Liebe hat ein Gesicht - Michele Perry - E-Book

Liebe hat ein Gesicht E-Book

Michele Perry

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Beschreibung

Termiten zum Abendessen. Bomben im Hinterhof. Eine durch jahrzehntelange Kriege verwüstete Nation, die vor dem Kollaps steht. Kann eine einzelne Person hier wirklich einen Unterschied machen? Ohne linke Hüfte und linkes Bein geboren, ist es für Michele Perry „normal“, das Unmögliche zu erleben. Mit kaum mehr als dem Glauben an Gottes Verheißungen ging sie in den vom Krieg verwüsteten südlichen Sudan und tat, was alle für verrückt hielten: Sie eröffnete mitten im Gebiet der Guerillas ein Waisenhaus. Und dort erlebte sie Gottes Treue wie nie zuvor: Er zeigte ihr, wie sie ein Kind nach dem anderen lieben kann und wie er für alles sorgt, was gerade ansteht. Er führte sie in einen entspannten Lebensstil des Geliebtseins hinein, in dem alles möglich wird und Wunder zum Alltag gehören, ob es um seelische oder körperliche Krankheiten, mangelnde Ressourcen, Bedrohungen durch Kriminelle oder ihre eigenen Unzulänglichkeiten geht. Spannend und erzählbegabt berichtet Michele über ihre unvergesslichen Erlebnisse im Busch und faszinierend ehrlich nimmt sie uns auch auf ihre Lebensreise mit. Ihre Geschichten der Hoffnung und des übernatürlichen Wirkens Gottes mitten in einer kaputten und verletzten Welt berühren zutiefst.

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Seitenzahl: 312

Veröffentlichungsjahr: 2022

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MICHELLE PERRY

Liebe hat ein Gesicht

ABENTEUER MIT JESUS IM KRISENGEBIET DES SUDAN – AUF EINEM BEIN!

GLORYWORLD-MEDIEN

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. E-Book-Auflage 2022

Copyright © 2009 by Michele Perry

Originally published in English under the title „Love Has a Face“ by Chosen, a division of Baker Publishing Group, Grand Rapids, Michigan, 49516, U.S.A.

All rights reserved.

© der deutschen Ausgabe 2011 GloryWorld-Medien, Bruchsal, Germany, www.gloryworld.de

Alle Rechte vorbehalten

Bibelzitate sind der Elberfelder Bibel, Rev. Fassung von 1985, entnommen.

Das Buch folgt den Regeln der Deutschen Rechtschreibreform. Die Bibelzitate wurden diesen Rechtschreibregeln angepasst.

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung der Autorin

Übersetzung: rdeLektorat: Esther Middeler / Manfred MayerSatz: Manfred MayerUmschlaggestaltung: Kerstin & Karl Gerd Striepecke, www.vision-c.de

ISBN (epub): 978-3-95578-153-8

ISBN (Druck): 978-3-936322-53-8

 

 

Stimmen zum Buch

„Liebe hat ein Gesicht“ ist ein unglaubliches Buch. Da Michele bei ihrer Geburt das linke Hüftgelenk und das linke Bein fehlten, stand sie vor ihren ganz eigenen unüberwindlichen Hindernissen. Im Alter von dreizehn Jahren hatte sie schon 23 Operationen über sich ergehen lassen müssen. Mitten in diesen Schwierigkeiten kam Jesus persönlich zu Michele und berief sie, seine Liebe zu den „Geringsten von allen“ zu bringen.

Michele hat die Sicherheit Amerikas hinter sich gelassen und ist zur „einbeinigen“ Botschafterin der Liebe geworden – zuerst in den Slums von Indien und jetzt in den vom Krieg heimgesuchten Landstrichen des südlichen Sudans. Sie kümmert sich aus dem liebenden Herzen Jesu heraus um ein Kind nach dem anderen und verwandelt so einen der gefährlichsten Orte auf der Erde. Diese ebenso bewegende wie erstaunliche Geschichte wird auch Sie inspirieren, dort, wo Sie leben, dieser verändernden Liebe ein Gesicht zu geben. Man kann gar nicht zu hoch greifen, wenn man von Michele und ihrer Arbeit spricht. Sie müssen einfach dieses Buch lesen!

Wesley und Stacey CampbellRevivalNOW Ministries

Dies ist nicht das typische Missionsbuch, das uns ein schlechtes Gewissen macht, wir würden nicht genug für Jesus tun, oder das Mitleid für den Autor hervorrufen will. Hier geht es um ein echtes Lebensabenteuer, wie man Gott an einem sehr problematischen Ort nachfolgt und ihm dabei zusieht, wie er trotz unserer menschlichen Schwächen und trotz mangelnder Ressourcen seine Ziele erreicht. Das Buch hat mich in meiner eigenen Reise mit Jesus ermutigt, ihm dorthin zu folgen, wohin zu gehen er mich gebeten hat. Es hat mir außerdem eine Menge Vertrauen eingeflößt, dass da ein Vater ist, der so viel größer ist als mein begrenztes Wissen und meine Ressourcen.

Wayne Jacobsen

Autor von „Geliebt!“ und „Schrei der Wildgänse“

Michele Perrys Buch „Liebe hat ein Gesicht” erzählt die erstaunliche Geschichte ihrer Arbeit unter den Waisenkindern des Sudans inmitten einer vom Krieg geschundenen Bevölkerung – die inspirierende, herzbewegende, Glauben weckende Geschichte einer der Großen Gottes, die sich, statt angesichts der schweren angeborenen Defizite ihres eigenen Lebens bitter zu werden, zu einer Glaubensheldin unserer Zeit umformen ließ. Es geht darin nicht nur um die Arbeit, die Michele macht, sondern zwischen den Zeilen stößt man auch auf das Werk, das Gott in ihr tut, und man erkennt, wie stark diese beiden Dinge zusammenhängen. Ich ermutige jeden, „Liebe hat ein Gesicht“ zu lesen, denn dadurch werden Sie klarer denn je das eine Gesicht sehen können: Das Gesicht Jesu. Michele lebt, was sie glaubt, und schreibt über eines der wichtigsten Dinge, die der Herr auf dem Herzen hat. Ich schätze Michele und ihr Buch sehr und habe großen Respekt vor ihr.

Randy ClarkGründer und Leiter von „Global Awakening”

Empfehlen wir ein Buch, so empfehlen wir auch dessen Verfasser, was Charakter, Integrität und schriftstellerische Befähigung angeht. Aber ich möchte noch weitergehen. Was ich Ihnen hier empfehle, sind die ureigensten Fingerabdrücke Gottes in Micheles Leben und der Strom Gottes in ihr, auf ihr und durch sie. Michele ist eine bemerkenswert begabte Autorin. Sie hat sowohl eine klare als auch eine gewinnende Art, sich auszudrücken, und lässt die Geschichten, die sie erzählt, auf eine Weise lebendig werden, die einen als Leser nicht nur mitreißt, sondern auch an ihrem Leben selbst teilhaben lässt. Mehr noch, Michele selbst ist eine von der Hand Gottes geschriebene Geschichte: Sie ist von Gottes Licht erfüllt, pulsiert mit Gottes Liebe und strahlt Gottes Freude und Kraft aus. Ich empfehle Ihnen meine Freundin Michele, deren Herz auch Sie erobern wird, während Sie dieses Buch lesen.

Dr. Tom WymoreBerater für Hausgemeinden / einfache GemeindenThe International Church of the Foursquare Gospel

Es war mir Freude und Vorrecht, Michele all diese Jahre zu kennen und mitzuerleben, was Gott durch sie vollbracht hat. Wie soll ich sie Ihnen beschreiben? Sie verkörpert Liebe, Mut, Hingabe, Gehorsam, Opferbereitschaft – und all das in einem außergewöhnlichen Maß: Michele ist ein großartiges Beispiel dafür, wie Gott sich eines gewöhnlichen Menschen bedienen kann, um das Außergewöhnliche zu vollbringen. Ihr Leben kann uns alle inspirieren. Sie lässt nicht zu, dass Umstände ihr Schicksal bestimmen, sondern bleibt an Gott dran und macht sich seine Liebe so zu eigen, dass diese sie antreibt, sich über die Probleme, vor denen sie steht, emporzuschwingen. Das wiederum setzt Gottes Liebe, seine Gegenwart, seine Wunder, seine Heilung und seinen Segen über den Ärmsten und Notleidendsten der Gegend Afrikas frei, in der sie lebt. Wenn Sie Micheles Geschichte lesen, werden Sie sich ganz bestimmt he­rausgefordert sehen, eine solch enge Beziehung zu Gott zu suchen und seiner Liebe so viel Raum zu geben, dass auch die Menschen, denen Sie täglich begegnen, verändert werden. Wenn wir bereit sind zu lieben, wie er liebt, und ihm in allem, wozu er uns beruft, gehorchen, wird es nichts mehr geben, was Gott nicht durch uns tun könnte.

Mel TariAutor von „Wie ein Sturmwind“

Michele Perry äußert die stets aktuelle Bitte: „Zeige mir, wie man liebt.“ In „Liebe hat ein Gesicht“ erzählt sie, wie Gott diese Bitte in ihrem Leben ganz praktisch erhörte. Es sind Geschichten der Liebe, von denen jede Gottes große Liebe zu seinen Kindern verdeutlicht. Auf jeder Seite des Buches werden Sie Glauben, Hoffnung und Liebe finden. Danke, Michele, dass du uns an deiner Liebesgeschichte teilhaben lässt.

Beni JohnsonBethel Church, Redding, KalifornienAutorin von „Der glückliche Fürbitter“

Michele Perry hat in ihrem Leben und ihrem Buch die Botschaft der Erweckung eingefangen. Es ist die Botschaft der Liebe, die Botschaft des Herzens Jesu. Mein Gebet ist, dass sich beim Lesen dieses Buches Ihr Herz weitet und Sie so tief in Jesus versinken, dass Ihre Augen aufgehen und Sie ihn in den Verlorenen und Gebrochenen sehen.

Aus dem Vorwort von Heidi Baker, PhDGründungsdirektorin von Iris Ministries Inc.

Michele ist eine sehr tapfere Frau, die immer wieder ihr Leben aufs Spiel setzt, um den Verzweifelten und Notleidenden im südlichen Sudan Gottes Liebe und Kraft zu bringen. Möge der Herr uns viel mehr von ihrer Sorte schenken! Ihre Mission fordert mich bis ins Mark heraus.

John ArnottPräsident von Catch the Fire

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Den Kindern des Sudansund all denen, die es wagen,sich auf den unbefestigten Weg zu begeben,der mitten in Gottes Herz hineinführt.

 

 

 

 

 

 

 

Inhalt

Vorwort

Dank

1. Der Weg nach unten

2. Liebe hat ein Gesicht

3. Die unbefestigte Straße

4. Schlösser im Dreck

5. Augen, um zu sehen

6. Wunder im Schlamm

7. Nach Hause finden

8. Ein „kopfstehendes“ Reich

9. Einfach nur atmen

10. Am Ende der Landkarte

 

Vorwort

Immer wieder werden mir folgende Fragen gestellt: Worin besteht der Schlüssel zur Erweckung? Was hat Sie fähig gemacht, in einem der ärmsten Länder der Erde innerhalb von nur wenigen Jahren Tausende von Gemeinden zu gründen? Welche Gemeindegründungsstrategie verfolgen Sie auf fünf, zehn oder zwanzig Jahre hinaus?

Meine Antwort ist schlicht und immer dieselbe. Wir sind erstens berufen, Gott von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller Kraft zu lieben. Und zweitens sind wir berufen, genauso auch unseren Nächsten zu lieben. Dieser Plan ändert sich niemals. Auch die Strategie bleibt dieselbe. Ein solcher „Erfolg“ kann nur aus einer extrem starken Verbundenheit mit Gott erwachsen.

Erweckung hat meiner Meinung nach ein Gesicht. Man kann sie erkennen. Sie sieht nach Liebe aus. Tag für Tag stehenzubleiben, um demjenigen, der dir begegnet, in die Augen zu schauen – so sieht sie aus. Du musst den Einzelnen sehen. Kannst du den Einzelnen nicht sehen, wirst du nicht mit den Massen umzugehen wissen. Siehst du den Einzelnen, so weißt du, was Leid ist, denn du wirst das eine Kind sehen, das unter einer Brücke liegt und stirbt. Du siehst das eine Baby, das Aids hat. Du siehst die eine Witwe, die einsam unter einem Baum vor sich hin vegetiert. Erweckung hat damit zu tun, diesen Menschen in die Augen zu schauen und zu erkennen, dass Jesus dich durch diese Augen ansieht.

Diese Botschaft der Erweckung hat Michele Perry in ihrem Leben und ihrem Buch eingefangen. Es ist die Botschaft der Liebe, die Botschaft des Herzens Jesu.

Seit vielen Jahren habe ich immer wieder Visionen von einer radikalen Armee kompromisslos Liebender – einer ganzen Generation solcher, die so von Leidenschaft und inniger Liebe zu Jesus erfüllt sind, dass sie furchtlos in die Dunkelheit hineinstürmen, um die verlorene Braut heimzuholen. Michele ist eine Pionierin dieses neuen Menschenschlags von Liebenden, denen es ausschließlich darum geht, Jesus leidenschaftlich zu lieben. Sie sind von seiner Gegenwart so erfüllt, dass sie ohne Wenn und Aber alles tun, worum er sie bittet.

Beim Lesen dieses Buches sprangen mich viele meiner eigenen Worte an. Es steht außer Frage, dass Michele die ureigenste DNA und den Herzschlag von Iris Ministries in sich trägt. Ich empfinde es als ein Vorrecht und eine Ehre, dass Michele zu unserer Iris-Familie gehört.

Mein Gebet ist, dass sich beim Lesen dieses Buches Ihr Herz weitet und Sie so tief in Jesus versinken, dass Ihre Augen aufgehen und Sie ihn in den Verlorenen und Gebrochenen sehen. Ich bete, dass alles Komplizierte und alle Bedenken von Ihnen abfallen, damit Sie ungehindert sehen können und nicht länger ohne innezuhalten an dem einen Menschen vorbeigehen können, der Ihnen begegnet. Ich bete auch, dass, wenn Sie sich der unermesslichen, unaufhörlichen und unerschöpflichen Liebe Jesu hingeben, Sie von Leidenschaft und Mitgefühl beflügelt werden und Sie das Öl und den Wein des Heiligen Geistes über Ihrem Volk ausgießen.

 

Heidi Baker, PhD

Gründungsdirektorin von Iris Ministries Inc.

 

Dank

Danke an alle meine Brüder und Schwestern in Jesus, die mich auf dieser Reise in sein Herz hinein begleitet haben. Danke an diejenigen, die mit mir gelacht, geweint und ausgeharrt haben, die mitten in der Nacht daran geglaubt haben, dass der Morgen kommt. Danke an meine Freunde, die meine tiefsten Wünsche, kühnsten Träume und selbst die Sehnsüchte, die ich mir aus Angst gar nicht eingestehen mochte, zum Leben erweckt haben.

Mary-Pat und Bill, danke, dass ihr da seid und mir ein Zuhause gebt. Heidi und Rolland, danke für eure Liebe und dass ihr an uns glaubt und uns anspornt. Mama und Papa, danke, dass ihr ihr selbst seid und mir Flügel verliehen habt. Ich liebe euch! Mel, danke, dass du ein Auge auf mich hattest und mich ermutigt hast, den Weg zu wagen.

Danke an alle meine alten und neuen Freunde, die uns ihre Liebe erwiesen und für uns gebetet haben, und an diejenigen, von denen ich unterwegs lernen durfte: Tom, Mike und Chris, Deborah, Randy, Janet und Jimmy, Chris J., Hope, Sandi, Briskilla, Julie, Pamela und Tony, Steve, Brian und Candice, Denise, Georgian und Winnie, Jennie-Joy, Pam, Elizabeth, Lissa, Paul, Bill und Beni, Danny, Gordon, Darrel, Abe und Lil, Lesley-Anne, Charles und Anne, Katherine, Mark B., Felicity und Tony, Annalisa, Antoinette und ihre Familien.

Danke denjenigen, die gebetet, geholfen und dieses Buch Wirklichkeit haben werden lassen: Jane – diese Reise wäre ganz anders gelaufen, wenn es dich nicht gegeben hätte. Ich habe so viel von dir gelernt – danke! Claire – vielen Dank für die so notwendigen Kommas und die Ermutigung. All ihr Leute im Chosen-Verlag: Ihr seid Teil meiner Familie geworden, und es war mir eine Ehre und ein Vorrecht, so viele Kilometer und Seiten mit euch gemeinsam unterwegs zu sein.

Am meisten möchte ich aber meinem wunderbaren Jesus danken, der vor so langer Zeit mein Herz erobert hat und der Grund dafür ist, dass ich überhaupt eine Geschichte zu erzählen habe.

 

 

 

 

Baby Immanuel erinnert uns täglich daran, dass „Gott mit uns ist“

 

 

1 Der Weg nach unten

Ich wurde von deprimiert klingenden, gedämpft Kawkwa und Juba-Arabisch sprechenden Stimmen vor meinem Fenster geweckt. Es war noch nicht einmal sieben Uhr morgens.

Was war denn jetzt schon wieder los? Wir hatten erst vor ein paar Wochen geöffnet und jeder Tag schien mehr Herausforderungen als Lösungen mit sich zu bringen. In was hatte Gott mich hier nur reingebracht?

Ich schlüpfte in einen langen Rock und trat hinaus ins frühe Morgenlicht, um herauszufinden, wo das Problem lag. Mehrere unserer älteren Kinder starrten auf ein Loch in der Rückwand unseres gemieteten Gebäudes. Das Loch war zwar klein, zeigte aber deutlich, dass in der Nacht unsere Wand mit Kalaschnikows beschossen und etliche Backsteine herausgebrochen worden waren. Auch ein Viertel unseres rückwärtigen Bambuszaunes hatte Beine gekriegt und sich in die Nachbarschaft davongemacht. Einer unserer kleineren Jungs brachte mir Steine, die nach unseren Fenstern geworfen worden waren. Das war ja ein schöner Empfang!

Ich drehte mich um und sah auf unserem kleinen Hof die gut dreißig Leute stehen, die schon auf mich warteten. Die Gewehrschüsse hatten mich fast die ganze Nacht wachgehalten, und in den drei Stunden, die bis zum Morgengrauen übrig blieben, hatten mich dann unsere drei Kleinsten auf Trab gehalten. Ich hatte noch nicht einmal Zeit gehabt, mir das Gesicht zu waschen. Und dabei bin ich eher ein Morgenmuffel.

Was sollte ich tun? Sollte ich das nächste Flugzeug nehmen, zurück in die Staaten fliegen und mich hinter den Tresen einer Kaffeebar stellen, wie es mir kurz durch den Kopf schoss? Aber ich kam schnell auf andere Gedanken, da ich ein sanftes Ziehen an meinem Rock spürte.

„Mama, garhol.“ („Mama, mir tut der Hals weh.“) Ich sah in zwei tiefe dunkle Augen, die mich baten, für Besserung zu sorgen. Mein Leben in der Kaffeebarwürde warten müssen. Ein weiterer Tag der Mutterschaft im Sudan hatte begonnen.

Leben im Aquarium

Ich liebe mein Leben. Das ist wirklich so. Ich liebe es so sehr, dass ich Ihnen davon erzählen möchte. Lassen Sie mich damit anfangen, Sie zu grüßen, denn in der sudanesischen Kultur sind Grüße und Begrüßungen etwas sehr Wichtiges.

Herzlich willkommen! Ich heiße Sie willkommen, einen Blick auf das Leben hier zu werfen – auf seine Freuden und Herausforderungen, seinen Kummer und seine Siege. Willkommen an dem Ort, an dem ich wohne. Dieser Ort heißt Yei und befindet sich in einem entlegenen Buschgebiet des südlichen Sudans, nahe der Grenzen zur Demokratischen Republik Kongo und zu Uganda. Es ist der allerletzte Ort, an dem ich mir jemals hätte vorstellen können, mich selbst einmal wiederzufinden.

Im Grunde meines Herzens bin ich nämlich ein Mädchen aus der Stadt. Zelten und dergleichen habe ich von jeher gehasst und für Schmutz hatte ich nie allzu viel übrig. Ich mag Parfüm, Schminke und einen guten Kaffee. Ich liebe das Meer. Ich bin in Florida aufgewachsen, weshalb mir das Schwimmen in die Wiege gelegt ist. Von fließend Wasser und elektrischem Strom halte ich viel. Wie also kam es, dass ein kleines Stadt- und Strandmädchen aus Florida weitab von allen Küsten im afrikanischen Busch landete, wo es nichts von alledem gibt? Und wie kommt es, dass dieses Mädchen noch nie im Leben glücklicher war als dort? (Na schön, Parfüm, Wimperntusche und Kaffee habe ich mir hierher mitgenommen, das hilft ein bisschen.)

Weshalb kann ich an einem Ort glücklich sein, der so endlos weit weg ist von allem, was mir vertraut war? Um dies herauszufinden, lade ich Sie ein, sich noch ein wenig weiter in einen meiner Tage hineinzubegeben. Der eine Tag, den ich Ihnen angefangen habe zu schildern, brach mit Szenen an, wie sie sich während meiner ersten Monate im Sudan immer wieder abspielten.

Nachdem ich von dem erwähnten Empfangskomitee aufgeweckt worden war, warteten in den nächsten drei Stunden folgende Aufgaben auf mich: Herausfinden, ob wir noch genug Bohnen für das Mittagessen hatten, Hausarbeit erledigen, mich mit jedem der kleinen Grüppchen von Leuten treffen, die mich sprechen wollten. Bis ich schließlich dazu kam, meinen Kaffee zu trinken oder mir das Gesicht zu waschen, war es elf Uhr geworden.

Bald bemerkte ich einen schmächtigen Mann, der im Schatten neben unserem Haus kauerte und ein Nickerchen machte. Ich ging zu ihm hinüber und stellte mich vor. Er sah mit breitem, zahnlosem Grinsen zu mir hoch. Er sagte, er habe von den Schwierigkeiten gehört, die wir in der vergangenen Nacht gehabt hatten. Er fragte, ob es stimme, dass eingebrochen worden sei. (Ja, wir hatten bemerkt, dass hinter dem Bambuszaun ein paar Sachen fehlten, aber wir hatten niemandem etwas davon gesagt … hm. Und noch erstaunlicher war, dass der Mann genau wusste, worum es sich dabei im Einzelnen handelte.) Ob wir Interesse an seinen Diensten als Wächter hätten, fragte er dann.

Ich wusste nicht, ob ich lachen, weinen oder ihn rausschmeißen sollte. Die Polizei zu rufen kam mir erst gar nicht in den Sinn. Die gab es nämlich gar nicht. Unser Rätsel war gelöst. Der hellseherische Übeltäter saß vor mir und fragte nach Arbeit. Man könne ja nicht wissen, was noch alles geschehen und seine schützenden Dienste nötig machen werde, sagte er mir. Ich fühlte mich in die Mafiafilme der achtziger Jahre zurückversetzt.

Ich nahm den Lebenslauf des Mannes entgegen, bedankte mich bei ihm, dass er gekommen war, und sagte ihm, ich würde über sein Angebot beten. Wenn ich hier im Sudan sonst nichts lernte, dann doch wenigstens, nichts zu tun, ohne zuvor mit Gott darüber geredet zu haben, um herauszufinden, wie er die Sache sieht. Er hat schließlich immer recht und weiß viel mehr als ich.

Ich ging weiter und begrüßte die übrigen 26 Leute, die mich sprechen wollten. Alle waren sie gekommen, um mir Kinder zu übergeben. Diese Szene wiederholte sich drei Monate lang Tag für Tag. Drei Monate lang, einen Morgen nach dem anderen. Was tut man angesichts einer solchen Not?

Ich hörte mir an, was die Einzelnen mir zu sagen hatten:

„Meine Schwester ist gestorben und ich kann es mir nicht leisten, ihre Kinder bei mir aufzunehmen.“

„Mein Mann hat mich verlassen und mein neuer Mann will meine Kinder nicht haben.“

„Ich kann mir das Schulgeld nicht leisten. Ich hab’ nicht mal Geld für Essen.“

Jede dieser Geschichten war einzigartig und im Prinzip waren doch alle gleich. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Wie hätte es auch anders sein sollen? Ich war immer noch dabei zu lernen, wie man sich in der Landessprache anderen vorstellt. Meine Zweijährigen verfügten über einen größeren Wortschatz als ich. Vielleicht sollte ich besser diese darüber entscheiden lassen, wen wir bei uns aufnahmen? Und doch lernte ich, lernte mit Augen der Liebe zu sehen und den Menschen um mich herum Gottes Herz zu vermitteln.

Einer nach dem anderen redete und weinte ich mit jedem Menschen, den Gott zu uns geführt hatte, und hörte ihm zu. Ich wusste, sie waren nicht zufällig da. Vielleicht kann ich nicht all ihre Bedürfnisse stillen, dachte ich, aber ich kann ihnen immerhin so viel Würde verleihen, dass ich mir die Zeit nehme, ihnen zuzuhören und mit ihnen für die Dinge zu beten, die sie auf dem Herzen haben.

Schließlich hatte ich alle Geschichten angehört und ihnen meine Entscheidungen vorgelegt. Wir nahmen sieben weitere Kinder in unsere wachsende Warteliste auf. Zwei ließen wir sofort bei uns einziehen und fünf sollten unsere Schule besuchen, sobald der Unterricht begann.

Ich nahm meine Notizen und kehrte auf mein Zimmer zurück. Ich sah meine Arme an und wusste, dass das alles andere als natürliche Bräune war. Der sudanesische Staub hatte sich in meine schweißnasse Haut eingefressen. Zwei Babys hatten mich vollgepinkelt und es war noch nicht einmal Mittag. Ich hörte, dass Grüße ausgetauscht und mein Name erwähnt wurde; es mussten also immer noch mehr Menschen eintreffen. Ich nahm mir vor, mich an ihnen vorbeizudrücken, um rasch ein Bad nehmen zu können. Mit einer sauberen Missionarin zu reden war sicherlich besser als mit einer schmutzigen.

Keine Ahnung wie ich mir einbilden konnte, das würde funktionieren. Ich falle hier halt einfach ein bisschen aus dem Rahmen.

Ich nahm mir meinen Kübel und marschierte Richtung Waschraum. Zu spät – sie hatten mich schon gesehen. Es gab kein übernatürliches Eingreifen, das mich unsichtbar gemacht hätte. Also winkte ich ihnen grüßend zu, während ich weiterging. Hier ist es unhöflich, wenn man nicht auf irgendeine Weise grüßt.

Wäre ich eine Sudanesin gewesen, hätte mir niemand einen zweiten Blick zugeworfen. Aber ich bin nun einmal ziemlich weiß, und alle waren von meinem Anblick fasziniert. Überdies habe ich nur ein Bein und gehe mit Krücken, was meine weiße Gestalt nur umso faszinierender macht. Privatsphäre ist hier in der Tat ein relativer Begriff, und wenn ich im Sudan ein Bad nehme, weiß das die ganze Welt. Man lebt wie in einem Aquarium.

Mir kam der Gedanke, dass wir tatsächlich einen Wächter brauchten – nicht so sehr, um nächtliche Eindringlinge abzuwehren, sondern um die Leute irgendwo außerhalb unseres kleinen Anwesens warten zu lassen, damit ich ohne Publikum zum Waschraum gelangen und mich abduschen konnte. Jedes Mal, wenn ich in diesen ersten zwölf Wochen mein Zimmer verließ, stand auf dem kleinen Hofplatz, der meine Zimmertür vom Waschraum trennte, eine wartende Menschenmenge.

Bitte stellen Sie sich bei dem Wort „Waschraum“ nichts gar zu Ausgefallenes vor. Wir haben hier weder eine Badewanne noch warme Duschen. Wir verfügen noch nicht mal über fließendes Wasser. Die Waschräume hier sind nichts weiter als einfache Bauten aus Betonplatten mit Blechtüren, die schief in ihren rostigen Angeln hängen. Das Wasser verschwindet in einem notdürftigen Abfluss, wenn sich nicht gerade ein Hemd eines der Kinder darin verfängt. Seinen Wasserkübel muss man mitbringen, ferner einen Becher, mit dem man sich mit Wasser übergießt, sowie Seife und ein Handtuch.

Obendrein war das Gebäude, das wir anfangs gemietet hatten, eine ausgebombte, von Gewehrkugeln durchsiebte Ruine, die irgendwie die Kriegsjahre überstanden hatte. Unsere Fenster und Türen hatten Einschusslöcher, viele davon genau auf Augenhöhe, sofern man unter zehn Jahre alt oder unter 1,20 Meter groß war.

Als die unglaublich gewiefte Missionarin, die ich bin, brauchte ich nur fünf Monate, um zu begreifen, dass die Durchschüsse, die unsere Wände zierten, von Maschinengewehrfeuer stammten. Bis dahin hatte ich einfach gedacht, es sei doch komisch, dass man hier Türen mit Löchern einbaute. War das eine kulturelle Innovation? Eine Maßnahme zur besseren Durchlüftung? Es mussten erst ein paar Besucher aus der westlichen Welt kommen, um mir die Augen für die Wahrheit zu öffnen.

Dann fiel mir auf, dass auch die Türen in unseren Waschräumen Einschusslöcher hatten. Ich konnte nur hoffen, dass niemand zu neugierig sein würde.

Ich nahm meinen Wasserkübel, hängte mein Handtuch über die Tür, um ein bisschen besser vor zudringlichen Blicken geschützt zu sein, und wusch mich, so rasch ich nur konnte. Erholsame Baderituale in der Freizeit waren ein Traum aus einem anderen Leben. Als ich wieder aus dem Waschraum herauskam, sah ich mich wartendem Publikum gegenüber. Alle klatschten und jubelten, als sie mich sahen. Ich hatte gar nicht gewusst, dass mein Erscheinen einem Gala-Auftritt gleichkam. Keine Ahnung, was ich jetzt machen sollte: Mich verbeugen? Eine Zugabe gewähren? Oder eine Tomate imitieren – jedenfalls der Farbe nach?

Die Glocke läutete – Mittagszeit. Ich brauchte gar nicht erst zu fragen, was auf dem Speisezettel stand. In jenen Tagen gab es Tag für Tag dasselbe: Bohnen und gekochten Maisbrei (pošo), zubereitet in großen Töpfen über einem Holzkohlefeuer. Zum Abendessen gab es meist das Gleiche nochmal, vielleicht mit kleinen Variationen.

Seitdem ich in Afrika angekommen war, hatte ich ohne Unterbrechung gut sechs Monate lang jeden Tag Bohnen gegessen. An diesem Tag konnte ich einfach keine Bohnen mehr essen und fand es eine gute Idee, aufs Mittagessen zu verzichten. Ich schlich mich durch den Seitenausgang aus dem Gebäude und durchs Seitentor aus unserem Anwesen, um meine E-Mails zu checken, ehe ich mich der wartenden Menge widmen wollte.

Was tust du eigentlich?

Fünf Minuten blieb ich sauber. Darin konnte man sich so richtig aalen, vor allem, weil wir Trockenzeit hatten und in dieser Gegend gerade heißeste Zeit des Jahres herrschte – die Zeit, in der viele Ausländer es vorziehen, die Stadt zu verlassen, um kühlere Klimazonen aufzusuchen. In Yei haben wir nicht den Wechsel von Sommer und Winter, heiß und kalt. Wir haben nur feucht und trocken, heiß und heißer. Während ich ging, rasten schwere, in Staubwolken gehüllte Laster an mir vorbei. Der Staub blieb an den Schweißbächen festkleben, die mir übers Gesicht liefen. So viel zum Thema „sauber“ – es war ganz nett, solange es anhielt.

Während der UN-Konvoi an mir vorbeifuhr und ich die aus rotem Dreck und Staub bestehende „Bergkette“ überquerte, die man mit einiger Großzügigkeit Straße nannte, tat sich in meinem Herzen die Frage auf: Jesus, wie sieht eigentlich ein Zuhause aus? Ist das wirklich ein aus Ziegeln gemauertes Gebäude, das genau einen Bombenabwurf vom Vergessen entfernt ist? Darüber hatte ich seit meiner Ankunft viel nachgedacht, war ich doch umgeben von den zerbombten Überresten einst großzügiger Bauten.

Worauf kommt es wirklich an, wenn deine ganze Welt in einer Sekunde auseinanderfliegen kann? Wie sieht Liebe aus für Menschen, deren Träume durch jahrzehntelange Kriegsgreuel zerrieben worden sind? Was bleibt dann noch, worauf man sich verlassen kann? Meine Gedanken waren auf Wanderschaft, während ich mir durch die Schluchten und Täler in der Straße einen Weg suchte.

Nach etwa fünfzehn Minuten entlang jener staubigen roten Straße gelangte ich zu dem umgebauten Schuppen, der meine Verbindung zur Außenwelt beherbergte. Dabei hätte ich eigentlich nur halb so lang brauchen sollen. Aber ich hatte es nicht eilig. Ich ließ mir Zeit, um die Umgebung in mich aufzunehmen. Immer noch kam es mir so vor, als blätterte ich in einem Foto-Reise­führer. Hier leben die Leute tatsächlich in Lehmhütten mit Schilfdächern. Das ist keine Trickaufnahme. Manchmal fühlte es sich surreal an.

Ich mag es, Dinge in mich aufzusaugen, und ich mag es, Menschen zu treffen. Ich sehe ihnen gern in die Augen und zeige ihnen, dass sie des Hinsehens wert sind und es verdient haben, dass man sich Zeit für sie nimmt. Jesus hat sich Zeit für mich genommen, also möchte ich mir Zeit für die Menschen nehmen. Während ich ging, kam eine kleine ältere Frau in einem gutgeschnittenen, mit Blumen bedruckten blauen Kleid auf mich zu. Den mit einem Tuch verhüllten Kopf hielt sie gebeugt, während sie auf der holprigen Straße dahinschlurfte. Als sie mich erreichte, blieb sie stehen. Ich hielt ebenfalls an und streckte ihr die Hand zum landesüblichen Gruß entgegen: Die rechte Hand ausgestreckt, die linke auf den rechten Unterarm gelegt, dazu eine leichte Verbeugung, mit der man demjenigen, den man trifft, Ehre erweist.

„Wie geht es Ihnen?“, fragte ich in meinem gebrochenen Arabisch.

„Ich bin krank“, antwortete sie, ein bisschen erschrocken angesichts der kleingewachsenen weißen Frau mit nur einem Bein und Krücken, die sie auf Arabisch ansprach.

„Was fehlt Ihnen denn?“, fragte ich.

Sie wies auf ihren Rücken und Bauch und sagte, sie habe „Fieber“. Ich fragte sie, ob ich für sie um Heilung beten dürfe. Das war wichtiger als meine wartenden E-Mails. Sie stimmte zu und ich sprach ein schlichtes Gebet.

Das Gebet war nicht lang. Es war nicht kompliziert. Es geschah in der Schlichtheit eines Kindes, das einen liebenden Vater oder eine liebende Mutter um Hilfe bittet. Die Frau schloss weder die Augen, noch beugte sie den Kopf. Sie starrte mich die ganze Zeit an, während ich betete. Woher ich das weiß? Ich starrte zurück. Gebet mit offenen Augen. Ihr Gesichtsausdruck blieb die ganze Zeit über gleich. Sie schien völlig unbeteiligt zu sein.

„Mama, wie fühlen Sie sich jetzt?“ fragte ich sie.

„Mir geht es gut“, sagte sie. „Der Schmerz ist verschwunden.“ Kein „Danke, Jesus“, keine Gefühlsäußerung, kein Anzeichen, dass sich für sie überhaupt etwas verändert hatte, außer dass sie jetzt nicht mehr schlurfte, sondern ganz normal weiterging. Wir zogen in entgegengesetzten Richtungen unserer Wege.

Was sollte das denn jetzt?, fragte ich mich. Die Antwort blieb aus.

In dem Schuppen angekommen, erlebte ich eine mehr als frustrierende Internet-Sitzung. Die Verbindungsgeschwindigkeit war jenseits von Gut und Böse. In zwei Stunden konnte ich gerade mal zwei Mails runterladen und zwei wegschicken. Ich schwitzte, hatte Durst, war müde, mit Staub bedeckt und absolut unfähig, auch nur einen Bruchteil der Arbeit zu erledigen, die auf mir lastete.

In meinem Posteingang fanden sich keine wundersamen Briefe. Niemand hatte 200 000 Dollar versprochen, um unseren aktuellen Bedarf zu decken. Niemand hatte uns das millionenteure Grundstück seiner Großmutter vererbt. Ja, es gab überhaupt nichts über irgendwelche eingegangenen Gelder zu lesen. Die Freude, auf dem Weg zum Schuppen eine Frau geheilt zu sehen, wurde ausgelöscht durch die drohend auftauchende Wirklichkeit von Budgets und Notwendigkeiten ohne irgendeinen sichtbaren Ansatz, sie erfüllen zu können.

Das alles lastete schwer auf mir. Und da waren ja noch mindestens zwanzig weitere Hilfe suchende Menschen, die auf meine Rückkehr warteten. Mein Herz war schwer. In der Nachmittagshitze ging ich nach Hause. Es war ungefähr drei Uhr.

Was machst du denn, lieber Jesus? Was machst du bloß? Bist du wirklich hier? Ich muss einfach wissen, dass du hier bist. Mein Gebet war lautlos, aber nicht ungehört.

Baby Ima

Bald hatte ich unseren vertrauten Bambuszaun wieder in Sicht und holte tief Luft, um den Menschen entgegenzutreten, die auf mich warteten. Zu meiner Überraschung hatte sich die Menge zum ersten Mal, seit wir zu Weihnachten unsere Türen geöffnet hatten, zerstreut. Nur ein einziger Besucher war übrig geblieben.

Es war ein hagerer Mann mittleren Alters. Seine Schultern wurden von einer unsichtbaren Last runtergedrückt. Er sah noch beschwerter aus, als ich mich fühlte. Ich ging zu ihm hinüber und stellte mich vor. Er sagte mir, seine Tochter sei vor wenigen Wochen im Kindbett verstorben. Sie hatte einen kleinen Sohn geboren. Da die Mutter nun nicht mehr da war, konnte seine Familie das Baby nicht ernähren.

Diese Geschichte hatte ich in diesen Breiten schon unzählige Male gehört. Manche sagen, der südliche Sudan sei die zweitteuerste Gegend auf der ganzen Welt. Ja, Sie haben richtig gelesen: An zweiter Stelle nach Tokio. In der südsudanesischen Hauptstadt Juba kann eine kleine abbruchreife Lehmhütte bis zu zweitausend US-Dollar im Monat kosten. Und einen Säugling mit Muttermilchersatz zu ernähren, kann gut über hundert Dollar monatlich kosten. Das Durchschnittseinkommen, sofern jemand das Glück hat, überhaupt eine Arbeit zu bekommen, beträgt gerade einmal die Hälfte davon.

Der Großvater erzählte mir, sie hätten dieses Baby, noch keine zwei Wochen alt, mit Maismehl und Wasser ernährt. Wohin das führte, lag auf der Hand. Würden wir diesen Kleinen nicht bei uns aufnehmen, würde er mit Sicherheit sterben. Ich sagte dem Mann, er solle mir das Baby bringen, damit ich es anschauen könne. Ich wusste, wie gefährlich das war. Es war mein allererstes Baby. Mir war klar, dass, sobald ich es gesehen hätte, es nicht wieder loslassen könnte, wie hoch die Kosten auch immer ausfallen mochten.

Als der Mann ging, um das Baby zu holen, fragte ich Gott: „Wie heißt dieses Baby?“ Die Antwort kam auf der Stelle: Er heißt Immanuel. Ich dachte, Gott wolle bildhaft zu mir reden und mich ermutigen, dass er mit uns war, bedeutet Immanuel doch „Gott mit uns“.

Kurze Zeit später kam der Mann mit einem kleinen Bündel im Arm zurück. Ich betrachtete die winzige Gestalt, die unter den vier Lagen Stoff, mit denen sie umwickelt war, fast völlig verschwand. Ich fragte, wie das Baby heiße. „Er heißt Immanuel“, sagte der Mann.

Ich traute meinen Ohren kaum. Gott, bist du wirklich hier?, hatte ich gefragt. Mein stilles Gebet war mittels eines Babys namens Immanuel erhört worden. Meine Augen füllten sich mit Tränen. Ehrfürchtig nahm ich ihn auf den Arm und blickte in das schlafende Gesicht der Antwort Gottes auf mein Gebet. So wurde Baby Ima zu unserem bis dahin kleinsten Familienmitglied.

Er war gebrechlich und kränklich, aber ein Kämpfer. Er überlebte all die unsicheren Bemühungen von jemand, der keine Ahnung von Babys hatte. Er bewältigte eine Maserninfektion ebenso wie eine Cholera-Epidemie. Er schaffte es durch sein erstes Jahr, in einer großen Familie aufzuwachsen. Inzwischen ist er ein ausgesprochen korpulentes Kleinkind. Jeden Tag wackelt er auf seinen stämmigen Beinchen durch die Gegend und erinnert uns mit seinem breiten Lächeln daran, dass Gott wirklich mit uns ist.

Die Botschaft, die er verkörperte, hatte ich an dem Tag, an dem er kam, bitter nötig. Ich war auf der anderen Seite des Planeten, weit weg von meinen Angehörigen und Freunden, inmitten einer völlig fremden Kultur. Es gab überhaupt nichts, was mir auch nur im Mindesten vertraut war. Direkt hinter unserem Grundstück ballerten Leute nachts mit Maschinengewehren herum. Unser Wasser kam aus einer Handpumpe, zu der wir nur mitten in der Nacht Zugang hatten.

Ich war ja nicht zu einem Erkundungseinsatz hierhergekommen. Ich unternahm auch keine Machbarkeitsstudie. Gott hatte gesagt: Geh. Also war ich gegangen. Ich wusste wirklich nicht viel von dem, was auf mich wartete. Und sobald ich vor Ort mittendrin war, hatte ich es nötig, daran erinnert zu werden, dass Gott wirklich wusste, wo Yei lag, auch wenn die meisten Menschen davon keine Ahnung hatten.

Also schickte Jesus uns Ima, um mich wissen zu lassen, dass er nicht vergessen hatte, wo wir lebten. Und dass er die Absicht hatte, hier bei uns zu sein.

Geröstete grüne Termiten

Zum Abendessen wartete jener Tag mit einer Überraschung auf.

Wenn die Trockenzeit sich dem Ende zuneigt, wird man in diesem Land von Schwärmen fliegender Ameisen heimgesucht. Termiten solchen Ausmaßes haben Sie bestimmt noch nicht gesehen. Abend für Abend umschwärmen sie die Laternen. Überall dringen sie ein. Eines Nachts erwachte eine Besucherin davon, dass sich der Boden ihres Schlafraums bewegte: Die Termiten waren unter der Tür in ihr Zimmer eingedrungen und hatten sich wie eine Decke über alles und jedes gelegt. Ich spreche hier nicht von drei oder vier Tieren, auch nicht von dreißig bis vierzig. Ich meine Insektenschwärme von biblischen Ausmaßen.

Als Stadtmädchen habe ich es nicht so mit Insekten, weder mit Spinnen noch mit Grillen, Ameisen, Wespen, Schaben oder fliegenden Termiten. Aber in dieser Jahreszeit kann man all diesen beim besten Willen nicht entfliehen. Und ich habe entdeckt, dass Termiten eine Delikatesse zum Abendessen darstellen. Der Süden der Vereinigten Staaten ist für seine gebratenen grünen Tomaten bekannt. Wir hier im Südsudan erfreuen uns unserer gebratenen grünen Termiten.

Ja, tatsächlich. Man brät, dünstet, kocht und backt sie in jeder Art von Gebräu – das wollen Sie gar nicht näher wissen. Und meine Kinder saßen alle auf ihren Stuhlkanten, um zu sehen, wie sudanesisch ihre kleine weiße Mama denn nun wirklich war.

Vage erinnerte ich mich daran, wie der Tisch an jenem Morgen von kleinen Insekten vollgelegen hatte, die im Sonnenschein trockneten, die Flügel mit aller Sorgfalt einzeln abgebrochen. Ehrlich, ich hatte gedacht, meine kleineren Jungs hätten einfach Langeweile gehabt. Davon, dass diese Insekten später auf meinem Abendbrotteller landen würden, hatte ich nichts geahnt.

Ringsum wurde es still. Ich spürte, wie sämtliche Blicke dem Teller folgten, der mir serviert wurde. Als der Deckel meines Tellers weggenommen wurde, fiel mein Blick auf die braunglitzernden, öldurchtränkten gebratenen Flügeldeckender Käfer, die nachts um unsere Häuser geschwirrt waren. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. In Erwartung meiner Reaktion hielten alle den Atem an.

In weniger als zehn Sekunden kam mir eine Million gesundheitlicher und hygienischer Einwände in den Sinn, warum ich das nicht essen konnte. „Wow!“, entfuhr es mir. Ich meine, was kann man angesichts von Käfern zum Abendessen schon anderes sagen? „Wow!“

Wenn du zur Termitenzeit im Sudan bist, dachte ich, dann iss Termiten. Vorsichtig nahm ich meinen Löffel und schob ein paar gebratene Stückchen darauf. Es ist nur Eiweiß, Perry! Du bist jetzt eine Sudanesin in Ausbildung. Es ist nur eine Kopfsache. Überwinde es! Zögernd schob ich mir den Löffel in den Mund und fing an, seinen knusprigen Inhalt zu zerkauen.

Es schmeckte etwas nach Butter und ein wenig salzig – nicht viel anders als angebranntes Popcorn. Gar nicht so schlecht. Den nächsten Löffel ging ich schon beherzter an. Hey, ich schaffe das! Ich sah meine Kinder an, hob den Daumen und lächelte. „Mmh, kweis, kweis!“ („sehr gut“).

Der Triumphschrei war wohl bis nach Khartum zu hören! Sie jubelten und jubelten. „Mama, jetzt bist du eine echte Sudanesin! Wenn du nur lange genug hierbleibst, wird deine Haut genauso hübsch und schwarz werden wie unsere.“ Daran zweifelte ich nicht. Aber aus anderen Gründen, als sie meinten.

Was braucht es, um sudanesisch zu sein? Es ist gar nicht so schwer, wie ich es mir vorgestellt hatte. Man braucht nur ein Herz, das lieben und lernen will, den Willen zur Ehrlichkeit und die Bereitschaft, Termiten zu probieren.

Kanister-Lobpreis

Es war ein langer Tag gewesen. Ich war gelinde gesagt müde. Aber auf keinen Fall wollte ich meinen Lieblingsteil des hiesigen täglichen Lebens verpassen. Und ich hatte soeben ein Abendessen bewältigt, bei dem selbst ein zäher Bursche gezögert hätte. Wenn das kein Grund zum Feiern war!

Abend für Abend schnappen sich unsere Kinder Wasserkanister aus Plastik, Topfdeckel und Bambusstöcke und hauen auf den Putz. Aus vollem Herzen singen und tanzen sie für Jesus. Vielleicht sollte man das Ganze besser als inszeniertes Chaos bezeichnen. Unsere hochbegabte Percussion-Combo zehn- bis zwölfjähriger Kinder bringt mit Trommelstöcken unter unserem kleinen Stück des afrikanischen Himmels den Rhythmus des Herzschlags Gottes zum Ausdruck. Das ist eine echte Familienunternehmung, bei der jeder mitmacht, vom Jüngsten bis zum Ältesten. Während die Lobpreisrhythmen die Nacht erfüllen, sind einige unserer Kinder am Singen, die meisten tanzen, aber alle nehmen sie an diesem Kanister-Lobpreis teil, um unseren König zu preisen.