Liebe am Ende der Welt - Anthony McCarten - E-Book
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Liebe am Ende der Welt E-Book

Anthony McCarten

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Beschreibung

Drei unschuldige Mädchen, die plötzlich schwanger sind. Von Außerirdischen, versichern sie. Ein spannender Roman über Wunder, Täuschungen und die Geschichten, die wir erfinden, um uns vor der Wahrheit zu schützen. Und eine phantastische Liebesgeschichte.

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Seitenzahl: 376

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Anthony McCarten

Liebe am Ende der Welt

Roman

Aus dem Englischen von Manfred Allié

Die Originalausgabe erschien 1999

bei William Morrow, Inc., New York,

unter dem Titel ›Spinners‹

Copyright © 1999 by Anthony McCarten

Die deutsche Erstausgabe erschien

2011 im Diogenes Verlag

Umschlagillustration:

Andy Warhol, ›Shoes (Parallel)‹, 1980

Synthetic polymer paint,

diamond dust & silkscreen ink on canvas, 90‘‘ x 70‘‘

Copyright © The Andy Warhol Foundation

for the Visual Arts, Inc./ARS, New York /

2012 ProLitteris, Zürich

Foto: Copyright © Art Resource,

New York

Alle Rechte vorbehalten

Copyright © 2012

Diogenes Verlag AG Zürich

www.diogenes.ch

ISBN Buchausgabe 978 3 257 24208 9 (1. Auflage)

ISBN E-Book 978 3 257 60193 0

Die grauen Zahlen im Text entsprechen den Seitenzahlen der im Impressum genannten Buchausgabe.

[5] Arbeiterinnen

Es war am Samstagabend, nach der Arbeit, aber noch bevor der Pub zumachte, dass Delia Chapman einen Außerirdischen sah. Na ja, genau genommen stimmt das nicht ganz – es waren zehn Außerirdische. Sie blieben etwa eine halbe Stunde. Und sie nahmen Delia mit auf ihr Raumschiff. Sie trugen silberne Anzüge und Edelstahlstiefel. Das Schiff war ultramodern und äußerst eindrucksvoll.

Delia hatte ihre dritte Halbschicht in Folge in der Packerei von Borthwicks Fleischfabrik hinter sich. Mit anderen Worten: Ihr Körper war noch beim Frühstück, in ihrem Kopf war es Mitternacht, und ihre innere Uhr war so durcheinander wie die einer Stewardess, die Langstrecken fliegt. Trotz ihrer Erschöpfung war sie zu aufgekratzt, um zu schlafen. Als sie die Farm ihrer Familie verließ, hatte sie noch immer die weiße Kittelschürze und die Gummistiefel an, die sie bei der Arbeit trug. Sie kaufte sich am Texacana-Take-away eine Tüte Fritten und schlenderte am Fluss entlang in Richtung Schnellstraße, hinaus aus der Stadt.

Wie konnte man auch damit rechnen, in Opunake einen Außerirdischen zu treffen? Da Delia auf ein so spektakuläres Ereignis nicht gefasst war, blieben ihre Auskünfte darüber, um es vorsichtig zu sagen, bruchstückhaft. Zwei Stunden später konnte sie immerhin berichten, dass es schön [6] gewesen sei, sie habe Lichter und ein paar Umrisse gesehen und ungefähr ein Dutzend – wortlose – Aufforderungen erhalten. Aber darüber hinaus und als die Leute die pikanteren Einzelheiten hören wollten, konnte Delia nur noch sagen, dass ihre Besucher während des gesamten Vorfalls ausgesprochen höflich gewesen seien und sie behandelt hätten wie eine hochwichtige Person.

Erst als beim Bäcker, im Wettbüro und an der Kasse des New-World-Supermarkts die ersten und äußerst amüsierten Reaktionen auf Delias Bericht die Runde gemacht hatten und jeder sein »bescheuertes Huhn« oder »bekloppte Tussi« oder »nicht alle Tassen im Schrank« beigesteuert hatte, war auch für eine etwas abgeklärtere Sicht der Dinge Platz.

Delia Chapman war sechzehn Jahre alt. Sie war im vorletzten Highschooljahr und hatte, genau wie ein ganzer Schwarm anderer ahnungsloser junger Frauen, einen Ferienjob bei Borthwick angenommen. Die Firma unterwarf um diese Zeit, wo die Schlachtquote den jährlichen Höhepunkt erreichte, ihre Angestellten einer gnadenlosen Folge von Tag- und Nachtschichten. Jeder wusste, dass 80 Prozent der weiblichen Bevölkerung der Stadt wegen dieser unmenschlichen Anforderungen am Rand des Nervenzusammenbruchs waren. Delias hysterische Behauptungen mussten also vor diesem Hintergrund gesehen werden.

Es gab andere Erklärungen dafür, wieso sie auf die Idee kam, sich eine solche Geschichte auszudenken. Alle wussten, dass Delia Chapman immer eine Baseballkappe der Los Angeles Lakers aufhatte, egal, wohin sie ging. Oft trug sie dazu ein T-Shirt der University of North Carolina sowie amerikanische Turnschuhe, und mit dem Walkman am [7] Hüftgürtel und dem Kaugummi im Mund erschien sie geradezu als Inbegriff des American Way of Life. War denn da die Vision eines Ufos nicht nur der nächste logische Schritt ihrer Verwandlung in einen Yankee?

Zum Zeitpunkt des Besuches aus dem Weltall, den der Ortspolizist später auf ca. 9 Uhr 20 abends schätzte, saß der Großteil der Einwohnerschaft wie gebannt vor dem Fernseher in der Bar und verfolgte ein Rugby-Endspiel zwischen der neuseeländischen Nationalmannschaft und England, eine Aufzeichnung aus Twickenham. Erbitterte Kämpfe um die Senderechte hatten dazu geführt, dass es hier keine LiveÜbertragung gab, und alle waren gespannt bis zum Platzen, weil sie es sich den ganzen Tag lang versagt hatten, von irgendwoher den Ausgang des Spiels vorab zu erfahren.

Um 9 Uhr 50, als das Spiel noch im Gange und der Ausgang mehr als ungewiss war, hatte sich Delias Leben bereits für immer verändert. Nur der Verkäufer im Texacana, ein einfältiger Trottel, erinnerte sich, dass Delia eine Portion Fritten und keinen Essig genommen hatte; das war der einzige Teil ihrer seltsamen Geschichte, für den es einen Zeugen gab.

Ortspolizist Harvey Watson, der am Wochenende auch als Delias Basketball-Trainer fungierte, redete sanft auf sie ein – eher wie ein Priester, der eine verwirrte Beichte abnimmt –, als er sie eine Stunde nach dem Ereignis nach Hause fuhr. Er wollte wissen, warum sie ihm so eine Geschichte erzählte. Hatte sie so etwas im Film gesehen? Die Hälfte des Weihnachtsprogramms im Kino und praktisch sämtliche Fernsehserien handelten ja dieser Tage von Aliens. Vielleicht habe sie einfach zu viele davon gesehen. Ihm sei gleich [8] aufgefallen, dass Delia unter einer Art Schock stehe, sagte er; es werde ihr sofort bessergehen, wenn sie ihm die Wahrheit sage. Er spürte, wie sie innerlich mit sich rang auf der Suche nach einer anderen Geschichte, mit der sie das zerzauste Haar, die Schrammen am Arm und den unsteten Blick erklären konnte. Aber dann schien es doch etwas zu geben, was sie von einer anderen Erklärung ihrer Verwirrung abhielt. Sie öffnete den Mund, doch ihre Konzentration schwand schon wieder. Und als Worte kamen, da waren es nur die gleichen wie zuvor.

»Das Schiff war wie ein… na, so eine Art… Lichtkugel, könnte man sagen. Eine große Lichtkugel. Und es stand auf… auf so einem…«

»Ja? Worauf stand es?«, fragte der Polizist und hörte gebannt zu. »Es stand…?«

»Auf einem Stativ.«

Delia war nicht gerade passend für eine Botschafterin angezogen gewesen, als sie so unvermutet erwählt wurde. Wie musste sie diesen Besuchern erschienen sein, als sie in ihren Gummistiefeln vor ihnen stand, eine Tüte Fritten in der Hand? Mit ihrer weißen Kittelschürze musste den Außerirdischen die Menschheit als eine weitaus praktischer denkende Lebensform vorgekommen sein, als sie in Wirklichkeit war; eine bleiche Rasse, dunkelblond mit weit aufgerissenen Augen, schüchtern, stumm, folgsam, harmlose Vegetarier.

Delia stand an diesem Samstagabend für Milliarden ihrer Art.

Am anderen Ende des Städtchens saß Delias Vater vor dem Fernseher. Marty Chapman war im Glauben, dass seine [9] Tochter mit genau der Art von brennendem Kopfschmerz zu Bett gegangen war, die ihn jetzt quälte. Sein Interesse an Sport war ihm, wie so vieles andere in den letzten Jahren, abhandengekommen. Es hatte sich verflüchtigt wie Brennspiritus aus einer offenen Flasche. Er sah sich eine Gartensendung im zweiten Programm an.

Es ging um die Aufzucht von Dahlien in einem Gewächshaus, und Marty verfolgte die Sendung mit schwindender Begeisterung, ein Bein über die Lehne seines Sessels gelegt, während im Schaum seines halbleeren Bierglases unbemerkt eine Motte um ihr Leben kämpfte. Auf dem Bildschirm erläuterte eine füllige englische Dame ihr Patentrezept für die Dahlienzucht. Als die Stimmung umschlug und sie sich zu Hetztiraden über Unkraut hinreißen ließ, stand Marty auf und schaltete das Gerät ab. Es wurde still im Haus, und die Angst vor einem Leben in Einsamkeit stieg um ihn auf wie ein Nebel.

Sein weißes Hemd klebte ihm vor Schweiß unter den Armen, und seine Schläfen pochten. Er beschloss, Aspirin und Wasser mit nach oben in sein einsames Witwerbett zu nehmen.

Bevor er hinaufging, trat er auf die von den Topfpflanzen seiner verstorbenen Frau gesäumte Veranda und wässerte mit seinem Urin ausgiebig das Gras. Auf der Farm durfte man keine Flüssigkeit verschwenden. In der Ferne sah er im Mondlicht seine mageren, halbverdursteten Rinder auf den Hügeln. Im Winter überschwemmte der Fluss die tiefer gelegenen Wiesen und überzog sie mit einer Schlammschicht; jetzt musste er sehen, wie er mit einer frühen Dürre fertig wurde, mit der heißesten Weihnachtswoche seit [10] zweiundvierzig Jahren. Er machte seine Hose zu und lehnte sich an den Türrahmen, wo die Größe seiner Tochter in zehn Stufen mit Kerben markiert war, von der Kindheit bis vor einem Jahr, wo er sie für ausgewachsen erklärt hatte. Er zerrte an den vom Schlamm steifen Schnürsenkeln, streifte mühsam die Stiefel von den Füßen und ließ sie zum Lüften draußen.

Oben blieb Marty vor der Tür seiner Tochter stehen. Er tat es hauptsächlich, weil es seine Gewohnheit war. Nicht selten war sie in diesem Zimmer, weil er sie dorthin verbannt hatte, und so blieb er automatisch stehen und horchte, ob Protestlaute von jenseits der geschlossenen Tür kamen. Sein Patentrezept für die schwierige Rolle des alleinerziehenden Vaters war Delias lückenlose Überwachung. Doch wo Weisheit und Erfahrung ihm erlaubt hätten, seine Energien für die Augenblicke aufzusparen, in denen Sorge wirklich angebracht war, wurde er immer ratloser, je erwachsener seine Tochter wurde, und geriet schließlich in einen Zustand permanenter Wachsamkeit, der seine Kräfte fast vollständig aufzehrte. Frauen waren ihm immer ein Buch mit sieben Siegeln gewesen, und nun, da seine Tochter zur Frau wurde, trieb ihn dieses Problem zur Verzweiflung.

Mit seinen Zähnen riss Marty das Aspirin aus der Folie, ließ es ins Glas fallen und sah den Linderung versprechenden weißen Bläschen zu. Mit pochenden Schläfen wartete er, bis die Tablette auf den Boden des Glases sank, das Wasser milchig wurde und die brausende Scheibe wieder an die Oberfläche stieg, inzwischen zu einem kleinen weißen Plättchen geschrumpft. Er trank gierig, dann legte er zum letzten Mal das Ohr an Delias Tür. Er widmete sich dieser Aufgabe mit aller Aufmerksamkeit, lauschte nach [11] Schluchzern oder dem Radio oder tonlosem Gesang zu einem unhörbaren Walkman. Er klopfte, dann rief er laut ihren Namen, doch es kam keine Antwort.

Das vielfach reparierte Schloss an Delias Tür zerbarst in seine sämtlichen Bestandteile.

Das Fenster stand weit offen. Marty Chapman konnte nicht sagen, wie lange seine Tochter schon fort war. Frauen konnte man einfach nicht trauen.

Phillip Sullivan war schon den ganzen Tag lang unterwegs. Nun wurde es allmählich dunkel. Es war eine langweilige Fahrt gewesen, abgesehen von dem einen Vorfall, als er auf der Schnellstraße eine lange Reihe vor sich hin zockelnder Wagen überholt und dabei verächtlich auf die Hupe gedrückt hatte. Erst als er kavaliersmäßig alle acht auf einen Streich nahm, sah er, dass er einen Trauerzug angehupt hatte. Im Rückspiegel betrachtete er die Wagen der Trauernden mit ihren vorschriftsmäßig eingeschalteten Scheinwerfern, und als er den Leichenwagen an der Spitze des Konvois passierte, warf ihm der Beerdigungsunternehmer mit steinerner Miene einen dermaßen strafenden Blick zu, dass es ihm vorkam wie ein Tadel direkt vom Himmel. In diesem Augenblick, in dem ihm vor Scham schwindlig wurde, beschloss Phillip, dass sein Leben nicht so weitergehen konnte.

Manchmal kann ein einziger Blick der Auslöser zu gewaltigen Veränderungen sein, und nach einem Monat voller ernüchternder Erlebnisse sollte dieser hier für Phillip der letzte Anstoß sein, seine größte Schwäche – einen zwar nicht häufigen, doch beängstigenden Jähzorn – ein für allemal zu überwinden. Er nahm den Fuß vom Gas und schwor [12] sich, sein stürmisches Temperament zu bezwingen; er wollte Ruhe und Geduld an die Stelle der Wut setzen, die ihn seine Karriere gekostet hatte.

Im Westen versank die Sonne in der Tasmanischen See, und vor ihm tauchte Mount Taranaki auf. Zweieinhalbtausend Meter erhob sich der Zuckerhutberg über dem Farmland im dramatischen Licht des langen Dezemberabends. Am Picknickplatz von Patea hielt Phillip an, und nun, wo die Hitze endlich erträglich war, aß er ein Sandwich und sah dem Spiel des Abendlichts auf der Bergflanke zu. Er warf einen Blick auf die Landkarte des Automobilclubs, die er auf dem Beifahrersitz neben einer extrem seltenen Ausgabe von Turgenjews Aufzeichnungen eines Jägers liegen hatte, und sah, dass er schon fast in Hawera war; nur noch fünfzehn Kilometer Küstenstraße bis Opunake.

Hinter Hawera kam Phillip an einem armseligen Jahrmarkt vorüber, einer bunten Versammlung von Lastwagen und Anhängern mit einem Zaun drum herum. Der Jahrmarkt war winzig und heruntergekommen. Phillip sah einem kleinen Mann mit buschigem Backenbart und tätowierten Armen zu, wie er uralte Bahnschienen schleppte, vier- oder fünfmal so lang wie er. Als ganz kleiner Junge war Phillip einmal Geisterbahn gefahren. Seine Mutter, überzeugt, dass man sich seinen Ängsten stellen müsse, hatte Karten gekauft, in der Hoffnung, dass die Fahrt den Jungen von seiner kindlichen Furcht vor dem Dunkeln kurieren werde. Doch als er erst einmal in die Tunnel eingetaucht war, war Phillip in ein tiefes Schweigen verfallen, nicht vor Schrecken starr, sondern vor schierer Langeweile. Die Schreie der anderen Kinder klangen ihm in den Ohren, doch Phillip sah [13] nur, wie oberflächlich die Illusionen waren, wie stümperhaft die Effekte, wie unvollkommen die ganze Unternehmung. Die Skelette, die von der Decke baumelten, waren eindeutig aus Plastik, und die Feuer, die gespenstisch in den Augenhöhlen der Totenschädel brennen sollten, waren einfach blinkende rote Lichter wie an der Stereoanlage im Wohnzimmer; und das eine echte Gesicht, das manche von den Gestalten animierte, indem es mit jeweils passendem Hut oberhalb ihrer Schultern auftauchte – eine Hexe, die ihre Flüche schleuderte, ein versoffener Seemann, ein Irrer in seinem Kerker, der in Handschellen den König um Gerechtigkeit anflehte –, war das Gesicht der Frau, die die Eintrittskarten verkaufte. Atemlos, untalentiert und hörbar rannte sie außen um das Gehäuse herum und reckte den kostümierten Kopf durch eine Reihe von kleinen Löchern in der Wand ins Dunkle. Phillips Mutter hatte sich im Glauben mit auf die Sitzbank gequetscht, ihr Sohn werde, von kathartischen Kräften gepackt, aus dem Zug ins Dunkle springen, und so hielt sie ihn fest umklammert. Aber Phillip hatte keine Angst. Er wollte nur einfach in Ruhe über die Dummheit der anderen nachdenken. Warum schrien die Leute? Sahen sie etwas, das er nicht sah? War es möglich – eine Frage, mit der man sein ganzes Leben zubringen konnte! –, ein und dasselbe Ereignis auf mehreren Ebenen zu erleben? Phillip sollte fünfzehn Jahre brauchen, bis ihm aufging, dass damals in diesem Tunnel seine Neigung zum Analytischen geboren wurde, dass sich bei der Geisterbahnfahrt zum allerersten Mal der Zyniker in ihm gezeigt hatte und dass er schon im zarten Alter von sieben Jahren dem Tageslicht den Rücken gekehrt hatte und sich in jenen [14] düsteren Katakomben einzurichten begann, die die Heimat des Intellektuellen sind.

Phillip Sullivan bog um eine Kurve, die Scheinwerfer leuchteten forschend in die nun finstere Nacht, und beinahe hätte er eine gespenstische Gestalt in Weiß überfahren, die dort mitten auf der Straße stand. Es war eine junge Frau, eher eine Erscheinung, die Arme erhoben, um das Licht seiner Scheinwerfer abzuschirmen. Sie machte keine Anstalten auszuweichen. Phillips Wagen kam nur Zentimeter vor ihren Stiefeln zum Stehen, mit qualmenden Reifen. Dem jungen Mann schlug das Herz bis zum Hals. Er beugte sich auf dem Autositz vor, vergewisserte sich, dass das, was er sah, Wirklichkeit war: schulterlanges dunkelblondes Haar, weißer Kittel, nackte Beine in weißen Gummistiefeln. Sekundenlang starrte er sie nur an, bevor er dann doch ausstieg.

»Ich hätte Sie beinahe nicht gesehen.« Er atmete tief durch. »Alles… in Ordnung?«

Teilnahmslos sah sie ihn an: mit weiten aufgerissenen Augen, Schultern eingezogen, knochig, eine spröde Schönheit von vielleicht sechzehn Jahren. Nach einer ganzen Weile fragte sie mit einer Stimme, die kaum mehr als ein Flüstern war, ob er in die nächste Stadt fahre. Sie wandte ihr Gesicht vom Licht ab.

»Ich glaube, der nächste Ort ist Opunake«, antwortete er und musterte dabei ihr Profil. Er stellte fest, dass sie nicht gerade gesprächig war.

»Oh«, sagte sie.

»Kann ich Sie denn dahin mitnehmen?«

Nach einem Augenblick nickte sie verstört.

[15] »Kennen Sie es?«, fragte er. Allmählich verlor er die Geduld.

Sie sah ihn wieder an. »Was?«

»Kennen Sie Opunake überhaupt?«

Wieder nickte sie. »Ich wohne da.«

Das waren die letzten Worte, die sie während der ganzen Fahrt sprach.

Die Straße führte in einem Bogen zwischen Meer und Gebirge in die Stadt hinein. Aus den Augenwinkeln beobachtete Phillip die Bewegungen des Mädchens. Die Finger in ihrem Schoß, schmutzig unter den Nägeln, blieben keine Sekunde ruhig. Außerdem roch Delia auch ein wenig nach Erde, nach Landleben beziehungsweise Gülle. Der Geruch und die rastlosen Bewegungen ihrer Finger ließen ihn erwarten, dass sie im nächsten Moment mit einer sensationellen Erklärung darüber herausplatzen würde, was mit ihr geschehen war. Doch nichts kam. Was immer ihre Geschichte war, er war ihrer nicht würdig.

Um das peinliche Schweigen zu vertreiben, berichtete er ihr auf den Kilometer genau, wie weit er an jenem Tag gefahren war. Er erkundigte sich nach der alten Stadtbibliothek von Opunake und erwähnte dabei auch beiläufig, dass er der neue Bibliothekar sei. Er habe sich sagen lassen, das Gebäude sei nicht größer als ein Schuhkarton, um den sich zehn Jahre kein Mensch gekümmert habe und der zu einem Tummelplatz für Vögel, Spinnen und Mäuse geworden sei.

Doch nichts konnte ihr eine Antwort entlocken, ja, sie drehte nicht einmal ihren hübschen Kopf.

Eher zum eigenen Vergnügen rezitierte er ihr dann die lange Liste von erforderlichen Neuanschaffungen, Klassikern [16] und Übersetzungen, Enzyklopädien und Nachschlagewerken, die er als Erstes beim staatlichen Bibliotheksdienst in Wellington anfordern würde. Es waren allesamt Werke, die nach seiner Vorstellung in keiner halbwegs anständigen Bibliothek fehlen durften, und es stehe in seiner Verantwortung, dafür zu sorgen, dass Opunake diese Titel bekam, so dass die Landbevölkerung wieder Zugang zu jener Schatztruhe erhalte, die so lange für sie verschlossen gewesen war.

Delia Chapman bildete sich kein Urteil über den jungen Mann, während sie im Schatten eines großen Vulkans dahinfuhren, außer dass der antiseptische Geruch seines Rasierwassers sie irgendwie an den Zahnarzt erinnerte.

Opunake, in das sie endlich kamen, sah aus wie nach einer Katastrophe. Die gesamte Hauptstraße entlang standen leere Autos. Die Geschäfte, zwei gleichförmige Reihen mit Schindelfassaden, waren alle dunkel, die Straßen menschenleer. Zwischen den Leitungsmasten waren hoch oben bunte Lichterketten gespannt, an denen viele Birnen nicht mehr brannten, so dass dem MERRYX-MAS das X, einem Weihnachtsmann der Kopf und einigen Kerzen die Flammen fehlten.

Phillip hielt vor dem White Hart Hotel, dem einzigen Ort in der Stadt, an dem noch so etwas wie Leben herrschte.

Sein Fahrgast rührte sich nicht.

Sergeant Harvey Watson fühlte sich ziemlich mitgenommen. Seit seiner Vasektomie schlief er nicht mehr gut, und auf die Versammlung an diesem Abend freute er sich auch nicht gerade. Die Einwohner von Opunake, übergewichtig und sonnenverbrannt, waren nach dem niederschmetternden [17] Ausgang des Rugbyspiels noch immer um die Bar des White Hart Hotels versammelt.

Der Sergeant hatte mit einem triumphalen Sieg gerechnet und sich ausgemalt, dass er zu einem gutgelaunten Publikum sprechen würde, das ihm wohlwollend Aufmerksamkeit schenkte. Dieser Wunsch war nicht in Erfüllung gegangen. Nach der völlig unerwarteten Niederlage der Nationalmannschaft wollte die Menge Blut sehen. Alle gaben dem unfähigen französischen Schiedsrichter die Schuld und würden sich keine weiteren schlechten Nachrichten offizieller Natur mehr bieten lassen. In einem so gefährlichen Klima musste Harvey unumwunden zur Sache kommen, und er sehnte sich danach, wieder zu Hause zu sein, bei seiner Frau, wo die Dienstmütze am Haken hinter der Tür hing. Er sehnte sich nach der Sicherheit seines Bettes und dem seligen Vergessen des Schlafs.

Er mischte sich unter die Streitlustigeren unter den Gästen an der Bar, schüttelte Hände, tröstete die besonders niedergeschlagenen Sportler, frischte alte Allianzen auf wie ein gestandener Politiker, schlug alle Einladungen zu einem Drink aus, ganz damit beschäftigt, vor seiner Rede eine wohlwollende Stimmung zu schaffen. Er ließ sich nicht anmerken, wie müde er war, und den chirurgischen Eingriff erwähnte er mit keinem Wort. In einem Ort wie Opunake war allein der Gedanke an eine Sterilisation noch etwas Unerhörtes. Er hatte peinlich darauf geachtet, dass der Eingriff außerhalb der Stadt und unter strenger Geheimhaltung vorgenommen wurde. Es hatte nur eine halbe Stunde gedauert, und mit Ausnahme eines kleinen, allerdings besorgniserregenden Blutflecks, den er am nächsten Morgen in seiner [18] großzügig bemessenen weißen Unterhose fand, hatte sich an seinem Alltagsleben anscheinend nichts verändert. Als Ordnungshüter in einer Kleinstadt wusste Watson nur zu genau, wie Menschen auch die kleinsten persönlichen Eigenheiten zum Vorwand für gehässiges Gerede nahmen. Da war es doppelt wichtig, dass der einzige Polizist der Stadt über jedes Gerücht und jede Zwistigkeit erhaben war.

»So, jetzt hört mir mal alle zu«, begann er, worauf in die Bar nach und nach Ruhe einkehrte.

»Ihr fragt euch bestimmt, wieso ich diese Bürgerversammlung einberufen habe. Wie ihr alle wisst, ist es uns nie so richtig gelungen, das Tempo des Verkehrs zu drosseln, der von der Schnellstraße um den Berg herum in die Stadt und weiter in Richtung New Plymouth geht. Seit je nehmen zahllose Fahrer keinerlei Rücksicht auf Menschen, die in Kleinstädten wie unserer leben, und seit langem habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, dem Abhilfe zu schaffen, und sitze endlose Stunden mit einem Radarmessgerät im Streifenwagen am Ortseingang, leider bisher mit geringem Erfolg. Ein paar Gauner, die sich für besonders schlau halten, machen immer wieder entgegenkommende Autofahrer auf mich aufmerksam, und es ist mir noch nicht gelungen, einen Standort zu finden, an dem ich meine Ausrüstung unbemerkt aufstellen kann. Doch jetzt habe ich aus Wellington Nachricht erhalten…« Er zog einen eindrucksvollen Packen amtlicher Papiere aus der Tasche und hielt sie in die Höhe. »Das ist die Bewilligung zur Installation einer stationären Kamera zur Geschwindigkeitsüberwachung.«

Alle Gesichter im Raum blickten verständnislos drein. Watson fuhr in seiner Darstellung fort.

[19] »Für diejenigen unter euch, die sich nicht damit auskennen: Diese Kameras nehmen, bei Tag und bei Nacht, hochwertige Fotografien von Geschwindigkeitsübertretungen auf, unabhängig davon, wer am Steuer sitzt. Zunächst einmal wird eine solche Kamera an der Fahrbahn Richtung Süden außerhalb der Stadtgrenze aufgestellt. Für einen Probezeitraum von einem Jahr. Nun bin ich ja bisher nachsichtig mit den Einheimischen gewesen und habe mich eher an die ortsfremden Raser gehalten; aber mit dieser Kamera beginnt eine Zeit des gleichen Rechts für alle.«

Wiederum riefen die Äußerungen des Sergeants keinerlei Reaktion hervor. Die Mauer aus versteinerten Gesichtern blickte ihn an wie einen vollkommen Fremden – obwohl er als einziger Basketballtrainer der Stadt verantwortlich für die körperliche Ertüchtigung der Töchter vieler Anwesender war.

»Deshalb habe ich euch alle hier zusammengerufen, um euch das klarzumachen. Ich will nicht, dass ihr später mit euren Strafzetteln kommt und glaubt, ich könne das rückgängig machen. Wenn die Kamera euch erst mal aufgenommen hat, ist nichts mehr zu machen, nicht im Himmel, nicht auf Erden. Alles, was diese Kamera aufnimmt, geht direkt nach Wellington. Die Zeiten haben sich geändert.«

Nach einem neuerlichen Schweigen erhob sich erster Widerspruch. Whittaker, der Friseur und Tabakhändler, fragte, ob Wellington auch einen raschen Schlag mit dem Vorschlaghammer spät in der Nacht verarbeiten könne. Watson entgegnete, die mutwillige Zerstörung von Polizeieigentum sei eine Straftat, und jeder, der sich mit solchen Gedanken trage, müsse auch an die Folgen denken.

[20] Das war der Punkt, an dem all der aufgestaute Ärger über diesen und all die anderen angeblichen Eingriffe in die Privatsphäre der Einwohner überall an der Bar zum Ausbruch kam, und es drohte eine Neuauflage jenes Aufruhrs vor neun Jahren, als die Fleischfabrik trotz Gewerkschaftsprotesten zwei von ihren vier Produktionsstraßen stillgelegt hatte. Damals war die Inneneinrichtung des White Hart Hotels zum großen Teil zu Bruch gegangen, und das Mahagonidekor hatte sich nie wieder davon erholt. Selbst von dem Zwölfender, der über der Bar gehangen hatte, waren nur ein paar armselige Stümpfe geblieben. Es war, konnte man sagen, die letzte Aktion der Gewerkschaft gewesen, bevor die Regierung ihre Macht gebrochen hatte.

Aber Watson griff schon zur Mütze und war auf dem Weg zum Nebeneingang, durch den man auf den Parkplatz gelangte. An der Tür, wo ihm niemand mehr den Fluchtweg abschneiden konnte, blieb er noch einmal stehen und blickte sich um. Er hob beide Hände.

»Jetzt beruhigt euch mal! Nehmt einfach den Fuß vom Gas, dann hat keiner etwas zu befürchten. Nur die Gesetzesbrecher müssen sich Sorgen machen.«

Mit diesen Worten schlüpfte er hinaus und zog die Tür hinter sich zu. Die allgemeine Entrüstung verhallte in einem leisen Grollen. Als Watson am Streifenwagen ankam, sagte er nur ein einziges Wort. »Scheiße.« Man hatte ihm den rechten Vorderreifen durchstochen.

Als ihn jemand sanft von hinten auf die Schulter tippte, zuckte der Sergeant vor Schreck zusammen.

[21] Phillip Sullivan führte Sergeant Watson zu seinem Ford an der Hauptstraße. Als sie ihn erreichten, sah Phillip, dass die junge Frau, die er ihm beschrieben hatte, nicht mehr da war.

»Vor einer Minute saß sie noch hier«, versicherte er ihm. Zu zweit spähten sie in das Innere des Wagens.

»Und Sie sagen, sie hat ihren Namen nicht genannt?«

»Nein.«

»Wie heißen denn Sie?«

Watson fixierte den Fremden mit festem, wenn auch müdem Blick. Er hatte keine Lust, sich jetzt spätabends noch Ärger einzuhandeln. Jede Faser seines Körpers flehte um Schlaf, und diese konfuse Geschichte von einer Rettungsaktion für eine Unbekannte war kein guter Ersatz dafür. Die Sache mit seinem eigenen durchstochenen Reifen war weitaus dringender, ebenso wie die ersten Anzeichen einer Unbeliebtheit im Ort, die er sich in seiner Position nicht erlauben konnte.

»Also, was meinen Sie, wo ist sie hingegangen?«

»Das weiß ich nicht«, sagte Phillip.

»Das wissen Sie nicht?«

»Nein.«

Phillip blickte hilflos die Straße hinunter, bis dahin, wo sie im Dunkel verschwand.

An der dichtbelagerten Bar hatte Delia schon bald einen Drink in der Hand. Sie verdankte ihn der Großzügigkeit der Wirtsfrau Lucille, die keine eigene Tochter hatte und deshalb unendlich viel Geduld für Liebesverstrickungen junger Frauen aufbrachte.

Inzwischen hatten die Barbesucher kleine Grüppchen [22] gebildet, ganz hinten die Farmer von den Höfen weit draußen, Besitzer von schweren Holden Commodores mit V8-Maschinen, diejenigen, die von der drohenden Kamera am meisten zu befürchten hatten, und von dort nach vorn in Rängen abnehmender Empörung bis hin zu den alten Frauen an der Bar, von denen die meisten dem örtlichen Bowlingclub angehörten und die nur selten fuhren, und wenn, dann nie schnell.

»Alles in Ordnung, Delia, Liebes? Du siehst ein bisschen blass aus. Trink das, dann kriegst du wieder Farbe ins Gesicht.« Lucille kümmerte sich nicht groß um die Ausschankgesetze und schenkte lieber nach eigenem Gutdünken ein.

»Danke.« Delia hob das Glas. Kaum hatte sie es an die Lippen gesetzt, tauchten zwei massige junge Männer rechts und links von ihr auf, und ein Dritter legte ihr den Kopf auf die linke Schulter.

»Hey«, sagte einer.

»Hey, hey«, sagte ein anderer.

»Hey, hey, hey«, sagte der Dritte.

Mit der Präzision häufiger Übung wurden drei leere Biergläser im selben Moment auf den Tresen geknallt, und die Körper ihrer Besitzer verschmolzen zu einem einzigen mit drei Köpfen – einer dreiköpfigen, sechsarmigen, biertrinkenden Medusa, dem Schrecken aller jungen Frauen von Opunake. Obwohl sie sich wie Teenager benahmen, waren sie in Wirklichkeit schon über dreißig, und nur die Mischung aus Übermut und aufgesetzter Idiotie hielt sie in einem Stadium immerwährender Jugend fest.

»Deeeee…«, begann der Erste, ein Sänger in einem Chor.

»…eeee…«, sang der Zweite.

[23] »…lliiiaaa!«, sang der Dritte.

Das Gewicht dreier massiger Unterarme drückte auf Delias Schultern, so dass ihr nichts anderes übrigblieb, als sich nach vorn über den Tresen zu lehnen. Sie schloss die Augen.

Das war genau die Art von versoffenen Kerlen, derentwegen sie ihr Teenagerleben so hasste. Seit Beginn der Pubertät hatte sie versucht, ihr eigenes Aufblühen hinauszuzögern, indem sie ihr Haar kurz geschnitten, möglichst weite Kleider angezogen und einen schlurfenden, vornübergebeugten Gang entwickelt hatte, der die lüsternen Augen der männlichen Kleinstadtjugend von ihr ablenken sollte. Aber dieser Schuss war nach hinten losgegangen. Die einzige Auswirkung ihrer Tarnung war gewesen, dass ihre beträchtlichen Qualitäten umso deutlicher zutage traten, und der unbezwingbare Drang zu besitzen, was unerreichbar ist, machte sie nur umso begehrenswerter.

»Lasst sie in Ruhe, Jungs!«, brummte die Wirtsfrau. »Hört ihr! Lasst sie in Ruhe. Ab mit euch. Und zwar sofort!«

Jeder und alles gehorchte, wenn Lucille etwas befahl; die jungen Männer trollten sich, und Lucille geleitete Delia ans ruhigere Ende der Bar.

Delia würde auch nie heiraten, niemals. Zum Glück war ihr die Demütigung eigener fleischlicher Gelüste erspart geblieben. Sex, das war in Delias Vorstellung, wie sich von einem Aal aus dem Fluss verführen zu lassen: undenkbar. Egal, wie lang die Reihe der Interessenten war, egal, wie vehement die Flüche wurden, dass sie ein arrogantes Luder sei, dass ihre Beine mit dem Schweißbrenner zusammengeschweißt seien, Delia war und blieb eine eiserne Jungfrau. Was das Sexuelle anging, war alles nach Plan gegangen, bis [24] sie vor zwei Stunden auf die blödsinnige Idee gekommen war, sich eine Tüte Fritten zu holen.

»Wo bist du gewesen? Alles in Ordnung?«, fragte Lucille.

»Hm-hm.«

»Dein Kittel ist ganz dreckig. Riecht wie Dung oder so was.«

»Ich bin bloß ausgerutscht. Glaube ich. Alles in Ordnung. Danke. Mir fehlt nichts.«

Als Sergeant Harvey Watson die Wirtsstube wieder betrat, mit Phillip Sullivan an seiner Seite, breitete sich die Ruhe im Raum aus wie eine Handvoll geworfenes Vogelfutter, und einen Moment lang schienen alle verwirrt. Phillip entdeckte Delia in ihrer Ecke, wo sie, mit dem Rücken zu ihnen, still vor sich hin trank, bevor der Sergeant sie auch sah. Wortlos, geschäftsmäßig, ging Watson zu ihr und lotste sie dann durch die Menschenmenge zum Nebenausgang.

Die Einheimischen hatten die Luft angehalten, und nun, wo die Tür sich schloss, gingen Geschnatter, Beratungen und Beschimpfungen von neuem los.

Damit er in der Nähe bleiben konnte und noch möglichst viel über das Mädchen erfuhr, hatte Phillip angeboten, Watsons Reifen zu wechseln. Der Beamte sprach derweil mit Delia, ein paar Schritt entfernt im diskreten Licht einer Straßenlaterne.

Phillip kurbelte den Streifenwagen hoch, bis der durchstochene Reifen sich vom Boden hob. Als er zu den beiden hinübersah, redete Delia, und Watson schien schweigend zu akzeptieren, was immer sie ihm sagte. Die Hände hatte er fest in die Hüften gestemmt, und den Kopf drehte er nur [25] dann und wann, um sich zu vergewissern, dass niemand sie belauschte.

Phillip legte die vier verchromten Muttern in der Radkappe ab und zog das Rad von der Nabe. Er ging zum Kofferraum und holte das Reserverad heraus.

Jetzt schüttelte Watson den Kopf, kratzte sich hinter dem Ohr, schien verwirrt von dem, was er zu hören bekam. Er wandte sich von Delia ab, ging drei Schritte, dann machte er kehrt und stellte ihr eine neue Frage. Sie zündete sich eine Zigarette an, und Phillip hätte nicht sagen können, ob die Unterhaltung ihr unangenehm war oder ob sie ihr überhaupt nichts ausmachte.

Phillip brachte seine Arbeit zu Ende, zog die letzte Radmutter sorgfältig an und drückte die Radkappe wieder auf. Er wischte sich die Hände ab und signalisierte den beiden diskret, dass er fertig war. Dabei vernahm er die mahnende Stimme des Beamten. »Jetzt reicht es aber mit dem Unsinn, Delia. Jetzt hör… Himmel, jetzt hör mir doch mal zu…« Das Gesicht des Beamten, im Lampenlicht gut zu erkennen, war mittlerweile deutlich gerötet. Delia blieb im Schatten, und noch immer hätte Phillip nichts über ihre Verfassung sagen können.

Watson kam dann zu ihm herüber.

»Fertig? Tausend Dank. Also, ich… ähm… ich fahre sie jetzt nach Hause.«

Phillip nickte und sah zu Delia hinüber. Sie hatte ihnen noch immer den Rücken zugewandt, aber jetzt stand sie im Lichtkegel der Lampe und paffte ihre Zigarette. Er wollte zu ihr hingehen und sich verabschieden, doch der Sergeant packte ihn mit fester Hand an der Schulter. Watson [26] schüttelte den Kopf so gebieterisch, dass Phillip nur einmal kurz nickte und dann sofort zu seinem Wagen ging. Er ließ den Motor aufheulen und fuhr davon.

Unter der Straßenlaterne blickte der Sergeant dem Wagen nach, wie er im Dunkel verschwand, und seufzte schwer. Er schwor sich hoch und heilig, dass er von dem, was er zu hören bekommen hatte, keiner Menschenseele etwas erzählen würde – mit Ausnahme seiner Frau, denn der erzählte er alles.

»Also, lass uns das noch einmal durchgehen, Delia. Noch mal von vorn. Und bitte, lass um Himmels willen diesmal den ganzen Unsinn sein.«

Der Bürgermeister von Opunake, Jim Sullivan, saß in seinem Wohnzimmer und klebte Zeitungsausschnitte ein, Berichte über die jüngsten Feierlichkeiten der Gemeinde, als seine Frau von draußen rief, sein Neffe sei eingetroffen und warte auf der Veranda.

Er ging ans Fliegengitter, den Leimtopf noch in der Hand, und betrachtete den Jungen durch das Drahtgeflecht der Tür. Der Besucher, den niemand hereingebeten hatte, war so von Motten umschwirrt, dass kaum etwas von ihm zu erkennen war.

Schon seit Stunden hatte Sullivan sich vor dem Augenblick von Phillips Ankunft gefürchtet, und da er so spät kam, hatte er erst recht keine Lust, seinen Neffen ins Haus zu lassen. Im Laufe der letzten beiden Jahre war ihm einiges über die äußerst mäßigen Leistungen des jungen Mannes beim Militär zu Ohren gekommen. Jetzt, wo Phillips unehrenhafte Entlassung nach einer Küchenschlägerei, bei der ein Soldat [27] bleibenden Schaden genommen hatte, ihm noch frisch im Gedächtnis war, konnte er nicht so tun, als ob er den Jungen mochte. Nur seiner Schwester, die er gern hatte, zuliebe hatte er sich bereit erklärt, »irgendwo bei der Gemeinde« einen Arbeitsplatz für seinen Neffen zu finden, und so hatte er sich einen kleinen, unbedeutenden Job ausgedacht, bei dem Phillip mit dem weitermachen konnte, womit er schon bei der Armee beschäftigt gewesen war: Wiedereröffnung und Betrieb der winzigen Stadtbibliothek von Opunake. In der Stadt gab es praktisch niemanden, der mehr las als Groschenhefte und die Skandalblätter am Sonntag, und so konnte man sich einen unwichtigeren Arbeitsplatz kaum vorstellen.

»Da bist du also.«

»Hallo, Onkel Jim.«

Sullivan nickte kühl. »Also, Flo hat Bettzeug herausgesucht und in den Wohnwagen hinter dem Haus gebracht. Wir haben den Strom eingeschaltet. Das sollte fürs Erste reichen, bis du etwas Eigenes hast. Wir unterhalten uns morgen früh. Immerhin hast du hergefunden. Alles in Ordnung?«

»Bestens. Ich gehe dann gleich nach hinten.«

»Wie geht es meiner lieben Schwester?«

»Bestens.«

Der Bürgermeister blickte dem Jungen ins Gesicht, forschte nach Familienähnlichkeit. Die Kinnpartie bot Anlass zu einem gewissen Optimismus, das vertraute Raubvogelgesicht, die Andeutung einer Adlernase; alles andere musste von diesem verweichlichten Taugenichts von Vater herkommen. Als Sullivan ihn das letzte Mal gesehen hatte, war Phillip noch ein Kind gewesen und schon da das genaue Gegenteil [28] eines Teamplayers. Ein schüchternes Kind mit einem schlaffen Händedruck. Es war eine absurde Idee von ihm gewesen, zur Armee zu gehen. Sullivan konnte es sich lebhaft vorstellen: ein Außenseiter vom ersten Tag an, unfähig zu jeder Kameradschaft, langweilig, humorlos, ein gefundenes Fressen für jeden Unteroffizier. Jede Kaserne braucht eine Zielscheibe für Gehässigkeiten, und niemand musste Jim Sullivan erzählen, wie sie seinen Neffen gehänselt, getreten und getriezt hatten, Stunde um Stunde – Gott stehe einem solchen armen Bastard bei –, bis hin zur unehrenhaften Entlassung wegen tätlichen Angriffs auf einen Kameraden – und das alles wegen einer Nichtigkeit, eines Disputs um die Sitzordnung im Kasino: Mehr als das brauchte man doch nicht, um zu sehen, dass der Charakter dieses Jungen von Anfang an verdorben war. Er hatte nicht gehalten, was das edle Kinn seiner Vorväter versprach.

»Gut dann. Der Wohnwagen steht hinter dem Haus. Vielleicht kann ich eine Sozialwohnung für dich auftreiben, aber fürs Erste sollte das hier reichen.«

Phillip nickte und verschwand mit seiner Reisetasche in der Dunkelheit, und am Fliegendraht blieben nur die Motten zurück.

Der Bürgermeister hatte erst vor kurzem das Prinzip der Collage für sich entdeckt und wandte sich jetzt gedankenverloren wieder seinem Album zu; auf die Idee, sein Neffe könnte nach der langen Fahrt gern etwas essen oder trinken, kam er nicht.

In dem Wohnwagen würde er es schon eine Weile aushalten. Der stand ganz hinten in der Ecke des Grundstücks unter [29] einem Pflaumenbaum, ohne Räder, ein Wrack auf Hohlblocksteinen, ein erstes Signal des Bürgermeisters, dass Phillip Strafe verdiente. Phillip lächelte; er fand den Knauf, öffnete die Tür von der Größe einer Kühlschranktür und tauchte ein in das muffige Aroma von Moder und Schimmel. Er holte sofort den Schlafsack aus seinem Gepäck, denn ihm war nicht danach, die Umgebung näher in Augenschein zu nehmen, und legte sich auf die schmale, nach Schweiß stinkende Pritsche, die Nase in das ranzige Potpourri einer sich in ihre Bestandteile auflösenden Matratze gesteckt. Eine Mücke stach ihn in den Arm, bevor sie sich laut hörbar davonmachte, und er spürte, wie der Stich anschwoll; doch eine Viertelstunde später, noch immer in Gedanken verloren, konnte Phillip zu seiner großen Genugtuung genau diesen Plagegeist erlegen. Er zerquetschte ihn blind auf seinem Unterarm. Die Mücke gab das geraubte Blut sofort wieder frei, doch nun war es verseucht, nicht mehr zu gebrauchen, seine eigenen Blutkörperchen vermischt mit denen, die sie gewiss von einem Hundehintern abgezapft hatte; aber immerhin war es wieder da, wo es hingehörte.

Der Sergeant brachte Delia nach Hause. Sein Streifenwagen schlingerte, als er von der Straße in den Feldweg zur Farm hinaufbog, einem einfachen weißen Holzhaus, das fast ganz hinter Pohutukawabäumen verborgen blieb.

Marty Chapman stand auf der Veranda, als der Wagen sich näherte, und wieder musste Harvey Watson all seine Kräfte zusammennehmen, seine gesamte Geistesgegenwart aufbieten und seine Einkehr in den wohligen Hafen des Schlafes ein weiteres Mal verschieben.

[30] Delia Chapman würdigte ihren Vater keines Blickes und ging an ihm vorbei ins Haus. Die Details konnten die beiden Männer unter sich abmachen. Watson tat sein Bestes, um die Spannung abzubauen, aber ihm war klar, dass man bei Marty Chapman nie genau wusste, woran man war. Er versuchte es mit einem Seiteneinstieg und sprach über das bevorstehende Basketballspiel gegen ein Lehrerinnenteam aus Hawera.

»Delia ist nach wie vor die beste Werferin im ganzen Bezirk.«

Aber Marty wollte eine Erklärung. Wieso wurde seine Tochter im Streifenwagen nach Hause gebracht? Was hatte sie jetzt wieder angestellt?

Der Sergeant erklärte, er sei Delia einfach nur unterwegs begegnet und habe sich gedacht, dass es gefährlich sei, wenn sie so spät abends noch zu Fuß unterwegs sei. Es liege nichts gegen sie vor. Und es gebe auch keinerlei Grund zur Besorgnis. Außerdem werde es spät und – ihm ging auf, dass er das schon den ganzen Abend sagte – es sei Zeit, dass alle ins Bett gingen.

Marty Chapman nahm diese Erklärung schweigend und mit versteinerter Miene zur Kenntnis, und so kehrte Watson zu seinem Wagen zurück. Der Sergeant ging allerdings nicht guten Gewissens davon und dachte bei sich, dass das, was sich in den nächsten Minuten unter dem Vorwand erzieherischer Fragen zweifellos zwischen Marty und Delia abspielen würde, besser eindeutig innerhalb der Grenzen von Recht und Ordnung bleiben und den höchsten moralischen Standards genügen sollte. Zweimal im Laufe des letzten Jahres war ihm aufgefallen, dass seine beste Werferin blaue [31] Flecken an Armen und Beinen hatte, und er nahm an, dass er bei der Frage nach dem Urheber nicht weiter zu suchen brauchte. Er hatte seinen Eid darauf geschworen, die Unschuldigen zu schützen, und auch wenn man seine Zuständigkeit bestreiten konnte, wenn die Haustür erst einmal geschlossen war, würde er keinen Augenblick zögern, in die Intimsphäre einer Familie einzudringen, um dieser Pflicht Genüge zu tun. Aus Erfahrung wusste er, dass dramatische Abende wie dieser selten mit der Abfahrt der Polizei endeten.

Watson stieg in seinen Wagen und fuhr nach Hause, immer gerade knapp unterhalb der zulässigen Höchstgeschwindigkeit.

Marty Chapman hatte die Nase voll. Er saß, nur mit seiner Pyjamahose bekleidet, am offenen Fenster im Erdgeschoss, starrte auf die leere Mattscheibe des Fernsehers und überlegte, was er als Nächstes tun sollte. Trotz Aspirin waren seine Kopfschmerzen schlimmer geworden. Delia war oben in ihrem Zimmer, und die Tür mit dem zertrümmerten Schloss war zu.

Die Kopfhörer über die Ohren gestülpt, hörte Delia Musik auf ihrem Walkman. Die Wände waren übersät mit Bildern der neuseeländischen Basketball-Nationalmannschaft aus fünfzehn siegreichen Jahren und einer eindrucksvollen Sammlung von eigenen Trophäen, Medaillen, Plaketten und Ehrenurkunden, die sie über dem Bett drapiert hatte. Es war eine kindliche Collage, für die sie eigentlich mittlerweile zu alt war, doch es sollte noch ein paar Monate dauern, bevor sie sie abnahm. Als der Song zu Ende war, [32] nahm sie die Kopfhörer ab, aber sie schaltete das Licht nicht aus und legte sich auch nicht aufs Bett. Stattdessen zog sie die schmutzigen Sachen aus, die tatsächlich nach Dung rochen, ging zum Schrank und griff zu einem Kleid, das sie seit Monaten nicht mehr angehabt hatte. Sie zog es an und betrachtete sich im Spiegel. Als sie sich hinsetzte und ihr Spiegelbild musterte, war es so, als warte sie auf jemanden, auf irgendetwas, und als könne nur das Geräusch von dessen Ankunft den Bann brechen. Und dann kam tatsächlich jemand.

Das bereits aufgebrochene Schloss war kein Hindernis für ihren Vater.

»Was ist hier eigentlich los?«, fragte er aus einem Gefühl der Demütigung und Machtlosigkeit heraus. Was immer er zu hören bekam, würde seine Wut nur noch steigern.

»Harvey hat mich im Auto mitgenommen«, sagte sie.

»Wo bist du gewesen?«

Dann erzählte sie ihm von dem ersten Mann, dem Fremden. Einer Tüte Fritten. Der Landstraße. Marty war nicht zufrieden: All das war keine Entschuldigung dafür, dass sie überhaupt draußen war. Er wollte den Namen des jungen Mannes wissen, aber sie konnte ihm keinen Namen nennen. Sie sei alt genug, um auf sich selbst aufzupassen, sagte sie. Schließlich ging er aus dem Zimmer, und sie legte sich in ihrem Sommerkleid aufs Bett, die Beine angewinkelt, und blickte hinauf zur Decke, die sie vor der unendlichen Zahl leise rotierender Galaxien dort oben schützte.

Harvey Watson ließ den Wagen so sanft wie nur möglich in die Garage rollen, doch es nutzte nichts. Seine Frau war schon [33] eine Stunde zuvor von einem Fehlalarm ihres Weckers im Queen-Anne-Stil aufgeschreckt. Als Watson sich ins Schlafzimmer schlich, nackt und so leise wie ein Mäuschen, lag sie auf den Ellbogen gestützt da und wartete auf ihn.

Er setzte sich unglücklich auf die Bettkante und zog die Uhr auf. Ihm blieben nur vier Stunden, dann musste er schon wieder zum Dienst. Seine Augen brannten, er hatte Rückenschmerzen. Ihm war nicht nach Reden zumute.

»Na, wie war’s?«

»Bestens. Ein paar haben gemurrt. Aber alles in allem bestens.«

»Erzähl mir, wie es war. Wer war da? Was ist passiert?«

»Alles bestens. Zehn Minuten, dann war es vorbei.«

»Und wieso kommst du dann erst so spät?«

Watson stieß einen tiefen Seufzer aus. Ohne die Weckzeit neu einzustellen, rückte er die Uhr beiseite und warf das letzte bisschen Hoffnung auf ein paar friedliche Stunden im Bett über Bord.

Aber vielleicht war es besser so. Margaret, seine Liebste, seine Frau und einzige Vertraute seit acht Jahren, sein Großstadtmädchen, eine geschiedene Mutter von zwei Kindern, bevor sie ihren »dicken alten Bullen« kennenlernte, war die Einzige, die ihn in echten Krisenzeiten trösten konnte. Als einziger Polizist vor Ort war man einsam, und Einsamkeit führte leicht zu Verzweiflung.

»Wenn ich dir erzähle, was passiert ist, musst du mir schwören, dass du es strikt für dich behältst. Das sind Polizeiangelegenheiten. Verstanden?«

Im Halbdunkel zuckte seine Frau mit keiner Wimper. Acht Jahre lang hatte er alles, was er ihr vor dem [34] Schlafengehen erzählt hatte, mit einer solchen Präambel begonnen, und acht Jahre lang hatte sie ihn daraufhin mit unschuldigen Augen angeblickt, aber nie hatte sie ihm das geforderte Versprechen gegeben. Der Streit darum hatte Tradition: Sie ließ es einfach nicht zu, dass ihr Schlafzimmer zum Zeugenstand wurde, wo sie Nacht für Nacht einen Schwur leisten sollte, ihrem eigenen Mann! Wo war denn da das Vertrauen zwischen Eheleuten? Wann würde er endlich begreifen, dass es eine Kränkung war, die ihnen den Weg zu wahrer, inniger Zweisamkeit versperrte?

Watson seinerseits kannte nur zu gut die Stärken und Schwächen einer Frau, die vier Jahre lang die Ehe mit ihm aufgeschoben hatte, nur weil sie eine Abneigung gegen Polizisten hatte. Er wusste auch, dass das Leben, in dem sie sich eingerichtet hatte, langweilig war im Vergleich zu seinem eigenen, in dem so viel geschah, und dass sie, allein schon um ihr Hirn vor dem Schrumpfen zu bewahren und jeden Tag von neuem ihr beachtliches Gedächtnis zu trainieren, sich Ausgleich damit verschaffte, dass sie mit anderen so ausführlich wie nur möglich Klatschgeschichten tauschte. Er wusste all das, und trotzdem erzählte er ihr die vertraulichsten Einzelheiten seiner Arbeit. Im Grunde war es eine späte Belohnung für all die Opfer, die sie mit ihrer Heirat gebracht hatte.

»Jim Sullivans Neffe, Phillip oder so, der anscheinend die alte Stadtbibliothek wieder aufmachen soll, der kam vor ein paar Stunden in die Stadt… mit Marty Chapmans Mädchen, Delia.«

»Delia?«

»Ich hab sie im Pub aufgelesen. Eine unglaubliche Geschichte.«

[35] »Was war?«

»Sie war völlig durcheinander. Jims Neffe sagt, er hat sie auf der Schnellstraße gefunden, im Süden. Sie stand mitten auf der Fahrbahn, anscheinend vollkommen weggetreten.«

»Was war passiert?«

»Keine Ahnung.«

»Hast du mit Delia gesprochen?«

»Hm-hm.«

»Was hat sie gesagt?«

»Also, ich denke, das hat was mit ihrem Vater zu tun.«

»Wieso?«

»Na, weil er ein Psychopath ist, deswegen. Sie hat eine Heidenangst vor ihm. Kein Wunder, dass das Mädchen seine Probleme hat.«

»Harvey! Was ist mit ihr?«

»Ich habe mit ihr geredet.«

»Ja.«

»Ich…«, sagte er. »Sie…«

»Was war los?!«

»Sie sagt…«

»Harvey, jetzt mach schon!«

»Draußen im Feld… Hör mal, jetzt muss ich aber schlafen. In vier Stunden muss ich schon wieder raus.«

»Irgendwas ist gewesen, da draußen im Feld?«

»Denk nicht mehr dran. Wahrscheinlich ist sie nur gestürzt oder so was, mehr war es nicht.«

»Was hat sie dir erzählt?«

»Sie hat gesagt, sie hat ein Raumschiff da draußen im Feld gesehen, ein Ufo, und einer von den Burschen kam raus und hat sie mit an Bord genommen, so was in der Art, eine halbe [36] Stunde vielleicht, und dann haben sie sie wieder gehen lassen.«

»Was?«

»Ich brauche sie nächsten Samstag beim Basketballspiel. Ich will nicht, dass das rumerzählt wird. Oh, und ich habe den Backofen abgestellt. Ich kann heute Abend keine Fritten essen.«

»Ein was? Ein Raumschiff?« Sie lachte laut.

»Margaret, das kann alles Mögliche gewesen sein. Wer weiß, was das war. Das Mädchen lügt nicht. Und sie ist auch nicht verrückt.«

»Moment! Du hast gesagt, sie hätten sie an Bord geholt!«

»Egal, ich will auf keinen Fall, dass das rumerzählt wird. Sie ist ein anständiges Mädchen. Das netteste Mädchen im ganzen Team.«

Margaret lehnte sich zurück, die Hand auf Watsons Schulter. »Harvey, sie macht sich über dich lustig! Sie macht sich ihren Spaß mit dir, Schatz.«

»Ich will nicht, dass die Leute das erfahren. Hast du verstanden, Margaret? Meinetwegen können da hundert bescheuerte Raumschiffe direkt vom Mars landen, jetzt, in diesem Augenblick, aber Delia hat es schon schwer genug mit ihrem Vater.«

»Hast du es ihm erzählt?« Sie lachte noch einmal.

»Natürlich nicht. Schon morgen hat sie die Geschichte vergessen.«

»Wahrscheinlich war sie betrunken.«

»Sie war nüchtern, und es war ihr todernst. Egal, was ich versucht habe, um ihr das auszureden, sie hat immer nur gesagt: ›Ist mir egal, ob Sie mir glauben oder nicht.‹«

[37] »Übergeschnappt, genau wie ihre Mutter, Friede ihrer Asche. Die ganze Familie, glaub mir. Irgendwas stimmt da nicht auf dieser Farm. Ein junges Mädchen erzählt so was nicht ohne Grund, Harvey.«

Watson legte sich hin. Margaret küsste ihn. Schon bald war er bei der Sache, ganz der Alte, hievte sich auf sie und begann mit langsamen Bewegungen, bis sie ihn mit einem zärtlichen Kuss auf die Lippen stoppte und unter dem Kopfkissen vier Seidenschals hervorzog

»Nein, Margaret, nicht jetzt«, flehte Watson mit einem Blick auf den Queen-Anne-Wecker. »Bitte. Meine Güte, es ist doch fast schon… zwei Uhr morgens. Ich habe schon seit Wochen nicht mehr geschlafen.«

»Schon gut«, flüsterte sie verführerisch. »Dann will ich mal nicht zu streng sein. Du darfst sie locker knoten.«

Er hielt inne, gefangen, eingesperrt im Dienst des Lebens. Mit seinen großen Händen nahm er von seiner Frau die seidenen Bänder entgegen, und in geduldigem, liebevollem Ritual machte er sich daran, die Schals an die Bettpfosten zu knoten, einen an jede Ecke ihres Ehebetts.

[38] Sex

Wie mit einem Stromstoß ging am Sonntagmorgen in der Kirche Unserer hilfreichen Jungfrau und in dem Tabakladen schräg gegenüber gleichzeitig das Licht an. Agnes Whittaker stellte das Plakat mit der jüngsten Schlagzeile eines Revolverblatts an den gestreiften Pfosten, rieb sich dabei den Schlaf aus den Augen und sah dem ersten Milchwagen nach, der in einer Wolke aus schwarzem Dieselqualm durch die Straßen rumpelte. Der brenzlige Gestank vermischte sich mit dem Duft von gebratenem Speck, der von der Cafeteria des Sahara Desert Motor Inn einen Häuserblock hinter ihr herüberwehte. Die Aromen trieben sie in den Laden zurück, wo sie feststellte, dass ihr Mann schon wieder einmal gegen die Gewerbeordnung verstieß, indem er dem Priester an einem Sonntag die Haare schnitt.

Seit über fünfundzwanzig Jahren stand dieser einsame Frisierstuhl nun schon hinten im Tabakladen, und in all der Zeit und mit einem Minimum an Kenntnissen hatte Whittaker seine Pflicht in seinem Zweitberuf als Friseur getan. Doch vor kurzem hatte in der Stadt ein mit allem Luxus ausgestatteter moderner Frisiersalon eröffnet, der noch dazu mit der lächerlichen Idee von »Haarkonzepten« warb und selbst an die männlichen Kunden Pröbchen mit Feuchtigkeitscreme verteilte – eine Entwicklung, mit der wirklich niemand [39] gerechnet hätte –, und Whittaker musste der Tatsache ins Auge sehen, dass er nicht mehr gebraucht wurde. Unter diesen Umständen war es undenkbar, dass er die Bitte des Priesters abschlug, der einmal jedes Vierteljahr vor der Sonntagsmesse zum Haareschneiden kam, denn wenn überhaupt noch jemand seine Dienste als Figaro in Anspruch nahm, dann war das wirklich ein Wunder.

Die schon ein wenig ergrauten Locken von Pater James O’Brien fielen auf den karierten Linoleumboden – die herbstliche Haarpracht eines Mannes, der mit Gott und der Welt im Reinen ist. Zum ersten Mal seit Monaten ließen sich wieder die Umrisse seines Schädels erahnen, und während der Figaro seine Schere schwang, widmete sich der Gottesmann dem Studium einer alten Zeitung.

»Sie waren gestern Abend nicht bei dem Treffen, Pater?«, fragte Whittaker und zauberte mit raschen Schnitten die Frisur zurecht, die sein Markenzeichen war, die einzige, die er je geschnitten hatte.

»Ich hoffe, ich habe nichts verpasst.« O’Brien sprach mit wohltönender, würdiger Stimme.

»Oh, wieder mal nur die Behörden, die in unser Privatleben hineinpfuschen wollen.«