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Die Suche nach einem Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit ist allbekannt, ihre Beantwortung fällt nicht leicht.
Das E-Book Lenz oder Frühling wird angeboten von BoD - Books on Demand und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Kindheitsprobleme,Logorrhoe,Psychiatrie,Kuranstalt,Todessehnsucht
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Seitenzahl: 141
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Prolog:
Die Suche nach einem Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit ist allbekannt, ihre Beantwortung fällt nicht leicht.
Alleinsein betrifft das Äußere, das außenherum. Alleinsein ist notwendig, um Gedichte zu schreiben, Erzählungen, Romane. Opern zu komponieren. Gemälde zu gestaltet. Alleinsein bereichert die Welt.
Einsamkeit wächst innen.
Sie verengt, zieht alles Dasein auf einen Punkt, auf das eigene ICH. Verbannt in Dunkelheit und Finsternis, in Seelischen Autismus. Einsame gelten als verloren.
So auch Lenz.
*
Frühlingswinde rüttelten an den Bäumen, weckten sie aus ihrem Winterschlaf. Schneereste schmolzen, wärmende Sonnenstrahlen halfen dabei. Wiesen und Äcker atmeten befreit auf. Am Bach brachen die Eisränder, wurden vom strudelnden Wasser davongetragen. In den Lüften begann es zu singen. Meisen und Spatzen übten zaghaft ihre lang verstummten Stimmen. Noch gehörte ihnen die Luft allein. Schwalben, Mauersegler waren noch fern, wie Kuckuck, Gartenrotschwanz oder Rotkelchen.
Auf den Straßen tanzten die Kinder, ließen bunte Bälle springen. Kreise wurden auf den Asphalt gemalt, es wurde gehüpft, zuerst mit einem Bein, danach mit beiden Füßen von Feld zu Feld. Gehopst, nannten sie es. Auch Seilspringen war angesagt. Die von Tag zu Tag höhersteigende Sonne weckte neue Lebensfreude.
Allein Lenz nahm das alles nicht wahr. Ihm ging es schlecht. Wer ihn als Jüngling gekannt, erinnerte sich seiner blaustrahlenden Augen. Leicht hätte man ihn für einen Albino gehalten, doch sein kastanienbraunes Haar machte diese Vermutung schnell zunichte. Was ihn von anderen Männern unterschied, wusste keiner zu benennen. Seine Arme waren im Gleichmaß gewachsen, die Hände zart gegliedert. Das linke Bein zog er leicht nach, was kaum einer bemerkte. Schmalbrüstig war er, manchmal auch dünnhäutig. Ein normaler Mann also?
Einzig sein Name bot Anlass zur Verballhornung. Getauft war er auf den Namen Lenz, doch alle, die ihm nahestanden, nannten ihn Frühling. Wer diese Abwandlung zuerst erdacht, wusste bald keiner mehr. Kaum einer sprach ihn noch mit seinem richtigen Namen an, der im Pass amtlich vermerkt stand, beglaubigt mit Stempel und Unterschrift.
Lenz störte es nicht, als Herr Frühling angeredet zu werden, hielt den angedichteten Namen für eine Metapher, die ihm keineswegs abwegig erschien. Eher treffend gewählt. Bezeichnete man nicht die Zeit nach der Schneeschmelze als erfrischende Gottesgabe, als Befreiung von einer Last, einer Zeit des Aufblühens, der Glorie des Aufbruchs. Warum sollte das nicht auf ihn zutreffen? Der Klang eines verfälschten Namens kann doch keinen in die Irre leiten, keinen wie Lenz, dachten alle, die ihn gut zu kennen glaubten. Was aber, wenn Unwägbarkeiten menschlicher Gefühle sich einmischen? Rationales an Irrealität scheitert?
Erst sehr viel später, nachdem geschehen war, was keiner zu erklären wusste, wurde die Frage laut, ob sie diesen Lenz, alias Frühling, wirklich gekannt hatten. Zeiten der Hexerei, des Beelzebub, in der Menschen aus der Bahn geworfen wurden, waren lange vorbei. Den Grund für sein plötzliches Ausufern wusste keiner zu erklären. Einer wie Lenz, so die einhellige Meinung, sei nicht so leicht umzuwerfen, schon gar nicht von einer scherzhaften Verdrehung seines Namens. Das Wort Frühling drücke doch Positives aus. Aufbauendes. Heiterklingendes. Das könne doch keinem schaden. Doch nach allem, was geschehen war, verwendeten sie nur noch seinem richtigen Namen, als würden sich ihre Lippen sträuben, zwei Silben zu formen, wenn eine genügt. Vergessen war die Zeit, in der sie ihn als friedlichen, liebreizenden Menschen gesehen hatten. Was Lenz getan, passte nicht zu seinem Wesen. Wieso er es tat? Weshalb? Warum? Keiner verstand sein Tun. Alle schüttelten ihre Köpfe. Erklärungsversuche wurden gestartet.
Ein Verdacht verhakte sich.
Könnte es sein, dieser Lenz habe einen Doppelgänger, tief in sich selbst. Nach außen sei er ein echter Frühling gewesen, das mochte jeder bestätigen. Doch tief in seinem Inneren müsse ein anderer leben. Allegorische Bilder wurden von den Launen eines Frühlings gemalt: Herrlicher Sonnenschein, plötzlich dunkle Wolken. Laue Lüfte, nächtlicher Frost. Aus Windstille erwächst orkanartiger Sturm. Sanfter Frühlingsregen mutiert zur Sintflut. Viel Gegensätzliches wurden aufgezählt. Ob Frühling die richtige Bezeichnung für Lenz gewesen sei, wurde plötzlich bezweifelt. Wetterwendig sei er manchmal gewesen, dieser verirrte Namenspatron. Wenn es allein der menschlichen Fantasie gelingt durch die Verbalhornung eines Namens jemand in die Irre zu leiten, wie viel mehr Verwirrung entsteht, wenn Gefühle hinzukommen.
Was Lenz getan, passte keineswegs zu seinem Wesen. Triste Gedanken zogen durch die Köpfe derer, die ihm nahestanden. In ihren Hirnen grummelte die Frage nach einem Doppelgänger. Einem inneren Zwilling. Konnte es das geben? War es möglich, dass tief in einem Körper ein anderer lebt? Das Sprichwort von den zwei Herzen, die in einer Brust schlagen, war schnell zitiert. Jeder wusste Geschichten zu erzählen.
Was aber war mit Lenz geschehen? An einem von Blitzen und Donnerschlägen erfüllten Tag sei Lenz durch die Stadt gelaufen, habe dabei laut geschrien.
Nein! habe er geschrien. Ihr verkennt mich! Keiner kennt mich wie ich wirklich bin! Hier bin ich! Hier! soll er getobt haben. Immer wieder habe er geschrien: Hier bin ich! Hier!
Zeiten der Pubertät hätte man solches Verhalten zurechnen können, das wusste jeder. In der Zeit der Reife waren Radikalität oder Wildheit nichts Außergewöhnliches. Bei Lenz lag diese Zeit aber weit zurück. Die Frage, ob er steckengeblieben sei in seiner Entwicklung, suchte nach Klärung. Durfte es so etwas geben? Menschen geben oft Rätsel auf. Auch sich selbst. Stand nicht einmal in der Zeitung, ein erwachsener Mann sei am späten Abend mitten in der Fernsehsendung aufgestanden, habe seiner Frau zugeraunt, er gehe schnell zum Automaten, wolle Zigaretten holen, sei aber nicht mehr zurückgekehrt, nicht in der gleichen Nacht und auch nicht an einem der folgenden Tage. Keiner wollte das glauben. Ungläubiges Kopfschütteln nur. Welche Sendung er wohl gesehen habe, wurde gerätselt. Ob diese modernen Bildmaschinen die Macht besäßen, Menschen aus der Bahn zu werfen, wurde gefragt.
War das bei Lenz ebenso? Weil man ihn aus Jux und Tollerei Frühling genannt hatte konnte doch kein Anlass sein, plötzlich laut schreiend durch die Straßen der Stadt zu rennen und Nein zu schreien. Nein! Hier bin ich! Immer wieder habe er diese Worte geschrien, immer wieder: Hier bin ich! Hier! Andere sagen sogar, sein Hemd sei blutverschmiert gewesen, die Klinge eines Stiletts, welches er wie zur Abwehr eines Angreifers nach vorn gerichtet trug, habe rot gefunkelt.
Wollte er jemanden töten? Wen? Einen Fremden? Sich selbst? Den Frühling? Oder den Lenz? Der Rätselberg wuchs, wurde höher und höher.
*
Einundzwanzig Tage verbrachte Lenz in der Psychiatrie. Die Fenster waren gesichert, die Tür verschlossen. Nach seiner Einlieferung ließ man ihn erst einmal allein, beobachtete aber sein Tun über mehrere Kameras. Unruhig lief Lenz von Wand zu Wand, spürte seine Beobachtung, begann nach dem Späher zu suchen. Weil seine Suche ohne Erfolg blieb, legte er sich, ohne sich zu entkleiden, aufs Bett, konnte aber nicht einschlafen.
Am anderen Morgen wurde ihm eine große Tasse Milchkaffee gebracht, dazu eine mit Erdbeermarmelade beschmierte Scheibe von dunklem Brot. Kaum hatte er aufgegessen, kam ein weißgekleideter Pfleger und forderte ihn auf, mit ihm zu gehen. Durch lange Gänge musste Lenz laufen, bis er vor einer Tür, über der in großen Buchstaben das Wort DIREKTOR prangte, stehenbleiben musste. Der Weißkittel verharrte, straffte seinen Oberkörper und wies Lenz an, einen Schritt zurückzutreten. Allen Anordnungen gehorchte Lenz, zeigte sich devot und beobachtete interessiert, was um ihn herum geschah.
Der Pfleger trat nahe an die aus schwerem Eichenholz gefertigte Tür, räusperte sich, atmete tief ein- und aus, klopfte danach zaghaft gegen das Holz und trat schnell wieder mehrere Schritte zurück.
Scheint großen Respekt zu haben vor dem Direktor, folgerte Lenz. Ein richtiger Paladin seines Herrn scheint er zu sein.
Weil kein Zuruf erfolgte, trat der Pfleger noch einmal näher an das eindrucksvolle Portal, legte sein Ohr ans Holz, wollte etwas hören, doch alles Horchen blieb ohne Erfolg. Unschlüssig trat er wieder einen Schritt zurück, strich mit der flachen Hand über seine gestriegelten Haare, betrachtete danach seine Handfläche, roch sogar daran; seine Unsicherheit war deutlich zu erkennen. Es dauerte bis der Mann erneut Mut fand, an die Tür zu klopfen, um danach schnell wieder zurückzutreten. Gespannt wartend schob er zuerst sein rechtes, danach sein linkes Ohr nach vorn, drehte sich dann aber schnell um, wollte sich vergewissern, ob der, den er vorzuführen hatte, noch da sei. Der strenge Blick des Pflegers zwang Lenz seine Schultern anzuheben, wie auch das Kinn. Zufrieden über den Anblick streckte auch der Pfleger seine Brust nach vorn, hob seinen Kopf, ging erneut zur Tür und wiederholte sein Klopfen. Wieder blieb die Antwort aus. Unschlüssig, was zu tun sei, inspizierte er Tür und Rahmen, ließ seinen Blick von unten nach oben laufen, als suche er ein verstecktes Zeichen, fand aber nichts. Den Kopf leicht hin und her bewegend wagte er dann einen vorsichtigen Griff zur Klinke, drückte sie nieder, öffnete zaghaft einen schmalen Spalt und steckte seinen Kopf ins Zimmer. Es dauerte, bis er ihn wieder zurückzog, sich umwandte und Lenz aufforderte:
„Setzen Sie sich dort auf den Stuhl, der Herr Direktor wird bald kommen.“
Gehorsam ging Lenz zum angebotenen Stuhl und setzte sich. Er spürte wie der Pfleger, der hinter ihm stehenblieb, von einem Fuß auf den anderen trat und durch lautstarkes Atmen seine Anwesenheit kundtat.
Er hat Anweisung, keinen Patienten in diesem Zimmer allein zu lassen, überlegte Lenz, lehnte sich zurück und kreuzte seine Hände vor der Brust. Der Atem des Pflegers wurde lauter.
Nach Minuten des Wartens wurde Lenz diese Sitzhaltung unbequem. Er nahm deshalb seine Arme von der Brust, ließ sie schlapp herunterhängen, pendelte mit ihnen hin und her, worauf die Stimme aus dem Hintergrund ihm zurief:
„Stillsitzen.“
Befehle waren Lenz zuwider. Er mochte sie nicht, sie drängten ihn Gegenteiliges zu tun. Kurz überlegte er, ob er aufstehen, zum Fenster gehen, den blühenden Apfelbaum betrachten, doch sein Aufpasser schien seine Gedanken zu erraten und fuhr ihn an.
„Sitzen bleiben.“
Brav legt Lenz seine Hände auf die Knie und begann seinerseits hörbar zu atmen. Gerade als es ihm gelang, seine Atmung dem Rhythmus des Pflegers anzupassen, trat der Direktor durch eine versteckt eingebaute Tür ins Zimmer und gab dem Aufpasser ein Zeichen.
Neugierig betrachtete Lenz den Direktor und zählte alle Merkmale, die ihm ins Auge stachen, auf: Älterer Mann, geht leicht gebückt, kahlgeschorener Schädel, Nickelbrille. Am Kinn trägt er einen langen weißen Bart.
Umständlich entledigte sich der Direktor seines Jacketts, entnahm aus dem eingebauten Schrank einen Bügel, drapierte sein Kleidungsstück darauf, drehte und wendete es, klopfte ein paar Staubkörner vom Rückenteil und hängte es dann weg. Bevor er die Schranktür schloss, warf er einen Blick in den eingebauten Spiegel, verschob sein Kinn zuerst nach rechts, danach nach links, drückte an verschiedenen Stellen in seinem Gesicht herum und strich zuletzt über den Bart.
Das war aber der Vorstellung noch nicht genug. Ohne einen Blick auf Lenz zu werfen, ging er zu einem Kleiderständer, nahm von dort einen weißen Kittel und versuchte hineinzuschlüpfen, wobei ihm das Finden der Armlöcher Schwierigkeiten bereitete. Lenz wäre gern aufgesprungen, wollte ihm helfen, doch allein die Beobachtung bereitete ihm großen Spaß. Endlich nahm der Direktor am Schreibtisch Platz, schob einige in der Mitte liegenden Akten zur Seite, ordnete die bereitliegenden Stifte nach ihrer Größe, den längsten legte er nach rechts, den kürzesten nach links. Nach all diesen Prozeduren atmete er erleichtert auf, schob seine Hände weit über den Tisch und blickte Lenz in die Augen.
„Sie sind …“ ein kurzer Blick auf das Deckblatt der vor ihm liegenden Akte war nötig, um den begonnenen Satz zu vollenden „… Herr Lenz. Mein Name ist Sommer. Doktor Sommer. Ich bin ihr behandelnder Arzt und hoffe, wir werden uns gut verstehen.“
Lenz hielt seine Hände weiter auf die Knie gedrückt und verharrte still.
„Herr Lenz. Wie geht es ihnen? Wir wollen ihnen helfen. Das kann ich aber nur, wenn Sie mit mir reden. Sie sind neu bei uns.“
Vorsichtig bewegte Lenz seinen Kopf, was den Psychiater erleichtert aufblicken ließ.
„Na, sehen Sie. Es ist schon viel besser, wenn Sie mich anschauen. Was geht ihnen so durch den Kopf? Was bewegt Sie? Sagen Sie es mir.“
Lenz atmete tief ein und wieder aus. Nach einer Weile des Verharrens wagte er eine Antwort.
„Was wollen Sie von mir? Ich wurde gewogen und vermessen. Mein Herzschlag kontrolliert, die Kraft meiner Lungen überprüft. Blutdruck, Körperwärme, alles ist ihnen bekannt. Selbst meine Ausscheidungen wurden untersucht. Was wollen Sie noch von mir? Wissen Sie, wie ich mir vorkomme? Wie ausgeschlachtet. Nackt und bloß.“
„Sie haben recht, Herr Lenz. Alle diese Untersuchungen mögen ihnen sonderbar erscheinen, aber die Ergebnisse sind wichtig für uns. Reine Routine. Jeder, der zu uns kommt, muss das über sich ergehen lassen. Diese Untersuchungen decken aber nur das ab, was ihren Körper betrifft. Gewisse Herzrhythmusstörungen haben wir erkannt, sonst scheint alles in Ordnung zu sein, so viel darf ich ihnen verraten.“
Interessiert schaute Lenz auf.
„Und? Was ist mit diesen Störungen meines Herzens? Was wollen Sie dagegen tun?“
„Um all das herauszufinden sind Sie hier. Uns geht es aber nicht nur um das Körperliche. Unser Aufgabengebiet ist es das Psychische zu erforschen. Ich vermute bei ihnen seelische Verwerfungen. Ihr inneres Gleichgewicht scheint gestört. Was belastet Sie? Um es laienhaft auszudrücken: Ich möchte wissen, wie es in ihnen ausschaut, in ihrer Seele.“
Erschrocken hob Lenz seine Hände, streckte sie abwehrend dem Arzt entgegen.
„Meine Seele? Sie wollen wissen, wie es in meiner Seele aussieht? Sind Sie Gott? Genauso führen Sie sich auf. Für mich sind Sie aber kein Gott. Über meinen Körper wissen Sie Bescheid, alles andere geht Sie nichts an.“
Über das Gesicht des Arztes zog ein leichtes Lächeln.
„Herr Lenz. Warum wollen Sie mir nicht sagen, was Sie bedrückt? Ich will ihnen helfen. Das geht aber nur, wenn Sie mit mir reden. Bitte geben Sie mir Einblick in ihre Psyche, in ihr Inneres. Erzählen Sie mir, was Sie bewegt. In ihrem Gesicht sehe ich wilde Gedanken, die sie quälen. Sprechen Sie sie aus, ihre Gedanken interessieren mich.“
Lenz blickte stumm vor sich hin.
„Vielleicht habe ich das zu allgemein formuliert“, fuhr der Direktor fort. „Sagen Sie mir einfach, was gerade in diesem Augenblick durch ihren Kopf kreist. Jetzt, in diesem Moment.“
Die Fragen garnierte der Arzt mit einem Lächeln, was Lenz verwirrte. In seiner Verunsicherung hob er seine Augen, blickte ins Gesicht des Direktors und antwortete mit zitternden Lippen.
„Wissen Sie, wie klein Sie sind?“
Zufrieden, den Patienten aus seinem Schweigen gerissen zu haben richtete sich der Arzt auf.
„So, so. Wie klein bin ich denn?“
Diese Rückfrage irritierte Lenz.
Er macht sich lustig über mich, schoss es durch seinen Kopf. Mit diesem Lächeln zerstört er meinen Vorsatz zu schweigen. Und plötzlich brach es aus Lenz heraus, eine Wortsuada rollte über den Tisch.
„Wie klein Sie sind? Ein Winzling sind sie. Winzig klein. Alle Menschen sind winzig. Nicht einmal die Größe eines Punkts kann ihre Kleinheit wiedergeben. Ihre Winzigkeit. Schauen Sie in den Nachthimmel, in einen unbewölkten. Was wir Sterne nennen, sind in Wirklichkeit Sonnen. Ferne Sonnen, die sich bewegen, durchs All rasen. Viele glauben, was sich am Nachthimmel bewege, seien allein Sonne und Mond, weil jeder sehen kann, wie sie von Ost nach West wandern. Sie allein bewegen sich, glauben die Menschen. Das ist falsch, oder nur zur Hälfte wahr. Die Erde dreht sich auch. Sie kreist um die Sonne, unsere Sonne mit ihren Planeten um den Mittelpunkt unserer Galaxie, ein Schwarzes Loch. Und noch viel mehr. Unsere Galaxie, die wir Milchstraße nennen, kreist um andere Galaxien. Millionen von Galaxien. Milliarden. Alles dreht sich. Kein Stillstand. Drehen, drehen, immerfort drehen. Wissen Sie nun, wie klein ein einzelner Mensch ist? Wie klein die Menschheit. Wie winzig Sie sind?“
Erschöpft hielt Lenz inne. So lange hatte er seit Wochen nicht mehr geredet. Der Arzt richtete sich aus seiner Sitzhaltung auf, griff nach seiner Brille, die er zu Beginn des Gesprächs abgelegt hatte und begann mit ihr zu spielen.
„Gut, Herr Lenz, sehr gut. Sie sind ein intelligenter Mensch. Ich freue mich, ihre Gedanken kennenzulernen.“
Lobhudeleien waren Lenz zuwider, sie schreckten ihn ab und forderten ihn geradezu heraus. Wie von einer Tarantel gestochen setzte er seine Rede fort.
„Das ist noch nicht alles. Kein Erdenbewohner darf verkennen, wie stark die Kräfte der Rotation an uns zehren, unsere Gedankenwelt beeinflussen. Wenn bei all diesen Drehungen die Erdachse um wenige Grad verschoben wird, löst das Riesenkräfte aus. Überwältigende Dimensionen verändern alles. Unser aller Leben. Allein die Tatsache, wie wir uns selbst sehen …“ betroffen hielt Lenz inne, hob und senkte seinen Kopf, als seien seine Gedanken steckengeblieben. Es dauerte, bis er weiterreden konnte. „… dabei weiß ich, wie weiträumig meine Worte auch sein mögen, ich selbst bin auch klein. Genau so klein wie sie. All das ist mir bewusst. Ihr Name mag größeren Wert besitzen, als der meine, doch das hat nichts zu sagen. Rein gar nichts. Ob Lenz, Frühling oder Sommer, eine Quadratwurzel ist daraus nicht zu ziehen. Ein Arzt sagte mir einmal, das menschliche Gehirn sei ein sehr diffiziles Gebilde, vergleichbar mit dem Weltraum. Unendlich viele Schaltstationen greifen ineinander. Galaxien des Zusammenspiels, inflammatorische Reflexe. Alles ist
