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„Gott zu lieben ist das, was unter dem Strich steht. Es ist das Größte, und es ist das Erste. Wir müssen sicherstellen, dass das so ist und dass das so bleibt, jeden Tag unseres Lebens. Dass alles, was sich an geistlichem Leben entwickelt, alles, was sich an Heiligung und Charakterveränderung, an Opferbereitschaft und an allen anderen guten Eigenschaften entwickelt, aus dieser Kraft kommt. Nur so bekommt unser geistliches Leben eine neue Qualität. Darum geht es in diesem Buch.“ (Uwe Schäfer)
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Seitenzahl: 314
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Copyright © 2015 ASAPH-Verlag
Umschlaggestaltung: joussenkarliczek, D-Schorndorf
Satz/DTP: Jens Wirth
Bibelzitate sind im Allgemeinen der Bibelübersetzung Schlachter 2000 entnommen, © Genfer Bibelgesellschaft.
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016
ISBN 978-3-95459-001-8
Best.-Nr.148001
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ASAPH, Pf. 2889, D-58478 Lüdenscheid
[email protected] – www.asaph.de
Für …
… Bente, die mir Liebe XXL seit über 33 Jahren vorlebt und deren Verständnis, Barmherzigkeit und Hilfsbereitschaft mein größtes Vorbild ist.
… Annelie und Dieter, die wie Engel Gottes in mein Leben kamen und mir so unglaublich gut tun.
… meine Geschwister im Christus-Centrum Troisdorf, die mir erlauben mit meinen Stärken zu dienen und mich mit meinen Schwächen annehmen.
… Horst und Christel, die mir den Glauben an Jesus, das Wichtigste in meinem Leben, mit auf den Weg gegeben haben.
… Holger und Mechthild, ohne deren Liebesmühe es dieses Buch nicht geben würde.
… Beccy, die so viel Schlimmes erlebt hat, aber tapfer an Gott festhält und die Welt verändern wird.
… André, der Jesus sehr lieb hat, aber in seiner Gemeinde kein Zuhause finden durfte, weil er nicht so war, wie andere es für richtig hielten.
… den, der meine Hand niemals loslassen wird: der Mensch Jesus Christus.
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Zu Risiken und Nebenwirkungen
Unterm Strich
Die Prioritäten richtig setzen
Dich selbst lieben
Versöhnt mit deinen Grenzen
Dich lieben und annehmen mit deinem Versagen
Dich lieben und annehmen mit deiner Sündhaftigkeit
Den inneren Kritiker entmachten #1
Den inneren Kritiker entmachten #2
In der Liebe bleiben
Die Geschwister lieben
Liebe und die Vielfalt der Gemeinde
Qualitätsmerkmale der Liebe Gottes
Ein Herz für diese Welt
Weitere Titel
Eigentlich hatte ich nicht vor, noch einmal ein Buch zu schreiben, aber man soll ja bekanntlich nie „nie“ sagen.
Nachdem ich 2012 die Predigtreihe „Liebe XXL“ gehalten hatte, kamen zwei sehr liebe Menschen, nämlich Dr.Holger Schmidt und Mechthild Hoffmann, auf mich zu mit der Idee, aus diesem Material ein Buch werden zu lassen. Ich fand das sehr gut, weil grade dieses Thema mir so sehr am Herzen liegt.
An den hohen Downloadzahlen der Predigten im Internet und den vielen Rückmeldungen per E-Mail konnte ich erkennen, dass diese Gedanken bei vielen Christen tief ins Herz gehen und Positives bewirken.
Holger und Mechthild haben also mit viel Arbeit und Mühe aus meiner Rede eine Schreibe gemacht, die du, lieber Leser, nun in den Händen hältst.
Dass es sich hierbei ursprünglich um Predigten handelte, wird sicherlich niemandem beim Lesen entgehen. Man erkennt es z.B. daran, dass es einige Wiederholungen, vor allem am Anfang der Kapitel gibt, da bei den ursprünglichen Zuhörern ja mindestens eine Woche zwischen dem Hören von zwei Predigten lag. Ich empfinde, dass eine Rede auch insgesamt etwas weicher rüberkommt und das Geschriebene schon ein bisschen dogmatischer klingt, weil z.B. ein fehlendes Lächeln oder ein gewisser Unterton in der Stimme nicht so leicht zu transportieren sind.
Daran haben wir natürlich gearbeitet, aber ich denke, dass es trotzdem hilfreich ist, das zu wissen, so nach dem Motto: „Zu Risiken und Nebenwirkungen …“!
Nun wünsche ich dir ganz viel Freude auf dem Weg zum Herzen des Evangeliums und bete, dass die Kraft der Liebe XXL dich neu und tiefer denn je erfassen wird.
Alles Liebe
Uwe Schäfer
Uwe Schäfer im Internet:
www.Christus-Centrum.de
www.UweX-Musik.de
Angenommen, die Bibel wäre aus irgendeinem Grund einmal vergriffen und mich würde ein Verlag anrufen und sagen: „Herr Schäfer, Sie sind doch Pastor und kennen sich mit der Bibel aus. Sie haben vielleicht schon gemerkt, dass es die nicht mehr zu kaufen gibt. Wir wollen die jetzt ganz neu herausbringen, aber wissen Sie, ‚Bibel‘, das klingt so langweilig. Wir brauchen irgendetwas Knackiges. So einen Titel wie bei einem Roman, der das ganze Buch zusammenfasst, sonst kriegen wir das nicht verkauft. Machen Sie doch mal einen Vorschlag!“ Ich wüsste da etwas. Ich würde das Buch „Liebe XXL“ nennen.
Ich glaube, dass es kein zentraleres Thema in der Bibel gibt als die Liebe XXL, die ganz große Liebe. Sie ist das Buch über die Liebe Gottes und damit über die Liebe überhaupt. Warum er diese Welt und die Menschen geschaffen hat und warum er den Menschen erlöst hat. Es geht von der ersten bis zur letzten Seite um nichts anderes als diese ganz große, unfassbare Liebe Gottes, die uns geschenkt wird in Jesus Christus.
Ich glaube auch, dass die Liebe Gottes die größte Kraft des Universums ist. Es gibt im ganzen Universum keine größere Gewalt, keine größere Kraft als Liebe. Keine Atombombe, keine Kernspaltung kann jemals eine Kraft hervorrufen, wie Liebe das kann. Nun haben wir das vielleicht schon das eine oder andere Mal gehört und vielleicht hier und da auch schon erlebt. Aber ich denke, viele von uns spüren, dass Gottes Liebe eigentlich noch ganz anders kann. Wenn ich darüber nachdenke und mein eigenes Leben und das Leben vieler meiner Glaubensgenossen betrachte, dann denke ich oft, dass diese Liebe Gottes mehr will und mehr kann. Deswegen wird es gut für uns sein, wenn wir uns einmal intensiver mit diesem Thema beschäftigen.
Ich habe in meinem Leben über keinen Text öfter gepredigt als über Matthäus 22,36–38. Wenn ich irgendwo zum ersten Mal predige, benutze ich häufig diese Verse als Grundlage. Da wird Jesus von einem Pharisäer auf die Probe gestellt.
„Meister, welches ist das größte Gebot im Gesetz?“ Und Jesus sprach zu ihm: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das erste und größte Gebot.“
Das erste Gebot, das uns Menschen gegeben ist, ist, Gott zu lieben. Wenn du die komplette Bibel nimmst mit ihren ganzen Gesetzen und Ermahnungen, mit ihrer Lehre, auch mit ihrem Lobpreis und ihrer Poesie, steht unter dem Strich eines: Gott sehnt sich nach deiner Liebe, und er möchte dir seine Liebe schenken. Darum geht es in der Bibel, und darum geht es in unserem Glauben.
Als ich vor etlichen Jahren Pastor wurde, musste ich eine ganze Reihe von Dingen lernen, die nun einmal zu diesem Beruf gehören. Predigen war nicht das Schwerste, das ging nach einer Weile ganz gut. Das Schwierigste waren die Vorstandssitzungen. Ich bin jemand, der sich unglaublich schnell langweilt, und Langeweile verbrennt mich wie Feuer. Wenn etwas irgendwie nicht weitergeht, werde ich ganz nervös und zappelig. Das ist so ein Tick, den ich habe. Ein ganz anderer Menschentypus, den ich in meinem Dienst kennenlernen durfte und für den ich Gott sehr dankbar bin, sind Kassierer. Kassierer wird nur jemand, der absolut gewissenhaft ist. In der Buchhaltung kann ich eben nicht sagen: „Ach, komm, ist nicht so schlimm. Fehlt mal ein Hunderter – meine Güte, wir dienen doch einem großzügigen Gott.“ Da gibt es Kassenprüfer und Finanzämter, die die Buchungen überprüfen, und da ist es nicht egal, wenn etwas nicht stimmt. Kassierer müssen den Blick fürs Detail haben. Aber nicht alle Kassierer, mit denen ich zu tun hatte, haben auch die Gabe, ihre Erkenntnisse an Normalsterbliche weiterzugeben – oder gar an einen Uwe Schäfer. Ich sage dann meinem Kassierer so etwas wie: „Du, es gibt da eine neue Sound-Anlage. Das würde in der Gemeinde so viel besser klingen. Die ist auch ganz günstig, kostet nur so und so viel. Können wir uns die leisten?“ Ich erwarte dann so etwas wie ein klares Ja oder Nein. Aber der Kassierer sagt dann: „Das kann ich dir gerne sagen.“ Dann erzählt er etwas von Aktiva und Passiva, von Vorauszahlungen und Verbindlichkeiten und von vielen anderen Dingen. Ich sitze dabei, höre mir das alles an und verstehe nichts. Am Ende sage ich dann: „Danke schön! Das war so erfrischend und ich habe so viel gelernt, aber noch mal zurück zu meiner Frage: Können wir uns die Anlage kaufen?“ Dann guckt mich der Kassierer irritiert an und sagt: „Ich dachte, das hätte ich gerade erklärt.“ „Ja, aber kannst du es denn noch mal so erklären, dass es meine Frage beantwortet, also: Können wir uns die Anlage leisten, ja oder nein? Was steht unterm Strich, verstehst du?“ In einer Buchhaltung sind die Summanden, die einzelnen Posten, nicht unwichtig. Jeder einzelne Posten ist wichtig, und trotzdem ist es für uns Menschen auch wichtig, dass man einen Strich drunter ziehen und sagen kann: Das ist es jetzt, was unterm Strich steht. Das ist es, worum es eigentlich geht. Das ist das Zentrale.
So ist es auch mit der Bibel mit ihren vielen Geboten, Anregungen, Ermahnungen, Belehrungen, Aufforderungen und Herausforderungen. Alle haben ihre Berechtigung und Bedeutung. Aber was ist das Wichtigste? Was ist das Größte? Was steht unter dem Strich? Ich bin so dankbar, dass Jesus einmal diese Frage gestellt wurde: „Was ist eigentlich das Wichtigste?“ Unter dem Strich steht: Gott möchte von uns geliebt werden. Es gibt kein größeres Gebot als in einer Liebesbeziehung zu Gott zu stehen. Paulus sagt das in 1. Timotheus 1,5 so:
Das Endziel des Gebotes aber ist Liebe.
Das, worauf das Gebot und alles andere abzielt, das, worum es geht, die Mitte, das ist diese Liebe XXL.
Jesus war ein ganz besonderer Lehrer. Auch viele zeitgenössische jüdische Gelehrte sagen: Er war der größte jüdische Rabbi, der jemals gelebt hat. Wenn sich uns als griechisch geprägte Bibelleser seine Lehre heute manchmal nicht so leicht erschließt, kann das auch daran liegen, dass manches von dem, was Jesus sagt, in einzelnen Wörtern steckt, die wir schlicht überlesen. Jesus ist keiner, der etwas Unnötiges sagte. In jedem Wort steckt eine gewisse Genialität, eine gewisse Berechtigung. Das ist typisch rabbinische Tradition. Für uns macht das die Texte natürlich ziemlich anspruchsvoll. Wenn du das nächste Mal Jesustexte liest, achte doch einmal darauf, dass jedes einzelne Wort zählt. Da lohnt es sich, die Worte Jesu ruhig zwei- oder dreimal zu lesen.
In unserem Text macht Jesus etwas für ihn recht Typisches: Er beantwortet eine Frage, aber in der Antwort geht er über die Fragestellung hinaus, er erweitert sie. Die Frage war: „Was ist das größte Gebot im Gesetz?“ Jesus antwortet darauf: „Liebe Gott mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Denken.“ Aber dann fügt er noch etwas hinzu. Er sagt: „Das ist das erste und das größte Gebot.“ Gefragt war nur nach dem größten Gebot. Gefragt war nach dem Wichtigsten. Aber Jesus sagt: „Das ist nicht nur das größte Gebot; es ist auch das erste.“ Das macht einen gewaltigen Unterschied. Das Erste ist das, womit alles losgeht. Das Erste ist das, was an den Anfang gehört. Reihenfolge ist im Leben oft eben nicht egal.
Hast du schon einmal versucht, einen IKEA-Schrank zusammenzubauen? Ich weiß ja nicht, ob du zu diesen Leuten gehörst, die zunächst einmal die Bedienungsanleitung lesen. Die soll es ja geben. Die machen sich erst einmal eine Tasse Kaffee, legen die Füße hoch und lesen dann in Ruhe alles durch. Ich verrate euch ein kleines Geheimnis: Zu denen gehöre ich nicht. Ich reiße den Karton auf und sage: „Ist doch alles klar. Dieses Ende von dem Brett ist bestimmt oben, und die Schraube hier kommt da rein. Kein Problem.“ Ich musste bei Schränken nur eines feststellen: Auch, wenn ich meinte, alles verstanden zu haben, stand ich am Ende dumm da. Der Schrank steht, meine Frau kommt und guckt sich das an. Ich mache die Türe auf und sage: „Mensch, guck mal, der sieht ja hinten aus wie unsere Tapete.“ Sagt sie: „Das ist unsere Tapete! Du hast die Rückwand vergessen.“ Nun, kein Problem. Dann mache ich die Rückwand eben nachträglich rein. Aber sicher weißt du, wie solche Schränke konstruiert sind. Da kann man nicht einfach die Rückwand nachträglich reinsetzen. Nein, du musst alles wieder schön zerlegen, sonst geht da gar nichts. Darüber könnte ich mich echt aufregen. Bei Hemden gilt das Gleiche: Wenn der erste Knopf falsch geknöpft ist, dann kannst du anschließend so toll knöpfen, wie du willst, du kannst danach alles richtig machen, du kannst dabei das Vaterunser beten und Psalmen zitieren, es wird nicht funktionieren. Wenn der erste Knopf falsch sitzt, wird dir am Ende nichts anderes übrig bleiben als alles wieder aufzumachen, weil es wichtig ist, dass der erste sitzt. Die Reihenfolge ist eben nicht egal. Deshalb finde ich diese Aussage Jesu so wichtig: Liebe ist nicht nur das größte Gebot, sondern es ist auch das erste, das, womit alles losgeht.
Alles geistliche Leben, sei es bei deiner Bekehrung ganz am Anfang oder auch jeden Tag wieder aufs Neue, beginnt damit, dass wir in einer Liebesbeziehung zu Gott stehen. Alles, was sich abseits davon durch deine eigene Kraft entwickelt, wird ermüden und in eine Form von Religiosität führen. Jesus spricht in der Offenbarung die Gemeinde in Ephesus an und sagt ihr Folgendes (Offb. 2,2–4):
Ich kenne deine Werke und deine Bemühung und dein standhaftes Ausharren, und dass du die Bösen nicht ertragen kannst […]. Du hast Schweres ertragen und hast standhaftes Ausharren, und um meines Namens willen hast du gearbeitet und bist nicht müde geworden. Aber ich habe gegen dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast.
Was Jesus hier sagt, ist: „Ich kenne deine Arbeit, deine Geduld und deine Werke. Ich kenne deine Bibelstunden. Du hast prima gelehrt und alles Mögliche getan. Du hast den Bösen nicht ertragen. Das weiß ich alles. Aber es gibt etwas, was mich traurig macht. Das habe ich gegen dich. Die Liebe steht nicht mehr im Mittelpunkt. Die Liebe ist nicht mehr das Erste. Die Liebe ist nicht mehr das, woraus alles erwächst. Die Gemeinde läuft, und du gibst dir viel Mühe. Du bringst dich ein und opferst auch, aber die Kraft, die dahinter steht, ist nicht mehr meine Liebe, sondern es sind teilweise ganz andere Sachen.“ Gott möchte mit seiner Liebe am Anfang stehen. Daraus entwickelt sich alles Weitere. Das beeindruckt mich.
Gott zu lieben ist das, was unter dem Strich steht. Es ist das Größte, und es ist das Erste. Wir müssen sicherstellen, dass das so ist und dass das so bleibt, jeden Tag unseres Lebens. Dass alles, was sich an geistlichem Leben entwickelt, alles, was sich an Heiligung und Charakterveränderung, an Opferbereitschaft und an allen anderen guten Eigenschaften entwickelt, aus dieser Kraft kommt. Nur so bekommt unser geistliches Leben eine neue Qualität. Darum geht es in diesem Buch.
Als evangelische Christen haben wir das Thema Glauben immer sehr in den Mittelpunkt gestellt. Martin Luther bekam im 15. Jahrhundert ja die ganz große Offenbarung: Wir sind aus Glauben gerettet, nicht aus Werken! So werden wir vor Gott gerecht. Das ist uns immer wieder gepredigt worden als etwas sehr Zentrales. Über Liebe wurde auch immer wieder gepredigt. Wir wissen schon, dass die nichts Nebensächliches ist. Aber in meiner Wahrnehmung ist der Glaube das Thema, das viel präsenter ist. Nun ist der Glaube ja auch durchaus wichtig, schließlich ist er heilsentscheidend. Die Bibel stellt immer wieder die Wichtigkeit des Glaubens heraus:
Denn aus Gnade seid ihr errettet durch den Glauben
(Eph. 2,8).
Wer glaubt und getauft wird, der wird gerettet werden
(Mk. 16,16).
Ohne Glauben aber ist es unmöglich, ihm wohlzugefallen
(Hebr. 11,6).
Immer wieder gibt es diese Aufforderungen, im Glauben zu Christus zu kommen und sich retten zu lassen: „Glaube und lebe!“, oder: „Glaube und werde errettet!“ Das ist das, was man uns gepredigt hat, und das war ja auch gut so. Auf der anderen Seite stellt sich da natürlich auch die Frage: Wie sieht das denn mit der Liebe aus? Was ist wichtiger?
Paulus sagt in 1. Korinther 13,13:
Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; die größte aber von diesen ist die Liebe.
In unserer Tradition scheint es mir eher so, als ob der Glaube das Größte ist, macht sich an ihm doch unser ewiges Schicksal fest. Wie kriegen wir das übereinander? In Lukas 10,25–28 finden wir einen ganz ähnlichen Text wie den, den wir uns im Vorwort schon angesehen haben. Diesmal ist es ein Schriftgelehrter, der Jesus etwas fragt, und auch die Frage selbst ist eine andere.
Und siehe, ein Gesetzesgelehrter trat auf, versuchte ihn und sprach: „Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben?“ Und er sprach zu ihm:„Was steht im Gesetz geschrieben? Wie liest du?“ Er aber antwortete und sprach:„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft und mit deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst!“ Er sprach zu ihm: „Du hast recht geantwortet; tue dies, so wirst du leben!“
Ist das nicht merkwürdig? Da kommt jemand und fragt den Herrn: „Was muss ich tun, um errettet zu werden?“ Und der antwortet: „Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst! Dann ist alles paletti. Dann bist du errettet.“ Jesus erwähnt noch nicht einmal den Glauben! Wie kann das sein? Gibt es einen zweiten Heilsweg? Muss ich es nur irgendwie schaffen, Gott genug zu lieben und den Nächsten wie mich selbst?
Nein, es gibt es keinen zweiten Weg. Beides, der Glaube und die Liebe, gehören zusammen. Glaube ist der Weg, aber Liebe zu Gott ist das Ziel. Es ist wichtig, dass wir die Vokabeln in ihrem Kontext sehen und verstehen, wie sie zueinander stehen. Glaube ist ein Weg, und ich muss auf diesem Weg sein, um das Ziel zu erreichen. Der Glaube ist heilsentscheidend. Dabei bleibt es. Aber Glaube ist nicht das Ziel, sondern Gott zu lieben ist das Ziel. Buddha hat ja einmal gesagt: „Der Weg ist das Ziel“, und in vielen Sphären unseres Lebens trifft das auch zu. Aber in diesem Fall ist der Weg der Weg, und das Ziel ist das Ziel. Glaube ist der Weg zu Gott. Es gibt keinen anderen Weg zu Gott außer zu glauben. Aber das Ziel der Christusnachfolge, das Ziel, warum Jesus ans Kreuz gegangen ist, ist, dass wir Gott lieben und in einer Liebesbeziehung zu Gott stehen. Weg und Ziel sind nicht voneinander zu trennen. Ohne den Weg kommen wir nicht ans Ziel, und ohne das Ziel brauchen wir keinen Weg. Wir sind nicht nur an Gott Gläubige, sondern als Jesus-Jünger ist es unser Ziel, ihn immer mehr zu lieben. Manchmal kamen mir die Bekehrungsaufrufe bei Evangelisationen wie ein Rückversicherungs-Deal vor. „Hey, du, falls es den lieben Gott und Himmel und Hölle und so weiter doch gibt, dann bist du auf der sicheren Seite, wenn du jetzt einfach mal das glaubst und dieses Gebet nachsprichst und sagst: ‚Ja, okay, das nehme ich jetzt für mich an.‘ Hast du getan? Prima, dann hast du jetzt auch das ewige Leben.“ Ich glaube, es ist ein Missverständnis, das Evangelium so anzubieten und so zu verkaufen. Das klingt wie eine Versicherung. Gott sehnt sich nicht einfach nach Leuten, die irgendetwas glauben. Gott sehnt sich vor allen Dingen danach – „das Erste und das Größte“ –, von uns geliebt zu werden. In Jakobus 2,5 heißt es:
Hört, meine geliebten Brüder: Hat nicht Gott die Armen dieser Welt erwählt, dass sie reich im Glauben würden und Erben des Reiches, das er denen verheißen hat, die ihn lieben?
Da finden wir beides in einem Satz. Wir sollen durch ihn reich werden im Glauben, aber letztendlich gibt es ein Reich, das wir erben sollen, und das hat er denen verheißen, die ihn lieben. Darum geht es unterm Strich. Liebe ist das Größte, und es ist das, womit alles geistliche Leben anfängt – ganz am Anfang, bei unserer Bekehrung, aber auch immer wieder in unserem Alltag. Die Frage ist nur: Wie können wir das umsetzen? Was können wir tun, damit das nicht nur Theologie bleibt, sondern in unserem Leben seine Kraft entfaltet?
Gott lädt uns ein, die Quelle aller Liebe ganz neu zu entdecken. In 1. Johannes 4,8 und 16 heißt es:
Gott ist Liebe.
Gott hat ja ganz viele Attribute. Er ist zum Beispiel gerecht und heilig. Aber diese absolute Gleichsetzung von Gott mit etwas anderem finden wir nur noch an einer anderen Stelle. In Johannes 4,24 sagt Jesus:
Gott ist Geist.
Hier geht es sozusagen um den „Aggregatzustand“ Gottes. Gott ist nicht materiell gebunden, sodass man ihn nur an einem bestimmten Ort anbeten könnte, sondern als Geist überall ansprechbar. Aber wenn es um das Wesen Gottes geht, sind diese Stellen aus dem ersten Johannesbrief einzigartig. Wenn du gebeten wirst: „Sag mal ein anderes Wort für Gott“, kannst du sagen: „Liebe!“ Gott ist Liebe, und Liebe ist Gott.
Wir können sogar noch einen Schritt weiter gehen. In 1. Johannes 4,10 lesen wir:
Darin besteht die Liebe – nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat.
Darüber müssen wir einen Moment nachdenken. Das bedeutet ja: Alles Lieben beginnt mit Gott! Und das bedeutet weiter, dass dieses erste und oberste Gebot, von dem wir gesprochen haben, dieses Gebot, Gott zu lieben, für uns Menschen zunächst mal gar nicht machbar ist. Wenn jemand von dem ersten und höchsten Gebot Gottes hört und dann sagt: „Ah, darum geht es also beim Christsein. Man muss nur Gott lieben. Hab ich verstanden. Also gut, dann mache ich das jetzt. Dankeschön“, dann funktioniert das nicht. Das kann der Mensch von sich aus gar nicht. Es gibt nur einen Weg, wie wir dieses Gebot, Gott von ganzem Herzen zu lieben, erfüllen können: indem wir lernen, uns zunächst einmal lieben zu lassen. Bevor wir Liebe weitergeben können, müssen wir sie empfangen. Je mehr wir uns lieben lassen, desto mehr werden wir darauf reagieren, ehrlich und unverkrampft. Wir werden anfangen, ihn zu lieben. Alles Lieben geht von dem aus, der Liebe ist.
Nun ist es leicht, vollmundig zu bekennen: Die Liebe Gottes ist die mächtigste Kraft des Universums. Das ist so ein schöner, markiger Glaubenssatz. Da kriegt man als Prediger im Gottesdienst vielleicht auch mal ein „Amen!“ von der Gemeinde. Aber dann schaue ich in mein Leben hinein und in das Leben von Leuten, die ich kenne, und denke: „Herr, ich glaube, du kannst mehr. Ich glaube, deine Liebe kann mehr.“ Da kommt die Frage auf: Warum hat die Liebe Gottes nicht mehr verändert in unseren Leben? Warum hat sie nicht mehr Dynamik hineingebracht? Ich glaube, es liegt schlicht daran, dass wir noch nicht wirklich gelernt haben, uns lieben zu lassen.
Eine Vergewaltigung wird in unserem Land hart bestraft, und das ist gut so. Eine Vergewaltigung hat, wie das Wort schon sagt, immer mit Gewalt zu tun. Mit anderen Worten: Sie kann nicht auf Liebe zurückgeführt werden. Liebe vergewaltigt nicht. Liebe ist etwas, was geschenkt und was von dem anderen empfangen wird. Aber sie kann nur in dem Maße, wie sie von dem anderen empfangen wird, ihre Kraft entfalten und so zu etwas führen. Das Gebot, Gott zu lieben, ist indirekt das Gebot, Gottes Liebe zu beantworten. Darum geht es. Aus der wachsenden Liebesbeziehung zu Gott entwickelt sich dann alles Gute in meinem Leben: Heiligung, Opferbereitschaft, Christusähnlichkeit – all die Dinge, nach denen wir uns sehnen. Dinge, bei denen so viele Christen denken, dass da doch eigentlich mehr gehen sollte. Diese guten Eigenschaften können nur entstehen aus der wachsenden Liebesbeziehung mit Gott. Damit geht alles los.
Ich habe mich ja schon sehr früh bekehrt und mit elf Jahren taufen lassen. Als junger Mensch, als junger Christ, haben mich vor allem solche Verse in der Bibel angesprochen, die mich irgendwie problematisierten. Die haben mich betroffen gemacht und manchmal auch richtig heruntergezogen. All die Verse, die über die bedingungslose Liebe Gottes sprachen, habe ich eher so zur Kenntnis genommen. Der Vers, den ich mit elf Jahren zu meiner Taufe bekam, lautete zum Beispiel:
Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch irgendein anderes Geschöpf uns zu scheiden vermag von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn. (Röm. 8,38–39)
Was für eine Wahrheit! Aber sie hat mir nicht viel bedeutet. Dieser Vers sprach für mich nur darüber, wie toll Gott ist. Alles andere in der Bibel sprach für mich darüber, wie schrecklich ich bin. Dass ich mich eigentlich noch mehr anstrengen müsste, dass ich mehr beten und Bibel lesen müsste, dass ich egoistisch bin, dass ich noch hingegebener sein sollte und was weiß ich. Wenn es bei Bibelversen unterschiedliche Sichtweisen gab, habe ich mir immer die düsterste Auslegungsvariante gewählt. So war ich geprägt und so haben mich viele biblische Texte bedrückt. Ich verstand gar nicht, worum es in der Bibel überhaupt geht. Ich glaube, dass das in unserem evangelikalen Erbe ein Kernproblem ist. Verkündigung in der Gemeinde bedeutet häufig, das Christsein zu problematisieren und Schwachpunkte in der Christusnachfolge anzusprechen. Wenn man so etwas über viele Jahre immer wieder hört, wird es schwierig, als Christ ein gewisses Selbstwertgefühl zu entwickeln und zu sagen: „Ja, ich bin etwas Wunderbares.“ Ich konnte Gottes Liebe nie genießen, weil ich immer unterschwellig den Eindruck hatte, dass sie mir ja eigentlich gar nicht zusteht. Gottes Liebe hatte für mich nichts damit zu tun, dass ich liebenswert wäre, sondern nur damit, dass Gott so toll und so tugendhaft ist. Ich konnte das Gefühl, geliebt zu sein, gar nicht an mich heranlassen. Ich glaube, dass das vielen Menschen so geht. Deshalb ist es wichtig, dass wir anfangen zu verstehen, was eigentlich das Größte und das Erste ist.
Die Bibel ist ja eigentlich eine Büchersammlung. Sie ist zustande gekommen, wo Gott sich Menschen offenbart hat, und enthält all die Gedanken, die Gott so über uns hat. Wenn er uns kein Buch gegeben hätte, sondern jeden einzelnen Menschen ununterbrochen individuell führen würde, dann wäre unser Leben vielleicht manches Mal einfacher. Doch nun haben wir alles, was Gott so denkt, in einem Buch: seine Ethik, seine Standards, seine Liebe. Wir haben eine unglaubliche Fülle an Gedanken. Jeder einzelne ist wichtig, alle sind Summanden, aber oftmals fehlt es uns an der Reihenfolge, wann was dran ist in unserem Leben. Und wenn wir das Pferd von hinten aufzäumen, wenn wir mit der Ethik beginnen und nicht mit der Liebe, kann es gar nicht anders sein, als dass wir uns unwürdig fühlen. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns dieses Thema einmal so richtig anschauen.
Gott liebt uns XXL. Wirklich. Bedingungslos. Gott sieht uns nicht kritisch. Er sieht uns nicht zerknirscht an und denkt: „Unglaublich, was für einen Pöbel ich da in meiner Gnade ertragen muss!“ Gott sieht uns so, wie er Jesus sieht: rein und geheiligt. Und er möchte, dass wir uns viel mehr lieben lassen, sodass auch in unserem Leben Veränderung geschehen kann. Liebe verändert Menschen. In 1. Johannes 2,5 heißt es:
Wer aber sein Wort hält, in dem ist wahrhaftig die Liebe Gottes vollkommen geworden.
Auch das könnte man ja wieder erpresserisch auslegen: „Willst du Gott lieben, alles klar, dann halt mal schön sein Wort.“ Aber das steht hier gar nicht! Was hier gesagt wird, ist: Wenn du Gottes Wort hältst oder wenn du in deinem eigenen Leben merkst: Ich komme weiter, ich verändere mich zu meinem Vorteil, ich werde Christus ähnlicher, dann ist das ein Beleg dafür, dass etwas in der Liebesbeziehung zwischen dir und Gott geschehen ist. Es ist ein Beleg dafür, dass du dich hast lieben lassen. Auf einmal stellst du fest: Ich halte ja sein Wort! Da gab es Dinge in deinem Leben, die waren ein Kampf. Die sind mal geglückt und mal nicht. Du wolltest den Anforderungen der Bibel gerecht werden. Du hast dich unter Druck gesetzt. Aber häufig kommen wir so nicht weiter (was nicht heißen soll, dass wir nicht auch manchmal Disziplin üben müssten). Wirkliche Veränderung erlebst du nur, wenn du zugelassen hast, dass Gottes Liebe dich ganz tief berühren durfte. Dann wirst du überrascht sein, was passiert.
Johannes schreibt in seinem ersten Brief noch etwas anderes zum Thema Liebe (1. Joh. 5,3):
Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten, und seine Gebote sind nicht schwer.
Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich über diesen Vers oft geärgert. Es ist schon schlimm genug, dass ich alle Gebote Gottes halten muss, aber dann am Ende noch gesagt zu kriegen, das wäre alles nicht schwer, das ist schon der Gipfel. Da ist jemand auf der Arbeit, der dir das Leben schwer macht und dem du am liebsten einmal eine gehörige Tracht Prügel verpassen würdest. Aber du bist ja Christ, und unter größter Anstrengung sagst du dir dann: „Nein, ich darf mich nicht rächen. Die Rache ist mein, spricht der Herr. Die Rache ist mein, spricht der Herr.“ Und dann kommt so ein kleiner Teufel und flüstert dir ins Ohr: „Aber er braucht auch einen gehorsamen Diener, um seinen Willen zu tun. Nimm die Latte!“ „Nein, das kann nicht sein!“ Uff, geschafft. Dann kommt der Johannes daher und sagt: „Seine Gebote sind nicht schwer.“ Das klingt zunächst schon so ein bisschen wie Hohn. Aber was wir hier haben, ist ein biblischer Gradmesser für unsere Liebesbeziehung zu Gott. Je schwerer uns seine Gebote fallen, desto mehr brauchen wir Wege, unser Herz aufzukriegen, damit wir uns lieben lassen können. Die Botschaft ist nicht: Bete mehr! Hör auf, schlecht über andere zu reden! Gib deinen Geiz auf und spende mehr! Krieg endlich mal deine Prioritäten auf die Reihe und arbeite mehr im Reich Gottes mit! Die Botschaft ist: Öffne dein Herz und lass dich lieben. Der Liebe Gottes können wir nicht widerstehen. Sie verändert unser Herz. Dann werden wir ihn lieben. Und je mehr wir ihn lieben, desto mehr werden wir merken, wie wir uns verändern. Alle Ermahnungen der Bibel geben uns eine Richtung vor, in die wir uns verändern können, hin zu dem, was Gott gefällt und was gut und richtig ist. Wir brauchen alle Gebote der Bibel, aber geistliches Leben geht nicht damit los, sie zu lesen und uns dann damit zu beschweren. Geistliches Leben beginnt damit, dass wir unser Herz öffnen und sagen: „Herr, ich brauche deine Liebe! Ich brauche deine bedingungslose Liebe!“ Und bedingungslose Liebe heißt: Ich bin geliebt, so wie ich bin.
Es gibt in einem unserer Lieder, die wir im Gottesdienst singen, eine Textzeile, die lautet: „Ich danke dir, dass du mich kennst und trotzdem liebst.“ Ich persönlich singe diese Zeile nicht gerne. Das ist für mich schon nicht mehr bedingungslos. Vielleicht höre ich das auch zu sehr mit meinen biografischen Ohren, aber ich will nicht trotzdem geliebt werden. „Ach, weißt du, Uwe, du bist zwar ein Trottel, aber ich bin ja so ein toller Gott. Ich liebe dich trotzdem!“ Das hätte für mich einen schalen Beigeschmack. Ich will glauben, dass Gott mich deshalb liebt, weil ich bin, wie ich bin. Weil er mich wirklich liebt. Weil er mich wirklich begehrt. Ja, er kennt die Dinge in meinem Leben, die sich fehlentwickelt haben. Ja, es gibt diesen Riss zwischen meinem Leben und dem Himmel. Gott kennt auch meine Baustellen. Aber er sieht das, was er gemeint hat, als er mich geschaffen hat. Er sieht dieses Herz, diesen Geist und diese Seele. Er sieht den Menschen, den er geschaffen hat. Und wenn er dich anschaut, dann schaut er dich mit Augen voller Liebe an. Und wenn du dann sagst: „Aber schau doch mal meine dunklen Stellen hier“, dann sagt er: „Schätzelein, das kriegen wir hin. Lass das mal meine Sorge sein. Am schnellsten kriegen wir deine Baustellen hin, wenn du erst mal aufhörst zu bauen. Leg einfach mal die Kelle beiseite und lass uns doch noch mal ganz von vorne anfangen. Komm, wir machen noch einmal Sonntagschule. Wir gehen noch einmal zurück in die erste Klasse und reden noch einmal darüber, dass ich dich bedingungslos liebe.“ „Aber Herr“, sagst du vielleicht, „du siehst diese Woche, und du siehst, was ich so verzapfe.“ „Ja, das sehe ich alles. Aber das interessiert mich im Moment gar nicht. Für mich gibt es im Moment nur eins: dass du verstehst, wie sehr ich dich liebe.“
Augustinus war einer der Kirchenväter, ein Mann des 4. Jahrhunderts. Ihm wird ein Ausspruch zugeschrieben, der mir sehr gefällt: „Liebe und dann tue, was du willst.“ Wenn Liebe da ist in deinem Leben, dann kannst du leben, wie du willst. Liebe verändert uns.
Es gibt in der Bibel einen Mann, über den ich immer schmunzele, wenn ich seine Geschichte lese, und zwar den Jakob. Jakob war ein ziemlich schräger Vogel, aber das macht ihn für mich auch ein Stück weit sympathisch. Er kauft (oder erpresst sich) von seinem Bruder den Erstgeburtssegen. Er will diesen Segen, koste es, was es wolle. Mit Hilfe seiner Mutter betrügt er dann noch seinen alten, blinden Vater und erschleicht sich so dessen Segen. Unaufrichtiger und gemeiner kann ein Mensch kaum sein. Die Aktion kam bei seinem Bruder nicht gut an, und so musste Jakob kurzfristig umziehen – in ein fernes Land. Er kommt zu seinem Onkel, dem Bruder seiner Mutter, und dort sieht er ein Mädchen. Er verknallt sich bis über beide Ohren, geht zu seinem Onkel und sagt: „Ich muss dieses Mädchen haben.“ „Kein Problem, kannst du haben. Machen wir einen Deal: Du arbeitest sieben Jahre für mich, dann bekommst du meine Tochter.“ „Sieben Jahre? Ganz schön lang. Aber kein Problem. Ich habe schon ein bisschen Berufserfahrung. Meine Mutter hat mir beigebracht, wie man Süppchen kocht, Linsensüppchen und so.“ Aber sein Onkel sagt: „Nein, das machen bei uns die Frauen. Ich meine richtige Arbeit. Draußen auf die Ziegenherden aufpassen und so.“ Da hat Jakob zunächst mal ein Problem. Er war nicht nur ein linker Vogel, sondern auch ein Weichei. Sein Bruder Esau war der Mann, der draußen gearbeitet hatte. Jakob war mehr für Hausarbeit zu haben. Jakobs Schwiegervater in spe sagt also: „Pass auf, Jakob, du kannst das Mädchen haben, aber vorher wird hier sieben Jahre lang hart geschuftet. Diese zarten Hände, die wirst du nicht mehr lange haben.“ In diesem Moment kippt die gesamte Geschichte. So wie ich den Jakob bis dahin kennengelernt habe, hätte ich mein Jahresgehalt darauf verwettet, dass er sich nie und nimmer darauf einlässt – oder wenn, dann nur zum Schein. Ich hätte gedacht, dass er sich schon wieder Gedanken darüber macht, wie er diesen Onkel übers Ohr hauen kann, sodass er am Ende das Mädchen hat, ohne dafür arbeiten zu müssen. Das größte Wunder ist für mich immer, wenn sich ein Mensch verändert, und an dieser Stelle geschieht für mich das vielleicht größte Wunder im ganzen Alten Testament. Dort heißt es (1. Mo. 29,20):
So diente Jakob um Rahel sieben Jahre lang, und sie kamen ihm vor wie einzelne Tage, so lieb hatte er sie.
Das ist, was Johannes mit „Das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten, und seine Gebote sind nicht schwer“ meint. Seine Gebote sind nicht schwer. Nichts ist irgendwie schwer, wenn es immer wieder damit beginnt, dass wir uns bedingungslos lieben lassen und dann einfach reagieren. Bei all dem ist Gott der Impulsgeber. Da, wo es mit unserer menschlichen Leistung losgeht, mit unserem Agieren, kommen wir ins Fahrwasser der Religion. Da werden wir freudlos, da wird das Leben frustrierend und wir geraten immer mehr in Schuld- und Unwürdigkeitsgefühle. Wir können uns nicht selbst erlösen. Das ist das Thema dieses Buches, und das ist meine Hoffnung für uns alle: dass wir entdecken, dass alles mit Gott und seiner Liebe losgeht.
Herr, lehre uns, lehre mich, mich lieben zu lassen. Dass ich nicht wieder direkt losrennen will, etwas zu tun. Lehre mich, mich wirklich deiner Liebe zu stellen, deine Liebe zu genießen, sie aufzusaugen wie ein Schwamm und zu staunen, wozu du in der Lage bist. Zu sehen, was du aus meinem Leben machen kannst.
Wenn ich das Evangelium richtig verstanden habe, dann geht es genau darum: Lass dich lieben und staune, was Gottes Liebe drauf hat. Und da, wo du sagst: „Das schaffe ich nie!“, lass die Liebe Gottes ran, dass sie dich durchtränkt. Die Liebe schafft das. Sie ist die größte Kraft des Universums.
Im letzten Kapitel haben wir gesehen, dass Gott zu lieben nicht nur das größte, sondern auch das erste Gebot Gottes für uns Menschen ist. Wir haben auch verstanden, dass wir das aus uns heraus gar nicht leisten können. Das mag zunächst unfair klingen, aber Gott hat uns einen Weg gezeigt, diese Liebe zu lernen: Wir müssen uns zuerst einmal von Gott lieben lassen. Unsere Liebe beginnt damit, dass wir ihm seine Liebe abnehmen. Wenn wir das tun, wird Gottes Liebe unser Herz verändern. Wir werden beginnen, ihn zu lieben, und aus dieser Quelle wächst alles andere an geistlichem Leben. Bei allem, was anderen Quellen entspringt, dürfen wir die Frage stellen, ob es nicht vielleicht religiös, seelisch oder sonst irgendwie motiviert ist. Selbst wenn es gut gemeint ist, wird es am Ende kraftlos bleiben. Da gibt es ja viele Anforderungen, die an uns Christen herangetragen werden. Du solltest mehr auf andere zugehen. Du solltest sozialer sein. Oder dankbarer. Oder was weiß ich. Es gibt Tausende von Anforderungen, die andere oder die wir selbst an uns stellen. Häufig kommen die dann so süß-sauer und religiös bei uns an. Das, was aus der Liebe Gottes heraus wächst, aus dem „Ich werde geliebt!“, entwickelt eine andere Dynamik. Diese Liebe verändert mein Leben. Da steckt Kraft dahinter.
Vielleicht sollte ich an dieser Stelle einmal klar sagen, dass ich selbst auch noch nicht da bin, wo ich gerne wäre. Ich sehe diese Wahrheit im Wort Gottes, schaue in mein eigenes Leben und merke, dass ich noch viel zu lernen habe. Wenn ich an diesen hohen Anspruch von der „größten Kraft des Universums“ denke, dann habe ich den
