Les Misérables / Die Elenden - Victor Hugo - E-Book

Les Misérables / Die Elenden E-Book

Victor Hugo

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Beschreibung

"Die Elenden" ist ein monumentales Werk von Victor Hugo, das die Schicksale von unterprivilegierten Individuen im Frankreich des 19. Jahrhunderts ergründet. Der Roman vereint historische Dramatik mit psychologischer Tiefgründigkeit und sozialkritischen Einsichten, indem er die Lebenswege des ehemaligen Sträflings Jean Valjean, der nach einer existenziellen Flucht vor seinem düsteren Vergangenheit strebt, verfolgt. Hugo gelingt es, das Elend, die Hoffnung und die unzertrennliche Verbundenheit menschlichen Leidens durch eine fesselnde, erzählerische Struktur zu beleuchten, die reich an Metaphern und Symbolik ist. Die Thematik der Erlösung und des Kampfes gegen Ungerechtigkeit macht das Werk zeitlos und relevant. Victor Hugo, einer der bedeutendsten Schriftsteller des französischen 19. Jahrhunderts, war nicht nur ein literarisches Genie, sondern auch ein leidenschaftlicher Sozialreformer und politischer Aktivist. Seine persönlichen Erfahrungen mit Armut und Ungerechtigkeit prägten seine Weltanschauung und motivierten ihn, ein gesellschaftliches Anliegen über seine fiktiven Charaktere zum Ausdruck zu bringen. Diese Verschmelzung von literarischer Kreativität und sozialer Verantwortung ist der Schlüssel zur tiefen emotionalen Resonanz seines Werks. "Die Elenden" ist nicht nur ein literarisches Meisterwerk, sondern auch eine tiefgreifende Analyse der menschlichen Kondition. Es ist ein Buch, das Leser dazu anregt, über soziale Gerechtigkeit, Mitgefühl und die Möglichkeit der persönlichen Transformation nachzudenken. Jedes Kapitel fordert dazu auf, die eigene Empathie zu hinterfragen und sich für die Schwächsten in der Gesellschaft einzusetzen. Ein absolutes Muss für jeden, der sich mit den großen Fragen des Lebens auseinandersetzen möchte. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Victor Hugo

Les Misérables / Die Elenden

Bereicherte Ausgabe. Alle 5 Bände (Klassiker der Weltliteratur: Die beliebteste Liebesgeschichte und ein fesselnder politisch-ethischer Roman)
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Einführung, Studien und Kommentare von Sterling Hale
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547799245

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Les Misérables / Die Elenden
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Ein Mann, der einst ein Brot stahl, trägt eine Nation auf seinem Gewissen. In diesem Bild verdichtet sich die Bewegung von Les Misérables: das Ringen zwischen Gesetz und Gnade, zwischen gesellschaftlicher Härte und persönlicher Verwandlung. Victor Hugo legt die Hand an die wunden Punkte seiner Zeit und zeigt, wie Einzelschicksale die großen moralischen Fragen der Gesellschaft erhellen. Das Buch führt in Räume aus Dunkelheit und in Augenblicke plötzlicher Helligkeit, in denen Mitgefühl wie eine Laterne den Weg weist. Es verspricht nicht Trost ohne Preis, sondern eine Prüfung des Herzens, die zugleich Anklage, Vision und Einladung ist.

Als Klassiker gilt dieses Werk, weil es Maßstäbe setzt: in epischer Weite, moralischer Intensität und sprachlicher Bildkraft. Es verbindet ergreifende Figurenzeichnung mit gesellschaftlicher Analyse und zeigt, wie Literatur die Wirklichkeit nicht nur darstellt, sondern veränderbar denkt. Über Generationen wurde der Roman gelesen, diskutiert, adaptiert und zum Bezugspunkt für Autorinnen und Autoren, die den sozialen Roman weiterentwickelten. Seine Fragen nach Gerechtigkeit, Verantwortung und Hoffnung sind nicht an eine Epoche gebunden. Der Status als Klassiker ruht hier nicht nur auf historischem Ruhm, sondern auf der unverminderten Fähigkeit, Gewissen und Imagination anzusprechen.

In der Literaturgeschichte steht Les Misérables an der Schwelle zwischen Romantik und Realismus. Hugo verbindet emphatische Symbolik und große Gefühle mit detailgesättigter Darstellung von Straßen, Werkstätten, Gefängnissen und politischen Umbrüchen des 19. Jahrhunderts. So entsteht ein Panorama, das intime Lebensläufe und die Bewegung der Geschichte miteinander verschränkt. Der Roman erweitert die Möglichkeiten des Erzählens: Er wechselt zwischen rasanter Handlung, meditativen Exkursen und historischer Betrachtung. Diese Vielstimmigkeit prägte die Entwicklung des europäischen Gesellschaftsromans und schärfte das Bewusstsein dafür, dass Literatur Privates und Politisches nicht gegeneinander ausspielen, sondern produktiv aufeinander beziehen kann.

Der Autor, Victor Hugo (1802–1885), ist eine zentrale Gestalt der französischen und europäischen Literatur. Als Lyriker, Dramatiker und Romancier verband er künstlerische Vision und öffentliches Engagement. Er schrieb nicht aus Distanz, sondern aus der Überzeugung, dass Worte in die Welt hineinwirken. Les Misérables entstand aus dieser Haltung: Literatur als moralischer Appell, als Zeugnis und als Möglichkeit, Unterdrückten eine Stimme zu geben. Hugo war überzeugt, dass Elend kein Schicksal, sondern eine von Menschen gemachte Ordnung ist. Sein Name steht für ein Schreiben, das ästhetische Kühnheit und ethische Verantwortung zusammenschließt und damit weit über den nationalen Kontext hinausreicht.

Die Entstehung des Romans reicht in die 1840er Jahre zurück; vollendet wurde er während Hugos politischem Exil, und 1862 erschien er in mehreren Bänden. Diese Veröffentlichung war ein europäisches Ereignis: ein Buch, das in Zeitungen besprochen, in Lesekreisen erörtert und rasch in verschiedene Sprachen übertragen wurde. Der Publikationskontext zeigt, wie stark Literatur in öffentliche Debatten eingreifen kann. Zwischen politischer Auseinandersetzung und künstlerischem Anspruch steht ein Werk, das sich bewusst an ein breites Publikum wendet. Es verbindet die Sorgfalt eines lange gereiften Projekts mit der Dringlichkeit einer Stimme, die den sozialen Zustand ihrer Zeit nicht schweigend hinnehmen will.

Im Mittelpunkt steht ein ehemaliger Sträfling, der nach Jahren harter Haft Freiheit sucht und zugleich eine neue Moral entdeckt. Sein Versuch, als anständiger Mensch zu leben, gerät in Spannung zum unerbittlichen Blick eines Gesetzeshüters, der in Regeln die höchste Wahrheit erkennt. Entlang dieser Achse entfaltet sich ein Geflecht von Lebenswegen: eine Arbeiterin, deren Absturz das Gesicht des Elends enthüllt; ein Kind, das Schutz und Bildung findet; junge Menschen, die von politischer Erneuerung träumen. Stadtlandschaften, Provinzen und historische Erschütterungen bilden den Hintergrund. Der Roman bleibt nah bei seinen Figuren, ohne die gesellschaftlichen Kräfte aus dem Blick zu verlieren.

Die Themen des Buches sind zeitlos: Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, Schuld und Vergebung, Armut und Würde. Hugo stellt die Frage, wann das Gesetz human ist und wann es die Menschlichkeit verrät. Er erkundet Liebe in ihren Spielarten—als Fürsorge, als Rettung, als moralische Orientierung—und zeigt, wie Institutionen Menschen formen oder zerbrechen. Identität, Erinnerung und die Möglichkeit der Wandlung stehen ebenso im Zentrum wie die Erfahrung, dass private Entscheidungen politische Folgen haben. Dabei insistiert das Werk auf einer Hoffnung, die nicht naiv ist: Hoffnung als Arbeit am Menschen, als soziale Aufgabe, als Haltung, die die Wirklichkeit ernst nimmt.

Formal verbindet der Roman erzählerische Spannung mit reflektierenden Passagen. Historische Exkurse, etwa zu Schlachten, Klöstern oder den unterirdischen Adern der Stadt, weiten den Blick und verleihen dem Geschehen Tiefenschärfe. Wiederkehrende Motive—Licht und Schatten, Wege und Mauern, Lasten und Lampen—strukturieren die Erfahrung der Figuren. Die Sprache ist bildhaft, hymnisch und zugleich genau, wenn es um Armut, Arbeit und Gewalt geht. Diese Komposition erzeugt einen Rhythmus, der das Große im Kleinen und das Allgemeine im Besonderen sichtbar macht. Hugo vertraut darauf, dass Erkenntnis aus Anschauung wächst, und baut sein Buch als Labor für moralische Wahrnehmung.

Die Wirkung von Les Misérables reicht weit über seinen Entstehungskontext hinaus. Der Roman nährte den sozialen Impuls des Erzählens, lieferte Formen und Maßstäbe für epische Stoffe und prägte Generationsvorstellungen von Gerechtigkeit und Solidarität. Übersetzungen machten ihn weltweit zugänglich, und Adaptionen auf Bühne und Leinwand trugen das Panorama der Elenden in neue Medien und Zeiten. Viele Autorinnen und Autoren fanden in Hugos Mischung aus Empathie und historischer Weitsicht ein Modell, das Kunst und Verantwortung vereint. So steht der Roman am Ursprung eines Verständnisses von Literatur, das Veränderbarkeit nicht nur behauptet, sondern vorstellbar und verhandelbar macht.

Die zeitgenössische Aufnahme war leidenschaftlich: gefeiert wegen seiner Menschlichkeit und erzählerischen Kraft, kritisiert wegen seiner politischen Deutlichkeit und seines Umfangs. Gerade diese Spannbreite zeugt von seiner Relevanz. Das Buch überschritt Milieugrenzen, erreichte Lesende mit unterschiedlichen Erwartungen und trug Debatten über Strafe, Arbeit, Bildung und soziale Fürsorge in die Öffentlichkeit. Sein Erfolg beruht nicht nur auf Spannung und Sentiment, sondern auf der Erfahrung, dass Literatur eine gemeinsame Sprache für Konflikte anbietet, die die Gesellschaft spalten. In dieser öffentlichen Resonanz zeigt sich die klassische Qualität: die Fähigkeit, eine Epoche zu befragen und zugleich zu übersteigen.

Heute spricht Les Misérables in neuen Kontexten: Fragen nach Ungleichheit, Recht und Resozialisierung, nach Zugang zu Bildung und nach der Würde von Arbeit sind weiterhin dringlich. Die Geschichte eines Menschen, der in einer feindlichen Ordnung Menschlichkeit behauptet, berührt Diskussionen über soziale Sicherung, Strafrecht und gesellschaftliche Teilhabe. Der Roman lädt dazu ein, die Perspektive zu wechseln, Strukturen zu erkennen und Verantwortung nicht abstrakt, sondern konkret zu verstehen. Er erinnert daran, dass Empathie kein Luxus ist, sondern eine Form der Erkenntnis. Darin liegt seine Gegenwartsnähe: in der Verbindung von erzählerischer Intensität und moralischer Aufmerksamkeit.

Dieses Buch bleibt fesselnd, weil es die großen Themen—Gerechtigkeit, Liebe, Freiheit—mit greifbaren Leben verbindet und dabei weder die Härte der Welt noch die Möglichkeit des Wandels verschweigt. Es ist ein Werk über Verletzlichkeit und Stärke, über Verfehlung und Neubeginn, über die Kräfte, die Menschen niederdrücken, und jene, die sie aufrichten. Les Misérables ist klassische Literatur, weil es fortwährend zu lesen und neu zu denken ist: ein Kompass für Mitgefühl, ein Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse, ein Feld der Hoffnung. Wer sich darauf einlässt, findet keine einfache Lektion, sondern einen langen Atem, der trägt.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Das Werk spielt im Frankreich des frfchen 19. Jahrhunderts, gepre4gt von politischem Umbruch, Armut und rigider Strafjustiz. Es erf6ffnet mit dem Portre4t eines barmherzigen Bischofs, dessen bedingungslose Hilfsbereitschaft Madfste4be setzt. Seine Haltung zu Schuld und Vergebung bildet den moralischen Rahmen der Erze4hlung. Auf dieser Bfchne entfaltet der Roman Schicksale, die sich an der Grenze zwischen Gesetz und Mitgeffchl bewegen. Die Gesellschaft erscheint als Geflecht aus Institutionen, Zwe4ngen und Chancen zur Menschlichkeit. Von Beginn an steht die Frage im Raum, ob ein einzelner Mensch seine Vergangenheit fcberwinden kann. Die Handlung folgt Figuren, deren Wege sich kreuzen und gegenseitig pre4gen.

Im Zentrum steht Jean Valjean, ein ehemaliger Stre4fling, der wegen eines geringffcgigen Diebstahls jahrelang Zwangsarbeit leisten musste. Gezeichnet von Haft und Stigmatisierung, findet er nach der Entlassung kaum Aufnahme. Eine Begegnung mit dem Bischof stellt seine Verbitterung in Frage und le4sst die Mf6glichkeit eines neuen Anfangs aufscheinen. Valjean ringt innerlich mit seiner Vergangenheit und fasst den Entschluss, nfctzlich zu sein. Unter neuer Identite4t bemfcht er sich um ein rechtschaffenes Leben und baut sich bescheidenen Wohlstand auf. Doch die Ordnung bleibt misstrauisch: Ein pflichtstrenger Polizeibeamter, Javert, nimmt seine Spur auf und verkf6rpert die unbeugsame Anwendung des Gesetzes.

Parallel dazu entfaltet sich das Schicksal Fantines, einer jungen Arbeiterin, die von ihrem Partner verlassen wird. Um Arbeit zu finden, vertraut sie ihre Tochter Cosette einer Wirtfamilie an, die Schutz verspricht, aber zunehmend ausbeutet. In einer aufstrebenden Kleinstadt gibt ein tatkre4ftiger Unternehmer vielen Menschen Besche4ftigung; Fantine ze4hlt zu den Bedfcrftigen, deren Lage dennoch preke4r bleibt. Gerfcchte, Willkfcr und soziale He4rte treiben sie Schritt ffcr Schritt an den Rand. Ihre Entscheidung, um jeden Preis ffcr das Kind zu sorgen, ffchrt zu schmerzhaften Kompromissen. We4hrenddessen verdichten sich Verdacht und Kontrolle, und die Wege der Figuren rfccken unaufhaltsam ne4her zusammen.

Ein Vorfall bringt die angespannte Balance zum Kippen: In einem Prozess soll ein Unbekannter als entlaufener Stre4fling verurteilt werden. Die Situation zwingt Valjean, zwischen seinem Schutz und der Wahrheit zu we4hlen. Sein Ringen um Integrite4t hat Folgen ffcr alle Beteiligten, besonders ffcr Fantine, deren Gesundheit unter Druck und Entbehrung leidet. Javert versche4rft die Verfolgung und deutet jeden Schritt als Beweis. Der Roman konzentriert sich auf die Spannweite zwischen Recht und Gerechtigkeit, auf den Mut, Verantwortung zu fcbernehmen, und auf die Mf6glichkeit, durch Handeln ein anderes Leben zu ermf6glichen. Die Entscheidung erf6ffnet eine neue, riskante Phase der Handlung.

Nach einschneidenden Ereignissen ffchrt der Weg nach Paris. Valjean entdeckt die wahren Lebensumste4nde der kleinen Cosette, die bei der Wirtfamilie zu harter Arbeit gezwungen wird. Er greift ein und nimmt das Kind an seine Seite. Gemeinsam suchen sie Zuflucht und finden schliedflich hinter Klostermauern eine Art stillen Hafen. Dort erhalten Ffcrsorge, Bildung und Routine erstmals Raum. Doch Sicherheit bleibt relativ: Die Audfenwelt, verkf6rpert durch Behf6rden und alte Feindschaften, fragt nicht nach Wandlung. Valjean lebt fortan vorsichtig, stets auf der Hut, und richtet sein Leben darauf aus, dem Me4dchen eine Zukunft zu erf6ffnen, fern von Demfctigung und Not.

In Paris weitet der Roman den Blick auf eine junge Generation. Marius, ein ernsthafter Student aus bfcrgerlichem Haus, ringt mit seiner Herkunft und der Erinnerung an einen Vater, dessen politisches Erbe umstritten ist. Er entfernt sich von der konservativen Familie und ne4hert sich Kreisen engagierter Freunde, die fcber Freiheit, Armut und Reform sprechen. Auf Spazierge4ngen begegnet er einer jungen Frau, deren schlichte Anmut ihn nachhaltig bewegt. Ohne Namen, ohne Worte entsteht eine stille Obsession. Gleichzeitig tauchen Gestalten aus frfcheren Kapiteln wieder auf und verweben das Netz der Beziehungen in der Grodfstadt, zwischen Salons, Gassen und provisorischen Zufluchten.

Eine zarte Liebesgeschichte entfaltet sich abseits der grodfen d6ffentlichkeit, getragen von zufe4lligen Begegnungen, Blicken und heimlichen Briefen. Der Mann sucht Ne4he, das Me4dchen we4chst behfctet, doch unter der wachsamen Ffcrsorge eines c4lteren, der Gefahren wittert. Eine Bande aus der Vergangenheit plant einen dcbergriff, bei dem Habgier und Rachsucht zusammentreffen. Unverhoffte Loyalite4t durchkreuzt die Ple4ne, bleibt jedoch ohne laute Belohnung. Gleichzeitig heizt ein politischer Funke die Stadt an: Missste4nde, Arbeitslosigkeit und Trauer bfcndeln sich zu Unruhe. Die Figuren erkennen, dass private Wfcnsche nicht vom f6ffentlichen Geschehen zu trennen sind, und bereiten Entscheidungen vor, die ihr Leben vere4ndern kf6nnten.

Die Spannungen entladen sich in den Stradfen. Junge Idealisten errichten Barrikaden, um ihre Forderungen nach Wfcrde und Mitbestimmung hf6rbar zu machen. Marius gere4t in den Strudel der Ereignisse, hin- und hergerissen zwischen persf6nlicher Hoffnung und politischer Verantwortung. Polizeikre4fte und Spitzel sind pre4sent; Javert verfolgt seine Pflicht mit wachsender Sche4rfe. Valjean ne4hert sich dem Kampfplatz auf seine Weise, motiviert von einem stillen Versprechen. Inmitten von Le4rm und Gefahr werden Mutproben, Gewissensentscheidungen und Gesten uneigennfctziger Hilfe sichtbar. Der Roman zeigt hier den Preis idealistischer Entwfcrfe, ohne einfache Antworten zu geben, und le4sst die Folgen bewusst offen.

Nach dem Aufruhr mfcssen die dcberlebenden ihre Entscheidungen tragen. Verborgenes wird ausgesprochen, Beziehungen vere4ndern sich, und die Trennlinien zwischen Recht, Pflicht und Liebe geraten in Bewegung. Biografien, die lange von Armut, Schuld und Stigma bestimmt waren, erhalten eine letzte Chance, sich zu erkle4ren. Der Text bfcndelt seine Motive zu einer Aussage fcber die Kraft der Barmherzigkeit und die Grenzen des Strafens. Er stellt die Frage, was Gerechtigkeit im Angesicht von Not bedeutet, und wie Solidarite4t Strukturen herausfordert. Ohne endgfcltige Urteile zu fe4llen, entwirft der Roman ein Bild menschlicher Wfcrde, das fcber die Einzelschicksale hinausweist.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Die Handlung von Les Misérables spielt überwiegend in Frankreich zwischen 1815 und 1833, also von den letzten Tagen des napoleonischen Zeitalters über die Bourbonen-Restauration bis in die frühe Julimonarchie. Zentral ist Paris als politisches und soziales Epizentrum, flankiert von Provinzräumen wie Digne, Montreuil-sur-Mer und Montfermeil. Das Werk spiegelt die Spannungen eines Landes, das nach Revolution und Imperium nach Ordnung sucht, dabei aber Armut, Kriminalisierung der Bedürftigen und politische Repression duldet. Gefängnisse, Zwangsarbeitsanstalten und die verwahrlosten Quartiere der Hauptstadt bilden die Bühne, auf der Fragen von Recht, Gnade und sozialer Gerechtigkeit historisch konkret verhandelt werden.

Paris erscheint als dicht bebaute, noch mittelalterlich gegliederte Metropole mit engen Gassen, Märkten und Vorstädten, deren Bevölkerung zwischen 1815 und 1832 von etwa 700.000 auf über 800.000 anwächst. Werkstätten, frühe Fabriken und überfüllte Mietshäuser prägen die Lebenswelt, ebenso die Präsenz der städtischen Polizei und Nationalgarde. Orte wie das Cloître Saint-Merry, die Rue de la Chanvrerie oder die Faubourgs Saint-Antoine und Saint-Martin werden zu Brennpunkten sozialer Spannung. Unter der Oberfläche liegt ein ausgedehntes Kanalisationsnetz, teils kartiert seit der napoleonischen Zeit, das im Roman als Flucht- und Grenzraum zwischen Legalität und Verbrechen eine reale topographische Grundlage besitzt.

Die Schlacht von Waterloo am 18. Juni 1815, südlich von Brüssel bei Mont-Saint-Jean, beendete Napoleons Herrschaft. Die alliierten Truppen unter Wellington und Blücher fügten Frankreich schwere Verluste zu; Napoleon dankte ab, und die Bourbonen kehrten zurück. Waterloo wurde zum Symbol für das Ende revolutionär-imperialer Hoffnungen und für den Beginn einer konservativen Neuordnung Europas. Hugo widmet der Schlacht einen berühmt-umfangreichen Exkurs: Er verwebt strategische Fakten, Legenden und moralische Reflexionen und lässt Nebenfiguren wie Thénardier im Schatten des Schlachtfelds handeln, um die Ambivalenz zwischen Heldentum, Plünderung und persönlichem Schicksal historisch greifbar zu machen.

Die Bourbonen-Restauration (1814/15–1830) unter Ludwig XVIII. und Karl X. etablierte eine konstitutionelle Monarchie, die mit der Charte von 1814 bürgerliche Errungenschaften formell anerkannte, zugleich aber alte Eliten begünstigte. Nach 1815 kam es zu Repressionen gegen Bonapartisten und Republikaner (sogenannter Weißer Terror), zur Stärkung der Kirche und zur Verschärfung der politischen Überwachung. Arbeits- und Wanderregime wie das livret ouvrier banden Arbeiter an Arbeitgeber. Im Roman spiegelt sich diese Ordnung in Jean Valjeans Stigmatisierung durch den "gelben Pass" und in der allgegenwärtigen Autorität der Polizei, die soziale Not als Sicherheitsproblem behandelt und individuelle Resozialisierung behindert.

Das französische Strafsystem der frühen 1800er Jahre beruhte auf dem Code pénal von 1810. Zwangsarbeitsanstalten (bagnes) in Toulon, Brest und Rochefort ersetzten die Galeren; Kettensträflinge verrichteten harte Arbeit in Häfen und Werften. Gebrandmarkt durch lebenslange Stigmata und Überwachung (z. B. Passpflicht), scheiterten Entlassene häufig an Rückkehr in die Gesellschaft. 1832 führte eine Reform mildernde Umstände in das Strafrecht ein, doch die Praxis blieb hart. Hugo verarbeitet dies in Valjeans Biografie: Die Strafverlängerungen wegen Fluchtversuchen, die Degradierung zum "Gefährlichen" und die unnachgiebige Verfolgung durch Javert spiegeln institutionalisierte Härte und das Scheitern reiner Abschreckungspolitik.

Frühe Industrialisierung und Protofabriksysteme prägten Nord- und Ostfrankreich seit den 1810er/20er Jahren: Textilien, Metallwaren und chemische Produkte wurden in wachsenden Betrieben gefertigt. Das livret ouvrier (1803) regulierte Arbeitswechsel, Frauen- und Kinderarbeit war verbreitet, Löhne niedrig und Krisen häufig. Kommunale Armutskassen entlasteten nur punktuell. Hugos Montreuil-sur-Mer veranschaulicht eine aufstrebende Kleinstadtökonomie mit paternalistischer Firmenführung, die Wohlstand verspricht und Abhängigkeiten schafft. Fantines Entlassung aufgrund moralischer Stigmatisierung, der Absturz in Verelendung und Prostitution, sowie die Ausbeutung von Kindern zeigen, wie eng Arbeitsmarkt, Sittenregime und soziale Unsicherheit historisch tatsächlich miteinander verknüpft waren.

Nach dem Konkordat von 1801 spielte die Kirche wieder eine zentrale Rolle in Wohlfahrt und Moralpolitik. Bureaux de bienfaisance, Hospize und Ordensgemeinschaften linder-ten Not, während der Staat begrenzte Mittel bereitstellte. Der reale Bischof von Digne, Mgr. Miollis (1753–1843), bekannt für seine Mildtätigkeit, diente als Vorbild für Hugos Bischof Myriel. In einer Zeit schwacher sozialstaatlicher Strukturen werden kirchliche Akteure zu entscheidenden Instanzen der Armenhilfe. Der Roman verknüpft diese historische Konstellation mit einer Kritik an systemischer Armut: Die Barmherzigkeit einzelner kann temporär retten, ersetzt jedoch keine strukturellen Reformen von Justiz, Arbeit und Bildung.

Die Pariser Polizeipräfektur (seit 1800) und die Sûreté (1812, mit Vidocq verbunden) professionalisierten Fahndung, Spitzelwesen und Aktenführung. Unter der Restauration und der Julimonarchie wurden oppositionelle Kreise überwacht, Presse verstärkt zensiert und städtische Unterschichten kontrolliert. Gefängnisse wie La Force, die Conciergerie, Bicêtre und die Salpêtrière strukturierten den Strafvollzug. Javert verkörpert diesen Sicherheitsapparat: sein Glaube an Register, Identitätspapiere und Unfehlbarkeit von Ordnung spiegelt eine bürokratisch-legalistische Kultur. Hugos Handlung nutzt reale Praktiken verdeckter Ermittlungen, Polizeikarten und Personenbeschreibungen, um das Spannungsfeld zwischen öffentlicher Sicherheit und individueller Gerechtigkeit historisch präzise auszuleuchten.

Die Julirevolution vom 27.–29. Juli 1830 stürzte Karl X., nachdem die Ordonnanzen von Saint-Cloud (25. Juli) Pressefreiheit und Wahlrecht beschnitten. Louis-Philippe bestieg als "König der Franzosen" den Thron; die Trikolore kehrte zurück, doch das Zensuswahlrecht blieb eng. Politisch entstand ein breites, aber gemäßigtes Bürgertum, während Republikaner enttäuscht wurden. 1833 verpflichtete das Guizot-Gesetz jede Gemeinde zur Einrichtung einer Knabengrundschule, ein wichtiger, wenn auch unvollständiger Schritt gegen Bildungsarmut. Im Roman bildet diese Phase die Kulisse für die Radikalisierung junger Idealisten, deren Hoffnungen auf soziale Teilhabe und politische Republik durch halbe Reformen genährt und zugleich frustriert werden.

Republikanische und studentische Netzwerke wie die Société des Amis du Peuple (1830) und die Société des Droits de l’Homme (1832) organisierten Versammlungen, Flugschriften und Barrikadenpraxis. Zentren waren das Quartier Latin, Druckereien und Kaffeehäuser; Zeitungen wie Le National artikulierten Oppositionspositionen. Prozesse gegen Aktivisten und Vereinsauflösungen waren häufig. Hugos fiktive Amis de l’ABC spiegeln Zusammensetzung und Ethos dieser Kreise: juristisch gebildete, technisch versierte, rhetorisch starke junge Männer, die in der Stadt-Topographie Barrikaden errichten. Der Roman verdichtet reale Namen und Strategien zu Symbolgestalten, die die ideelle und organisatorische Infrastruktur des republikanischen Milieus der frühen 1830er Jahre vergegenwärtigen.

Die Junierhebung 1832 wurzelt in sozialen und politischen Spannungen der frühen Julimonarchie: Wirtschaftskrisen, steigende Lebensmittelpreise, prekäre Arbeit und das Empfinden, die Revolution von 1830 sei verraten worden. General Jean Maximilien Lamarque (1766–1832), populärer Napoleon-Veteran und Oppositionsabgeordneter, der für nationale Ehre und soziale Anliegen eintrat, starb am 1. Juni 1832 an der Cholera. Sein Begräbnis wurde von republikanischen Gesellschaften als Massenkundgebung geplant. In dieser Konstellation mischten sich Trauer, politische Symbolik und organisatorische Vorbereitung zu einem explosiven Moment, der das Pariser Zentrum an den Rand eines Aufstands und die Sicherheitskräfte in hohe Alarmbereitschaft versetzte.

Am 5. Juni 1832 bewegte sich der Trauerzug für Lamarque von den Invalides Richtung Bastille; rote Fahnen und Rufe nach Republik markierten die Eskalation. Schüsse fielen, Barrikaden schossen über Nacht in engen Gassen hoch, besonders um das Cloître Saint-Merry, die Rue Saint-Martin und die Rue Saint-Denis. Die Nationalgarde, die städtische Garde und Linientruppen umzingelten die Quartiere; am 6. Juni wurden die Stellungen systematisch zurückerobert. Mehrere hundert Menschen wurden getötet oder verwundet, zahlreiche Verhaftungen folgten. Hugos Schauplatz der Rue de la Chanvrerie, der geschlossene, geometrisch berechenbare Knoten von Barrikaden, entspricht realen Taktiken urbaner Kleingruppen gegen zahlenmäßig überlegene Kräfte.

Die Niederschlagung der Junierhebung 1832 führte zu Prozessen, Vereinsverboten und verstärkter Überwachung. Für die republikanische Bewegung wurde das Ereignis jedoch zum Märtyrer- und Erinnerungsort, der spätere Aufstandsversuche (1834, 1839) ideell nährte. Im Roman wird dieses Trauma als Prüfung von Mut, Solidarität und Opferbereitschaft erzählt: Enjolras’ Unbeugsamkeit, Gavroches Tod und Marius’ Verwundung verknüpfen individuelle Schicksale mit kollektiver Niederlage. Hugo, der in Paris lebte und zeitgenössische Berichte kannte, verarbeitet die Erhebung als historische Zäsur, in der soziale Frage und Staatsgewalt frontal aufeinandertreffen und in der sich Legitimität jenseits bloßer Legalität bemisst.

Die Choleraepidemie von 1832 traf Paris besonders hart: Seit März verbreitete sich die Krankheit rasch; in der Hauptstadt starben binnen Monaten zehntausende, landesweit über 100.000 Menschen. Gerüchte über Brunnenvergiftungen führten zu Angriffen auf Ärzte und Behörden, sozialer Unmut verschmolz mit politischen Spannungen. General Lamarques Tod wurde so zum politisch-symbolischen Katalysator. Der Roman evoziert diese Atmosphäre aus Angst, Misstrauen und Ungleichheit: Die Krankheit offenbart die Verwundbarkeit der Armenquartiere, in denen beengte Wohnverhältnisse, schlechte sanitäre Bedingungen und mangelnde Versorgung die Sterblichkeit erhöhten und staatliche Ordnungspolitik als unzureichend entlarvten.

Die städtische Infrastruktur prägte Handlung und Geschichte. Ingenieur Bruneseau kartierte 1805–1812 das Pariser Kanalisationsnetz, das unter der Julimonarchie erweitert, aber erst unter Haussmann (ab 1853) grundlegend modernisiert wurde. Vor Haussmann dominierten verwinkelte Gassen, Sackgassen und dichte Bebauung, die Barrikaden begünstigten. Gleichzeitig boten die Abwasserkanäle einen realen, gefährlichen Rückzugsraum. Hugos ausführliche Schilderungen der Kanalisation stützen sich auf tatsächliche Topographie und Technik und verbinden Urbanistik mit Moral: Valjeans Flucht mit Marius durch die Abwässer stellt den symbolischen Abstieg in die soziale Unterwelt dar, die das Paris dieser Jahrzehnte materiell und seelisch unterspült.

Als gesellschaftliche Kritik attackiert das Buch die Kluft zwischen Gesetz und Gerechtigkeit. Es entlarvt ein Strafsystem, das Armut kriminalisiert, Resozialisierung verhindert und den öffentlichen Frieden über das Wohl der Schwächsten stellt. Die Darstellung prekärer Arbeit, weiblicher Verwundbarkeit und Kinderarmut zeigt strukturelle Defizite von Fürsorge und Arbeitsregimen. Zugleich thematisiert das Werk die moralische Ambivalenz staatlicher Autorität: Barmherzigkeit einzelner kann Unrecht lindern, doch ohne rechtliche Reformen – mildernde Umstände, Bildung, sanitäre Verbesserungen – bleibt Hilfe episodisch. Der Roman fordert implizit einen Rechtsstaat, der soziale Ursachen adressiert und nicht nur Symptome verwaltet.

Politisch richtet sich die Kritik gegen die Selbstzufriedenheit der Julimonarchie, die nach 1830 Freiheiten versprach, aber soziale Forderungen vertagte. Die Junierhebung 1832 erscheint als Symptom unerledigter Republikanisierung: begrenztes Wahlrecht, repressive Polizeipraxis und ausbleibende Armutsbekämpfung. Indem das Werk die Barrikade als moralischen Prüfstein zeichnet, legitimiert es nicht Gewalt, wohl aber das Recht, gegen strukturelle Ungerechtigkeit aufzustehen. Es macht sichtbar, wie städtische Topographie, Krankheit, Armut und Ideenkämpfe reale Menschenleben formen. So wird Les Misérables zum politischen Dokument seiner Zeit, das soziale Reform, Bildung und menschenwürdige Institutionen einfordert.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Victor Hugo (1802–1885) gilt als Leitfigur der europäischen Romantik und als einer der prägenden Autoren der französischen Literatur. Sein Werk umfasst Lyrik, Dramen und Romane von außergewöhnlicher Spannweite; zu den bekanntesten zählen Notre-Dame de Paris und Les Misérables, neben Bühnenstücken wie Hernani und Ruy Blas sowie Gedichtzyklen wie Les Contemplations und La Légende des siècles. Hugo verband kühne poetische Formen mit moralischem Ernst und politischem Engagement. Durch künstlerische Innovation und humanistische Dringlichkeit prägte er Literatur, Theater und gesellschaftliche Debatten seiner Zeit und darüber hinaus. Sein Name steht für ästhetischen Aufbruch, soziale Empathie und die Behauptung der Freiheit gegen Willkür.

Bildung und literarische Einflüsse

Aufgewachsen in Frankreichs wechselvollen politischen Verhältnissen, erhielt Hugo in Paris eine anspruchsvolle, humanistisch geprägte Schulbildung. Er zeigte früh dichterisches Talent, veröffentlichte erste Verse und fand rasch Beachtung in literarischen Zirkeln. Genaue Studien in klassischen Sprach- und Dichttraditionen schärften sein Gefühl für Metrik und Rhetorik, zugleich weckten zeitgenössische Strömungen der Romantik seine Neigung zur Regelüberschreitung. Regelmäßige Lektüre antiker Autoren, französischer Klassik und Bibel verband sich mit der Bewunderung für Chateaubriand, dessen majestätischer Stil und religiös-sentimentale Tonlage nachhaltige Spuren hinterließen. Früh legte Hugo damit das Fundament für eine Kunst, die Erhabenheit, Groteske und Alltagsnähe miteinander versöhnt.

Prägende Impulse kamen zudem aus der europäischen Literatur jenseits Frankreichs. Hugos intensive Auseinandersetzung mit Shakespeare, der dramatischen Weite und dem Wechsel von Tragik und Komik, sowie mit Walter Scott, der den historischen Roman erneuerte, erweiterte seine Formenpalette. Die Rezeption Goethes und romantischer Ästhetik stärkte das Verständnis des Genialen und der Einbildungskraft. Philosophisch wirkten Aufklärung und liberale Ideen, die Freiheit des Gewissens, soziale Verantwortlichkeit und Menschenwürde betonen. Diese Einflüsse spiegeln sich programatisch in der Vorrede zu Cromwell, die das romantische Nebeneinander des Erhabenen und des Grotesken rechtfertigt und als Manifest künstlerischer Autonomie gelesen wurde.

Literarische Laufbahn

Als junger Autor erzielte Hugo mit Oden und frühen Gedichten erste Erfolge und machte sich schnell als Stimme der neuen Generation bemerkbar. Neben der Lyrik erprobte er den Roman, verband Spannung mit Reflexion und historischem Kolorit. Kritische Aufmerksamkeit und institutionelle Anerkennung folgten; zugleich erwies er sich als produktiver Publizist, der das literarische Feld aktiv mitgestaltete. Früh zeigte sich sein Hang zu umfassenden Projekten und zu einer Sprache, die Bildkraft und rhetorische Energie vereint. Diese Phase bereitete den Übergang zum Theater und zu den großen Erzählwerken vor, in denen er die Möglichkeiten des Französischen weit ausdehnte.

Seinen öffentlichen Durchbruch errang Hugo auf der Bühne. Mit Hernani entfachte er einen Theaterskandal, der als Bataille d’Hernani symbolisch für den Sieg des romantischen Dramas über klassizistische Regeln steht. In rascher Folge schrieb er weitere Stücke, darunter Ruy Blas und Lucrèce Borgia, die mit starken Charakteren, politischer Intrige und leidenschaftlicher Sprache arbebeiteten. Die Vorrede zu Cromwell wurde zum ästhetischen Programm, das den Bruch mit der Einheit von Ort, Zeit und Handlung legitimierte. Theater und Theorie griffen ineinander: Hugo verteidigte das Recht der Dichtung, das Erhabene neben dem Grotesken zu zeigen – ein Leitmotiv seines gesamten Werks.

Mit dem Roman Notre-Dame de Paris schuf Hugo ein Panorama des mittelalterlichen Paris, in dem Architektur, Volksleben und tragische Figuren unauflöslich verschmelzen. Das Buch verband erzählerische Wucht mit kulturpolitischer Wirkung: Es lenkte Aufmerksamkeit auf die Gefährdung gotischer Bauten und unterstützte die Bewegung zur Denkmalpflege. Zugleich zeigte es Hugos Fähigkeit, individuelle Schicksale als Spiegel gesellschaftlicher Kräfte zu gestalten. Die Mischung aus Historie, Melodram, Satire und lyrischer Beschwörung setzte Maßstäbe für den historischen Roman. Der Erfolg festigte seine Stellung als führender Erzähler, der die Vergangenheit nicht museal, sondern als Gegenwart der Gefühle und Ideen erfahrbar macht.

Politische Umbrüche führten Hugo Mitte des 19. Jahrhunderts ins Exil, das sich als außerordentlich produktive Schaffenszeit erwies. Von dort aus veröffentlichte er scharfe Pamphlete gegen Autoritarismus, darunter Napoléon le Petit, und satirische Gedichte in Les Châtiments. Mit Les Contemplations und La Légende des siècles weitete er die lyrische Form ins Kosmische. Der Roman Les Misérables entfaltete ein weites Epos über Schuld, Gnade und soziale Not; seine emphatische Darstellung marginalisierter Existenzen berührte ein Massenpublikum. Auch Werke wie Les Travailleurs de la mer bezeugten eine unermüdliche Imaginationskraft, die Naturgewalten, Technik und menschliche Würde zusammenführt.

In den späten Phasen der Laufbahn folgten weitere groß angelegte Romane, etwa L’Homme qui rit und Quatrevingt-treize, die Macht, Terror und moralische Entscheidungskraft untersuchten. Die Fortsetzung der Gedichtzyklen festigte Hugos Rang als Lyriker, dessen Sprachmusik und Bildreichtum die französische Dichtung nachhaltig prägten. Zugleich gewann er als öffentlicher Intellektueller internationale Resonanz. Seine Aufnahme in die Académie française bekräftigte den kanonischen Status, den seine Zeitgenossen ihm zuschrieben. Über Gattungsgrenzen hinweg blieb er präsent: als Romancier, Dramatiker, Essayist und Zeichner, der die Schattenseiten der Moderne ernst nahm und ästhetisch in unerwartete Formen übersetzte.

Überzeugungen und Engagement

Hugos öffentliches Wirken beruhte auf Grundüberzeugungen, die Freiheit, Menschenwürde und soziale Gerechtigkeit ins Zentrum stellten. Er trat gegen die Todesstrafe ein und machte mit Le Dernier Jour d’un Condamné die Gewissensfrage der Strafe zu einem literarischen Ereignis. Wiederholt wandte er sich gegen Elend, Analphabetismus und staatliche Willkür. Seine Reden und Schriften plädierten für Pressefreiheit, Bildung und die politische Emanzipation der Bürger. Diese Haltung war nicht dekoratives Beiwerk, sondern leitete Stoffwahl und Figurenzeichnung. Im literarischen Feld verband sich Moral mit Erzählkunst: Empathie sollte nicht bloß rühren, sondern Einsicht und Reformbereitschaft erzeugen.

Auch seine Ästhetik verstand Hugo als demokratisches Projekt. Indem er das Erhabene neben das Groteske stellte und Hohe mit Niedrigem mischte, erhob er das Alltägliche zur Kunst und entzog die Schönheit aristokratischen Ausschlüssen. Seine Romane gaben den Stimmlosen eine Bühne, seine Dramen stellten Macht zur Rede. In Pamphleten und offenen Briefen verteidigte er Exilierte, Minderheiten und Opfer politischer Unruhen. Dabei suchte er die internationale Öffentlichkeit, weil moralische Fragen, so seine Überzeugung, Grenzen überschreiten. Die Einheit von dichterischer Freiheit und bürgerlicher Freiheit bildet den roten Faden seines Engagements, das Wirkung weit über seine Zeit entfaltet.

Letzte Jahre und Vermächtnis

Nach dem Ende des Zweiten Kaiserreichs kehrte Hugo nach Frankreich zurück und nahm am öffentlichen Leben teil, ohne seine literarische Produktion aufzugeben. Er veröffentlichte weitere Gedichte und Prosa, reflektierte über Geschichte und Verantwortung und wurde zu einer Symbolfigur republikanischer Hoffnungen. Quatrevingt-treize, sein großer Roman über die Wirren der Revolution, gehört in diese Spätzeit. Als moralische Autorität mischte er sich in Debatten um Versöhnung und Recht ein. Nationale Anerkennung und internationale Bewunderung gingen einher mit einer stetigen Leserschaft, die in seinen Werken Trost, Erschütterung und einen Appell zu humanem Handeln fand.

Hugo starb 1885 in Paris. Die Trauerfeier geriet zu einem Massenereignis, und seine Beisetzung im Panthéon bestätigte den Rang eines nationalen Klassikers. Zeitgenössische Reaktionen würdigten den Dichter als Stimme der Freiheit und der Mitmenschlichkeit. Langfristig prägten seine Werke die Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit in der Literatur und inspirierten Generationen von Autorinnen und Autoren, Komponisten, Theater- und Filmschaffenden. Stoffe wie Notre-Dame de Paris und Les Misérables wurden weltweit adaptiert und blieben kulturell präsent. Hugos Einfluss reicht von poetischen Formen über dramatische Strukturen bis zur Idee, dass Kunst öffentliche Wirklichkeit verändern kann.

Les Misérables / Die Elenden

Hauptinhaltsverzeichnis
Erster Theil. Fantine
Zweiter Theil. Cosette
Dritter Theil. Marius
Vierter Theil. Eine Idylle und eine Epopëe
Fünfter Theil. Jean Valjean

Erster Theil. Fantine

Inhaltsverzeichnis

Erstes Buch. Ein Gerechter
I. Myriel
II. Herr Myriel wird der Herr Bischof Bienvenu
III. Ein tüchtiger Arbeiter findet viel zu thun
IV. Uebereinstimmung von Thaten und Worten
V. Der Bischof Bienvenu trägt seine Sutanen zu lange
VI. Von wem er sein Haus bewachen ließ
VII. Cravatte
VIII. Philosophie bei Tische
IX. Was die Schwester über den Bruder erzählt
X. Eine neue Erleuchtung
XI. Eine Einschränkung
XII. Warum der Bischof allein stand
XIII. Sein Glaubensbekenntniß
XIV. Seine Philosophie
Zweites Buch. Der Fehltritt
I. Am Abend eines Tagemarsches
II. Alltagsweisheit und Philosophie
III. Heldenmüthiger Gehorsam
IV. Über die Käsereien in Pontarlier
V. Furchtlose Seelenruhe
VI. Jean Valjean
VII. Wie es im Herzen eines Verzweifelten aussieht
VIII. Ein Mann über Bord!
IX. Neue Mißhandlungen
X. Das Erwachen
XI. Was er that
XII. Der Bischof bei der Arbeit
XIII. Der kleine Gervais
Drittes Buch. Im Jahre 1817
I. Das Jahr 1817
II. Ein Doppelquartett
III. Vier und Vier
IV. Tholomyés singt vor Freude ein spanisches Lied
V. Bei Bombarda
VI. Wie man sich gegenseitig anbetet
VII. Die Weisheit des Tholomyès
VIII. Tod eines Pferdes
IX. Das lustige Ende der Lustigkeit
Viertes Buch. In schlechten Händen
I. Zwei Mütter
II. Erste Skizze zweier verdächtiger Gestalten
III. Die Lerche
Fünftes Buch. Dem Abgrund zu
I. Ein Fortschritt in der Glasindustrie
II. Madeleine
III. Bei Lafitte hinterlegte Gelder
IV. Madeleine trauert
V. Schwarze Punkte am Horizont
VI. Vater Fauchelevent
VII. Fauchelevent kommt als Gärtner nach Paris
VIII. Frau Victurnien giebt fünfunddreißig Franken für moralische Zwecke aus
IX. Was Frau Victurnien Schönes angerichtet hatte
X. Weitere Erfolge der Frau Victurnien
XI. »Christus hat uns befreit.«
XII. Wie Herr Bamatabois sich amüsirte
XIII. Ueber gewisse Polizeireglements
Sechstes Buch. Javert
I. Anfang der Ruhe
II. Wie aus Jean Champ wird
Siebentes Buch. Der Fall Champmathieu
I. Schwester Simplicia
II. Ein Schlaukopf
III. Ein Sturm unter einem Schädel
IV. Die Form, die Seelenqualen während des Schlafes annehmen
V. Hemmnisse
VI. Schwester Simplicia wird auf die Probe gestellt
VII. Der Angekommene trifft Maßregeln, um wieder umzukehren
VIII. Eine Vergünstigung
IX. Ein Ort, wo man sich eine Überzeugung bildet
X. Er legte sich aufs Leugnen
XI. Champmathieu wundert sich noch mehr
Achtes Buch. Der Rückschlag
I. In was für einem Spiegel Madeleine sein Haar ansieht
II. Fantine ist glücklich
III. Javert freut sich
IV. Die Obrigkeit macht ihr Recht geltend
V. Ein anständiges Begräbniß

“Fantine” (Margaret Hall)

Erstes Buch. Ein Gerechter

Inhaltsverzeichnis

I. Myriel

Inhaltsverzeichnis

Im Jahre 1815 war Charles François Bienvenu[1] Bischof von Digne. Er zählte damals fünfundsiebzig Jahre und hatte sein hohes Amt seit 1806 inne.

Letzterer Umstand steht eigentlich in keiner wesentlichen Beziehung zu dem Inhalt unsrer Erzählung, aber vielleicht ist es nicht überflüssig, – wäre es auch nur der Genauigkeit wegen – hier zu berühren, was über ihn bei seiner Ankunft in der Diöcese erzählt und gemuthmaßt wurde. Was man von einem Menschen sagt, spielt ja, gleichviel ob es wahr oder falsch ist, in seinem Leben oft eine ebenso wichtige Rolle wie seine Thaten und Handlungen. Myriel war der Sohn eines Parlamentsraths der Stadt Aix, gehörte also zu dem Beamtenadel. Man erzählte sich, sein Vater, der ihm sein Amt vererben wollte, habe ihn schon, als er erst achtzehn oder zwanzig Jahr alt war, verheiratet, wie dies bei dem Parlamentsadel gebräuchlich war. Trotz dieser Heirat hätte aber Charles Myriel viel von sich reden gemacht. Er war gut gewachsen, wenn auch von kleiner Statur, hielt sehr auf sein Aeußres, hatte feine Manieren und viel Geist und brachte den ersten Abschnitt seines Lebens mit weltlichen Zerstreuungen und Liebesabenteuern hin.

Da brach die große Revolution von 1789[2] aus, und als bald wurden auch die Familien des Parlamentsadels in den Strudel hineingerissen und decimirt, aus dem Lande gejagt, verfolgt, auseinander gesprengt. Auch Charles Myriel emigrirte gleich zu Anfang der Revolution nach Italien. Hier starb seine Frau an einer Brustkrankheit, an der sie schon seit Jahren gelitten hatte. Kinder hatten sie nicht. War es der Zusammenbruch der alten Weltordnung, der Niedergang seiner Familie, die Dramen des Schreckensjahres 1793[3], die den Emigrirten aus der Ferne noch entsetzlicher erschienen als sie in Wirklichkeit waren, kurz, waren es die äußerlichen Umwälzungen, die ihn der Welt und ihren Freuden entfremdeten? Oder traf mitten in dem Strudel seiner Vergnügungen ihn persönlich ein Unglück, das die tiefsten Tiefen seines Herzens aufwühlte und seinem Denken eine andere Richtung wies? Diese Fragen wußte Niemand zu beantworten; nur so viel stand fest, daß er, aus Italien zurückgekehrt, Priester war.

Im Jahre 1804 war Myriel Pfarrer von Brignolles, wo er ein sehr zurückgezogenes Leben führte. Zu dieser Zeit, kurz nach Napoleons Kaiserkrönung[4], kam er einmal behufs Erledigung eines Amtsgeschäftes nach Paris und mußte unter Andern auch dem Kardinal Fesch[5] seine Aufwartung machen. Während nun unser wackrer Pfarrer im Vorzimmer wartete, kam zufällig auch der Kaiser um den Kardinal, seinen Oheim, zu besuchen. Ihm fiel ein gewisser Ausdruck von Neugierde auf, mit dem die Augen des Pfarrers ihm folgten, und, sich umwendend, fragte er barsch:

»Wer ist denn der gute Mann, der mich so ansieht?«

»Majestät, sagte Myriel, sehen einen guten, und ich einen großen Mann. Beide Teile können profitiren.«

Der Kaiser fragte nachher den Kardinal sofort nach dem Namen dieses Pfarrers, und kurze Zeit darauf erfuhr Myriel zu seiner großen Verwundrung, daß er auf den Bischofssitz von Digne berufen sei.

Im Uebrigen wußte Niemand, ob an den Gerüchten, die über Myriels Vorleben in Umlauf waren, etwas Wahres sei. Nur wenige hatten seine Familie gekannt.

Selbstredend ging es Myriel wie jedem Neuangekommnen in jeder Kleinstadt, wo Jedermann einen Mund zum Reden, aber nur Wenige ein Hirn zum Denken haben. Er mußte die Leute reden lassen, obgleich und weil er Bischof war. Was man sich über ihn erzählte, waren nur Reden, nur leeres Wortgeklingel, und als er neun Jahre in Digne residirt hatte, war all der Klatsch, der anfangs alle kleinen Geister in dieser kleinen Stadt in große Aufregung versetzt hatte, der Vergessenheit anheimgefallen. Niemand wagte mehr davon zu sprechen, Niemand ihn zu gehässigen Zwecken auszubeuten.

Myriel brachte nach Digne ein altes Fräulein Namens Baptistine, mit, die seine Schwester und zehn Jahre jünger war als er. Die ganze Dienerschaft der beiden Geschwister bestand in einer Magd desselben Alters wie Fräulein Baptistine, Namens Frau Magloire, die ehedem nur die »Magd des Herrn Pfarrers« gewesen und nun zugleich als Kammerfrau des Fräulein Baptistine und als Wirtschafterin Sr. Bischöflichen Gnaden fungirte.

Fräulein Baptistine war eine hoch gewachsene, blasse, hagre Dame von sanftem Wesen, eine Verkörperung alles dessen, was ein weibliches Wesen achtungswert macht; denn auf Ehrfurcht Anspruch machen darf ja wohl nur das Weib, das Mutter ist. Hübsch war sie nie gewesen, aber da ihr ganzes Leben mit Werken frommer Liebestätigkeit ausgefüllt worden war, so war jetzt über ihre äußere Erscheinung eine Art lichter Klarheit ausgegossen, etwas, das man die Schönheit des Gemüths nennen kann. Was in ihrer Jugend Magerkeit gewesen, hatte sich jetzt zu engelhafter Durchsichtigkeit verklärt. Sie war mehr Seele noch als jungfräuliches Weib, gleichsam ein Schatten mit so viel Körper, daß man ihm noch ein Geschlecht beilegen konnte; ein wenig Stoff, der einen lichten Glanz einhüllte. Dazu große Augen, die sie immer zur Erde gesenkt hielt, als suche diese Seele einen Vorwand noch hienieden zu verweilen.

Frau Magloire war eine kleine, dicke Alte, die immer keuchte, weil sie sich im Hause tüchtig tummelte, und zweitens, weil sie engbrüstig war.

Als Myriel seinen Einzug in Digne hielt, wurde er mit den üblichen hohen Ehrungen, gemäß den kaiserlichen Dekreten, laut denen die Bischöfe im Range unmittelbar den Brigadegenerälen folgen, in dem bischöflichen Palast installirt. Der Maire und der Präsident machten ihm zuerst ihre Aufwartung, und er seinerseits besuchte zuerst den General und den Präfekten. Dann, nachdem die Installation vollzogen war, wartete die Stadt, wie ihr neuer Bischof seines Amtes walten würde.

II. Herr Myriel wird der Herr Bischof Bienvenu

Inhaltsverzeichnis

Der bischöfliche Palast in Digne lag neben dem Hospital. Es war ein großes, schönes Gebäude, das zu Anfang des 18. Jahrhunderts von Henri Puget, Doktor der Theologie und 1712 Bischof von Digne, errichtet worden war. Alles in diesem wahrhaft fürstlichen Schlosse war in großem Stile angelegt: die Wohnzimmer des Bischofs, die Säle, die Kammern, der große Ehrenhof nebst den Wandelgängen, die sich, von altflorentinischen Arkaden überwölbt, um ihn herumzogen, die mit herrlichen Bäumen bepflanzten Gärten. In dem Speisesal, einer langen und prachtvollen Galerie, die im Erdgeschoß belegen war und sich nach den Gärten hinaus öffnete, hatte einst Henri Puget sieben hohe Würdenträger der Kirche feierlichst bewirtet. Die Bildnisse dieser sieben ehrfurchtgebietenden Prälaten schmückten den Sal, und das denkwürdige Datum, der 29. Juli 1714, war mit goldnen Buchstaben auf einer weißen Marmortafel eingegraben.

Das Hospital war ein enges, niedriges, einstöckiges Haus mit einem kleinen Garten.

Drei Tage nach seiner Ankunft besichtigte der Bischof das Hospital. Nach Beendigung der Visitation ließ er sofort den Direktor zu sich bescheiden.

»Herr Direktor, redete er ihn an, wieviel Patienten haben Sie gegenwärtig?«

»Sechsundzwanzig, Ew. Bischöfliche Gnaden.«

»Soviel habe ich auch gezählt«, bemerkte der Bischof.

»Die Betten«, hob der Direktor wieder an, »stehen recht dicht aneinander.«

»Das ist mir auch aufgefallen.«

»Statt Säle haben wir nur Stuben, die schwer zu lüften sind.«

»Das scheint mir auch so.«

»Und fällt einmal ein Sonnenstrahl in den Garten, so ist er zu klein, die vielen Rekonvalescenten zu fassen.«

»Das habe ich mir auch gesagt.«

»Wenn Epidemieen umgehen, wie z. B. dieses Jahr der Typhus und vor zwei Jahren Friesel und Schweißfieber, haben wir bisweilen an die hundert Kranke und wissen dann nicht, wo wir mit ihnen hin sollen.«

»Der Gedanke ist mir auch in den Sinn gekommen.«

»Aber allen diesen Uebelständen ist nun einmal nicht abzuhelfen«, sagte der Direktor. »Man muß sich fügen.«

Dieses Zwiegespräch fand in dem Speisesal des Erdgeschosses statt.

Der Bischof schwieg einen Augenblick und wandte sich dann wieder an den Direktor mit der hastigen Frage:

»Herr Direktor, wieviel Betten, meinen Sie, würde wohl dieser Sal allein schon fassen?«

»Der Speisesal Ew. Bischöflichen Gnaden?« rief der Direktor in maßlosem Erstaunen.

Der Bischof überschaute den Sal und schien mit den Augen Messungen anzustellen.

»Zwanzig Betten würden hier wohl Platz finden,« flüsterte er leise, als spreche er für sich. Dann, zu dem Direktor gewendet, fuhr er laut fort:

»Ich will Ihnen was sagen, Herr Direktor. Es liegt offenbar ein Irrthum vor. Ihr seid sechsundzwanzig Menschen in fünf bis sechs winzigen Zimmerchen. Unserer sind hier drei, und wir haben Platz für sechzig. Da liegt ein Irrthum vor, sage ich Ihnen noch einmal. Sie haben meine Wohnung, und ich die Ihrige. Geben Sie mir mein Haus wieder. Sie gehören hierhin.«

Am folgenden Tage waren die sechsundzwanzig armen Kranken in dem Palast des Bischofs untergebracht und der Bischof in das Krankenhaus übergesiedelt.

Myriel hatte, da seine Familie durch die Revolution ruinirt war, kein Vermögen. Seine Schwester bezog eine Leibrente von fünfhundert Franken, die seiner Zeit im Pfarrhause für ihre persönlichen Bedürfnisse ausgereicht hatten. Myriel erhielt vom Staate als Bischof ein Gehalt von fünfzehn Tausend Franken. Ueber diese Summe verfügte Myriel laut einer von ihm selber aufgestellten Rechnung, deren Original uns vorliegt, ein für alle Mal folgendermaßen:

Ausgaben für meinen Haushalt.

Für das kleine Seminar

1500

Franken

Für die Missionskongregation

100

Für die Lazaristen zu Montdidier

100

Für das Seminar der auswärtigen Missionen in Paris

200

Für die Kongregation des Heiligen Geistes

150

Für die religiösen Anstalten im Heiligen Lande

100

Für die Frauenvereine zur Unterstützung armer Wöchnerinnen

300

Für den Verein in Arles außerdem noch

50

Für die Verbesserung der Gefängnißeinrichtungen

400

Zur Unterstützung und Befreiung Gefangner

500

Für die Befreiung von Familienvätern aus dem Schuldgefängniß

1000

Zuschuß zu den Gehältern der armen Schullehrer der Diöcese

2000

Für das Getreidemagazin der Oberalpen

100

Für die Kongregation der Damen von Digne, Manosque und Sisteron zur Erteilung von unentgeltlichem Unterricht an bedürftige Mädchen

1500

Für die Armen

6000

Für meine persönlichen Ausgaben

1000

_____

Summa

15,000

An dieser Einrichtung »seines sogenannten Haushaltes« änderte er nichts, so lange er den Bischofssitz zu Digne inne hatte.

Dieser Anordnung unterwarf sich auch Fräulein Baptistine ohne den geringsten Widerspruch. Für diese fromme Dame war Myriel nicht allein ihr Bruder, sondern auch ihr Bischof, ein Freund, den die Natur ihr zugesellt, und ein Vorgesetzter, den die Kirche ihr übergeordnet hatte. Sie brachte ihm nur Liebe und Ehrfurcht entgegen. Allen seinen Worten pflichtete sie bei; was er that, hieß sie gut. Nur die Magd, Frau Magloire, murrte ein wenig. Hatte doch, der Herr Bischof, – wie aus der oben angeführten Rechnung erhellt,– sich nur tausend Franken vorbehalten, was mit Fräulein Baptistines Pension fünfzehn Hundert Franken jährlich ergab. Mit diesen fünfzehn Hundert Franken bestritten die beiden Frauen und der alte Herr ihren ganzen Lebensunterhalt.

Und wenn ein Dorfpfarrer nach Digne kam, brachte es der Bischof noch fertig ihn anständig zu bewirten, dank Frau Magloire’s großer Sparsamkeit und Fräulein Baptistine’s weiser Haushaltungskunst. Eines Tages – er war damals seit etwa drei Monaten in Digne – sagte der Bischof: »Meine Einkünfte wollen doch gar nicht recht zulangen!«

»Das wollte ich meinen! rief Frau Magloire. Wenn Bischöfliche Gnaden sich wenigstens noch das Geld auszahlen ließen, das Ihnen das Departement als Vergütigung für Equipage[7] und Reiseunkosten schuldig ist. Die Vorgänger Ew. Bischöflichen Gnaden haben’s doch immer so gehalten!«

»In der That, Sie haben Recht, Frau Magloire, stimmte ihr der Bischof bei und reichte ein Gesuch bei der Stadtverwaltung ein.

Der Generalrath zog auch das Gesuch in Erwägung und warf einen Posten von dreitausend Franken jährlich aus, als Vergütung der Unkosten, die der Herr Bischof für seine Equipage in der Stadt und für seine Reisen mit der Post zu bestreiten habe.

Natürlich erhoben die Freidenker ein Zetergeschrei und ein Senator namentlich, ein ehemaliges Mitglied des Rathes der Fünfhundert, der dem Staatsstreich vom 18. Brumaire[6] zugestimmt und von Napoleon ein bei Digne gelegnes großes Gut als Dotation erhalten hatte, erließ an den Kultusminister Bigot de Préameneu einen entrüsteten Schreibebrief, dem wir folgende Zeilen entnehmen:

»Wozu eine Equipage in einer Stadt, die keine viertausend Einwohner hat? Und Unkosten für Rundreisen? Was sollen denn solche Rundreisen für einen Zweck haben? Und wie reist man denn per Post in einem Gebirgslande? Wir haben hier ja überhaupt keine Chausseen. Man reist hier nur zu Pferde. Kaum daß die Brücke über die Durance bei Chateau-Arnoult ein Ochsenfuhrwerk tragen kann! Aber so sind die Priester alle! Geldgierig und geizig. Der hier hat sich Anfangs auf den Heiligen ausgespielt. Jetzt macht er’s wie die Andern. Er muß in einer Equipage fahren und in einer Postkutsche reisen! Er braucht Luxus wie die Bischöfe des alten Regime. O über dieses Pfaffengeschmeiß! Glauben Sie nur, Herr Graf, ehe uns der Kaiser die Schwarzröcke nicht vom Halse schafft, werden die Zustände nicht besser. Nieder mit dem Papst! (Frankreich stand damals mit Rom auf gespanntem Fuße). Ich für mein Theil bin dafür, daß Cäsar allein regiert. U.s.w. U.s.w[8].«

Desto mehr freute sich Frau Magloire.

»So ist’s recht, sagte sie zu Fräulein Baptistine. Se. Bischöfliche Gnaden haben bis jetzt nur für Andere gesorgt, aber schließlich haben Sie doch endlich auch an sich denken müssen. Die Armen sind nun versorgt, und die dreitausend Franken bleiben für uns. Es war auch Zeit, daß wir was kriegten!«

An dem Abend desselben Tages stellte der Bischof wieder eine Rechnung auf und gab sie seiner Schwester. Sie lautete folgendermaßen:

Unkosten für Equipage und Amtsreisen.

Zu Bouillon für die Kranken unseres Hospitals

l,500

Franken

Für den Frauenverein zu Arles

250

Für den Frauenverein zu Draguignan

250

Für die Findelkinder

500

Für die Waisenkinder

500

_____

Summa

3,000

Franken

Das war Myriels Budget.

Was die Nebeneinkünfte anbelangt, die Einnahmen für Abkauf von Aufgeboten, für Dispensationsscheine, Nothtaufen, Predigten, Einweihungen von Kirchen und Kapellen, Hochzeiten u.s.w., so trieb der Bischof diese Gelder von den Reichen mit um so größrer Strenge ein, da er sie sämtlich den Armen zuwandte.

Nach Verlauf einer kurzen Zeit flossen ihm denn auch Liebesgaben in reicher Menge zu. Begüterte und Bedürftige, Alle klopften an Myriels Thür, die Einen um Spenden bei ihm zu hinterlegen, die Andern um sie in Empfang zu nehmen. Aber so beträchtliche Summen ihm auch durch die Hände gingen, so fand er sich doch nicht veranlaßt seine Lebenshaltung in irgend einem Punkte zu ändern und sich außer dem Notwendigen auch Ueberflüssiges zu gestatten.

Im Gegentheil. Da in der menschlichen Gesellschaft allzeit unten mehr Elend als oben Wohlthätigkeitssinn vorhanden ist, so war alles schon weggegeben, ehe er es bekommen hatte, so fiel alles wie ein Tropfen auf einen heißen Stein. Man konnte ihm noch so viel Geld geben, nie hatte er etwas. In solchen Fällen gab er noch mehr von dem Seinigen her.

Der dankbare Instinkt des Volkes wählte denn auch unter den Vornamen, die sein Bischof dem Brauche gemäß in seinen Erlassen und Hirtenbriefen vollständig aufzählte, denjenigen heraus, der einen bedeutungsvollen Sinn darbot. Die armen Leute nannten ihn nur den Bienvenu (Willkommen, Segensreich). Wir wollen diesem Beispiel folgen und ihn gelegentlich gleichfalls so nennen. Ihm selber sagte übrigens diese neue Bezeichnung zu. »Der Name gefällt mir,« ließ er sich vernehmen. Er mildert, was der Titel Bischöfliche Gnaden zu Stolzes hat.«

Daß diese Schilderung, die wir hier entwerfen, die Wahrscheinlichkeit für sich habe, wagen wir nicht zu behaupten, wohl aber ist sie der Wahrheit gemäß.

III. Ein tüchtiger Arbeiter findet viel zu thun

Inhaltsverzeichnis

Der Bischof hatte zwar seine Equipage in Almosen umgewandelt, bereiste aber gleichwohl fleißig seinen Amtssprengel, was mit erheblichen Strapazen verbunden war. Die Diöcese Digne ist ein Land mit wenig Ebenen und viel Bergen, dabei fast ohne Chausseen, wie schon erwähnt. Sie umfaßt zweiunddreißig Pfarreien, einundvierzig Vikariate und zweihundert fünfundachtzig Filialkirchen. Dies Alles zu bewältigen, erheischte keine geringe Summe von Arbeitskraft, die aber unser Bischof aufzubringen verstand. War der betreffende Ort in der Nachbarschaft gelegen, so ging er zu Fuß; in den ebenen Gegenden fuhr er in einer Halbkutsche, im Gebirge ritt er auf einem Maulthier. Die beiden Frauen begleiteten ihn gewöhnlich, außer wenn die Strapazen das billige Maß überstiegen. In diesem Fall reiste er allein.

Eines Tages ritt er in Senez, einer alten Bischofsstadt, auf einem Esel ein. Ein andres Transportmittel hatte er wegen der starken Ebbe, die in seiner Börse aufgetreten war, nicht genehmigen können. Als er nun von seinem Esel abstieg, maß ihn der Bürgermeister, der sich zu seinem Empfange vor dem Bischofspalais eingefunden, mit Blicken, aus denen tiefe sittliche Entrüstung sprach, und einige Vorübergehende, die ihrer Kleidung nach zu urtheilen den bessern Ständen angehörten, blieben stehen und lachten.

»Meine Herren, sagte der Bischof, ich kann mir das Motiv Ihres Unwillens denken: Sie finden es anmaßlich, daß ein armer Priester sich des Reitthieres Jesu Christi bedient. Ich versichere Sie aber, ich thue es aus Noth, nicht aus Eitelkeit.«

Wohin er auch bei einer solchen Rundreise kam, stets zeigte er sich milde und nachsichtig gegen seine Untergebnen und in seinen Predigten schlug er vorzugsweise einen gemüthlichen Gesprächston an. Weither geholte Gründe und Beispiele liebte er nicht. Dagegen ermahnte er die Leute an einem Ort sich die Bewohner eines andern, benachbarten, zum Vorbild zu nehmen. Wo man hart gegen die Bedürftigen war, sagte er z.B.: »Nehmt Euch Eure Nachbarn in Briançon zum Vorbild. Sie haben den Armen, den Wittwen und Waisen die Erlaubnis ertheilt, ihre Wiesen drei Tage vor den Andern abmähen zu lassen und repariren ihnen ihre Häuser, wenn sie baufällig geworden sind, unentgeltlich. Deshalb hat aber auch der liebe Gott das Land gesegnet, denn volle hundert Jahre lang ist daselbst kein Mord vorgekommen.«

Zu Leuten, die bei der Ernte zu genau verfuhren, sagte er. »Seht Euch mal an, wie sie’s in Embrun machen. Hat ein Familienvater Söhne beim Militär oder Töchter, die in der Stadt dienen, und kann er wegen Krankheit oder aus einem andern Hindrungsgrunde die Einbringung seiner Ernte nicht besorgen, so empfiehlt ihn der Pfarrer der Gemeinde, dann kommen am Sonntag alle Leute aus dem Dorfe, die Männer, die Frauen, die Kinder, mähen ihm sein Getreide und schaffen es ihm, Korn und Stroh, in seine Scheune.« – Zu den Familien, die wegen Geld- und Erbschaftsangelegenheiten uneinig waren sagte er: »Schaut mal, wie sie’s in Devolny anfangen. Es ist das eine rauhe Gebirgsgegend, wo man den Gesang der Nachtigall kaum einmal in fünfzig Jahren zu hören bekommt. In diesem Lande also gehen die Söhne, wenn der Vater stirbt, in die Fremde, und überlassen das Erbe ihren Schwestern, damit diese sich verheirathen können.« – In den Kantonen, wo viel prozessirt wurde, sagte er: »Nehmt Euch die braven Bauern in Queyras zum Vorbild. Es sind ihrer dreitausend Seelen, und die Leute leben dort einträchtig, als bildeten sie eine kleine Republik für sich. Richter und Exekutor giebt’s dort nicht. Der Schulze besorgt da alles. Er veranlagt die Steuern, schätzt Jeden ein, wie er’s vor seinem Gewissen verantworten kann, schlichtet unentgeltlich Streitigkeiten, theilt Erbschaften ohne Honorar zu fordern, fällt Urteilssprüche ohne den Leuten Unkosten zu verursachen, und er findet Gehorsam, weil er ein gerechter Mann ist und unter einfachen Leuten lebt.« In den Dörfern, wo kein Schullehrer war, verwies er wieder auf das Beispiel der Bauern in Queyras: Wißt Ihr, wie die’s machen? »Da ein Dorf mit nur zwölf bis fünfzehn Häusern nicht immer die Mittel besitzt einen Magister zu ernähren, so thun sich die Bewohner des ganzen Thales zusammen und halten sich Schulmeister. Die gehen von Dorf zu Dorf und geben hier acht, dort zehn Tage lang Unterricht. Diese Magister finden sich ein, wo Jahrmarkt ist, und ich habe selber welche gesehen. Sie sind an den Schreibfedern, die sie in einer Schnurschleife am Hute tragen, zu erkennen. Die nur Unterricht im Lesen ertheilen, haben eine Feder; die im Lesen und Rechnen unterrichten, zwei; die Lesen, Rechnen und Latein lehren, drei. Diese Letzteren sind große Gelehrte. Aber welche Schande unwissend zu sein! Ahmt den Leuten in Queyras nach.«

In dieser eindringlichen und väterlichen Ausdrucksweise pflegte er mit den Leuten zu reden. Und die Ermanglung von Beispielen erfand er Gleichnisse, hob deutlich das hervor, worauf es an kam, und brauchte wenig Redensarten, aber desto mehr bildliche Wendungen, wie Jesus Christus, dessen Beredsamkeit zu Herzen ging, weil sie aus dem Herzen kam.

IV. Uebereinstimmung von Thaten und Worten

Inhaltsverzeichnis

Im Gespräch war er leutselig und heiter. Er paßte sich dem Verständniß der beiden Frauen an, die bei ihm lebten. Lachen konnte er so herzlich wie ein Schulknabe.

Frau Magloire nannte ihn gern Hoher Herr. Eines Tages nun erhob er sich von seinem Sessel, um ein Buch zu holen, konnte es aber, da es auf einem oberen Regal lag und er zu kleiner Statur war, nicht langen. Da rief er Frau Magloire: »Bringen Sie mir doch einen Stuhl. Die Hoheit des hohen Herrn reicht nicht bis an das Brett da.«

Eine entfernte Verwandte von ihm, die Gräfin von Lô, ließ es sich selten entgehn, in seiner Gegenwart die »Hoffnungen« ihrer drei Söhne ausführlich aufzuzählen, nämlich all die Glücksgüter und Vortheile, die sie von reichen alten Verwandten binnen voraussichtlich kurzer Zeit erben würden. Der jüngste Sohn erwartete von einer Großtante ein Jahreseinkommen von nicht weniger als hunderttausend Franken; dem zweiten mußte der Herzogstitel seines Oheims zufallen; der Aelteste hatte Anwartschaft auf die Pairie seines Großvaters. Diesen unschuldigen und verzeihlichen Prahlereien der zärtlichen Mutter hörte meistentheils der Bischof mit musterhaftem Stillschweigen zu. Bei einer Gelegenheit indeß hing er seinen eigenen Gedanken nach, während die Gräfin sich in weitschweifigen Erörterungen aller dieser Successionen und »Hoffnungen« erging. Plötzlich brach sie ungeduldig ab und fragte ärgerlich: »Aber, Vetter, woran denken Sie denn?« »An einen sonderbaren Ausspruch, versetzte er, der, wenn ich nicht irre, sich in den Werken des heil. Augustin findet: Setzet Eure Hoffnung auf Den, dem Niemand succedirt.«

Ein andres Mal, als er eine Todesanzeige mit einem langathmigen Verzeichnis der Würden des Verstorbnen und der Adelstitel aller Verwandten desselben erhalten hatte, rief er aus: »Was für einen starken Rücken Freund Hein haben muß, daß man ihm soviel gewichtige Titel aufpacken kann, und wie gescheidt die Menschen sind, da sie sogar in einem Grabe Gelegenheit zur Befriedigung ihrer Eitelkeit finden!«

Er verstand auch zu spotten, in harmloser Weise, aber fast immer mit einem ernsten Hintergedanken. So kam einmal während der Fastenzeit ein junger Vikar nach Digne und hielt eine recht beredte Predigt über die Mildthätigkeit. Er forderte die Reichen auf den Armen zu geben, um der Hölle zu entgehen, deren Schrecknisse er ihnen in den grellsten Farben ausmalte, und sich das Himmelreich zu erobern, das er als überaus lieblich und erstrebenswert hinstellte. Diese Schilderung machte auf einen seiner Zuhörer, der im Handel zwei Millionen zusammengerafft hatte, einen so nachhaltigen Eindruck, daß er von seiner Gepflogenheit niemals Almosen zu geben abließ und von der Zeit an jeden Sonntag an der Kirchenthür eine kleine Kupfermünze für sechs Bettlerinnen spendete. Eines Tages nun, als er wieder diesen Akt hochherziger Mildthätigkeit vollzog, sah ihn der Bischof und bemerkte lächelnd zu seiner Schwester: »Sieh mal, da kauft sich Herr Geborand für einen Sou ewige Seligkeit.«

Handelte es sich um Mildthätigkeit, so ließ er sich selbst durch eine abschlägige Antwort nicht abschrecken und verstand es mit einer treffenden, geistreichen Entgegnung den Widerspenstigen andern Sinnes zu machen. Einmal sammelte er in einer Gesellschaft für die Armen. Unter den Anwesenden befand sich der Marquis von Champtercier, ein reicher alter Geizhals, der das Kunststück fertig gebracht hatte zugleich ultraroyalistisch und ultravoltairianisch gesinnt zu sein. Denn es hat auch solche Käuze gegeben. Als der Bischof zu ihm gelangt war, berührte er ihn am Arm und sagte: »Herr Marquis, Sie müssen mir etwas geben.« Der Marquis wandte sich um und antwortete trocken: »Bischöfliche Gnaden, ich habe schon meine Armen.« »Dann geben Sie mir die,« entgegnete der Bischof.

Eines Tages hielt er im Dom folgende Predigt: »Theuerste Brüder, liebe Freunde, es giebt in Frankreich 1,320,000 Bauernhäuser mit nur drei, 1,817,000 mit zwei Oeffnungen, der Thür und einem Fenster, und endlich 346,000 Hütten mit einer einzigen Oeffnung, der Thür. Schuld daran ist etwas, das man die Thür- und Fenstersteuer nennt. Denkt Euch nun arme Familien, alte Frauen, kleine Kinder in solchen Behausungen und stellt Euch vor, was für Fieber, was für Krankheiten da herrschen müssen! Gott schenkt, das Gesetz verkauft den Menschen die Luft. Ich klage das Gesetz nicht an, aber Gottes Güte preise ich. In den Departements Isére, Bar, Ober- und Unteralpen haben die Landleute nicht einmal Schubkarren und tragen den Dünger auf dem Rücken; keine Talglichter, und brennen Kienspäne oder mit Harz bestrichene Stricke. So macht man es in dem ganzen Ober-Dauphiné. Das Brod backen sie auf ein halbes Jahr und heizen den Backofen mit getrocknetem Kuhmist. Im Winter zerschlagen sie dies Brod mit der Axt und lassen es vierundzwanzig Stunden in Wasser weichen, um es essen zu können. Seid barmherzig, liebe Brüder; bedenkt, wieviel Elend Euch umgiebt!«

Als geborner Provenzale war es ihm leicht geworden sich mit allen südfranzösischen Dialekten gründlich vertraut zu machen. Das gefiel dem gemeinen Volk sehr und trug nicht wenig dazu bei, daß er seine Gedanken dem Verständniß Aller näher bringen konnte. Er war in der Hütte und im Gebirge zu Hause. Er verstand es, die erhabensten Dinge mittels der trivialsten Redewendungen auszudrücken, und da er Jedermanns Sprache redete, so fand er auch Mittel und Wege seinen Ideen Eingang in Jedermanns Herz zu schaffen.

Uebrigens benahm er sich gleich gegen die Vornehmen und Geringen.

Nie übereilte er sich mit Verdammungsurtheilen, sondern zog stets die Umstände in Erwägung. »Erst wollen wir uns den Weg ansehen, pflegte er zu sagen, den das Vergehen entlang gekommen ist.«

Als »Exsünder«, wie er sich im Scherz nannte, trug er keine Strenge zur Schau und lehrte mit großem Freimuth und ohne seine Stirn nach Art der Tugendhelden in finstre Falten zu legen, Grundsätze, die man in folgenden Worten zusammenfassen könnte:

»Der Mensch ist ein Geist, der mit Fleisch bekleidet ist[1q]. Dieses Fleisch ist eine Last und eine Versuchung. Der Mensch trägt es und giebt ihm nach.«

»Er soll es im Auge behalten, es zurückdrängen, es niederhalten und ihm nur im äußersten Nothfall willfahren. Solch ein Gehorsam kann mit Schuld behaftet sein, aber solch eine Schuld findet Vergebung. Wer so nachgiebt, fällt, aber auf die Knie und kann sich mit Gebet loskaufen.«

»Ein Heiliger zu sein ist die Ausnahme, ein Gerechter zu sein ist die Regel. Irret, fehlet, sündiget, aber seid Gerechte.«

»So wenig Sünde wie möglich, lautet das Gesetz für den Menschen. Gar nicht zu sündigen ist das Ideal des Engels. Alles Irdische ist der Sünde unterworfen. Wir können uns von ihr ebenso wenig frei machen wie von dem Gesetz der Schwere.«

Hörte er ein allgemeines Zetergeschrei, sah er die große Menge ein hastiges Tadelsvotum abgeben, so spottete er: »Hier liegt gewiß eine Sünde vor, die Jedermann begeht. Sonst würden die Heuchler es nicht so eilig haben zu protestiren, um den Verdacht von sich abzulenken.«

Gegen die Frauen und die Armen, auf denen mit ihrer ganzen Wucht die menschliche Gesellschaft lastet, war er nachsichtig: »An den Vergehen der Frauen, der Kinder, des Gesindes, der Schwachen, der Bedürftigen und Unwissenden sind die Männer, die Eltern, die Herrschaften, die Starken, Reichen und Gelehrten Schuld.«

Ferner: »Die Unwissenden belehret, so gut Ihr es vermöget; die Gesellschaft ist zu tadeln, daß sie nicht den öffentlichen Unterricht unentgeltlich ertheilen läßt; sie ist verantwortlich für die Finsterniß, der sie die Entstehung giebt. Ist eine Seele umnachtet, so schleicht sich die Sünde in sie hinein. Nicht derjenige ist der Schuldige, der die Sünde begeht, sondern der die Nacht geschaffen hat.«

Man sieht, er hatte eine absonderliche und eigne Art die Dinge zu beurtheilen. Ich habe ihn stark in Verdacht, daß er diese Gedanken dem Evangelium entnommen hatte.

Eines Tages war er gerade zugegen, als in einer Gesellschaft von einem Kriminalprozeß gesprochen wurde, der damals die Gerichte beschäftigte. Ein armer Mensch hatte sich aus Liebe zu einer Frau und zu dem Kinde, das sie ihm geboren, der Falschmünzerei schuldig gemacht, da er sie auf andre Weise vor dem Hungertode nicht zu bewahren wußte. Dieses Verbrechen wurde damals noch in Frankreich mit der Todesstrafe geahndet. Die Frau war bei dem ersten Versuch ein von dem Manne fabrizirtes Geldstück in Umlauf zu setzen, verhaftet worden, aber Beweise um sie einer Schuld zu überführen, hatte man nicht. Sie allein konnte gegen ihren Liebhaber aussagen und durch ein Geständniß seine Verurtheilung ermöglichen. Sie leugnete aber aufs hartnäckigste. Da hatte der Staatsanwalt einen gescheidten Einfall. Er legte der Unglücklichen geschickt ausgewählte Bruchstücke aus Briefen des Mannes vor und brachte sie auf diese Weise zu dem Glauben, sie habe eine Nebenbuhlerin, mit der er sie hintergehe. Da klagte sie, getrieben von sinnloser Eifersucht, ihren Geliebten an, und lieferte die nöthigen Beweise. Nun war der Mann verloren und nächster Tage sollte ihm, samt seiner Mitschuldigen in Aix der Prozeß gemacht werden. Dieser Vorfall also bildete den Gegenstand der Unterhaltung, und Alle bezeigten das höchste Entzücken über die Schlauheit des Staatsanwalts. Dadurch, daß er die Eifersucht ins Spiel gezogen, auf die Rachsucht der gekränkten Eitelkeit spekulirt, habe er der Wahrheit und Gerechtigkeit zum Siege verholfen. Allen diesen Lobeshebungen hörte der Bischof bis zu Ende schweigend zu. Dann fragte er:

»Vor welches Gericht werden die Beiden gestellt werden?«

»Vor die Assisen[10].«

»Und der Staatsanwalt?«