Lexikon Psychologie - Wolfgang Schmidbauer - E-Book

Lexikon Psychologie E-Book

Wolfgang Schmidbauer

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Wolfgang Schmidbauers klares und kompaktes Nachschlagewerk ist seit seiner ersten Auflage zu einem wahren Leselexikon für den praktischen Hausgebrauch geworden. Es bietet von AAM bis Zwillingsforschung leicht fassliche Informationen über schwierige Themen. Die vorliegende Auflage wurde vom Autor erweitert um Texte über: Affektive Störung, Beziehungswahn, Compliance, Dissoziation, Flooding, Gewalt, Humor, Integration, Jugendreligionen, Krisenintervention, Liebesverlust, Mobbing, Opfer, Posttraumatisches Syndrom, Sterben, Tinnitus, Weiblichkeit, Zeitmanagement sowie 90 weitere Artikel.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 453

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



rowohlt repertoire macht Bücher wieder zugänglich, die bislang vergriffen waren.

 

Freuen Sie sich auf besondere Entdeckungen und das Wiedersehen mit Lieblingsbüchern. Rechtschreibung und Redaktionsstand dieses E-Books entsprechen einer früher lieferbaren Ausgabe.

 

Alle rowohlt repertoire Titel finden Sie auf www.rowohlt.de/repertoire

Wolfgang Schmidbauer

Lexikon Psychologie

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Wolfgang Schmidbauers klares und kompaktes Nachschlagewerk ist seit seiner ersten Auflage zu einem wahren Leselexikon für den praktischen Hausgebrauch geworden.

Es bietet von AAM bis Zwillingsforschung leicht fassliche Informationen über schwierige Themen. Die vorliegende Auflage wurde vom Autor erweitert um Texte über:

 

Affektive Störung, Beziehungswahn, Compliance, Dissoziation, Flooding, Gewalt, Humor, Integration, Jugendreligionen, Krisenintervention, Liebesverlust, Mobbing, Opfer, Posttraumatisches Syndrom, Sterben, Tinnitus, Weiblichkeit, Zeitmanagement sowie 90 weitere Artikel.

Über Wolfgang Schmidbauer

Wolfgang Schmidbauer, geboren 1941, Diplom-Psychologe und Dr. phil., arbeitet als Psychotherapeut in freier Praxis und als Dozent in der Münchener Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse. Im Rowohlt Verlag erschienen außerdem: «Die Heimliche Liebe», «Die Kentaurin», «Wenn Helfer Fehler machen«, «Ich wusste nie, was mit Vater ist», «Eine Kindheit in Niederbayern», «Mit dem Moped nach Ravenna», «Ein Haus in der Toscana», «Alles oder nichts », «Liebeserklärung an die Psychoanalyse», «Weniger ist manchmal mehr», «Helfen als Beruf», «Hilflose Helfer», «Kein Glück mit Männern», «Jetzt haben, später zahlen», «Die Angst vor Nähe», «Du verstehst mich nicht!», «Die Geheimsprache der Krankheit», «Freuds Dilemma» und «Wie Gruppen uns verändern».

Inhaltsübersicht

VorwortOrientierungsrahmenABCDEFGHIJKLMNOPRSTUVWZPersonenverzeichnisRegister

Vorwort

Es gibt bereits eine Reihe psychologischer Lexika, darunter auch einige, die in Taschenbuchausgaben erschienen sind. Dabei handelt es sich um Nachschlagewerke, die primär für Wissenschaftler und nicht für interessierte Laien gedacht sind. Demgegenüber ist dieses Lexikon auf das Informationsbedürfnis nicht einschlägig vorgebildeter Leser zugeschnitten. Die Ausdrücke der Fachsprache werden nicht vorausgesetzt, sondern ihrerseits möglichst genau und anschaulich erklärt. Die Auswahl der Stichwörter ist daran orientiert, Einsichten der Psychologie und Psychotherapie fruchtbar zu machen, um alltägliche Fragen, aber auch Konflikte und Probleme des Zusammenlebens zu beleuchten und lösen zu helfen. Das Lexikon bietet sich daher auch in den längeren Beiträgen als Lesebuch an, nicht nur als Nachschlagewerk. Der Schwerpunkt liegt im Bereich der klinischen und der Sozialpsychologie, jener Fächer, die sich mit seelischen Leiden und mit Fragen des menschlichen Zusammenlebens befassen. Psychologie wird hier weniger als Erforschung kleiner Ausschnitte des Verhaltens, sondern als emanzipatorische Wissenschaft im Dienst menschlichen Wachstums aufgefasst, das durch ein besseres Verständnis unserer Gefühle und Gedanken gefördert werden kann.

 

Zum praktischen Gebrauch noch einige Hinweise:

In einem Lexikon lassen sich Begriffe, auf die man im Gespräch oder durch Lektüre stößt, rasch klären. Schwieriger ist es, sich darin zu bestimmten Problemen Auskunft zu holen, solange man die einschlägigen Begriffe nicht kennt. Deshalb ist diesem Lexikon als Einstiegshilfe für den Benutzer ein Orientierungsrahmen vorangestellt. Darin sind den psychologischen Problemfeldern, die vor allem für Laien wichtig sind, die dazu im Lexikon erfassten Schlüsselbegriffe zugeordnet.

Begriffe, die keine eigenen Artikel erhalten haben, aber unter anderen Stichwörtern erklärt werden, finden sich im Register. Ein Pfeil vor einem Begriff innerhalb eines Artikels bedeutet, dass dieser Begriff in einem eigenen Artikel erklärt wird.

In vielen Artikeln sind Psychologen und ihre Anreger namentlich erwähnt. Damit sie zeitlich und in ihrer Bedeutung für die Psychologie eingeordnet werden können, sind sie in einem Personenverzeichnis erfasst.

 

München, im Juni 1991

Wolfgang Schmidbauer

 

In den zehn Jahren seit meiner letzten Durchsicht habe ich einige Lücken entdeckt und zahlreiche neue Begriffe von A bis Z, von «Affektive Störung» bis «Zivilisation» erfasst. So wurde die Neuauflage um 108 neue Artikel erweitert.

 

München, im März 2001

Wolfgang Schmidbauer

Orientierungsrahmen

Eltern-Kind-Probleme

Abhängigkeit

Ablösung

Anale Phase

Coming-out

Erziehung

Familie

Kindertherapie

Kindliche Sexualität

Lernen

Ödipuskomplex

Orale Phase

Phallische Phase

Verwahrlosung

Entwicklung

Adoleszenz

Akzeleration

Entwicklung

Erziehung

Familie

Ich-Ideal

Identifizierung

Jugend

Jugendreligionen

Pubertät

Schule

Frauenemanzipation

Doppelmoral

Emanzipation

Geschlechtsrolle

Männlicher Protest

Ödipuskomplex

Politische Psychologie

Gesellschaftliche Einflüsse

Antisemitismus

Autoritäre Persönlichkeit

Borderline-Störung

Deprivation

Emanzipation

Entfremdung

Erster Eindruck

Erziehung

Evaluation

Fanatismus

Feministische Psychologie

Folter

Friedensforschung

Gehorsam

Gemeindepsychologie

Gewalt

Identifizierung

Individualisierung

Integration

Konformität

Konsumpsychologie

Krisenintervention

Manipulation

Nationalsozialismus

Netzwerk

Ökologische Psychologie

Patchworkidentität

Peerorientierung

Politische Psychologie

Psychoboom

Repressive Entsublimierung

Sozialisation

Sozialpädagogik

Sozialpsychiatrie

Sozialpsychologie

Thanatopsychologie

Vandalismus

Vorurteil

Weiblichkeit

Kontakt- und Beziehungsschwierigkeiten

Angst

Außenseiter

Besitzanspruch

Bindung

Doppelbindung

Echtheit

Eheberatung

Eifersucht

Intimität

Isolation

Kommunikation

Meditation

Mobbing

Näheangst

Neid

Neurose

Paarbeziehung

Perfektionismus

Schüchternheit

Lernen und Gedächtnis

Anspruchsniveau

Aufmerksamkeit

Erziehung

G-Faktor

Hedonistische Relativität

Intelligenz

Intermittierende Verstärkung

Invarianz

Konzentration

Lernen

Lernstörungen

Prüfungsangst

Schule

Seelische Leiden

Agoraphobie

Alexithymie

Angst

Anorexie

Autismus

Balintgruppe

Borderline

Bulimie

Burnout

Depression

Helfersyndrom

Hilflosigkeit, erlernte

Hysterie

Inzest

Mutismus

Näheangst

Neurose

Persönlichkeitsstörungen

Phobie

Posttraumatisches Syndrom

Psychopathie

Psychose

Schizophrenie

Trauer

Zensur

Behandlung seelischer Leiden

Arbeitsbündnis

Desensibilisierung

Dynamische Psychiatrie

Eutonie

Familientherapie

Feldenkrais-Methode

Gestalttherapie

Gruppentherapie

Implosionstherapie

NLP

Partnertherapie

Primärtherapie

Psychiatrie

Psychoanalyse

Psychodrama

Psychotherapie

Selbstverletzungen

Supervision

Systemische Therapie

Tinnitus

Trance

Transaktionsanalyse

Verhaltenstherapie

Sexualprobleme

Frigidität

Homosexualität

Impotenz

Jugendsexualität

Kastrationsangst

Keuschheit

Liebesfähigkeit

Masochismus

Nymphomanie

Orgasmusschwierigkeiten

Perversion

Sexualangst

Sexualerziehung

Wahrnehmung und Kommunikation

Empathie

Farbenblindheit

Manipulation

Psycholinguistik

Purkinje-Phänomen

Semantik

Telefonterror

A

AAM

Abkürzung von Angeborener Auslösender Mechanismus. Von den Verhaltensforschern N. Tinbergen und K. Lorenz entwickelter Ausdruck für zweckmäßige Reaktionen, die von den meisten Tieren einer Art ohne vorherige Erfahrung (→ Lernen) ausgeführt werden, sobald diese bestimmte → Schlüsselreize wahrnehmen. Der AAM ist ein Nervenapparat, der typische Reize in typische Reaktionen umsetzt. Vor allem bei niederen Wirbeltieren (Reptilien, Vögeln) bestimmen solche Mechanismen viele Züge des Sozialverhaltens: Eine Pute (Truthenne) tötet ihre eigenen Küken, wenn sie durch eine Operation gehörlos gemacht wurde, weil ihr Brutpflegeverhalten über einen AAM durch das Piepsen der Küken in Gang gesetzt wird. Bei höheren Wirbeltieren und vor allem beim Menschen lassen sich AAM’s kaum nachweisen. Die von Lorenz vorgetragenen Hypothesen über «angeborene» Reaktionen des Menschen sind umstritten. Jedenfalls sind die AAM-Reste, die auch beim Menschen vorliegen mögen, nicht mehr am konkreten Verhalten, sondern allenfalls an typischen Gefühlserlebnissen abzulesen, die auf bestimmte Situationen folgen (zum Beispiel wenn ein Kind in Lebensgefahr gerät).

Abhängigkeit

Man unterscheidet die teilweise (partielle) Abhängigkeit aller menschlichen Gefühlsbeziehungen von der vollständigen (totalen) Abhängigkeit. Sie ist in der Beziehung des Kindes zu den nährenden und schützenden Erwachsenen naturgegeben, findet sich aber oft auch bei Erwachsenen in einem Festhalten (→ Fixierung) an kindlichen Erlebnisweisen. Ein Partner in einer solchen Abhängigkeitsbeziehung glaubt, nicht mehr ohne den anderen leben zu können, und tut deshalb alles, um die Beziehung aufrechtzuerhalten, auch wenn er sich erniedrigt und gequält fühlt (Hörigkeit). Diese krankhafte Abhängigkeit muss von begründbaren, gegenseitigen Abhängigkeiten unter Erwachsenen (zwischen Ehepartnern oder zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern) unterschieden werden.

Ablösung

Die Umwandlung der vollständigen → Abhängigkeit des Kindes in die teilweise, auf vernünftigen Grundsätzen des Austauschs beruhende Abhängigkeit des Erwachsenen bezeichnet man als Ablösung. (Eine Wiederholung dieser Ablösung tritt oft gegen Ende einer → Psychoanalyse auf.) Die Ablösung des Kindes erfolgt schrittweise; zwei wichtige Punkte sind der Schuleintritt (mit zunehmender Bedeutung der Altersgenossen in der Wertorientierung) und die → Pubertät (mit dem Beginn intimer Beziehungen zum anderen Geschlecht). → Peerorientierung

Abreaktion

Vorgang, durch den ein gestautes oder «eingeklemmtes» (S. Freud) Gefühl ausgedrückt und damit «abreagiert» wird. Galt in der frühen, an kathartischen Erlebnissen orientierten → Psychoanalyse als Ziel der Behandlung. Heute oft für triebhaftes Verhalten schlechthin gebraucht («Das Kind reagiert seine Aggression ab, indem es auf die Trommel schlägt»). Die manchmal zugrunde gelegte Annahme, dass die Abreaktion eines Bedürfnisses dessen Stärke abnehmen lässt, gilt nicht allgemein. Manche Bedürfnisse scheinen durch Abreaktion nicht vermindert, sondern gesteigert zu werden.

Abwehr

Ausdruck der → Psychoanalyse, deren Begründer Sigmund Freud davon ausging, dass aus dem → Es stammende Triebwünsche dann abgewehrt werden, wenn ihre Verwirklichung durch die Außenwelt mit Strafen bedroht ist (etwa der Wunsch eines Kindes, sexuell über die Mutter zu verfügen). Die Abwehr ist eine wichtige Funktion des → Ich, jener seelischen Instanz, die zusammen mit dem → Über-Ich für die Anpassung an die Wirklichkeit sorgt. → Abwehrmechanismus

Abwehrmechanismus

Vorgang, durch den das → Ich zeitweise oder dauernd seelische Inhalte abwehrt, die mit Angst besetzt sind: Triebwünsche aus dem → Es, aber auch Ansprüche des → Über-Ich, der Gewissensinstanz. Der wichtigste Abwehrmechanismus ist die → Verdrängung, durch die ein seelischer Inhalt vom Bewusstsein ausgeschlossen wird. Den Verdrängungsprozess hat bereits F. Nietzsche beschrieben: «Das habe ich getan, sagt mein Gedächtnis. Das kann ich nicht getan haben, sagt mein Stolz. Endlich gibt das Gedächtnis nach.» Der «Stolz», von dem hier die Verdrängung ausgeht, entspricht in der psychoanalytischen Ausdrucksweise dem Ich-Ideal, den positiven Aspekten der Eltern-Vorbilder, die während der Kindheit in den seelischen Apparat aufgenommen werden. Die Verdrängung ist an sich ein normaler seelischer Vorgang, der in unserem Leben immer dann in Aktion tritt, wenn soziale Einschränkungen so übermächtig werden, dass innere Widersprüche gegen sie nicht mehr bewusst verarbeitet und verurteilt werden können, sondern schon vor dem Eintritt ins Bewusstsein erledigt werden müssen, weil sie auch in der abgeschwächten Form des bewussten Vor-Überlegens bereits zu bedrohlich erscheinen. Das ist vor allem in der Kindheit der Fall, in der zum Beispiel feindselige Regungen gegen die schützenden Eltern verdrängt werden müssen. Erst eine Verdrängung, die wegen besonders ungünstiger innerer oder äußerer Einflüsse (hohe Triebstärke oder starke Einschränkungen durch die Eltern bis zur «Gedankenkontrolle») nicht gelingt, kann zu krankhaften Erscheinungen führen: Eine Frau entwickelt beispielsweise eine neurotische Lähmung eines Beines, weil es ihr nicht gelingt, allein durch psychische Verdrängung eines sexuellen Wunsches nach ihrem Schwager Herr zu werden. Die Lähmung nun zieht so viel Aufmerksamkeit auf sich, dass die Verdrängung des sexuellen Wunsches aufrechterhalten werden kann.

Weitere Abwehrmechanismen, die teils neben der Verdrängung, teils dann auftreten, wenn die Verdrängung allein nicht ausreicht, sind die → Projektion, die → Isolierung, die → Reaktionsbildung, die → Rationalisierung, die → Verneinung, die → Identifizierung mit dem Angreifer und die → Sublimierung.

Adaptation

(Adaption) Anpassung, ein grundlegender biologischer Vorgang, wobei durch die natürliche Auslese im «Kampf ums Dasein» (Charles Darwin) die am besten angepassten Lebewesen sich fortpflanzen können. Auch seelische Anpassungsfähigkeit ist von großem biologischem Wert; wer sich im tropischen Urwald ähnlich verhält wie in einem deutschen Forst, riskiert sein Leben. «Angepasst» wird heute gelegentlich in einem abschätzigen Sinn verwendet und dann mit unschöpferisch, starr, beschränkt gleichgesetzt. Gemeint ist wohl die auf einem Anpassungszwang beruhende Adaptation (der Betroffene kann seine Vorstellungen vom «richtigen» Verhalten nicht begründen und reagiert mit Panik oder → Aggression, wenn er sie verletzt sieht), welche man von der Anpassungsfähigkeit als biologischer Leistung in der Bewältigung verschiedener Lebensumstände trennen muss.

Adoleszenz

Stadium des Jugendalters nach der → Pubertät, in dem der junge Mensch vor der Aufgabe steht, nach dem körperlichen Reifungsschritt seinen Platz in der Welt der Erwachsenen zu finden. Die wichtigsten Probleme dieser Lebensperiode sind Berufswahl und → Partnerwahl. Beide sind nur in einem Prozess der Konzentration und damit auch des Verzichts realitätsgerecht zu lösen. Die oft sehr hoch angesetzten Idealvorstellungen (→ Ich-Ideal) der Pubertät werden dabei an der Wirklichkeit geprüft und im günstigen Fall auf ein erreichbares Maß zurückgeschraubt. Im ungünstigeren Fall, der für eine → Neurose typisch ist, gelingt dieser Kompromiss zwischen Ideal und Realität nicht. Der Heranwachsende findet keinen Weg in vertrauensvolle Partnerbeziehungen, weil keiner der erreichbaren Partner seinen Vorstellungen entsprechen kann und er sich enttäuscht in Tagträume und Phantasien zurückzieht. Auch die → Fixierung an ein überhöhtes berufliches Ideal kann die realistische Leistungsfähigkeit hemmen und am Ende zu dem Erscheinungsbild des «verkannten Genies» führen, das durch großartige Projekte sein tatsächliches Versagen bemäntelt. → Jugend

Affekt

Heftiges Gefühl, das sich durch körperliche Begleiterscheinungen (Weinen, Lachen, Schreien) unabweisbar aufdrängt. → Hass, Angst, Liebe, Trauer, Depression

Affektive Störung

Ob wir eine Gefühlsäußerung als «passend» zu einem Anlass erleben, hängt stark von gesellschaftlichen Einflüssen ab. So dürfen Frauen eher weinen als Männer, kleine Kinder gieriger nach Geschenken greifen als Jugendliche. In der affektiven Störung lässt sich eine bedeutsame Abweichung von solchen Normen feststellen. Dabei sind Überreaktionen (ein Mann schlägt einen anderen nieder, weil dieser ihn «abschätzig» angeblickt hat) ebenso bemerkenswert wie Unterreaktionen (eine Frau verarbeitet eine seelisch bedingte Lähmung beider Beine mit freundlicher Gleichgültigkeit). Eine dritte Möglichkeit ist der paradoxe Affekt, zum Beispiel Lachen bei einem traurigen Anlass, eine vierte der krankhaft verlängerte Affekt, zum Beispiel die krankhafte Trauer, in der ein Verlust auch nach vielen Jahren nicht verarbeitet werden kann.

Aggression

Verhalten, das einen anderen Menschen unmittelbar (durch Körperverletzung) oder mittelbar (seelische Kränkung) schädigt. Aggression kann offensiv sein (Angriff) oder defensiv (Verteidigung). Die von manchen Autoren eingeführte Unterscheidung zwischen konstruktiver (aufbauender) und destruktiver (zerstörerischer) Aggression ermöglicht eine weitere Klärung. Der Kampf gegen eine korrupte Diktatur – auch unter Gewaltanwendung – ist zweifellos aggressiv, doch kann er durchaus konstruktive Züge tragen, während ein gewalttätig ausgetragener Rassenhass nur zerstörerisch ist. Andererseits läuft aber ein Ausdruck wie konstruktive oder «gerechte» («natürliche») Aggression Gefahr, die prinzipiellen Schwierigkeiten einer konstruktiven Verwendung von Gewalt zu verdecken.

Aggressionsursachen

Von A. Adler stammt die erste Fassung einer Triebtheorie der Aggression. Nach ihr entsteht aggressives Verhalten durch einen biologisch vorgegebenen Antrieb dann, wenn Interessen des Individuums verletzt wurden und nun mit Hilfe der Aggressivität ausgetragen werden sollen. Hier sind also die beiden wichtigsten Aggressionserklärungen der Gegenwart noch in einem Modell enthalten: Das Triebkonzept (es gibt im Menschen einen Aggressions- oder sogar Todestrieb, der ähnliche Merkmale hat wie der Sexualtrieb und periodisch abreagiert werden muss) und das Frustrations- oder Lernkonzept (Aggression ist kein spontan ablaufendes Triebgeschehen, sondern die Reaktion auf Versagungen anderer Triebwünsche und in jedem Fall durch Lernvorgänge gesteuert). Vertreter der Triebtheorie sind Freud, Lorenz und andere Verhaltensforscher, während die Lerntheorie von den meisten Psychologen und Völkerkundlern vorgezogen wird. Die gegenwärtig von den meisten Forschern akzeptierte Auffassung sieht etwa so aus: Weder die Triebtheorie noch die Frustrationstheorie genügt, um die Vielfalt aggressiver Verhaltensformen zu erklären. Aggression ist wohl kaum ein Trieb, der ähnlich aufgebaut ist wie die Sexualität, sondern ein viel komplizierteres Geschehen, bei dem soziale und kulturelle Einflüsse, frühkindliche Situationen, gegenwärtige Frustrationen und biologisch vorgegebene Reaktionsnormen eine Rolle spielen. Menschliche Aggression scheint seltener ein unmittelbar triebhaftes Geschehen als die Antwort auf Kränkungen des → Narzissmus eines Individuums oder einer Gruppe zu sein. Ob beim Autofahren, in der Politik, bei einer Wirtshausrauferei – die Quelle für aggressive Reaktionen ist meist eine Kränkung des → Selbstwertgefühls.

Aggressivität

Bereitschaft, aggressiv auf bestimmte Reize zu reagieren. Sie ist bei verschiedenen Menschen sehr unterschiedlich ausgeprägt und hängt – ein entscheidender Einwand gegen die Triebtheorie der → Aggression – erheblich von kulturellen Einflüssen ab. Es gibt Kulturen, in denen das für den Westeuropäer «normale» Maß an Aggressivität für ein Zeichen einer ernsten seelischen Erkrankung gehalten würde. Aggressivität kann durch → Tests ungefähr bestimmt werden (etwa indem man prüft, wie häufig die Reaktion auf eine vorgestellte Versagung aggressiv ausfällt).

Agieren

Handeln; manchmal als Kurzform für den psychoanalytischen Ausdruck «ausagieren» (acting out) verwendet. In diesem Fall steht das Agieren des → Patienten in psychotherapeutischer Behandlung (→ Psychotherapie) im Gegensatz zu der analytischen Grundregel (→ Assoziation). Der Patient setzt Phantasien in Handlungen um, statt über sie zu sprechen. Anstatt die Feindseligkeit dem Vater gegenüber bewusst zu verarbeiten, sucht er zum Beispiel Streit mit dem Wirt in einem Lokal. Agieren sollte als unbewusste Wiederholung mit oft schädlichen Folgen vom bewussten Erproben neuer Verhaltensweisen unterschieden werden, das in jeder erfolgreichen Psychotherapie sehr wichtig ist.

Agoraphobie

Platzangst, Auftreten neurotischer → Angst, zum Beispiel vor weiten Plätzen, auch vor Brücken, Stadtautobahnen und so weiter. Häufig ist die Agoraphobie erträglich, sobald der Betroffene eine Begleitperson hat. Hinter solchen Angstzuständen stehen manchmal unbewusste Trennungswünsche oder von der → Zensur unterdrückte erotische Phantasien. Die Agoraphobie ist dann der Kompromiss zwischen einem Wunsch, sich freier zu bewegen, und der Angst vor den Folgen solcher Wünsche.

Akkulturation

Anpassung an eine kulturelle Tradition, wobei entweder das Kind durch die Beziehung zu den Eltern und später zu den Gleichaltrigen die kulturellen Techniken und Werte übernimmt oder aber ein Erwachsener sich durch die Berührung mit einer anderen Kultur (als Auswanderer, Gastarbeiter oder Angehöriger einer Primitivkultur beim Kontakt mit der Zivilisation) Inhalte einer ihm bisher fremden Kultur aneignet.

Aktivität

Tätigkeit; Gegensatz von Passivität. Aktivität gilt als Merkmal des Lebens schlechthin (eine lebende Zelle, zum Beispiel ein Urtier in einem Tümpel, unterscheidet sich von einem faulenden Pflanzenstück durch seine Aktivität). Doch sind Lebewesen in der Regel nur zu bestimmten Zeiten aktiv, zum Beispiel tagsüber (lichtaktive Tiere) oder auch nachts (dunkelaktive Tiere, wie die Fledermaus). → Aktivitätsniveau

Aktivitätsniveau, Aktivationsniveau

Ebene des seelischen Geschehens, die den schrittweisen Übergang vom tiefen Schlaf über den ruhigen Wachzustand bis zur normalen Tätigkeit und zu Erregungsspitzen bei heftigem → Affekt beschreibt. Das Aktivitätsniveau lässt sich auch durch Ableiten und graphische Darstellung der Hirnströme (Elektro-Enzephalogramm) ermitteln. Es kann durch äußere Reize, innere Reize und Kombinationen beider gesteigert werden. Biologisch hängt das Aktivitätsniveau mit dem als → Neugieraktivität beschriebenen Verhalten vieler höherer Tiere zusammen. Diese wenden sich auch dann der Umwelt zu, erforschen sie, erproben Bewegungsmöglichkeiten, wenn keine unmittelbare Befriedigung von Grundbedürfnissen, wie nach Nahrung, damit verbunden ist. Diese Neugieraktivität ist beim Menschen besonders deutlich ausgeprägt und wohl eine wichtige Grundlage der Kulturentwicklung, die sich gewiss nicht allein durch → Sublimierung erklären lässt. Der biologische Sinn der Neugieraktivität liegt darin, dass auf diese Weise seelische und körperliche Leistungen eingeübt und entwickelt werden, die dann im Ernstfall gute Dienste leisten (das Tier kann einem Feind besser entfliehen, wenn es vorher «spielerisch» die Umgebung ausgekundschaftet hat). Je stärker lebensnotwendige Bedürfnisse werden, desto mehr tritt die Neugieraktivität zurück. Wer erschöpft einer Berghütte zustrebt, wird sich meist nicht mehr für die Schönheit der Landschaft interessieren.

Akzeleration

Beschleunigung eines Entwicklungs- oder Reifungsvorgangs. Jugendliche erreichen in allen Kulturvölkern seit der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts immer früher die Geschlechtsreife, sie werden größer und schwerer als die Elterngeneration in einem vergleichbaren Lebensalter. Vermutlich wird die Akzeleration durch Umwelteinflüsse bedingt, welche die Hirnanhangdrüse (Hypophyse) dazu anregen, früher und mehr wachstumssteigernde Hormone zu bilden. Solche möglichen Einflüsse sind die veränderte Ernährung (mehr Proteine), der viel stärkere Zufluss optischer Reize in einer veränderten Umgebung, die stärkere Licht-Exposition durch den häufigeren Aufenthalt im Freien, der zunehmende → Stress durch die Lebensbedingungen in der Großstadt (in der die Akzeleration nachweislich stärker ausgeprägt ist als auf dem Land). Psychologische Probleme entstehen durch die Akzeleration vor allem dann, wenn der Jugendliche äußerlich einen weit «erwachseneren» Eindruck macht, als er seelisch tragen kann. Dadurch kann es geschehen, dass ihm Verantwortung und vernünftige Haltung abverlangt werden, die ihn überfordern, wie zum Beispiel in einer Frühehe. Das Auseinanderklaffen von körperlicher und geistig-emotionaler Entwicklungsstufe bei manchen akzelerierten Jugendlichen gibt oft auch Anlass zu kränkendem Spott, vor allem in einer Gesellschaft, in der Fortschritt – auch Fortschritt der Entwicklung zum Erwachsenen – als wichtiger Wert gilt («Jetzt bist du schon so groß und benimmst dich so kindisch …»).

Akzeptanz

Angenommenwerden einer sozialen Neuerung, z.B. einer Ware, eines Gesetzes, eines Transportmittels, einer Partei oder eines Politikers. Die Akzeptanz ist eine wichtige Information für Unternehmer und politische Parteien, welche wissen müssen, ob ihre Produkte und Projekte von der Bevölkerung angenommen werden.

Alexithymie

Gefühlsabwehr; Unfähigkeit, bei sich und anderen Gefühle in angemessener Weise wahrzunehmen. Ein hochdruckkranker Mann sagt beispielsweise: «Meine Frau ist unzufrieden mit mir. Sie sagt, dass ich keine Gefühle habe und ein Langweiler bin. Ich weiß nicht, ob sie Recht hat. Ich verstehe das nicht. Früher war sie zufrieden mit mir. Was soll ich tun, damit ich die Gefühle habe, die sie von mir verlangt? Mein Hausarzt hat gesagt, ich sollte eine Psychotherapie machen.» Der alexithyme Patient wird als ausdrucksarm und sachbezogen beschrieben, er hat Mühe, sich für sich selbst und für andere Menschen zu interessieren, kann innere Spannungen schlecht ausdrücken, was dazu führt, dass er seinen Organismus überlastet und erkrankt. Ähnliche Zustände wurden bei schwer Traumatisierten, beispielsweise überlebenden Häftlingen der Konzentrationslager beschrieben.

Alkoholismus

«Warum trinkst du?», fragt der kleine Prinz in Saint-Exupérys Buch den Alkoholiker. «Weil ich mich schäme!» – «Und warum schämst du dich?» – «Weil ich trinke.» Hier ist der Teufelskreis des Alkoholismus klar verdeutlicht. Der Alkohol spendet Trost, statt die Probleme zu lösen; als Tröster unentbehrlich, wird er bald zum größten Problem des Trinkers. Man muss verschiedene Formen des Alkoholismus unterscheiden, die man nach E.M. Jellinek mit griechischen Buchstaben kennzeichnet: Alpha-Trinker schauen gern tief ins Glas, weil sie sich dann wohler fühlen, können aber aufhören, wenn sie wollen. Beta-Trinker trinken regelmäßig größere Mengen, entweder am Abend oder auch während der Arbeit. Sie können aufhören, wenn sie körperliche Schäden durch den Alkohol (Leberverfettung, Pankreasentzündung) feststellen. Gamma-Alkoholiker können das nicht mehr; ihre Stoffwechselvorgänge haben sich an die Alkoholzufuhr angepasst, sodass sie an Entzugserscheinungen leiden, wenn sie nicht mehr trinken. Andererseits verlieren sie schon durch kleine Alkoholmengen jede Kontrolle über das eigene Trinken (daher die Gefahr der «guten Freunde», die «nur ein Gläschen» vorschlagen – der frühere Alkoholiker kann dann kaum seinen Vorsatz, nichts mehr zu trinken, aufrechterhalten, sondern bechert weiter, bis er am Boden liegt). Wie alle Süchtigen neigt der Alkoholiker dazu, sich selbst zu betrügen und seine Abhängigkeit zu verleugnen («Ich könnte jederzeit aufhören – aber was kann ich in dieser miesen beruflichen Situation anders als trinken?») und ein Drei-Personen-Drama zu gestalten, in dem es immer einen Retter, einen Verfolger und ein Opfer gibt. Der Alkoholkranke ist abwechselnd das Opfer («Ich bin zu schwach, um ohne Alkohol zu leben») oder der Verfolger («Eure ständige Kritik treibt mich zum Suff»). Den Retter spielen häufig der Ehepartner, die Eltern, später die Klinik, der Arzt, die Sozialarbeiterin. In der Behandlung des Alkoholismus ist es sehr wichtig, den Alkoholiker nicht in der Rolle des Opfers festzuhalten, indem der Therapeut den Part des Retters spielt, sondern die zugrunde liegende emotionale Unreife und soziale Angst zu bearbeiten, die durch die auffällige Symptomatik des Trinkens verdeckt werden.

Alkoholpsychose

Neben organischen Schäden an Magen, Herz und vor allem der Leber wird auch das Gehirn durch regelmäßigen Alkoholkonsum beeinträchtigt. Es gibt vier verschiedene psychische Folgeleiden: Das Delirium tremens (eine lebensgefährliche Erkrankung mit Wahnwahrnehmung kleiner Tiere, wie Spinnen, Eidechsen, «weiße Mäuse», mit heftiger Erregung, Schlaflosigkeit, Angst und Desorientierung); die Korsakoffsche Krankheit (mit einer Geistesschwäche, die auf einem Versagen des Gedächtnisses beruht); den Alkoholwahn (meist in der Form eines → Eifersucht-Wahns) und die Alkoholhalluzinose (Wahnvorstellungen verfolgen den Kranken: Er wird von «Stimmen» beschimpft und angeklagt).

Allmachtswünsche

Ein vierjähriges Kind sieht auf einem Spaziergang ein verfallenes Haus: «Das bau ich jetzt wieder auf!» Was sich hier ausdrückt, ist eine Allmachtsphantasie, die bei Kindern noch naiv und unüberlegt ausgedrückt wird. Das Kind, das sich schwach und abhängig sieht, hat ein besonderes Bedürfnis nach der Allmacht in der Phantasie. Aber auch beim Erwachsenen lassen sich Allmachtswünsche nachweisen, die sich in «Beherrschung» ausdrücken können, welche zum Beispiel manche Sportarten verlangen (Reiten, Fliegen, Segeln). Allmachtsphantasien sind in den Helden der Sage (Herakles, Siegfried) verkörpert, die alle Gegner besiegen, finden sich aber auch in vielen Werken der Trivialliteratur («Schundromane») ausgedrückt, etwa bei Karl May oder in Comics (Superman, Tarzan). Die um Allmachtswünsche kreisenden Phantasien sind eine wichtige Seite des → Narzissmus. Ihre grundlegende Quelle ist wohl die → Kompensation der menschlichen Einsicht in die Hinfälligkeit, Abhängigkeit und Ohnmacht unserer Existenz. Sie hängt mit dem Entstehen des Bewusstseins zusammen und benötigt die Tröstungen der religiösen (einem Schöpfergott zugeschriebenen) oder der phantasierten eigenen Allmacht.

Die Superhelden der Comics dienen oft als Identifikationsfiguren für Allmachtswünsche.

Alter

Umgangssprachlich für die Zeit, die ein Lebewesen bisher verbracht hat. Als Lebensperiode Gegensatz von → Jugend, wobei der Beginn unscharf bestimmt ist und sozialen Einflüssen unterliegt. In den Industriegesellschaften gilt der ältere Arbeitnehmer oft als weniger tüchtig, die ältere Frau als weniger anziehend. Daher wird das Alter verleugnet oder vertuscht. Ältere Menschen haben nach dem Austritt aus dem Berufsleben oft Schwierigkeiten. Sie fühlen sich verlassen, unnütz, bewältigen nur mit Mühe den Übergang zum Rentnerdasein. Die Zeit der Pensionierung ist eine Situation besonderer Gefahr für seelische und körperliche Krankheiten (→ Depression). Genauere psychologische Untersuchungen haben gezeigt, dass die frühere Annahme, die → Intelligenz des Menschen sinke mit dem Alter relativ rasch ab, nicht zutrifft. In manchen Bereichen bringt das Alter sogar eine Zunahme der Leistungsfähigkeit, was unter anderem die Spätwerke großer Künstler zeigen. Auch vom biologischen Standpunkt lässt sich ein aktives Alter als natürlicher Sinn der (verglichen mit den Menschenaffen) sehr hohen Lebenserwartung des Menschen verstehen: Alte Leute dienen als «lebendige Bibliotheken» der Übermittlung von Wissen über Lebenssituationen, die nur alle zwanzig oder dreißig Jahre auftreten.

Altruismus

Nächstensorge, Gegensatz von Egoismus, der Sorge für die eigene Person. Altruismus ist ein zentraler Wert vieler Religionen, unter anderem des Christentums («Liebe deinen Nächsten wie dich selbst»). Die Theoretiker der modernen Staatslehre, zum Beispiel Thomas Hobbes, gehen hingegen von einem primären Egoismus des Menschen aus, der durch staatliche Gewalt gezügelt und in ein Mindestmaß gegenseitiger Rücksichtnahme überführt werden muss. Diese These wird durch die Anwendung der Theorie von Charles Darwin auf die menschliche Gesellschaft noch verstärkt. Gegen diese einseitige Akzentuierung des Daseinskampfes der Individuen setzt die moderne Evolutionsforschung die These, dass Altruismus sehr wohl dem Überleben einer Art dienen kann, wenn er die Fortpflanzungschancen der eigenen genetischen Linie steigert. Ein biologischer Beweis für diese These ist zum Beispiel die Verteidigung der Nachkommen unter Gefahr für das eigene Leben bei vielen Wirbeltieren. Menschlicher Altruismus ist komplex motiviert; er kann Abwehrfunktionen haben (→ Helfersyndrom), aber es lässt sich auch eine spontane Hilfsbereitschaft bei kleinen Kindern beobachten, denen solche Verhaltensweisen nicht anerzogen wurden. Ob es eine «altruistische Persönlichkeit» gibt, ist in der empirischen Psychologie umstritten; gut dokumentiert ist, dass sich Menschen nach einem Erfolgserlebnis altruistischer verhalten.

Ambivalenz

Doppelwertigkeit oder Doppelgerichtetheit. In der Psychologie nach E. Bleuler das gleichzeitige Auftreten gegensätzlicher Gefühle wie Hass–Liebe, Angst–Lust. Vielleicht jedes starke Gefühl trägt als unbewussten Gegenpol einen Ansatz zur Ambivalenz in sich, wobei das Modell der frühen Kindheit eine wichtige Rolle spielt: Die Eltern werden geliebt und als Verkörperung einschränkender «Erziehungsmaßnahmen» gehasst. Entwicklungspsychologisch hat die Ambivalenz eine enge Beziehung zur → analen Phase.

Amplifikation

Bereicherung, Vermehrung. Im Gegensatz zur klassischen → Psychoanalyse, bei der die freien Einfälle (→ Assoziation) des Analysanden zu einer Kindheitsszene in Verbindung gebracht werden, ergänzt und erweitert bei diesem von C.G. Jung eingeführten Verfahren der Therapeut einen Traum des Patienten durch eigene Einfälle, meist mythologisch-religionsgeschichtlicher Art. Dadurch soll der Analysand den vollen Umfang der möglichen Bedeutungen seiner unbewussten seelischen Vorgänge erkennen lernen.

Anale Phase

Nach dem Entwicklungsmodell der → Psychoanalyse folgt auf die → orale Phase eine Periode, in der die Ausscheidungsfunktionen und die Handhabung des Körpers und seiner Muskeln im Mittelpunkt der Erlebnisweisen des Kindes steht. In der analen Phase werden die ersten – Sauberkeit und Zurückhaltung betreffenden – Forderungen an das Kind gestellt, wird unter Umständen die Wurzel zur Abspaltung und Verdrängung größerer Erlebnisbereiche gebildet. Das Kind muss erleben, dass bestimmte Dinge, die es erzeugt, besitzt und für wichtig hält, von den Bezugspersonen abgelehnt, die Beschäftigungen mit ihnen bestraft werden. Die Darmentleerung etwa ist einmal «gut», einmal «böse», je nachdem, ob sie den Wünschen des Erziehers oder den spontanen Bedürfnissen des Kindes gemäß erfolgt. Daher ist die anale Phase auch der Anfangspunkt der Auseinandersetzungen um Macht und Kontrolle, Hergeben und Behalten, den eigenen Willen durchsetzen oder sich einem fremden Willen beugen. Die lustvolle Eigenwilligkeit in der Betätigung der Aftermuskulatur ist ein Vorbild für den Lustgewinn aus der Muskeltätigkeit schlechthin, den die Familiengruppe annehmen, verwerfen, fördern oder durch übermäßige Forderungen nach Gefügigkeit verkrüppeln kann. Übermäßige Genauigkeit, peinliche Abwehr alles Schmutzigen, zwanghafter Ordnungssinn sind mögliche Formen der Verarbeitung von Erlebnissen, die ursprünglich der analen Phase zuzuordnen sind. S. Freud hat von einem «analen Charakter» gesprochen, der durch die drei Eigenschaften Geiz, Pedanterie und Ordnungssinn ausgezeichnet sei. Weil in der analen Phase das Kind vielfach zum ersten Mal erlebt, dass die Bezugspersonen bestimmten Äußerungen seines Körpers feindlich gegenüberstehen, wurzelt in ihr auch die → Ambivalenz der Gefühlsregungen und der Zweifel an der Richtigkeit eines Verhaltens, der sich beim Zwangsneurotiker (→ Zwangsneurose) krankhaft steigert. Er muss sich beispielsweise mehrmals vergewissern, ob das Licht gelöscht, der Gashahn geschlossen, die Tür versperrt ist, und beginnt immer wieder daran zu zweifeln, ob das auch tatsächlich der Fall ist.

Schaubild der analen Phase und der verschiedenen Möglichkeiten ihrer Verarbeitung.Quelle: Wolfgang Schmidbauer «Psychosomatik», Selecta-Verlag, Planegg vor München 1974

Analverkehr

Geschlechtsverkehr, bei dem das männliche Glied in den After eingeführt wird. Häufig in gleichgeschlechtlichen Beziehungen zwischen Männern (→ Homosexualität), aber auch von heterosexuellen Paaren gelegentlich ausgeführt.

Analyse

Abkürzung für → Psychoanalyse; im weiteren Sinn die wissenschaftliche Zerlegung eines äußeren Erscheinungsbildes (chemischer Stoff, politisches Ereignis …).

Anamnese
Angewandte Psychologie

Man pflegt zwischen «reiner» und «angewandter» Wissenschaft zu unterscheiden. Die angewandte Psychologie zeigt freilich deutlich, wie fragwürdig solche Einteilungen sind: Eine der erfolgreichsten Forschungsmethoden der Psychologie ist zugleich ein wichtiges Stück angewandter Psychologie – die → Psychoanalyse, die zugleich theoretische Forschung und praktische Hilfe darstellt. Die angewandte Psychologie umfasst ein sehr breites Spektrum von Aufgaben, die sich im Zug der zunehmenden Bedürfnisse nach wissenschaftlicher Hilfe in der Bewältigung der gesteigerten seelischen Anforderungen an den Menschen unserer technischen Gesellschaft ergaben. In der Berufs- und Arbeitspsychologie wird die Eignung von Menschen für eine bestimmte Tätigkeit ermittelt. Zugleich sucht der Betriebspsychologe seelische Probleme am Arbeitsplatz (etwa Konflikte zwischen Arbeitnehmern) zu lösen. Psychologen bemühen sich, Arbeitsplätze optimal zu gestalten, andere erforschen die Motive von Käufern und schlagen bestimmte Werbemaßnahmen vor (Werbepsychologie). Schulpsychologen greifen bei schulischen Problemen ein, beraten Eltern und Lehrer. Klinische Psychologen sind an (Nerven-)Krankenhäusern und in freier Praxis tätig; sie führen psychologische Tests durch, erstellen Gutachten und arbeiten mehr und mehr psychotherapeutisch. Gerichte, die Polizei, die Gefängnisverwaltungen, sie alle stellen ebenfalls Psychologen ein, ebenso die Bundeswehr. Die Funktion des praktisch tätigen Psychologen ist meist beratend. Er erhält nur sehr selten wirkliche Spitzenpositionen wie die Leitung einer Personalabteilung, eines Gefängnisses oder einer Nervenklinik. Das liegt wohl nicht nur daran, dass solche Führungsaufgaben Personen mit einer traditionsreichen Ausbildung (Juristen, Ärzten) überlassen werden. Auch das Selbstverständnis der Psychologen verhindert das, teilweise auch → Vorurteile, mit denen man vielfach noch den psychologisch geschulten Fachleuten begegnet («Wir haben das früher auch nicht gebraucht!»). Auf der anderen Seite wird die psychologische Hilfe oft überschätzt; man erwartet Rezepte mit Wirkungsgarantie und sofortige Hilfe in verfahrenen Situationen, Hoffnungen, die natürlich enttäuscht werden müssen.

Forschungs- und Anwendungsbereiche der PsychologieQuelle: Klaus D. Heil «Programmierte Einführung in die Psychologie», Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1975

Angst

Ein Gefühl von Unsicherheit, Erregung und Spannung, das manchmal – nicht immer – mit der Vorstellung einer bedrohlichen, möglicherweise Schmerzen verursachenden Situation verbunden ist, nennt man im allgemeinen Sprachgebrauch Angst. Die Angstreaktion ist ein sinnvolles Stück unserer biologischen Ausrüstung. Wer sich vor Gefahren nicht fürchtet und ihre Wiederholung nicht vermeidet, hat geringere Überlebenschancen. Von dieser begründbaren, an realistisch gesehene Gefahren geknüpften Angst (Realangst, objektive Angst) muss die irrationale, neurotische Angst unterschieden werden. Wer sich ungesichert dicht an einem Abgrund fürchtet, hinabzustürzen, wird durch diese Angst in seinen Überlebenschancen gefördert (weil er auf Klettertouren sicher Wert darauf legt, sich rechtzeitig anzuseilen). Wer hingegen bereits auf einer von einem starken, hohen Geländer gesicherten Brücke vor Angst kaum mehr atmen und gehen kann, wird durch diese neurotische Angst ernstlich behindert. Er muss weite Umwege machen, um Brücken zu meiden. Nach dem Erfahrungsstand der → Psychoanalyse entsteht solche neurotische Angst dann, wenn Angst vor einer äußerlich real nicht gefährlichen Situation benutzt wird, um eine tatsächlich bestehende, aber unbewusste (verdrängte) innere Gefahr auszudrücken und zu vermeiden.

Der «kleine Hans», ein vierjähriger Junge, dessen → Phobie S. Freud beschrieben hat, litt eine Zeit lang an heftiger Angst, dass auf der Straße ein Pferd umfallen könnte, und wollte deshalb gar nicht mehr auf die Straße gehen. Es zeigte sich, dass hinter dieser Angst ein Todeswunsch gegen den Vater stand, verbunden mit der Furcht, deshalb vom Vater bestraft zu werden. Als der Vater selbst, der mit Freud in der Behandlung des kleinen Hans zusammenarbeitete, dem Kind diese Bedeutung erklärte, verschwand die Pferdephobie.

Eine Unterscheidungsmöglichkeit innerhalb der neurotischen Angstzustände ist die zwischen der in einer → Phobie «gebundenen» und der «frei flottierenden» Angst. Im ersten Fall werden bestimmte Situationen gefürchtet – allein auf die Straße zu gehen, Plätze zu überqueren, Spinnen, Schlangen, Katzen oder Hunden zu nahe zu kommen. Die frei flottierende Angst hingegen überfällt das Opfer jäh, ohne erlebbaren äußeren Anlass. Erst die psychoanalytische Aufklärung könnte hier möglicherweise einen unbewussten Anlass erschließen. Die «freie» Angst äußert sich oft als körperliches Unbehagen; der Betroffene glaubt etwa, sein Herz würde stillstehen, er muss plötzlich erbrechen, er erleidet einen Anfall heftiger Atemnot. Einzelne Abschnitte des Spektrums der körperlichen Begleiterscheinungen der Angst können ihrerseits wiederum zu Auslösern für soziale Ängste werden. Wer Angst hat, schwitzt und muss häufig austreten. Er kann nun eine Angst entwickeln, in sozialen Situationen – etwa bei Vorgesetzten – zu schwitzen oder austreten zu müssen, was durch die Erwartung, dass es geschehen könnte, dann prompt ausgelöst wird.

Ein niedriger Grad von Angst kann die Leistungen in manchen Situationen verbessern (in Prüfungen, beim Theaterspielen), während heftige Angst die Leistungsfähigkeit blockiert. Wer Angst hat, neigt meist dazu, sich zu überfordern; er möchte die Angst mit einem großen Schritt loswerden, scheitert daran und klagt am Ende über noch stärkere Angst. Ein aus Angst vor sexuellem Versagen impotenter Mann will zum Beispiel mit einer neuen Bekannten sofort Sexualverkehr haben, versagt und leidet nun an gesteigerter Angst vor dem Versagen. Eine bessere Taktik ist die schrittweise Überwindung, bei der die Angst nie so stark werden darf, dass sie die Leistungsfähigkeit blockiert. Wer Angst vor öffentlichem Reden hat, sollte nicht sofort von sich verlangen, frei zu sprechen, sondern erst einmal dadurch Selbstvertrauen gewinnen, dass er bereits vollständig ausgearbeitete Texte vorträgt. Wenn ihm das mehrmals gelungen ist, wird er sicher eines Tages auch frei sprechen können.

Angstentstehung

Kinder fürchten sich oft vor denselben Situationen wie ihre Mütter (Spinnen, Gewitter, Höhe …). Das neugierig-aktive Kind hat vor allen starken, unvertrauten Reizen zunächst Angst. Es kann diese Angst bewältigen, wenn ihm ein Erwachsener einfühlsam beisteht (das Kind auf dem Arm der Mutter getraut sich, einen Hund zu streicheln oder eine Planierraupe genauer zu betrachten, vor denen es zunächst angstvoll floh). Diesen Rückhalt in der aktiven Angstbewältigung gibt übrigens der Psychotherapeut dem Klienten ebenfalls, der auf diese Weise ermutigt wird, sich mit bisher angstvoll gemiedenen Situationen auseinander zu setzen. Neurotische Angst entsteht vielfach dann, wenn die Bezugspersonen des Kindes kein Verständnis für seine Neugieraktivität hatten und – da diese Aktivität das Kind immer wieder in Angstsituationen brachte – es endlich dazu kam, dass die Neugieraktivität selbst, die ja die Ängste durch schrittweise Auseinandersetzung überwinden hilft, von dem Betroffenen mit Angst erlebt wurde. Damit wird die Angst unabhängig von äußeren Reizen. Innere Anlässe genügen, um Angst auszulösen. Diese wiederholt (→ Wiederholungszwang) eine ursprüngliche Angst, die Liebe und den Schutz der frühkindlichen Bezugspersonen zu verlieren. Neurotische Angst ist also oft die schon dem Sprichwort bekannte «Angst vor der eigenen Courage».

Entwicklung verschiedener Kinderängste: Die Breite der von links nach rechts verlaufenden Bahnen zeigt, welche Bedeutung die einzelnen Furcht auslösenden Objekte und Situationen in unterschiedlichen Altersstufen (0 bis 2, 2 bis 4 und 4 bis 6 Jahre) haben.Quelle: Gerd Hennenhofer/Klaus D. Heil «Angst überwinden», Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1975

Anima, Animus
Anklammerung

Wie andere Primaten (niedere und höhere Affen) ist auch der Mensch weder ein «Nesthocker» (der bei der Geburt noch nicht fertig ausgebildet ist) noch ein «Nestflüchter» (der vollständig bewegungsfähig auf die Welt kommt), sondern ein «Tragling» oder Kontaktwesen, das in den sozialen Mutterschoß einer Gruppe hineingeboren wird und sich zunächst am Muttertier festklammert (niedere Affen) oder von ihm getragen wird (wie höhere Affen oder menschliche Säuglinge in Primitivkulturen). Das Anklammerungsbedürfnis entspricht der frühesten Periode des menschlichen Sozialverhaltens. In späteren Entwicklungsabschnitten zeigt anklammerndes Verhalten eine gestörte Vertrauensbeziehung an. Ein zweijähriges Kind, das schon längere Zeit angstfrei allein spielen konnte, klammert sich dann jede Minute an die Mutter an, wenn es zum Beispiel einige Zeit von der Mutter getrennt und in einer Klinik war. Anklammerungstendenzen Erwachsener können häufig ähnlich erklärt werden.

Anlehnungstypus

S. Freud unterschied zwei grundlegende Formen von zwischenmenschlichen Liebesbeziehungen (→ Objektbeziehungen): den Anlehnungstypus, bei dem der Liebespartner nach dem Vorbild einer nährenden Mutter oder eines schützenden Vaters gewählt wird, und den narzisstischen Typus (→ Narzissmus), bei dem der Partner dem Mann beziehungsweise der Frau entspricht, die dem eigenen, mit Selbstliebe besetzten Idealbild nahe kommt (wenn zum Beispiel ein kleiner, dunkelhaariger Mann sich nur für große Blondinen erwärmen kann).

Anorexie

Anorexia nervosa ist die medizinische Diagnose für organisch nicht begründbare, also «nervöse» Abmagerung. Zum weit überwiegenden Anteil (aber nicht ausschließlich) sind Mädchen in der Adoleszenz betroffen. Häufiger als schwere Verläufe mit lebensgefährlicher Abmagerung durch radikale Nahrungsverweigerung sind vorübergehende Krisen, nach denen die Patientinnen zum Beispiel wieder zu essen anfangen, wenn sie von zu Hause ausgezogen sind oder unerwünschte körperliche Folgen bemerken (Ausbleiben der Periode, Schwächezustände). Manchmal wird allerdings dann die Anorexie durch andere Symptome (→ Bulimie) ersetzt. Die Behandlung der Anorexie erfolgt durch → Familientherapie, bei älteren Patientinnen durch → Psychotherapie. Anorexie ist eine typische Wohlstandskrankheit, die in Entwicklungsländern kaum je auftritt. Die Ursachen sind komplex: Verweigerung der Identifizierung mit der Mutter, Abwehr sexueller Wünsche durch Verlagerung in den oralen Bereich, Verarbeitung von Spannungen in der Familie werden diskutiert. → Magersucht

Anspruchsniveau

Ein Schüler ist hoch befriedigt über eine Drei, ein anderer bricht fast in Tränen aus. Diese unterschiedlichen Reaktionen auf eine gleiche Note weisen auf ein unterschiedliches Anspruchsniveau, auf verschiedene Erwartungen hin. In der Regel wird es sich so verhalten, dass der erste Schüler früher schlechtere Leistungen aufwies und also auch diesmal wieder erwartete. Misserfolge senken, Erfolge steigern das Anspruchsniveau – eine in psychologischen Experimenten bestätigte Alltagserfahrung. Tiefenpsychologisch gesehen, hängt das Anspruchsniveau mit dem → Über-Ich und dem → Ich-Ideal (Ideal) zusammen, das heißt mit den verinnerlichten Leistungsforderungen der frühkindlichen Bezugspersonen. Ein zu hohes Anspruchsniveau in der Familientradition kann lähmend wirken. Familiensprüche wie «Wir Müllers haben immer hoch begabte Kinder oder völlige Versager» erweisen sich als sich selbst erfüllende Prophezeiungen. Auf der anderen Seite verhindert kritikloses Anhimmeln aller Leistungen eines Kindes, dass dieses ein realitätsgerechtes Anspruchsniveau erreicht und lernt, sich wirklich anzustrengen.

Antipathie

Spontane Abneigung, die zunächst nicht weiter begründbar ist. Genauere Betrachtung zeigt oft, dass eine Antipathie gegen bestimmte Personen mit unbewusst gewordenen negativen Erfahrungen zusammenhängt.

Antisemitismus

Vorurteil gegen Juden. Aufgrund ihrer besonderen Geschichte sind die Juden (neben den Zigeunern) die einzige Gemeinschaft, die einerseits über viele Länder verstreut lebte, andererseits aber nicht in den umgebenden Völkern aufging, sondern die eigenen Traditionen, Sitten und Riten beibehielt. Durch ihre übernationalen Bindungen, ihre Fähigkeiten als Handwerker und Kaufleute erregten die Juden schon früh Neid; lange Zeit waren sie auch die Einzigen, die Geld gegen Zinsen ausliehen, was ihnen ebenso viel Macht wie Hass der Christen eintrug, denen das im Mittelalter verboten war. Seit den christlichen Kreuzzügen sind Plünderungen und Gewalttaten an Juden bekannt.

Zur Zeit der Aufklärung wurde den Juden in Europa in vielen Ländern der Status gleichberechtiger Bürger verliehen. Diese formale Gleichstellung und die beginnende Durchmischung einer emanzipierten jüdischen Bevölkerung mit dem emanzipierten Christentum steigerte bei einigen Fanatikern in Österreich und Deutschland den Antisemitismus zu der absurden «Rassenlehre», welche Adolf Hitler zum politischen Programm machte. Im traditionellen Antisemitismus war der getaufte Jude kein Jude mehr; im Rassenwahn blieb er Jude, der die (ebenso fiktive) «arische» Rasse vergiftete.

In Wahrheit gibt es keine «jüdischen» oder «arischen» Erbanlagen, da die europäische Bevölkerung viel zu sehr durchmischt ist; zudem ist auch die Annahme «minderwertiger» oder «hochwertiger» Erbanlagen im Rassismus ein Wahn, keine Wissenschaft.

Durch den Massenmord an der jüdischen Bevölkerung in Europa hat der Antisemitismus eine andere Gestalt angenommen: Er ist verpönt, aber im Untergrund der Gesellschaft durch die Schuldgefühle über das, was den Juden angetan wurde, noch sehr mächtig; oft drückt er sich so aus, dass von den Juden (oder dem Staat Israel) eine Ethik erwartet wird, die weit über dem liegt, was durchschnittlicherweise Staaten oder Personen zugeschrieben wird.

Antrieb

Meist als Ausdruck für die Stärke der → Aktivität eines Menschen verwendet, manchmal auch gleichbedeutend mit → Trieb. Antriebsmangel ist ein Kennzeichen vieler psychischer Erkrankungen, vor allem jener, die mit einer → Depression einhergehen. Antriebsüberschuss ist bei Kindern (im Vergleich zu Erwachsenen) natürlich; es fällt ihnen erheblich schwerer, sich längere Zeit ruhig zu verhalten. Antriebsüberschuss bei Erwachsenen tritt vor allem bei der → Manie auf; er unterscheidet sich von der kraftvollen Aktivität eines antriebsstarken Menschen dadurch, dass die Geschäftigkeit ohne bleibende Resultate bleibt, weil immer wieder eine neue Handlung begonnen wird, ehe die vorausgehende zu Ende geführt wurde.

Apperzeption

Der Ausdruck ist von dem lateinischen appercipere (etwas hinzubemerken) abgeleitet. Er betrifft die Auffassung als bewusste, geistige Tätigkeit des Sich-Aneignens eines Bewusstseinsinhaltes, der in die «Apperzeptionsmasse», in die schon aufgenommenen und verarbeiteten Inhalte eingegliedert wird (Herbart). Die zunächst nur im «Blickfeld» des Bewusstseins wahrgenommene Vorstellung rückt bei der Apperzeption in den «Blickpunkt» des Bewusstseins (W. Wundt). Die Vorstellung, dass es im Bewusstsein einen weiten, aber unklaren, und einen engen, aber hellen Bereich gibt, hat auch S. Freud erwähnt, der von der «Enge des Bewusstseins» spricht. In der von W. Wundt begründeten «experimentellen Psychologie» spielte die Apperzeption eine große Rolle, weil er nachzuweisen suchte, dass die Vorstellungen nicht zufällig oder mechanisch, sondern durch den willensbestimmten Akt der Apperzeption miteinander verknüpft werden.

Arbeitsbündnis

In der Psychoanalyse jener Teil der Beziehung zwischen Analytiker und Patient, der wie ein rationaler Vertrag die Zusammenarbeit regelt. Da in einer Psychotherapie fast immer der Erfolg von der Zusammenarbeit aller Beteiligten abhängt, ist das A. ein wesentlicher Bestandteil der Behandlung und weit unentbehrlicher als die Mitarbeit des Patienten in der organischen Medizin, wo zum Beispiel Operationen in Narkose möglich sind. Die formalen Seiten des Arbeitsbündnisses wie Honorar, Ferien- und Ausfallregelungen verdienen zwar große Aufmerksamkeit, sind aber in den meisten Fällen schnell geklärt. Viel langwieriger ist es, herauszufinden, welchen Beitrag die Beteiligten zum Gelingen oder Scheitern der Therapie leisten können und müssen. So beginnen viele Therapien mit der Hoffnung, einen Dritten zu verändern – den Partner, den Vorgesetzten, die Eltern. Solange die Therapie mit der Erfüllung solcher Wünsche steht und fällt, ist das A. noch nicht ausreichend entwickelt.

Archetyp

Urtümliches, von Anfang an der seelischen Struktur eigenes, aber noch unausgestaltetes Bild, das die Erlebnisse des Individuums ordnet und in den religiösen, mythologischen, künstlerischen Traditionen aller Kulturen auftaucht. Der Ausdruck wurde von C.G. Jung geprägt; ein Anlass dafür war die Beobachtung, dass in den Träumen von amerikanischen Negern, die völlig ohne europäische Bildung waren, Elemente aus griechischen Mythen auftauchten. Ein wichtiger Archetypus sind → Anima, Animus, weitere Beispiele sind etwa der «alte Weise», «das Kind», «der Listige», «der schwarze Jäger (= Teufel)», wobei die Archetypen immer nur aus den konkreten Bildern erschlossen, nicht aber mit ihnen identifiziert werden dürfen.

Askese

Übung, Entsagung, Verzicht auf sinnlichen Genuss jeder Art (Fasten, sexuelle Enthaltsamkeit, Armut). Askese war schon vor dem Christentum ein Lebensideal in vielen Hochkulturen (China, Indien, Ägypten); die psychologische Grundvoraussetzung entspricht wohl dem → Masochismus.

Da → Unlust und → Triebverzicht unvermeidlich scheinen, lege ich sie mir aktiv auf, um sie nicht passiv erleiden zu müssen, und gewinne auf diese Weise an Selbstgefühl, was ich mir an Triebbefriedigung versagen muss. Die Askese steht also in Beziehung zu dem → Abwehrmechanismus der → Identifizierung mit dem Angreifer. In dem Verschmelzen mit einer versagenden Wirklichkeit gewinnt das Ich die Macht, sich über die eigene Bedürftigkeit zu erheben. Freilich ist diese Macht oft illusionär, was die zusätzlichen Maßnahmen vieler Asketen zeigen, um den Triebverzicht aufrechtzuerhalten (klösterliche Regel, Leben in Abgeschlossenheit, auf hohen Säulen oder in der Wüste; endlich der zwanghafte Versuch, andere zur selben Askese zu bekehren).

Assoziation

Wenn ich auf das Reizwort «Tal» das nächste Wort sagen soll, das mir einfällt, werde ich (wie sehr viele Menschen) mit «Berg» antworten. «Tal» und «Berg» sind miteinander verknüpft, assoziiert. Die Verknüpfung von Vorstellungen ist ein psychologisches Grundprinzip; sie erfolgt oft nach bestimmten Gesetzen, den Assoziationsgesetzen, die schon der griechische Philosoph Aristoteles beschrieben hat: 1. Ähnlichkeit (Hut-Mütze), 2. Gegensatz (groß–klein), 3. räumliche Beziehung (Hut–Feder) und 4. zeitliche Beziehung (Morgen–Abend). Neben den hier angedeuteten Wortassoziationen gibt es auch Verknüpfungen zwischen Bildern, Gefühlen, Empfindungen, die sich manchmal erst nach genauerer Untersuchung herausfinden lassen. Ein Ehepaar betritt ein Gasthaus; beide sagen fast gleichzeitig: «Riccione». Zunächst sieht das nach Gedankenübertragung aus (→ Parapsychologie), doch finden die beiden heraus, dass sie deshalb an ihren italienischen Urlaubsort dachten, weil in dem Esszimmer des Gasthauses ein ähnlicher Geruch herrschte wie damals dort. Die Assoziation galt in der so genannten «Assoziationspsychologie» (die von den englischen Philosophen Hobbes, Hume und Mill begründet worden war und bis ins 19. Jahrhundert die vorherrschende Schulmeinung in der Psychologie verkörperte) als Erklärungsprinzip für den Aufbau des ganzen Seelenlebens. Manche Auffassungen des → Behaviorismus und der Reflex-Schule nach I.P. Pawlow sind davon nicht sehr weit entfernt. In allen diesen Fällen wird versucht, die seelischen Vorgänge durch die Zurückführung auf einfachste Elemente, die Assoziationen, und die → bedingten Reflexe als Sonderfall von Assoziationen zu erklären. Der Begriff der «freien Assoziationen» enthält die Grundregel der → Psychoanalyse. Er ist ebenfalls der Assoziationspsychologie verpflichtet. Hier wird aus dem nicht gelenkten Spiel seelischer Verknüpfungen, die «vom Hundertsten ins Tausendste» gehen (S. Freud), der Einfluss des Unbewussten rekonstruiert, ähnlich, wie man aus dem Strömungscharakter einer Wasseroberfläche auf die Eigenschaften des Flussbettes schließen kann, in dem das Wasser fließt.

Atemtherapie

Behandlung seelischer Leiden durch Schulung der Atmung und der Körperwahrnehmung. Jede Emotion verändert den Atem; umgekehrt lassen sich über bewusstes Atmen viele Emotionen verändern. So «vergessen» disponierte Menschen in Zuständen seelischer Spannung auszuatmen; wenn sie dann in die bereits volle Lunge zusätzliche Luft pumpen, leiden sie an Atemnot und Erstickungsangst («nervöses Atemsyndrom»). Atemtherapie ist besonders angezeigt bei Asthma, chronischer Bronchitis, Stimm- und Sprechstörungen wie Stottern. Meist liegt der Patient bei der Atemtherapie auf einer Liege; der Therapeut macht ein Begegnungsangebot, indem er durch Auflegen der Hände, Streichen, leichten Druck den Atembewegungen entgegenkommt und sie begleitet. Dadurch werden die Atemwege oft zum ersten Mal bewusst erlebt; manchmal reicht zum Beispiel schon das Beatmen einer Stirnhöhle, um chronische Entzündungen in diesem Bereich auszuheilen.

Attribution

(gleichbed. Attribuierung) Zuschreibung. Menschen versuchen, sich im Alltag zurechtzufinden, indem sie Verknüpfungen herstellen, die sie entlasten. Eines der häufigsten Beispiele für eine Attribuierung ist der Angestellte, der einen beruflichen Erfolg seiner Tüchtigkeit zuschreibt, einen Misserfolg aber der Dummheit seines Chefs, der ihm den falschen Auftrag gegeben hat. Die Attributionsforschung ist somit eine der wichtigsten neueren Richtungen, die Alltagspsychologie zu untersuchen. Sie greift frühere Ergebnisse der Personenwahrnehmung auf, nach denen beispielsweise auch Menschen, die noch nie persönlich einen jungen Mann kennen gelernt haben, der eine schwarze Lederjacke trägt und ein schweres Motorrad fährt, überzeugt sind, es handle sich um einen Gewalttäter, der mit Rauschgift dealt. Attributionen dienen primär der sozialen Orientierung und sind unausweichlich. Ihre typischen Irrtümer lassen sich grob in drei Gruppen einteilen:

1. Selbstwertbezug. Erfolg wird in Leistungssituationen als persönliches Verdienst nach innen (internal) interpretiert; Misserfolg der Übermacht oder Bosheit der Umwelt (external) zugeschrieben.

2. Falscher Konsens. Menschen neigen dazu, ihr persönliches Verhalten als weit verbreitet und normkonform anzusehen, während sie (unwillkommene) Handlungen anderer als unangemessen und außergewöhnlich einschätzen. (Es gibt auch einen umgekehrten Konsens, zum Beispiel pflegen sich viele Reisende gegenüber «den Touristen» abzugrenzen, welche ihnen auf der Suche nach einer unberührten Bucht im Wege sind).

3. Vermenschlichung: Menschen neigen allgemein dazu, Handlungen eher auf menschliche Einflüsse und persönliche Merkmale zurückzuführen als auf Umwelteinflüsse. Wenn zum Beispiel der Stürmer einer Mannschaft beim Lauf zum gegnerischen Tor stürzt, muss der Schiedsrichter seiner spontanen Attribution entgegenarbeiten, dass dieser Spieler gefoult wurde, und mit gleicher Aufmerksamkeit prüfen, ob er gestolpert ist oder versucht hat, eine «Schwalbe» zu machen, um den Gegner als Foulspieler erscheinen zu lassen.

Auffälliges Verhalten

Wenn ein Soldat sein Gewehr wegwirft und desertiert, weil «ein Baum in seiner Heimat ihn gerufen hat», würde ein europäischer Psychiater in diesem höchst auffälligen Verhalten einen Hinweis auf eine → Schizophrenie sehen. Ein mit den Gebräuchen der Ibo-Neger vertrauter Völkerkundler hingegen könnte in diesem Verhalten nichts Auffälliges sehen, denn er weiß, dass solche Vorfälle in dieser Kultur nicht selten sind und es für weit auffälliger gilt, wenn jemand dem Ruf seines Baumes nicht folgen würde. Dieser Vergleich zeigt, dass es keinen absoluten, sondern nur einen relativen, kulturabhängigen Gesichtspunkt im Urteil über auffälliges Verhalten gibt. Wer etwas tut, was nicht den Erwartungen einer bestimmten sozialen Umwelt entspricht, fällt auf. Dabei ist es nicht möglich, einen Katalog schlechthin auffälligen Verhaltens anzugeben – immer ist es das Auseinanderklaffen von erwartetem und tatsächlichem Verhalten, das den Charakter der Auffälligkeit bestimmt. → Normalität

Aufforderungscharakter

Von K. Lewin geprägter Begriff, der die Eigenschaften eines Zieles betrifft, eine Handlung auszulösen. Ein Stück Brot hat zum Beispiel für einen ausgehungerten Menschen einen viel stärkeren Aufforderungscharakter als für einen satten.

Aufmerksamkeit

Aus der Fülle von Reizen, welche unsere Sinnesorgane empfangen, muss eine zweckmäßige Auswahl getroffen werden, um die menschliche Fähigkeit zur Reizaufnahme und Reizverarbeitung nicht zu überfordern. Die Aufmerksamkeit als «Wachheit des Bewusstseins» (W. Wundt) und Ausleseprinzip, das aus der natürlichen Umwelt eine psychologische macht (W. James), ordnet die Wahrnehmungen entsprechend den jeweiligen Notwendigkeiten innerer und äußerer Art. Meine Aufmerksamkeit ist während des Schreibens auf den Text gerichtet; wenn aber ein äußerer Reiz (lautes Geschrei meiner Tochter, die nebenan spielt) mich ablenkt, wende ich meine Aufmerksamkeit dieser Situation zu. In derselben Situation kann auch ein innerer Reiz (zum Beispiel Hunger) meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Obwohl die eigentliche Aufgabe zeitweilig in den Hintergrund tritt, kehrt die Aufmerksamkeit spontan zu ihr zurück, wenn die unterbrechenden Situationen nach kürzerer oder längerer Zeit gelöst sind. Die Aufmerksamkeit wirkt wie der Lichtkegel eines Scheinwerfers, der manche Informationen anleuchtet, andere jedoch im Dunkel lässt. Gleichzeitig dient sie als Filter zwischen der Reizfülle, die uns unsere Sinnesorgane zuführen, und den begrenzten Möglichkeiten, unsere Umwelt planmäßig und zielgerecht zu verändern. Während volle Aufmerksamkeit die Denk- und Muskelleistungen in der Regel auf einem besonders hohen Niveau halten kann, greift sie in emotionale und vegetative Leistungen des Organismus eher störend ein, entsprechend der Geschichte vom Tausendfüßler, der in heillose Verwirrung geriet, als man ihn aufforderte, sich doch auf seine Beine zu konzentrieren. Gesteigerte Aufmerksamkeit auf die körperlichen Folgen sexueller Erregung kann jedoch unter Umständen zu → Impotenz führen. Hier verstärkt die Aufmerksamkeit als solche offenbar die verbietenden und einschränkenden oder leistungsfordernden Funktionen des → Über-Ich.

Ausdruck

Die Ausdruckspsychologie untersucht den seelischen Gehalt spontaner (Gesichtsausdruck, Stimmklang) oder mittelbarer (ein handschriftlicher Text oder eine Zeichnung) menschlicher Äußerungen. Sie lässt sich in zwei große Bereiche einteilen: Ausdrucks- und Eindrucksforschung – warum blickt Herr A. zornig, und was veranlasst Herrn B., diesen Blick als zornig zu empfinden? Die Bedeutung des Ausdrucks für die menschliche Kommunikation ist kaum zu überschätzen. In allen Beziehungen zwischen Menschen wird häufig die Bedeutung sprachlicher Mitteilungen erst durch die begleitenden Ausdruckszeichen festgelegt. Eine Mutter, die zu ihrem Kind sagt: «Versuch’s doch, Liebling», kann das so sagen, dass das Kind ermutigt wird und mit aller Kraft etwas versucht, oder auch so, dass das Kind kraftlos wird und darauf verzichtet, sich einzusetzen (→ Doppelbindung). Der im Hören mit dem «dritten Ohr» geübte, auf Botschaften des Unbewussten wartende Psychotherapeut achtet deshalb oft mehr auf den Ausdruck, mit dem etwas gesagt wird, als auf den Inhalt des Gesagten.

Biologisch gesehen ist die Mitteilung sozialer Botschaften durch den Ausdruck des Körpers, durch Miene, Gesten, Stimmklang, Körperhaltung weit älter als die abstrakte sprachliche Aussage. Tierische Kommunikationen laufen vorwiegend oder ausschließlich auf der Ebene des körperlichen Ausdrucks ab. Ein in den Erbanlagen vorgegebenes Verstehen der artspezifischen Verhaltensweisen, die einen Signalwert haben, wurde durch Versuche mit isoliert aufgezogenen Tieren bestätigt. Sie ziehen sich zum Beispiel, ohne jemals schlechte Erfahrungen mit einem drohenden Artgenossen gemacht zu haben, doch vor diesem zurück. Beim Menschen wird beides – Ausdruck wie Eindruck – zum größten Teil von erlernten Vorgängen umgestaltet und überformt.

Die Abstandnahme vom eigenen Verhalten, die der Mensch durch die Spaltbarkeit seines Bewusstseins vornehmen kann (ich kann mich selbst beobachten), ermöglicht es ihm auch, sich zu verstellen, bestimmte Ausdrucksformen bewusst darzubieten und dahinter ganz andere Absichten zu verbergen (obwohl es leichter ist, ein Gefühl mit Worten abzuleugnen als im Ausdruck zu unterbinden). Darüber hinaus sind die menschlichen Ausdrucksformen in ihrer Bedeutung oft kulturell bestimmt. Weinen drückt manchmal Trauer, manchmal Freude aus, kann aber auch, ähnlich dem Händedruck hierzulande, zur Begrüßung eines Freundes schicklich sein. Kopfnicken heißt in manchen Kulturen «Ja», in anderen «Nein». Andererseits hat Darwin sicher richtig gesehen, dass im Ausdruck von emotionalen Vorgängen auch beim Menschen zahlreiche Relikte aus seiner Stammesgeschichte aufzufinden sind. Das intuitive Verständnis für feine Nuancen des Ausdrucks ist wohl kaum ohne eine solche Anlage zu erklären. → Graphologie, Physiognomik

Aufschluss über Persönlichkeitszüge aus dem grafischen Ausdruck: Wartegg-Zeichentest.Quelle: Georg Sieber «Achtung Test», Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1971

Außenseiter

Wenn sich Menschen in Gruppen zusammenschließen, gibt es häufig einen, der deutlich am Rande der Gruppe bleibt und keine freundschaftlichen → Bindungen zu anderen Gruppenmitgliedern hat. Er hat in der Regel keinen Einfluss, wird nicht besonders hoch geschätzt und gerät in Gefahr, zum «Sündenbock» oder Prügelknaben zu werden. Kennzeichnend für den Außenseiter ist, dass er sich in einem oder mehreren Merkmalen von der Gruppe unterscheidet – etwa durch besonders hohe oder besonders niedrige → Intelligenz, eine Körperbehinderung, andere Rasse oder Hautfarbe, Verhaltensstörungen wie besondere Schüchternheit, Ungeschicklichkeit oder auch durch einen aggressiv-unverträglichen → Charakter. Die Gruppe kann den Außenseiter benützen, um Spannungen zwischen Gruppenmitgliedern, die sonst den Zusammenhalt bedrohen würden, an einem Sündenbock auszulassen. Die vom finanziellen und politischen Ruin bedrohten deutschen Kleinbürger griffen die nationalsozialistische Weltanschauung auch deshalb auf, weil sie erlaubte, statt der wirklich für die Niederlage von 1918 verantwortlichen Politiker die Juden – religiöse und soziale Außenseiter – als Sündenböcke zu verwenden. Oft kommt der Außenseiter durch seine persönlichen Haltungen (wie besondere Distanziertheit) solchen sozialen Abläufen entgegen. Im Fall der Juden mag die Überzeugung, das auserwählte Volk zu sein, hier beigetragen haben. In einer Schulklasse wird zum Beispiel ein Kind dann zum Außenseiter, wenn ihm von den Eltern (→ Identifizierung) Werte und Normvorstellungen vermittelt werden, die seine Einbindung in den Klassenzusammenhalt verhindern. Solche Vorstellungen lassen sich als «innere Formeln» beschreiben, die einen Außenseiter vorprogrammieren, wie etwa «Spiel nicht mit den Schmuddelkindern!», «Wir Müllers sind was Besseres als andere Leute, und deshalb mag man uns nicht!», «Du darfst nie jemanden mehr lieb haben als deine Mami, nicht wahr!»

Authentizität

→ Echtheit

Autismus
Autoerotik