Lieber woanders - Marion Brasch - E-Book

Lieber woanders E-Book

Marion Brasch

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Beschreibung

Toni und Alex kennen sich nicht und sind doch auf verhängnisvolle Weise miteinander verbunden. Toni leidet unter dem Verlust ihres kleinen Bruders, für dessen Tod sie sich verantwortlich macht. Alex führt ein Doppelleben und trägt an einer Schuld, über die er nie gesprochen hat. 24 Stunden bewegen sich die beiden aufeinander zu, bis sich ihre Wege trotz skurriler Begegnungen und komischer Zwischenfälle schließlich kreuzen. Marion Brasch erzählt diese Geschichte vom Leben und Überleben in einem klaren, aufmüpfigen und warmen Ton und mit großem Gespür für die Augenblicke, die über Glück oder Unglück entscheiden.

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Seitenzahl: 152

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Marion Brasch

Lieber woanders

Roman

FISCHER E-Books

»Zufall? Schicksal? Oder einfach Mathematik, eine praktische Illustration der Wahrscheinlichkeitstheorie.«

Paul Auster

»So ist das Leben.«

Anonym

Der Plan ist ganz einfach: Da sind zwei Leute an verschiedenen Orten. In den nächsten vierundzwanzig Stunden werden sie sich aufeinander zubewegen, ob sie wollen oder nicht. Wobei das mit dem Wollen natürlich Quatsch ist, denn die beiden wissen ja nicht, dass sie sich begegnen werden. Und sie haben auch keine Ahnung, dass es nicht das erste Mal sein wird. Das wissen zum jetzigen Zeitpunkt nur Sie und ich. Wobei der jetzige Zeitpunkt für Sie zum jetzigen Zeitpunkt natürlich ein ganz anderer sein wird als für mich zum jetzigen Zeitpunkt.

Vielleicht wird Ihnen das eine oder andere bekannt vorkommen, vielleicht werden Sie Charakteren begegnen, die Sie schon mal anderswo getroffen haben. Doch lassen Sie sich nicht täuschen, manchmal spielt uns die Erinnerung einen Streich, schlägt uns ein Schnippchen, gaukelt uns etwas vor. Das ist in den echten Geschichten genauso wie in den erfundenen. Und diese hier ist eine echte erfundene. Sie beginnt an einem Freitag im Oktober. Ein für die Jahreszeit ungewöhnlich warmer Tag, die Sonne scheint, 24 Grad im Schatten. Es ist 16.47 Uhr.

Toni sitzt auf ihrem alten Moped und fährt die Landstraße entlang. Langsamer als sonst, um den gutmütigen Fahrtwind und die vielleicht letzten warmen Sonnenstrahlen auszukosten. Es geht ihr gut. Hinter der Bushaltestelle des Dorfes lungern wie immer ein paar halbwüchsige Jungs herum, rauchen und kicken gelangweilt eine leere Dose hin und her. Der Kräftigste unter ihnen ist der Anführer der Clique und rempelt die anderen immer weg. Vermutlich würde er auch als Erwachsener mal ein übler Rempler werden. Aus Arschlochkindern werden Arschlocherwachsene, denkt Toni, biegt hinter der Bushaltestelle in eine kleine Straße ein, fährt an der alten Schule vorbei und stellt das Moped vor ihrem Wohnwagen ab. Sie holt sich eine kalte Cola von drinnen und geht nach hinten in den Garten, in dem alles wächst, was sie braucht. Sie wässert die Beete mit dem Schlauch und legt sich in die Hängematte, die zwischen zwei Bäumen gespannt ist. Hier lebt sie jetzt schon seit sechs Jahren, und sie lebt gern hier. Den Wohnwagen hat ihr Karl überlassen. Ihr großer ferner Freund Karl, der sie damals vor dem Ertrinken gerettet hat, als sie weit weg vom Ufer auf hoher See verlorengegangen war. Bildlich gesprochen. Denn sie war noch nie auf hoher See, hat es bis jetzt nur einmal in die große Stadt geschafft. Aber das ist eine andere Geschichte und lange her. Toni schaukelt in der Hängematte und döst.

*

Alex schleppt eine Verstärkerbox in den Saal, in dem die Band heute spielen wird. Er wäre jetzt lieber woanders. Bei der Frau, bei der er heute früh noch war und die nicht seine Frau und nicht die Mutter seiner Tochter ist. Sie ist die andere Frau. Er liebt seine Familie, und er liebt die andere Frau. Vielleicht wird er sie heute Abend noch mal sehen, nach dem Konzert der Band, deren Musik er nicht mag, aber die Bezahlung ist okay. Nachdem er seinen alten Job aufgegeben hatte, war das hier das Beste, was ihm passieren konnte. Nur nicht rumsitzen, nur nicht nachdenken müssen.

Er setzt die Box auf der Bühne ab, schiebt das Basecap in den Nacken und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Viel zu warm für diese Jahreszeit. Ein Bier wäre jetzt gut. Aber erst mal das hier. Sie sind heute nur zu dritt, der vierte Roadie ist noch nicht aufgekreuzt, weiß der Geier, warum. Hat auch kein Handy, der Typ. Wie kann man in diesem Job kein Handy haben. Alex zieht sein Telefon aus der Tasche. 16.58 Uhr, drei Anrufe in Abwesenheit und eine SMS von seiner Frau. Ruf bitte dringend zurück.

*

Ein Vogel tschilpt im Baum. Toni hat nichts gegen Vögel, aber dieses Tschilpen geht ihr auf die Nerven. Es erinnert sie an etwas, an das sie nicht erinnert werden will. »Hau ab, du Vogel«, sagt sie. Der Vogel bleibt und tschilpt unbeeindruckt weiter. Scheißvogel, denkt Toni und nimmt einen Schluck aus der Colaflasche. Morgen wird sie in die große Stadt fahren und die Verlagsfrau treffen, die ihre Bilder gut findet und ein Buch daraus machen will. Verrückte Sache. Hätte ihr das jemand noch vor ein paar Wochen gesagt, hätte sie ihm einen Vogel gezeigt. Tschilp. »Halt die Fresse, Idiotenvogel«, sagt Toni, steht auf, pflückt zwei Tomaten und geht in den Wohnwagen. Sie wird die Zeichnungen gleich noch mal durchgucken und dann zur Schicht beim Schönen Ringo fahren. Seit ein paar Wochen hilft sie wieder manchmal bei ihm aus. Sie braucht das Geld für die Reise nach Neuseeland. Da wollte sie schon immer hin, und hier hält sie nichts mehr. Nicht nach diesem Sommer.

Sie schlägt zwei Eier in eine Schüssel, schneidet die Tomaten und lässt Butter in der Pfanne zerlaufen. Wenn sie morgen in der Stadt ist, wird sie auch ihren Vater treffen. Eigentlich hat sie keine Lust, ihn zu sehen, doch er gibt ihr was dazu für Neuseeland. Das sei doch selbstverständlich, hat er am Telefon gesagt. Und wie er sich freue, sie endlich mal wieder zu sehen, es sei jetzt schon so lange her, und es gebe so viel zu besprechen. Na gut, wenn er meint.

Toni gießt den Inhalt der Schüssel in die Pfanne, rührt und schaut aus dem Fenster. Sie findet nicht, dass es was zu besprechen gibt.

*

Alex sitzt vor der Konzerthalle, raucht und wählt die Nummer seiner Frau.

»Wird aber auch Zeit, ich dachte, du meldest dich gar nicht mehr.«

»Wir haben Aufbau, weißt doch, dass da Stress ist. Was ist denn los?«

»Anna liegt im Krankenhaus, Blinddarm. Kannst du kommen?«

»O nein! Verdammt …«

»Ja. Verdammt. Also kannst du kommen?«

»Aber … wir sind auf Tour. Ich kann doch jetzt nicht –«

»Menschenskind, Alex. Deine Tochter ist krank, da kannst du doch deine komische Tour mal unterbrechen.«

Nervös zieht er an seiner Zigarette. Komische Tour. Er hasst es, wenn seine Frau so von seiner Arbeit spricht.

»Ist ja gut, ich komme. Nach dem Abbau fahr ich los. Aber wir sind nur zu dritt heute, kann also dauern, bis ich da bin.«

»Gut. Bis dann.«

»Bis dann.«

Seine kleine Anna. Blinddarm ist keine große Sache, aber sie ist doch so zart und viel zu klein für ihre neun Jahre. Er schreibt eine SMS an die andere Frau. Er könne heute nicht mehr kommen, seine Tochter sei krank, er melde sich. Er liebe sie. Er steckt das Telefon ein, tritt die Kippe aus und geht zurück in die Halle.

*

Toni sitzt kauend am Tisch und blättert in der Zeichenmappe. Ihr ist immer noch nicht klar, was die Verlagsfrau an den Sachen findet, ist doch nur Krickelkrakel. Strichleute. Dicke blonde Frauen beim Zähneputzen, sommersprossige Punks beim Biertrinken, nachdenkliche Herren auf dem Klo und diverse Phantasiegestalten, die sie Dunkelmunk, Hüpfbär oder Große Popeline genannt hat. Am besten hatte der Frau das kleine Mädchen gefallen, das Winterkind heißt, eine rote Pudelmütze trägt und einen Gefährten namens Herr Jemineh hat, der in ihrer Manteltasche wohnt. Herr Jemineh ist ein fingerlanger Mann mit Hut und heruntergezogenen Mundwinkeln, weil er so viel jammert. Obwohl Herr Jemineh meist schlecht gelaunt ist, ist er der einzige Freund, den Winterkind hat. Und manchmal hat er eine Idee, wenn das Mädchen nicht weiterweiß. Toni hatte sich eine Geschichte für die beiden ausgedacht, in der sie durch die Welt wandern und Abenteuer erleben. Diese Geschichte fand die Verlagsfrau gut, und jetzt will sie ein Buch daraus machen. Morgen wollen sie darüber sprechen.

Sie blättert weiter zu einer Zeichnung, die einen Mann zeigt, der mit leichten O-Beinen etwas verloren in der Gegend herumsteht, sich den Kopf unter seinem Hut kratzt und einen fragenden Gesichtsausdruck hat. »Guckst’n so doof, Hutmann«, schmatzt sie. »Is doch nur wegen dir.«

*

Alex rückt die letzte Monitorbox gerade und gibt dem Techniker hinter dem Mixer ein Zeichen, dass alles für den Soundcheck bereit sei. Jetzt gibt es erst mal nichts mehr zu tun. Trotz des Fehlens des vierten Kollegen sind sie mit dem Aufbau rechtzeitig fertig geworden. Er geht zum Truck, vor dem bereits die beiden anderen Roadies in Campingstühlen sitzen und das erste Bier des Abends trinken. Er zieht sich ebenfalls ein Bier aus dem Kasten und setzt sich schweigend dazu. Hinter der Halle legt sich langsam die Dämmerung über die Stadt. Wer hätte gedacht, dass es Mitte Oktober noch so warm ist. Er denkt an die andere Frau, die er heute nicht mehr sehen würde. Und er erschrickt bei dem Gedanken, dass er zuerst an sie denkt und nicht an seine kranke Tochter. Aber es ist ja nur Blinddarm, nicht so dramatisch. Hatte er auch schon. Das einzige Mal, dass er im Krankenhaus lag. Und auch sonst hatte er kaum eins von innen gesehen. Nur zur Geburt seiner Tochter und bei der Sache mit seiner Mutter. Das war schlimm. Sie hatte ihn angerufen, ihr sei so komisch, ob er nicht schnell kommen könne. Er fand sie auf dem Boden, sie atmete nicht mehr. Krankenwagen, Krankenhaus, als sie ankamen, war sie tot.

Alex nimmt einen Schluck aus der Flasche, zieht seine Brieftasche aus der Hose und holt das Foto seiner Tochter hervor. Hübsch ist sie. Hat die Augen der Mutter, und die Nase auch. »Die Nase hab ich von Mama und die Popel von dir«, sagt sie oft. Frech ist sie. Hübsch und frech und lustig. Und viel zu zart für eine Operation. Er streicht mit dem Finger sanft über das Bild. Morgen früh bin ich da, Süße.

*

Toni stellt das Moped vor der Dorfkneipe ab und geht hinein. Durch die Fenster der Gaststube quälen sich die letzten Sonnenstrahlen und legen den Raum in schummriges Licht. An einem Tisch sitzen vier Männer beim Bier, sie spielen Karten, während der Schöne Ringo hinter dem Tresen Gläser spült – ein drahtiger Kerl mit nach hinten gegeltem Haar, schmalem Menjou-Bärtchen und Koteletten, die weit in sein kantiges Gesicht hineinwachsen. Sein Hemd ist so blendend weiß wie sein Gebiss, dem jedoch ein Vorderzahn fehlt. Den habe er bei einem Handgemenge in Palermo verloren, wie er nicht müde wird zu erzählen. Kein Mensch glaubt ihm, aber alle hören fasziniert zu, wenn er mal wieder eine seiner Räuberpistolen loslässt. Der große Schäferhund, der eben noch vor dem Tresen gedöst hat, läuft schwanzwedelnd auf Toni zu und springt freudig an ihr hoch.

»Na, Amsel? Du kleine Motte? Was macht die Kunst?« Sie streichelt den Kopf des Tieres, geht hinüber zu den kartenspielenden Männern, klopft auf die Tischplatte, sie erwidern den Gruß und wenden sich wieder ihrem Spiel zu.

»Bist spät dran heute, Toni-Kind«, sagt der Wirt, ohne von seiner Arbeit aufzusehen.

»Mann Ringo, is doch erst fünf nach sieben. Und is doch auch noch gar nix los hier.« Ringo trocknet sich kopfschüttelnd die Hände ab. »Schichtbeginn ist um sieben, Fräulein. Und ob was los ist oder nicht, entscheide immer noch ich, klar?«

»Klar, Ringo. Du entscheidest. Wenn einer entscheidet, dann du.«

Toni verschwindet nach hinten in die Küche. Ringo grinst. Er mag Toni, kann ihr nichts übelnehmen. Hat’s ja auch nicht leicht gehabt, das Mädchen. Der Wirt seufzt und begrüßt den Mann, der den Schankraum betritt und der trotz des warmen Wetters eine fellbesetzte Jacke trägt. Niemand aus der Gegend. Der Fremde schaut sich um und setzt sich schließlich an einen der leeren Tische am Fenster. »Kundschaft, Toni«, ruft Ringo nach hinten. Toni kommt aus der Küche und geht zu dem neuen Gast. Schöne Jacke, denkt sie. Irgendwoher kenn ich die. Aber sie erinnert sich nicht.

*

Das Bier drückt auf die Blase. Alex geht in den Garderobenbereich der Halle, wo ihn eine junge Frau fast umrennt, das Gesicht tränenverschmiert. Er kennt sie, sie gehört zum Bassisten und geht manchmal mit auf Tour. Was ist heute bloß los, denkt Alex. Und wo bloß der vierte Roadie bleibt, wenn der nicht kommt, dauert das ewig mit dem Abbau, und der letzte Zug nach Hause ist weg. Der Bassist kommt ihm entgegen, sieht genervt aus. Oder besorgt. Oder beides. Alex zeigt ihm die Richtung, in die seine Freundin gelaufen ist, und schaut ihm hinterher. Sein Telefon klingelt. Es ist die andere Frau.

»Stör ich dich grad?«

»Nee, is okay.«

»Was hat deine Kleine?«

»Blinddarm. Wird morgen operiert.«

»Oh. Das tut mir leid.«

»Ja, mir auch. Aber wird schon gutgehen.«

»Ja, ganz bestimmt. Und wir sehen uns, wenn es gutgegangen ist, okay?«

Sie ist immer so verständnisvoll.

»Ja klar. Ich melde mich.«

»Mach dir keine Gedanken, ich bin morgen auch noch da, und ich geh auch nicht weg.«

Manchmal nervt ihn, dass sie so verständnisvoll ist.

»Ja, ich weiß. Danke.«

Sie könnte ja auch mal sauer sein oder beleidigt, aber nein, sie ist immer so lieb.

»Mach’s gut, Alex. Ich drück dir die Daumen.«

»Danke, ich meld mich.«

Er steckt das Telefon ein und geht pinkeln.

*

Der Schankraum ist jetzt voll. Eigentlich immer um die Zeit. Ringos Kneipe ist die einzige in der Gegend, in der man abends noch etwas essen kann. Immer zwei Gerichte, was Handfestes und eine Suppe. Heute gibt’s Gefüllte Paprikaschote und Grüne Bohnen. Toni liebt Grüne Bohnen, hat ihre Oma immer gemacht, wenn sie in den Ferien bei ihr zu Besuch war. Bei ihr durfte Toni alles, was sie zu Hause nicht durfte: Kaffee trinken, fernsehen und lange aufbleiben. Und sie durfte die Zigaretten drehen, die ihre Oma dann in eine perlmutterne Zigarettenspitze steckte und elegant rauchte wie die Damen in den alten Filmen, die sie immer gemeinsam schauten. Wenn ihre Mutter davon gewusst hätte, wäre sie ausgerastet. Wer weiß, vielleicht ahnte sie auch was, aber hat nichts gesagt, weil sie wusste, dass es nichts bringt. Nur als Toni mal mit einem Kreuzkettchen von ihrer Oma zurückgekommen ist, hat ihre Mutter einen Aufstand gemacht. Was ihr einfalle, der Tochter ihren blöden Gott aufzuzwingen. War doch nur eine Kette, Toni war zehn, und Gott war ihr egal.

Die Köchin schiebt ihr einen Teller Suppe und zwei Paprikaschoten rüber, Toni saugt den Duft der Grünen Bohnen ein und trägt die Teller in die Gaststube.

*

Alex sitzt vorm Truck, raucht und löst ein Sudoku. Die Halle ist voll, die Band spielt, die Leute sind gut drauf. Ist nicht immer so. Vorgestern hatten sie einen Gig, da war der Wurm drin. Mikro kaputt, Sound miserabel, Sänger neben der Spur, es hakte überall, und am Ende war die Halle nur noch halbvoll. Passiert eben, sie sind zu lang im Geschäft, um sich das noch zu Herzen zu nehmen. Wobei er noch nicht so lange dabei ist, vier Jahre erst. Früher hatte er selbst eine Band, aber die taugte nicht viel, hat nur Cover gespielt und manchmal zum Tanz. Na ja, sein Talent auf der Gitarre hat sich auch in Grenzen gehalten. Wenn er in etwas gut war, dann in Naturwissenschaften. Mathe und Physik – das war in der Schule sein Ding. Aber am Ende hat’s dann doch nur zum Autoklempner gereicht. Manchmal ärgert er sich, dass er nicht ehrgeiziger gewesen ist. Er hätte studieren können. Quantenphysik, Wahrscheinlichkeitstheorie, dieses ganze faszinierende Zeug, das wär’s gewesen. Aber vorbei ist vorbei, man soll sich zufriedengeben mit dem, was man hat. Und er hat immer ein Heft mit schweren Sudokus dabei. Er setzt die letzte Zahl in das Feld und wendet sich dem nächsten zu.

*

Die Stoßzeit in der Kneipe ist vorbei, Toni stellt die letzten Teller in den Geschirrspüler, der Schöne Ringo kommt in die Küche, schickt die Köchin nach Hause und setzt sich rücklings auf einen Stuhl.

»Na Toni-Kind, was gibt’s Neues? Man hört, du willst nach Australien?«

Toni schließt den Geschirrspüler und schaltet ihn ein.

»Neuseeland, Ringo. Neuseeland.«

»Neuseeland also. Auch schön. Und was willst du da?«

»Weiß noch nich genau. Da wohnt ein Freund, den besuch ich, und dann mal gucken.«

»Ein Freund also.«

»Ja, Ringo, ein Freund. Brauchste mich noch lange?«

»Nein, mach fertig hier und dann Feierabend. Was ist denn das für ein Freund, hast noch nie was erzählt.«

»Ein Freund eben. Kenn ich schon lange. War mit dem in einer Klasse. Und jetz is der eben in Neuseeland.«

»Und was macht der da?«

»Was man so macht, Ringo. Leben und so was.«

»Leben also. Was du nicht sagst … Apropos Freund. Was ist eigentlich mit dem, der im Sommer da war?«

»Wieso, was soll mit dem sein?«

»Weiß ich doch nicht, deshalb frag ich ja. Der war so schnell wieder weg, oder?«

»Ja, musste weiter. Wir müssen ja alle irgendwann weiter, oder, Ringo? Kann ich jetz gehen?«

Ringo steht auf und stellt nachdenklich den Stuhl wieder an seinen Platz.

»Wie hieß der gleich noch mal?«

»Hutmann.«

»Hutmann? Der hieß niemals Hutmann.«

»Bei mir schon.«

Der Wirt grübelt.

»Nee du. Der hieß irgendwie anders … Wunderlich!«

»Oder so.«

»Genau. Wunderlich. War ja auch wunderlich irgendwie.«

»Findste?«

»Ja. Komischer Kerl. Wie der mich übers Blauharz ausgefragt hat, ganz besessen war er davon. Na, wie auch immer. Mach mal Schluss, Toni-Kind. Bis morgen.«

»Morgen geht nich, Ringo. Morgen bin ich weg. Übermorgen.«

»Also gut, dann eben übermorgen.«

Ringo geht zur Tür und dreht sich noch mal um.

»Stehen dir übrigens gut, die Haare. Siehst fast wieder wie ein Mädchen aus.« Sie grinst und streicht sich verlegen über den Schädel, den sie seit ein paar Wochen nicht mehr rasiert hat. »Wennde meinst, Ringo.«

Der Wirt verschwindet in den Schankraum. Hutmann, denkt Toni, während sie die Schürze abbindet. Im Sommer aufgetaucht und nach ein paar Tagen wieder abgehauen. Wollte wiederkommen, ist er aber nicht. Weil am Ende nie einer wiederkommt.

*