn es trotzdem gelungen ist, ein bis in das einzelne hinein durchgeführtes und wissenschaftlich gesichertes Bild von der Entwicklung der alten Philosophie (deutlicher als von dem der mittelalterlichen) zu gewinnen so ist dies nicht nur den unausgesetzten Mühen philologischer und philosophischer Durcharbeitung dieses Materials zu danken, sondern auch dem Umstande, daß uns neben den Resten der Originalwerke der Philosophen auch diejenigen der historischen Berichte des Altertums als sekundäre Quellen erhalten sind. Das Beste freilich auch daraus ist verloren, die historischen Werke nämlich, welche der gelehrten Sammlung der peripatetischen und der stoischen Schule zu Ende des vierten und im dritten Jahrhundert v. Chr. entsprangen. Diese Arbeiten sind dann später durch mehrfache Hände gegangen, ehe sie sich in den uns noch aus der Römerzeit vorliegenden Kompilationen erhalten haben, wie in den unter dem Namen Plutarchs gehenden Placita philosophorum51, in den Schriften des Sextus Empiricus52, in den Deipnosophistae des Athenaios[5]53, in der Schrift des Diogenes Laertius peri biôn, dogmatôn kai apophthegmatôn tôn en philosophia eudokimêsantôn,54 in den Zusammenstellungen der Kirchenväter und in den Notizen der Kommentatoren der spätesten Zeit, wie Alexander von Aphrodisias Themistios und Simplikios. Eine vorzügliche Durcharbeitung dieser sekundären Quellen der antiken Philosophie hat H. DIELS, Doxographi Graeci (Berlin 1879), gegeben.
Wo, wie auf dem ganzen Gebiet der alten Philosophie, der Quellenbefund ein so zweifelhafter ist, da muß die kritische Feststellung des Tatsächlichen mit der Erforschung des pragmatischen und genetischen Zusammenhanges Hand in Hand gehen. Denn wo die Ueberlieferung selbst zweifelhaft ist, da kann die Entscheidung nur durch die Auffassung eines vernünftigen, der psychologischen Erfahrung entsprechenden Zusammenhanges gewonnen werden: in diesen Fällen ist also die Geschichte der Philosophie, wie alle Geschichte, darauf angewiesen, mit Zugrundelegung des quellenmäßig Gesicherten sich auch in denjenigen Regionen zu orientieren, mit denen die Ueberlieferung eine direkte und gesicherte Fühlung verloren hat. Die philosophiegeschichtliche Forschung des 19. Jahrhunderts darf sich rühmen, diese Aufgabe nach den Anregungen SCHLEIERMACHERs durch die Arbeiten von H. RITTER, dessen Geschichte der Philosophie (12 Bde. Hamburg 1829-53) jetzt freilich veraltet ist, von BRANDIs und ZELLER über die antike, von J. E. ERDMANN und KUNO FISCHER über die neuere Philosophie gelöst zu haben. Unter den zahlreichen Gesamtdarstellungen der Geschichte der Philosophie ist in diesem Hinsichten die bei weitem zuverlässigste J. E. ERDMANNS Grundriß der Geschichte der Philosophie, 2 Bde., 3. Aufl., Berlin 1878, 4. Aufl. bearb. von BENNO ERDMANN 1896. Allen größeren oder kleineren Darstellungen der Geschichte der Philosophie ist bisher der Gesamtplan der Anordnung gemeinsam, daß chronologisch nach der Reihenfolge der bedeutenderen Philosophen und der Schulen verfahren wird: die Unterschiede betreffen nur einzelne, nicht immer bedeutsame Verschiebungen. Unter den neuesten wären etwa wegen der geschmackvollen und einsichtigen Behandlung noch die von J. BERGMANN (2 Bde., Berlin 1892) und K. VORLÄNDER (2 Bde., Leipzig 1908) zu nennen. Eine eigenartige und feinsinnige Auffassung, in der das übliche Schema durch die Betonung großer weltgeschichtlicher Zusammenhänge glücklich durchbrochen ist, bietet R. EUCKEN, Die Lebensanschauungen der großen Denker (7. Aufl., Leipzig 1907).
Eine vortreffliche, die Literatur in erschöpfender Vollständigkeit und guter Ordnung sammelnde Bibliographie der gesamten Geschichte der Philosophie findet man in UEBERWEGs Grundriß der Geschichte der Philosophie, 4 Bde., 9. bezw. 10. Aufl., herausgegeben von M. HEINZE (Berlin 1901-6). Weitere allgemeine Hilfsmittel sind die philosophischen Lexika, wie das von AD. FRANCK herausgegebene Dictionnaire des sciences philosophiques (3. Aufl., Paris 1885) oder das von J. M. BALDWIN herausgegebene Dictionary of Philosophy and Psychology (London und Newyork 1901-1905, drei Bände), ferner etwa EISLER Wörterbuch der philosophischen Begriffe und Ausdrücke (2 Aufl., 2 Bde. Berlin 1904). Zur Geschichte der philosophischen Terminologie hat RUD. EUCKEN (Leipzig 1878) wertvolle Anregungen gegeben.
b) Die Erklärung
