Liebe braucht ein Zuhause - Patricia Vandenberg - E-Book

Liebe braucht ein Zuhause E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Sphärische Musikklänge schwebten durch den abgedunkelten Raum, in dem sich um einen runden Holztisch eine Anzahl Frauen versammelt hatte. Verteilt auf Schränken und Regalen im Zimmer standen Kerzen, verströmten Aromalampen einen betörenden Duft. Fasziniert beobachtete Ramona Milgram das Ritual, das sich vor ihren Augen abspielte. »Frauen müssen zusammenhalten«, beschwor Elvira ihre Gäste eindringlich. »Wir haben uns in diesem Vertrauenskreis zusammengefunden, um unsere Solidarität zu bekunden und uns gegenseitig zu helfen.« Sie machte eine kunstvolle Pause und bedachte jede der zwölf um den Tisch versammelten Frauen mit einem eindringlichen Blick aus ihren grünen Augen. Auch die sonst so realistische Ramona blieb nicht unberührt von der harmonischen Atmosphäre, dem Gefühl der Gemeinschaft, das sie schon lange nicht mehr derart intensiv verspürt hatte. Nur zu gerne ließ sie sich deshalb von Elviras Worten einhüllen. »Jede der hier anwesenden Frauen wurde von einem Mann enttäuscht, hintergangen, um viel Geld betrogen. Doch wir sinnen nicht auf Rache. Rache ist ein negatives Gefühl, und negative Dinge rauben uns positive Energie. Unsere Stärke ist unser Zusammenhalt, den wir in jeder Beziehung praktizieren.« Wieder machte Elvira eine Pause und griff nach einem Stapel Broschüren, die in der Mitte des Tisches lagen. »In diesem kleinen Heft ist beschrieben, wie jede einzelne von uns mit der Unterstützung der anderen ihr Glück machen kann. Nur zehntausend Euro Einsatz sind nötig, um kurze Zeit später das Geschenk von mindestens fünfzigtausend Euro zu erhalten.« Ein Raunen ging durch das Zimmer, während Elvira die Broschüren austeilte. Neugierig blätterte auch Mona durch die phantasievoll aufgemachten Seiten, las Schlagworte wie ›Mut zum Vertrauen‹ und ›Macht des Gebens‹, die sie in ihrer derzeitigen Situation seltsam berührten. Und auch gegen die horrende Summe, die am Ende des Spiels verheißungsvoll auf jede Teilnehmerin wartete, war Romona in ihrer Lage nicht immun. Obwohl der Einsatz ihre finanziellen Mittel zunächst erschöpfen würde, war die Aussicht auf einen schönen Batzen Geld zu verlockend.

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Seitenzahl: 135

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Dr. Norden Extra – 141 –Liebe braucht ein Zuhause

Das haben Ramona und Andreas gelernt

Patricia Vandenberg

Sphärische Musikklänge schwebten durch den abgedunkelten Raum, in dem sich um einen runden Holztisch eine Anzahl Frauen versammelt hatte. Verteilt auf Schränken und Regalen im Zimmer standen Kerzen, verströmten Aromalampen einen betörenden Duft. Fasziniert beobachtete Ramona Milgram das Ritual, das sich vor ihren Augen abspielte.

»Frauen müssen zusammenhalten«, beschwor Elvira ihre Gäste eindringlich. »Wir haben uns in diesem Vertrauenskreis zusammengefunden, um unsere Solidarität zu bekunden und uns gegenseitig zu helfen.« Sie machte eine kunstvolle Pause und bedachte jede der zwölf um den Tisch versammelten Frauen mit einem eindringlichen Blick aus ihren grünen Augen. Auch die sonst so realistische Ramona blieb nicht unberührt von der harmonischen Atmosphäre, dem Gefühl der Gemeinschaft, das sie schon lange nicht mehr derart intensiv verspürt hatte. Nur zu gerne ließ sie sich deshalb von Elviras Worten einhüllen. »Jede der hier anwesenden Frauen wurde von einem Mann enttäuscht, hintergangen, um viel Geld betrogen. Doch wir sinnen nicht auf Rache. Rache ist ein negatives Gefühl, und negative Dinge rauben uns positive Energie. Unsere Stärke ist unser Zusammenhalt, den wir in jeder Beziehung praktizieren.«

Wieder machte Elvira eine Pause und griff nach einem Stapel Broschüren, die in der Mitte des Tisches lagen. »In diesem kleinen Heft ist beschrieben, wie jede einzelne von uns mit der Unterstützung der anderen ihr Glück machen kann. Nur zehntausend Euro Einsatz sind nötig, um kurze Zeit später das Geschenk von mindestens fünfzigtausend Euro zu erhalten.« Ein Raunen ging durch das Zimmer, während Elvira die Broschüren austeilte. Neugierig blätterte auch Mona durch die phantasievoll aufgemachten Seiten, las Schlagworte wie ›Mut zum Vertrauen‹ und ›Macht des Gebens‹, die sie in ihrer derzeitigen Situation seltsam berührten. Und auch gegen die horrende Summe, die am Ende des Spiels verheißungsvoll auf jede Teilnehmerin wartete, war Romona in ihrer Lage nicht immun. Obwohl der Einsatz ihre finanziellen Mittel zunächst erschöpfen würde, war die Aussicht auf einen schönen Batzen Geld zu verlockend. Den anderen Teilnehmerinnen ging es ähnlich wie Ramona. Diejenigen, die eine Freundin mitgebracht hatten, diskutierten leise, die übrigen blätterten mit glänzenden Augen in dem pastellfarbenen Heftchen.

»Laßt euch diese Chance nicht entgehen. Zeigen wir es den Männern, wie eine Welt der Frauen aussehen könnte! Eine Welt voller Freude, Frieden und Gemeinschaft.« Elvira Schenker war jetzt ganz in ihrem Element. Ihre Stimme klang verheißungsvoller, der Ausdruck in ihren Augen war noch magischer geworden. »Nächste Woche findet hier mein wunderbares Schenkungsritual statt. Ihr seid auserwählt, mit mir zu feiern. Bringt das Geld und Zuversicht mit, ihr werdet reich belohnt werden.«

Verzaubert verließen die Frauen kurz danach das kleine Haus am Rande der Stadt, allesamt mit der Zuversicht im Herzen, mit der Bekanntschaft von Elvira Schenker das Große Los gezogen zu haben.

Auf diese Art von Spielchen war Wilhelm Sanders nicht angewiesen. In jahrelanger fleißiger Arbeit und mit einer guten Portion Glück hatte er ein florierendes Unternehmen aufgebaut, das sein ältester Sohn Jakob in zweiter Generation weiterführte. Er besaß ein großes Anwesen nahe München, umgeben von einem herrlichen, parkähnlichen Garten, um dessen Pflege und Erhalt sich zahlreiches Personal kümmerte. Trotzdem war Willi Sanders kein glücklicher Mann. Seit dem Auszug der Söhne und dem plötzlichen Tod seiner Frau vor einigen Jahren nagte die Einsamkeit an seinem Herzen. Wie sehr sehnte er sich nach Kinderlachen in dem riesigen Gemäuer, nach der geschickten Hand einer Frau, die es verstand, dem Leben Atmosphäre und Gemütlichkeit einzuhauchen. Aber seine Söhne widerstanden der Versuchung standhaft, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Weder Jakob, der ältere der beiden und Nachfolger des Vaters, noch Andreas, der Laborarzt an der Behnisch-Klinik, wollten diesen einschneidenden Schritt wagen.

»Ich verstehe euch einfach nicht«, klagte Wilhelm wieder einmal sein Leid bei den selten gewordenen gemeinsamen Treffen. »Als ich noch jung war, konnte ich es kaum erwarten, eure Mutter vor den Traualtar zu führen. Eine eigene Familie, das war damals noch ein Statussymbol für einen erfolgreichen Mann«, seufzte er betrübt.

»Die Zeiten haben sich eben geändert, Paps. So schwer es auch für dich sein mag, du mußt das akzeptieren«, erklärte Jakob ungerührt und nahm einen Schluck Kaffee.

»Du bist doch sonst so modern eingestellt«, fügte Andreas mit hochgezogenen Augenbrauen hinzu. »Und rüstig dazu. Warum suchst du dir nicht ein Hobby, das dich von diesen ewigen Grübeleien ablenkt?«

»Ein Hobby, ein Hobby!« brauste der alte Sanders entrüstet auf. »Soll ich mich etwa mit Orchideen unterhalten oder einem Golfplatz mein einsames Herz ausschütten? Nein danke. Alles, was ich will, ist Leben um mich herum. Junge Leute, Lachen, Fröhlichkeit. Manchmal frage ich mich, wozu ich das alles hier aufgebaut habe, wenn ich doch nur alleine hier herumsitze. Ich könnte den Besitz ebensogut verkaufen und in ein Altersheim gehen.«

»Das ist doch nicht dein Ernst, Paps.« Erschrocken sog Jack, wie sein Bruder ihn seit frühester Jugend rief, die Luft ein. »Das schöne Haus, der Garten! Das kannst du doch nicht machen.«

»Und überhaupt, so alleine bist du doch gar nicht. Denk doch nur an all die Angestellten, die sich nach so vielen treuen Jahren nach einer anderen Arbeit umsehen müßten.«

»Die Bediensteten, daran denkt ihr also. An euren alten Vater aber nicht«, schnaubte Willi verstimmt, aber seine Augen funkelten auf einmal belustigt. »Wenn euch das Anwesen so wichtig ist, dann beweist es mir.«

»Wie meinst du das?« Jakob streifte seinen Bruder mit einem auffordernden Seitenblick.

»Genau, das mußt du uns schon genauer erklären«, hakte Andi befremdet nach.

»Ich habe da eine Idee…«, genüßlich ließ sich Wilhelm die Worte auf der Zunge zergehen, nahm einen Schluck Kaffee, schob sich ein Stück Torte in den Mund, ehe er gedehnt weitersprach, um die Geduld seiner Söhne auf eine harte Probe zu stellen. »Was haltet ihr davon, daß derjenige, der mir als erster eine sympathische, liebevolle, lustige Schwiegertochter bringt, das gesamte Anwesen erbt?«

»Wie bitte?« riefen die Brüder empört aus und starrten sich einen Augenblick sprachlos an. »Das ist nicht fair, Paps.«

»Wieso nicht? Mein Leben lang haben eure Mutter, Gott hab sie selig, und ich Rücksicht genommen auf euch zwei, haben unser Geld in eure Ausbildung gesteckt, eure Flausen ertragen. Jetzt ist es endlich an der Zeit, daß ihr mir auch einmal einen Wunsch erfüllt. Ich will eine Schwiegertochter und Enkelkinder. Basta.«

»Ist dir klar, was du da sagst?« Verständnislos schüttelte Jakob den Kopf. »Du stellst das gute Verhältnis zwischen Andi und mir aufs Spiel. Willst du das wirklich riskieren?«

»Na, dann könnt ihr mal beweisen, wie weit es mit der Bruderliebe tatsächlich her ist«, schmunzelte Wilhelm Sanders belustigt. Diese Idee war die beste, die er seit Jahren gehabt hatte. Endlich kam etwas Stimmung in sein Leben. Und in das seiner Söhne. »Keine Diskussion mehr. Wer als erster heiratet, erbt das alles hier.« Er machte eine weitausgreifende Armbewegung.

»Das ist doch absurd, Paps«, machte Andi noch einen letzten Versuch, seinem Vater diese, in seinen Augen groteske Idee, auszureden. »Woher willst du wissen, daß wir beide nicht nur eine Ehe zum Schein eingehen, nur um an das Erbe zu kommen?«

»Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe? Eine nette, liebevolle Schwiegertochter will ich haben. Keine geldgierige Mitgiftjägerin. Ein Ehevertrag wird hier für Ordnung sorgen. Aber ich hoffe, ihr werdet schon das eine vom anderen unterscheiden können. Soviel Wissen wird euch eure Mutter doch mitgegeben haben.«

Betreten senkten Jakob und Andreas die Köpfe. Gegen dieses Argument war kein Kraut gewachsen. Tatsächlich hatte Agnes Sanders ihren Söhnen alle Werte vorgelebt, die eine durch und durch liebenswerte, tatkräftige Frau ausmachten, die mit beiden Beinen im Leben stand. Aber so eine Frau zu finden, wie Mama eine gewesen war, würde nicht leicht sein. Wenn nicht gar unmöglich.

»So eine Schnapsidee!« Schneller als gewöhnlich hatten sich die beiden Sanders-Brüder nach dieser unerfreulichen Eröffnung ihres Vater von ihm verabschiedet und diskutierten auf dem Weg zu ihren Wagen leidenschaftlich miteinander. »Was hat er sich nur dabei gedacht?«

»Du hast ihn doch gehört, Jack. Die Einsamkeit scheint ihm schwer zu schaffen zu machen.«

»Aber warum sollen ausgerechnet wir das ausbaden? Heiraten! Altmodischer Quatsch«, schnauzte Jakob verstimmt.

»Wenn ich mir deine Frauenbekanntschaften so ansehe, kann ich deine Empörung gut verstehen«, grinste Andi. »Jenny würde ich auch nicht unbedingt vor den Traualtar führen wollen.«

»Jenny! Wo denkst du hin?« Bei diesem Gedanken mußte auch Jakob lachen. »Paps würde in Ohnmacht fallen. Sie ist ganz bestimmt nicht die Frau, die er sich als Schwiegertochter vorstellt. Andererseits, wir könnten die Probe aufs Exempel machen, damit er sieht, wie idiotisch seine Idee genauer betrachtet ist.«

»So blöd finde ich sie eigentlich gar nicht. Eher im Gegenteil. Ich kann unseren alten Herrn ganz gut verstehen. Als er so alt war wie wir, war er bereits Vater von zwei Söhnen und ziemlich erfolgreicher Unternehmer. Kein Wunder, daß er sich Sorgen um die Zukunft seiner Familie macht.«

»Aber erzwingen kann man das Glück doch nicht.«

»Das nicht. Aber man kann die Augen offen halten.« Sie waren am Parkplatz angelangt, und Andreas drückte auf seinen Schlüssel. Beinahe lautlos sprangen die Schlösser seines Wagens auf.

»Ach, Bruderherz. Du bist und bleibst ein Spießer«, lachte Jakob belustigt und schwang sich in seinen schnittigen Sportwagen. »Wir werden ja sehen, wer das Rennen macht. Ich bin schon gespannt, auf wen deine Wahl fällt.«

»Ich auch, mein Guter. Das kannst du mir glauben.« Andi winkte seinem ungleichen Bruder gutmütig zu. »Ach, übrigens, hast du morgen früh Zeit? Ich habe deine Untersuchungsergebnisse, die ich gerne mit dir besprechen würde.«

»Das klingt ja dramatisch«, gab Jack unbeschwert zurück. »Stehe ich kurz vor dem Kollaps?«

»Quatschkopf, soweit ist alles in Ordnung. Trotzdem gibt es den einen oder anderen Punkt, über den wir mal reden sollten. Deine Schilddrüse ist vergrößert und auch die Cholesterinwerte haben sich im letzten Jahr drastisch verschlechtert.«

»Kein Grund zur Panik, Herr Doktor. So schlimm kann es nicht sein, ich fühle mich nämlich pudelwohl. Und morgen früh geht es unmöglich. Ich hab’ einen wichtigen Termin beim Anwalt.«

»Mit dir wird es eines Tages schlimm enden«, gab sich Andi lächelnd geschlagen. »Dann ruf mich einfach an, wenn du mal Zeit hast.«

»Gar nicht mehr! Hast du vergessen, daß wir uns jetzt mit allen Kräften der Brautschau widmen müssen?« witzelte Jakob, winkte lässig aus dem Fenster und ließ dann den Motor aufheulen. Schnee und Kies spritzten zu allen Seiten, als er das Gaspedal durchdrückte und durch das Tor davonpreschte. Kopfschüttelnd sah Andreas ihm nach, ehe er sich auf den Fahrersitz fallen ließ und sich auch auf den Weg in einen einsamen Abend machte, der viel Grund zum Nachdenken bot.

*

So sehr sie auch hin und wieder mit ihrem schweren Schicksal haderte, einsam konnte sich Ramona Milgram glücklicherweise nicht nennen. Dafür sorgten schon ihre beiden halbwüchsigen Kinder Paulina und Maxim, die ihrer Mutter viel Freude machten und an diesem Abend schon sehnsüchtig auf sie gewartet hatten.

»Da bist du ja endlich, Mamsie.« Stürmisch umarmte Paulina ihre Mutter, und Mona wiegte sie lächelnd in den Armen, während sie ihr die braunen, langen Haare aus dem Gesicht strich. »Kannst du mich noch Englisch-Vokabeln abfragen?«

»Klar. Aber ausziehen darf ich mich schon erst noch?«

»Ausnahmsweise«, grinste Paulina fröhlich zurück und nahm Mona die schwere Einkaufstasche ab. »Soll ich die schon mal ausräumen?«

»Das wäre wunderbar, Schätzchen. Wo steckt denn dein Bruder?«

»Maxim ist in seinem Zimmer«, hallte Paulinas Stimme aus der kleinen Küche, wo sie sich ans Werk gemacht hatte. Ramona zog den Mantel aus, nahm den Schal ab und verstaute beides im weißen Einbauschrank in der schmalen Diele der Vier-Zimmer-Wohnung, die sie erst seit einigen Wochen mit den beiden Kindern bewohnte. Dann schlüpfte sie in weiche Hausschuhe und klopfte leise an Maxims Zimmertür.

»Darf ich kurz stören?«

»Oh, hallo, Mamsie«, erstaunt blickte Maxim von seinem Schreibtisch auf. »Ich hab’ dich gar nicht kommen hören.«

»Lernst du immer noch?« Ramona warf einen nachdenklichen Blick auf die Uhr. »Es ist doch schon so spät!«

»Ich weiß schon, aber ich hab’ ganz schön viel nachzuholen«, seufzte der Teenager und klopfte mit der Hand auf einen Stapel Bücher neben sich. »Sonst darf ich die Klasse wiederholen. Und darauf hab’ ich gar keinen Bock.«

»Vielleicht wäre es doch besser gewesen, nicht nach Bayern zu kommen. Das Schulsystem hier unterscheidet sich grundlegend von dem anderer Bundesländer«, dachte Mona laut und sorgenvoll nach.

»Keine Sorge, ich beiß mich da schon durch«, versuchte Maxim, seiner besorgten Mutter Trost zu spenden. »Und bis auf die Schule ist es hier echt cool«, versicherte er mit einem treuherzigen Blick. »Snowboard fahren gleich vorm Haus konnte man in Dortmund nicht.«

»Das ist ungemein beruhigend«, lachte Ramona und ließ ihren Sohn dann allein, um ihn nicht weiter zu stören. »Und mein Schatz, wie geht es dir?« Sie holte sich einen Joghurt aus dem Kühlschrank und setzte sich neben Paulina an die Theke der kleinen Küche.

»Ganz gut eigentlich. Ich hab’ schon eine richtig gute Freundin gefunden. Sie heißt Anneka Norden und ist die Tochter eines Arztes. Spannend, nicht?«

»Hm, das finde ich auch.«

»Darf ich Anneka mal nach der Schule besuchen?« stellte Paulina gleich die Frage, die ihr am meisten auf der Seele brannte.

»Erlauben ihre Eltern das denn?«

»Warum nicht? Sie hat noch vier Geschwister, da fällt ein Kind mehr oder weniger doch gar nicht auf.«

»Fünf Kinder? Das würde mir gerade noch fehlen!« entfuhr es Mona. »Ich bin froh und glücklich, wenn ich euch beide großkriege.«

»Aber Mamsie, sei nicht traurig.« Verständnisvoll legte Paulina den Arm um Monas schmale Schultern. Erstaunt stellte Ramona fest, wie groß und verständnisvoll ihre Tochter schon war. Wie schnell doch die Zeit verging, wenn sie glücklich und unbeschwert war! »Die haben einen Papa, eine Mama und eine Haushälterin. Da ist es nicht so wie bei uns.«

»Tut es dir noch weh, daß Papa nicht mehr bei uns ist?« erkundigte sich Ramona vorsichtig.

»Aber er ist doch da. Jeden Abend rede ich mit ihm, und ich glaube fest daran, daß er bei uns ist und auf uns aufpaßt.«

Lieber nicht! dachte Mona bei sich, das kann nur schiefgehen. Schnell schob sie den Gedanken an ihren verstorbenen Mann beiseite, der ihr nichts als unangenehme Überraschungen bereitet hatte. Erst nach seinem Tod hatte sie erkennen müssen, daß er sie ein ganzes Leben lang belogen und betrogen und alle Ersparnisse durchgebracht hatte. Die Wahrheit behielt sie allerdings für sich. Die Kinder litten schon genug unter dem Verlust ihres Vaters, daß sie sie damit nicht auch noch konfrontieren mußte. Dafür hatte sie ja auch den Umzug in Kauf genommen, damit sie die traurigen Tatsachen nicht zufällig aus fremden, klatschhaften Mündern erfuhren.

»Geht es uns eigentlich sehr schlecht, ich meine, wegen dem Geld?« erkundigte sich Paulina jetzt in das lange Schweigen ihrer Mutter hinein. Unwillkürlich schrak Mona aus ihren Gedanken.

»Mach dir darüber mal keine Sorgen. Bald werde ich eine Arbeit finden, dann geht es uns viel besser.« Sie dachte dabei auch an Elvira Schenkers Kreis, und ein glückliches Lächeln erhellte ihr Gesicht. Das Schicksal schien es endlich wieder gut mit ihr zu meinen. Schon morgen würde sie ihre letzten Ersparnisse zusammenkratzen, um sie nächste Woche um ein Vielfaches zu vermehren.

»Hältst du das wirklich für eine gute Idee?« erkundigte sich Maxim, als er die Broschüre studierte, die Mona von Elviras Treffen mitgebracht hatte. Trotz seiner Jugend hatte er nach dem Tod seines Vaters nach und nach die Stellung des Mannes im Haus übernommen, beriet sich mit seiner Mutter in schwierigen Fragen und stand ihr bei Entscheidungen zur Seite. »Zehntausend Euro sind eine Menge Geld.«

»Typisch Mann, immer mißtrauisch, wenn es um eine Idee von Frauen geht.«

»Das stimmt nicht, und das weißt du genau«, verteidigte sich Maxim energisch. »Aber das erscheint mir doch ein bißchen dubios. Was, wenn du auch noch dein letztes Geld verlierst?«

»Aber Maxim, die Sache ist bombensicher, wenn nur jede Frau mitmacht.«

»Und wer sagt dir, daß du mindestens sechs andere findest, die ebenfalls einsteigen? So viele Leute kennen wir doch hier noch gar nicht.«

»Das wird schon klappen«, beharrte Mona eigensinnig und nahm einen Schluck Rotwein. »Schließlich müssen wir doch auch mal wieder Glück haben.«

»Bitte, Mamsie, sei vorsichtig!« Maxim ließ sich nicht überzeugen. »Ist es nicht besser, wenn ich jobben gehe? Ich könnte nebenher Zeitung austragen oder Regale in Supermärkten einräumen.«

»Unsinn. Erstens bringt uns das auch nicht viel weiter, zweitens mußt du dich auf die Schule konzentrieren. Es ist an mir, die Familie am Leben zu erhalten.«