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Mist! Bei einer Zauberei der Harzer Hexenclique geht Jules Fensterscheibe kaputt. Notgedrungen sucht Jules einen Winterferienjob, den sie auf der Wurmberg-Skipiste kurzerhand findet. Einziger Haken: Sie ist als Skilehrerin eingestellt. Dabei ist sie noch nie Ski gefahren! Nachdem auf der Skipiste mysteriöse Unfälle passieren, Hobbyhexe Bianca einen Geist beschwören will und Toni sich hoffnungslos in eine Snowboarderin verknallt, ist hexisch-lustiges Chaos im verschneiten Harz vorprogrammiert!
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Seitenzahl: 142
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Für Poseidon, der mich stets beim Schreiben beobachtet hat
KAPITEL EINS
KAPITEL ZWEI
KAPITEL DREI
KAPITEL VIER
KAPITEL FÜNF
KAPITEL SECHS
KAPITEL SIEBEN
KAPITEL ACHT
KAPITEL NEUN
KAPITEL ZEHN
KAPITEL ELF
KAPITEL ZWÖLF
KAPITEL DREIZEHN
KAPITEL VIERZEHN
KAPITEL FÜNFZEHN
KAPITEL SECHZEHN
KAPITEL SIEBZEHN
KAPITEL ACHTZEHN
KAPITEL NEUNZEHN
KAPITEL ZWANZIG
„Das ist Neujahrschokolade.“
Bianca reichte uns ein Stück Schoki. Sie trug plüschige, weihnachtsmann-rote Handschuhe. An meinem Stück Schokolade klebte ein roter Fussel.
„Und warum müssen wir die in der Pause draußen essen?“
Toni schüttelte ihre Wollmütze ab. Es hagelte ein bisschen.
„Weil man den Winter nur draußen begrüßen kann.“
Unsere Lieblingshexe schwärmte und fasste sich an ihre Hexenkette. Sie trug eine schlichte Goldkette mit einem Hexenanhänger.
Immer, wenn sie etwas emotional bewegte, musste sie den Anhänger anfassen.
„Das schmeckt irgendwie komisch“, sagte ich und verzog das Gesicht.
„Ich habe meine gesamte Weihnachtsschokolade geschmolzen und zu etwas Neuem kreiert. Um die Feiertage loszulassen. Neustart, in jedem Bereich.“ Sie seufzte.
„Kann es sein, dass da Geleebananen dazwischen waren?“
Auch Toni verzog das Gesicht.
„Nee, wahrscheinlich nicht.“
Bianca schaute ertappt.
„Ich hoffe für dich, dass es kein Hexengift ist“, ergänzte Toni und warf ihr Schokostück wieder in Biancas goldene Keksdose.
Bianca war für ihre Hobbyhexerei bekannt und hatte uns mit der ein oder anderen Zauberaktion sowohl Staunen als auch Angst eingejagt. Wobei ihre Liebeszauber meistens nützlich waren.
Die Pausenglocke klingelte. Auch die erste Hofpause des Jahres war viel zu schnell vorbei.
Wir liefen eilig in den Klassenraum. Ein paar Mädchen, wohl drei Klassen unter uns, starrten Bianca entgeistert an.
„Sie ist ein Geist“, stammelte eine. Toni starrte zurück.
„Nee, Frankenstein“, sagte ich und schob Bianca in den Klassenraum. Empört setzte sie sich auf ihren Platz.
„Zugegeben, dein Outfit heute sieht etwas gewöhnungsbedürftig aus.“
Toni brach das Schweigen. Ich hatte mich den ganzen Vormittag nicht getraut, das auszusprechen.
Bianca war zwar für ihre gewagten Outfits bekannt, aber heute hatte sie den Vogel abgeschossen. Sie trug rote Kuschelhandschuhe, der Rest ihrer Kleidung war jedoch durchgehend schneeweiß. Schuhe, Hose, Pullover, Jacke, sogar der Nagellack. Alles weiß.
„Gibt es einen Grund, warum du schneeweiß wie ein Polarfuchs ins neue Jahr startest?“
„Du sagst es schon, meine liebe Jules.“
Sie grinste verschmitzt. Erst jetzt fiel mir ihr feuerroter Lippenstift auf.
„Was sage ich?“
Der Mathelehrer betrat den Raum. Mist.
„Du identifizierst dich als Polarfuchs?“, schlussfolgerte Toni. Ich kicherte.
„Welchen Tag haben wir?“ Bianca schlug ihren Schülerkalender auf. Eine rote Feder fiel aus den Seiten.
„Montag den 06. Januar, erster Tag nach den Weihnachtsferien“, flüsterte ich und schrieb das Datum auf meinen Matheblock.
„Eben. Und schaut mal raus. Es hagelt. Es regnet. Es stürmt. Was fehlt? Schnee!“
„Ja und?“ Toni zuckte mit den Schultern.
„Ich arbeite an einem Schneezauber. Mein Outfit ist Teil davon.“
Ich schlug mein Mathebuch auf und hob es vor mein Gesicht, damit weder Bianca noch der Mathelehrer meinen Lachanfall bemerkten. Toni war indiskreter und lachte laut auf.
„Hatten die drei Damen nicht einen Vorsatz fürs neue Jahr?“
Der Mathelehrer zeigte mit einem riesigen Tafellineal direkt auf uns. Wir verstummten.
„Weniger schwatzen und vor allem weniger Lachanfälle?“
„Da haben sie was falsch verstanden“, sagte Toni frech und winkte uns dann für den Rest der Stunde vom anderen Ende des Klassenraums zu.
„Pferde können riechen, wenn es schneit“, murmelte Bianca und strich durch Stiefels Fell.
Wir waren direkt nach der Schule zum Reiterhof gefahren, um Toni bei ihrem Nebenjob zu unterstützen. Sie war für die Pflege der Ponys und manchmal auch fürs Ausreiten zuständig. Tonis Lieblingspony war Merlin, der Herdenchef.
Ich ritt oft auf der Stute Pineapple und für die Reitanfängerin Bianca sattelten wir immer den gutmütigen Stiefel.
Allesamt knuddelige Haflinger, die gerade jetzt ein richtiges Teddyfell hatten.
„Es schneit aber nicht“, sagte Toni trocken und übergab Bianca einen Reitsattel. Die klappte unter dem Gewicht fast zusammen.
„Nee, es wird aber bald anfangen zu schneien. Und das kann Stiefel riechen.“
Ich beobachtete die beiden und schmunzelte. Diese Diskussion war urkomisch.
„Aktuell riecht er wohl einfach die Karotten, die du in deiner schneeweißen Reithose hast“, bemerkte Toni und polierte eine Trense.
„Woher weißt du, dass ich Karotten dabeihabe?“, wollte Bianca wissen und versuchte, Stiefels dicken Bauch irgendwie in den Sattelgurt zu quetschen.
„Man sieht orange Flecken an deiner Hose“, mischte ich mich ein.
„Mist. Weiße Kleidung hat ihre Nachteile.“ Gedankenverloren strich unsere Lieblingshexe an ihrer Hose rum.
„Ich verstehe immer noch nicht, warum du auf dem Weiß-Trip bist. Gerade im Winter. Wenn ich vom Reitstall nach Hause komme, bin ich quasi paniert in Schlamm und Dreck“, erklärte Toni und schaffte es, Stiefel in den Sattel zu quetschen. Bianca hatte aufgegeben.
„Bianca will doch Schnee hexen“, kicherte ich und sattelte Pineapple.
„Mit Schnee ist alles schöner. Ausreiten ist schöner, die Stadt ist schöner, alles ist schöner. Morgens aufwachen und den glitzernden Schnee unter den Laternen sehen, dann einen Kakao trinken und sich später die glitzernden Flocken von der Mütze schütteln, nachdem man ein paar mit der Zunge gefangen hat…IHHHHH.“
Ich erschrak. Stiefel hatte Biancas Hose abgeleckt, während sie ihre Poesie über Schnee referiert hatte.
„Er will wohl die Karotten“, lachte Toni und schickte Stiefel ein paar Schritte zurück, damit er nicht zu aufdringlich wurde.
„Luis mag auch Schnee, glaube ich“, meinte ich und strich durch Pineapples Mähne.
Im Winter steckte ich gerne meine Hände direkt an den Ponyhals unter die Mähne. Kostenlose Ponyheizung für kalte Hände, sozusagen.
„Aber bestimmt nicht so sehr, wie er dich mag“, lachte Bianca und schwang sich auf Stiefel. Schlagartig wurde ich rot.
„Ich glaube er mag Skifahren“, erwiderte ich und schwang mich auf Pineapple.
„Bianca, wenn du wirklich Schnee hexen kannst“, begann Toni und stieg auf Merlin.
„Dann bitte so viel, dass wir wirklich Skifahren können. Das war die letzten Jahre nur tageweise möglich, trotz Schneekanonen auf dem Wurmberg.“
Vorsichtig ritten wir vom Hof. Der Matsch auf dem Weg war fast so rutschig wie Eis. Die Ponys schnaubten und streckten sich. Die kalte Luft tat ihnen gut. Auch ich atmete tief ein, als wir den Wald erreichten. Es dämmerte fast, und die dichten Bäume machten die Landschaft ebenfalls dunkler. Nur Biancas Hose war gut zu sehen. Weiße Kleidung hatte also nicht nur Nachteile.
„Warum durften wir eigentlich ausreiten, obwohl jetzt die Zeit für Touristen-Ausritte ist?“, fragte ich und drehte mich im Sattel zu Toni um.
„Weil die Ponys sich seit einigen Tagen immer an der gleichen Stelle im Wald erschrecken. Ein Mädchen ist sogar heruntergefallen. Da wollte ich trainieren.“
„Und das sagst du erst jetzt?“
Biancas Stimme überschlug sich panisch. Sie hatte zwar mittlerweile ihre Angst vor Pferden weitgehend abgebaut, richtig angstfrei war sie beim Reiten trotzdem nicht.
„Entspann dich. Wenn du angespannt bist, riechen die Ponys das, wie den Schnee“, sagte Toni und ritt voraus.
„Ich habe nicht mal meine Airbag Weste dabei. Den Tod werde ich mir holen in dieser Schlucht.“ Ich schaute nach rechts und links. Wir ritten einen Reitweg am Agnesberg entlang. Der Weg schlängelte sich nach oben, und umso länger man ritt, umso tiefer wurde der Abhang.
Eigentlich hatte ich die Haflinger immer für eine Lebensversicherung gehalten.
Manchmal schlitterten sie zwar beim Bergabreiten etwas, vor allem Stiefel, aber das war nicht schlimm. Einmal war Pineapple auf die Knie gefallen, weil ein Stein unter ihrem Huf weggerollt war.
„Da vorne ist es!“ Toni holte mich aus meinen Gedanken und zeigte mit ihrer Gerte auf einen Busch.
„Folgt mir!“
Wir taten, was Toni sagte. Bianca kniff ihre Augen zusammen, faltete die Hände und murmelte komische Sprüche.
„Betest du etwa?“ Ich schaute sie verwundert an. „Quatsch“, murmelte sie und griff die Zügel wieder ordentlich.
„Wo sollten sich die Ponys denn erschrecken?“
„Na hier!“
Toni zeigte wieder mit der Gerte auf den Busch. Wir ritten eine kleine Schleife und kehrten dann wieder zum besagten Busch zurück.
Nichts passierte. Merlin schnaubte entspannt und Stiefel begann, Zweige zu vernaschen.
„Nein Stiefel nein, aus!“ Bianca versuchte ihn verzweifelt abzuhalten.
„Bianca denkt, Stiefel ist ein Hund“, lachte Toni. „Können wir zurückreiten? Mir ist kalt, außerdem wird es gleich dunkel“, jammerte ich und bewegte meine Zehen in den Reitstiefeln.
Sie fühlten sich merkwürdig taub an.
Toni nickte und wir kehrten um.
„Kann es sein, dass du es so eilig hast, weil ein gewisser Luis heute Abend vorbeikommt?“ Unsere Lieblingshexe grinste verschmitzt. Woher wusste sie das?
„Es ist Montag, da kommt er immer vorbei, bevor er den Fotografie Workshop im Hotel gibt.“ Ich nickte.
„Es ist so komisch. Seit Tagen war der Busch ein Problem und heute, fast im Dunkeln, sind die Ponys entspannt.“
Toni grübelte. Wir hatten inzwischen den Hof erreicht.
„Wahrscheinlich, weil wir Pferdeflüsterinnen sind“, gab ich an und sattelte Pineapple ab. Sie hatte unter der Satteldecke alles nass geschwitzt, obwohl es draußen sehr kalt war.
„Wir müssen die Ponys noch in der Halle trocken führen, sonst erkälten sie sich.“
Toni strich ihre Hand über Pineapples Rücken. Ich schaute auf mein Handy.
„Könnt ihr das vielleicht ausnahmsweise für mich übernehmen? Ich komme sonst zu spät-“
„Zu Luis“, sagten Bianca und Toni im Chor.
„Es könnte ein Geist gewesen sein“, hörte ich Bianca sagen, als ich mich samt meiner Reitsachen auf mein Fahrrad schwang.
„Es gibt keine Geister.“ Das war Tonis Stimme. „Pferde haben scharfe Sinne. Sie können Geister sehen.“
Ich schaffte es leider nicht mehr zu duschen, bis Luis vorbeikam.
Hektisch zog ich mir einen Wollpullover über und versuchte, das Schlimmste mit Deo und etwas Parfum meiner Mutter zu kaschieren. Es klingelte. Ich hörte meine Ma irgendwas sagen, gefolgt von Luis Schritten auf unserer alten Holztreppe.
„Hast du ein Pferd in deinem Zimmer versteckt?“, war das Erste, was er sagte.
Mist. Doppelmist.
„Ich freue mich auch, dich zu sehen“, murmelte ich mit zusammen gebissenen Zähnen. Er drückte mich fest an sich und küsste mich auf die Stirn. Es hatte definitiv Vorteile, einen Freund zu haben.
„Hi.“
Seine edelsteingrünen Augen funkelten mich an. Sie funkelten so hell wie in der ersten Sekunde, als ich ihn im Harzer Spezialitäten Laden meiner Mutter kennengelernt hatte.
„Ein Pferd mit modischen Ambitionen, wenn ich das so rieche.“
Luis ging einen Schritt zurück. Ich knuffte ihn in die Seite.
„Es hat heute länger gedauert im Stall.“
Ich erzählte ihm von meinem Tag. Ich redete und redete, erwähnte jedes Detail von Biancas Kleidung, ihrem Schneezauber und Pineapples weichem Fell.
„Hol mal Luft.“ Luis grinste.
Wir lagen auf meinem Metallbett und schauten aus dem Fenster. Es regnete schon wieder und der Wind peitschte gegen das Fachwerkhaus.
Ich kuschelte mich noch dichter an Luis.
„Wie war dein Tag?“
Er erzählte von einem Science-Fiction Buch, das er gerade las, und von dem ich nichts verstand.
Von seinen Studienvorbereitungen, seinem Nebenjob im Hotel seines Vaters und den dreckigen Schuhen der Hotelgäste.
„Mein Vater ist etwas angespannt. Der Winter sieht bisher grottenschlecht aus, von den Zahlen her.“
„Du meinst, ihr seid pleite?“
„Nein, das nicht. Aber die Touristen wollen im Winter nur verreisen, wenn Schnee liegt und sie durch einen verzauberten Winterwald wandern können. Regen und drei Grad schreckt die Gäste ab. Wir hatten viele Absagen.“
Meine Mutter hatte etwas Ähnliches erzählt. Allerdings hatte ich den Eindruck, dass sie es nicht störte, ein paar ruhige Wochen in unserem Laden zu haben.
„Vielleicht klappt Biancas Schneezauber ja, den sie irgendwie vorhat“, meinte ich und äffte unsere Lieblingshexe mit meinem Teddy nach.
„Hokus Pokus Winteribus, Fröstel Fröstel Schneeschieberus.“
Ich bekam einen Lachanfall.
„Bist du sicher, dass nicht DU die Verrückte der Harzer Hexenclique bist?“
„Wie gemein!“
Ich verschränkte die Arme.
„Mein Vater ist da an irgendwas dran.“
„Macht er auch einen Schneezauber?“
„Quatsch. Er heckt irgendeine Geschäftsidee aus. Ich habe ihn auf Englisch telefonieren hören. Das macht er sonst nie.“
„Vielleicht bestellt er Schnee aus Amerika. Hello, send me snow big package-“
„Es reicht auch wieder Jules“, hörte ich noch, ehe ich ein großes Kissen ins Gesicht bekam.
Ich verabschiedete Luis, gönnte mir eine ausgiebige Dusche mit Pflaumen-Zimt Duschgel und kuschelte mich in meine Decke. Sie roch noch etwas nach Luis.
Und nach Pferd. Mist.
Ich öffnete das Fenster, um den Stallgeruch zu vertreiben. Von draußen zog ein bitterkalter Wind in mein Zimmer. Ich schloss das Fenster mit aller Kraft.
Auf meinem Nachttisch lagen zwei Bücher. Ein Mathebuch und eine Zeitschrift.
Nagut, die Zeitschrift war kein richtiges Buch. Und Mathe lernen wäre sicher wichtig gewesen. Allerdings gehörte es auch zur Allgemeinbildung, über Modetrends Bescheid zu wissen!
Ich schnökerte. Dieses Jahr sollten Skianzüge in weiß-pink-glitzer angesagt sein. Außerdem echte Wollmützen.
Mein Jahreshoroskop prophezeite mir eine „ereignis- und energiereiche erste Jahreshälfte“. Pah. Das hätte glatt von Bianca sein können!
Tap Tap Tap.
Erschrocken ließ ich meine Zeitschrift fallen. Was war das für ein Geräusch? Ich hielt die Luft an, um es besser hören zu können.
Stille.
Schultern zuckend las ich weiter. Ich musste noch dringend den Artikel mit „1001 Tipps für heiße Küsse“ lesen. Ich hatte sicher keine Tipps nötig, aber falls Bianca oder Toni mal Hilfe brauchten…
Tap Tap Tap.
Jetzt stand ich aus dem Bett auf. Was war das?
„Ma!“ Ich schrie durchs ganze Haus. Meine Mutter trug einen Bademantel und hielt ein pitschnasses Buch in der Hand.
Ihre ebenso nassen Haare und das Buch tropften auf die Holzdielen.
„Was zum Teufel Jules, ich habe mich so erschrocken.“ Sie musste wie ein Blitz aus der Badewanne aufgetaucht sein.
Vermutlich war dabei ihr Buch ins Wasser gefallen. Immerhin kein Tablet, dachte ich.
„Hier ist was.“ Ich zeigte in die Luft. Wie sollte ich auch auf ein Geräusch zeigen, das ich nicht zuordnen konnte?
„Ich höre nichts.“
„Doch, es macht: Tap, Tap Tap.“
Ich zeigte mit beiden Händen in die Luft und schaute nach oben, als wollte ich einen Gott beschwören.
Meine Mutter gab sich keine Mühe hinzuhören.
„Vielleicht knackt die Heizung. Bei den Außentemperaturen wäre das nicht verwunderlich.“
„Du kannst doch jetzt nicht baden gehen während ich hier sterbe!“, jammerte ich.
„Ruf mich, wenn der Teufel dich holt. Ich gebe ihm noch Geld, damit er dich wirklich mitnimmt.“
Ups.
Ich starrte sie mit offenem Mund an. Wie fies konnte eine Mutter eigentlich sein?
„Ach Schatz, das war ein Witz. Ich möchte gerne meine Ruhe und zurück ins Badewasser.“
„Meinst du, du kannst dein Buch: „Dating über 50, warum es nicht hoffnungslos sein muss“ noch lesen oder ist es zu durchgeweicht?“
Jetzt starrte sie.
„Meine Mutter ist verzweifelt“, tippte ich eine Nachricht an Luis, nachdem ich wieder alleine war.
„Warum das denn?“ Ich begann eine Antwort zu schreiben, als ich es wieder hörte.
Tap Tap Tap.
Das konnte doch nicht wahr sein!
Prompt rief ich Luis an. Vielleicht konnte er mich vor dem gruseligen Geräusch retten. Doch er ging nicht ran. Wahrscheinlich war er noch mit seinen Fotografie-Kursleuten zu Gange.
Toni hob ebenfalls nicht ab.
„Sorry noch im Stall“, schrieb sie. Mit einem Karotten-Emoji.
„Du hast Glück, ich habe gerade meine Nägel lackiert und darf mich nicht bewegen.“
Bianca war die Einzige, die an ihr Telefon ging. „Hier ist was.“
„Kannst du das was näher beschreiben?“
„Tap Tap Tap“, sagte ich.
„Eher Tip Tap Tip?“ Bianca versuchte das Geräusch nachzumachen.
„Nein, Tap Tap Tap.“
„Immer dreimal? In welchem zeitlichen Abstand?“
„Keine Ahnung, ich versuche es nur irgendwie nachzumachen.“
„Hast du irgendein elektrisches Gerät eingeschaltet? Laptop? Drucker?“
Ich schaute nach. Alles aus.
„Und die Heizung?“
„Die ist es nicht. Es kommt mehr-“
Ich hielt die Luft an, um nochmal zu hören.
„Aus den Wänden!“ Ein Schauer lief mir über den Rücken.
„Moment mal.“ Ich hörte Bianca durchs Telefon fluchen, weil sie sich wohl ihre frisch lackierten Fingernägel irgendwo angeditscht hatte.
„Ich bin extra für dich aufgestanden, um nachzulesen.“
„Und?“
„Ist in letzter Zeit in eurem Haus oft etwas heruntergefallen? Chaos ohne Ursache?“
Ich überlegte. Das einzige Wesen, was Chaos in unserem Haus verursachte, war wohl ich. Was begründete, wieso meine Mutter mich an den Teufel verkaufen wollte.
„Nö.“
„Hast du den Eindruck, die Geräusche sind eine Art Morsesprache? Wollen sie etwas vermitteln?“ Ob es eine sinnvolle Idee war, Bianca mit meinen Klopfgeräuschen zu beschäftigen?
„Nein es ist ein unregelmäßiges Geräusch. Eher hektisch.“
„Aha.“
Sie schien sich nebenbei alles zu notieren.
„Hektisch-aufgeladen, wie bei einer Racheaktion oder hektisch-ungeordnet?“
„Eher ungeordnet?“
Ich wusste nicht, was ich antworten sollte.
„Mhhhmmm. Alles klar. Ja, das passt zur Mondlage.“
Sie schien eifrig zu nicken.
„Was für eine Mondlage?“
„Jules, ich sage es dir ungerne, aber, in deinem Zimmer wohnt ein Spukgeist.“
„Ein Spukgeist?“
Am nächsten Morgen schlief ich fast auf der Sitzbank in der Sporthalle ein. Wir hatten eine Doppelstunde Sport, direkt in den ersten Stunden.
„Ich dachte Folter ist illegal“, murmelte ich und gähnte.
„Du siehst aus, als hättest du die Nacht durchgefeiert.“
Toni lachte mich regelrecht aus. Bianca hielt meine Hand.
„Ich werde dafür sorgen, dass der Spuk ein Ende haben wird.“
Der Sportlehrer pfiff. Ich kniff die Augen zusammen. Das Geräusch ging direkt in meinen Kopf und schmerzte.
Wie eine kleine Herde joggten wir um die Halle. Ich gähnte mehr, als ich lief.
„Was für ein Spuk?“
Toni verstand gar nichts.
„Bianca meint, ich hätte einen Spukgeist in meinem Zimmer“, murmelte ich gähnend.
