Lieber Doktor, bitte melden - Nina Kayser-Darius - E-Book

Lieber Doktor, bitte melden E-Book

Nina Kayser-Darius

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Beschreibung

Mit den spannenden Arztromanen um die "Kurfürstenklinik" präsentiert sich eine neue Serie der Extraklasse! Diese Romane sind erfrischend modern geschrieben, abwechslungsreich gehalten und dabei warmherzig und ergreifend erzählt. Die "Kurfürstenklinik" ist eine Arztromanserie, die das gewisse Etwas hat und medizinisch in jeder Hinsicht seriös recherchiert ist. Nina Kayser-Darius ist eine besonders erfolgreiche Schriftstellerin für das Genre Arztroman, das in der Klinik angesiedelt ist. 100 populäre Titel über die Kurfürstenklinik sprechen für sich. Dr. Adrian Winter konnte sein Glück nicht fassen, als er an diesem Morgen die elegante Hotelbar betrat: Die schöne Stefanie Wagner saß kaum fünf Meter von ihm entfernt an einem Fenstertisch, der ihr zugleich einen guten Überblick über den gesamten Raum bot. Wie sehr hatte er gehofft, sie zu treffen, wenn er sich nach langer Zeit wieder einmal im Hotel King's Palace sehen ließ, wo sie als Assistentin des Direktors die heimliche Chefin war! Er hätte natürlich auch zu ihrem Büro gehen können, aber es war ihm lieber, ihr hier rein zufällig zu begegnen und dann mit ihr zusammen einen Kaffee zu trinken. Die Sache mit ihm und Stefanie Wagner war nicht so einfach, denn er war zwar völlig hingerissen von ihr, schon lange, doch über einige gemeinsame Restaurantbesuche waren sie nicht hinausgekommen, weil er wußte – oder besser, er glaubte zu wissen –, daß sie in festen Händen war. Seinen Gefühlen war das allerdings völlig gleichgültig. Und nun saß sie also wirklich vor ihm, allerdings war sie nicht allein. Sie unterhielt sich höchst angeregt mit einer blonden jungen Frau, die aussah wie ihre Schwester. In diesem Augenblick sah sie auf und erkannte ihn. Ihr strahlendes Lächeln verriet ihm, wie sehr auch sie sich über dieses Wiedersehen freute, und alle Gedanken an ihren dunkelhaarigen Freund – oder den Mann, den er für ihren Freund hielt – waren erst einmal vergessen. Mit raschen Schritten lief er zu ihrem Tisch. »Herr Winter, Sie kommen wie gerufen!«, sagte sie. Ja, sie siezten sich noch immer, aber wenigstens sagte

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Seitenzahl: 114

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Kurfürstenklinik – 37 –Lieber Doktor, bitte melden

Ohne ihn ist eine junge Patientin verloren

Nina Kayser-Darius

Dr. Adrian Winter konnte sein Glück nicht fassen, als er an diesem Morgen die elegante Hotelbar betrat: Die schöne Stefanie Wagner saß kaum fünf Meter von ihm entfernt an einem Fenstertisch, der ihr zugleich einen guten Überblick über den gesamten Raum bot.

Wie sehr hatte er gehofft, sie zu treffen, wenn er sich nach langer Zeit wieder einmal im Hotel King’s Palace sehen ließ, wo sie als Assistentin des Direktors die heimliche Chefin war! Er hätte natürlich auch zu ihrem Büro gehen können, aber es war ihm lieber, ihr hier rein zufällig zu begegnen und dann mit ihr zusammen einen Kaffee zu trinken.

Die Sache mit ihm und Stefanie Wagner war nicht so einfach, denn er war zwar völlig hingerissen von ihr, schon lange, doch über einige gemeinsame Restaurantbesuche waren sie nicht hinausgekommen, weil er wußte – oder besser, er glaubte zu wissen –, daß sie in festen Händen war. Seinen Gefühlen war das allerdings völlig gleichgültig.

Und nun saß sie also wirklich vor ihm, allerdings war sie nicht allein. Sie unterhielt sich höchst angeregt mit einer blonden jungen Frau, die aussah wie ihre Schwester. In diesem Augenblick sah sie auf und erkannte ihn. Ihr strahlendes Lächeln verriet ihm, wie sehr auch sie sich über dieses Wiedersehen freute, und alle Gedanken an ihren dunkelhaarigen Freund – oder den Mann, den er für ihren Freund hielt – waren erst einmal vergessen. Mit raschen Schritten lief er zu ihrem Tisch.

»Herr Winter, Sie kommen wie gerufen!«, sagte sie.

Ja, sie siezten sich noch immer, aber wenigstens sagte sie nicht mehr »Herr Dr. Winter«, seit er sie darum gebeten hatte, das war zumindest ein Fortschritt, wenn auch nur ein kleiner.

»Darf ich Ihnen meine Freundin Nadja Brebeck vorstellen? Nadja, das ist Herr Dr. Winter, er leitet die Notaufnahme der Kurfürsten-Klinik in Charlottenburg und ist hier in Berlin ein ziemlich bekannter Mann.«

»Übertreiben Sie nicht, Frau Wagner«, wehrte Adrian bescheiden ab und wandte sich ihrer Begleiterin zu. Sie war, wie er jetzt sah, ein paar Jahre jünger als Stefanie und von geradezu durchscheinender Blässe. Ihre Haare waren so hell wie Stefanies, allerdings trug sie sie ein wenig kürzer, und ihre Augen waren dunkler. Dennoch hätten die beiden Frauen tatsächlich Schwestern sein können, dieser erste Eindruck hatte ihn nicht getrogen.

Er schüttelte Nadja Brebeck die Hand und sagte: »Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Frau Brebeck. Hoffentlich störe ich nicht? Ich hatte natürlich gehofft, Sie zu treffen, Frau Wagner – aber Sie beide haben einander ja sicher eine Menge zu erzählen.«

»Dazu haben wir noch jede Menge Zeit«, versicherte Stefanie lebhaft und warf ihre blonden Locken mit Schwung nach hinten. »Nicht, Nadja?«

Ihre Freundin nickte. Bisher hatte sie noch kein Wort gesagt.

Stefanies veilchenfarbene Augen, die seiner Ansicht nach das Schönste an ihrem Gesicht waren, richteten sich auf Adrian, als sie nun fortfuhr: »Ich sagte Ihnen doch, Sie kommen wie gerufen. Das war mein Ernst, ich habe es nicht nur so dahingesagt. Bitte, setzen Sie sich. Was möchten Sie trinken? Einen Espresso? Einen großen?

»Ja, bitte.«

Er wartete, bis sie dem Kellner über mehrere Meter Entfernung hinweg signalisiert hatte, was er bringen sollte, dann fragte er: »Und warum komme ich wie gerufen?«

»Nadja sieht schrecklich blaß aus, finden Sie nicht? Sie sollte sich untersuchen lassen, aber sie weigert sich hartnäckig. Sie hat kein Vertrauen zu Ihren Kollegen, Herr Winter. Sie als Arzt haben vielleicht die besseren Argumente – ich bin allmählich mit meinem Latein am Ende, sie will einfach nicht auf mich hören.«

Adrian lachte und wandte sich an Nadja Brebeck. »Frau Wagner setzt Sie also ordentlich unter Druck?« fragte er. »Wehren Sie sich, sonst gehen Sie unter.«

Ein erstaunter Blick traf ihn. Offenbar hatte die junge Frau mit einer anderen Reaktion gerechnet. Ihre nächsten Worte bestätigten das. »Gegen Steffi kann man sich nicht wehren«, sagte Nadja Brebeck. »Und ich dachte eigentlich, gegen Ärzte auch nicht. Sind Sie eine Ausnahme – oder weshalb haben Sie jetzt nicht sofort angefangen, mir einen Vortrag darüber zu halten, daß es wichtig ist, sich regelmäßig untersuchen zu lassen?«

»Ich weiß nicht, ob ich eine Ausnahme bin«, antwortete er. »Aber eins weiß ich sicher: Daß es völlig unsinnig ist, Ihnen etwas einreden zu wollen. So leicht lassen sich Überzeugungen nicht aus der Welt schaffen. Allerdings würde es mich interessieren zu erfahren, warum Sie so wenig von uns Ärzten halten.«

Stefanie Wagner folgte diesem Wortwechsel aufmerksam, mischte sich jedoch nicht ein. Ihr Gesicht war jetzt allerdings ernst, der Übermut in ihren Augen verschwand, als Adrian seine Frage gestellt hatte.

»Meine Mutter ist wegen der Unfähigkeit einiger Ihrer Kollegen gestorben«, antwortete Nadja knapp. »Sie hatte Krebs, den man früher hätte erkennen müssen. Ohne die Schlamperei der Mediziner hätte sie noch lange leben können. Sie ist regelmäßig zur Krebsvorsorge gegangen – völlig umsonst.«

Adrian blickte unwillkürlich zu Stefanie hinüber, diese nickte kaum merklich – die Geschichte schien also zu stimmen. Ruhig sagte er: »Das kommt vor, ich weiß. Es hilft wenig, wenn ich Ihnen sage, daß es in jedem Beruf einen gewissen Prozentsatz an Leuten gibt, die ihn nicht so gut beherrschen, wie man das eigentlich erwarten sollte.«

»Das hilft allerdings wenig!«, unterbrach sie ihn heftig. »Wenn ein Handwerker schlecht arbeitet, dann ärgere ich mich vielleicht über einen schiefen Tisch oder ein undichtes Dach. Aber bei einem Arzt kann ein Fehler Menschenleben kosten – das kann man nicht miteinander vergleichen, finde ich.«

Er nickte zustimmend. »Das sehe ich genauso, Frau Brebeck. Aber es wird nicht zu verhindern sein. Auch Lokführer machen Fehler, die Menschenleben kosten – das heißt dann hinterher ›menschliches Versagen‹. Wir sind nun einmal nicht vollkommen und werden es auch niemals sein. Das ist bedauerlich, in einzelnen Fällen sogar ausgesprochen tragisch, aber es wird sich dennoch nicht abstellen lassen.«

Er beugte sich ein wenig vor. »Sehen Sie, ich bilde mir ein, kein schlechter Arzt zu sein. Dennoch würde ich niemals behaupten, daß ich keine Fehler mache. Das wäre unmenschlich – jeder Mensch macht Fehler, auch jeder Arzt. Man kann nur hoffen, daß man die Fehler rechtzeitig entdeckt oder daß es Kollegen gibt, die einen darauf hinweisen, bevor größerer Schaden angerichtet wurde. Aber manchmal gelingt das nicht. Wenn wir alle – und da spreche ich für viele Kolleginnen und Kollegen, das können Sie mir glauben –, unserer Angst vor Fehlern, die wir eventuell machen könnten, nachgeben würden, dann würde kein schwieriger Eingriff mehr vorgenommen, weil er immer auch zugleich ein Risiko bedeutet.«

Es dauerte einige Augenblicke, bis Nadja antwortete. »Der Unterschied zwischen Ihnen, Herr Dr. Winter, und den Ärzten, die meine Mutter behandelt haben, ist, daß Sie sich vorstellen können, einen Fehler zu machen. Und wenn Sie einen gemacht haben, dann geben Sie ihn vielleicht sogar zu. Ihre Kollegen dagegen, die meine Mutter auf dem Gewissen haben, sahen sich selbst als Halbgötter, denen keine Fehler unterlaufen. Und das ist es, was meine Verbitterung noch größer macht. Freiwillig – das habe ich mir damals geschworen – freiwillig begebe ich mich nicht mehr in ärztliche Behandlung. Sollte ich jemals operiert werden müssen, so wird man mich ins Krankenhaus tragen müssen.«

Stefanie Wagner blieb noch immer stumm, aber nach diesen Worten legte sie ihrer Freundin, liebevoll und beruhigend zugleich, eine Hand auf den Arm.

»Schon gut, Steffi«, murmelte Nadja, »du weißt ja, bei diesem Thema gehen immer die Pferde mit mir durch. Ich bin schon still.« Mit diesen Worten zog sie ihren Arm unauffällig zurück. Sie hatte schon wieder erhöhte Temperatur, wie so häufig in letzter Zeit. Es war nicht nötig, daß ihre Freundin das bemerkte. Es hätte ihre Sorgen nur vergrößert und die Diskussion um ihre Gesundheit aufs Neue entfacht. Auch von ihren Gelenkschmerzen hatte Nadja kein Wort verlauten lassen, und sie war sehr froh darüber. Wenn sich Steffi schon über ein bißchen Blässe so aufregte...

»Sie müssen gar nicht still sein«, meinte Adrian Winter nun und unterbrach damit Nadjas Gedanken. »Für mich ist es interessant, eine so extreme Meinung zu hören. Ich bin solchen Ärzten, wie Sie sie eben beschrieben haben, Frau Brebeck, gelegentlich auch schon begegnet, muß ich sagen – und ich habe ähnlich darauf reagiert wie Sie. Aber die große Mehrheit ist anders, das kann ich Ihnen versichern.«

»Mag ja sein, aber meine Erfahrungen sind leider so, wie sie sind: Über die Maßen schlecht nämlich. Und meine Mutter ist tot, daran ist nichts mehr zu ändern. Nie mehr.« Die Stimme der jungen Frau war hart geworden. Als sie nun schwieg, preßte sie die Lippen fest zusammen.

Er sah sie an und stellte fest, daß ihre Blässe tatsächlich ungewöhnlich und durchaus besorgniserregend war – doch er würde sich hüten, dazu etwas zu sagen. Es war ihre Angelegenheit, auch wenn Stefanie Wagner ihn gebeten hatte, ihre Freundin von der Notwendigkeit eines Arztbesuchs zu überzeugen.

In diesem Augenblick entspannte sich Nadja Brebeck, und sie sagte lächelnd: »Entschuldigen Sie, Herr Dr. Winter – ich habe keinen Grund, mich Ihnen gegenüber so zu äußern. Schade, daß ich Sie nicht früher kennengelernt habe. Vielleicht hätte ich dann jetzt eine andere Einstellung gegenüber Medizinern.«

»Ja«, sagte Stefanie, »und vielleicht ließest du dich dann sogar davon überzeugen, daß du dich einmal gründlich untersuchen lassen solltest. Du siehst blutarm aus, Nadja. Anämisch.«

Nadja beugte sich zu ihr herüber und gab ihr einen Kuß auf die Wange. »Danke, daß du dir Sorgen um mich machst, aber ich kann normalerweise ganz gut auf mich selbst aufpassen.«

Stefanie stieß einen langen Seufzer aus. »Ist sie nicht schrecklich dickköpfig, Herr Winter? Sie ist fünf Jahre jünger als ich und sollte eigentlich auf mich hören, aber sie denkt überhaupt nicht daran!«

Adrian lachte. »Eigentlich hat sie Recht, finde ich. Sie würden sich auch nicht von einer Freundin zum Arzt schicken lassen, Frau Wagner – oder etwa doch?«

»Sie sind ein Verräter!«, rief Stefanie mit gespielter Empörung. »Sie sollten mir helfen und mir nicht auch noch in den Rücken fallen!«

Nadja verfolgte das Geplänkel amüsiert, und stellte fest, daß dieser Adrian Winter tatsächlich ein außerordentlich sympathischer Mann war. Wenn er auch noch ein guter Arzt war, wie Stefanie behauptet hatte, dann mußte er tatsächlich etwas ganz Besonderes sein.

*

»Herr Dr. Jensen – können Sie bitte mal schnell kommen? Ein kleiner Junge hat etwas verschluckt – er ist schon ganz blau im Gesicht! Er hat mit Murmeln gespielt und dabei ist es passiert!« Schwester Marianne, eine korpulente Sechzigjährige, stand heftig keuchend vor dem jungen Arzt, so schnell war sie gelaufen, um ihn zu Hilfe zu holen.

Niko Jensen arbeitete erst seit zwei Monaten in der Notaufnahme der Holsten-Klinik in Berlin-Kreuzberg. Er war ein attraktiver junger Mann von dreißig Jahren, in den bereits sämtliche jungen Schwestern der Klinik rettungslos verliebt waren – was er jedoch noch gar nicht bemerkt hatte. Er war so begeistert darüber, endlich als Arzt arbeiten zu können, daß alles andere ihm vergleichsweise unwichtig erschien.

Er strich sich über die modisch kurz geschnittenen Haare, während er Schwester Marianne zuhörte, und seine strahlend blauen Augen, die zu den dunklen Haaren einen interessanten Kontrast bildeten, waren aufmerksam auf sie gerichtet. Er war groß und schlank und beugte sich ein wenig zu der eher kleinen, ziemlich korpulenten Schwester hinunter. Kaum hatte er jedoch gehört, worum es ging, als er sich auch schon in Bewegung setzte.

Er eilte hinter Schwester Marianne her und beugte sich gleich darauf über einen etwa dreijährigen Jungen, der verzweifelt nach Luft rang. Ohne zu zögern drückte er dem Kind den Kiefer auseinander, griff beherzt in seinen Hals und hatte gleich darauf eine Murmel in der Hand. »Da haben wir den Übeltäter!« sagte er.

Die Schwester sah ihn bewundernd an, während der Junge keuchte und würgte, sich aber ganz offensichtlich bereits erholte.

»Geben Sie ihm ein Glas Wasser zu trinken und behalten Sie ihn so lange hier, bis es ihm wieder richtig gutgeht. Die Mutter soll in Zukunft besser auf ihn aufpassen!«

Mit diesen Worten wandte er sich bereits seinem nächsten Patienten zu, einem alten Mann, der unter Asthma litt. Lauter Menschen mit Atemproblemen, dachte er, während er dem Mann eine Sauerstoffmaske aufsetzte und ihm beruhigend zusprach. Auch der alte Mann erholte sich recht schnell, genau wie der kleine Junge zuvor.

Niko war mit Leib und Seele Arzt, und er war froh, daß er hier in der Notaufnahme so viele und so unterschiedliche Erfahrungen sammeln konnte. Lieber wäre es ihm freilich gewesen, man hätte ihn an der Kurfürsten-Klinik angenommen, doch dort war er mit seiner Bewerbung zu spät gekommen. Der Personalchef hatte das bedauert und ihm versichert, wie gern er ihn genommen hätte, doch dann hätte Niko sich noch mindestens ein halbes Jahr gedulden müssen, das war ihm zu lang gewesen.

Mittlerweile hatte er sich mit seinem Schicksal ausgesöhnt. Die Holsten-Klinik war viel kleiner und nicht ganz so modern ausgerüstet wie die Kurfürsten-Klinik, aber er wurde hier ständig gefordert, weil das Personal sehr knapp war. Ihm war das nur recht, während seine Kollegen fast immer wegen der hohen Arbeitsbelastung stöhnten. Nun ja, in einigen Jahren würde es ihm vielleicht genauso gehen, aber noch war er geradezu gierig auf Arbeit, er konnte gar nicht genug davon bekommen.

»Herr Dr. Jensen!« Es war erneut die unermüdliche Schwester Marianne. »Ein Schlaganfall, bitte kommen Sie schnell.«

Er folgte ihr. Manchmal konnte er es kaum glauben, daß er es wirklich geschafft hatte, seinen Kindertraum zu verwirklichen: Er hatte immer Arzt werden wollen. Und nun war er Arzt. Er konnte Schmerzen lindern, Krankheiten heilen und im besten Fall Menschenleben retten. Tatsächlich, er hatte allen Grund, glücklich zu sein.

*

»Ohne Adrian ist diese Notaufnahme irgendwie unvollständig«, stellte Dr. Bernd Schäfer fest. Der ein wenig übergewichtige junge Assistenzarzt untersuchte gerade mit seiner attraktiven älteren Kollegin, der Internistin Julia Martensen, eine junge Frau, die durch den Angriff eines Rottweilers böse Verletzungen davongetragen hatte. Zum Glück war keine davon lebensgefährlich, aber der Hund hatte sie übel zugerichtet. Sie hatten ihr bereits eine Spritze gegen ihre starken Schmerzen gegeben, davon war sie halb eingeschlafen.