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Der beste Freund, den man sich vorstellen kann Leo und Ralph sind die besten Freunde, seit Ralph aus dem Weltall zu Leo kam. Mit ihm kann Leo alles machen, was ihm mit anderen schwerfällt. Aber jetzt, da Leo älter ist, denken seine Eltern, dass es an der Zeit ist, sich von Ralph zu verabschieden. Als die Familie in eine kleine Stadt auf dem Land umzieht, hoffen sie, dass Leo endlich einen richtigen Freund findet. Aber es ist schwer, jemanden wie Ralph zurückzulassen...
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Seitenzahl: 182
Veröffentlichungsjahr: 2025
Peter Carnavas
Deutsche Erstausgabe
© Atrium Verlag AG, Zürich, 2025
(Imprint Atrium Kinderbuch)
Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel Leo & Ralph bei University of Queensland Press, Queensland, Australien
Text & Illustrationen © Peter Carnavas 2024
Aus dem Englischen von Barbara König
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.
Alle Rechte vorbehalten. Der Verlag untersagt ohne ausdrückliche schriftliche Zustimmung die Nutzung dieses Werkes im Sinne des §44b UrhG für das Text- und Data-Mining.
ISBN978-3-03792-245-3
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Für meine Schwester Jo
Leo und Ralph lagen auf einer Decke im Garten und schauten in den Abendhimmel. Es war dunkel, aber nicht zu dunkel, denn das Leuchten der Straßenlaternen tauchte die Nachbarschaft in ein warmes, sanftes Licht. Nur einige besonders helle Sterne waren zu sehen.
»Hey, Ralph.« Leo hielt sich sein Teleskop vors Auge. In der Linse war ein Sprung. »Nach welchem Planeten sollen wir suchen?«
Sein Freund stieß einen Seufzer aus, und seine Stimme brummte leise, als er antwortete: »Flumpsel.«
Leo lächelte. Von allen Planeten, die sie sich ausgedacht hatten, war Flumpsel sein Lieblingsplanet. Dort lebten freundliche außerirdische Wesen, die Grumpsel. Sie hatten zwei Köpfe, einen glatten, birnenförmigen Körper, und sie sprachen rückwärts.
»Okay.« Leo richtete die gesprungene Linse wieder in den Himmel. »Stell dir vor, ein Grumpsel aus Flumpsel würde jetzt bei uns im Garten landen, was würdest du zu ihm sagen?«
Ralph lag ganz still da. Das Funkeln eines Sterns spiegelte sich in seinen Augen wider. »Ich würde sagen: Mitgebracht Süßigkeiten uns du hast?«
Leo ließ das Teleskop fallen und kugelte sich vor Lachen. Wenn Ralph Grumpselisch sprach, lachte er sich immer schlapp. Hunderte Male hatten sie schon gemeinsam auf dieser Decke gelegen und in den Himmel gestarrt. Von Planeten mit komischen Namen geträumt, sich die Wesen ausgemalt, die dort lebten, sich ihre Raumschiffe vorgestellt. Würde seine Mutter ihn nicht jeden Abend reinrufen, würde er wahrscheinlich die ganze Nacht draußen bleiben. Bis zum Morgengrauen, versunken in diesen weit entfernten Welten, von denen niemand sonst etwas wusste. Niemand – außer Ralph.
Sie schauten noch ein wenig länger zu den Sternen auf. Es wurde allmählich kühler, und in Leo veränderte sich etwas. Ein kaltes Gefühl breitete sich in seinem ganzen Körper aus, und ihm fiel wieder ein, was er am liebsten vergessen hätte. Leo wusste, dass Ralph und er das heute Abend zum letzten Mal machen würden. Das letzte Mal zusammen auf dieser Decke im Gras sitzen, das letzte Mal durch das Teleskop gucken und über Außerirdische reden. Morgen würde ein Lastwagen kommen und all die gepackten Kartons aus dem Wohnzimmer mitnehmen. Alle Möbel und alles aus der Garage. Dann würde Leo ins Auto steigen und wegfahren, um ganz von vorne anzufangen. An einem neuen Ort. An einer neuen Schule. Ein ganz neues Leben ohne seinen besten Freund.
Leo setzte sich in den Schneidersitz, das Kinn auf die Fäuste gestützt. Er konnte sich nicht vorstellen, irgendetwas ohne Ralph zu machen. Bevor sie sich kennengelernt hatten, war er sich wie ein Asteroid vorgekommen, der unbeholfen um die anderen Kinder kreiste und nicht wusste, was er tun sollte. Nachdem Ralph aufgetaucht war, machte ihm die Schule viel weniger Angst, die Erwachsenen hörten auf, sich Sorgen zu machen, und Leo hatte den Freund seiner Träume gefunden. Er wollte nicht, dass alles wieder wie damals war, vor allem nicht an einem Ort, wo er niemanden kannte.
Die Hintertür ging quietschend auf. Leo drehte sich nicht um, denn er wusste, dass es Mum war.
»Leo, mein Schatz. Zeit, ins Bett zu gehen.« Sie wartete, und es kam ihm so vor, als hätte sich das kalte Gefühl überall ausgebreitet. »Noch zwei Minuten, okay?«
»Okay, Mum.«
Die Tür schloss sich mit einem Klicken.
Ralph setzte sich auf. Seine Stimme war heiser. »Wenn jetzt eine Sternschnuppe über dich hinwegfliegen würde, was würdest du dir dann wünschen?«
»Ganz einfach«, sagte Leo. »Dass ich hierbleiben kann.«
Ralph schüttelte den Kopf. »Abgesehen davon.«
»Dass du mitkommst.«
»Und abgesehen davon.«
Leo sah zum dunklen Abendhimmel hoch und stellte sich vor, wie ein Raumschiff mit Außerirdischen herunterschwebte. Die blinkenden Lichter, das leise Rauschen, während das unbekannte Flugobjekt immer größer wurde. Dann quietschte die Hintertür wieder. Mum stand dort und wartete.
Leo wandte sich seinem Freund zu. Ralph saß zusammengekauert auf der Decke, seine Haare leuchteten mondgrau, und seine feuchten Augen glänzten in der Dunkelheit.
Und in diesem Moment fiel Leo nur ein einziger Wunsch ein.
»Noch einmal einen Freund wie dich zu finden.«
Dann umarmten sie sich lange. Niemand konnte einen so gut im Arm halten wie Ralph. Danach verabschiedeten sie sich so wie immer: rückwärts, wie die Grumpsel aus Flumpsel.
»Morgen bis.«
»Morgen bis.«
Aber das stimmte nicht, denn morgen würden sie sich nicht sehen. Doch sie brachten es einfach nicht übers Herz, sich anders voneinander zu verabschieden.
Leo ließ seinen Freund los und stapfte zum Haus. Bevor er hineinging, warf er das Teleskop in den Mülleimer neben der Treppe. Er würde es nicht mehr brauchen.
Als Leo fünf Jahre alt war, entdeckte er eines Tages einen weißen Luftballon am Himmel. Er flog über sein Haus hinweg und zitterte dabei wie ein Fahrrad, das unglaublich schnell fährt. Leo rannte durch den Garten, um den Ballon nicht aus den Augen zu verlieren, und fragte sich, woher er gekommen war. Der Luftballon zog ein langes Band hinter sich her. Bestimmt war er einer Geburtstagsparty entwischt und einem Kind aus den Händen geglitten. Er flog weiter, höher und höher, und schrumpfte zu einem kleinen weißen Punkt zusammen. Als er dann schließlich ganz im Himmel verschwand, fragte Leo sich nicht länger, wo er hergekommen war. Sondern wo er hinflog und wann er nicht mehr weiterfliegen würde.
Würde er überhaupt jemals anhalten? Der Gedanke kam ihm fast zu groß vor, um ihn zu begreifen.
Da er kleiner war als andere Kinder in seinem Alter, fühlten sich viele Sachen für ihn zu groß an. In der Schule konnten seine kurzen Beine nie mithalten, und er brauchte länger als andere, um die Treppe hochzusteigen. Ansonsten sah er aus wie ein ganz gewöhnlicher Junge – spitzes Kinn, Sommersprossen auf der Nase, blonder Haarschopf –, aber mit anderen Kindern konnte er trotzdem nie wirklich etwas anfangen.
Während die anderen Bagger und Schaufel durch den Sandkasten schoben, fragte er sich, wie viele Sandkörner wohl auf seiner Handfläche klebten. Seine Lehrerin musste ihre Fragen an ihn oft wiederholen, weil sein Blick zum Beispiel gerade auf das Netz einer Spinne in der Ecke des Klassenzimmers gerichtet war oder auf einen Regentropfen, der die Fensterscheibe runterglitt. Er sah Gesichter in Baumstämmen, machte sich Gedanken über das Leben eines Käfers, der auf dem Rücken lag, und verfolgte die abenteuerlichen Reisen der Ameisen, die ihre Schätze von einem Ende des Weges zum anderen trugen.
Sein Kopf war voller Fragen. Waren seine Schritte für die winzigen Käfer im Gras wie ein Erdbeben? Warum hieß der Apfel Apfel und der Kuchen Kuchen? Was wäre, wenn alle am Tag schliefen und in der Nacht wach wären?
Manchmal versuchte er seine Gedanken mit anderen Kindern zu teilen, aber er brauchte so lange dafür, dass sie ihn nicht verstanden.
»Wenn … Hunde, also, wenn sie sprechen könnten, äh, was würden sie …«
Warum drückte er seine Gedanken immer so komisch aus? Als wären seine Worte gerade erst aufgewacht und würden auf der Suche nacheinander durch die Gegend irren. Mum sagte, dass es in Ordnung sei, sich Zeit zu lassen. Und Dad fügte hinzu, Leo solle sich keine Sorgen machen, weil die Welt sowieso mal langsamer werden müsse. So oder so waren die anderen Kinder entweder verwirrt oder gelangweilt. Sie konnten weder mit der Größe seiner Gedanken etwas anfangen noch mit der Zeit, die er brauchte, um sie mit ihnen zu teilen, und bevor er überhaupt ausreden konnte, hatten sie ihm das Wort abgeschnitten oder gingen einfach weg.
Und so stand Leo immer öfter am Rand des Spielplatzes. Er behielt seine Gedanken zwar für sich, aber sie hörten nicht auf zu wachsen. So wie an jenem Tag, als er den Luftballon gesehen hatte. Nachdem er über seinen Garten davongeflogen war, grübelte er den ganzen Nachmittag darüber nach. Als er am Abend ins Bett ging, hatte er den weißen verschwindenden Punkt noch immer im Kopf. Also wartete er, bis seine Eltern seine kleine Schwester Peg ins Bett gebracht hatten, und fragte dann Mum danach. Sie war Lehrerin, und er mochte es, wie sie ihm Sachen erklärte.
»Wie lange wird er weiterfliegen?«
»Tja …« Sie zog die Decke über seine Schultern und strich sie über seiner Brust glatt. »Solange noch Luft drin ist. Noch sehr lange, wenn der Knoten fest genug ist.«
»Für immer?«
»Irgendwann fällt er runter.«
»Wo denn?«
»Irgendwo. Vielleicht bleibt er in den Ästen eines Baums hängen. Oder fällt bei jemandem in den Pool.«
»Was ist, wenn der Wind ihn höher weht?«
Mum legte sich einen Finger ans Kinn. Es war spitz wie seins, aber ihre Haare waren nicht blond, sondern braun wie Kakao. »Wenn er zu hoch fliegt, kommt er vielleicht einem Gänseschwarm in die Quere und platzt.«
»Aha.« Fast hätte er gelacht, aber sein Kopf war immer noch voller Fragen. Er wollte mehr über den Luftballon wissen und über den Himmel und wie groß der war. »Mum«, sagte er mit weit aufgerissenen Augen. »Wo hört das denn alles auf?«
Sie kniff ein Auge zusammen. »Wo hört was auf?«
»Der Himmel«, erwiderte er. »Wo hört der auf?«
Mit ihren Fingern fuhr sie durch sein Haar und legte ihre Hand auf seinen Hinterkopf. »Er hört nie auf, Leo. Er geht immer weiter.«
»Immer weiter?«
Sie streckte die Hand aus und öffnete den Vorhang an seinem Fenster gerade so weit, dass er ein Stück Sternenhimmel sehen konnte. »Über dem Himmel beginnt der Weltraum. Und der geht immer weiter. Und viel mehr wissen wir auch nicht.«
Diesmal musste er tatsächlich lachen. Der ganze Himmel – all dieser endlose Raum – war mit einem Mal in ihm drin, dehnte sich in ihm aus, und er hatte das Gefühl, gleich platzen zu müssen. So etwas Aufregendes hatte er noch nie gehört.
Von dem Tag an blickte Leo immer nach oben. Er dachte über die Farbe des Himmels nach und über das Kommen und Gehen der Sterne. Ihm fiel auf, dass sich die Position der Sonne veränderte und dass der Mond auch am Tag zu sehen war. Mum erklärte ihm eine Menge über den Himmel. Dad auch. Er war genauso sommersprossig wie Leo, aber da er den ganzen Tag in der Sonne Rasen mähte, hatten seine Arme und Beine die Farbe von Ahornsirup angenommen. Wenn er mal Zeit hatte, dann zeichnete er Tiere, und nachmittags, wenn er das Abendessen kochte oder Peg Geschichten vorlas, versuchte er Leos Fragen zu beantworten.
»Woraus ist die Sonne gemacht?«
»Aus Gas, mein Junge. Sie ist ein großer Gasball.«
»Wieso bleibt sie am Himmel? Kann sie runterfallen?«
»Ich glaube nicht. Das hat irgendwas mit der Schwerkraft zu tun.«
Die meisten Gedanken machte sich Leo über die Größe des Alls, über die unendliche Weite des Weltraums jenseits des blauen Himmels. Das Ganze kam ihm ganz und gar unmöglich vor. Doch je größer seine Neugier auf den dunklen Raum über ihm wurde, desto größer wurden auch seine Fragen – und umso kürzer wurden die Antworten.
»Wie viele Planeten gibt es?« Er saß auf der Küchenbank, während Dad an der Spüle Kartoffeln schälte. Am Küchentisch ließ Peg die Salz- und Pfefferstreuer hin und her traben, als wären sie Pferde.
»Na ja, es gibt acht«, sagte Dad. »Aber es waren mal neun. Pluto ist kein Planet mehr.«
»Was ist passiert?«
»Eigentlich nichts. Irgendjemand hat einfach gemerkt, dass er nicht groß genug für einen Planeten ist.«
Leo ließ seine kurzen Beine baumeln. »Das ist nicht fair.«
Dad nahm sich die nächste Kartoffel. »Aber es gibt wahrscheinlich noch viel mehr, von denen wir nur noch nichts wissen. In der Unendlichkeit des Universums. Nur weil wir etwas nicht sehen können, bedeutet das nicht, dass es nicht da ist.«
Leos Augen strahlten. Diese Vorstellung gefiel ihm. »Was glaubst du, wie viele Planeten es noch gibt?«
»Das weiß keiner. Vielleicht Millionen.«
Leo spürte wieder, wie sich der Himmel in ihm ausdehnte. Ihm schwirrte der Kopf, und seine Hände kribbelten. Unter Millionen konnte er sich nicht so viel vorstellen, aber er wusste, dass das eine ganze Menge war. »Wenn es Millionen von anderen Planeten gibt, dann muss es da noch andere Menschen geben.«
»Na ja, keine Menschen«, sagte Dad. »Etwas anderes vielleicht.«
»Was denn?«
»Na, Außerirdische, würde ich sagen.«
Leo wiederholte das Wort: »Außerirdische.«
Dad legte den Kartoffelschäler weg. Für einen Augenblick guckten sie beide schweigend aus dem Küchenfenster in den immer dunkler werdenden Himmel. Leo wusste nicht, was seinem Dad gerade durch den Kopf ging, aber seine eigenen Gedanken waren auf einmal so hell und klar wie der Abendstern. Irgendetwas anderes lebte dort draußen, und eines Tages würde er es kennenlernen. Denn nur weil wir etwas nicht sehen können, bedeutet das nicht, dass es nicht da ist.
Eines Abends hörte Leo, wie Mum und Dad sich im Wohnzimmer unterhielten. Er lag im Bett, aber seine Tür stand einen Spaltbreit offen. Der Fernseher warf verschwommenes blaues Licht an die Wand, während seine Eltern leise miteinander redeten.
»Weißt du, was er heute von mir wissen wollte?«, sagte Mum. »Er hat mich gefragt, ob ein Außerirdischer bei uns wohnen darf, sollte er in unserem Garten landen.«
»Was hast du gesagt?«
»Klar, wenn er Miete bezahlt und ab und zu für uns kocht.«
Sie lachten beide.
»Glaubst du … ich weiß nicht.« Mums Stimme wurde leise und ernst. »Dass wir uns Sorgen machen müssen?«
»Worüber?«
»Dass er sich so viele Gedanken über das Weltall macht.«
»Eine Menge Leute denken über das Weltall nach.«
»Aber er denkt über nichts anderes nach. Und ich mache mir Sorgen, dass er gar nicht mehr versucht, Freunde zu finden.«
Dad atmete langsam aus. »Die anderen Kinder geben ihm einfach keine Chance. Er versucht ja, mit ihnen zu reden, weißt du, aber seine Worte …«
Eine Weile war nichts zu hören. Nur das leise Murmeln des Fernsehers.
»All seine Ideen, all seine neugierigen Fragen«, sagte Mum. »Ich wünschte, er könnte sie mit jemandem teilen. Ich wünschte, er hätte einen Freund.«
Eine Zeit lang war noch das blaue Flackern des Fernsehers an der Wand zu sehen. Dann schalteten seine Eltern ihn aus, gingen ins Bett, und Leo lag im Dunkeln. Er konnte lange nicht einschlafen, weil er nicht wusste, wie er seiner Mum diesen Wunsch erfüllen sollte.
Am nächsten Morgen aß Leo sein Müsli auf und legte dann seine Malstifte auf den Tisch. Er schlug eine neue Seite in seinem Schmierheft auf und fing an zu malen. Ein rundliches zotteliges Geschöpf mit zehn Glotzaugen. Eine lange grüne, stachelige Gestalt mit Rädern statt Beinen. Eine flauschige Wolke mit ganz vielen Armen und einer großen spitzen Nase.
Dad stand neben ihm und sah ihm dabei zu. Er roch nach Sonnencreme und steckte sein dreckbraunes Mäh-Hemd in seine dreckbraunen Shorts.
Während Leo weitermalte, stellte er seinem Dad wieder Fragen. »Wie viele Meter mähst du denn jeden Tag?«
Dad lachte. »Nicht genug.«
»Macht es dir Spaß, Rasen zu mähen?«
»Irgendjemand muss es ja machen. Ich würde lieber das tun, was du machst. Zeichnen.«
Leo tauschte einen grünen Stift gegen einen blauen aus. »Warum malst du dann keine Bilder?«
Mum steckte ihren Kopf aus der Küche rein. »Wenn dein Dad den ganzen Tag zeichnen würde, dann müssten wir in einem Zelt leben.« Sie streckte Dad die Zunge raus.
Er hörte auf zu malen. »Warum würden wir dann in einem Zelt leben?«
»Keine Sorge, Leo. Mum macht nur Spaß.« Dad lehnte sich auf die Stuhllehne und betrachtete die krakeligen Außerirdischen. »Gibt es denn in der Schule jemanden, der sich auch fürs Weltall interessiert?«
Leo schüttelte den Kopf. Wenn er konzentriert malte, steckte er immer die Zunge in den Mundwinkel.
Mum tauchte mit einer Brotdose in der Hand auf. »Hast du denn mal gefragt?« Dann schlang sie die Arme um ihn. »Du weißt so viel über das Weltall. Irgendjemand in der Schule wird das doch bestimmt hören wollen.«
Leo kaute auf seinem Stift herum.
»Warum versuchst du es heute nicht mal?« Dad setzte sich einen Hut mit einer breiten Krempe auf den Kopf. »Zeig jemandem deine Bilder. Erzähl ein paar Sachen, die du weißt.« Er klopfte Leo auf den Rücken. »Es ist gut, einen Freund zu haben, mein Junge.«
Leo ließ den Kopf hängen. Er wusste, was passierte, wenn er versuchen würde, mit anderen Kindern zu reden. Seine Wörter würden schlafwandeln, und alle würden ihn entweder unterbrechen oder weggehen. Da war es einfacher, aus dem Fenster zu gucken, nach oben, und sich vorzustellen, dass ein Freund vom Himmel fallen würde.
Der Vorschultag fing auf der bunten Matte an. Leo saß am Rand hinter den anderen Kindern. Manche von ihnen zerrten an ihrer übergroßen Uniform, andere ließen sich nach hinten kippen und wälzten sich hin und her, weil sie nicht still sitzen konnten. Leo saß aufrecht da und versuchte geradeaus zu gucken, anstatt den Himmel vor den Fenstern zu betrachten. Mrs Lloyd erklärte ihnen eine Wetterkarte, sang ein Abc-Lied und las eine Geschichte von einem Schwein vor, das um die Welt segelte. Eine Geschichte über Außerirdische, die durch das Weltall reisen, wäre spannender gewesen.
Während der Spielzeit konnte jedes Kind das machen, wozu es Lust hatte. Es gab eine Ecke zum Verkleiden, ein Puppentheater und mehrere Eimer voller Bauklötze. Leo setzte sich an den Basteltisch, einen sechseckigen Tisch, auf dem Behälter voller Knöpfe, Perlen, Schrauben und Muttern, Pfeifenputzer, Pompons und Klebstoff standen. Er fing mit einem großen Styropor-Ball an und beklebte ihn mit glänzenden Perlen und Stickern. Dann fiel ihm ein, was seine Eltern am Morgen gesagt hatten, und er erinnerte sich an Mums Wunsch vom Abend davor.
Ein zierliches, dunkelhaariges Mädchen saß am anderen Ende vom Tisch. Er konnte sich nicht an ihren Namen erinnern.
»Hey. Guck mal, äh, mein Planet.«
Sie blickte nicht von dem Pfeifenputzer hoch, den sie gerade versuchte durchzuschneiden.
»Wusstest du, dass es …«
»Das ist kein Planet«, fuhr sie ihn an, ohne den Kopf zu heben. »Das ist eine Eiskugel, die ihre Waffel verloren hat.«
Am nächsten Tag verkleidete er sich. Er zog sich einen langen gestreiften Rock bis unter die Achselhöhlen, quetschte seine Füße in ein Paar Schwimmflossen und befestigte wackelige Antennen auf seinem Kopf. Neben ihm verkleidete sich ein anderer Junge. Er war nur ein wenig größer als Leo und hieß Henry. Oder Hugo. Oder vielleicht doch Henry.
»Henry«, sagte Leo. »Sehe ich aus wie ein …«
»Hä?« Henry hatte sich eine Mütze übers Gesicht gezogen und stieß eine der Verkleidungskisten um.
»Ein Außerirdischer.« Leo zeigte auf seine Antennen, obwohl Henry gar nichts sehen konnte. »Sie leben im Weltall, weißt du?«
Henry riss sich die Mütze vom Kopf und runzelte die Stirn. »Ich heiße James«, erwiderte er und ging weg.
Am Freitag setzte Leo sich an den Maltisch. Mit Wachsmalstiften malte er einen rundlichen lila Außerirdischen mit einem schiefen Lächeln und zeigte das Bild ein paar anderen Kindern. Ein Junge riss es ihm aus der Hand, starrte es an und malte dann einen Panzer in das Bild, dessen Waffen auf den Außerirdischen gerichtet waren.
Am Nachmittag versammelte sich die ganze Klasse wieder auf der bunten Matte. Leo war müde. Er legte sich hin und starrte auf ein paar Plastiksterne, die an der Decke befestigt waren. Mrs Lloyd sang wieder ein Lied und las wieder eine Geschichte vor, aber er lag einfach nur da und guckte nach oben. Kurz bevor sie nach Hause gehen konnten, verkündete Mrs Lloyd, wer sich heute ein Sternchen verdient hatte. Es war das Panzer-Kind.
Samstagmorgen-Geräusche schwirrten durch das Haus. Der Staubsauger brummte. Die Wäsche purzelte und schleuderte in der Waschmaschine. Musik vom Nachbarn gegenüber drang zum offenen Fenster herein. In der Küche rührte Leo in seinem Kakao und beobachtete, wie der Strudel in der Tasse schneller und wieder langsamer wurde. Hinter ihm am Tisch quetschte Peg Knete zu klumpigen Stücken.
Alle waren beschäftigt. Und das war auch gut so. Leo wollte nicht an die Vorschule denken, und Mum und Dad würden ihn hoffentlich auch mit weiteren Fragen in Ruhe lassen. Er setzte sich zu Peg an den Tisch, riss sich ein Stück Knete ab und rollte es zu einem Ball. Als die Knete rund und glatt war, formte er drei Augen, ein Paar Hörner und ein stacheliges Rückgrat.
»Ein Außerirdischer«, sagte Peg.
Er nickte. »Ja, genau, das ist ein … Gronk.«
Leo stellte ihn zur Seite und knetete weiter: ein würfelförmiges Geschöpf mit nur einem Auge, eine gelbe, unförmige Gestalt mit rosa Punkten, winzige runde Kreaturen, lange wabbelige Wesen und einen, der wie ein Mensch aussah, nur dass er zwei Köpfe hatte und ein extra Paar Arme.
Dann stand er auf und bewunderte sein Werk. Jeder Außerirdische war anders, aber freundlich sahen sie alle aus. Ein breites Lächeln, große Augen – die würden ihn bestimmt nicht unterbrechen oder einfach weggehen.
»Willst du sie behalten?«, fragte Peg. »Ich brauche nämlich noch mehr Knete.«
Daraufhin rannte Leo in sein Zimmer und holte die Polaroid-Kamera, die ihnen beiden gehörte. Er ging zurück in die Küche, stellte seine Außerirdischen in einer Reihe auf den Tisch und machte von jedem ein Foto. Als die Kamera das letzte Bild ausgespuckt hatte, zerquetschte er die Kreaturen nacheinander mit seiner Faust und gab Klumpen für Klumpen an Peg zurück. Dann holte er sich ein viereckiges Heftchen und klebte die Fotos darin ein. Unter jedes Bild schrieb er den Namen des Außerirdischen: Gronk. Flumps. Schnozzel. Määp.
Peg knetete immer noch. Sie formte schiefe Klumpen und reihte sie dann nebeneinander auf.
»Und wer sind die?«, fragte er.
Sie stellte noch eine weitere klumpige Figur dazu. »Die sind alle Freunde.«
Er blätterte durch die Seiten seines Albums mit den Außerirdischen und lächelte. »Meine auch.« Dann schrieb er Froinde vorne drauf.
