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Michael Zahed leitet die Sonderabteilung für mysteriöse Kriminalfälle bei der Polizei in Bonn. Immer wieder kam es zu mysteriösen Übergriffen, die mit den Naturgesetzten und der klassischen Wissenschaft nicht zu erklären waren. Michal nimmt den Kampf gegen die okkulten Kräfte, Alchemisten und machtbesessene Hexenmeistern auf. Hannes, der Obdachlose am Bonner Münster, verstrickt sich gegen eine Flasche Bier in Laienphilosophien, Franklin, Michaels alter Weggefährte, hat ein schier unermessliches Wissen über den Okkultismus und Landauer, Michaels Chef, ist ein Profi-Choleriker. Sie alle helfen Michael, das abgrundtiefe Grauen von Bonn abzuwehren - gewollt oder ungewollt.
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Seitenzahl: 410
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Die Kripo von Bonn gehört zu den innovativsten in NRW. Vor kurzem wurde eine Sonderabteilung für mysteriöse Fälle eingerichtet, denn in Bonn und im Siebengebirge kam es immer wieder zu unerklärlichen Vorfällen.
Das Bonner Polizeipräsidium ernannte Michael Zahed zum Sonderbeauftragten. Er sollte sich um die seltsamen Fälle kümmern, die scheinbar in eine Sackgasse führten.
Bonn und das Siebengebirge sind voll alter Legenden. Michael Zahed hatte den Auftrag, die Schatten zu vertreiben. Er versuchte nicht, die Legenden zu entweihen, er suchte Kraft und Ermächtigung in ihnen.
փ
Straßenlaternen schnitten Kegel voller Schneetreiben aus der Luft, der Rest der Welt war in Watte gepackt. Durchgefroren stapfte ich zu meinem Reihenhaus in Oberkassel, am Rande von Bonn.
Ich war völlig aufgedreht. Mir war noch nicht klar, ob ich Luftsprünge machen sollte, oder ob mich die neue Last erdrückte.
Die Freude überwog. Der Posten war ein einmaliges Experiment in der deutschen Polizeigeschichte. Niemand in der Abteilung wusste besser als ich, was sich hinter dem normalen Schein des Alltags verbarg.
Vor drei Jahren, in dem Sommer, der mein Leben verändert hatte, hatte ich mehr erfahren, als wir alle bereit waren, zu glauben. Nur zu gerne würde ich diese Erlebnisse in das Reich der Fantasie abtun, eine Ausgeburt schlechter Tagträume, entsprungen aus einem überlasteten Hirn, dazu verdammt, mühsam vergessen zu werden. Aber das war unmöglich. Ich kannte die Wahrheit. Damit hatte ich einen gravierenden Vorteil vor allen anderen in der Abteilung. Ich brauchte nicht zu glauben – ich wusste!
Heute war es so weit und die neue Abteilung sollte einen leitenden Beamten bekommen. Alle waren sich sicher, dass Landauers Wahl auf mich fallen würde, trotzdem war ich nervös. Am Mittag schüttelte mir Landauer steif die Hand. Damit war ich zur Leitung gekürt.
Aber was bedeutete das für mich? Ich konnte mir immer noch nicht richtig vorstellen, auf was ich mich eingelassen hatte. Aber mit der Zeit würde ich sicherlich in das Feld hineinwachsen!
Dass mir das Schicksal keine Zeit lassen wollte, wurde mir noch im Verlauf des Abends bewusst ...
Mein Haus war gemütlich und spartanisch eingerichtet. Ich hasste jegliche Art von Unordnung, war aber zu faul, Ordnung zu halten. Also hatte ich meinen Hausstand auf das Nötigste reduziert.
In der Küche hatte ich eine Schale mit frischem Obst. Ich riss mir eine Banane ab und ging weiter in das angrenzende Wohnzimmer und setzte mich auf das Sofa. Ich beschloss, heute nichts mehr zu tun, außer vielleicht an die an die Decke zu starren.
Meine Freude an der Ruhe währte genau zwei Minuten, da klopfte es an der Türe. Ich glaubte erst, dass meine neuen Nachbarin ein Paket angenommen hatte. Als ich in die verzweifelten Augen von Frau Federschmidt blickte, wusste ich, ich hatte weit daneben getippt.
"Kommen Sie erst mal rein!", bat ich sie.
Anke Federschmidt saß auf dem vordersten Rand des Stuhls und hielt sich an einem Glas Milch fest.
"Er ist seit heute Nachmittag weg und ich habe noch kein Lebenszeichen von ihm bekommen. Er wollte schnell zum Petersberg, was erledigen – aber bei dem Wetter?"
"Kann es sein, dass er bei Freunden gemütlich ein Bier trinkt, bis das Schneetreiben nachlässt?", versuchte ich sie zu beruhigen.
Mittlerweile war es halb zehn, er war seit vielen Stunden fort und an ihrer Stelle würde ich mir auch Sorgen machen. Ich überlegte, die Behörden zu verständigen, als Frau Federschmidt tief Luft holte, es sich anders überlegte und ohne etwas zu sagen wieder ausatmete. Dann startete sie einen neuen Versuch.
"Seit zwei Wochen ist er so seltsam, das macht mir Sorgen!"
In den letzten Jahren bin ich sensibel geworden, wenn Leute seltsame Veränderungen feststellten. Was mit liebgewordenen Menschen passieren konnte, war mir nur allzu deutlich geworden.
"Erzählen Sie mal, was hat Sie verunsichert?"
"Die komischen Leute. Seit Wochen treffen sie sich jeden Freitag. Er macht eine riesige Heimlichtuerei drumherum. Niemand darf davon was wissen."
"Was sind das für Leute?"
"Ich weiß es nicht. Sie trafen sich nie bei uns und mein Mann hüllte sich in Schweigen. Ich hörte nur heraus, dass es wohl mehrere Männer sind, ungefähr zehn. Wenn er spät nachts heimkam, war er in eine andere Welt entrückt. Er sprach kaum, als würde ihn etwas aufwühlen.
Gestern gab es einen neuen Höhepunkt. Mein Mann, der Fritz, der arbeitet bei einer Gerüstbaufirma. Aber gestern ist er nicht zur Arbeit gegangen. Er hatte die ganze Zeit zu Hause gesessen und vor sich hin gegrübelt, als hätte er etwas Furchtbares erfahren, was ihm keine Ruhe lässt! Er hat nicht mit mir gesprochen, bis heute Mittag. Dann ist er los und hat gesagt, er müsse schnell zum Petersberg. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört."
Frau Federschmidt schaute wie hypnotisiert in ihr Glas Milch. Ich spürte, wie ihre Sorge zu einem Gespenst anwuchs und drohte, sie zu verschlucken.
"Ich mache Ihnen einen Vorschlag", begann ich. "Ich weiß, dass Sie in Sorge sind, aber wahrscheinlich ist er auf dem Petersberg nur eingeschneit und kommt nicht weg. Ich kann einfach selber auf den Petersberg fahren und nach dem Rechten schauen. Wahrscheinlich hockt er da und friert schrecklich, weil sein Wagen festsitzt. Ich bin auf der Margarethenhöhe schon drei Mal stecken geblieben und die Auffahrt zum Petersberg ist noch steiler. Bevor wir meine Kollegen rausschicken, bin ich schon bei ihrem Mann."
"Das würden Sie tun?" Erleichterung glimmte in ihren Augen.
Kurz darauf schaufelte ich den Neuschnee von meinem Wagen und fuhr zum Petersberg. Der Schweinehund in mir verfluchte meinen sozialen Einsatz, doch als Nachbar fühlte ich mich verpflichtet. Ich wollte sie nicht mit ihren Sorgen einem fremden Beamten überlassen. Schließlich hatte sie mich um Hilfe gebeten und nicht gleich die Polizei gerufen. Wahrscheinlich fürchtet sie, dass fremde Leute ihren Mann verwirrt vorfinden könnten. Mit frohem Mute, diese Angelegenheit bald aus der Welt geschaffen zu haben, fuhr ich durch den dichten Schnee hinauf zum Petersberg, ohne zu ahnen, dass dies erst der Anfang von einer unglaublichen Geschichte war...
Die Landstraße hinauf zur Margarethenhöhe war wie ausgestorben. So kurz vor dem Wochenende waren die Straßen noch nicht geräumt aber auf dem frischen Schnee griffen meine Reifen gut. So schaffte ich es zügig bis zur Auffahrt zum Petersberg. Mein Glück währte einen halben Kilometer, ab da wurde die Auffahrt steiler als ich in Erinnerung hatte. In der Dunkelheit überraschten mich außerdem die zahlreichen Kurven. Sicherlich hatte man am Nachmittag die Strecke gestreut, um den Weg zum Hotel freizuhalten, doch jetzt waren immer wieder einige Stellen überfroren und unter dem frischen Schnee lagen Stellen aus purem Eis. Einen Kilometer bevor ich am Ziel war, brach mein Wagen nach rechts aus und kam mit Knirschen und Rumpeln am Straßenrand zu liegen.
Ich hatte keine Chance, den Wagen wieder flott zu bekommen. Das Fahrzeug hing schief in der Böschung und die Reifen drehten durch, also stieg ich aus. Ich sah zwar, dass der Wagen keinen nennenswerten Schaden erlitten hatte, doch ich brauchte einen weiteren Wagen, der mich wieder auf die Straße ziehen konnte. Ich hoffte, dass ich oben Fritz Federschmidt treffen würde und sein Wagen noch einsatzfähig war. Dann war es möglich, mein Auto wieder flott zu bekommen.
Zu Fuß erreichte ich das Gästehaus Petersberg. Zu der vorgerückten Stunde brannten nur ein paar Laternen an der Seite des Gebäudes, sonst schien das Hotel wie ausgestorben. Ich stapfte durch den Schnee.
Wo konnte sich nach all den Stunden Fritz aufhalten? Erst jetzt, nachdem ich mein schützendes Auto verlassen hatte, spürte ich die brutale Kälte auf dem Berg. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er gemütlich auf einer Parkbank sitzen würde und seinen Gedanken nachging. Mit der Kälte kroch ein ungutes Gefühl in mir empor. Ich ging an einem altern Prozessionsaltar vorbei und schritt auf die gewaltigen Mauern des Hotels zu. Mit hochgestelltem Kragen schlich ich an dem Haupteingang vorbei und schaute zu der alten Kapelle, die auf einer Anhöhe stand. Ich ging über die Wiese um die Kapelle herum und sah, welche undurchdringliche Dunkelheit den Wald gefangen hielt. Ich hatte die Hinterseite der Kapelle erreicht und konnte in der Ferne die Lichter von Siegburg zwischen den Ästen der Bäume glitzern sehen, als sich Hoffnungslosigkeit in mir breit machte. Das Siebengebirge war verdammt groß. Von hier aus führten andere Wege in den Wald. Wenn er gar nicht vorhatte, auf dem Petersberg zu bleiben und weiter gegangen war, vielleicht Richtung Ölberg oder Königswinter?
Alleine hatte ich keine Chance, mitten in der Nacht einen Menschen zu finden. Ich entschloss mich, Hilfe anzufordern und zückte mein Handy, doch nur ein totes Display starrte mich an. Die Akkus hatten die Kälte nicht überlebt. Ich fluchte einmal kurz und verstaute das Gerät wieder in meine Manteltasche.
Mitten im düsteren Wald stand ich umgeben von Schneewehen ohne Handy und ohne Auto. Ich merkte, wie ich begann stärker zu frieren und mit dem Frost beschlich mich die Angst zu erfrieren. Auch in unseren Breiten wurden Jahr für Jahr unbedachte Menschen vom Winter überrascht und erfroren. Ich wischte diese irrationale Angst beiseite, denn schließlich war keine zwei Steinwürfe weit entfernt das Hotel. Die Leute würden mich nicht erfrieren lassen.
Ich hatte keine Hoffnung, Fritz hier zu finden und wollte mich zu der Hauptpforte aufmachen, als mir etwas Glitzerndes am Rande der riesigen Kastanienbäume auffiel, gleich neben dem Prozessionsaltar. Ich ging zügig den Weg zurück. Das einzige, was ich zunächst erkannte, war ein großer Kreis aus 12 Kastanienbäumen um einen Platz, der mit Steinen rundherum ausgelegt war. An einer Seite hatte sich eine Schneewehe gefangen, die im Schein der Laternen glitzerte.
Als ich näher kam, erkannte ich eine Armbanduhr im Schnee. Ich benötigte einige Sekunden, um festzustellen, dass sich diese Uhr immer noch an einem Handgelenk befand. Es versetzte mir einen stumpfen Schlag. Ich kniete mich hin und wischte mit den Händen den Schnee beiseite. Auch als Polizist schockt mich der Anblick einer Leiche immer wieder. Erfroren und starr lag Fritz Federschmidt vor mir. Meinen Nachbarn hatte ich einige Male gesehen, auch wenn ich nie ein Wort mit ihm gewechselt hatte, erkannte ich ihn zweifelsfrei.
In mir nagte paradoxer Weise ein schlechtes Gewissen. Ich hatte seiner Frau versprochen, nach dem Rechten zu sehen, und alles was ich präsentieren konnte, war ein toter Ehemann. Natürlich hatte niemand von mir verlangt, ihn zu retten. Ich hatte nicht ahnen können, dass Lebensgefahr bestand, dennoch wusste ich, welche Katastrophe dies für seine Frau bedeutete.
Ich erhob mich wieder, da stockte ich in meiner Bewegung. Zu seinen Füßen lag eine halb vom Schnee bedeckte kleine Statue. Ich griff nach ihr und besah sie genauer. Es war ein stilisiertes Abbild eines Tierkopfes. Ein Abbild von einer Ziege oder einer Gams. Als ich genauer hinschaute, erkannte ich die wuchtigen Hörner von einem Steinbock.
Seltsam berührt legte ich den gehörnten Kopf wieder zurück.
Steinbock.
In suchte in meinen Hirnwindungen verzweifelt nach einem Hinweis. Was hatte das alles zu bedeuten? Warum war Fritz tot? War er erfroren oder ermordet worden? Hatte er den Steinbock schon dabei gehabt? Was bedeutete dieser Schädel?
Ich lief durch den wirbelnden Schnee zum Hotel und konnte die Flut an Gedanken nicht bremsen, als ich durch die Nachtpforte eintrat ...
Ich hatte die Einsatzzentrale über meinen grausigen Fund informiert. Angesichts der winterlichen Situation wollte man mir kein Fahrzeug schicken. Ich musste die nächsten Stunden warten. Erst am nächsten Morgen um 6.30 Uhr sollte ein Räumfahrzeug kommen. Das hatte der Beamte, mit dem ich sprach, mit der Leitstelle der Einsatzfahrzeuge der Stadt Bonn ausgemacht. Früher wollte man niemanden schicken, da die Nachtschicht der Fahrer im Einsatz war und keine akute Gefahr bestand.
Ich machte es mir in der Eingangshalle gemütlich, schob zwei Stühle zusammen, trank einen Becher Kaffee aus einem Automaten und wartete, bis die Nacht verging.
Bereits kurz nach sechs hörte ich ein schweres Fahrzeug sich dem Hotel nähern und anhalten, eine Türe klappte. Dann jedoch heulte der Motor wieder auf und das Geräusch entfernte sich. Ich erhob mich mit steifen Gliedern von meinem improvisierten Lager, denn ich fürchtete, dass das Räumfahrzeug ohne mich wieder abzog. Durch die eisblumenverhangene Scheibe konnte ich keinen Schneeräumer entdecken. Müde kämpfte ich mich zum Ausgang und hoffte, dass meine Lebensgeister bald wieder zurückkehrten. Der Schneeräumer fuhr eine Runde über das Gelände und ich hatte Angst, dass er die Leiche gleich mit wegschob. Das Fahrzeug kam in einer großen Kurve auf mich zu und hielt an.
"Sie hatten wohl Angst, ich hätte Sie vergessen? Kommen Sie rauf, hier ist es schön warm!"
Ich kletterte in das Führerhaus.
"Ich muss so eine große Runde fahren, ich kann mit der Lady sonst nicht wenden!", erklärte mir der bullige Fahrer. So fuhren wir bergab, Richtung Königswinter.
Natürlich war der Fahrer, der sich als Victor vorstellte, neugierig. Ich wollte mich nicht steif auf die Vorschriften zurückziehen, immerhin war ich dankbar, dass er mich von dem eingeschneiten Berg abholte. Also erzählte ich kurz, dass ich einen Toten gefunden hatte, einen flüchtigen Bekannten.
"Sie kannten ihn? Wie schrecklich, einen Freund tot aufzufinden!"
Unruhe schien von Victor Besitz zu ergreifen. Ich erzählte ihm, dass ich Fritz nur einige Male auf der Straße gesehen hatte und außer einem Gruße nie ein Gespräch zwischen uns stattgefunden hatte. Daraufhin war Victor in einer unheimlichen Weise beruhigt und kein weiteres Gespräch kam bis zur Bahnhaltestelle am Rhein auf. Ich war froh, nicht reden zu müssen und schwebte in meinen eigenen Gedanken.
Über das Wochenende hatte ich mich in mein Arbeitszimmer vergraben. Im ersten Stock versuchte ich alles Erdenkliche über Steinböcke aus dem Internet herauszulocken. Bald hatte ich ein horrendes Fachwissen über Brunftzeit, Paarung und Ernährung, doch über die kultische Verwendung des Steinbocks ließ sich nur wenig herausbekommen. Die Etrusker hatten einen Stamm, der einen Steinbock im Wappen trug. Auch bei den Germanen gab es einen Dämon, der in Steinbockgestalt im Altweibersommer sein Unwesen getrieben hatte. Doch ich fand nichts über einen Steinbock als Talisman.
Warum hatte Fritz Federschmidt diesen Steinbock dabei? Ich war felsenfest davon überzeugt, dass diese steinerne Figur eine Bedeutung hatte. Viel zu skurril war das Arrangement, ein erfrorener Mann mit Steinbock. Außerdem hatte er sich laut seiner Frau seltsam verändert.
Gerädert erschien ich Montagmorgen im Präsidium und betrat wortkarg das Büro. Meine beiden Kollegen waren bereits dort und kannten mein morgendliches Startproblem. Jochen und Beate grüßten kurz und ließen mich in Ruhe, doch diese Ruhe währte nicht lange.
Meine beiden Kollegen belegten den Schreibtisch zu meiner linken und saßen sich gegenüber. Mein Schreibtisch war viel kleiner und bis gestern die Ablage für Akten gewesen. Hier war also meine neue Zentrale für mysteriöse Verbrechen.
Ich versuchte einen Ansatz zu finden, wie ich in dem Fall weiter verfahren sollte. Zeugen gab es keine, die Ehefrau wusste nichts über die Aktivitäten ihres Mannes und sie kannte keinen von den Leuten, mit denen er die vielen Abende verbracht hatte. Ich grübelte vor mich hin, als die Türe zum Büro aufflog und mein Chef, Herbert Landauer, das Büro erstürmte.
"Ich habe Neuigkeiten!", polterte er ohne Vorrede drauflos. Wir drei schauten erwartungsvoll zu ihm auf und er genoss die Aufmerksamkeit, die sich auf ihn konzentrierte.
"Der Fall mit dem Toten, den Sie Freitag Nacht gefunden haben, den Fritz ..."
Landauer stockte, hob einen Stapel Blätter vor sein Gesicht und rückte seine Brille zurecht.
"Federschmidt", half ich ihm aus.
"Federschmidt", sagte Landauer, als sei er gerade selber darauf gekommen. "Der Fall ist Gott sei Dank abgeschlossen."
Ungläubig schaute ich zu meinen beiden Kollegen, doch Jochen und Beate zuckten nur mit den Schultern.
"Was ist den geschehen? Gibt es ein Geständnis?", wollte ich wissen.
"Quatsch", machte Landauer, "ich habe den Bericht von der Gerichtsmedizin, der Mann ist erfroren."
"Das dachte ich mir. Aber die Umstände sind doch mysteriös, da stimmt doch was nicht."
"Was soll da nicht stimmen? Die Sache ist doch glasklar. Er gibt sich mit seltsamen Leuten ab, geht nicht mehr zur Arbeit und hatte wahrscheinlich Depressionen. In Ihrem Bericht vom Samstag schreiben Sie selbst, die Frau meinte, der Fritz ... also der Mann sei psychisch auffällig. Da schließt sich der Kreis. Verwirrt fährt er nachts im Schneetreiben ins Siebengebirge und folgerichtig erfriert er dort. Was ist daran mysteriös?"
Landauer hielt den Stapel Blätter achtlos in der Hand, für ihn war der Fall schon im Archiv. Er wandte sich ab und griff nach der Türklinke.
"Und der Steinbock?", mein letzter Versuch, die Bastion zu verteidigen. Landauer drehte sich noch mal zu mir um. Unverständnis lag in seinem Blick.
"Steinbock?"
"Da lag ein Steinbock, eine kleine Skulptur aus Stein bei der Leiche. Hat man diesen Talisman untersucht?"
Landauer schien kurz verwirrt, fing sich aber sofort wieder. "Da lag kein Steinbock bei der Leiche. Die Spurensicherung hat nichts diesbezüglich erwähnt." Damit verließ Landauer endgültig das Büro.
Ich sank mit offenem Mund zurück in meinen Stuhl. Ich glaubte, der Boden unter meinem Schreibtisch wurde weggezogen.
Beate hatte Kaffee gekocht und eine Tasse stand dampfend vor mir. Vor dem ersten Schluck wusste ich, dass ich keiner Spekulation nachlief. Die Bedeutung Landauers Worte wurde mir nach und nach bewusst. Wenn der Steinbock weg war, dann war er nicht bloß ein Talisman, den Fritz Federschmidt dabei hatte, sondern er hatte eine Bedeutung. Jemand musste noch mal bei der Leiche gewesen sein und hatte den Steinbock verschwinden lassen. Wovor hatte dieser jemand Angst? Wie ist dieser Mensch auf den verschneiten Berg gekommen? Was bedeutete der Steinbock? Hatte er einen Zweck zu erfüllen? Es gab noch eine Menge Arbeit ...
Ich hatte mir vorgenommen, bis zum Mittag nicht an Fritz Federschmidt zu denken – ich wollte meinen Gehirnzellen die Chance geben, intuitiv an die Sache heranzugehen, ohne dass ich dazwischenfunkte.
In der Pause ging ich in die Kantine und stellte mich mit Tablett an die Schlange an. Vor mir stand eine gebeugte, dürre Gestalt, die sich beim Nachtisch zu mir umdrehte.
"Ah, Herr Zahed! Schön Sie zu sehen!", hauchte er mit heiserer Stimme. Erst jetzt erkannte ich Herrn Doktor Henkel, unseren Pathologen aus der Gerichtsmedizin.
"Sie arbeiten doch an dem Fall Federschmidt, sehr interessant, dieser Tote", sagte er kryptisch, starrte auf seinen Pudding und drehte sich zur Kasse um. In mir schrillten Alarmglocken. Ich versuchte mit ihm Schritt zu halten und folgte ihm zur Kasse.
"Das seltsame an ihm waren diese Fesselspuren! Sie wissen, mir entgeht nichts!", grinste der Doktor an seiner Hose hinab.
"Fesselspuren? Und warum weiß ich davon nichts?"
"Nun, Landauer meinte, die Fesselspuren wären älter gewesen. In der Tat müssen sie ihm zu Lebzeiten zugefügt worden sein, das alles kann ich feststellen", sprach er mit schüchternem Stolz. "Doch Landauer meinte, dass diese vielleicht im privaten Bereich entstanden seien."
"Privat? Er ist tot, was heißt hier privat?"
Leute vor uns in der Schlange drehten sich zu uns um und Doktor Henkel senkte verschämt seinen Kopf.
"Nun, Landauer meinte, vielleicht von Sexspielen." Der Pathologe grinste mit diebischer Freude, über ein so pikantes Thema zu sprechen.
"Landauer sagte auch, ich solle die Klappe halte, also erzähle ich es niemanden." Wieder grinste er, jedoch diabolisch und schob sein Tablett der Kassiererin hin.
"Landauer meinte, es hätte keine Konsequenz und er liebe es, wenn ein Fall schnell gelöst sei. Ohne Fesselspuren ist der Fall nun mal gelöst."
Henkel bezahlte und nahm sein Tablett an sich.
"Und der Steinbock?", fragte ich hastig. "Da lag eine Figur bei der Leiche, ein Steinbock, so was wie eine Opferbeigabe oder ein Talisman. Ist Ihnen was aufgefallen?"
"Sechs-achtzig", bellte die Kassiererin mit strengem Blick auf mich gerichtet. Ich zückte erschrocken mein Portmonee.
"Also hören Sie", flüsterte Henkel, "er ist definitiv erfroren. Den Fall so schnell ins Archiv zu schieben, schmeckt mir auch nicht, aber geopfert worden ist er nicht."
Ich reichte der Dame an der Kasse einen 10 Euro Schein.
"Mit Opfermord kenne ich mich aus, mit aufgeschnittenen Bäuchen, mit herausquellenden Darmschlingen ..."
Mein Hintermann verdrehte die Augen, die Kassiererin stockte, als sie mir mein Wechselgeld zusammensuchte und warf dem Pathologen einen drohenden Blick zu.
"Man kann nie wissen", schloss Doktor Henkel. "Vielleicht war es ein Opfer und wir sollten es nicht merken ..."
Als ich mein Wechselgeld flüchtig auf seine Richtigkeit überprüfte, verschwand Doktor Henkel mit seinem Mittagessen in der Menge. Langsam schritt ich durch den Saal. Mein Appetit war verraucht. Die Worte des Pathologen bestärkten mich erneut in der Annahme, dass etwas faul war, ohne einen Schritt näher an die Lösung gekommen zu sein.
Bis Mittwoch verstrich die Zeit nur quälend, dann erreichte ein Anruf unsere Dienststelle. In Dottendorf war ein Mann tot in seiner Wohnung aufgefunden worden. Wir sollten nur routinemäßig vorbeischauen, da es sich wahrscheinlich um einen Arbeitsunfall handelte.
In Dottendorf betraten wir eine Altbauwohnung im dritten Stock. Skurriler Weise war der Tote Elektriker, der in seiner eigenen Wohnung Reparaturen am Herd durchführte und dabei einen tödlichen Stromschlag erlitten hatte. Die Ehefrau, Frau Hasenkamp, war in Tränen aufgelöst und konnte es nicht fassen. Ihr Mann hatte angeblich die Sicherung herausgenommen. Ebenfalls anwesend war die Tochter der beiden. Sie hieß Johanna Hasenkamp und war nach eigenen Angaben 21 Jahre alt. Sie schien gefasst, aber ich wusste, dass der Schock oft so tief saß, dass er manchmal Tage brauchte, um an die Oberfläche zu gelangen.
Doktor Henkel war vor uns da und kniete bei der Leiche. Als ich die Küche betrat, erhob er sich und schaute gut zwei Meter an mir vorbei, bevor er das Gespräch eröffnete.
"Er ist an einem Stromschlag gestorben. Am Herd benutzt man gewöhnlich Drehstrom. Erwischt man die falschen Phasen, so liegt deutlich mehr Spannung an, als an einer gewöhnlichen Steckdose ..."
"Verschonen Sie mich mit einem Elektronikstudium, können Sie etwas Auffälliges feststellen? War es ein Unfall?"
"Es war eine Unfall", flüsterte der Pathologe schüchtern dem Fußboden zu. "Der Stromstoß brachte seine Herz ins Kammerflimmern, es hatte daraufhin keinerlei Auswurfleistung mehr und die Organe, insbesondere das Gehirn, begannen abzusterben."
Ich verdrehte die Augen und wusste, dass ich keine Chance hatte, ich musste mir seine Vorlesung anhören.
"Gut, dann gibt es für uns hier nichts mehr zu tun."
Die Formalität war erledigt.
"Seltsam ist bloß", sprach der Mediziner in meinen Rücken, "dass er diese Hautabschürfung am Oberschenkel hat."
Ich drehte mich mit fragendem Blick zu ihm zurück.
"Die hat er sich beim Sturz nach dem Stromschlag zugezogen."
Eigentlich schien dies alles abschließend zu erklären.
"Ich wundere mich, was diese Verletzung verursacht haben könnte", fragte Henkel die Bodenkacheln. "Das einzige, was eine ähnliche Form wie die Schürfwunde hat, sind die Hörner von der Figur dort im Wohnzimmer."
Er zeigte zur Türe hinaus. Ich drehte mich um und mein Atem stockte. Ich blickte in die versteinerten Augen von einem Steinbock.
Am Nachmittag nahm ich mir früher Frei und gab vor, noch Besorgungen machen zu müssen. Ich schlich durch die Bonner Fußgängerzone und verfluchte meinen Plan, Ruhe und Zerstreuung ausgerechnet in der Bonner Innenstadt zu finden. Der Weihnachtsmarkt blühte in vollem Glanze und versperrte den Münsterplatz. Unmengen an Volk schoben sich zwischen den Buden. Vorbei an Leffers schlenderte ich Richtung Münster. Ich wollte die vorweihnachtliche Hektik nicht an mich heranlassen und beschloss, in das Münster zu gehen, um Ruhe zu tanken.
Als ich die wuchtige Eingangstüre erreichte, öffnete mir ein altbekannter Obdachloser die Türe und hielt mir einen Pappbecher hin, damit ich seine Leistung gleich bezahlen konnte.
"Hallo Hannes, alles klar?", begrüßte ich ihn und ließ Fünfzigcent zu den anderen Münzen fallen.
"Der Bullen Michael! Auch mal wieder hier? Willst du nach Verbrechern im Hause Gottes fahnden?"
"Nein. Mir fehlt es nur an Erleuchtung. Zu viele seltsame Begebenheiten."
"Hast du einen Toten? Und suchst jetzt den Mörder?"
Ich grinste ihn an. Er war auf eine so offene Art neugierig, dass er mir schon wieder sympathisch war.
"Ich habe sogar zwei Tote!", sagte ich verschwörerisch. "Und einen Steinbock!", schob ich geheimnisvoll hinterher, mit der Gewissheit, dass er damit nichts anfangen konnte. Ich wollte die Basilika betreten, als Hannes ernst wurde.
"Steinbock!", wiederholte er, als wäre dieses Wort die Lösung aller Probleme. Geheimnisvoll beugte er sich zu mir und eine Fahne aus altem Bier umströmte mich. "Ich habe eine exklusive Information für dich."
Wir kannten uns seit Jahren und er wusste, welche Art Fälle mich beschäftigten. Schon mal hatte er einen nützlichen Hinweis für mich, da sein Blick direkt auf die Straße und ihre Gesetze gerichtet war.
"Also gut Hannes, wie immer?"
"OK, für dich wie immer."
Am Bahnhof am Kiosk kaufte ich eine Flasche Schloss und wir setzten uns auf die Treppe am Bonner Loch.
"Michael! Du weißt, dass große und furchtbare Ereignisse immer ihren Schatten vorauswerfen!"
Ich wusste, dass Hannes ein leidenschaftlicher Hobbyphilosoph war und ich wusste auch, dass er irgendwann auf den Punkt kommen würde.
"Und jetzt, da sich der Winter zusammenbraut und die Kräfte der Natur aufsaugt, da tut sich was im Siebengebirge! Das kannst du mir glauben!"
Ich glaubte es nicht nur, ich wusste es bereits.
"Ich habe einen Mann getroffen, der ist in das Münster gegangen!"
"Täglich gehen Hunderte in das Münster. Vielleicht ein Japaner?", provozierte ich ihn.
"Quatsch. Er ist nicht zum Fotografieren in das Münster gegangen. Er wollte etwas ganz anderes."
"Was denn?"
Hannes machte eine bedeutsame Pause und vergewisserte sich, dass meine ganze Aufmerksamkeit ihm gehörte.
"Weihwasser!", presste er aus sich heraus.
"Aha. In jeder Kirche kann man sich Weihwasser nehmen."
"Eine Sache habe ich noch", schob Hannes hastig hinterher, da seine Information mich nicht aus der Reserve lockte.
"Der Kerl war mir nämlich nicht ganz unbekannt! Ich hatte schon mal – nun sagen wir – mit ihm zu tun."
Ich erwartete zwar nicht Name und Anschrift, dennoch wollte ich wissen, was mir Hannes über ihn berichten konnte.
"Das wird dich interessieren! Er ist ein hochrangiges Mitglied einer Loge gewesen!"
Hannes lehnte sich zurück und wartete vergeblich auf eine Welle der Begeisterung. In Wirklichkeit zerbrach alle Hoffnung in mir, von Hannes etwas zu erfahren. Auch heute gab es noch eine Menge Logen, das war mir bereits bekannt. Alles was ich nun erfahren hatte war, dass ein Logenmitglied sich im Bonner Münster Weihwasser geholt hatte. Vielleicht um damit seinen magischen Dolch für eine Zeremonie zu weihen. Die Weihnachtszeit bot sich für solche Treffen an.
Unspektakulär. Eine Flasche Schloss konnte ich verschmerzen. Wenigstens war Hannes um ein Bier reicher und hatte für ein paar Minuten einen Zuhörer gehabt. So tröstete ich mich.
Wat nix koss' is auch nix. Bönnsche Weisheit.
Dass Hannes Informationen ganz filigrane Puzzleteilen in dem Rätsel waren, konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht wissen ...
Am Donnerstag saß ich auf heißen Kohlen, denn es bestand Handlungsbedarf. Ich wollte Landauer überzeugen, dass wir an dem Fall weiterarbeiten mussten. Dazu brauchte ich handfeste Hinweise, nicht nur einen verschwundenen Steinbock. Mir blieb nichts anderes übrig, als auf mein Dienstende zu warten und die beiden Ehefrauen der Verstorbenen noch mal zu befragen. Da es offiziell keinen Fall gab, musste ich dies in meiner Freizeit erledigen.
Mir ließ die arrogante Abfuhr von Landauer keine Ruhe, mit der er Doktor Henkel abgespeist hatte, nachdem Henkel von den Fesselspuren berichtet hatte. Mein erster Besuch galt somit Frau Federschmidt.
Meine Nachbarin begrüßte mich freundlich. Als ich das Gespräch auf dieses explizite Thema lenkte, merkte ich, was ich losgetreten hatte. Denn nun war das Gedächtnis des Toten beschmutzt durch den Verdacht des Fremdgehens. Wenn er die Fesselspuren nicht von Frau Federschmidt hatte, dann doch von einer anderen Frau – so schloss sie messerscharf! Erst jetzt erkannte ich das Fettnäpfchen, in dem ich stand. Peinlich berührt verließ ich das Nachbarhaus, ohne etwas erfahren zu haben. Kamen die Fesselspuren wirklich von seinen Freizeitaktivitäten, dann konnte er sie sich überall geholt haben. Das Geheimnis hatte er mit ins Grab genommen.
Ich ließ mich nicht entmutigen und fuhr nach Dottendorf, um mit Frau Hasenkamp zu sprechen.
Im dritten Stock öffnete mir Tochter Johanna Hasenkamp die Wohnungstüre. Mit mildem Lächeln bat sie mich hinein. Ich hatte das Gefühl, dass sie mich wirklich willkommen hieß, über ihr Motiv war ich mir jedoch nicht im Klaren. Als wir das Wohnzimmer betraten, fiel mir auf, dass der Steinbock seinen Platz verlassen hatte. Ich schaute mich um. Auch auf den anderen Regalen entdeckte ich ihn nicht.
Johanna schob ihre Mutter am Ellenbogen sachte in das Wohnzimmer. Frau Hasenkamp hatte schwarze Ringe unter den Augen und ihr Blick war glasig. Ich erschrak über ihre Erscheinung. Ich erkannte, dass sie nach dem Tod ihres Mannes bestimmt keine Minute mehr nüchtern gewesen war.
"Mutter! Da ist noch mal der Herr von der Polizei! Komm, red' mit ihm! Er ist bestimmt keine Gefahr für dich!"
Keine Gefahr? Gab es eine andere Gefahr?
Wir setzten uns ins Wohnzimmer und Frau Hasenkamp fielen fast die Augen zu. Bestimmt war sie keine große Hilfe für mich. Johanna nickte kurz, verschwand aus dem Zimmer und schloss die Türe hinter sich. Ich sah in die gehetzten Augen von Frau Hasenkamp. Außer Alkohol und Schlafentzug vernebelten sicherlich beruhigende Medikamente ihren Geist.
"Ich möchte Sie nicht lange aufhalten, und es tut mir leid, dass ich so kurz nach dem tragischen Unfall ..." Als mich ihr wässriger Blick traf, wusste ich, nichts falscheres hätte ich sagen können.
"Ihre Anteilnahme ehrt Sie, aber bitte fassen Sie sich kurz, ich kann niemanden lange in meiner Nähe ertragen."
"Die Frage scheint Ihnen vielleicht ungewöhnlich, aber gestern hatte hier im Wohnzimmer ein Steinbock gestanden. Wo ist er hin?"
Frau Hasenkamps Blick wurde leer und rutschte in weite Ferne. "Ich kenne keinen Steinbock. Tut mir leid."
Ich befürchtete, sie würde jeden Moment einschlafen. Außerdem glaubte ich, dass sie die Wahrheit sprach. Ob es einen unbemerkten Einbruch gegeben hatte? War jemand in der Wohnung, als wir fort waren? Ein beklemmendes Gefühl beschlich mich.
"Was tat ihr Mann in der Freizeit? Hatte er Freunde, mit denen er in letzter Zeit viel zusammen war? Mehr als gewöhnlich?"
"Das kann man wohl sagen! Woher wissen Sie das?"
"Mit wem hatte er sich getroffen?"
Frau Hasenkamp sank in das Sofa und ich befürchtete, sie könnte meine Befragung nicht durchhalten und einschlafen.
"Beim Joe war er oft. Da haben sie sich getroffen, im Apartment, beim ... " Frau Hasenkamps Augen vielen zu.
"Joe? Können sie mir sagen, wie er weiter heißt?"
"Nein, der heißt Joe. Er war oft dort."
"Können Sie mir sagen, was die Herren dort gemacht haben? War es eine Loge? Oder ein Kult, den sie betrieben hatte?"
Frau Hasenkamp schien meine Worte nicht mehr zu hören. Ich beugte mich zu ihr und rüttelte an ihrem Bein.
"Hallo?", versuchte ich sie wieder zu wecken.
Ich wusste, dass es keinen Sinn hatte. Was hatte ich in der Hand? Der Steinbock. Es konnte kein Zufall sein. Hasenkamp hatte – wie Federschmidt – in letzter Zeit mehr mit seinen Freunden zu tun. Irgendetwas verband die beiden Männer.
Ich entschloss mich, die Wohnung leise zu verlassen, stand auf und schlich in den Flur. Wie ein Geist stand Johanna lächelnd vor mir.
"Oh, ich habe Sie gar nicht kommen hören!", entfuhr es mir.
"Tut mir leid. Wollen Sie jetzt gehen?"
"Ja, das ist das Beste, passen Sie gut auf ihre Mutter auf!"
Johanna schaute mich mit ihren großen Augen an und sagte leise: "Sie müssen entschuldigen, der Tod meines Vaters hat uns alle mitgenommen, sie verkraftet es nicht!"
Ich nickte voller Verständnis, doch als ich die Frau auf der Couch liegen sah, beschlich mich ein ungutes Gefühl. In Frau Hasenkamp schwang eine andere Aura mit, die ich nicht zu fassen bekam, etwas unter dem Schmerz. Johanna öffnete mir die Türe und ich trat ins Treppenhaus.
Plötzlich wusste ich was Frau Hasenkamp trieb. Ich drehte mich zu Johanna zurück und fragte in ihr lächelndes Gesicht: "Kann es sein, dass Ihre Mutter Angst hat?"
Johanna schaut mich unverändert an und hielt meinem Blick stand. "Nein", sagte sie. "Sie hat keine Angst ..."
Ich nickte und wollte die Treppe hinabsteigen, da merkte ich, dass Johanna ihren Satz noch nicht vollendet hatte.
"... sie hat Panik!"
Eine Gänsehaut kroch meinen Rücken hinab ...
Am Freitag kam ich unverhofft früh aus dem Präsidium heraus und ins freie Wochenende hinein. Ich wusste, dass ich diese Zeit nutzen musste, um weiter an meinem Fall zu arbeiten. Als nächstes wollte ich den Petersberg inspizieren – bei Tageslicht. Der Schnee war weitestgehend getaut und vielleicht würde sich der Berg in neuem Licht präsentieren.
Ich ging am Hotel vorbei Richtung Rheinterrasse und erwartet den Ausblick über das Rheintal, doch mein Blick wurde abgelenkt. Am rechten Rand des Aussichtspunktes, dort wo ich eigentlich den Wald erwartet hatte, entdeckte ich einige Hügel Erde. Ich näherte mich den Hügeln und wollte mir die Baustelle ansehen. Die Erdbewegungen waren schon älter, und die Hügel bereits mit Gras bewachsen. Schon in den Achtzigern hatte man historische Funde gemacht. Restaurierte Fundamente der mittelalterlichen Kirche lagen hinter mir. Wahrscheinlich waren hier noch andere Ausgrabungen jüngst vorgenommen worden.
Ein Mann in Gummistiefeln näherte sich und fixierte mich mit argwöhnischem Blick.
"Was suchen Sie hier?", eröffnete er angriffslustig.
"Ich wollte mich hier umsehen", antwortete ich vorsichtig.
"Die Baustelle gehört nicht zu den Sehenswürdigkeiten. Gehen Sie auf den Drachenfels, wie die anderen Touristen auch."
"Ja, gute Idee, mach ich heute Abend", beruhigte ich ihn. "Sagen Sie mal, ist das hier eine Ausgrabungsstelle?"
Der Mann, Anfang Vierzig, musterte mich. "Was wollen Sie das denn wissen? Sind Sie vom Amt?"
"Nun, fast", gab ich mich zu erkennen. "Ich komme von der Polizei und untersuche einen Fall!"
Der Blick des Gärtners hellte auf. "Der Mann, der hier vergangene Woche erfroren ist? War das Mord? Wissen sie schon was?"
"Nein. Ich wollte mir nur bei Tageslicht den Ort anschauen."
"War es einer vom Hotel? Es gibt hier Leute, kann ich Ihnen sagen! In der Küche, da gibt es Halunken! Oder die von der Verwaltung, da fallen mir gleich ein paar ein ..."
"Sagen Sie mal, bevor Sie mir Ihre Verdächtigen vorstellen, hatte man hier nicht Teile von einem alten Kloster ausgegraben?", lenkte ich das Gespräch zurück auf die Baustelle.
"Ja, das ist schon lang her. Man hatte hier Siedlungen gefunden von vor 3000 Jahren. Später war hier auch ein Kloster, war den Herrschaften aber zu ungemütlich, dann sind sie runter gezogen, wo jetzt das Kloster Heisterbach ist."
Ich nickte. Die Geschichte des Petersberges war mir grob bekannt.
"Die Überreste des Klosters hat man vorne beim Hotel gefunden. Hier die Sache war etwas ganz anderes."
Ich schaute den Mann verwundert an. "Ach, und was lag hier?"
Der Mann blickte mich herausfordernd an. "Jetzt sagen Sie doch erst mal, ob es einer vom Hotel war. Werden Sie einen festnehmen?"
"Nein", sagte ich kurzangebunden. "Was hat man hier ausgegraben?"
Der Mann schaute pikiert an seinen Gummistiefeln hinab. "Nichts besonderes", sagte er enttäuscht. "Irgend eine Höhle." Er machte Anstalten sich herumzudrehen. Ich ärgerte mich über diese Zicke.
"Man gräbt doch nicht einfach an einer Höhle. Höhlen gibt es hier zur Genüge. Was hat man im Innern gefunden? Sie sitzen doch an der Quelle und bekommen alles mit. Sie sind bestimmt die erste Adresse, an die ich mich wenden kann, was den Petersberg betrifft!"
Der Honig, den ich um seinen Mund geschmiert hatte, zeigte Wirkung. Der Gärtner lächelte verschmitzt.
"Das stimmt! Wenn hier einer weiß, wo der Hase lang läuft, dann ich!"
Der Gärtner schaute mich verschwörerisch an. "Die haben einen alten Kult ausgegraben. Hier gab es das Kloster, aber vorher hatten hier die Kelten ihre Kultstätte gehabt! Seit Jahrtausenden war dies das Zentrum."
"Aber das ist doch kein Geheimnis. Das ganze Siebengebirge ist voll damit."
Der Mann ließ sich in seiner Euphorie nicht bremsen. "Sie wissen nicht, was ich weiß! Dies ist ein Kult, wie wir ihn im Siebengebirge nicht kennen! Wissenschaftler fanden heraus, dass dieser Kult mit der Christianisierung nicht verschwand!"
"Aber viele Kulte lebten lange nebeneinander!"
"Schon, aber dieser Kult ist noch vor 300 Jahren aktiv gewesen, erst dann wurden die Mitglieder entdeckt und hingerichtet. Warum, blieb ungeklärt!"
Was hatte dieser Kult mit unserer heutigen Zeit zu tun? Wurde der Kult fortgesetzt? Wenn ja, wo steckten sie jetzt?
"Weiß man, wie sich diese Loge nannte? Oder wo sie ihren Stützpunkt hatten?", fragte ich meinen Informanten.
"Es gibt eine Menge Logen hier in der Gegend, aber ob sich eine davon auf diesen Kult bezieht? Keine Ahnung."
Ich bedankte mich bei dem Herrn und ging wieder zu meinem Wagen. Hatte diese Höhle etwas mit den Morden zu tun? Ich kramte meinen Schlüssel aus der Hosentasche, als ich noch einmal den Mann hörte.
"Wissen Sie, was wirklich seltsam an der Höhle war?", rief er mir nach.
Ich drehte mich noch mal um.
"Man hat im Innern etwa 200 verweste Steinbockschädel gefunden ..."
Hinter dem Mann ging die Sonne unter, sie glitzerte in dem Wald, der hier schon stand, bevor es Menschen gab.
Montagmorgen artete für mich in Spießrutenlaufen aus. Jochen und Beate hatten sich bereits in Deckung begeben, als hätte ich eine Splitterbombe dabei. Ich nahm mir einen Becher Kaffee und setzte mich an meinen Schreibtisch. Dann sprang die Türe auf und unser Chef positionierte sich in der Mitte des Zimmers zwischen den Schreibtischen. Ohne einleitende Worte eröffnete Landauer das Feuer – in meine Richtung.
"Das Petersberghotel hat mich angerufen und gefragt, ob Sie wirklich von der Polizei sind, da ihre Mitarbeiter bereits Aussagen bei uns gemacht haben. Man hat mich gebeten, die Leute nicht von der Arbeit abzuhalten, nur weil Sie Steinböcke im Siebengebirge suchen. Vielleicht sollten Sie Urlaub machen und sich in den Alpen richtige Steinböcke anschauen!"
"Ich wollte nicht nach Steinböcken suchen, mir kam ein Verdacht und ich hatte den Gärtner nur ganz kurz ..."
Landauer atmete tief ein und machte klar, dass er nicht wünschte, unterbrochen zu werden. Da wusste ich, dass mein Besuch auf dem Petersberg das kleinste Übel war.
"Außerdem will ich nicht, dass Sie in ihrer Freizeit Witwen auf die Nerven gehen und sie in ihrem Schmerz darauf hinweisen, dass es beim Tod des Ehemannes Ungereimtheiten gibt! Das hat mir die Tochter Hasenkamp völlig aufgelöst heute Morgen um halb sieben berichtet. Vor meinem ersten Kaffee, als sie wahrscheinlich noch in der Badewanne lagen!"
Das fand ich seltsam, denn ich hatte den Hasenkamps gegenüber nichts von Ungereimtheiten erwähnt. Aus taktischen Gründen hielt ich den Mund. Es konnte immerhin sein, dass Johanna es so verstanden hatte.
Landauer blähte sich auf. "Ich finde es außerordentlich, dass Sie sich bei Ihrem Engagement keinerlei Überstunden aufschreiben. Oder haben Sie durchaus verstanden, dass der Fall Hasenkamp als erledigt zu verstehen ist?"
Da konnte ich nicht widersprechen. Er hatte mich durchschaut. Meine Nachforschungen betrieb ich auf eigene Faust. Mit einem Ach das wusste ich nicht konnte ich mich nicht mehr herausreden. Ich hielt es immer noch für angebracht, zu schweigen und nickte nur. Ich hoffte, dass die Flut jetzt abebben würde und ich mich dem Tagesgeschäft widmen könnte, doch das Schlimmste hatte sich Landauer für den Schlussakt aufgehoben.
Er beugte sich zu mir herab und kam mir unangenehm nah. Mit beiden Fäusten stütze er sich auf die Schreibtischplatte und sein Blick war finster. Langsam holte er Luft als sei ich eine Kerze, die er ausblasen wollte. In Beates Augen lag Mitleid. Jochen versuchte sich unsichtbar zu machen und vergrub sich in einem Stapel Blätter. Dann begann Landauer zu sprechen.
"Die absolute Höhe erfuhr ich gestern Abend. Frau Federschmidt rief mich an, nach dem Sie ihre Wohnung verlassen hatten."
Schlagartig war die Peinlichkeit, die ich das Wochenende über verdrängt hatte, wieder präsent. Am liebsten wäre ich unter dem Linoleum verschwunden.
"Frau Federschmidt findet es nicht in Ordnung, wenn ein Polizeibeamter am fortgeschrittenen Abend nach ihren sexuellen Vorlieben fragt."
Jetzt blickte Jochen doch von seinem Schreibtisch auf. Diese Wendung des Anschisses erregte sein Interesse.
Landauers Stimme wurde schärfer. "Schon gar nicht, wenn die Frage auf außergewöhnliche Praktiken abzielt!"
Schlagartig richtete sich Landauer zur vollen Größe auf und seine Stimme wurde wuchtig. "Mein Gott, Zahed! Was fällt Ihnen ein, die arme Frau, deren Mann noch nicht kalt ist, zu fragen, ob sie immer gerne Fesselspiele mit ihrem Mann getrieben hatte? Oder ob es dafür eine Freundin gab? Diese Frau macht sich den Rest ihres Lebens vorwürfe, ob ihr Mann jemals glücklich bei ihr war!"
Die letzten Worte verhallten im Büro und niemand wagte zu atmen. In mir braute sich Wut zusammen. Landauer verteidigte bloß seine Fehlentscheidung, den Fall niederzulegen. Mir ein schlechtes Gewissen zu bereiten, war ein mieser Trick.
"So, jetzt hören Sie mal zu", begann ich. "Es ist sicherlich nicht korrekt gewesen, hinter dem Rücken der Abteilung weiter an dem Fall zu arbeiten, doch die beiden Leichen sind sicher ermordet worden. Ich bin extra in dieser Abteilung, um mysteriöse Fälle aufzuklären. Der Kern aller mysteriösen Fälle besteht nun mal darin, dass sie kein bekanntes Muster haben – sie sind eben mysteriös. Steinböcke bei Leichen, Fesselspuren, uralte Logen – das ist mysteriös! Und das müssen wir aufklären. Dafür werde ich bezahlt."
Landauer schaute wie versteinert.
"Ich bitten Sie, den Fall wieder aufzunehmen, im Interesse aller."
Er sollte das Gefühl haben, die Entscheidung alleine treffen zu können.
"Außerdem können Sie sich vorstellen, dass Frau Federschmidt den Rest ihres Lebens nicht mehr froh wird, wenn sie keine Gewissheit findet, ob ihr Mann ermordet wurde oder nicht."
Das hatte gesessen. Landauer drehte sich wortlos herum und verließ das Büro. Jochen grinste verstohlen und Beate streckte ihren Daumen empor. Ich atmete einmal tief durch und bereitete mich auf das Finale vor.
"Ich sage zehn Minuten", gab Beate ihre Wette ab.
"Ich sag acht", konterte Jochen.
Es dauerte eine Minute und die Türe flog wieder auf.
"Zahed, Sie übernehmen den Fall Federschmidt und Hasenkamp und ich sagen Ihnen eins: Ich will Ergebnisse und zwar bald. Und keine Peinlichkeiten. Wenn wir in der Express landen wegen Ihrem losen Mundwerk, mach ich Steinbockfutter aus Ihnen. Oder Sie bewachen in der Kommende die Fanum Voltumnae, die Ausstellung von dem Etruskischen Goldschatz, sie verhinderter Geisterjäger."
Dann verschwand Landauer zum letzten Mal.
"Ich hab gewonnen", sagte Jochen.
Beate ignorierte ihn.
"Da hast du aber Glück gehabt. Jeder andere wäre jetzt auf dem Weg zur Kommende und müsste Gold vergessener Etrusker bewachen."
"Blöde Ausstellungen ... Mörder statt Etrusker", besann ich mich auf meine eigentliche Aufgabe.
Am Abend war ich hin und her gerissen. Ich müsste himmelhoch jauchzen, denn ich hatte Landauer bewegt, den Fall wieder aufzunehmen. Aber etwas bedrückte mich stärker, als ich am Nachmittag bereit war, vor mir selbst zuzugeben: Ich hatte keine Ahnung, wie ich weiter verfahren sollte. Die beiden Witwen hatte ich bereits befragt und den Petersberg besichtigt. Die einzige Möglichkeit wäre, diesen Joe zu finden, von dem mir Frau Hasenkamp berichtet hatte. Die Männer hatten sich bei ihm getroffen. Wie mochte der Mann richtig heißen? Johannes? Jonathan? Und der Nachname? Ich hatte zu wenige Informationen, um ihn zu finden.
In meinem Innern schlummerte die Hoffnung, dass ich durchaus eine Menge erfahren hatte, ohne in der Lage zu sein, die einzelnen Puzzleteile zusammenzusetzen. Ich musste dringend Distanz aufbauen. Also verordnete ich mir nicht dran denken und beschloss, in die Altstadt zu fahren, um mir ein Hefeweizen zu gönnen. Vielleicht im Pawlow.
Mit der 66 fuhr ich um viertel vor zehn von Oberkassel nach Bonn und stieg am Stadthaus aus. Von dort ging ich in die Altstadt und als ich die erste Kneipe sah, waren alle guten Vorsätze zerstört, nicht an den Fall zu denken. Vor Jahren hatte diese Kneipe Altstadt Tor geheißen. Sie hieß schon lange nicht mehr so. Als ich den Namen las, fielen mir Schuppen von den Augen und die Worte von Frau Hasenkamp ein.
Joey's Appartement stand dort. Das war also das Appartement, von dem mir Frau Hasenkamp kurz vor dem Delirium berichtete. Es gab gar keinen Kumpel Joe. Sie meinte diese Kneipe! Ich war peinlich berührt. Man zog doch weniger durch die Kneipen, als noch zu Ausbildungszeiten.
Schnellen Schrittes betrat ich diese Kneipe.
Es war Montag, gegen 22.00 Uhr und somit wenig los. An der Theke fielen mir vier Männer auf, die wohl nach der Arbeit ihr Feierabendbier tranken. Sie waren noch in ihre Blaumännern gekleidet. Ich sah, dass Hasenkamp gut in diese Szene passte. Ich gesellte mich neben die Gruppe und bestellte mir mein ersehntes Hefeweizen. Außer meinen Augen waren alle Sinnesorgane voll auf die Männer gerichtet. Ich wartete auf eine Gelegenheit, mich in das Gespräch zu mischen. Der Barkeeper rollte meine Flasche auf dem Tresen hin und her, um die Schaumkrone zu optimieren, da hörte ich den Mann direkt neben mir mit den Worten "... der alte Hasenkamp ja auch nicht, sag' ich dir."
Der rheinischen Mentalität folgend, nahm ich das Stichwort auf. "Tschuldigung, meinen Sie den Elektriker Hasenkamp? Der wollte bei mir in der Garage Strom legen, ist aber nicht gekommen. Haben Sie Kontakt zu ihm?"
Der Blaumann drehte sich zu mir um und sein finsterer Blick traf mich. Ich fragte mich, ob er für einen neuen Gesprächspartner noch nüchtern genug war.
"Hör mal, Kontakt ist gut. War mein Kollege, aber iss er jetzt nicht mehr."
"Hat er gekündigt?", gab ich mich naiv.
"Das Leben hat ihm gekündigt. Jetzt iss er tot."
"Ach?", erschrak ich halbherzig. "Herzinfarkt?"
Der Blaumann einen Barhocker weiter beugte sich zu uns.
"Herzinfarkt? Nein, mein Guter, den haben sie gegrillt. Zack, war er gar. Passiert schnell."
"Also ein Stromunfall?!"
"So kann man das nennen. Aber Unfall ist vielleicht schöngeredet."
"Hat man ihn umgebracht? Wollte einer erben?"
Bei dem Gerede über Fakten, die ich längst kannte, suchte ich verzweifelt einen Hebel, der mich weiterbringen würde. Hier war weder der Ort noch die Zeit, um Informationen zu erhalten. Dennoch waren die Jungs eine Goldader. Ich hatte Leute gefunden, von deren Existenz selbst die Ehefrauen nichts wussten. Wenn sich die Gruppe jetzt zerstreute, hatte ich nichts mehr von ihnen. Ich brauchte eine Möglichkeit, mit ihnen in Kontakt zu bleiben – heimlich natürlich. Dann fiel mir das Namensschild am Blaumann meines ersten Gesprächspartners auf. Ich versuchte angestrengt, seinen Namen zu erkennen, doch er hampelte derart herum oder lehnte sich mit verschränkten Armen an die Theke, so dass ich keinen längeren Blick erhaschen konnte.
Ich nippte an meinem Bier und spielte Desinteresse. Die Herrschaften unterhielten sich und zollten mir keine weitere Beachtung. Nach einer Viertelstunde kletterte der Mann zu meiner Rechten von seinem Barhocker. Sicher wollte er zu den Toiletten. Flink huschte ich ebenfalls in Richtung der sanitären Einrichtungen und verschwand vor ihm auf dem Herrenklo. Ich schaute mich blitzschnell um und heckte einen Plan aus. Der Herr im Blaumann betrat das Klo und verrichtet sein Geschäft. Ich gab vor, bereits fertig zu sein und begab mich zum Waschbecken. Der Blaumann gesellte sich zu mir und wusch seine Hände, während ich ausgiebig meine Hände abtrocknete. Ich starrte unterdessen in den Spiegel und versuchte trotz des schlechten Lichtes etwas auf dem Namensschild in Spiegelschrift zu erkennen. Kurz bevor sich der Mann wegdrehte, gelang es mir, Vor- und Zunamen zu entziffern.
Horst Bleichkönig.
Das war mein Mann! Er sollte mich zu dem Geheimnis führen. Ein Hochgefühl durchströmte mich.
"Das ist ein Sauwetter!", sagte ich locker.
Horst wischte seine Hände an der Hose ab.
"Da sagst du was! Aber ich sag immer, da wo Horst Bleichkönig ist, da scheint die Sonne!"
Mit diesen Worten ließ er mich stehen. Am liebsten hätte ich ihn getreten.
Am Dienstag fuhr ich als erstes meinem PC hoch, um die Personensuche zu bemühen, doch das System war wieder überlastet. Verzweifelt versuchte ich es erneut und mein ganzer PC blieb hängen. Selbst mit Steuerungs-Alt-Entfernen ließ er sich nicht zum Neustart überreden.
Ich hackte entnervt auf die Tastatur ein, als ich aus dem Augenwinkel Beate das Büro betreten sah. Sie beobachtete stumm meine Versuche. Als ich eine halbe Stunde später immer noch mit dem System kämpfte, meldete sie sich vorsichtig zu Wort.
"Sag mal, was willst du denn aus dem armen Ding rausprügeln?"
"Ich habe eine heiße Spur. Ich war nämlich gestern einen Trinken und habe Leute kennen gelernt, die wiederum den Hasenkamp kennen. Von einem kenn' ich den Namen und will wissen wo er wohnt. Kann doch nicht so schwer sein, vom System eine Auskunft zu bekommen."
Ich startete den PC nun zum fünften Mal und blickte auf den blauen Bildschirm mit weißer Schrift.
"Wie heißt er denn?", fragte Beate beiläufig.
"Horst Bleichkönig. Stand auf seinem Namensschild."
Beate wandt sich von meinem Kampf mit der Technik ab und kramte in der Schublade ihres Schreibtisches. Mein PC loggte sich erneut in das Netzwerk ein und gab mir die Fehlermeldung, dass kein Kontakt bestünde und ich mich an den Administrator wenden sollte.
"Endenich. Er wohnt in Endenich", vernahm ich plötzlich Beate.
"Woher weißt du das? Kommst du rein?", fragte ich ungläubig.
"Ich hab es analog versucht!", grinste sie mit einem Telefonbuch in der Hand.
Ich biss mir auf die Unterlippe und nahm ihr das Telefonbuch ab.
Endenich – mein neues Observationsgebiet.
Ich parkte meinen Wagen in einer kleinen Seitenstraße von Endenich und schlich zu der Adresse von Horst Bleichkönig, um sicher zu gehen, dass er wirklich hier wohnte. Es war kurz nach 15.00 Uhr und ich hoffte, dass er noch bei der Arbeit war und nicht mit mir vor seiner Haustüre zusammenstieß. Bestimmt würde er sich an unser Treffen gestern Abend erinnern und mich fragen, was ich hier vorhatte. Tatsächlich entdeckte ich seinen Namen auf einer der Klingeln.
Ich setzte mich auf eine Bank, hinter einer Telefonzelle. Von dort hatte ich das Haus gut im Blick und ausreichend Deckung. Doch in der nächsten halben Stunde kroch die Kälte unaufhaltsam in mich hinein. Ich sehnte dringend Horsts Erscheinen herbei.
Eine weitere halbe Stunde später erschien er und betrat das Haus. Ich hoffte, dass er bald wieder herauskäme und mich auf eine Fährte locken würde.
Meine Prüfung dauerte noch eine Stunde und ich glaubte, mich nie wieder bewegen könnte. Sicher müsste ich vorher aufgetaut werden.
Horst erschien und überquerte die Straße. Ich erhob mich und konnte meine Beine nicht spüren. Humpelnd nahm ich die Verfolgung auf und sah Horst in einen alten Opel Kadett steigen. Ich verfluchte, meinen Wagen aus Sicherheitsgründen so weit weg geparkt zu haben.
Horst startet seinen Wagen.
Ich musste erst wissen, welche Richtung er einschlagen würde und schaute ihm hinterher, wie er auf die Hauptstraße bog, Richtung Endenicher Ei.
Ich hechtete zu meinem Wagen und hoffte, dass die Ampelschaltung auf meiner Seite war. Dann würde ich ihn noch einholen können.
Konzentriert suchte ich nach dem Kadett im dichten Feierabendverkehr. Um ein Haar wäre ich an ihm vorbei Richtung Weststadt gefahren, doch im letzten Moment bemerkte ich ihn auf der Linksabbieger Spur zur Autobahnauffahrt. In gebührendem Abstand folgte ich ihm. Er fuhr über die Nordbrücke, dann auf die 525 Richtung Königswinter. Kurz bevor die Autobahn zur B 42 wurde, verließ er sie. Wir beide kurvten auf der Abfahrt um das Schlösschen Kommende herum und fuhren hinab Richtung Ramersdorf.
Er fuhr auf den ersten Parkplatz unter der Südbrücke, ich stellte meinen Wagen am Busbahnhof außer Sichtweite ab. Schleunigst rannte ich zurück zum Parkplatz. Dort stand einsam sein Wagen, weit und breit kein Mensch.
Ich fluchte. Stunden hatte ich in der Kälte gehockt, ausgerechnet hier verlor ich Horst. Ich hatte keinen Nerv, mich wieder Stunden auf die Lauer zu legen. Bestimmt verbrachte er die halbe Nacht mit seinen Kumpanen. Dann könnte ich ihn sicherlich nur noch nach Hause folgen.
So bitter es klang, aber er war mir entwischt.
Trotz der Schlappe hielt mich etwas in dieser Umgebung fest. In mir nagte das Gefühl, hier dem Geheimnis ganz nahe zu sein. Horst war hier hin gefahren. Was wollte er? Spazieren gehen? Im Leben nicht!
Meiner Intuition folgend, stieg ich die Oberkasseler-Straße zurück zur Autobahnauffahrt empor und ging ein Stück weiter hinauf bis zu dem Parkplatz am Waldrand. Ich überquerte ihn und ließ mich über die verwaisten Wege treiben, bis zum Dornheckensee. Ich wusste, dass ich hier Horst und seine Leute sicher nicht finden würde, trotzdem wollte ich etwas von der märchenhaften Stimmung aufnehmen und schlenderte weiter zum Blauen See. Ich traute meinen Augen nicht, als mir eine junge Frau entgegen kam, Johanna Hasenkamp.
"Schön Sie zu treffen!", log sie mich an, doch ich konnte ihr nicht böse sein.
"Es ist selten, so junge Leute alleine im Wald spazieren zu sehen, besonders bei diesem Nieselregen", wagte ich ihren Spaziergang anzuzweifeln.
"Nun, das sind alte Angewohnheiten. Mit meinem Vater bin ich oft hier gewesen."
Das glaubte ich ihr aufs Wort. Fragt sich, was er hier alles getrieben hatte.
"Was haben Sie hier gemacht?", versuchte ich einen weiteren Vorstoß.
Johanna traute sich nicht, mir in die Augen zu schauen. "Das kann ich Ihnen nicht sagen, das müssen Sie verstehen. Es ist für uns alle besser, wenn Sie nicht weiter fragen!"
"Warum?"
"Sie werden jeden bekommen! Das haben die schon bewiesen und Sie wissen es besser als ich – bitte, verschwinden Sie, solange Sie noch können. Sie gefährden uns beide mit ihrer Schnüffelei! Die sind so mächtig!"
"Es sind schon zwei Morde passiert! Wie viele sollen es noch werden? Ihr eigener Vater ist umgekommen und Sie schützen diese Halunken, wenn Sie schweigen! Wo ist ihr Versteck? In einer der Höhlen? Sagen Sie mir, was Sie wissen und uns wird nichts geschehen. Wir werden die Verantwortlichen finden und zur Rechenschaft ziehen!"
"Sie haben keine Ahnung. Es tut mir Leid, es so unverblümt zu sagen. Deren Macht ist größer, als Sie sich vorstellen können. Jeden, der zu viel quatscht, werden sie kriegen – also verschwinden Sie jetzt! Ich habe schon zu viel gesagt. Wenn Sie mich nicht auf dem Gewissen haben wollen, dann verschwinden Sie!"
"Vor wem haben Sie Angst? Wer steckt dahinter?"
