Leyla - Geschichte eines Ehrenmordes - Peter Jacob - E-Book

Leyla - Geschichte eines Ehrenmordes E-Book

Peter Jacob

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Beschreibung

Leyla ist eine junge türkische Frau, deren Vater einem ehemaligen Freund gegenüber, ein verhängnisvolles Versprechen gegeben hat. Dieses Versprechen hat er leichtsinnigerweise abgegeben, obwohl er die Konsequenzen als Türke kennen musste, wenn die Zusage gebrochen wird. Er versuchte, dem zu entkommen, indem er aus seinem Heimatdorf in Anatolien zusammen mit seiner deutschen Frau, seinem 5-jährigen Sohn und seiner 3-jährigen Tochter nach Hamburg emigriert und sich ein neues Leben aufbaut. Alles scheint sich zum Guten zu wenden, bis zu Leylas 22. Geburtstag. An diesem Tag holt sie ihre Vergangenheit wieder ein. Der inzwischen 30-jährige Landsmann, dem sie versprochen war, findet Leyla in Hamburg und verlangt die Einhaltung des Versprechens. Die Katastrophe ist da. Kurze Zeit später lernt Leyla den Hotelkaufmann Dennis kennen, mit ihm fliegt sie nach Curacao. Nach anfänglichen Schwierigkeiten finden sie zueinander und heiraten in Hamburg, wo es dann zum Eklat kommt …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 359

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Peter Jacob

LEYLA –

Geschichte eines Ehrenmordes

Buch 1

Impressum:

© 2017 Peter Jacob

Umschlagbilder von Peter Jacob

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN Taschenbuch:

978-3-7439-0839-0

ISBN Hardcover:

978-3-7439-0840-6

ISBN eBook:

978-3-7439-0841-3

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Peter Jacob

LEYLA

Geschichte eines Ehrenmordes

Ich danke meiner Lebenspartnerin für

ihre Geduld und Hilfe, ohne die dieses

Buch nie geschrieben worden wäre, und

nicht zuletzt Sandra Duenschede, die mir

viele wichtige Hinweise gegeben hat.

Die Geschichte ist fiktiv, aber so hätte sie

tatsächlich geschehen können.

Buch 1

Der Anfang

Die Hauptpersonen dieser Geschichte:

Dennis Hollmann

Geschäftsführer der StiftungHotel-International

Leyla Yilmaz

Tochter von Sylvia und Acun

Acun Yilmaz

Vater von Leyla und Ehemann von Sylvia

Sylvia YilmazEnes Yilmaz

Frau von Acun YilmazSohn von Sylvia und Acun

Amina Sylvia

Zwillingstöchter von

Eliana Christin

Leyla und Dennis

Christian Acun

Sohn von Leyla und Dennis

Dilara Abay

Nanny und Freundin von Leyla

Joline Wouters

Sekretärin von Dennis Hollmann

Ed Williams

1. Vorsitzender der Stiftung

Thijs Jordan

Polizeichef auf Curacao

Makbule Acdag

Bauer in der Türkei

Acar, Manco u.Merih Acdag

die drei Söhnedes Bauern

Hasan Ali Celik

türkischer Hotelier

Strafgesetzbuch (StGB)

§ 211 Mord

(1) Der Mörder wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft.

(2) Mörder ist, wer

aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen,

heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder

um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken,

einen Menschen tötet.

1

In all den Jahren, die ich auf meine Rache gewartet habe, war ich nicht so ganz untätig. Ich habe mir einen Plan ausgearbeitet, das Wort ausgearbeitet ist vielleicht etwas zu stark. In Jedem Fall gehörte dazu auch ein US-Reisepass, der mich allerdings viel Geld und noch mehr Nerven gekostet hat.

Mein neuer amerikanischer Pass, der sehr häufig bei verschiedenen Zollkontrollen abgestempelt war und nicht nur dadurch sehr echt wirkte, ist nicht gestohlen, wie man mir glaubhaft versicherte. Ich beschaffe mir einen neuen Pass ... das klingt deutlich einfacher, als es wirklich ist. Es hat mich viel Mühe und noch mehr Geld gekostet, einen wirklich guten Ausweis zu bekommen. Stellen Sie sich doch einmal vor, Sie brauchen einen gefälschten Ausweis, mit wem wollen Sie darüber sprechen, wen wollen Sie fragen? Die offiziellen Behörden? Und die meine ich natürlich nicht. Das ist tatsächlich nicht so ganz einfach, wie es sich anhört. Aber jetzt habe ich das Papier. Mein Wunsch, diesen Ausweis zu bekommen hat mich fast in sehr große Schwierigkeiten gebracht, nur durch einen Zufall bin ich nicht in eine Razzia geraten, und das einfach deshalb, weil ich ein paar Minuten zu spät zu dem vereinbarten Treffpunkt gekommen bin. Die Anzahlung war damit weg. Also, ein neuer Versuch!

Mein Plan basiert vor allen Dingen darauf, das Acar Acdag in kurzer Zeit aus dem Gefängnis in Hamburg entlassen werden würde. Sein erster Weg wird sicherlich der nach Hause sein, nach Hause zu seinem Vater. Die beiden will ich zusammen erwischen. Jedenfalls habe ich mir das so vorgestellt. Ich weiß, da gibt es einen großen Unsicherheitsfaktor, aber, wo soll der Sohn denn sonst hin? Ich habe keine Ahnung, welche Gefühle er gegenüber seinem Vater hegt, der ihn in all den Jahren, während seiner Haft in Hamburg, nicht einmal besucht hat. Welche Gedanken würde ein Sohn haben, dessen Vater ihm sieben seiner besten Jahre gestohlen hat? In dessen Auftrag er ein unschuldiges Mädchen vergewaltigt hat? Ich hoffe, nicht allzu Gute. Meine Idee ist es, die Ankunft des Sohnes abzupassen und dann meinen weiteren Plan umsetzen. Es ist allerdings ein mörderischer Plan. Dazu brauche ich aber noch die Information, wann denn genau der Sohn von Makbule Acdag aus dem Gefängnis entlassen wird. Ein Telefonat mit meinem Anwalt in Hamburg wird das sicherlich klären

Am 6. September stehe ich in Hamburg vor der Haustür von Sylvia und Acun. Sylvia macht mir auf und braucht wohl ein paar Sekunden, um sich von ihrer Überraschung zu erholen, dann zieht sie mich wortlos in den Wohnungsflur.

„Warum hast du denn nicht angerufen, wir hätten dich doch abgeholt, und wie siehst du denn überhaupt aus?“ Dazu muss ich sagen, ich habe mein Aussehen ein wenig verändert, um mich mehr dem Bild in meinem neuen Pass anzugleichen. Meine Haare sind etwas länger gewachsen.

„Kannst du bitte Acun anrufen und ihn bitten, sofort nach Hause zu kommen. Nenne ihm aber nicht den Grund am Telefon, sage ihm nicht, das ich da bin. Ich muss mit ihm sprechen.“ Während wir warten, fragt mich Sylvia ganz vorsichtig.

„Was hast du denn vor?“

„Sylvia, bitte sei mir nicht böse, aber das willst du gar nicht wissen.“ Mit erschreckten, weit geöffneten Augen steht sie vor mir, ahnungsvoll schaut sie mich an. Acun ist in wenigen Minuten da, er ist sehr aufgeregt. Er nahm bei dem Anruf wohl an, Sylvia wäre etwas passiert. Als er mich sieht, ist seine Überraschung noch größer.

„Warrumm hastt du dennn nichtt angerrufenn, wirr hättten dichh dochh vomm Flugghaffen abjeholtt?“ Anstatt einer Antwort bitte ich ihn um ein Gespräch. Wir gehen ins Wohnzimmer, ich schließe die Tür hinter uns.

„Acun, ich ersuche dich, mir einen großen Gefallen zu gewähren, einen sehr großen. Ich möchte dich bitten, morgen nach Ankara zu fliegen, einen guten, gebrauchten Mercedes zu kaufen, ich denke da an einen Diesel, mit einem Navigationssystem, möglichst noch mit Automatik und einer Klimaanlage. Er sollte nicht älter als fünf, sechs Jahre sein und nicht mehr als 50–60.000 Kilometer gelaufen haben. Checke ihn gut durch und kaufe ihn dann. Du musst nicht groß handeln, nur ein bisschen, damit du nicht auffällst. Lass bitte die alten Nummernschilder drauf, melde ihn in keinem Fall neu an. Vor allen Dingen nenne dem Händler einen Fantasienamen. Wenn du dann den Wagen hast, besorge mir in einem Sportgeschäft einen Baseballschläger und auf dem Schwarzmarkt eine Pistole. Du kennst dich doch sicherlich in Ankara und auf dem Schwarzmarkt noch gut aus. Und vergiss bitte nicht, viele Hersteller versehen ihre Waffen auch mit Kennziffern im Inneren des Laufs. Wenn das aber so ist, versuche sie unkenntlich zu machen. Die Waffe muss keine große Zielgenauigkeit haben. Lege beide Teile in den Kofferraum. Dann rufe mich über dieses Prepaid Handy an, und sage einfach: Du kannst kommen. Wir treffen uns dann auf dem Parkplatz vor dem Flughafen.“

„Wass hastt duu dennn voorr?“

„Schwiegervater, wenn ich zurück bin, werde ich dir alles erzählen. Acun, ich habe hier ein weiteres Prepaid Handy, auf dem einen steht der Name deiner Frau, auf dem anderen, das ich dir jetzt gebe, dein Name. Rufe ich Sylvia an, so ist alles in Ordnung. Rufe ich aber dich an, dann brauche ich deine Hilfe in der Türkei. Hier ist ein Umschlag mit meinen vollständigen Daten. Sollte mir etwas passieren, müsst ihr die Kinder aufnehmen. Ich habe hier in diesem Umschlag alle meine Unterlagen, es ist alles für dich vorbereitet. Du findest eine beglaubigte Generalvollmacht über alle meine Konten und Beteiligungen. Sprich mit Ed, er wird dich fair behandeln. Verkaufe meine Anteile an der Stiftung, das wird dir vermutlich 200 Mio. oder sogar mehr einbringen.

Ziehe um in ein Haus im Grünen mit einem großen Garten für die Zwillinge und Christian und sage ihnen, dass ich sie liebe. Dilara ist soweit eingeweiht. Sie wird mit den Kindern dann nach Hamburg kommen und zusammen mit ihnen, bei euch, eine Weile bleiben. Wirst du mir helfen?“

„Allmäcchtigerr, Denniss, wass willlst duu dennn macchen, wass hastt duu vorr? Iest ess dass, wass ech dennke?“ „Ich sage es dir, wenn ich zurückkomme. Kannst du morgen nach Ankara fliegen, und das tun, um was ich dich gebeten habe?“

„Dass isstt docchh selbsttverrstäntlichh.“

„Acun, hier sind 70.000 Euro in dem Umschlag, kaufe ein Auto und die anderen Dinge, um die ich dich gebeten habe, wir sehen uns dann in Ankara am Flughafen wieder.“ Acun nickt nur, wie zur Bestätigung.

„Ich möchte so lange hier bei euch schlafen, ist das in Ordnung?“

„Duu kannstt hierr soo lannge bleibben wiee duu willlstt.“

„Ich danke dir Acun, ich werde dir das nie vergessen.“

„Hastt duu dass wirkklichh voorr?“

„Ich habe Leyla geschworen, sie mit meinem Leben zu beschützen, das Versprechen habe ich nicht gehalten. Ich habe dir versprochen, dass derjenige, der ihr etwas antut, nicht die Zeit haben wird, das, was er ihr angetan hat, zu bereuen. Ich werde mein Versprechen jetzt endlich einlösen. Auf meine Kinder ist geschossen worden, jetzt ist Schluss. Ich habe lange genug gewartet, ich habe so lange gewartet, bis Gras über die Sache gewachsen ist, jetzt ist die Zeit gekommen, in der ich etwas tun werde, tun muss! Ich hätte schon viel früher handeln müssen! Gute Nacht, Acun, bitte sprich jetzt nicht mit Sylvia darüber, sie wird es ohnehin früh genug erfahren.“

Während der Wartezeit muss ich noch verschiedene Dinge erledigen. Unter anderem brauche ich Gummihandschuhe, so wie sie in einer Klinik getragen werden. Auf Curacao habe ich mir eine Pistole besorgt, mit der ich lange schießen geübt habe. Aber es ist natürlich etwas anderes auf schwimmende Blechdosen zu schießen, oder aber auf einen lebenden Menschen, der unmittelbar vor dir steht.

Am nächsten Morgen fliegt Acun nach Ankara, schon acht Tage später meldet er Vollzug. Niemand nimmt Notiz von mir auf dem Flug in die Türkei. Acun und ich treffen uns, wie vereinbart, vor dem Flughafen. Er zeigt mir das Auto, es ist ein dunkelgrauer Mercedes Diesel E-Klasse mit den gewünschten Extras. Der Wagen ist vollgetankt. Er gibt mir die Schlüssel und verabschiedet sich von mir. Mein Schwiegervater umarmt mich und wünscht mir viel Glück. Seine sonst so freundlichen Augen blicken mich traurig an. Ein Blick in den Kofferraum überzeugt mich, dass alles da ist, um das ich ihn gebeten habe. Als Letztes sagt er noch:

„Dass wass duu vorhasstt, hättte eigenttlichh ichh machhen müsssen, undd dass schonn vorr lanngerr Zeitt. Ichh warr nurr zuu ffeige. Meinne Jedannkenn sinnd beii dirr.“

Sein Schnauzbart verlieh seinem Gesicht heute einen sehr traurigen Ausdruck. Ich nicke nur und setze mich in den Mercedes, er hat wirklich ein gutes Stück gekauft. Die Ledersitze sind sehr bequem und laden zu einer langen Fahrt ein. Ich kann das Navi auch auf die deutsche Sprache einstellen, aber meine türkischen Sprachkenntnisse sind durch die täglichen Gespräche mit Dilara inzwischen so gut geworden, dass ich auch das Original verstehe. Ich fahre Richtung Emirdag und suche das Dorf von Makbule Acdag, dem Mann, der uns so viel Kummer und Leid bereitet hat.

2

„Besuchen Sie hier Ihre Familie, haben Sie Freunde in Hamburg oder wollen Sie nur die Stadt kennenlernen?“

„Wir sind für ein langes Wochenende nach Hamburg gekommen, meine Frau und ich. Es gibt so so viel Interessantes über diese Stadt zu lesen. Wir kommen aus Dortmund und wollen die Chance nutzen Hamburg einmal richtig kennenzulernen, nicht nur die Reeperbahn.“

„Dafür haben Sie sich ein wunderschönes Wochenende ausgesucht, die Sonne, die Wärme.“

„Ja, wir sind auch ganz begeistert, sonst sagt man ja immer, in Hamburg regnet es so viel!?“

„Wer sagt denn so was? Klar, in Hamburg kommt ein bisschen mehr Wasser vom Himmel, aber hier sagt man auch, es ist nicht der Regen, der stört, man ist nur falsch angezogen. Stellen Sie sich doch einmal vor, Sie sitzen hier mit geschlossenen Augen an den Landungsbrücken, Ihre Füße baumeln in der Luft. Sie lassen die Geräusche und Gerüche des Hafens auf sich einwirken. Der Strom fließt träge in seinem Bett Richtung Nordsee. Vielleicht denken Sie auch dabei ein wenig an Mark Twain und Tom Swayer. Sie bekommen Durst, ein Getränk wäre jetzt genau richtig. Entschuldigen Sie, ich schwärme Ihnen so viel von der Stadt vor.“

„Nein, nein, das ist sehr interessant, sprechen Sie weiter!“

„Ja, wirklich? Na dann. Sie können bei dem Kellner ein Bier oder auch ein Alsterwasser bestellen. Wenn Sie aber nur fünfzig Schritte weitergehen, finden Sie auch einen Platz im Strand-Pauli. Das ist der einzige, echte Beach Klub in Hamburg. Es gibt noch einen anderen, aber der ist weiter oben gelegen, hinter Blankenese, in Schleswig-Holstein. Sie ziehen Ihre Schuhe aus, gehen durch den feinen Sand und suchen sich einen Platz. Einen Stuhl, oder auch eine Hängematte unter einer Palme aus Stahl, aber damit wird es dann schon eng. Viele der Besucher sichern sich eine solche Hängematte. Hier haben Sie fast alles, Strand-Feeling, Getränke, nur kein Wasser, obwohl der Fluss nur wenige Meter von Ihnen entfernt ist. Aber Sie müssten schon springen, das aber wäre nicht so gut. Sie bestellen sich einen Cocktail, es muss auch nicht immer Alkohol sein. Sie können aber auch mit dem Auto durch die neue Hafencity fahren, Richtung Blankenese.“

„Da kommt gerade meine Frau zurück, mit den Fahrkarten für die Hafenrundfahrt. Wir werden uns die Stadt richtig ansehen, Elisabeth, setz dich, der Herr hier erzählt mir gerade etwas von Hamburg, hör dir das Mal mit an.“

„Sie gehen am Strand entlang, mit den Füßen im Wasser. Im Sommer können Sie auch schwimmen gehen, denn die Elbe ist wieder sauber. Mitten in der Stadt liegt Planten un Blomen. Sie finden dort nicht nur einheimische Pflanzen und Blumen, sondern in den angrenzenden Gewächshäusern auch wunderschöne tropische Gewächse. Für den Eintritt müssen Sie nichts bezahlen. Die Kinder toben dort auf einem Abenteuerspielplatz herum, Erwachsene können Minigolf spielen. Im Winter wird auf einer abgetrennten Fläche eine Eislauffläche installiert, im Sommer ist es eine Rollschuhbahn. Die Alster prägt einen großen Teil des Landes und der Stadt Hamburg. Der Fluss wird dann in der Mitte durch zwei Brücken in die Innen- und Außenalster geteilt, das eine ist die Kennedy Brücke, die andere, die parallel dazu verläuft, die Lombardsbrücke. Hamburg hat richtig viele Grünflächen, den Stadtpark und nicht zuletzt die Kanäle. Sie sollten nicht nur eine Hafenrundfahrt machen, sondern auch eine Kanalfahrt, die dauert etwa zwei Stunden, aber sie wird Ihnen gefallen. Im Übrigen, bei einer Hafenrundfahrt hat ein Kapitän mal gesagt, das Hamburg mehr Brücken als Venedig hat, nämlich mehr als 2.400 im Gegensatz zu Venedig, da sind es nur wenig mehr als 400. Ist das nicht bemerkenswert? Das wird Ihnen sicherlich der Barkassen-Führer auch erzählen, hören Sie sich alles mal an und viel Spaß in der Stadt.“

„Vielen Dank für den kleinen Vortrag, danke noch mal und tschüs.“

Hamburg ist ohne Zweifel eine schöne Stadt. Natürlich bin ich voreingenommen, denn Hamburg ist meine Stadt, hier wurde ich vor 33 Jahren geboren. Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich einmal vorstellen: Mein Name ist Dennis Hollmann, von Beruf bin ich Hotelkaufmann. Ich bin 188 cm groß, wiege etwa 83 Kilo, bin einigermaßen sportlich und sehe ganz passabel aus. Kein Bart, keine Zigaretten und meistens auch keine Frau. Das aber liegt aber eher an der mangelnden Zeit, sprich viel Arbeit. Meine Haare sind echt kurz, ich denke mal, weniger als einen Zentimeter. Durch eine Laune der Natur wurden sie schon grau, als ich gerade 26 Jahre alt war. Ich lebe allein und habe auch keinen weiteren Anhang, meine Eltern sind vor einigen Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Solange sie lebten, war ich ihr Kronprinz.

Meine Eltern führten eine Ehe, so wie eben Paare, Familien, früher lebten. Die Frau sorgte für den Haushalt, der Vater war verantwortlich für den Unterhalt. Kurz nach meiner Geburt wurde mein Vater nach England versetzt und wir lebten dort eine recht lange Zeit. Ich verbrachte dort den größten Teil meiner Schulzeit, erst kurz vor dem Abitur zogen wir zurück nach Hamburg. Meine Eltern kauften ein Haus in Hamburg-Volksdorf, einem Stadtteil, in dem Einzelhäuser und kleinere Wohneinheiten das Bild beherrschen. Unser Garten hatte eine Größe von etwa 800m², meine Mutter war damit ausgelastet. Ich habe sie als eine sanfte Frau in Erinnerung, aber sie wusste immer, was sie wollte. Ich wünsche jeder Tochter, jedem Sohn solche Eltern. Mein Vater glaubte alles zu lenken, allein, hinter ihm stand meine Mutter. Sie managte nicht nur unseren Haushalt, sie nahm auch unser aller Leben in die Hand. Mein Vater war sehr erfolgreich in seinem Beruf, aber das konnte er nur sein, weil seine Frau ihm den Rücken freihielt. Die beiden haben sich ihr gemeinsames Leben lang geliebt und respektiert.

Meine Eltern, insbesondere mein Vater, waren schon ein wenig enttäuscht, das ich nicht gleich nach dem Abitur ein Medizinstudium aufgenommen habe. Mein Zeugnis war nicht nur gut, es war sehr gut. Er sah mich schon im weißen Kittel in der eigenen Praxis oder als Chefarzt in einer Klinik. Seine erste Frage, nach dem er mein Zeugnis gesehen hat, war:

„Wann beginnst du dein Medizinstudium, wann wirst du dich einschreiben?“ Ich schüttelte nur meinen Kopf.

„Dad, das ist nicht mein Leben, ich möchte den Menschen auf eine andere Art und Weise begegnen. Ich möchte ins Hotelfach.“

„Was willst du machen, Hotelkaufmann werden?! Anderen Leuten die Tür aufhalten, bei dem Zeugnis?“

„Nein Dad, das ist nicht mein Ziel, ich will mehr, lass mich nur machen!“

Aufgrund meiner Voraussetzungen konnte ich bereits nach zweieinhalb Jahren die Abschlussprüfung machen, die ich als Bester meines Jahrgangs abschloss. Mein Vater sah sich das Zeugnis an: „Junge, das hast du prima gemacht, ich wusste immer, dass du gut bist, aber mir war nicht klar, wie hervorragend du wirklich bist. Was willst du jetzt machen? Hast du eine Vorstellung?“

„Ja Dad, ich will in die USA, genauer gesagt nach Los Angeles, ich will dort BWL und Hotelmanagement studieren.“

„Junge, wenn das dein Weg ist, ich werde dich unterstützen. Verlass dich auf mich.“

Ich meldete mich an, und aufgrund meiner Noten und meiner guten Sprachkenntnisse wurde ich sofort für das Erstsemester angenommen. Mein Vater registrierte das mit einem Lächeln, auch wenn er keine weiteren Kommentare mehr dazu abgab.

Nachdem ich das Studium als der Beste aller Studenten abschloss, platzte er fast aus dem Anzug. Er sah mich schon als Direktor im Waldorf Astoria in New York. Aber auch er wusste, dass der Weg dorthin noch dauern würde, sehr weit war und es bis dahin noch eine Menge Hürden zu überwinden galt.

Aber, als dann das Angebot der Stiftung Hotel-International kam, als deren Geschäftsführer zu arbeiten, war er kurz davor, sich ein DIN A 4 großes Schild drucken zu lassen:

„Mein Sohn ist der neue Geschäftsführer der

Stiftung Hotel-International.“

Zu dieser Foundation gehörten zu diesem Zeitpunkt weltweit über 800 Fünf-Sterne-Hotels. Gemeinsam mit dem Vorstand der Stiftung haben wir uns – und nicht zuletzt auch aus steuerlichen Gründen, für die Karibik-Insel Curacao, als neue Zentrale entschieden. Das war meine erste Entscheidung für die Stiftung. Das Board ist der Kopf der Stiftung, Ed Williams der Vorsitzende. Es gibt mit ihm insgesamt 16 Mitglieder, die die Entscheidungen treffen, die ich vorbereite. Obwohl ich nicht als Eigentümer in diese Stiftung integriert bin, habe ich eine Stimme. Sie ist die 17., im Ernstfall könnte ich damit eine enge Abstimmung entscheiden, was aber bis zum heutigen Tag noch nicht einmal vorgekommen ist. Eine solche Tagung findet mindestens einmal im Monat an unterschiedlichen Orten, meistens aber in den USA, statt.

Die Augen meiner Mutter leuchteten voller Stolz auf ihren Sohn.

„Da haben wir ja doch noch etwas Gutes zustande gebracht!“, war ihr Satz. Sie nahm das alles lächelnd zur Kenntnis. Mein Vater lernte Ed Williams, nach meinem letzten Gespräch mit ihm kennen. Sie waren nahezu gleichaltrig, ihr Einstellungen waren fast deckungsgleich, mit anderen Worten, sie verstanden sich prächtig. Mein Eindruck war, wenn auch nur eine Frage zwischen Ed Williams und mir nach unseren Gesprächen offen gewesen wäre, durch die neu gewonnene Beziehung zwischen meinem Vater und Mr. Williams wäre alles klar gewesen, so dachte ich jedenfalls. Erst viel später musste ich mich eines Besseren belehren lassen.

Wieder zu Hause, diesmal nur für eine kurze Zeit, wurde ich von meinem Vater auf jede Party in Hamburg geschleppt. Er stellte mich all seinen Freunden und Geschäftspartnern vor. Zwischendurch nahm er mich ins Gebet.

„Du weißt mein Junge, das, da eine Menge Arbeit auf dich wartet, nicht wahr? Du erhältst nicht dieses Gehalt, ein neues Büro mit wie viel Mitarbeitern, und einem Flugzeug, zum Nulltarif. Du wirst einen 18-Stunden-Tag haben. Das ist dir doch klar, nicht wahr?“

Mein Vater schaute mich sehr ernst an. Ich musste lächeln.

„Dad, ich habe nicht so lange, so hart gearbeitet, um mich jetzt auf den Lorbeeren auszuruhen. Mir ist schon klar, dass eine Fülle von Arbeit auf mich zukommt. Er lächelte mich an.

„Ich weiß, mein Junge, ich bin einfach nur sehr stolz auf dich.“

Ein junger Mann, der gerade seinen Führerschein gemacht hatte, musste den Freunden seinen Mut beweisen, in dem er auf die falsche Seite der Autobahn fuhr. Obwohl mein Vater einen Mercedes lenkte, blieb doch nur noch Schrott von beiden Autos übrig. Und drei Tote.

Zu dieser Zeit war ich bereits ein Jahr in den USA bzw. auf Curacao für die Stiftung tätig. Ich erzählte Ed Williams von dem Tod meiner Eltern. Er entschied sofort:

„Mach, das du nach Hause kommst, mein Junge, du musst jetzt nach Hause fliegen, deine Eltern begraben. Das bist du ihnen schuldig.“ Das war das erste Mal, das Ed Williams mich mein Junge nannte.

In einem späteren Gerichtsverfahren ging es nur noch um die Feststellung der Schadenshöhe. Die Versicherung weigerte sich zuerst den vom Richter geforderten Betrag zu zahlen, in einem zweiten Verfahren packte der Richter, völlig humorlos, zusätzlich 50.000 Euro auf den ursprünglichen Betrag. Dabei schaute der Richter den Versicherungsanwalt sehr bestimmt an, der verstand. Jetzt wurde sofort und ohne einen weiteren Einspruch gezahlt. Seitdem pflege ich ihr Grab, wann immer ich in Hamburg bin. Zusätzlich habe ich einen Vertrag mit einem Unternehmen abgeschlossen, dass das Grab in meiner Abwesenheit versorgte.

Was gibt es noch über mich zu sagen, außer vielleicht noch, dass ich Sport treibe, sofern es meine Zeit erlaubt, und zwar Judo. Ich trage den schwarzen Gürtel und stehe vor der Prüfung zum 5. Dan. Heute lebe ich nicht mehr in Hamburg, ich bin nur manchmal zu Besuch in der Stadt. Der Begriff Besuch ist heute und in diesem Fall auch nicht ganz richtig. Tatsächlich ist es Arbeit.

3

In Willemstad, der Hauptstadt meiner Insel, leben etwas mehr als 80% der Einwohner von Curacao, also circa 120.000 Menschen. Und einer davon bin ich. Zugegeben, die Insel ist nicht sehr groß, etwa 440 km², Hamburg mit mehr als 750 km², ist fast doppelt so groß.

Das Leben auf der Insel war und ist für mich das Gelbe vom Ei. Nie zuvor in meinem Leben habe ich eine solche Lebensqualität erlebt. Keine Hektik, kein aufgeregtes Hupen, wenn es mal nicht schnell genug geht. Hektik ist hier tatsächlich ein Fremdwort. Die Menschen sind freundlich und meistens gut gelaunt. Wer hier essen gehen will, muss Zeit mitbringen. Fastfood ist auf der Insel ein Fremdwort. Natürlich gibt es auch hier das schnelle Essen, aber das ist ein anderes Thema. Der breite Bürgersteig, kurz vor der Schwenkbrücke, wird durch eine Einbahnstraße geteilt, die an der Hafeneinfahrt und den Marktständen vorbeiführt. Auf diesem Bürgersteig - in einem Restaurant zu sitzen - sein Essen oder auch nur seinen Drink zu genießen, und einfach nur aufs Wasser zu schauen, dem Treiben der Menschen zu zusehen, das tut der Seele gut. Unter einem Sonnenschirm sitzend die Leute zu beobachten, die farbenfrohen Kleider der Frauen zu sehen, das Flair, das ist einfach nur gut für den Betrachter, wenn er sich denn darauf einlässt. Die Seele baumeln lassen, hätte mein Vater gesagt. Die Lebensqualität ist hier, nach meiner unmaßgeblichen Meinung, deutlich besser, als im Rest der Welt, trotz Hamburg im Sonnenschein.

Mit dem Tagesgeschäft unserer Hotels habe ich relativ wenig zu tun. Erst dann, wenn es wirklich nicht anders geht und meine Hilfe als letzte Endscheidung gebraucht wird. Immer dann, wenn die Manager vor Ort nicht weiterwissen. Aber das kommt höchst selten vor. Tatsächlich habe ich das noch nie erlebt, oder aber wenn es darum geht, eine neue Führungsmannschaft zu finden, so wie heute in Hamburg. Meine Aufgabe besteht im Wesentlichen darin, die Belegungsquote der Hotels mit verschiedenen Maßnahmen zu erhöhen. PR in seiner reinsten Form. Daneben steht auch in meiner Stellenbeschreibung, ich sollte Ideen entwickeln, wie die Stiftung wieder oder besser, weiter nach oben kommen kann.

Eine meiner anderen Aufgaben ist es, Kaufentscheidungen für andere Hotels vorzubereiten. Unsere Häuser sind zu 95% auf den Businessbesuch ausgerichtet, die restlichen 5% gelten mehr als Urlaubsdestination und haben dadurch auch ganz andere Voraussetzungen. In Mexico z. B. haben wir mehrere Hotels, eines davon in Mexiko City und ein anderes in Acapulco. Acapulco, eine Traumstadt mit einem Traumhafen. Die abendlichen Lichter tauchen die Stadt in ein goldenes Meer. Acapulco haftet schon seit vielen Jahrzehnten der Geruch der High Society an, ich glaube mit vollem Recht. Obwohl, der Glanz ist auch hier statrk verblsst. Das Rauschgift und damit die zunehmende Kriminalität haben die Stars und Sternchen aus Hollywood verschreckt.

Andere Hotels liegen wiederum in Urlaubsorten an der Küste. In diesen Häusern haben wir in der Regel meist nur Feriengäste, manchmal aber auch Firmen, die diese Reise als Incentive ausgelobt haben. Die meisten unserer Hotels stehen in den USA, und weil das so ist, verfüge ich über eine Greencard. Das war und ist eine große Erleichterung für mich und meine Arbeit. Hier in Hamburg allerdings geht es heute darum, dass ein Hotel von der Stiftung gekauft worden ist und einige Bereiche völlig neu strukturiert werden müssen. Vor allen Dingen brauchen wir eine neue Führungscrew.

Um immer schnell zu den Brandherden zu kommen, stellt mir die Stiftung einen Lear Jet XR 60 zur Verfügung, ich muss wirklich sagen, dieses Flugzeug ist einfach genial. Ich bin damit unabhängig von Flugplänen und auch von den manchmal unfreundlichen, meist überlasteten Flughafenangestellten und vor allen Dingen von streikenden Piloten, oder Kabinenpersonal. Ein weiterer Vorteil ist, dass ich, natürlich nach Voranmeldung, immer eine Suite in den jeweiligen Hotels beziehen kann. Nur wenn es um Extras geht, wie etwa essen, trinken, etc. muss ich die Rechnung selbst bezahlen, aber als Ausgleich dazu habe ich ein Spesenkonto und eine Kreditkarte, die großzügig alles abdeckt.

4

Aber jetzt zurück nach Hamburg. Wenn Sie die Stadt kennen, dann haben Sie bestimmt auch von dem Stadtteil Eppendorf gehört. Sie finden hier viele kleine, aber urige Geschäfte, die von fast allen Gesellschaftsschichten besucht werden. Hier kann man so ziemlich alles kaufen, was das Herz begehrt. Es gibt kleine Restaurants und Kneipen. Kaum Parkplätze, trotzdem tobt hier das Leben. Es ist nicht nur der wöchentliche Ise-Markt, es ist auch das Ambiente, das diesen Stadtteil auszeichnet. Am Eppendorfer Baum, eine Straße mitten in Eppendorf, bin ich über einen kleinen Obst- und Gemüseladen gestolpert, der schöne große und lecker aussehende Kirschen anbietet. Die paar Stufen in dieses Geschäft, das im Souterrain des Hauses liegt, gehe ich langsam hinunter, öffne die knarrende Glastür und stehe in einem kleinen türkischen Laden.

In dem Geschäft stehen einige Frauen, die sich das Obst und Gemüse anschauen, miteinander schwatzen. Eine der Frauen ist hochschwanger, alle tragen aber ein Kopftuch, sodass ich nur wenig von den Gesichtern der Frauen erkennen kann. Als sie mich erblicken, wird es merklich leiser, einige der Frauen schauen mich abweisend an, so, als wenn sie sagen würden, was wollen denn Sie hier? Andere schauen einfach an mir vorbei, für sie bin ich Luft. Vermutlich liegt es auch an meiner Erscheinung, an meiner Kleidung. Daran ist es wahrscheinlich deutlich zu erkennen, dass ich nicht hierhergehöre. Ich schaue mich in dem kleinen Laden um.

Hinter der Ladentheke steht eine junge Frau. Ihr hübsches, schmales Gesicht wird von ihrem pechschwarzen Haar eingerahmt, ein Kopftuch verdeckt allerdings fast vollständig ihre Haare. Sie schaut mich zunächst nur mit einem kleinen Lächeln an. Als ich dann an der Reihe bin, sieht sie mir voll ins Gesicht. Was passiert denn jetzt? Solche Augen habe ich noch nie gesehen. Ich bin überzeugt, ihre wunderschönen dunkelbraunen Augen schauen direkt in meine Seele. Ich habe plötzlich das Gefühl, ich bin mit diesem Wesen allein in diesem Raum, es gibt niemanden, der auch nur in der Nähe ist, obwohl der Laden ziemlich voll ist. Die Geräusche verstummen für mich schlagartig.Es scheint ein Zauber über allem zu liegen.

Die junge Frau hinter dem Ladentisch ist ungefähr 1,60 Meter groß, eher etwas kleiner, und sehr schlank. Ein wirklich hübsches Gesicht mit einer fein geschnittenen Nase. Kein Chirurg hätte daran etwas verbessern können. Ihr Teint sieht aus wie sehr helles Bronze. Ihre Beine kann ich leider nicht sehen, sie versteckt sie in einer Hose und trägt darüber noch einen dunkelgrauen Rock. Das Kleid, das sie trägt, so finde ich, ist nicht sehr ansehnlich, es schmeichelt ihr nicht. Ihr Alter schätze ich auf etwa 22-23 Jahre, sie hat eine fast knabenhafte Figur. Ich sehe in ihr Gesicht, in ihre Augen und um mich ist es geschehen.

Es gibt einen sehr alten Song mit dem Titel: Spanish Harlem, eine Textzeile daraus lautet: There is a rose in Spanish Harlem, diese Frau ist keine spanische Rose, sie kommt auch nicht aus dem New Yorker Stadtteil Spanish Harlem. Sie ist eine türkische Rose. Ihre Augen sind braun und nicht schwarz wie Kohle, wie es in dem Lied heißt, und sie entfacht auch kein Feuer mit ihren Blicken in meiner Seele, sondern einen ganzen Flächenbrand.

„Und was kann ich für Sie tun?“ Diese Stimme, was für eine Stimme hat diese Frau, meine ohnehin schon kurzen Haare stehen zu Berge, mir läuft ein Schauer über den Rücken. Normalerweise bin ich nicht auf den Mund gefallen, aber heute habe ich einfach nur etwas gestammelt, das sich anhört wie: „Zwei Pfund Kirschen bitte“, danach habe ich bezahlt und bin wieder auf der Straße. Waswar denn das? Mit meiner Tüte Kirschen in der Hand gehe ich zur nächsten Bank, setze mich, lache nur noch und fange an über das nachzudenken, was gerade mit mir geschehen ist. So etwas gibt es doch gar nicht. Das ist wie ein Schlag mit einem Vorschlaghammer auf den Kopf.

Am nächsten Tag gehe ich wieder in den Laden und werde sehr freundlich mit einem Lächeln begrüßt. Zunächst denke ich, dass das Lächeln mir gilt, leider muss ich später feststellen, dass hier jeder Kunde dieses Lächeln bekommt. Diesmal stottere ich nicht. Ich kann nur denken: Rede mit ihr, wenn du nichts sagst, kann sie nicht antworten, stelle ihr eine Frage oder sage irgendetwas.

„Tolles Wetter heute, nicht wahr?“ Was ist denn das schon wieder für ein Blödsinn, was soll sie darauf antworten? Ja, oder was!?Ich strahle sie an. Sie füllt die verlangten Kirschen in eine Tüte und hält sie mir hin.

„Ich möchte auch noch die Paprika kaufen“, was ist denn das schon wieder für dummes Zeug, was willst du mit der Paprikaschote?

„Ja, und bitte die köstlichen Erdbeeren hätte ich auch noch gern.“

„Das sind keine Erdbeeren, sondern kleine süße türkische Äpfel. Möchten Sie die wirklich?“ Sie spricht mit mir!

„Bitte, davon auch zwei Pfund.“ Wann soll ich das bloß alles essen? Sie packt alles in eine große Plastiktüte und reicht es mir über den Tresen.

„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“ Am Liebsten hätte ich gesagt: Gehen Sie bitte mit mir aus. Aber da hätte ich mir wohl einen Korb geholt.

„Nein danke, das ist alles für heute, was muss ich bezahlen?“ Darauf muss sie antworten! Ich reiche ihr den einen Geldschein rüber, dabei berühre ich ihre Hand. Mein Gott, Alter, was ist bloß in dich gefahren? Das Wechselgeld gibt sie mir mit einem Lächeln und einem Dankeschön zurück.

Abends sitze ich in meinem Hotelzimmer und träume. Ich höre eine CD von Dinah Washington, ein Titel daraus lautet: „What a difference a day makes”. Ich kann es gar nicht glauben, was mir passiert ist. Ein Tag, nicht mal 24 Stunden, haben tatsächlich alles in meinem Leben auf den Kopf gestellt.

Am nächsten Tag dieselbe Prozedur. Wieder das freundliche Lächeln, diesmal nehme ich meinen Mut zusammen und frage sie:

„Gehört das Geschäft Ihnen?“

„Nein, aber meinem Vater, der im Augenblick krank ist. Ich vertrete ihn gemeinsam mit meiner Mutter.“ Ich nicke freundlich, ein Anfang ist gemacht. Aber wie soll es weitergehen? Ich zerbreche mir den Kopf, wie ich es anstellen soll, diese wunderschöne junge Frau kennen zulernen. Wie soll ich einen Weg finden? Mein letztlich mühsam erdachter Plan ist es dann, ihr Vater soll das Hotel mit Obst und Gemüse beliefern. Der erste Weg muss also zu unserem Chefkoch, Klaus Bertram, sein, der auch den Einkauf für die Küche managt. Ich befrage ihn über seine Einkaufsquellen, wie und wo er das Obst und Gemüse für das Hotel beschafft. Natürlich vom Wochenmarkt. Was für eine Frage. Ich erzähle ihm von meiner Idee, und bitte ihn, einen Versuch zu starten und mit dem Inhaber zu reden. Es geht hier nicht nur um die Qualität, die Frische der Waren, sondern natürlich auch um den Preis, und nicht zuletzt um die Schnelligkeit der Lieferungen.

Er soll mit dem Inhaber in Kontakt treten, um mit ihm über eine mögliche Lieferung von Obst und Gemüse zu verhandeln. Er grinst mich an, verspricht aber, einmal in den nächsten Tagen mit dem Inhaber zu reden.

Also gehe ich am nächsten Tag wieder Kirschen kaufen. Hoffentlich ist die junge Frau noch im Laden. Ich habe Glück. Ich erkläre der hübschen jungen Frau, wer ich bin. Dabei stellt sie sich auch vor:

„Mein Name ist Leyla, Leyla Yilmaz“. Ich erzähle ihr von meiner Vorstellung, sie scheint, wenn auch sehr zurückhaltend, begeistert zu sein. Ihre Augen blitzen auf, sie verspricht, ihrem Vater von meinem Vorschlag zu berichten. Dabei schaut sie mir in die Augen, es war, als wenn ich hypnotisiert werde. Ich kann meine Augen nicht mehr von ihren lösen. Es fällt mir ungemein schwer, meinen Kopf in eine andere Richtung zu bewegen. Ich weiß wirklich nicht, was in diesem Augenblick mit mir passiert. Anscheinend bin ich hypnotisiert. Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Wenn ich mit ihr spreche, dann ist es fast so, als wenn ich auswendig Gelerntes ohne große Betonung wiedergebe. Mit einem etwas dümmlichen Grinsen verabschiede ich mich und verschwinde aus dem kleinen Laden.

Am nächsten Tag ist der Inhaber wieder im Laden. Er ist etwa 1,70 Meter groß, hat einen kleinen Bauch, freundliche dunkle Augen und ebenso graue Haare wie ich. Seine buschigen Augenbrauen und sein Schnauzbart geben seinem Gesicht einen freundlichen Ausdruck. Ich stelle mich vor und will ihm schon von meiner Idee erzählen, er aber winkt ab und meint:

„Meinne Tochterr hatt mirr schonn allless errzähllt.“ Ich weiß nicht, wie lange Herr Yilmaz schon in Deutschland lebt, aber seine Aussprache klingt immer noch sehr hart und ungelenk. Ich hoffe nur inständig, dass er Geschmack an meiner Idee gefunden hat, oder ihr wenigstens nicht ablehnend gegenübersteht. Herr Yilmaz ist sich augenscheinlich nicht wirklich schlüssig, was er machen soll. Er kratzt sich am Kopf.

Plötzlich kommt eine Frau mit schnellen Schritten aus dem hinteren Bereich des Ladens, vermutlich dem Büro, und dringt ziemlich heftig auf ihn ein. Später stellt sich heraus, dass sie seine deutsche Ehefrau ist. Wow, bin ich erleichtert. Anscheinend erhalte ich Hilfe aus einer Richtung, die ich nicht erwartet habe. Jetzt erst schaue ich mir die Frau genauer an. Sie ist zwar etwas älter, ihre Haare sind nicht mehr ganz so schwarz wie die von Leyla, an einigen Stellen ist ihr Haar schon etwas ergraut, aber sie ist eine ältere Ausgabe von Leyla, das also ist ihre Mutter. Eine schlanke Figur und die Körpergröße entsprechen in etwa der ihrer Tochter.

Ich kündige den beiden den Besuch unseres Chefkochs, Klaus Bertram, an. Natürlich hat auch Frau Yilmaz einen Haufen Fragen, wie das Ganze ablaufen soll. Da ich dazu nicht die Spur einer Idee habe und nicht wirklich weiß, was der Koch in der Küche braucht, kann ich nur meine Fantasie bemühen und sie bitten unserem Koch diese Fragen zu stellen. Aber ich habe Glück, mit meinen Antworten ist sie zunächst zufrieden und spricht danach sehr intensiv mit ihrem Mann. Natürlich in seiner Sprache, und ich verstehe wieder nichts.

Bei dieser Gelegenheit schwöre ich mir, wenn das was wird, mit meinen Träumen, werde ich diese Sprache lernen. Unser Koch ist nur ein paar Tage später da, und bespricht die Möglichkeiten mit Leylas Vater. Wie alles ablaufen könnte, was er braucht, wie sie sich verständigen wollen und wie sie die Lieferungen abrechnen. Seine Frau ist als Dolmetscherin immer dabei, es soll nichts schiefgehen.

Am Tag darauf kommt der Chefkoch zu mir und erzählt mir von seinem Gespräch, schreibt mir auch den Namen von Leylas Vater auf: Acun, Acun Yilmaz. Er berichtet mir, dass das Obst und Gemüse direkt aus der Türkei, von einem dort ansässigen Bauern, geliefert wird. Die beiden einigen sich, Klaus Bertram ist von der Qualität des Obstes und Gemüse überzeugt.

5

Zur Feier des Tages habe ich die Familie zum Essen in unser Hotel eingeladen. Bei dieser Gelegenheit will ich die ganze Familie, also auch den Bruder kennenlernen. Das ist mir im Hinblick auf Leyla sehr wichtig. Ich bitte den Koch, zwei oder drei türkische Speisen für diesen Abend zusätzlich mit anzubieten. Mit dieser Idee will ich bei der Familie punkten.

Wir sind in der Lobby des Hotels verabredet. Als Leyla aus dem Auto steigt, das ich der Familie geschickt habe, geht für mich die Sonne auf. Leyla sieht einfach umwerfend aus. Vor lauter Aufregung muss ich mehrfach schlucken. Mit großen Augen beobachte ich Leyla und bemerke, dass sie heute Abend das erste Mal kein Kopftuch trägt. Und wieder schaut sie mich an, so, als wenn sie in meine Seele sehen will. Mir scheint, dass sie nur mich ansieht. Sie bringt mit ihren Blicken alles in mir zum Schwingen. Ich weiß wirklich nicht, wie ich mich verhalten soll. Ich sehe nur noch sie. Es fällt mir unglaublich schwer meinen Kopf abzuwenden, als es mir dann aber doch gelingt, sehe ich ihre Mutter, die mich mit einem wissenden Lächeln betrachtet.

Wir begrüßen uns, der ältere Bruder ist der Vierte im Bunde. Enes ist ein Kumpeltyp, wir verstehen uns auf Anhieb. Ihm gefällt das Leben und das Leben liebt ihn. Er nimmt das Leben mit einer unglaublichen Leichtigkeit. Enes hat ein fotografisches Gedächtnis, er kann Texte lesen und sie anschließend fehlerlos wieder vortragen. Er ist in vielen Dingen sehr konservativ, eben türkisch, kann aber sehr spontan und charmant sein. Aber immer ist er sehr hilfsbereit.

Durch den Oberkellner werden wir zu unserem reservierten Tisch geleitet. Die Speisenkarten werden gereicht, inklusive der von mir vorgeschlagenen Gerichte. War anscheinend eine gute Idee, jedenfalls für Leylas Vater. Die Tischordnung, sprich, wer neben wem sitzt, habe ich mit dem Oberkellner bereits im Vorwege abgesprochen. Natürlich sitze ich neben Leyla.

In einer stillen Minute, in der ich sie für mich habe, die übrige Familie diskutiert gerade heiß miteinander, vielleicht über mich?, stelle ich ihr eine etwas freche, aber für mich sehr wichtige Frage:

„Frau Yilmaz, ich möchte Sie etwas fragen, bitte verstehen Sie mich nicht falsch, denn ich möchte Ihnen in keinem Fall zu nahetreten.“ Dann hole ich tief Luft:

„Sind Sie verliebt, verlobt oder verheiratet?“ Sie wird rot, neigt ihr hübsches Gesicht, und damit ihren Blick auf den Tisch und schüttelt den Kopf,

„Nein, ich bin nichts von alledem.“

„Ich würde Sie gern einmal zum Essen einladen, habe ich eine Chance?“ Sie schaut immer noch auf den Tisch, aber ihr Kopf bewegt sich und es sieht wie ein ja aus.

Dieser Abend ist ein toller Erfolg, nicht nur wegen Leylas Antwort auf meine Frage. Die ganze Familie ist in gelockerter Stimmung, und das hat nichts mit Alkohol zu tun. Anfangs waren meine Bedenken groß, ich wusste nicht, wie ich mich richtig verhalten soll. Leylas Bruder entwickelt einen unglaublichen Charme, er unterhält uns fast im Alleingang und bringt uns oft zum Lachen. Es läuft alles sehr gut. Den Charme muss er von seiner Mutter haben, genau wie auch Leyla, der Vater ist trotz allem noch einigermaßen reserviert, manchmal auch ein wenig brummig.

Natürlich ist Acun Yilmaz, auch wenn er es nicht zugeben mag, aufgekratzt, angesichts seiner neuen Möglichkeiten. Ich habe seine Fantasie angestachelt. Er hat viele Fragen, die ich versuche so gut wie möglich zu beantworten. Letztlich kann ich ihm aber nur sagen, lass uns sehen, wie es anläuft. Ich bitte den Chefkoch an unseren Tisch zu kommen, und alle Fragen der Familie Yilmaz zu beantworten.

Als wir uns trennen, und alle wieder in das Auto steigen, drückt mir der Bruder einen Zettel mit seiner Telefonnummer und einer Notiz in die Hand. Es war die Bitte ihn anzurufen. Am nächsten Tag tue ich das, und wir verabreden uns schon für den kommenden Abend.

Klaus Betram und Acun Yilmaz haben ihren Versuch gestartet. In einer Woche soll schon die erste Ware bei uns sein. Die Lieferungen stocken anfangs ein wenig, kommen dann aber immer besser in Schwung, schon fünf Tage später läuft alles rund und problemlos ab.

6

Enes lebt in einer WG, in der er sich anscheinend sehr wohl fühlt, er studiert Jura, und wie er erzählt, recht erfolgreich. Kein Wunder bei so einem Gedächtnis. Sein Vater unterstützt ihn finanziell, trotzdem jobbt er noch nebenbei. Er führt mich in seine Kneipe aus. Es ist eine typische türkische Teestube. Als wir eintreten verstummen die Gespräche ziemlich abrupt – eine fremde Person - aber als Enes erkannt wird, wächst der Geräuschpegel wieder auf die normale Lautstärke an.

Wir trinken zwei heiße, stark gesüßte Tees aus kleinen Gläsern. Unser Gespräch plätschert so dahin, er fragt mich:

„Warum bist du nicht so braun, wenn du in der Karibik lebst?“

„Die Antwort ist einfach“, grinse ich ihn an, „ich arbeite in einem klimatisierten Büro, es kommt kein direktes Licht durch die Fenster herein. Die dicken Scheiben halten die Sonnenstrahlen draußen, allerdings nicht die Wärme. In der Mittagspause fahre ich im geschlossenen Auto nach Hause, esse, danach geht es wieder zurück. Das Wochenende ist meistens mit Arbeit verplant. Eine Frau, die mich davon abhalten könnte, gab und gibt es nicht. Außerdem gibt es auch graue Tage in der Karibik, es ist zwar immer warm, manchmal beherrschen die Wolken den Himmel.“

Das geht so weiter, bis er mir eine erste, wirklich wichtige Frage stellt: „Wie ernst ist es dir mit Leyla?“

Das fängt ja gut an. Ich erzähle ihm ehrlicherweise die ganze Geschichte, von Anfang an. Er nickt immer dazu, so, als wenn er das alles schon weiß. Später stellte sich heraus, dass er das alles schon von seiner Mutter gehört hat, die mich vermutlich von Anfang an durchschaut hat. Bei dieser Gelegenheit fällt mir auch wieder der Blick von Frau Yilmaz ein, am Abend unseres gemeinsamen Essens.