Leserlenkung und Grenzen der Interpretation - Stefan Gehrig - E-Book

Leserlenkung und Grenzen der Interpretation E-Book

Stefan Gehrig

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Beschreibung

In der Rezeptionsästhetik wird die Mitarbeit des Lesers als notwendig für die Sinnkonstitution eines Textes angenommen. Das wirft jedoch die Frage auf, ob dadurch nicht eher Interpretationen in einen Text hinein- als aus ihm herausgelesen werden. Der Beliebigkeit von Interpretation wäre damit Tür und Tor geöffnet. Sind Texte also eindeutig oder mehrdeutig? Gehrig geht in seinen Überlegungen der Frage nach, wie ein Text für verschiedene Interpretationen offen sein kann, ohne beliebig interpretierbar zu werden. Auf der Basis von Rezeptionsästhetik und Semiotik gewinnt er Kriterien für Grenzen der Interpretationsfreiheit, die in den Texten selbst angelegt sind. Die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, werden an den ersten Zeichenhandlungen Ezechiels in Ez 3,22-5,17 verdeutlicht und verschiedene Beispiele der Leserlenkung herausgearbeitet.

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Seitenzahl: 815

Veröffentlichungsjahr: 2013

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In der Rezeptionsästhetik wird die Mitarbeit des Lesers als notwendig für die Sinnkonstitution eines Textes angenommen. Das wirft jedoch die Frage auf, ob dadurch nicht eher Interpretationen in einen Text hinein- als aus ihm herausgelesen werden. Der Beliebigkeit von Interpretation wäre damit Tür und Tor geöffnet. Sind Texte also eindeutig oder mehrdeutig? Gehrig geht in seinen Überlegungen der Frage nach, wie ein Text für verschiedene Interpretationen offen sein kann, ohne beliebig interpretierbar zu werden. Auf der Basis von Rezeptionsästhetik und Semiotik gewinnt er Kriterien für Grenzen der Interpretationsfreiheit, die in den Texten selbst angelegt sind. Die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, werden an den ersten Zeichenhandlungen Ezechiels in Ez 3,22-5,17 verdeutlicht und verschiedene Beispiele der Leserlenkung herausgearbeitet.

Dr. Stefan Gehrig ist Pfarrer in Winkelhaid.

Beiträge zur Wissenschaft vom Alten und Neuen Testament Zehnte Folge

Herausgegeben von Walter Dietrich Ruth Scoralick Reinhard von Bendemann Marlis Gielen Heft 10 · Der ganzen Sammlung Heft 190

Stefan Gehrig

Leserlenkung und Grenzen der Interpretation

Ein Beitrag zur Rezeptionsästhetik am Beispiel des Ezechielbuches

Verlag W. Kohlhammer

Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Alle Rechte vorbehalten © 2013 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Reproduktionsvorlage: Andrea Siebert, Neuendettelsau Umschlag: Gestaltungskonzept Peter Horlacher Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart Printed in Germany

ISBN: 978-3-17-021317-3

E-Book-Formate

pdf:

978-3-17-026421-2

epub:

978-3-17-027072-5

mobi:

978-3-17-027073-2

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Teil A: ‚Interpretations-Limits‘ – Die Theorie der Interpretationsgrenzen

I. Rezeptionsästhetik als theologische Herausforderung

1. Die Rezeption der Rezeptionsästhetik

1.1 Rezeption und Rezeptionsästhetik

1.2 Rezeption der Rezeptionsästhetik in der Theologie

1.2.1 Systematische Theologie

1.2.2 Praktische Theologie

1.2.3 Exegese

1.3 Fazit und Fragestellung

2. Beliebigkeit als ‚gemeinsames Problem‘

2.1 Der Vorwurf der Beliebigkeit

2.1.1 Die Mitarbeit des Lesers

2.1.2 Einwände gegen die Mitarbeit des Lesers

a) Geschichtslosigkeit

b) Subjektivismus

2.1.3 Die ‚normative Bibel‘ als Gegenstand der Rezeption

2.2 Die (nicht) uneingeschränkte Mitarbeit

2.2.1 Die Literaturwissenschaft

a) Wolfgang Iser

b) Umberto Eco

2.2.2 Die Theologie

a) Die Homiletik

b) Die Exegese

3. Die Notwendigkeit von Interpretationsgrenzen

4. ‚Interpretations-Limits‘ – Ein Überblick

4.1 ‚Interpretations-Limit‘ als Grenze der Interpretation

4.1.1 ‚Interpretations-Limits‘ unter Aufnahme von Umberto Ecos Ansatz

4.1.2 Inhaltliche Implikationen des Begriffs ‚Interpretations-Limit‘

a) Limit und Grenze

b) Textimmanenz

4.2 Die inhaltliche Bestimmung von ‚Interpretations-Limits‘

4.3 ‚Interpretations-Limits‘ als Interpretations-Limit

5. Umberto Eco als Säulenheiliger?

II. Interpretations-Limits und Limitierung der Interpretation

1. Grundfragen eines rezeptionsästhetischen Textverständnisses – die Offenheit177

1.1 Begriffsdefinitionen

1.1.1 Semantischer Leser – Kritischer Leser

1.1.2 Interpretieren – Gebrauchen

1.1.3 Interpretation als Abduktion

1.2 Das Konzept von Modell-Leser und Modell-Autor

1.3 Der Weg des Modell-Lesers: Inferentielle Spaziergänge

2. Kriterien für Interpretations-Limits

2.1 Verteidigung des wörtlichen Sinns

2.2 Interpretationsleitender Modell-Leser

2.2.1 Die Konstituierung des Modell-Lesers

2.2.2 Der Modell-Leser als Textstrategie

a) Diskursive und narrative Strukturen

b) Topik 238

c) Mögliche Welten

d) Phantom-Kapitel

e) Offenheit und Geschlossenheit bei der Mitarbeit des Lesers

2.3 Kontextuelle Selektionen

2.3.1 Kultureller Kontext

2.3.2 Interne Textkohärenz

2.3.3 Präsuppositionen

3. Interpretations-Limits und Text – Ein Fazit

3.1 Der Primat des Textes

3.2 Die Falsifizierung der Fehlinterpretation

3.3 Unbestimmtheit der Interpretations-Limits

4. Interpretations-Limits und Exegese

4.1 Textanalyse

4.2 Historisch-kritische Exegese

4.2.1 Die Welt des Textes

4.2.2 Die Geschichte des Textes

4.3 Rezeption

4.4 Genese, Rezeption und Text – Eine Verhältnisbestimmung

5 Interpretations-Limits und der biblische Text

5.1 Die Anwendung auf Ezechiel 3,22–5,17

5.2 Fortschreibung, holistisches Modell und Leserlenkung – Eine Verortung in der Ezechielexegese

5.2.1 Ein kurzer Überblick über Grundtendenzen der Ezechielexegese

a) Das Ezechielbuch als Ergebnis sukzessiver Fortschreibungen

b) Das Ezechielbuch als schriftstellerische Einheit

5.2.2 Ezechielexegese und Interpretations-Limits

Teil B: Das Ezechielbuch – Erzählkomposition als grundlegendes Leseprinzip

1. Leserlenkung durch die sprachliche Struktur

1.1 Die Konstituierung des Modell-Lesers zu Buchbeginn (Ez 1,1–3)

1.1.1 Die sprachliche Struktur

1.1.2 Der Modell-Leser der ersten Verse

1.1.3 Der Erzählbeginn als erster Schritt des Modell-Lesers

1.2 Die Visionen als tragende Elemente des Erzählgerüstes

1.2.1 Die Eingangsvision in Ez 1,4–3,15

1.2.2 Die Vision des verdorbenen Tempels (Ez 8–11)

1.2.3 Die Auferstehung des Totenfeldes (Ez 37,1–14)

1.2.4 Die Vision des neuen Tempels (Ez 40–48)

1.2.5 Der Weg des Modell-Lesers und die erzählenden Grundelemente – Eine erste Zusammenschau

1.3 Szenen und Redeeinleitungen

1.3.1 Szenen und Zeitangaben

1.3.2 Wortereignisformeln

a) Wortereignisformeln in Verbindung mit Zeitangaben

b) Die klassische Wortereignisformel

1.3.3 Der weitere Weg des Modell-Lesers auf der ersten Kommunikationsebene – Eine zweite Zusammenschau

1.4 Die Redeelemente im Erzählduktus

1.4.1 Die Bestimmung der ‚Kleinen Einheiten‘

1.4.2 Die narrativen Implikationen der ‚Kleinen Einheiten‘

1.4.3 Redeeinheiten und Phantom-Kapitel – Eine Erzählung entsteht

1.5 Die Erzählstruktur als Interpretations-Limit für den Leseweg des Modell-Lesers – Eine Zusammenfassung

2. Die inhaltlichen Rahmenbedingungen der Erzählkomposition

2.1 Die Gestaltung der Zeit

2.1.1 Das grundlegende Gerüst

2.1.2 Besondere Datierungen

a) Ez 29,1 und 33,21

b) Ez 1,1 und 29,17

2.1.3 Punktuelle Datierung und Zeitfenster

2.1.4 Das chronologische Gesamtgefüge

2.1.5 Chronologie als Interpretations-Limit

2.2 Die Schauplätze

2.2.1 Unter den Weggeführten am Fluss Kebar (Ez 1,1–3)

2.2.2 In der Ebene

2.2.3 Ezechiels Haus

2.2.4 Jerusalem

2.2.5 Schauplätze und Leserlenkung – Eine Zusammenfassung

2.3 Die handelnden Personen

2.3.1 Ezechiel

2.3.2 JHWH

2.3.3 Das Volk JHWHs

2.3.4 Akteure und Leserlenkung

2.4 Der Plot der Ezechielerzählung

3. Die Ezechiel-Erzählung und der Modell-Leser

3.1 Der grundlegende (Erzähl-)Rahmen

3.2 Die chronologische Ordnung als Leserichtung

3.3 Erster und zweiter Lesegang

3.4 Die Inhalte als ‚Interpretationsrichtung‘ für die Mitarbeit des Lesers

Teil C: Inferentielle Spaziergänge und Interpretations-Limits im Ezechielbuch – Eine Anwendung an Ez 3,22–5,17

I. Der Textbestand von Ez 3,22–5,17 – Annotierte Übersetzung

1. Abgrenzung des Textkomplexes

2. Übersetzung und Anmerkung

Ez 3,22–27

a) Anmerkungen zur Übersetzung

b) Geschichte des Textes

Ez. 4,1–8

a) Anmerkungen zur Übersetzung

b) Geschichte des Textes

Ez 4,9–17

a) Anmerkungen zur Übersetzung

b) Geschichte des Textes

Ez 5,1–4

a) Anmerkungen zur Übersetzung

b) Geschichte des Textes

Ez. 5,5–17

a) Anmerkungen zur Übersetzung

b) Geschichte des Textes

3. Straßentheater vs. Magie

II. Inferentielle Spaziergänge und Interpretations-Limits – Die Lenkung des Lesers

1. Das vorausgehende, das nachgehende und das mitgehende Interpretations-Limit

2. Das vorausgehende Interpretations-Limit

2.1 Der Lese-Weg des semantischen Lesers: Die angenommene Ausführung der Zeichenhandlung

2.1.1 Ezechiel als Mann Gottes

2.1.2 Auf der Seite JHWHs

2.1.3 Reaktion impliziert Aktion

2.1.4 Die Konsequenzen einer Weigerung

2.1.5 Pars pro toto

2.1.6 Die Wegweiser auf dem Leseweg als vorausgehendes Interpretations-Limit

2.2 Alternative Abduktion des kritischen Lesers

2.2.1 Abduktion als fehlende Deduktion

2.2.2 Die notwendige Imagination

a) Imaginierte Inszenierungen

b) Topik und Isotopie – Ein intendiertes Spannungsverhältnis

c) Phorische Uneindeutigkeit und Imagination

2.3 Die Ausführung im Leser

2.4 Abduktionen

2.4.1 Abduktion in der historisch-kritischen Auslegung

2.4.2 Semantisch-textorientierte Abduktion bei Johannes Calvin

2.4.3 Kritisch-rationalistische Abduktion und differierende Modell-Leser-Rekonstruktion

a) Rudolf Smend

b) Mose ben Maimon

2.5 Vorausgehendes Interpretations-Limit und Modell-Leser – Eine Zusammenfassung

3. Das nachgehende Interpretations-Limit

3.1 Ein geschlossen-offener Spaziergang

3.2 Anregungen zu Spaziergängen und deren nachgehende Interpretations-Limits

3.2.1 Ez 3,22–27

3.2.2 Ez 4,1–8

3.2.3 Ez 4,9–17

3.2.4 Ez 5,1–4

3.2.5 Ez 5,5–17

3.3 Spaziergänge und nachgehende Interpretations-Limits – Eine Zusammenschau

3.3.1 Nachgehende Interpretations-Limits und literarhistorisches Wachstum

3.3.2 Das Feld der nachgehenden Interpretations-Limits

3.3.3 Nachgehende Interpretations-Limits – Offenheit und Eindeutigkeit

4. Das mitgehende Interpretations-Limit

4.1 Erzählperspektive und Leserperspektive

4.1.1 Ich-Erzählung und (interne) Deutung

4.1.2 Ezechiel und das Wissen des Volkes

4.2 Das Mehr-Wissen Ezechiels und des Modell-Lesers

4.2.1 Unheilsprophetie

4.2.2 Jerusalem

4.2.3 Liegen auf der Seite

4.2.4 Backen in Menschenkot

4.2.5 Nahrungsknappheit

4.2.6 Scheren der Haare

4.2.7 Die Anrede an das Volk – ein Perspektivenwechsel (Ez 5,5ff.)

4.3 Interpretations-Limits und perspektivischer Dialog

5. Voraus-, nach- und mitgehende Interpretations-Limits – Eine Zusammenschau

5.1 Bildhafte Zeichenhandlungen und Offenheit

5.2 Anregung und Einschränkung

5.3 In-, Mit- und Gegeneinander der verschiedenen Möglichkeiten von Interpretations-Limits

Rückblick und Ausblick: Und Du, Menschensohn – lies!

1. Interpretation und Interpretations-Limits

1.1 Die theoretischen Grundlagen

1.2 Die Rahmenbedingungen

1.3 Verschiedene Interpretations-Limits – Der Versuch einer Kategorisierung

2. Das Interpretations-Limit als ‚extra lectorem‘

3. ‚Ze zeggen wat ze te zeggen hebben‘

Bibliographie

Bibelstellenregister

Sachregister

Glossar

Vorwort

Die vorliegende Arbeit wurde im Wintersemester 2008/2009 an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau als Dissertationsschrift angenommen und für die Drucklegung geringfügig überarbeitet.

Das Interesse an dem Thema von Offenheit und Grenzen von Interpretation entstand, als ich mich während meines Studiums zeitgleich mit den prophetischen Zeichenhandlungen einerseits und der Theorie der Predigt als offenem Kunstwerk andererseits beschäftigte und beides miteinander ins Gespräch brachte. Diese Dissertation ist mein (Zwischen-)Ergebnis dieser Begegnung und was daraus erwachsen ist.

Zum Thema von Offenheit und Beliebigkeit passend, gab es bereits im Entstehen der Arbeit immer wieder Anfragen und Anregungen, welche Themenbereiche im Rahmen einer solchen Erörterung abzudecken sind. Was gehört über das Vorgelegte hinaus noch zum Themenkomplex, was ist verzichtbar? Welche Begrifflichkeiten sind zielführend, welche irreführend? Welche Gedankengänge sind notwendig, welche hinderlich für den Fortgang? Was der eine für geeignet hielt, schien der anderen als unpassend und umgekehrt. So sehr dies einerseits die Arbeit auch erschwerte, verdeutlicht es für mich vor allem das große Diskussionspotential und den Diskussionsbedarf dieses Themas.

Insofern kann und darf eine derartig angelegte Dissertation keine abschließenden Überlegungen vorlegen. Vielmehr soll dieses Buch dazu anregen, die unterschiedlichen Stimmen miteinander ins Gespräch zu bringen, manches neu zu hören, anderes zu verwerfen – und es soll als Ansatz dienen, um weiter zu überlegen und zu suchen. Hoffentlich kann es dazu beitragen, dass die vielfältigen Gedanken zu Grenzen der Interpretation in der rezeptionsästhetischen Diskussion auch in der Theologie immer wieder Gehör finden und damit selbst wieder rezipiert werden können. Mögen diese Überlegungen, um es in Anlehnung an Eco zu sagen, nicht nur (und vielleicht noch nicht einmal in erster Linie) Antworten geben, sondern (bewusst auch) Fragen anstoßen.

Danken darf ich zunächst meinem Doktorvater Prof. Dr. Helmut Utzschneider, der sich von Anfang an auf dieses Thema einließ und mir die dazu notwendige Freiheit gab, gleichzeitig aber stets helfend zur Seite stand und begleitete, wo es nötig war. Er war und ist ein hervorragender Weggefährte auf meinen wissenschaftlichen Spaziergängen durch das Alte Testament.

Mein zweiter Dank geht an Prof. Dr. Walter Dietrich und Prof. Dr. Christian Frevel für ihre Bereitschaft, die Arbeit in die „Beiträge zur Wissenschaft des Alten und Neuen Testaments“ aufzunehmen und für ihre wichtigen und konstruktiven Rückmeldungen zum Skript.

Dankbar bin ich zudem der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB) und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die jeweils durch einen sehr großzügigen Druckkostenzuschuss dazu beigetragen haben, dieses Buch in der vorliegenden Form veröffentlichen zu können.

Desweiteren danke ich herzlich Akad. Direktor Jörg Dittmer; Akad. Rat Dr. Markus Mülke; Pfarrer Reinhold Fritsche und Eva-Susanne Graffmann für das intensive und akribische Korrekturlesen der Manuskripte; den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Bibliothek der Augustana Hochschule für ihren über das normale Maß hinausgehenden Einsatz bei der Recherche und Beschaffung von Literatur; den Brüdern der Christusträger Bruderschaft in Triefenstein für die Möglichkeit, mich für manch arbeitsreiche Phasen in die Stille zurückziehen zu können; OKR apl. Prof. Dr. theol. habil. Mag. Art. Stefan Ark Nitsche für einen – wenn auch zunächst nur zufällig geäußerten – wichtigen Gedanken, der zur Hauptthese dieser Arbeit führte; Florian Specker vom Kohlhammer Verlag für die kompetente und geduldige Begleitung; Andrea Siebert für die bewährt gute und vor allem stets fachlich und menschlich aufmerksame Arbeit bei der Erstellung der Druckvorlage und meinen Eltern, die mich auf meinem Weg immer unterstützt haben.

Ein besonders herzlicher Dank jedoch geht an meine Frau Esther und unsere drei wunderbaren Kinder, die nicht nur die schönen, sondern auch manch anstrengende und schwere Zeiten mit viel Liebe mitgegangen sind und getragen haben.

Winkelhaid, im Frühjahr 2012

Stefan Gehrig

Teil A: ‚Interpretations-Limits‘ – Die Theorie der Interpretationsgrenzen

I. Rezeptionsästhetik als theologische Herausforderung

„[D]ie Biblia sagt sehr Weniges, um sehr Vieles zu sagen, wie wann man saget PARS PRO TOTO“1 – mit diesem ‚hermeneutischen Schlüssel‘ begründet Pater Caspar Wanderdrossel in Umberto Ecos Roman ‚Die Insel des vorigen Tages‘ seine Auslegung, das im ersten Königebuch erwähnte Land Ophir2 sei gleichzusetzen mit den ‚Insulae Salomonis‘. Diese befänden sich zudem zweifellos exakt auf dem hundertachtzigsten Meridian: „Salomo sprach: Schneidet das Kind entzwey, Salomo sprach: Schneidet in zwey die Erde.“3 Die Teilung der Erde am hundertachtzigsten Meridian sei deshalb untrennbar mit Salomo verbunden – und damit auch mit der Lage der Salomo-Inseln.

Die Bibel sagt sehr Weniges, um sehr Vieles zu sagen – doch stellt sich die Frage, wann ein Interpret mehr sagt als das Viele, das die Biblia beinhaltet. Oder anders formuliert: Welche Interpretation eines biblischen Textes ist diesem noch angemessen und ab wann erweist sich eine Interpretation als Fehlinterpretation? Besonders relevant wird diese Frage im Rahmen rezeptionsästhetischer Ansätze, die nicht nur den Text an sich, sondern auch dessen Aufnahme durch den Leser4 als konstituierend für den Text sehen. Inwieweit kann oder muss gerade in einem leserorientierten und rezeptionsoffenen Modell von interpretationsbeschränkenden oder -lenkenden Aspekten für biblische Texte gesprochen werden?

Diesen Fragen geht die vorliegende Arbeit nach und wendet die Überlegungen auf die Auslegung der ersten Zeichenhandlungen des Ezechielbuches in Ez 3,22–5,17 an. Ausgangspunkt sind dabei theoretische Ausführungen zu dem Verhältnis von Mehrdeutigkeit und Beliebigkeit. In diesem Zusammenhang ist der Blick bewusst auch interdisziplinär auf die theologische Rezeption der Rezeptionsästhetik gerichtet und so das Thema als Fragestellung der Bibelwissenschaften, aber auch der Systematischen und der Praktischen Theologie wahrgenommen. Daran anschließend sollen Möglichkeiten zur Bestimmung von Fehlinterpretationen erörtert und dabei aufgezeigt werden, wie ein Text seine Interpretation lenken kann.

Im Zuge der Anwendung auf den Text wird in einem zweiten Schritt dargelegt, wie das Ezechielbuch in seiner Grundstruktur einen Interpretationsrahmen für die Lektüre eröffnet, und in einem dritten Schritt werden an dem konkreten Einzeltext der ersten Zeichenhandlungen des Ezechielbuches verschiedene Möglichkeiten der Leserlenkung aufgezeigt, die dem Leser manche Interpretationen nahelegen und andere ausschließen. Dabei wird sich zeigen, wie die Bestimmung von Interpretationsgrenzen gleichzeitig neue Aspekte des Textverständnisses eröffnen kann.

1. Die Rezeption der Rezeptionsästhetik

Der in der Literaturwissenschaft vollzogene Paradigmenwechsel „von der Textwissenschaft zur Kommunikationswissenschaft“5 hatte auch Auswirkungen auf unterschiedliche Bereiche der Theologie im Allgemeinen und der Exegese im Speziellen. Die Rezeptionsästhetik als ein besonderer Aspekt der Literaturwissenschaft prägte dabei verschiedene Bereiche der Theologie:6 In biblischen Texten wurden ‚Leerstellen‘ untersucht,7 der biblische Leser in Anlehnung an ‚Lector in fabula‘8 als ‚Lector in biblia‘9 bezeichnet. Die Predigt wurde als ‚offenes Kunstwerk‘, Umberto Eco – zunächst noch mit Fragezeichen versehen – als ‚Predigthelfer‘ tituliert.10 Die Semiotik und vor allem die Rezeptionsästhetik fanden als Dialogpartner in unterschiedlichen Bereichen der Theologie Eingang. Die Rezeption der Rezeptionsästhetik wurde in der Theologie salonfähig.

1.1 Rezeption und Rezeptionsästhetik

Der Begriff Rezeption beschreibt zunächst ein alltägliches Phänomen: die Annahme beziehungsweise Aufnahme11 fremden Gedanken- und Kulturguts.12 Das Weitererzählen von Gehörtem oder die Beschreibung von Gesehenem gehört somit im weiteren Kontext ebenso zum Bereich der Rezeption wie das Leben in familiären oder kulturellen Traditionen. Wer in seinem Leben (und Schaffen) Bezug nimmt auf bereits existierende Ideen oder Werke, der rezipiert Vorhandenes. Das Phänomen der Rezeption stellt also keine neue Entdeckung oder These der letzten Jahrzehnte dar, sondern ist ein selbstverständlicher Vorgang menschlichen Verhaltens, ohne den menschliche Kommunikation und menschliches Leben nicht denkbar und möglich wären.

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