Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Dieser Band enthält eine Sammlung von 10 unglaublichen Grusel-, Horror- und Kriminalgeschichten. Diese handeln zum Beispiel vom Treffen vierer Gangster, die ihren alten Kumpel Kiff für das nächste krumme Dinge anheuern wollen. Doch Kiff macht sich nichts mehr aus jeglichem materiellen Besitz - eine Einstellung zum Leben, die durchaus gerechtfertigt ist, wenn man der Beschützer der Welt ist. ... oder vom wahnsinnigen Zauberer, der für sein nächstes Ritual unbedingt Kindergedärm braucht - und wie sich die "Besorgung" unerwartet schwierig gestaltet. ... oder von der Dokumentation des neuen Modetrends namens Reducing - bei dem sich die Opfer, also die Klienten, Körperteile ganz abschneiden lassen. Ebenso dürfen Zombies aus Waldseen, heimtückische Mörder und seltsame Maschinen nicht fehlen. Einige dieser Geschichten haben es gar auf die Leinwand geschafft. Sie wurden als No-Budget- und Trash-Movies auf verschiedenen Veranstaltungen bzw. Festivals gezeigt. Besonderer Dank gilt Rainer van Delken und Dirk Geil.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 185
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
IM ANFANG ...
HAUSPUTZ
LIEBE DEINE TOTEN
DER VIGILANZKONVERTER
KINDERGEDÄRM
KIFF UND SEINE FREUNDE
DIE FRAU VOM HERRN SCHMITZ
DIE NACHRICHT
REDUCING
ZACK UND WEG
AUFBRUCH
Foto: Kloster St. Mang, Füssen
... oder wie so manche Geschichte entstand.
Bereits mit 15 Jahren habe ich mit einem Freund zusammen Horrorfilme auf Super 8 gedreht. Die Liebe zum Film ist in den darauffolgenden 25 Jahre nicht erloschen und es sind einige Weitere entstanden. Doch zu jedem Film benötigt man zunächst eine Idee – später gar ein ganzes Drehbuch. Einige dieser Drehbücher wurden als Film realisiert, einige haben es nicht auf die Leinwand geschafft, da man schneller schreiben als filmen kann. Hier ein kurzer Überblick der Geschichten aus meiner "filmschaffenden Phase":
Liebe deine Toten und Aufbruch
Diese beiden Geschichten habe ich aus zahllosen angefangenen und beendeten Drehbüchern ausgewählt, die ich Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre geschrieben habe. Beide Drehbücher sind nie als Film realisiert worden. Diese beiden Skripte habe ich für dieses Buch zu Geschichten umgeschrieben, da ich nach wie vor Gefallen am Plot und den Figuren finde.
Die Kurzfilme von Zoller/van Delken – Trash und Horror vom Feinsten. Kein Budget aber bedingungsloser Einsatz – das war unser Motto. Aus dieser Phase sind unter anderem drei Drehbücher entstanden, die ich hier als Geschichten umgeschrieben habe:
Kiff und seine Freunde, Kindergedärm und Reducing
Die Geschichte zu Kiff und seine Freunde hat die vielleicht interessanteste Entstehungsgeschichte. Meine Frau und ich hatten Ende der 90er Jahre einen neuen Mietvertrag unterschrieben; allerdings endete der Mietvertrag von unserem alten Haus erst nach weiteren drei Monaten. Somit hatten wir für diese Zeit ein leeres Haus zur Verfügung. Dieses Haus wollte ich unbedingt als Kulisse für einen Kurzfilm nutzen. Zusammen mit einem guten Freund, Rainer van Delken, überlegten wir uns eine Geschichte, die in einem komplett leeren Haus spielte. In diesen Tagen waren – man könnte vielleicht sagen "moderne Gangsterfilme" – weit verbreitet; Tarantino gelangte zu Weltruhm; also sollte die Geschichte irgend etwas mit einer Gangsterbande zu tun haben – Menschen, die ein großes Ding vorhatten und in dieses seltsame Haus geraten ...
Dieser Film war der Startpunkt einer fruchtbaren Zusammenarbeit: ZvD wurde gegründet – Zoller/van Delken. Kiff und seine Freunde gewann die Trash Night in Bonn. Wir drehten einige weitere Kurzfilme und wurden in den Jahren 1999 und 2000 sogar auf dem Fantasy Film Fest gezeigt.
Ein weiterer Film aus der Zusammenarbeit war Kindergedärm, die Geschichte eines wahnsinnigen Zauberers. Für die Rolle konnte Dirk Geil gewonnen werden, der mit höchstmöglichem persönlichen und körperlichen Einsatz seine Rolle überstand. Glücklicherweise konnte ich bei der literarischen Anpassung weit weniger Rücksicht auf die Hauptfigur nehmen und ihr mehr zumuten, als es Dirk sowie erleiden musste.
Reducing basiert auf eine Drehbuchidee von van Delken. Er konstruierte das Setting einer Doku-Sendung, die sich in einem Beitrag mit dem neuen, fiktiven Trend Reducing befasst. Mit den neusten technischen Errungenschaften in diesen Tagen war es uns möglich geworden, per Green-Screen Gegenstände unsichtbar zu machen. In einer Testaufnahme umwickelte van Delken seine rechte Hand mit einem grünen Tuch und saß vor einem grün-gefärbten Bettlaken. So sah es im Film aus, als würde die Hand fehlen. In einem ersten Drehbuchentwurf entstand die Eingangsszene, in der ein Reporter Passanten nach dem neuen Modetrend befragt. Ich baute die Idee zu einem Drehbuch aus, doch leider haben wir das Thema nicht weiter verfolgt – bis mir das Skript für diese Sammlung wieder in die Hände fiel.
Zack und weg ist der aufwändigste Film, den ich gedreht habe. Er entstand zwischen 1995 und 1998; alleine die Dreharbeiten erstrecken sich über zwei Jahre. Er hat fast eine Stunde Spielzeit, und war mein erster Film, den ich aufwändig auf Video gedreht und am Computer geschnitten habe – damals war dies ein technischer Gewaltakt. Trotzdem bekam er in der No-Budget-Szene sehr gute Kritiken.
Noch bevor ich überhaupt an das Drehbuch gedacht hatte, spukte immer wieder eine Szene in meinem Kopf herum: Ein Mann sitzt in seinem Wohnzimmer und liest Zeitung. Dann öffnet sich die Türe und es erscheint eine Gestalt, die wohl den lesenden Mann umbringen will. Dieser schaut von seiner Zeitung auf und wundert sich eher über das Erscheinen der Gestalt – erst dann wird ihm klar, dass er sich in Lebensgefahr befindet. Diese Szene warf Fragen auf. Wer sind die beiden, die sich dort treffen, was verbindet sie? Wieso schaut der Lesende erst so ratlos auf und hinterfragt das Erscheinen des vermeintlichen Mörders? Erst Ende 1995 – nach Beendigung meiner Ausbildung – hatte ich Muse, mich diesen Fragen zu widmen und arbeitete ein Drehbuch aus.
Der eigentliche Titel des Films lautete "Tot – aber glücklich" erst nach der Premiere wurde mir bewusst, dass der Film "Dracula: Dead and Loving it" von Mel Brooks (1995) im Deutschen mit "Dracula – Tot aber glücklich" übersetzt wurde. Allein deshalb habe ich die Geschichte umbenannt.
Richard Zoller, Frühjahr 2018
Am Sonntag war ich bereits um sieben Uhr aufgestanden. Morgen wollte mein Schatz aus der Schweiz wiederkommen; bis dahin musste ich die Wohnung auf Vordermann gebracht haben. Vorher plante ich ein kräftiges Frühstück. Das Drama begann, als ich Speck in Streifen schnitt und ich mich zum x-ten Male über das stumpfe Fleischmesser ärgerte. Ich machte kurzen Prozess und warf es fort. Nach meinem Frühstück brachte ich den Müllbeutel zur Restmülltonne. Die Haustüre fiel in dem Moment zu, als ich die Klinke greifen wollte. Unser Einfamilienreihenhaus ist das mittlere von dreien. Ich stieg über den Gartenzaun von den Kragenbuschs, denn mit Frau Müller links von uns pflegen wir ein gespanntes Verhältnis. Derweil rechnete ich nach: es war billiger, das Fenster einzuschlagen und von meinem Schwager reparieren zu lassen, als den Schlüsseldienst zu bestellen. Ich wickelte mein T-Shirt um die rechte Faust und schlug durch die Glasscheibe der Terrassentüre. Im Fernsehen sieht das ganz einfach aus, doch hier zerriss das zersplitternde Glas erst mein T-Shirt und dann meine rechten Hand. Eine Eruption von Blut ergoss sich ins Wohnzimmer, auf den Fußboden und spritzte gegen die Raufasertapete.
Als ich notdürftig meine Wunde mit einem Handtuch verbunden und das Putzzeug geholt hatte, ertönte die Klingel. Vor der Haustüre stand Frau Kragenbusch und schenkte mir ein mildes Lächeln und ließ mich in ihren großen, brauen Augen versinken. Ich erschrak ein wenig, denn ich befürchtete eine Ermahnung, da ich durch ihren Garten gegangen war. »Ich kann Ihnen alles erklären«, sagte ich, »die Haustüre ...«
»Hast du dir wehgetan?«, fragte sie und schaute auf meine Hand, dann schob sie sich an mir vorbei und ging ins Wohnzimmer. Dort griff sie meine verletzte Hand mit einem vor Mitleid überschwemmten Blick. »Das ist aber eine böse Wunde an einem so starken Mann!«, sagte sie und drückte meine spültuchumwickelte Hand an ihren Busen, beugte sich vor und hauchte einen Kuss auf eine blutfreie Stelle. Dabei konnte ich nicht verhindern, dass ich einen kurzen Blick in ihren Ausschnitt werfen musste. Als sie sich an mich schmiegen wollte, wurde es mir doch zu bunt und ich komplimentierte sie hinaus. »Leider habe ich wenig Zeit! Der Hausputz wartet!« An den Schultern schob ich sie durch die Haustüre. Ausgerechnet in diesem Moment fegte Frau Müller vor ihrer Türe die Pflastersteine. Frau Kragenbusch witterte ihre Chance: »Sie Wüstling! Da frage ich Sie nach einer Tasse Mehl und Sie grabschen mich an!«
Frau Müller ließ von ihren Pflastersteinen und konzentrierte sich ganz auf uns. Froh, Frau Kragenbusch losgeworden zu sein, verschwand ich wieder im Haus.
Da Spritzer meines Blutes hinter dem Regal Ivar zu finden waren, zog ich es vorsichtig mit den ganzen Gläsern und Blumenvasen von der Wand ab. Eine Stunde lang schrubbte ich an den Fußleisten und so wurde es ein Uhr, als es erneut klingelte.
An der Haustüre versiegte meine Spucke. Vor mir ragte Herr Kragenbusch empor. Ich wollte erklären, dass ich seiner Frau Mehl geliehen hätte, wären ihre Brüste nicht dazwischen gekommen, da begann der bärtige Mann mit seiner tiefen Stimme auf mich herabzuschreien: »Wo ist Conni?« Er packte meine unverletzte Hand und bog meinen Zeigefinger über den Handrücken. Mein Schrei lockte Frau Müller zufällig an ihren Briefkasten.
»Ich weiß es nicht! Sie ist nicht bei mir!«
»Lüg nicht! Das Luder kommt jeden Tag zu dir!« Um seinen Worten einen gewissen Kick zu geben, trat er mir gegen das linke Schienbein. Unter Schmerzen taumelte ich auf einem Bein zurück.
»Wenn ich dich mit ihr erwische, hack ich dich entzwei!«
Mit zwei verletzten Händen und einem brummenden Bein widmete ich mich wieder dem Hausputz. Bis zum Nachmittag hatte ich die Fußleisten vom Blut befreit. Bis morgen blieben nur Wände, Boden und die Glasscheibe.
Ich wollte meinen Schwager anrufen, da pochte es an der Terrassentüre. Mit Schrecken sah ich Frau Kragenbusch; sie lehnte sich an das zersplitterte Rest-Glas der Terrassentür. Ich fürchtete erneute Auseinandersetzungen, schon weil Herr Kragenbusch meine Entzweiung angedroht hatte. Ich ließ sie aber trotzdem ein, weil sie einen verwirrten Eindruck machte. Nachdem ich die Türe geöffnet hatte, verdrehte Frau Kragenbusch die Augen, nur noch das Weiße war zu sehen, ihr Gesicht war blutleer. Kraftlos stürzte sie vornüber und riss das Regal Ivar mit zu Boden. Etwa zwölf Kilo Glas verwandelten sich spritzend in Scherben. Zwischen Glas und gebrochenem Holz endete Frau Kragenbusch und ihr Sturz. Aus ihrem Rücken ragte mein Fleischmesser. Zumindest der Griff, da die Klinge komplett in ihrem Brustkorb versenkt war.
Genau in diesem Moment piepste mein altes Nokia zweimal. Ich las die SMS: »Sitze schon im ICE, bin bei Koblenz! Komme in einer Stunde, hab dich lieb!«
Mit trockenem Mund schaute ich nach draußen. Am Gartenzaun stand Frau Müller mit einem hab’-ich’s-mir-doch-gedacht-Blick.
Hinter meinem Rücken hörte ich Fäuste gegen die Haustüre trommeln. Die tiefe Stimme von Herrn Kragenbusch überschlug sich.
Michaels Augen leuchteten auf, als Susi in die Küche kam. Ihre kleine Stubsnase, ihre Kurven, ihr Po – alles faszinierte ihn. Vor zwei Wochen hätte er ihre Beine noch für einen Hauch zu dick gehalten, doch das war nun alles egal!
»Tach Schatz!«, sagte sie und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.
Barbara saß am anderen Ende des Tischs und verdrehte die Augen. »Schöne Handtasche hast du.« Ihr Ton war für ein Lob zu scharf geraten.
»Ich achte auf mein Erscheinungsbild, eine Alditüte tut's zwar auch, aber da kennst du dich besser mit aus.«
»Wenn du wirklich auf dein Äußeres achten willst, solltest du mal zum Frisör gehen.«
Victor trat unter dem Tisch sachte gegen Barbaras Bein. Dann erhob er sich. »Komm Barbara, wir gehen hoch aufs Zimmer.«
»Wieso denn, ich unterhalte mich doch gut!«
Victor verließ die Küche und zog Barbara hinter sich her.
»Ich muss jetzt was backen!«, grummelte Susi und zog die Kühlschranktüre auf.
»Vielleicht sollten wir uns eine Wohnung suchen. Seit Victor mit Barbara zusammen ist, ist er nicht mehr der gleiche. Die hat ihn voll im Griff.«
»Mit dir würde ich überall hin!«, sagte Susi, holte mit einer Hand drei Eier aus dem Kühlschrank und drehte sich wieder zu ihm und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. Michael griff ihr an den Po, erst entfuhr ihr ein spitzer Schrei, dann eins der drei Eier aus der Hand. Krachend zerklatschte es auf dem Boden. »Mist!«, presste sie heraus.
»Ist doch nicht schlimm.« Michael trat zum Waschbecken, rutschte auf der Eierlache aus, stolperte, hielt sich im letzten Moment am Hosenbund von Susi fest, die verzweifelt versuchte, die beiden verbliebenen Eier in ihrer Hand zu retten. Doch mit Michael als Gegengewicht zu ihren 65 Kilo und mit einer Hand weniger zum Ausbalancieren, verlor sie das Gleichgewicht, kippte über Michael und schlug mit der Stirn auf die Arbeitsplatte. Leblos rutschte sie an den Schubladen hinab. Erst als sie auf dem Rücken lag öffnete sich ihre rechte Hand. Beide Eier fielen heraus und zerbrachen auf dem Boden.
Michael beugte sich zu ihr. Er war wie in Wachs gegossen, unfähig, irgend eine Emotion zu zeigen. Als er sich wieder erhob, wusste er, dass die Liebe seines Lebens genau hier beendet war. Susi war tot.
Dann ratterte es in seinem Hirn. Müsste er sich rechtfertigen, was hier geschah? Würde man ihm glauben? Oder ihn des Mordes beschuldigen?
Er packte Susi, legte sie über die Schultern und spähte in den Flur. Kein Laut war zu hören. Er huschte die Treppe hinauf. Am oberen Ende lag rechts Victors Zimmer, links davon ging es zu seinem. Er verschwand in seinem Zimmer und legte Susi auf das Bett. Michael verrieb Reste von rohem Ei in seiner Hand. Er schaute Susi an, eine Haarsträhne war in ihr rundes Gesicht gerutscht, eine Narbe verlief quer über ihre Stirn, Susi war wunderschön.
Er atmete tief durch. So konnte es nicht weitergehen. Es war unmöglich, Susis Leiche verschwinden zu lassen. Man würde sie suchen, man würde ihm Fragen stellen. Und er war ein schlechter Lügner. Er brauchte keine Geschichte, er brauchte einen Rat.
Leise klopfte er an Victors Türe. Keine Antwort. Ob er einfach so reinkommen konnte? Noch vor zwei Wochen war das nie ein Thema gewesen. Und jetzt hatte jeder eine Freundin in die WG gebracht und schon verhielten sie sich wie alte Männer. Er drückte die Klinke hinab und trat ein.
Victor war nicht im Zimmer. Barbara lag auf dem Bett. Blut rann aus ihrem Mund. Das rechte Auge starrte zur Decke, das Linke war ein einziges Hämatom.
In der unteren Etage klappte die Küchentüre, dann näherten sich Schritte auf der Treppe. Michael schloss so schnell und leise wie er konnte die Türe und verschwand in seinem Zimmer. Blut rauschte in seinen Ohren. Dann ließ er sich auf die Knie nieder und spähte durch das Schlüsselloch in den Flur. Victor hatte eine Flasche mit grüner Flüssigkeit in der Hand, zielstrebig trat er in sein Zimmer.
Michael hoffte, dass Victor nun aufschreien würde, dass er nichts mit Barbaras Ableben zu tun hätte, dass er genauso verzweifelt wäre wie er. Zwei alte Freunde, deren Frauen am gleichen Tag durch eine Verkettung von Unglaublichkeiten dahingeschieden wären, sie würden sich Halt geben, sich zusammen betrinken ...
Totenstille.
Michael öffnete leise seine Tür und starrte zu Victors Zimmer. Er sammelte Mut, trat zu Victors Türe, beugte sich hinab und schaute durchs Schlüsselloch.
Victor stand am Fußende des Bettes, er hatte Barbara völlig ausgezogen, ihre Kleider waren achtlos auf den Boden geworfen. Victor hatte ein vergilbtes Blatt in der Hand, von dem er einen Text murmelte. Dann ließ er das Blatt zu Boden sinken, nahm einen silbernen Becher, trank daraus – und warf sich über die Leiche. Michael hätte fast aufgeschrien. Angewidert zuckte er vom Schlüsselloch weg – doch er musste erneut hinschauen. Es gab keinen Zweifel, Victor trieb es mit seiner toten Freundin.
Michael wusste nicht wohin mit sich. In seinem Zimmer lag Susi, Victor war beschäftigt, die Küche – ausgeschlossen. Er ging in das Wohnzimmer, ließ sich auf das Sofa fallen und starrte gegen die Decke. Leere durchströmte sein Hirn.
Michael hatte das Gespür für die Zeit verloren. Schritte rissen ihn aus seiner Trance, das Tappsen näherte sich. Jemand lief die Treppe hinab. »Victor«, dachte Michael, »wie soll ich mich verhalten?« Noch bevor er seine Frage beantworten konnte, öffnete sich die Wohnzimmertüre.
Barbara war immer noch nackt. Aus ihrem grauen Gesicht starrte ein einzelnes Auge Michael an, an ihren Mundwinkel klebte noch Blut, dann hob sie ihre Hand und zeigte auf Michael.
Michael schnellte vom Sofa empor wie eine gespannte Feder, Barbara griff nach der Stehlampe und schlug auf Michael. Er duckte sich weg als die Glaskugel der Lampe auf dem Tisch zerschellte. Michael rannte aus dem Zimmer und stieß im Flur mit Victor zusammen.
Victors Augen glühten in Wahnsinn. In seiner Hand hielt er ein Messer. »Barbara! Komm her!«
Michael schubste Victor beiseite und rannte in den Keller. Victor folgte ihm. »Bleib hier! Du wirst mein Werk nicht zerstören! Ich habe das Geheimnis des Lebens gefunden!«
Michael riss die Türe zur Vorratskammer auf und erstarrte zur Salzsäule. Drei Frauenleichen lagen nebeneinander.
Victor hatte ihn erreicht. Michael hatte keine weiteren Fluchtmöglichkeiten.
»Ich habe drei Versuche gebraucht, doch jetzt habe ich das richtige Ritual gefunden!«
Barbara folgte den beiden Männern und stand hinter Victor. Auch sie hatte sich mit einem Messer aus der Küche bewaffnet. Sie hob ihre Waffe hinter Victor. Während das kalte Stahl auf Victor hinabsauste, wirbelte er blitzschnell auf dem Absatz herum und rammte sein Messer in ihren Bauch. Vollends getötet sackte sie zu Boden.
»Es geht bestimmt noch besser – bei der nächsten habe ich es perfektioniert.« Victors Augen glänzten in Fieber. Dann drehte er sich zu Michael und holte aus. Michael griff eine Dose Ravioli und warf sie Victor an den Kopf, dieser torkelte zurück und verlor sein Messer. Michael schlug unter sein Kinn und Victor ging ohnmächtig zu Boden. Als er wieder zu sich kam, war er mit Paketband gefesselt. Zwei Polizeibeamte standen neben ihn und unterhielten sich mit Michael.
»Die drei Frauen hier sind schon seit zwei Wochen vermisst. Und heute hat er diese Barbara Hasenbrink erwischt ... der hat ganz schön gewütet!«, sagte ein hagerer Beamte. Sein kleiner Kollege strich über seinen dicken Bauch und nickte.
»Irgendwann fühlen sich diese Massenmörder sicherer«, sagte der Hagere, »aber damit verraten sie sich umso schneller! Komm Josef, leg ihm Handschellen an, den nehmen wir mit!«
Josef nickte erneut und beugte sich zu Victor hinab.
Als Spurensicherung, Gerichtsmediziner und die Polizisten wieder aus dem Haus waren, genehmigte sich Michael einen Kurzen und wartete bis das Brennen aus seiner Kehle verschwunden war.
Dann ging er auf sein Zimmer.
Michael nahm das vergilbte Blatt und las murmelnd den Text. Er nahm einen Zug von der grünen Flüssigkeit aus dem silbernen Becher. Gestank von Verwesung durchzog seine Nase und breitet sich in seinem Mund aus. Dann warf er sich leidenschaftlich auf Susi.
Foto: Burgfriedhof, Bad Godesberg
10.07., 18.26 Uhrvon:Philosophengarten@...
an:Loetzinn78@...
Hi Uli!
Danke, dass Du bereit bist, mir zu helfen. Du weißt, in Physik war ich immer eine Niete – obwohl ich im Bastelunterricht Erstaunliches zuwege gebracht habe!
Ansonsten läuft es nur so mittel. Ich habe schon fast 100 Anhänger gefunden, alles ganz normale Leute wie Du und ich. Wir treffen uns jeden Samstagabend, aber ich glaube, ich habe einen Fehler gemacht. Um noch glaubwürdiger meine Rolle zu spielen, habe ich zum Spenden aufgerufen – das hat so manchen verunsichert. Eigentlich müssten die Leute das aus den amerikanischen Filmen kennen, da zücken dann immer alle ihr Scheckbuch. Aber hier in Bonn läuft das anders, die Leute sind geiziger. Ich habe Schiss, dass einige die Sekte verlassen werden, aber wir brauchen jeden einzelnen! Wenn ich meinen Spendenaufruf wieder zurückziehe, denken die Leute, ich bin ein Weichei. Auch blöd. Da sitze ich wohl in der Tinte!
Alles weitere morgen!
Tschö!
12.07., 21.25 Uhr von: Philosophengarten, an: Loetzinn78
Hi Uli!
Ich finde es einfach genial, wie du mit den Drähten und Schaltern und den ganzen Schrauben die Maschine gestern gebastelt hast. Der Plan der Maschine muss von einem wahnsinnigen russischen Wissenschaftler aus den 50er Jahren stammen. Zum Glück stellen die Leute auch die konfusesten Sachen ins Netzt! Ist ja auch egal. Meinst Du, die Maschine wird funktionieren? Sag mir sofort Bescheid, wenn Du damit fertig bist!
13.07., 20.14 Uhr von: Philosophengarten, an: Loetzinn78
Hi Uli!
Was macht die Maschine? Gibt es erste Fortschritte? Ich glaube, mir ist schon wieder ein Missgeschick passiert. Du weißt, damit ich als Priester in meiner Sekte authentischer wirke, predige ich Umkehr und Keuschheit und das jeder immer nur mit seiner Frau oder zumindest mit der festen Freundin ... na Du weißt schon. Jedenfalls bin ich gestern in ein dunkles Lokal in Köln geraten. Natürlich war es die Vorsehung, die mir den Weg zu dem unzüchtigen Ort gewiesen hat. Jedenfalls, als ich wieder heraus kam, stieß ich mit einem Bruder unserer Sekte zusammen. Peinlich, peinlich! Jetzt hat der das schon rumposaunt. Nach meinem Spendenskandal haben 20 Leute die Sekte verlassen. Jetzt geht mir, gelinde gesagt, der Po auf Grundeis. Wie viele werden jetzt gehen?
14.07., 16.31 Uhr von: Philosophengarten, an: Loetzinn78
Hi Uli!
Gestern habe ich vor lauter Jammerei vergessen dir mitzuteilen, was ich Skandalöses herausgefunden habe – in diesem düsteren Laden, in dem ich war.
Ich bin feste davon überzeugt, dort befindet sich das Zentrum. Sie locken irgendwie Männer an. Die armen Kerle. Was mit ihnen wohl passiert? Ich habe keine Idee, wieso die Männer diesen bösen Idioten auf den Leim gehen! Ich werde mich morgen noch mal dorthin begeben und alles riskieren. Es sind weitere 10 Leute ausgetreten. Wenn das so weiter geht, können wir unseren Plan vergessen! Ich bitte Dich, beeil' Dich. Es tut mir in der Seele weh, dass Du Dich beim Löten so übel verbrannt hast. Kopf hoch Alter, wird schon wieder. Du weißt ja wofür es gut ist! Wir müssen diesen Vigilanzkonverter einfach zerstören! Wenn der Vigilanzkonverter in falsche Hände gerät, ist Schicht im Schacht! Die Maschine wird uns bestimmt retten! Wenn Du etwas brauchst, melde Dich!
16.07., 1.23 Uhr von: Philosophengarten, an: Loetzinn78
Hi Uliuliuli ohjejoje!!
Du glaubst ja nicht, was ich heute Abend entdeckt habe!
Ich war noch mal in dem Laden in Köln, von dem ich Dir berichtet habe. Da geht es vielleicht ab! Wahnsinn!!
Ich habe mich ganz unauffällig an die Bar gestellt und mich am meinem Kölschglas festgehalten. Dabei habe ich aufmerksam die Leute beobachtet. Mensch, Mensch! Da laufen vielleicht ein paar Mädels rum! Ist mir fast die Spucke weggeblieben! Aber zurück zum Thema. Mir fiel auf, dass einige Männer anscheinend zielstrebig, nachdem sie ein Glas Bier mehr oder weniger unkonzentriert und hastig ausgetrunken hatten, auf eine dunkle Türe zugingen. Ich dachte erst, dort ging es zu den sanitären Einrichtungen. Aber nein – weit gefehlt!
Aus dem Schatten heraus traten jedes Mal, wenn sich ein Mann der Türe näherte, zwei grob aussehende, ganz in Schwarz gekleidete Männer, wie Wächter, und sie hielten denjenigen auf, der sich der Türe näherten. Nach dem die Männer diesen Wächtern jedoch ein paar Worte gesagt hatten, wurden sie durch die Türe gelassen. Mir war sofort klar, dass sich die Männer eines Losungswortes bedienten. Weiß der Henker, wie sich so etwas verbreitet.
