Lesereise Portugal - Helge Sobik - E-Book
Beschreibung

Der Mann heißt wie die längste Brücke Europas, wie ein Einkaufszentrum in Lissabon, wie Fußballvereine in Rio, Kapstadt und Goa – und wie sein Urahn gleichen Namens, der einst den Seeweg nach Indien entdeckt hat: Vasco da Gama ist Antiquitätenhändler in Lissabon und pflegt typisch portugiesisches Understatement, diese stille Bescheidenheit. Auch die Fischer auf den Inseln, die der Algarve vorgelagert sind, ticken ähnlich. Herzlich und zugleich zurückhaltend sind sie, typisch portugiesisch sowieso – wie die Leute aus dem Stockfisch-Kochverein von Aveiro, sogar die Schäfer aus der bis knapp zweitausend Meter hohen Serra da Estrela tief im Binnenland und ein Ex-Banker, der in den Bergen weit abseits von allem eine bankrotte Weberei wieder zum Leben erweckt hat.Helge Sobik hat sie und viele andere getroffen, ihnen genau zugehört und zeichnet ein sehr persönliches Bild der großen Seefahrernation an der Westflanke Europas.

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EPUB

Seitenzahl:130


Copyright © 2018 Picus Verlag Ges.m.b.H., Wien

Alle Rechte vorbehalten

Grafische Gestaltung: Dorothea Löcker, Wien

Umschlagabbildung: © United Archives/Rudolph

ISBN 978-3-7117-1085-7

eISBN 978-3-7117-5363-2

Informationen über das aktuelle Programm des Picus Verlags und Veranstaltungen unter www.picus.at

Helge Sobik, 1967 in Lübeck geboren, schreibt Reportagen aus aller Welt und publiziert in zahlreichen Medien. Im Picus Verlag erschienen seine Reportage Persischer Golf sowie die Lesereisen Kanada, Kanadas Norden, Kanadas Westen, Finnland, Mallorca, Côte d’Azur, Dubai und, gemeinsam mit Fabian von Poser, Abu Dhabi.

www.sobikpress.com

Helge Sobik

Lesereise Portugal

Die Fischer, die die Zeit anhalten

Picus Verlag Wien

Inhalt

Mein Strand und ich

Palheiros da Tocha im Winter: Vor der Haustür nichts als Strand und Meer

Das eigene Leben ins Museum tragen

Schiffsschreiner Carlos Santos aus Peniche

Die Fischer, die die Zeit anhalten

Auf den vergessenen Inseln vor der Küste der Algarve

Im Land der alten Eichen

Wo die Korken wachsen: Unterwegs in den Korkeichenwäldern im Hinterland der Algarve

Strände vor der Entdeckung

Unterwegs an der Küste des Alentejo

Bom Dia, Dona Idália

Gästebuch: Casa do Adro in Vila Nova de Milfontes

Der Rasen von Real Madrid

Im Alentejo wächst, was in Europas Fußballstadien ausgerollt wird

Wie geht’s, Vasco da Gama?

Der Mann heißt wie die längste Brücke Europas und mag das Alentejo-Städtchen Sines nicht sonderlich: Eine Begegnung mit Vasco da Gama in Lissabon

Bom Dia, Manuel Ferreira Enes

Gästebuch: Lapa Palace in Lissabon

Eine Stadt von Welt

Was macht eine Weltstadt aus? Und insbesondere: Ist Lissabon eine Weltstadt? Noch immer?

Rückkehr in die verlassenen Dörfer

In den Eukalyptuswäldern nördlich von Lissabon: Neues Leben in den Steindörfern des Hinterlands

Durch die Vergangenheit

Die Uhren anhalten: Von Burg zu Burg durchs ländliche Portugal tief im Hinterland des Alentejo

Dem Wind entgegen

Costa Verde bei Porto: Wo die Schönen auf den Wellen reiten – und die Reichen keine Rolle spielen

Immer landeinwärts

Kontrastprogramm: Auf Flusskreuzfahrt auf dem Douro den eigenen Lebensrhythmus herunterbremsen

Den Sternen nah

Ganz oben in Portugal: Zum Sternepflücken auf zweitausend Metern Höhe in der Serra da Estrela

Rose zum Frühstück

Madeira und Porto Santo: Auf den Gipfeln von Atlantis

Die Wiederentdeckung des Bacalhau

An der Kabeljauküste bei Furadouro

Bei den Sardinenmännern

Die härtesten Fischer Portugals: Ihr Revier ist der stets aufgewühlte Atlantik vor der Wellenreiter-Welthauptstadt Peniche

Mein Strand und ich

Palheiros da Tocha im Winter: Vor der Haustür nichts als Strand und Meer

So ein Haus muss nicht hundert sein, um alt auszusehen. Es reicht weniger als die Hälfte an Zeit. Schließlich führt es mit jedem seiner Balken, jeder Faser des Holzes, jedem Dachziegel und jedem Pinselstrich Farbe einen permanenten Kampf gegen den Wind, das Wasser, den Sand und das Salz. Hundertfünfzig Meter sind es bis zu den Wellen, dazwischen ist Sand. Und eine schmale Straße. Sonst nichts. Nach über fünftausend Kilometern kommt geradeaus Amerika. Im Weg liegt nichts. Wenn der Wind Anlauf nimmt, vom Ozean kommt und an etwas zerren will, dann packt er sich zuerst dieses Haus und rüttelt es durch. Es ist, als schöbe er es zusammen und zöge es wieder auseinander. Solche Töne macht es bei Sturm. Es ist derselbe Sound, den auch die Nachbarhütten fabrizieren.

Fischer haben sie gebaut – als einfache Quartiere zwischen den Fangfahrten. Als Übernachtungsplatz, wenn die Zeit nicht reichte, bis nach Hause zu kommen – weiter hinein ins Hinterland, wo ihre Heimatorte waren. So nah am offenen Ozean lebte hier früher keiner. Nicht auf Dauer. Gar nicht im Winter. Heute sind es um die hundertsiebzig Menschen, die ganzjährig in Palheiros da Tocha am Atlantik zu Hause sind. Ein paar Tausend werden es während des Sommers, wenn all die Feriengäste da sind, die Wohnungen und Appartements in den Querstraßen in zweiter, dritter und vierter Reihe beziehen, jedes Bett belegt ist und die Menschen jeden Morgen mit Sonnenschirm und Badematte unterm Arm an den Strand spazieren. Aber im Winter herkommen? Die ganze Praia da Tocha und all den Wind für sich alleine haben? Wenn nur die zwei Tante-Emma-Läden geöffnet sind und manches Regal nur halb voll ist, weil der Laster mit der Ware noch nicht wieder da war? Von nichts abgelenkt werden, Zeit für die eigenen Gedanken haben? In so einem Haus, das nachts quietscht? Massentauglich ist das nicht. Dabei ist es so ein schöner Gedanke: sich einmal auf den Zwang zum Nichtstun einlassen. Loslassen. Wieder wahrzunehmen lernen. Aus der permanenten Reizüberflutung aussteigen, bei stundenlangen Strandspaziergängen den Kopf durchgepustet und die Gedanken neu sortiert bekommen.

Zwischen Lissabon und Porto gibt es mehrfach über Dutzende Kilometer keine Küstenstraße, sondern nur ab und an wenige Querwege von der Hinterlandstraße, die in gerader Linie an den Ozean führen: in winzige Orte, die im Winter fast ausgestorben sind und nicht mal über ein Hotel verfügen. Sechs Kilometer geradeaus durch den Pinienwald führt die Stichstraße vom eigentlichen Tocha, gut viertausend Einwohner stark, nach Palheiros da Tocha. Siebenhundert Meter vorm Ziel gibt es links und rechts Abzweiger in den Pinienwald hinein: meistens Sand, tiefe Schlaglöcher, Reste von Kopfsteinpflaster. Das war einmal so etwas wie die Küstenstraße, als die Menschen noch mit Pferden und Eseln unterwegs waren. Heute ist sie nur etwas für Geländewagen.

Palheiros da Tocha ist ein Mini-Ort mit sensationellem Sandstrand. Fast die ganze Küste hier ist ein einziger sensationeller Sandstrand. Im Süden liegt Lissabon als Endpunkt dieses Strandes nach etwa zweihundertfünfzig Kilometern – von ein paar kleinen Unterbrechungen abgesehen. Im Norden ist es Porto – nach gut hundert Kilometern. Gefühlt ist beides gleich weit weg.

Im Haus riecht es muffig, nach fünf Monaten Leerstand. Und nach dem Salz, das hier überall in der Luft liegt. Auf dem schweren, alten Esstisch liegt ein Rüschendeckchen, an der Wand hängen Ölgemälde, die Kutter auf See zeigen. Die Kaffeemaschine hat ein Etikett, auf dem das Baujahr vermerkt ist: 1962. Sie hat tapfer durchgehalten. In eine Ecke des Hauses ist eine Toilette hineinimprovisiert, direkt daneben die Dusche. Das Schlafzimmer ist kaum größer als das zwanzig Zentimeter zu kurze Bett, auf dem Nachttischchen steht eine schmächtige Lampe, und irgendwer muss kurz zuvor den Linolfußboden frisch gewischt haben. In den Ecken ist es noch feucht.

Ein bisschen ist es, als zöge ich hier in das Leben von jemand anderem ein. Aber soll es nicht genau so sein? Gehört nicht genau das dazu, wenn es darum geht, für ein paar Tage loszulassen, nur den Atlantik vor der Nase, Strandsand unter den Füßen zu haben? Und als Rückzugswinkel dieses Haus mit der Mini-Küche, ein paar Vorräten und einem alten UKW-Kofferradio?

Die ersten Stunden ist es, als störte ich hier. Als käme jeden Moment der alte Mann mit Bart und dicker Strickjacke herein, der eigentlich hierhergehört. Den gibt es aber nicht, er kommt nicht. Und der Besitzer wohnt weit weg in Coimbra. Er hat wie so viele andere seinen Schlüsselbund im Mini-Supermarkt zwei Querstraßen weiter gelassen, und wenn jemand fragt, vermietet die Frau an der Kasse das Haus. Dieses oder ein anderes. Ganz nach Wunsch. Eine Internetpräsenz? Gibt es nicht. Veranstalter, die so etwas vermitteln? Keine Spur. Vorreservieren? So gut wie unmöglich. Das Telefon im Mini-Supermarkt hebt fast nie einer ab. Kommen, fragen, schauen, über den Preis einig werden. So funktioniert das hier. Ein Händedruck, ein kurzer Blick in die Augen, ein bisschen Zeichensprache als Ergänzung zu drei Brocken Portugiesisch. Anders geht es nicht.

Im Winter ist die Auswahl groß, der Schlüsselbund der Supermarktfrau gut bestückt. »Weil keiner fragt«, sagt sie. »Die Fremden sind im Sommer da. Es gibt nichts, was sie hier im Winter wollen.« Sie täuscht sich: Sie könnten den Wind wollen, den ganzen Strand für sich alleine. Die Stille. Falls es sie gibt.

Schon in der ersten Nacht will der Sturm das vielleicht vierzig Quadratmeter große Holzhaus mitnehmen. Er zerrt von allen Seiten daran, rüttelt an den verkeilten Fensterläden. Der Ozean ist es, der den Soundtrack zur Finsternis liefert. Ein einziges großes Rauschen. Es schwillt an, schwillt wieder ab. Mit jedem neuen Schwung Wellen, die er auftürmt und nicht weit von der Verandatür auf den Strand schleudert. Eine Straßenlampe sorgt für ein bisschen Licht und leuchtet am Ende nichts von dem wirklich aus, was dort draußen geschieht. Eher verwandelt sie die schmale Straße mit den Holzhäusern auf der einen und Strand und Ozean gleich auf der anderen Seite in ein Szenario wie aus einem Gemälde von Edward Hopper. Und ich unverhofft mittendrin.

Fast alles übertönt dieses Tosen der Wellen und das Brausen des Windes. Nur nicht die beiden Männer in Kapuzenpullis, die irgendwann gegen drei Uhr morgens vorm Haus auftauchen, die Motoren ihrer am Straßenrand unter der Hopper-Laterne geparkten Autos weiterlaufen lassen, gemeinsam eine rauchen, nicht ahnen können, dass das alte Holzhaus mit der Einfachverglasung ausnahmsweise bewohnt ist. Mit aller Kraft plaudern sie gegen den Sturm an, brüllen sich aus nächster Nähe einen minimalistischen Dialog zu, den der Wind neu sortiert und durch die Fensterritzen ins winzige Schlafzimmer schiebt. Eine Zigarettenlänge später steigen sie wieder ein, fahren weiter, verschwinden mit weißem Mazda und silbernem Opel in der unwirklichen Nacht. Was sie hier gemacht haben? Wahrscheinlich das Einzige, was Menschen im Winter hierherlockt: gar nichts. Absolut nichts. Sie sind völlig grundlos da gewesen. Wie schön, etwas ohne Grund zu tun. Der Wind hat da längst nach den Kippen gegriffen, als könnte er sich vor Gier nicht halten und wollte schnell noch zwei Züge aus den fremden Stängeln heraussaugen, ehe nichts mehr geht.

Im Haus ist es derweil wie auf einem riesigen Schiff, wie in der billigsten Kabine direkt über dem Maschinenraum mit all seinem Krach und seinen Schwingungen. Auch die Hütte zittert im Sturm, als wollte sie ablegen. Als wäre sie auf großer Fahrt sogar. Doch seekrank werden nur meine Ohren, denn mehr Bewegung als diese Vibration gibt es nicht. Alles darüber hinaus ist Illusion. Vom Gehirn gestrickt, weil es so gut passen würde. Weil nach aller Lebenserfahrung normalerweise in Fahrt ist, was so klingt und so zittert. Und während die Illusion noch entsteht, ruft der Verstand dazwischen, dass du an Land bist. In Sicherheit. In einem irgendwie baufälligen Holzhaus, das mindestens ein halbes Jahrhundert alt und eigentlich nur im Sommer bewohnt ist. Im totalen Off Westeuropas. Dort, wo es in Portugal sehr einsam sein kann. Angenehm einsam.

Am nächsten Morgen ist der Strand aufgeräumt, wie neu sortiert. Der Wind war es. Jetzt ist er verschwunden, weitergezogen, randaliert woanders. Die Holztreppe hat er stehen lassen, auch das bis Mitte Mai geschlossene Strandrestaurant mit seiner viel zu modernen Glasfassade duckt sich noch immer in den Schatten der Dünenreihe. Und überall auf dem Weg vorm Haus liegen jetzt kleine Sandverwehungen. Manche von ihnen haben ein Muster wie in der Wüste, das der Wind hineingezeichnet hat. Diese seltsamen Rillen. Zwei Tage wird es dauern, bis ein in Orange und Blau gekleidetes Räumkommando der zuständigen Kreisverwaltung Cantanhede eintreffen und die größeren Verwehungen zusammenfegen und auf der Ladefläche eines Lieferwagens abfahren wird.

Strandangler João kann ein bisschen Deutsch. Er spricht es mit Schweizer Akzent, hat ein paar Jahre in Basel gearbeitet. Was ich hier wolle? Im Winter? Dass ich stundenlang über diesen Strand laufe, erst einmal an ihm vorbei, dann viel später in Gegenrichtung wieder zurück? Woher ich komme? Interessiert ihn alles nicht. »Was für ein schöner Nachmittag!«, sagt er bloß, als gehörte ich hierher. Und fragt: »Findest du nicht auch? Und die Fische beißen gut!« Was er denn hier im seichten Wasser fange? »Manchmal stattliche Doraden, meist kleinere carapau, die so ähnlich schmecken wie Makrelen. Nur für meine Frau und mich. Nie mehr als wir zu zweit essen können.« Er genießt die Nachmittagssonne von Westen auf seinem Gesicht – und freut sich des Lebens. »Ist das hier dein Strand, dein Lieblingsstrand?«, frage ich – und während ich die Frage stelle, merke ich erst, wie blöd sie ist. Aber er antwortet klug: »Es ist so sehr mein Strand, wie es dein Strand ist. Und es ist schön, hier zu sein. Jeden Nachmittag.«

Und dann sagt er noch etwas Interessantes: »Wie es hier wohl morgens ist? Ich sollte mal morgens kommen.« Jetzt erzähle ich ihm, dass ich hier wohne. In dem alten, schiefen Fischerhaus da oben. Für ein paar Tage nur. Dass ich den Schlüssel aus dem kleinen Supermarkt zwei Querstraßen weiter habe. Und dass ich weiß, wie es hier morgens ist: sehr, sehr schön nämlich. Der Tag beginnt mit einem seltsam milchigen Hellblau, bei dem Ozean und Himmel eins sind, ehe die Farben irgendwann nach acht satter werden, weil der liebe Gott die Kontraste anknipst und irgendwer die Sonne hisst. Plötzlich umarmt er mich. »Du Glücklicher«, sagt er, »ich muss dringend mal morgens kommen.« Dabei ist er der Glückliche: weil er jeden Tag hierherkommen kann – und nicht nur ein Aussteiger auf Zeit ist, der ein paar Tage lang nicht auf sein Handy hören will und sich wünscht, dass seine Uhr nur noch den Stundenzeiger hat, aber keine mehr für Minuten und Sekunden.

Ob es hier nur zufriedene Menschen gibt? Vielleicht nicht ganz, nicht alle. Die Frau aus dem Supermarkt, die mit dem dicken Schlüsselbund, wirkt seltsam gleichgültig, ihre Tochter irgendwie unzufrieden. Kann sein, dass ihnen die Welt hier zu klein ist und dass erst der Sommer sie wieder mehr lächeln lässt, wenn die Beach Boys und die Badenixen, die Surfer und all die anderen wieder da sind, die irgendwie auf die Praia da Tocha gekommen sind und hier ihre Ferien verbringen. Die Wirtin aus dem Restaurant »Cova do Finfas« dagegen strahlt wieder diese besondere Ruhe aus, dieses wohltarierte Gleichgewicht. Ihr Restaurant ist ihr Wohnzimmer. Ihre Gäste sind noch wirklich Gäste. Als hätte sie sie zu Hause zu Besuch. So behandelt sie sie, so tischt sie auf. So ist ihr Lokal eingerichtet. Ein großes, ein bisschen plüschiges Zimmer mit Kamin hundertzwanzig Schritte vom Ozean entfernt – Türen und Fenster aufs Hinterland ausgerichtet: dorthin, wo das Leben die längste Zeit des Jahres spielt.

Die meisten Menschen hier scheinen seltsam mit sich und ihrem Leben im Reinen zu seinen. Sie sind freundlich und zurückgezogen, nicht neugierig, schon gar nicht invasiv. Sie lassen jeden sein Leben führen, wie er möchte. Ob Einheimische oder Zugereiste.

Abends sind die meisten Fensterläden geschlossen, Jalousien heruntergelassen. Die Innenbeleuchtung einer silbrigen Telefonzelle leuchtet gleißend hell ins Leere, als wollte sie mit dem Licht Kunden wie Motten anlocken, obwohl auch hier längst jeder ein Handy hat und die Zelle eigentlich ausgedient hat. Als Relikt aus einer anderen Zeit passt sie dennoch gut hierher.

Eine winzige Bar ist noch offen, und aus dem geöffneten Fenster des Restaurants »Panorama« am nördlichen Ortsrand riecht es streng nach aggressivem Putzmittel. Am anderen Ortsende, im »Cova do Finfas«, hat die Wirtin gerade die angebrochene Flasche White Port zurück in den Kühlschrank gestellt und die letzte Kerze im Gastraum ausgepustet: Feierabend in Palheiros da Tocha. Und wieder mal die Ruhe vor dem Sturm. Wie letzte Nacht.

Diesmal entscheidet er sich für den ganz großen Auftakt: wirft die Verandatür der Fischerhütte auf, schleudert sie unter maximaler Ausnutzung des Drehwinkels ihrer Scharniere gegen die Wand, dass die Scheiben noch lange vibrieren – und ich gehörig erschrecke. Mit einem Mal ist der Wind wieder da, der Krach angeknipst. Der beste Platz für so etwas mit einer Nacht Praia-da-Tocha-Wintererfahrung in den Knochen? Mit dicker Jacke und Schal im Plastikstuhl auf der Veranda. Mit Blick in die Dunkelheit. Auf den Strand, den Ozean, den dunklen Nachthimmel. Das Auge versucht wieder, sich an irgendetwas festzuhalten, bis das Hirn meldet, dass es so etwas nicht gibt. Allein dieser Moment der Erkenntnis fühlt sich auf spektakuläre Weise entspannend an: zu begreifen, dass da nichts weiter ist. Und dass nicht viel daran fehlt, den Wind sehen zu können.