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Wie kommt die Wahrheit über Gottes Liebe vom Kopf ins Herz? Thom Gardner geht ganz praktisch der Frage nach, was Gottes Liebe ausmacht und wie diese Liebe unser Leben immer mehr durchdringen kann. Seine Liebe hat die Kraft, alle Hindernisse zu überwinden, die Folge unserer Verletzungen aus Beziehungen und unseres begrenzten menschlichen Verstandes sind. Die „Wendepunkte“ am Ende eines jeden Kapitels leiten Sie dazu an, die Leidenschaft Gottes zu spüren, seine Gegenwart zu erleben und seine Herrlichkeit zu sehen. Sie werden immer tiefer erfassen, dass Gottes Liebe für Sie in der Tat „ohne Ende“ ist. Ein von Liebe und Gnade bestimmtes Leben wird Ihnen ermöglichen, auch anderen immer mehr in Liebe und Gnade zu begegnen – selbst denen, die Sie verletzt haben.
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Seitenzahl: 290
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Thom Gardner
Liebe ohne Ende
Eine Offenbarung von Gottes Leidenschaft, Gegenwart und Herrlichkeit
GloryWorld-Medien
Copyright © 2012 by Thom Gardner
Originally published in English under the title „Relentless Love – Unfolding God’s Passion, Presence, and Glory“ by Destiny Image, 167 Walnut Bottom Rd., Shippensburg PA 17257-0310, USA. All rights reserved.
1. E-Book-Auflage 2017
© der deutschen Ausgabe 2014 GloryWorld-Medien, Xanten, Germany, www.gloryworld.de
Alle Rechte vorbehalten
Bibelzitate sind, falls nicht anders gekennzeichnet, der Elberfelder Bibel, Revidierte Fassung von 1985, entnommen. Weitere Bibelübersetzungen:NGÜ: Neue Genfer Übersetzung, 2009SLT: Schlachter 2000LUT: Lutherbibel, Revidierte Fassung von 1984NLB: „Neues Leben. Die Bibelübersetzung“, Holzgerlingen, 2002NeÜ: Neue evangelistische Übersetzung © 2013 Karl-Heinz Vanheiden
Das Buch folgt den Regeln der Deutschen Rechtschreibreform. Die Bibelzitate wurden diesen Rechtschreibregeln angepasst.
Übersetzung: Marleen DegenLektorat/Satz: Manfred MayerUmschlaggestaltung: Oliver Berlin, Medellin (Kolumbien), www.oliverberlin.biz
ISBN (epub): 978-3-95578-193-4
ISBN (Druck): 978-3-936322-93-4
Prolog: Geknickte Rohre und glimmende Dochte
Teil I: Gnade: Die Leidenschaft Gottes
1 Eine unablässige Liebe
2 Die Einladung
3 Berufen, um verzehrt zu werden
4 Der Gnadenthron
5 Der Gnade zugewandt
Teil II: Gnade: Die gegenwärtige Liebe Gottes
6 Eine innige Liebe
7 Eine wiederherstellende Liebe
8 Eine gegenwärtige Liebe
9 Eine erlösende Liebe
10 Eine souveräne Liebe
11 Eine verwandelnde Liebe
12 Eine umarmende Liebe
13 Der Gott enger Situationen
14 Das Angesicht des Vaters berühren
Teil III Gnade: Die Herrlichkeit Gottes 163
15 Lass mich doch deine Herrlichkeit sehen!
16 Barmherzigkeit: Eine tragende Liebe
17 Gunst: Eine Liebe, die die sich herabneigt
18 Gnade: Das Gewicht der Herrlichkeit
19 Schnell: Eine treue Liebe
20 Eine Saat der Gnade
21 Die glanzvolle Finsternis
Siehe, mein Knecht, den ich erwählt habe, mein Geliebter, an dem meine Seele Wohlgefallen gefunden hat; ich werde meinen Geist auf ihn legen, und er wird den Nationen Recht verkünden. Er wird nicht streiten noch schreien, noch wird jemand seine Stimme auf den Straßen hören; ein geknicktes Rohr wird er nicht zerbrechen, und einen glimmenden Docht wird er nicht auslöschen, bis er das Recht hinausführe zum Sieg; und auf seinen Namen werden die Nationen hoffen (Mt 12,18-21).
Am Tisch eines Rechtsanwalts sitzen sich ein Mann und seine Frau erschöpft gegenüber. In ihren Gesichtern spiegelt sich leere Resignation, während sie die Trümmer ihrer unüberbrückbaren Differenzen unter sich aufteilen. Scheinbar gibt es keine Alternative mehr, keine weitere Möglichkeit, um ihren Bund aufrecht zu erhalten. Schuldbeladen und von enttäuschter Erwartungen niedergedrückt sinken sie in die Ledersessel. Sie sehen keinen Ausweg mehr und gleichen dem Mann, der hilflos am Teich Bethesda („Teich der Gnade“) lag und darauf wartete, dass ihn jemand zum Wasser trug. Sie haben keine Hilfe mehr gefunden, keinen Ort des Trostes. Die Last der Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit – je nach Perspektive – hat sie geknickt und fast erdrückt. Das Licht ist erloschen.
Wir sind umgeben von geknickten Rohren und glimmenden Dochten. Geknickte Rohre sind diejenigen, die zerquetscht und niedergetreten worden sind und fast vollständig am Boden liegen. Durch die Last der Kränkungen und ungelösten Konflikte sind sie wie betäubt; die vielen Wunden haben sie mürbe gemacht und bilden eine Kerbe, die kurz davor ist zu brechen. Vielleicht sind sie von ihrer eigenen Sünde niedergedrückt oder aber von dem zwanghaften Bedürfnis nach Gerechtigkeit gegenüber denen, die sich an ihnen versündigt haben. Wer auch immer schuld ist, die Bürde der Schuld tragen sie selbst.
Glimmende Dochte sind diejenigen, deren Lampen das Öl ausgegangen ist. Leben und Kraft sind aus ihnen herausgeflossen, ohne eine Möglichkeit, die Lampe wiederaufzufüllen. Glimmende Dochte sind diejenigen, deren Leben ausgelaugt ist und von deren Docht gerade noch ein letztes bisschen Rauch in die Luft entweicht. Das Öl ist das Licht und die Hoffnung, die sie in Bewegung halten, aber es ist ebenso wie ihr Leben aufgebraucht und ihre Kraft fast am Ende. Sie sind in großer Not, sie sind die Verwundeten und die Erschöpften; sie sind überall um uns herum – sie sind wir.
Es gibt eine Dimension der Kraft und der Frische, die vom Thron Gottes ausströmt und diejenigen ergreift, die hier auf der Erde, seinem Fußschemel, leben (vgl. Jes 66,1). Es gibt einen Wohlgeruch, der uns zum Tisch der Gnade1 Gottes zieht. Die Bibelstelle vom Anfang des Kapitels beschreibt das Auftreten des „Knechtes“ Gottes, des Messias: Jesus Christus. Diesen Knecht hat Gott mit seinem Geist und seinem Charakter ausgestattet. Es ist sein Charakter, der in der jetzigen Zeit hervorkommt. Im Leben derer, die Christus nachfolgen, beginnt eine neue Dimension und eine neue Zeit. Es ist eine Zeit, in der es mehr auf Charakter ankommt als auf Charisma, eine Zeit, in der wir den Verlorenen zum Wohlgeruch Christi werden (vgl. 2 Kor 2,15).
Wenn wir an dieser Zeit der Erneuerung teilhaben wollen, müssen wir zur Reife kommen, indem wir zum Haupt des Leibes emporwachsen und werden, was er ist. Geknickte Rohre begegnen uns in unserem persönlichen Leben und auch in unseren Beziehungen. Es können die sein, denen nicht vergeben wurde, und sogar auch die Unbußfertigen. Es sind diejenigen, die wir abgeschrieben haben und denen wir sogar Gottes grenzenlose Gnade absprechen. Jesus hat Menschen nie abgeschrieben; die „Gnadenbank“ hielt immer einen Kredit für sie bereit. Mehr noch, er scheute keine Mühen, um sie zu finden, sie zu berühren, sie an seinen Tisch zu bringen. Jesus, der gesalbte Knecht Gottes, war selbst sowohl das geknickte Rohr als auch der glimmende Docht. Übel zugerichtet von den ungerechten und grausamen Schlägen derer, die er so liebte, hing er an seinem Kreuz. Er war vollkommen und sündlos; mehr als jeder andere Mensch hatte er Gnade und Erbarmen verdient, obwohl er niemals danach schrie (vgl. Mt 12,19). Als Jesus im Garten Gethsemane sich selbst verleugnete, wurden heilendes Leben und Salbung aus ihm herausgepresst, wie aus den Oliven, die ihr Öl unter dem Gewicht dieser Presse2 freigaben. Indem sein Ich zerschlagen wurde, wurde das Herz Gottes für die Zerschlagenen und Müden freigesetzt. Er erkennt diejenigen, die zerschlagen worden sind, wie er es war; er leidet mit ihnen.
Der Charakter des Knechtes ist auch der Charakter der Barmherzigen, derjenigen, durch die die Welt das Herz Gottes sehen wird, „denn wie er ist, sind auch wir in dieser Welt“ (1 Joh 4,17b). Wir, die wir Anteil haben an seiner göttlichen Rettung, sind auch „Teilhaber der göttlichen Natur […], die [wir] dem Verderben, das durch die Begierde in der Welt ist, entflohen [sind]“ (2 Petr 1,4). Alles, was wir brauchen, ist uns in Christus geschenkt worden. Deshalb, und ohne ein Bedürfnis nach Rache oder bloßer Gerechtigkeit, sind wir frei, gnädig zu sein.
Wie der Knecht sind wir Kinder und Diener Gottes, die keinen eigenen Willen vorweisen und sich auf den verlassen, dem sie dienen. Das Wort, das mit Knecht oder Diener übersetzt wird, ist pais, was sowohl Diener als auch Kind bedeutet. Jesus war beides: Kind und Diener des Vaters. Auch wir können etwas „Süßes“ weitergeben, weil unserem Papa sozusagen der Süßigkeitenladen gehört. Wir teilen an jeden aus, der da ist. So wie der Knecht es war, sind auch wir von Gott geliebt und erwählt (vgl. Mt 12,18). Was sollten wir noch brauchen, das dem auch nur annähernd entspricht? Es ist der Ort vollkommener Sicherheit und Sinnhaftigkeit. Wir sind die Wonne unseres Vaters; diejenigen, an denen er sich ganz speziell erfreut, genauso wie es uns mit unseren eigenen Kindern geht. Wenn unser Vater uns liebt, wer kann uns dann wehtun oder uns bedrohen? Genauso wie Jesus es tat, sollen wir Gottes Herz der Gnade und Barmherzigkeit verkünden – selbst den Heiden, denen, die es nach unserem hochmütigen Urteil nicht verdient haben. Andererseits, wenn sie es verdient hätten, wäre es keine Gnade, nicht wahr? Wir sind es, die mit dem Geist dessen erfüllt sind, der seine Zuneigung zu uns und durch uns bekundet.
Was mögen die Zerschlagenen und Müden zur Zeit Jesu in seinen Augen gesehen haben, als er ihnen das Herz des Vaters nahebrachte? Was haben Huren und betrügerische Zolleintreiber wohl gefühlt, wenn er sich näherte? Haben sie Scham verspürt oder Hoffnung? Was sehen die Zerschlagenen und Erschöpften in unseren Augen? Was fühlen diejenigen, die dich verletzt haben – deren Narben du trägst –, wenn du dich ihnen näherst? Die vielleicht aufschlussreichste aller Fragen ist: Was fühlst du, wenn sich der Herr nähert? Was würdest du tun, wenn du dir vorstellst, dass er zu dir kommt? Würdest du vor Angst wegrennen oder dich vor Scham verstecken? Oder fühlst du dich eingeladen, in seine Arme zu laufen? Du weißt um das Werk am Kreuz, aber hast du es wirklich angenommen? Definiert es dich? Glaubst du es wirklich genug, um dich in die Arme des Vaters fallen zu lassen? Kannst du sozusagen den Duft seines Aftershaves riechen?
Es ist sein Name, auf den die Heiden hoffen. Sein Name ist die Essenz des Wesens und Herzens Gottes. Dieser Name ist Liebe, die sich in Gnade und Barmherzigkeit ausdrückt. Gnade ist die höchste Quelle der Hoffnung für all diejenigen, die zerschlagen und müde sind. Im Endeffekt wird uns nichts anderes Frieden bringen als der Name Gottes. Im Namen Gottes werden wir an einen Gnadentisch gebracht, nicht an einen Verhandlungstisch. Anhand seiner Gnade wird uns das Herz des Vaters offenbart und demonstriert. Ich gebe nicht vor, das Herz Gottes vollkommen zu kennen, aber ich kann sehen, wie es ist. Ich weiß, dass es von Gnade und Barmherzigkeit bestimmt ist; Gnade und Barmherzigkeit sind es, die Gott dazu bewegen, seine Liebe auszugießen und sich selbst für uns hinzugeben – für die geknickten Rohre und glimmenden Dochte.
Harre, Israel, auf den HERRN! Denn bei dem HERRN ist die Gnade … (Ps 130,7).
TEIL I
GNADE: DIE LEIDENSCHAFT GOTTES
1 Anmerkung des Hrsg.: Der Autor verwendet hier im Englischen den Begriff „mercy“, der sowohl mit Gnade als auch mit Barmherzigkeit übersetzt werden kann. Wir haben den Begriff hier meist mit „Gnade“ wiedergegeben. Gemeint ist im Wesentlichen Gottes barmherzige und tätige Liebe, die er uns aufgrund seiner Treue erweist, ohne dass wir sie verdient hätten (und weniger „Gnade“ im Sinne von Gunst, wie sie ein Herrscher seinen Untertanen erweisen kann).
2 Gethsam’ane (geth-sem’a-ni; Gr. aus dem Aram. „Ölpresse“). The New Unger’s Bible Dictionary (Chicago: Moody Press, 1988).
Eines Tages, als ich Zeit mit dem Herrn verbrachte, stellte ich ihm eine Frage: „Herr, wie sieht Gnade aus?“
Seine Antwort kam prompt und überraschte mich ein wenig. Die ersten Worte, die mir in den Sinn kamen, waren: „Gnade ist wie Geißblatt.“
„Wie bitte?! Geißblatt?“, fragte ich. Mit Geißblatt stehe ich nämlich seit mehr als 20 Jahren in einem erbitterten Kampf. Es ist in, durch und über die Zäune gewachsen, die wir um unser Haus gebaut haben, um unsere kleinen Mädchen von der Straße fernzuhalten.
Unsere „kleinen“ Mädchen sind nun erwachsen und haben eigene Kinder, aber die Ranken des Geißblattes wachsen unbeirrt weiter zu einer asymmetrischen Plage heran, die jedes Frühjahr mehr und mehr Gebiet erobert. Vergeblich haben wir versucht, ihrem alles vereinnahmenden Wachstum ein Ende zu setzen. Wir haben alles versucht, von Gift bis Zurückschneiden, aber nichts scheint zu funktionieren. Die „Mission“ des Geißblattes ist es, zu wachsen, und so wächst es weiter – unablässig und ohne Ende!
Das Problem am Geißblatt ist, dass es sich nicht an Dinge wie sorgfältig angelegte Zäune und Grenzen hält. Es kümmert sich nicht darum, „ob alles so ist, wie es sein soll“. Es wächst sogar außerhalb unserer akkuraten Hecken und Zäune in den Garten unseres Nachbarn hinein und verwischt somit jegliche anerkannten Grenzen. Woher sollen wir nun wissen, bis wohin wir den Rasen mähen müssen, wenn wir nicht sehen können, wo unser Grundstück endet? Wie sollen wir den gepflegten Zustand des Grundstücks erhalten, ohne dass eine vernünftige Ordnung vorherrscht? Es muss eindeutige und klare Grenzen geben!
Geißblatt wächst so gut, dass es die Umgebung, in der es Wurzeln schlägt, buchstäblich überwältigt; es überwuchert die gesamte andere Vegetation, selbst die Blumen und Sträucher, die wir pflanzen. Dieses wilde Verhalten kommt bei uns nicht gut an, weil wir Menschen nicht gern die Kontrolle über etwas verlieren. Zielstrebig verbringen wir unsere Zeit mit dem Versuch, alles hübsch und ordentlich zu machen, indem wir unser Gemüse und unsere Blumen in sauberen kleinen Reihen anpflanzen. Das Geißblatt hingegen wächst wild daher, anscheinend außer Kontrolle; es überholt alle Konkurrenten und stellt sie in den Schatten, wie in dem zweitklassigen Science-Fiktion-Film „Die Ranke, die nicht sterben wollte“ aus den 1950er Jahren.
In seiner Antwort auf meine Frage wollte der Herr mir etwas über das Wesen der Gnade verdeutlichen, indem er sie mit dem Geißblatt verglich. Er wusste, dass mir meine Erfahrung mit diesem Rankengewächs ermöglichen würde, ihn zu verstehen. Letztendlich sagte er, dass Gnade – genau wie das Geißblatt – unnachgiebig wächst, um jegliche Art von Hindernissen zu überwinden, die Folge unserer menschlichen Beziehungen und unseres beschränkten menschlichen Verstandes sind. Gnade übermannt unsere Herzen, so wie die Ranken meine Zäune überwuchern. Hat die Gnade erst einmal Fuß gefasst und ihre wohlriechenden Ranken um unser Herz und unseren Verstand gewunden, gibt es kein Argument mehr gegen sie und jegliche Versuche des Widerstandes sind vergebens.
Als Jesus auf der Erde wandelte, war er die Gnade in Person. Sein Leben und sein Dienst waren dem Geißblatt, das an unserem Zaun wächst, sehr ähnlich. In seiner großen Gnade und Liebe für die Menschheit sagte er ständig scheinbar unrealistische und skandalöse Dinge, um den Menschen die Wahrheit zu offenbaren. Zum Beispiel sagte er:
… Liebt eure Feinde … Wenn euch jemand das Leben schwermacht, antwortet mit Gebet, denn dann lebt ihr aus eurem wahren, von Gott gegebenen Selbst heraus … Kurzum: Werdet erwachsen. Ihr seid Bürger des Königreiches, also lebt auch entsprechend. Lebt eure von Gott geschaffene Identität aus. Seid anderen gegenüber großzügig und gnädig, wie es auch Gott euch gegenüber ist (Mt 5,44-45.48, übersetzt aus „The Message“).
Wie die kräftigen und allgegenwärtigen Ranken des Geißblattes wickelt sich auch die Gnade um die Schmerzen und Wunden, die unsere Einstellung Gott und einander gegenüber bestimmen und beeinflussen. Ach, wenn das Geißblatt der Gnade sich doch nur um das Paar, das an dem polierten Hartholztisch eines Anwaltes sitzt und die Trümmer seiner „unüberbrückbaren Differenzen“ unter sich aufteilt, winden und es wieder zusammenbringen könnte. Ach, wenn es doch nur den Hass und das Misstrauen bezwingen könnte, die uns dazu bringen, auf die andere Straßenseite überzuwechseln, wenn wir jemanden sehen, der uns in der Vergangenheit verletzt hat; eine solche Gnade würde uns das Vergehen vergessen lassen. Ach, wenn wir die Menschen doch nur so sehen könnten, wie Gott sie sieht; dann wären unsere Herzen von einer tiefen Barmherzigkeit für sie bewegt. Das ist die Frucht der Gnadenranke. Denken wir zu unrealistisch oder idealistisch, wenn wir glauben, dass die Liebe tatsächlich viele Sünden zudeckt (vgl. 1 Petr 4,8)? Die Antwort ist nein. Ich behaupte, dass es vernünftig ist, an Gottes unermüdliche Liebe und Gnade zu glauben, da dies unsere einzige Hoffnung auf Heilung für jegliche Art von Beziehungen ist – sowohl zwischen Gott und Mensch als auch von Mensch zu Mensch.
Gottes unablässige Liebe und Gnade bezwingen genau wie die Ranken des Geißblattes immer wieder meine Ichbezogenheit und meine persönlichen Rechte, um mir inmitten der schwierigsten Umstände und Konflikte das Herz Gottes aufzuzeigen. Es ist Gnade, die dem unvernünftigen, wilden Geißblatt gleich, über das Geländer des Himmels hinauswächst, um die Menschheit zu erreichen. Indem sie dies tut, verdrängt sie jegliche Art von Wunden, die Verrat und Ungerechtigkeit geschlagen haben, zusammen mit all den anderen Dingen, die auf uns einströmen und um die Aufmerksamkeit unseres Herzens und um unsere Zuneigung buhlen. Das Geißblatt der Gnade muss daher in meinem Leben weiterwachsen und an die Stelle meiner kläglichen und kümmerlichen Liebesversuche treten.
Während ich mit ihm redete, erinnerte mich der Herr daran, dass das Geißblatt – vorausgesetzt ich erlaube ihm, meinen Garten zu erobern – auch einen konkurrenzlos lieblichen Duft verströmt. Jedes Frühjahr grüßt uns dieser Wohlgeruch und erinnert uns an neues Leben und neue Hoffnung. Ziel dieses Buches ist es, Gottes unerklärliche und wohlriechende Liebe zu offenbaren, die so verschwenderisch in seiner Gnade zum Ausdruck kommt. Ich nenne sie „Gottes Geißblatt-Liebe“. Und von dieser wunderbaren Liebe und Gnade sagt Gott: „Lass sie wachsen!“ Er will, dass sie die Zaunreihen und die feinsäuberlich gepflegten Grenzen unserer rationalen, kontrollierten Liebe überwindet. Gottes Gnade ist der Nektar des Himmels, und wenn sie sich um uns herumwickelt, werden wir zum „Wohlgeruch Christi“ (2 Kor 2,15). Dieses Buch offenbart, dass Gnade die Leidenschaft, die Gegenwart und die Herrlichkeit Gottes ist.
„Doch sprach der Herr: Siehe, es ist ein Ort bei mir …“ (2 Mose 33,21 SLT). Wir können uns gedanklich und in unserem Herzen einen Ort einrichten, der für das Gespräch mit dem Herrn reserviert ist. Es ist ein Ort der Begegnung: ein Ort, an dem wir uns sicher fühlen und an dem der Herr durch Worte, Bilder, Bibelstellen, Gedanken und zahllose weitere Wege zu uns spricht. Im Verlauf dieses Buches solltest du am Ende jedes Kapitels an deinen „sicheren Ort“ der Stille gehen, um dir die Gebete und Übungen bzw. „Wendepunkte“ vorzunehmen. Dein sicherer Ort wird ein Ort der Meditation sein, wo du deine Augen schließt und dem Herrn erlaubst, mit dir zu kommunizieren. Es ist ein Ort, an dem du darauf hörst, was er durch deine Gedanken zu deinem Herzen spricht. Indem du ihm zuhörst, wirst du lernen, seiner Stimme zu vertrauen und sie zu erkennen.
Diesen sicheren Ort sehen wir mit unserem inneren Auge. Meine Erfahrung ist, dass es hilft, wenn wir als Grundlage dafür eine Bibelstelle nehmen. Beim Lesen der Bibel gibt der Herr uns immer wieder Bilder ein. Welche Bilder kommen dir zum Beispiel in den Sinn, wenn du die folgenden Worte liest: „Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln …“ (Ps 23,1)? Hast du einen Hirten vor Augen, der ein Lamm in den Armen hält oder etwas Ähnliches? Das kann ein „sicherer Ort“ für dich werden, wo du dich mit dem Herrn unterhältst.
Der Herr wartet auf dich an diesem sicheren Ort in deinem Herzen und in deinem Geist; einem Ort, wo er dich mit seiner Gegenwart umhüllen und dir sein Herz öffnen wird. Ich habe dieses Buch in drei Teile geteilt:
I. Gnade: Die Leidenschaft Gottes (Das Was und Warum der Gnade)
II. Gnade: Die Gegenwart Gottes (Die Sinnbilder der Gnade)
III. Gnade: Die Herrlichkeit Gottes (Der Träger der Gnade zur Ehre Gottes)
Beim Lesen wirst du Gottes Einladung an Mose folgen, nämlich direkt in die Herrlichkeit seines Herzen zu kommen und von all dem verzehrt zu werden, was ihn verzehrt. Auf dem Berg, auf dem Mose Gott begegnete, offenbarte der Vater sein Herz anhand der Anweisungen, die er Mose in Bezug auf die Einrichtung seiner Wohnstätte gab: der Stiftshütte mit all ihrer Ausstattung, einschließlich des Gnadenthrons. David schrieb:
Schmecket und sehet, dass der HERR gütig ist! Glücklich der Mann, der sich bei ihm birgt! [Der von der eindringlichen und „unvernünftigen“ Liebe des Vaters eingenommen und überwältigt ist.](Ps 34,9).
Wendepunkte
Geliebtes Kind Gottes, der Herr liebt dich mit einer wohlriechenden und unablässigen Liebe. Während du in dieser Liebe wächst und ihr Wohlgeruch dein Leben durchdringt, wirst du ihr Aroma auch an die Menschen um dich herum verströmen und sie zum Herzen Christi führen. Lies dir den folgenden Vers leise vor, bis du ihn mit geschlossenen Augen aufsagen kannst. Das ist Meditation im wahrsten Sinne. Lass das Wort Gottes reichlich in dir wohnen, sodass es Bilder und Gedanken von Gottes unfassbarer Liebe in dir hervorrufen kann.
Denn wir sind ein Wohlgeruch Christi für Gott unter denen, die gerettet werden, und unter denen, die verloren gehen (2 Kor 2,15).
Welche Worte, Gedanken oder Bilder kamen dir in den Sinn, während du über diese Bibelstelle meditiert hast? Beschreibe sie hier.
Was offenbaren dir diese Bilder und Gedanken über das Herz Gottes? Schreibe es hier auf.
Nun versetze dich selbst in dieses Bild. Was sagt der Herr durch die Bibelstelle und die Offenbarungen, die du empfangen hast, zu dir persönlich? Halte deine Erkenntnisse hier fest.
Gnade ist eine wohlriechende Liebe, die dich zum Herzen des Vaters zurückführen wird. Genau wie beim Geißblatt ist dieser Duft von überwältigender Süße. Nichts kann ihn übertreffen. Erlaube diesem Wohlgeruch, dein Herz zu füllen. Versetze dich nun an einen ruhigen und sicheren Ort und schließe deine Augen und lass dich von seiner wohlriechenden Liebe umhüllen. Du kannst dich in die Bilder hineinversetzen, die der Herr dir gegeben hat, als du über die Bibelstelle meditiert hast – oder an irgendeinen anderen sicheren Ort, an dem du ihm begegnen kannst. Atme seine wohlriechende Liebe zu dir ein und schreibe weitere Gedanken oder Bilder auf, die der Herr dir eingibt.
Nimm dir in den nächsten Tagen Zeit, um an einem stillen Ort zu sein – selbst wenn es nur ein paar Minuten sind –, und atme die wohlriechende Liebe des Herrn ein. Halte alle Momente, in denen du eine Einladung in seine wohlriechende Gegenwart verspürst, in einem Notizbuch fest und ebenfalls die Gelegenheiten, die sich ergeben, um diesen Wohlgeruch anderen weiterzugeben, die ihn nötig haben.
Und der HERR sprach zu Mose: Steig zu mir herauf auf den Berg und sei dort, damit ich dir die steinernen Tafeln, das Gesetz und das Gebot gebe, das ich geschrieben habe, um sie zu unterweisen! … Als nun Mose auf den Berg stieg, bedeckte die Wolke den Berg. Und die Herrlichkeit des HERRN ließ sich auf dem Berg Sinai nieder, und die Wolke bedeckte ihn sechs Tage; und am siebten Tag rief er Mose mitten aus der Wolke heraus zu. Die Erscheinung der Herrlichkeit des HERRN aber war vor den Augen der Söhne Israel wie ein verzehrendes Feuer auf dem Gipfel des Berges. Mose jedoch ging mitten in die Wolke hinein und stieg auf den Berg; und Mose war vierzig Tage und vierzig Nächte auf dem Berg (Exodus 24,12.15-18).
Sie war wie Feuer. Die Gegenwart des unsichtbaren Gottes ließ sich auf der Spitze des Berges in einer dichten Wolke der Herrlichkeit nieder, die von einem unauslöschlichen Licht erhellt war. Sechs Tage und Nächte lang schwebte diese dichte, pulsierende Feuersbrunst über dem Berg, während das Volk aus der Ferne ehrfurchtsvoll zusah. Für einen normalen Menschen sah die Herrlichkeit Gottes aus wie etwas Bedrohliches, etwas, das ihn verschlingen und zerstören konnte. Diese Wolke blieb über dem Gipfel des Sinai, zog sechs Tage lang die Aufmerksamkeit des Volkes auf sich und hielt die Dunkelheit von sechs Nächten fern.
Am siebten Tag schließlich sprach die Stimme mitten aus diesem dichten und wogenden Leuchten heraus: „Mose, komm zu mir herauf …“ Das Volk, das unten stand, hörte diese Einladung und beobachtete Mose, gespannt, was er wohl tun würde. Er würde doch wohl auf keinen Fall in das Feuer und damit in seinen sicheren Tod hineingehen. Aber die Stimme war deutlich und beharrlich: „Mose, komm zu mir herauf.“
Mose, inzwischen ein sehr alter Mann, trat durch den Eingang seines Zeltes heraus, ließ alles zurück und stieg langsam an der Seite des Berges hinauf. Er musste zwischen trockenen und verwitterten Wüstenfelsen einen Weg finden. Die Augen des Volkes beobachteten jeden seiner mühsamen Schritte, während er immer mehr ihrem Blick entschwand und sich der Stimme näherte, die unentwegt rief: „Mose, komm … komm zu mir herauf.“ Als Mose der Stimme näherkam, schien die Atmosphäre von der Gegenwart Gottes wie elektrisiert zu sein und zu knistern. Der Mann, der mit Gott von Angesicht zu Angesicht sprach, schritt durch die ersten wabernden Strahlen dichter Herrlichkeit und wurde den Blicken des Volkes am Fuße des Berges entzogen.
Mose verschwand einfach in der Herrlichkeit Gottes. Nun, in Herrlichkeit getaucht, ging er weiter in die Mitte des Nebels hinein, während er durch das Feuer schritt und ganz von der Herrlichkeit eingenommen wurde, die ihn umgab. Als Mose dann mitten in der Wolke angekommen war, wurde er durchdrungen von der Substanz des Ewigen Herzens, die ihn umgab und wie der Tau des Himmels an ihm hängen blieb. In dieser Wolke wurde Mose 40 Tage und 40 Nächte lang das Herz Gottes offenbart, während er von der Gegenwart und Leidenschaft des „Alten an Tagen“ (vgl. Dan 7,9) umgeben und umschlungen war. Er wurde mitten im Herzen Gottes verwandelt.
In der Wolke der Gegenwart und Herrlichkeit Gottes ergoss sich der Strom der Zeit tief ins Meer der Ewigkeit hinein und das Ende konnte vom Anfang her gesehen werden. Während Mose einen Blick in sämtliche Richtungen der Zeit tat, konnte er sehen, wie sich die Realität des Vaterherzens entfaltete und manifestierte. In der fernen Zukunft konnte er sehen, dass eine weitere Wolke der Herrlichkeit einmal einen anderen Berg bedecken würde – den Berg, auf dem der Sohn Gottes verwandelt wurde, während „seine Kleider … glänzend, sehr weiß“ wurden, „so wie kein Walker auf der Erde weiß machen kann“ (Mk 9,3). Und an jenem Tag sah Mose, der Schatten, Christus, die Substanz, und beide waren sie im Herzen des Vaters und sehnten sich nach der Erfüllung des anderen (vgl. Heb 10,1).
In dieser feurigen, lodernden Wolke wurde alles, was Gott war, in einer physischen Repräsentation des Ewigen Herzens zum Ausdruck gebracht. Während Gott dem Mose einen Aspekt seines Herzen nach dem anderen offenbarte, enthüllte er ein himmlisches „Modell“, das den Menschen auf der Erde sein Herz verständlich machen sollte. Der Ewige sprach aus dem tiefsten Inneren seines Herzens und offenbarte sein Verlangen, so unter den Menschen zu wohnen, dass sie ihn berühren konnten und auch er sie berühren konnte. Für diese 40 Tage und Nächte war Mose vom innigsten Herzschlag des Vaters völlig in Beschlag genommen. Im Herzen dieses Herzens befand sich der Gnadenthron.
Wendepunkte
Meditiere über die folgende biblische Wahrheit, indem du sie dir mit leiser Stimme zusprichst, bis du sie mit geschlossenen Augen aufsagen kannst. Während du über dieses Wort meditierst, horche auf die Einladung des Vaters. Er ruft dich beim Namen.
… Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein (Jes 43,1).
Welche Bilder, Gedanken oder Eindrücke kommen dir in den Sinn, während die Wahrheit der Liebe des Vaters zu dir durch diese Bibelstelle tief in dein Herz eindringt? Schreibe sie hier auf.
Was offenbaren dir diese Bilder bzw. Gedanken über das Herz Gottes? Nun werde selbst Teil dieses Bildes. Was spricht der Herr zu dir persönlich? Schreibe es hier auf.
Geliebtes Kind Gottes, der Gott, der dich geschaffen und geformt hat, lädt dich ein, in einen neuen Bereich inniger Beziehung mit ihm einzutreten. Er sehnt sich danach, dass du erkennst, was er für dich auf dem Herzen hat: dich zu heilen. Halte jetzt inne und horche auf die Stimme des Einen, der dich in eine tiefere Gemeinschaft mit ihm ruft. Spüre seine persönliche Gegenwart, wenn er zu dir sagt: „Du bist mein.“ Erlebe die persönliche Gegenwart des Vaters, während du so wie Mose in die Wolke hineingehst. Fühle die feuchte, erfrischende Wolke seiner Gegenwart, während dich die Wärme seiner Liebe umhüllt. Horche auf die Worte, die er über dich sagt. Vielleicht prägt er ganz einfache Worte und Gedanken in dein Herz ein. Schreibe sie hier auf.
Sei dir in den nächsten Tagen der persönlichen Gegenwart des Herrn um dich herum bewusst. Achte jedes Mal darauf, wenn du seine Einladung an dich verspürst, zu ihm „hinaufzukommen“. Lass dein Herz aufmerksam und ruhig sein, während du in der Wolke der Herrlichkeit des Herrn lebst.
Gott hat uns eingeladen („Komm zu mir herauf …“) zu einer tieferen Vertrautheit mit und in ihm. Wie oft haben wir seine Einladung in der einen oder anderen Form gehört? Gott näher zu kommen scheint eine gute Idee zu sein. Aber die Bibel sagt uns: „… unser Gott ist ein verzehrendes Feuer“ (Heb 12,29; vgl. auch 5 Mose 4,24). Folgen wir – wie Mose – dieser Einladung, so werden auch wir uns der sicheren Vernichtung und Verbrennung unseres Fleisches aussetzen müssen.
Wer möchte schon gerne verzehrt werden? Ich nicht. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber mein Fleisch möchte in jedem wachen Moment lebendig und aktiv sein. Wenn ich hier von meinem Fleisch spreche, meine ich weniger meinen physischen Leib als meine natürlichen Neigungen, meine Prioritäten und meine Meinungen, die alle zu viel „essen“ und zu wenig beten wollen. Mein Fleisch will verhätschelt werden und windet sich bei dem Gedanken an jegliche Art von Schmerz. Schmerz! Soll das ein Witz sein?! Wenn mein Fleisch nicht einmal vom Sofa aufstehen will, um den Müll rauszubringen, stehen die Chancen gut, dass es keinen Gedanken daran verschwendet, von irgendetwas verzehrt zu werden – schon gar nicht von Liebe oder der Fürsorge für andere.
Mein Fleisch liebt allein sich selbst, und es will verzehren, nicht verzehrt werden. Ich tendiere eher zu Pizza als zu Mitleid für irgendjemanden. „Ich weiß, dass ich durch und durch verdorben bin, soweit es meine menschliche Natur [mein Fleisch] betrifft“ (Röm 7,18 NLB). Mein Fleisch dient niemandem als Hauptspeise, aber es gibt Dinge und Gedanken, die an mir nagen. Und es gibt da einige Bereiche in meinem Herzen, die nicht besonders gut verborgen sind, Bereiche, in denen mein Fleisch triumphieren und am liebsten einen Siegestanz auf dem Kopf von jemand aufführen möchte, der oder die mir Unrecht getan hat oder eine Bedrohung für mich darstellt.
Vor nicht allzu langer Zeit war ich in einem Treffen mit einigen christlichen Brüdern. Ich war erstaunt, als einige von ihnen einen Gesichtspunkt zur Sprache brachten, den ich schon bei einem vorherigen Treffen geäußert hatte. Damals hatten sie mich in diesem Punkt abgetan und abblitzen lassen! Jetzt allerdings waren sie irgendwie ganz plötzlich zu demselben Schluss gekommen, der während des vorherigen Treffens einen Nachgeschmack der Uneinigkeit hinterlassen hatte. Alles in mir wollte aufspringen und brüllen: „Ihr Idioten! Dasselbe hab ich doch letztes Mal schon gesagt, aber einige von euch haben mich abgewiesen und mich angeschaut, als wäre ich verrückt!“ Wäre das nicht eine gnädige und reife Reaktion meinerseits gewesen?
Ich muss zugeben, dass ich nicht sehr gut darin bin, wie Mose in feurigen Wolken zu verschwinden. Ich will gesehen und geschätzt werden – und ich will Recht haben! Ich will genügend Aufmerksamkeit auf mich und meine Bedürfnisse ziehen, um jeden wissen zu lassen, wie demütig und selbstlos ich bin. Ich will die größere Hälfte des Schokoriegels haben, und wenn ich das kleinere Stück bekomme, bin ich durchaus gewillt, das jeden wissen zu lassen. Mit anderen Worten: Ich will mein „Pfund Fleisch“. Wenn mich jemand angreift, will mein Fleisch „von seinem Platz aufspringen“ und sich verteidigen. Gnade dagegen ist eine feurige, verzehrende Liebe, die den Interessen meines Fleisches entgegensteht. Oft geben wir uns jedoch damit zufrieden, uns an dürftigeren Feuern zu wärmen: den Feuern des Zorns, der Unversöhnlichkeit, des Stolzes, des Richtens und der Religion, die alle als Brennstoff für freundlichere und tröstlichere Feuer dienen. Meine Seele möchte vor dem Feuer liegen wie ein alter Jagdhund, nicht darin verschwinden. All diese dürftigeren Feuer erscheinen sicherer als Gottes Einladung, in seine verzehrende Liebe einzutauchen und sie zu erfahren.
In seinem Roman „Les Miserables“ zeichnet Victor Hugo ein Bild von der verzehrenden Liebe Gottes. Einem Mann, Jean Valjean, wurde ein einziger Akt der Gnade zuteil, der sein Leben veränderte und erlöste. Er wurde auf frischer Tat mit gestohlenen Waren ertappt, was ihn für den Rest seines Lebens bei harter Arbeit ins Gefängnis gebracht hätte. Er war wirklich schuldig und verdiente es, bestraft zu werden. Er war ein grober und hartherziger Verbrecher, der von einem barmherzigen Priester Tafelsilber gestohlen hatte. Dabei wurde Valjean von dem diensthabenden Gendarmen erwischt und zu dem Priester zurückgebracht, woraufhin der gütige Kleriker ihn dafür schalt, dass er nicht auch noch die Kerzenleuchter mitgenommen hatte, die die Garnitur vervollständigt hätten. Voller Staunen musste der Polizist Valjean der Gnade des Priesters überlassen, der nun sein Leben in der Hand hatte. Der Priester sagte zu ihm: „Jean Valjean, mein Bruder, Sie gehören nicht mehr dem Bösen, sondern dem Guten. Ich kaufe Ihre Seele. Ich entziehe sie den schwarzen Gedanken und dem Geist der Verderbnis und überantworte sie Gott.“1 Dieser eine Akt der Güte brachte im Laufe von Valjeans Leben Frucht im Leben vieler Menschen, mit denen er zu tun hatte. Valjean war verzehrt von der Liebe Gottes.
Auf der anderen Seite war da Inspektor Javert, der Valjean lange auf der Spur gewesen war, um ihn ins Gefängnis zurückzubringen. Am Ende, während der Französischen Revolution, wendete sich das Blatt. Nun hatte Valjean Javerts Leben in der Hand, aber er verschonte ihn und lieferte sich dann selbst Javert und dem Gesetz aus, von dem er viele Jahre verfolgt worden war. Javert, der sich nun mit der unüberwindlichen, irrationalen Kraft der Gnade konfrontiert sah, ließ Valjean laufen und warf sich selbst in den Fluss. Die verzehrende Liebe Gottes hatte Valjean erreicht und Barmherzigkeit hatte über Gericht triumphiert (vgl. Jak 2,13). Jean Valjean wandelte für den Rest seines Lebens im Licht dieses silbernen Kerzenleuchters und wurdezu dem, was ihm entgegengebracht worden war: Gnade.2
Der Unterschied zwischen der Reaktion Javerts und der des Priesters, der die verzehrende Liebe Gottes walten ließ, liegt in dem, was sie sahen. Javert sah allein eine Übertretung des Gesetzes, während der Priester den hungrigen Valjean sah. Der eine sah die Tat und der andere die Not. Schiere Gerechtigkeit wurde verzehrt von Liebe. Gnade kostete den Priester den physischen Schmerz eines Überfalls durch Valjean und darüber hinaus seinen persönlichen Schatz. Der Priester sah jedoch das Herz des Mannes und kaufte ihn mit Silber frei. Gnade sah die Not und entschied sich, zu lieben.
