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Juli 1958. Der achtzehnjährige Heinz reist auf Einladung seiner französischen Verwandten an die Côte d'Azur und landet nach einem Verkehrsunfall in der vornehmen Villa des betrunkenen Monsieur Domènec Pujol i Casamajó, wo er gesundgepflegt wird. Dort verlieben sich zwei Frauen in ihn: Sylvie und Juliette. Er erzählt ihnen von seinem ersten Liebesabenteuer mit seiner Pflegeschwester Isabella und ihrem Schicksal als "gefallenes Mädchen" - sie wurde verstoßen und ist verschollen. Sylvie ehelicht ihn nach dem Ertrinkungstod ihres Ehemannes. Dem Schönling Paul-Étienne gelingt es, Heinz auszubooten und sie zu ehelichen. Er erweist sich als Erbschleicher und gefährlicher Gewalttäter. Sie flieht nach Wien zu Heinz, der inzwischen Isabella geheiratet hat. Nach der Scheidung entführt er sie in ihrem eigenen Alfa Romeo und rast dabei frontal gegen einen Lastwagen. Den Unfall überlebt er selbst nicht, Sylvie schwerverletzt. Später erwirbt sie in Wien eine schöne Villa, in der von nun an alle vier in zwei getrennten Wohnungen zusammen leben – Heinz mit Juliette, die inzwischen ebenfalls zu ihm geflüchtet ist, mit Klein-Hugo, in der unteren, und Isabella mit Sylvie (die beiden verbindet inzwischen heiße Liebe), mit der nicht mehr gar so kleinen Mira, in der oberen Wohnung. Und das Liebesidyll zu viert ist perfekt.
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Seitenzahl: 504
Veröffentlichungsjahr: 2026
Karl Plepelits
Liebesidyll zu viert
Eine köstliche Zeit
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
Julius,derWeiberheld
SüßesVerlangenumhülltmirdieSinne
Titelbild
Free for use under the Pixabay Content License
UndhintendreinkommichbeiNacht Undvöglesie,dassalles kracht
GOETHE
Bin ich das denn wirklich: ein Weiberheld? ein Schürzenjäger? ein Casanova? ein Verführer? Bin ich gar ein Lustmolch?
Nein, nein und nochmals nein! Nur weil ich ...
Nun gut, ich geb’s ja zu, nach außen errege ich momentan vielleicht in der Tat den Anschein, als wäre ich ein Weiberheld. Aber ich schwöre, daran sind allein die Schicksalsgötter schuld. Hätten sie nicht den Tod meiner unsterblich Geliebten herbeigeführt, so wäre ich für immer monogam und ihr für immer treu geblieben.
Höchstens, dass ich mich ab und zu an einen bemerkenswerten Ausspruch erinnert hätte, mit dem sie kurz vor ihrem Tod meine Ohren glühen machte. Dieser Ausspruch lautete: „Ich weiß ja, dass es für dich ein kleines Vergnügen wäre, zur Abwechslung einmal mit einer anderen Frau zu bumsen. Ich würde dir ein solches Vergnügen gönnen, einfach weil ich dich liebe.“
Und ein solches Vergnügen gönnte sie mir wirklich, kurz, bevor sie sterben musste.
Ja, ihre Liebe war rein wie ein Gebirgsbach, süß wie die Jugend, stark wie der
Tod.
Sonntag, 17. Mai 2015. Wien. Hietzinger Friedhof.
„Ja, das ist aber eine Überraschung! Julius! Du?“
Unangenehm berührt, wende ich mich um und bin sogleich doppelt unangenehm berührt. Denn ich blicke in das strahlende Gesicht einer nicht mehr ganz jungen Blondine namens Carla Riavitz, während ich selbst den Tränen nahe bin. Ich stehe nämlich gerade vor dem Grab einer Frau, der mein ganzes Herz gehörte und immer noch gehört.
Carla ist eine meiner „Ehemaligen“, also eine ehemalige Geliebte, mit der ich meinem längst schon schal gewordenen Eheleben ab und zu ein wenig Würze zu verleihen suchte. Aber dann, es ist jetzt bald ein Jahr her, fand sie auf einer von mir geleiteten Reise einen Verehrer, der ihr offensichtlich mehr zusagte, und gab mir, ohne lang zu fackeln, den Laufpass.
„Aber wie schaust du denn aus“, fährt sie fort, ehe ich auch nur ein Wort hervorbringe, und schlägt die Hände zusammen. Ist sie denn mit einem Mal um mich besorgt?
„Na ja“, murmle ich, „so, wie man halt auf einem Friedhof ausschaut.“
„Dreinschaut“, korrigiert sie mich in einem Ton, den eine Lehrerin gegenüber einem Schüler anschlagen würde, um ihn auf einen Fehler aufmerksam zu machen.
„Ist klar, auf einem Friedhof schaut man meistens eher nicht besonders fröhlich drein. Nein, nein, mein Lieber, ich meinte, wie du ausschaust.“
„So? Wie schaue ich denn aus?“
„Schlecht. Krank. Abgemagert. Vernachlässigt. Unglücklich.“
„Geh, hör auf. Das kommt dir nur so vor. Obwohl, unglücklich, das stimmt schon. Du selber schaust übrigens blendend aus. Wie machst du das nur? Du wirst ja immer schöner.“
„Aha, der alte Charmeur. Trotzdem, lieben Dank für dieses schöne Kompliment. Aber was dich selber betrifft: Ich glaube, das kommt mir nicht nur so
vor. Du schaust aus, wie alte Junggesellen oft ausschauen. Als wärst du nicht unter den Fittichen einer Frau.“
„Hm, bin ich auch nicht.“
„Und drum, sagst du, bist du unglücklich?“
„Ja, sicher. Was ist ein Mannsbild ohne eine Frau?“
„Wieso? Habt ihr euch getrennt, du und deine Gattin?“
„Du hast es erraten.“
„Ah, sicher ist sie dir draufgekommen, dass du eine Freundin hast.“
„Du sagst es. Dich.“
„Echt? Ich bin der Scheidungsgrund? Das ist ja ... Du, Julius, das tut mir aber ehrlich leid. Und seither hast du weder Ehefrau noch Freundin und wohnst allein?“
Während sie dies sagt, beginnen ihre Augen wundersam zu leuchten, und ihre Wangen röten sich verdächtig.
Ich nicke. „Ja, ja. Nur ist die Sache viel zu kompliziert, als dass man sie so zwischen Tür und Angel erklären könnte.“
Carla lacht hell auf. „Zwischen Tür und Angel – das hast du schön gesagt. Ja, wenn das so ist, muss man den Besucher halt in die Wohnung hineinbitten, nicht wahr?“
Und sie blickt mich auffordernd an. Nur, welche Wohnung meint sie? Ihre eigene wohl eher nicht. Dort lauert vermutlich ein eifersüchtiges Mannsbild, und auch wenn sie von mir garantiert nichts mehr wissen will, so ist es doch ratsam, eine Begegnung mit ihm tunlichst zu vermeiden. Aber ich gehe wohl nicht fehl in der Annahme, dass sie sich soeben selbst zu mir eingeladen hat. Aber ja, warum eigentlich nicht? Es ist sicher reizvoll, über alte Zeiten zu plaudern. Und da habe ich wenigstens eine dankbare Zuhörerin, der ich mein Herz ausschütten kann.
Schließlich sind wir uns einmal sehr nahe gestanden. Oder, schöner gesagt, wir
haben uns einmal geliebt.
Also sage ich: „Hast du wirklich Lust, meine Wohnung zu besichtigen und dir dort meine Klagen anzuhören?“
„Nichts lieber als das“, erwidert sie, ohne zu zögern. „Falls es dir recht ist und ich dich dadurch nicht in Verlegenheit bringe.“
„Aber nein, überhaupt nicht. Und wann?“
„Am liebsten jetzt gleich, falls es dir nichts ausmacht. Ich bin sowieso gerade im Gehen. Ich habe das Grab meiner Großeltern besucht. Und wessen Grab ist das hier?“
Carla wendet sich dem Grabstein zu, den sie bisher nicht beachtet hat, und liest: „Andrea Svacina, geboren 15. Juni 1991, gestorben 1. Oktober 2014. Hm, wirklich tragisch! Mit dreiundzwanzig Jahren!“ Sie blickt zu mir zurück und sagt:
„Deine Schülerin?“
Mir aber kommen sofort erneut die Tränen. Ich kann nur nicken. Sagen kann ich nichts. Und was tut Carla? Ich staune: Sie zückt ein Damentaschentüchlein und beginnt mir Augen und Wangen abzutrocknen. Hierauf nimmt sie mich wie ein kleines Kind bei der Hand und marschiert mit mir in Richtung Hauptportal.
Dort angelangt, merken wir, dass es da ein kleines Problem zu überwinden gilt. Carla ist mit dem Auto da, ich mit dem Fahrrad. Aber ich folge kurz entschlossen ihrer Einladung, mein Fahrrad stehen zu lassen und mit ihr mitzufahren. Tatsächlich ist es von meiner Wohnung an der Hütteldorfer Straße bis hierher zum Hietzinger Friedhof hinter dem Schönbrunner Schlosspark auch zu Fuß kein allzu weiter Spaziergang.
Während ich also Carla in ihrem Auto zu meiner Behausung lotse, habe ich Gelegenheit, meine ehemalige Geliebte ausführlicher zu betrachten, und stelle fest, dass sie seit letztem Jahr tatsächlich schöner geworden ist. Jedenfalls gefällt sie mir
eindeutig besser als früher. Natürlich muss es heißen: noch besser als früher. Was ich besonders reizvoll finde, das ist ihr Minirock, genauer, das, was er sichtbar macht und womit er männliche Augen erfreuen kann. Und das ist beim Sitzen bekanntlich um einiges mehr als beim Stehen, zumal auf einem Autositz. Sind das schon
„begehrliche Blicke“? Ich weiß es nicht. Aber ich muss auf einmal an ein berühmtes Jesuswort denken, das da lautet: Jeder, der eine Frau begehrlich ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen. (Wobei Jesus sicher nicht nur Eheleute meint. Das mit dem Ehebruch ist ja, das weiß ich dank meiner Griechischkenntnisse, in Wahrheit eine falsche, oder sagen wir, irreführende Übersetzung des griechischen Originals. Die korrekte Übersetzung lautet so: ... hat sie in seinem Herzen schonverführt,oder noch genauer: ...gevögelt.) Aber im Ernst: Wie soll man es schaffen, eine hübsche Frau in sexy Kleidung nicht begehrlich anzusehen, wenn man allein mit ihr in einem Auto sitzt? Das verrät uns nämlich Jesus nicht.
Carla selbst scheinen meine begehrlichen Blicke nicht verborgen zu bleiben. Denn statt aufmerksam den Verkehr zu beobachten, lächelt sie mir zu wiederholten Malen zu. Und das steigert naturgemäß, sprich, gemäß der Natur des Mannes, nur die Begehrlichkeit meiner Blicke. Woran ich das erkenne? Daran, dass mein Schwanz anscheinend plötzlich große Freuden wittert und sich still und heimlich bereit macht für große Taten. Schließlich hat er nun schon lange keinerlei Gelegenheit dazu gehabt, hat, mit anderen Worten, seit Monaten schon darben müssen. Und sicher hat er sich inzwischen an die Freuden erinnert, die ihm Carla einst bereitet hat. Aber ach, seine Vorfreude wird ohne jeden Zweifel in herber Enttäuschung enden. Ja, früher hatte er zu Carla ein gutes Verhältnis. Aber jetzt will sie ja von ihm nichts mehr wissen, und ihr Besuch ist sicher nur der Neugierde geschuldet, weil die Sache eben
„viel zu kompliziert“ ist, als dass ich sie ihr so „zwischen Tür und Angel“ erzählen könnte.
In meiner Wohnung angekommen, erkennt Carla mit untrüglichem weiblichem Gespür sofort, dass dies eigentlich die Behausung einer Frau ist. Sie tritt ein, sieht sich um, lässt sich von mir durch die wenigen Räume führen und sagt hierauf kopfschüttelnd: „Sag, liebster Julius, bist du sicher, dass wir in der richtigen Wohnung sind?“
Ihre Frage reizt mich zum Lachen. „Na, was denn? Glaubst du, ich führe dich in eine fremde Wohnung? Aber ich muss sagen, du bist ein kluges Kind.
Kompliment!“
„Also stammt die Einrichtung von einer Frau, wie ich gleich vermutet habe?“ Und da ich bei diesen Worten sofort wieder an meine Andrea denken muss,
kommen mir erneut die Tränen. Ich kann nur nicken. Sagen kann ich nichts.
„Von der jungen Frau, an deren Grab ich dich angetroffen habe?“
Ich nicke, versuche mich zu ermannen und sage: „Genau. Von der Andrea Svacina. Sie hat hier gewohnt. Ich bin bei ihr eingezogen. Sie ist gestorben. Ich bin geblieben, habe aber praktisch nichts von ihrer Einrichtung verändert, auch keines ihrer Kleider oder sonstigen Besitztümer weggegeben.“
Carla schenkt mir einen mitleidsvollen Blick und legt ihre Hand auf meinen Arm. „Du Armer! Und seit damals ...“
„Genau. Seit damals ... Aber das war jetzt natürlich nur die Kurzversion von dem, was du hören wolltest.“
„Klar, das hättest du mir ja gleich am Friedhof erzählen können. Apropos, weißt du, dass wir uns noch nicht einmal begrüßt haben?“
Ich blicke überrascht auf. „Stimmt. Du hast nur ausgerufen: Ha, welche Überraschung! Oder so ähnlich. Und ich habe überhaupt nichts gesagt. Das sollten wir wohl nachholen, wie?“
Ja, aber wie holt man eine übergangene Begrüßung nach? Kann man da, im
Wohnzimmer angekommen, einfach die Hände schütteln und Hallo oder Servus sagen? Irgendwie geht das nicht. Denn wir stehen uns stumm gegenüber und wissen nicht, was jetzt geschehen soll.
Doch, Carla weiß es. Sie fällt mir unverhofft um den Hals und küsst mich auf den Mund. Und ihr Kuss ist so süß und so lustvoll, dass ich ihn unwillkürlich erwidere und sie ebenso unwillkürlich in die Arme schließe und an mich drücke.
Gleichzeitig erwacht meine bereits fast wieder eingeschlafene Begehrlichkeit und steigert sich rapide ins Gigantische. Und wie? Carla will von meinem Schwanz nichts mehr wissen? Ha, das sieht aber nicht so aus. Mir scheint, das genaue Gegenteil ist richtig. Meine Begehrlichkeit entzündet blitzartig ihre Begehrlichkeit (falls dies nicht überhaupt umgekehrt geschieht), und der Erfolg ist, dass wir uns gegenseitig die Kleider vom Leib reißen und, gewissermaßen in einem Stück, auf den Teppich niedersinken und meinem Schwanz Gelegenheit geben, große Taten zu vollbringen.
Sobald diese höchst erfolgreich und unter Jubel und Frohlocken vollbracht sind, verharren wir schweigend in fassungslosem Staunen und können den Blick nicht voneinander wenden, als sähen wir uns jetzt zum allerersten Mal. Ich bin es, der endlich wieder Worte findet.
„Und ich dachte, du willst von ihm nichts mehr wissen.“ Und dabei zeige ich schmunzelnd auf meinen Schwanz, der soeben wieder ans Tageslicht, quasi auf die Welt, gekommen ist.
„Ohrfeigen könnte ich mich“, murmelt Carla, „dass ich dich damals verstoßen habe und von ihm nichts mehr wissen wollte.“ Und sie zeigt nicht nur auf meinen Schwanz, sondern greift sogar nach ihm, offenbar um ihm für die Freuden, die er ihr bereitet hat, zu danken. „Und ich bin ja so froh, dass du mir das nicht nachträgst.“
„Ach, ich bin doch nicht nachtragend.“
„Ja, das ist das Schöne an dir.“
„Und? Hast du den Kurti noch, oder ...“ (Kurti hieß der Kerl, dem Carla auf der Reise zum Nordkap im Vorjahr angeblich „nicht widerstehen konnte“, weil er so
„süß“ ist.)
Carla gibt ein verächtlich klingendes Lachen von sich. „Nein, keine Angst.
Den Kurti hab ich nicht mehr.“
„War er denn der gleiche Versager im Bett wie ich?“ (Dies dürfte nämlich letztlich der ausschlaggebende Grund gewesen sein, warum Carla dem Kurti nicht widerstehen konnte und mich fallen ließ wie eine heiße Kartoffel. Und warum war ich bei ihr ein Versager? Vermutlich entweder deshalb, weil ich mit meinen einundvierzig Jahren eben schon auf dem besten Weg war, zum alten Eisen zu gehören, oder aber, weil ich mich unterdessen heillos in die Andrea verliebt hatte.)
„Ach, Versager“, sagte Carla. „Du warst doch kein Versager, nur weil du ab und zu ... Da warst du sicher überfordert oder so. Aber nein, Versager war der Kurti keiner. Aber ein Mistkerl. Er hat mir versprochen, zu Ostern mit mir nach Italien zu fahren. Nur wir zwei allein. Aber dann hat er sich’s anders überlegt, hat mich stehenlassen und ist mit einer anderen nach Italien. Hätte ich damals schon geahnt, dass du hier ganz alleine und verlassen haust ...“
Carla ersetzt den Rest des Satzes durch einen besonders intensiven Blick zuerst in meine Augen und dann auf meinen Schwanz, dem sie immer noch mit ihren Fingern eifrig dankt (was ihm offensichtlich gut gefällt).
„Und einen zweiten Kurti gibt’s nicht?“, höre ich mich sagen, während ich Carlas Liebkosungen genieße.
Sie lacht hell auf. „Hat’s nie gegeben. Und wird es nie wieder geben.
Zumindest solange ich dich habe. Und das wird hoffentlich nicht so schnell vorbei sein.“
„Also bin ich sozusagen dein Einziger? Natürlich abgesehen von deinem
Ehemann?“
„Na klar. Was glaubst denn du? Aber sag, liebster Julius“, fährt sie hierauf in ernsterem Ton fort, „wie ist denn deine Andrea ... Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, wenn ich so direkt frage.“
Nun gut, ich nehme es ihr nicht übel. Übel nehmen es ihr nicht einmal meine Augen. Sie produzieren diesmal keine Tränenflüssigkeit. Wer es ihr als Einziger übelnimmt, das ist mein Schwanz. Er zieht sich schlagartig in sein Schneckenhaus zurück.
„Durch einen Unfall“, sage ich. „Beim Rafting. Auf der steirischen Salza.
Kennst du Rafting?“
„Hat das nicht irgendwas mit Wildwasser zu tun?“
„Genau. Da befährt man auf Schlauchbooten ein Wildwasser wie zum Beispiel die Salza.“
„Klingt furchtbar gefährlich.“
„Ist es auch, wie sich gezeigt hat. Das Schlauchboot ist gekentert, wir sind alle ins Wasser gefallen, und die Andrea ist unter Wasser irgendwo hängengeblieben, hat sich selber nicht befreien können. Ja, und so ist es halt passiert.“
„Am ersten Oktober?“
„Nein, drei Tage davor.“
„Das muss für dich ein schrecklicher Schlag gewesen sein.“
„Ha, das kannst du laut sagen.“
„Und seit damals hast du nicht mehr mit einer Frau ...?“
„O ja, schon. Weißt du, die Andrea war außergewöhnlich großzügig. Wir hatten nämlich eine gemeinsame Freundin ...“
„Gemeinsame Freundin? Wie darf man das verstehen?“
„Ach, das klingt jetzt vielleicht blöd. Am Anfang einfach eine Trostaktion der
Andrea, als die Mareike, so hieß das Mädchen, nach unserer Housewarming Party plötzlich ohne Freund dastand. Dieser Schuft hat sich nämlich ausgerechnet während dieser Party eine andere angelacht. Und die Mareike wusste nicht, wie sie nach Hause kommen sollte. Da hab ich sie halt kurzerhand eingeladen, gleich bei uns zu übernachten, genauer, im Ehebett bei der Andrea; und ich würde hier auf der Wohnzimmercouch schlafen.“
„Aha, ich verstehe. So ist es dann passiert. Nur war sie jetzt natürlich noch keine gemeinsame Freundin. Oder hast du dich heimlich dazugelegt?“
„Nein, nein. Wo denkst du hin. Also, das war an und für sich eine reine Trostspendeaktion von Seiten der Andrea. Aber dann haben sich besagte Trostspendeaktionen wiederholt. Es kam zu Missverständnissen. Es kam zu einem Krach. Und die Andrea versprach unter Tränen, damit für alle Zeiten Schluss zu machen. Und ich sagte, du Liebste, solange du mich liebst, kannst du die Mareike trösten, soviel und sooft du willst. Und sie sagte, sie liebt mich so sehr, dass es ihr überhaupt nichts ausmachen würde, wenn ich die Mareike auf meine Art trösten würde. Sie würde mir ein solches Vergnügen gönnen, einfach weil sie mich liebt. Sie weiß ja, dass es für mich ein kleines Vergnügen wäre, zur Abwechslung einmal mit einer anderen Frau zu bumsen. Und sie weihte die Mareike in ihren Plan ein, und diese hatte keine Einwände dagegen, dass ich in Andreas Gegenwart mit ihr bumse.“
„Wau! Und? Hast du?“
„Klar hab ich.“
„Einmal? Oder öfter?“
„Ein einziges Mal. Nämlich ausgerechnet am Abend vor unserem fatalen Unfall.“
„Den die Mareike überlebt hat. Ja?“
„Ja. Und weißt du, warum sie überlebt hat? Weil ich sie gerettet habe. Die
Mareike konnte ich retten. Meine Andrea nicht. Ist das nicht zum Heulen?“
„Na, wirklich. Übrigens, da fällt mir gerade ein, hast du nicht erwähnt, sie war deine Schülerin?“
„Ja, ja.“
„Und? Habt ihr euch damals schon geliebt?“ Carla macht große Augen, erwartet offenbar, Verbotenes zu hören.
„Da muss ich dich enttäuschen“, sage ich schmunzelnd. „Geliebt schon. Auch heimlich geküsst. Aber gevögelt erst nach der Matura.“
„Und wann war das?“
„2009.“
Carla scheint nachzurechnen. „He, dann hast du sie ja schon vor mir gehabt.
Stimmt’s?“
„Ja, schon. Aber da hat’s nur ein einziges Schäferstündchen gegeben.
Zwischen Matura und Maturareise. Auf der Maturareise hat sie sich in einen aus ihrer Generation verliebt. Erst im Vorjahr haben wir uns wiedergefunden.“
„Aha, so war das. Aber jetzt wär’s natürlich interessant zu erfahren, wie’s mit dieser Mareike weiterging.“
„Ja, wie ging’s mit der Mareike weiter? Du wirst es schon erraten haben: Jetzt fühlte sie sich verpflichtet, mich zu trösten.“
„Im Bett?“
„Klar. Im Bett. Im selben Bett wie zuvor, nur eben ohne die Andrea als Dritte.
Apropos, sollen wir vielleicht ins Schlafzimmer übersiedeln und uns in dieses Bett legen? Ha? Wäre das nicht viel gemütlicher?“
„Du meinst, noch gemütlicher“, scherzt Carla, rappelt sich vom Boden auf und zieht mich in die Höhe, um meinen Vorschlag unverzüglich in die Tat umzusetzen.
Sobald wir übersiedelt sind, fahre ich fort: „Ja, das ist das Bett, von dem vorhin die Rede war. Aber weißt du, was sie, also die Andrea, kurz vor ihrem Tod zu mir gesagt hat? Es waren fast ihre letzten Worte. Sie sagte: Ich spür’s, dass es mit mir zu Ende geht. Nimm dir unbesorgt die Mareike. Ich glaube, sie steht auf dich.“
„Nein! Also, das ist enorm.“
„Sag ich auch.“
„Also hast du dir danach die Mareike genommen?“
„Na ja, wenn man genau sein will, muss es heißen: Sie hat mich genommen. Ich selber war ja total gelähmt vor Schmerz und Trauer. Außerdem fühlte sie sich schuldig an dem Unglück, weil die Idee zu diesen verdammten Raftingtouren von ihr ausgegangen war. Ein ehemaliger Freund hatte ihr diesen Superspaß eingeredet.“
„Aber du hast sie offenbar nicht mehr, wie?“
„Nein. Sie ist tot.“
„Was? Die auch? Wie das?“
„Sie war in Syrien. Und wurde dort so schwer verwundet, dass sie nach ihrer Rückkehr nach Wien an ihren Wunden gestorben ist.“
„Ja, entsetzlich. Aber was hat sie denn in Syrien gesucht, ich meine, ausgerechnet jetzt, während diesem grauenhaften Bürgerkrieg?“
„Halt dich fest: Mitkämpfen wollte sie. Gegen das Regime von Baschar al- Assad.“
Carla schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. (Eine Spezialität von ihr.)
„Ja, war die denn von allen guten Geistern verlassen? Wie kommt man denn auf so eine Schnapsidee?“
„Auf Umwegen. Hör zu. Jener ehemalige Freund, der ihr das Rafting eingeredet hat, war Türke und frommer Muslim. Von dem hatte sie sich zwar getrennt und sich Andreas jüngeren Bruder genommen. Das war der, der sich
während unserer Housewarming Party eine andere angelacht hat. Aber dann ist es dem Mehmet, so hieß der Türke, gelungen, frag mich nicht, wie, sie mir zu entfremden und wieder an sich zu fesseln. Und nicht nur das. Er hat sie so lange bearbeitet, bis sie zum Islam konvertiert ist.“
„Tatsächlich? Das ist ja kaum zu fassen.“
„Aber das war noch lange nicht alles. Dieser Mehmet war nämlich nicht nur ein Macho; hat sie selber gesagt. Er war ein Fanatiker, wie’s im Büchl steht, ein Fundamentalist oder Islamist oder Salafist, der mit unglaublicher Begeisterung von dieser Dschihadistenorganisation IS, also Islamischer Staat, geschwärmt hat. Und so lang hat er ihr ein Loch in den Bauch geredet, bis sie es ihm geglaubt hat, dass es ihrer beider Pflicht gegenüber Allah ist, sich als Mitglieder dieses IS dem Heiligen Krieg gegen das Regime von Baschar al-Assad anzuschließen.“
„Unglaublich.“
„Ja, aber leider kein Einzelfall, wie du sicher weißt.“
„Und da haben sich dann diese zwei Helden am Kopfabschlagen und anderen Brutalitäten beteiligt?“
„Das weiß ich natürlich nicht. Aber es ist zu vermuten. Zumindest der Mehmet. Sie selber hat angeblich nur die Kämpfer moralisch und mit Propagandaarbeit unterstützt. Außerdem trat sie in einem Propagandavideo auf und rief ihre Glaubensbrüder in Österreich, Deutschland und der Schweiz zum Abschlachten von Ungläubigen auf. Das hat sie mir in der Sonderkrankenanstalt der Justizanstalt Josefstadt erzählt, wo ich sie besucht habe, kurz bevor sie gestorben ist. Das war am 27. April. Immerhin hat sie mir versichert, dass sie das nicht gern machte, aber keine Wahl hatte. Sie hat erlebt, wie Leute ausgepeitscht wurden, weil sie nicht gehorcht haben. Sie verriet mir auch, was ihr Traum war, bevor sie mit ihrem Mehmet nach Syrien ging. Ihrer und der ihrer sogenannten
Glaubensschwestern. Witwe eines Märtyrers zu werden.“
„Soso. Und? Ist sie eine geworden?“
„Ja, in der Tat. Sie hat Mehmets zerfetzte Leiche gesehen. Und da war ihr Traum blitzartig ausgeträumt. Und sie bereute es bitter, mir untreu geworden zu sein. Und würde gern wieder zu mir zurückkehren. Hat sie jedenfalls beteuert. Und weißt du, was ihre letzten Worte waren, als ich mich auf Anweisung einer Krankenschwester verabschieden musste? Julius, flüsterte sie mir zu, ich liebe dich. Vergiss das nicht.“
„He, das ist ja direkt rührend, inmitten all der Tragik, die du erlebt hast, jedenfalls rührender, als wenn ich das sagen würde.“
„Ach, das würdest du eh nie sagen.“
„Wieso glaubst du das? Also hör zu. Julius, ich liebe dich. Vergiss das nicht.“
Und zugleich beginnt sie mein inzwischen geschrumpftes Schwänzlein, dem sie zuletzt keine Beachtung mehr geschenkt hat, wieder zu liebkosen. Und während sich das Schwänzlein überraschend schnell in einen prallen Schwanz verwandelt, sagt sie mit verführerischem Lächeln: „Du, Julius, soll ich dir zur Abwechslung einen blasen?“
Was antwortet man auf eine solche Frage? Am besten grinst man zurück und sagt gar nichts.
„Weißt du was, ich blas dir richtig schön einen“, sagt sie, offenbar nicht ganz zufrieden mit meiner Antwort, hockt sich zwischen meine Beine, nimmt das Objekt ihrer Begierde in den Mund und beginnt ihm mit der Zunge und zugleich mit den Fingern unbeschreiblich wohl zu tun – ihm und mir. Langsam steigern sich die Lustgefühle in meiner Brust ins Unerträgliche, mein Stöhnen intensiviert sich ins Gigantische, und ich spüre bereits, wie die innere Explosion immer näher kommt. Und da bringe ich gerade noch die Kraft auf zu stammeln: „Hör auf! Hör auf!“
Carla hört tatsächlich auf und sagt: „Willst du nicht in meinem Mund kommen?“
„Nein, nein. In deiner Möse. Damit du auch ...“
Und ohne meine wohl überflüssige Rede zu vollenden, ziehe ich sie über mich und sehe zu, wie sie meinen Schwanz in ihre Möse steckt, auf dass er von neuem große Taten vollbringe und nicht nur mir rauschhafte Freuden bereite.
Sobald die großen Taten, auch diesmal unter Jubel und Frohlocken, vollbracht sind und die rauschhaften Freuden ihr Ende gefunden haben, beginne ich: „So was hast du aber früher nie gemacht.“
„Mit dir gebumst?“, sagt Carla mit spitzbübischem Lächeln.
„Ich meine, mir einen geblasen. Hab ich das vielleicht deinem Kurti zu verdanken?“
„Er ist nicht mehr mein Kurti. Aber du hast recht. Ja, der Kurti hat’s mir beigebracht. Früher wäre ich nie auf eine solche Idee gekommen. Du hast es mir übrigens nicht beigebracht. Warum eigentlich nicht? Hast du es auch nicht gekannt?“
„O ja, schon. Natürlich. Du wirst lachen, aber ich habe mich einfach nicht getraut, dich darauf aufmerksam zu machen. Ich habe befürchtet, du wärst vielleicht empört oder angeekelt. Übrigens, dein lieber Ehemann hat’s dir offensichtlich auch nicht beigebracht, wie?“
Diese Idee findet Carla zum Brüllen komisch.
„Mein Herbert? Nein, wirklich nicht. Und da sieht man wieder einmal, wie nützlich es ist, mehrere Sexpartner zu haben. Man lernt eine Menge dazu. Und davon könnte natürlich auch der Ehemann profitieren. Oder im umgekehrten Fall die Ehefrau.“
„Ja, sicher. Falls sie nicht glaubt, ihren Mann deshalb verstoßen oder gar abmurksen zu müssen.“
„Und warum das? Weil sie ihn nicht liebt, sondern nur besitzen will.“
„Ich sage ja: Du bist ein kluges Kind.“
„Oh, danke für das Kompliment.“
„Apropos, weiß dein lieber Herbert von deinen Bemühungen, ständig etwas dazuzulernen? Und wenn ja, was sagt er dazu? Abgemurkst hat er dich ja erfreulicherweise noch nicht und verstoßen anscheinend auch nicht.“
Carla lacht. „Sehr witzig, Herr Professor. Aber nein, von meinen außerehelichen Aktivitäten weiß er garantiert nichts und wird auch nie was von ihnen wissen. So gesehen, ist es ein Segen, dass du jetzt eine sturmfreie Bude hast, pardon, dass du jetzt allein lebst. Weißt du, er geht so sehr in seinem Beruf auf, dass er gar nicht merkt, was rund um ihn herum passiert. Aber dafür bringt er jede Menge Kohle nach Hause.“
„Und könnte es sein, dass er sich seinerseits außerehelich betätigt und Angst hat, du könntest ihm auf die Schliche kommen?“
„Wäre natürlich theoretisch denkbar. Glaub ich aber nicht.“
Nach kurzem Nachdenken fährt Carla fort: „Jetzt muss ich dich noch was fragen. Das beschäftigt mich nämlich schon seit langem. Und ich hab seither ein schlechtes Gewissen, weil ich dich so schäbig behandelt habe.“
„Du meinst seit der Reise zum Nordkap voriges Jahr im Juli?“
„Genau. Wo ich dich verstoßen und mich dem Kurti an den Hals geworfen habe. Hast damals eigentlich Ersatz gefunden?“
„Für dich? Ja, in der Tat. Eine Dame namens Lydia. Aber die war im Gegensatz zu dir mit Ehemann unterwegs.“
„Ach, die Lydia, diese Kampfraucherin? Ich erinnere mich noch gut an sie.
Also, das hätte ich nicht erwartet, dass du mit der was anfängst.“
„Na, es hat eh lang genug gedauert, bis es so weit war. Und vor allem hab
nicht ich mit ihr was angefangen, sondern sie mit mir. Nur, ehrlich gesagt, Ersatz für dich war sie keiner. Und nach der Reise war Schluss.“
„Da kann aber die Liebe nicht groß gewesen sein.“
„War sie auch nicht. Jedenfalls auf meiner Seite. Sie selber dürfte schon irgendwie auf mich gestanden sein. Da muss ich dir nämlich was erzählen. Weißt du, im Erdgeschoss dieses Wohnblocks ist ein großer Supermarkt. Und da sind wir uns einmal gegenseitig in die Arme gelaufen, die Lydia und ich. Sie wohnt nämlich, hat sich herausgestellt, ganz in der Nähe. Na, was glaubst du. Sie begleitete mich mitsamt ihren Einkäufen hier herauf, offiziell, um sich meine Wohnung zeigen zu lassen, in Wirklichkeit natürlich, um mit mir sofort ins Bett zu hüpfen, und ich musste ihr mit einiger Mühe erklären, dass das nicht geht, dass ich das nicht kann.“
Carla strahlte. „Und mit mir kannst du? Mit mir geht’s? Das ist ja phantastisch. Das bedeutet doch nichts anderes, als dass du noch immer auf mich stehst, oder? Und das, obwohl ich dich ... Du weißt schon.“
„Hm, ja, das muss es wohl heißen. Und zu wissen, dass du auch noch immer auf mich stehst, kann sich eigentlich nur heilsam auf mein, wie sagtest du, auf mein krankes und schlechtes Aussehen auswirken.“
„Richtig. Ich werde dich heilen und mit meiner Liebe dein gesundes und gutes Aussehen wiederherstellen. Falls es dir recht ist.“
„Aber natürlich ist es mir recht. Nichts Besseres könnte mir widerfahren.“ Carla küsst mich heftig. „Also darf ich dich hier besuchen, sooft ich kann?“
„Sollst du sogar. Wie willst du mich sonst heilen?“
Zuletzt lässt es sich Carla nicht nehmen, mich zurück zu meinem Fahrrad beim Hietzinger Friedhof zu fahren. Dort angekommen, will ich mich gerade von ihr verabschieden, als ihr noch etwas einfällt.
„Sag, Julius, bist du heuer in den Sommerferien wieder als Reiseleiter unterwegs?“
„O ja“, erwidere ich verblüfft. „Nach Griechenland.“
Sie jubelt auf. „Griechenland? Jö, phantastisch.“ Und mit leiser Stimme, offensichtlich schuldbewusst: „Was meinst du, dürfte ich da wieder mitfahren?“
„Aber ja, mit Vergnügen. Diesmal mit mir im Doppelzimmer, falls es dir recht
ist.“
„Natürlich wäre mir das recht. Ich könnte mir kein größeres Glück vorstellen.“
„Damit nicht noch einmal so ein Kurti bei dir eine Chance hat. Weil, dich geb
ich nicht mehr her.“
Und nun lässt mich Carla nicht so ohne weiteres aussteigen. Sie fällt regelrecht über mich her, und es fehlt nicht viel, und es käme in aller Öffentlichkeit erneut zu großen Taten und zu rauschhaften Freuden.
„Aber“, sagt sie schließlich mit bedauernder Miene, „ich fürchte, es geht nicht.“
„Was geht nicht?“
„Dass wir zwei zusammen ein Doppelzimmer nehmen.“
„Nein? Ja, wieso denn nicht?“
„Weil das auf den Zimmerlisten dokumentiert wäre. Und so eine könnte, wie’s der Teufel will, dem Herbert in die Hände fallen. Und mehr brauchst du nicht. Da wäre dann der Teufel los.“
„Ach, schade.“
Während ich hierauf durch die laue Nacht nach Hause radle und an die heute erlebten Wunder zurückdenke, wird mir plötzlich bewusst, dass ich mich richtiggehend beschwingt und unglaublich erleichtert fühle, so als wäre irgendeine
furchtbar schwere Last von mir genommen. Und ich weiß auch, wie diese Last heißt: Schwermut. Ja, meine ganze Schwermut, die mich seit Monaten, praktisch seit Andreas Tod gewissermaßen niederdrückte und zugleich meine Brust einschnürte, ist wie durch Zauberhand verschwunden. Ich kann endlich wieder frei atmen und verspüre wieder meine alte Lebensfreude in mir. Und wer ist die Zauberin, deren Hand dieses Wunder vollbracht hat? Ganz klar: die Carla Riavitz.
Das bedeutet übrigens nicht, dass sich meine Trauer um Andrea und Mareike aus meiner Brust zurückgezogen hätte. Nein, daran hat sich nichts geändert. Die Trauer ist dieselbe geblieben. Aber die alles erstickende Schwermut, die ist weg. Und dafür hat sich die Carla nicht nur meine Dankbarkeit, sondern auch meine Zuneigung, oder sagen wir’s offen, meine Liebe verdient.
Halt, noch jemand hat sich meine Dankbarkeit verdient: die Andrea. Sie hat das heutige Wunder erst ermöglicht, indem sie mich veranlasst hat, gerade heute ihr Grab zu besuchen, und indem sie die Carla veranlasst hat, auf demselben Friedhof das Grab ihrer Großeltern zu besuchen und dabei auf mich zu stoßen. Sie scheint in ihrem transzendenten Aufenthaltsort, volkstümlich gesagt, im Himmel, noch immer auf mich zu schauen und dafür zu sorgen, dass ich nicht ganz vereinsame und mich, wie es die Carla ausgedrückt hat, vernachlässige, dass ich mir also wieder eine Frau
„nehme“, so wie sie nur wenige Augenblicke vor ihrem Tod zu mir gesagt hat: „Und nimm dir unbesorgt die Mareike. Ich glaub, sie steht auf dich.“
Und wer weiß, vielleicht geht auch schon jene missglückte Begegnung mit der Lydia im Supermarkt auf Andreas himmlische Initiative zurück (falls das mit dem Jenseits nicht bloß ein schönes, tröstliches Märchen ist und der wahre Initiator Zufall heißt). Und da erhebt sich automatisch die Frage: Warum ist die Begegnung mit der Lydia so missglückt? War ich noch nicht reif für eine neue Beziehung? Oder liegt es an der Lydia selbst, weil irgendwie die sogenannte Chemie zwischen uns nicht
stimmt und ich sie quasi „nicht riechen kann“? Was übrigens durchaus im wörtlichen Sinn zu verstehen ist. Die Lydia ist ja starke Raucherin, und damals habe ich mich von ihrem nach Tabak stinkenden Atem richtiggehend abgestoßen gefühlt, übrigens auch von ihrer tiefen Reibeisen-Raucherstimme, die aber andererseits, muss ich gestehen, zugleich sinnlich und erotisch, ja sogar verführerisch wirkt, jedenfalls auf mich. Oder weil sie sich, ehe sie sich vor der Empörung der anderen Kundinnen in meine Arme flüchtete, bemüßigt fühlte, mir eine Ohrfeige zu verpassen; und die war nicht von schlechten Eltern. Das sollte wohl die Strafe dafür sein, dass ich sie bei unserem letzten Rendezvous versetzt und stattdessen die Andrea besucht hatte.
Nein, die wahrscheinlichste Erklärung lautet: Ich liebe halt die Lydia nicht, liebte sie von allem Anfang an nicht. Hätte sich die Carla damals nicht dem Kurti an den Hals geworfen, so hätte ich mir nie was mit der Lydia angefangen. Sie ist, glaube ich, einfach nicht mein Typ. Ja, das muss es wohl sein. Denn ich erinnere mich noch genau, dass ich erst kurz vor unserer missglückten Begegnung nichts dagegen gehabt hätte, mir was mit der Babsi, einer hübschen, aber ziemlich schüchternen
Freundin und ehemaligen Mitschülerin der Andrea, anzufangen. Sie ist diejenige, der Andreas Bruder auf unserer Housewarming Party den Kopf verdreht hat, weshalb die Mareike plötzlich ohne Freund dastand und so trostbedürftig war. Inzwischen war die Babsi selber trostbedürftig, nachdem auch sie verlassen worden war, und suchte bei ihrem alten Lehrer Trost, und ich freute mich schon, weil ich dachte, der Liebesgott habe mir gratis und franko eine neue Geliebte ins Haus geschickt. Aber nein, der Trost, den die Babsi suchte, war nur verbaler Natur. Sie bestand darauf, mich zu siezen und nicht als Julius oder als Julius, sondern als Herr Professor anzusprechen, und das, obwohl wir schon einmal per Du gewesen waren. Und da sie – im Gegensatz zur Mareike seinerzeit – auch sonst Abstand wahrte, fühlte ich mich moralisch verpflichtet, das Angebot des Liebesgottes unbesehen an den Absender zu
retournieren.
Was soll ich also tun, falls ich irgendwann der Lydia wieder in die Arme laufe? Soll ich sie wieder abweisen und ihr eine herbe Enttäuschung bereiten? Oder soll ich ihr aus Mitleid die Freuden der Liebe bereiten? Weil, irgendwie kann ich sie ja gut verstehen. Da entdeckt eine frustrierte Ehefrau, dass der „Hausfreund“ neuerdings gleich um die Ecke wohnt und obendrein auf einmal Single ist. Und dann will der von ihr plötzlich nichts mehr wissen und schickt sie einfach fort, ohne sie flachgelegt zu haben. Ist das nicht zum Heulen? Nur, bin ich denn ein Samariter? Ein Tröster aller frustrierten Ehefrauen? Am besten, ich verlege meine täglichen Einkäufe in ein weiter entferntes Geschäft. Wie sagte sie, als sie sich aus meiner Wohnung davonmachte? „Hoffen wir, dass es dir bei unserer nächsten Begegnung schon wieder besser geht. Oder weißt du was? Ruf mich an, wenn’s so weit ist.“ Anrufen? Ja, das habe ich einmal getan, ein einziges Mal. Und was war der Lohn? Eine saftige Ohrfeige viele Monate später, noch dazu in aller Öffentlichkeit.
Und Carla? Wann wird sie mich das nächste Mal aufsuchen, um sich flachlegen zu lassen?
Montag, 18. Mai 2015.
Ich habe es geahnt: Schon heute habe ich das Vergnügen, genau einen Tag später. Im selben Minirock wie gestern und verschönt durch ein strahlendes Lächeln, das sie wie eine anbetungswürdige griechische Göttin erscheinen lässt, tritt Carla ein, überreicht mir „zur Vorbereitung unserer gemeinsamen Griechenlandreise“ eine
Flasche Retsina, fällt mir stürmisch um den Hals, presst sich an mich und küsst mich auf den Mund, ein langer, sinnlicher Kuss, der mir augenblicklich eine Erektion beschert. Und diese bleibt ihr auch nicht verborgen. Unverzagt greift sie auf die entsprechende Stelle meiner Hose und flüstert mir ins Ohr: „Du? Darf ich dir als Erstes einen blasen? Aber heute ganz richtig?“
„Ganz richtig?“, flüstere ich verblüfft zurück. „Würde dir das gar nichts ausmachen?“
„Zumindest möchte ich dich einmal schmecken, Liebling.“
„Schatz, du bist umwerfend.“
„Genau, ich möchte dich umwerfen. Na ja, und außerdem ... Du glaubst nicht, wie mich das antörnt.“
Doch bevor mich Carla umwirft, beginnt sie mich langsam und feierlich zu entkleiden. Nach kurzer Bedenkzeit entschließe ich mich, ihr dasselbe Service zu erweisen. Und während sie sich mit meiner Unterhose abmüht und gleichzeitig prüfend meine Erektion begutachtet, habe ich eine Idee.
„Sag, Liebste, wollen wir vielleicht zuvor gemeinsam duschen? Damit ich kein schlechtes Gewissen haben muss.“
Ja, meine Liebste freut sich, mein Gewissen schonen zu dürfen. Und so übersiedeln wir zunächst ins Badezimmer, stellen uns unter die Dusche und stellen fest, dass uns schon das gegenseitige Einseifen unheimlich antörnt und mehr noch verschiedene liebliche Spielchen, die wir dabei miteinander spielen.
Vom Bad übersiedeln wir ins Schlafzimmer. Und dort wirft mich Carla tatsächlich um und macht sich mit Lippen, Zunge und Fingern über mich und vor allem über meinen Schwanz her und treibt mich dabei fast zur Raserei. Schließlich erreiche ich den Punkt, an dem ich sie gestern aufgefordert habe, aufzuhören und mich in ihrer Möse kommen zu lassen, weil mich die süßen Empfindungen bereits zu
überwältigen drohten. Heute, so viel ist mir bewusst, will sie nicht aufhören. Trotzdem drängt es mich, sie zu fragen, ob es ihr wirklich nichts ausmacht, dass ich in ihrem Mund komme. Ihre Antworten sind – in dieser Reihenfolge – heftiges Nicken und heftiges Kopfschütteln, ohne ihre köstliche Aktivität zu unterbrechen. Wahrscheinlich ist auch das auffällige Glitzern ihrer Augen, während sie kurz zu mir aufblickt, eine Antwort. Und dies ist der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Im Klartext: Die süßen Empfindungen überwältigen mich, das Fass läuft über, und sein Inhalt ergießt sich in Carlas Mundhöhle.
„Kompliment, mein Schatz“, sage ich, sobald ich dazu wieder imstande bin.
„Du bist ja eine wahre Meisterin in der Kunst des Blasens.“
„Danke, Liebling“, sagt sie, verschämt lächelnd.
„Und das alles haben wir dem Kurti zu verdanken?“
„Ja, schon. Er war in dieser Hinsicht mein Lehrer.“
„Dann war’s ja doch für was gut, dass er dich mir weggenommen hat. Aber du weißt eh, ausschlagend ist einzig und allein die Begabung des Schülers, in diesem Fall der Schülerin.“
Als Antwort errötet Carla lieblich und schenkt mir ein bezauberndes Lächeln.
„Was meinst du“, fahre ich in ernsthafterem Ton fort. „Sollen wir jetzt deinen Retsina aufmachen? Und vielleicht finden wir dazu irgendwas zum Knabbern.“
Nun, zum Knabbern finden wir bedauerlicherweise nichts, und Carla kündigt an, das nächste Mal etwas dergleichen mitzubringen. Aber ihren Retsina haben wir. Und der schmeckt uns (nach anfänglichem Widerwillen gegen den Harzgeschmack) so gut, dass wir es bei einem Gläschen nicht belassen können. Dabei kommen wir naturgemäß ins Plaudern, zumal von wirklichem Plaudern bisher keine Rede sein konnte. Und da fällt mir eine ihrer gestrigen Bemerkungen ein, als sie davon sprach, wie nützlich es ist, mehrere Sexpartner zu haben, weil man eine Menge dazulernt.
Und dann sagte sie doch: Davon könnte auch der Ehemann profitieren.
Daran erinnere ich sie jetzt. „Warum könnte? Willst du damit sagen, dein Herbert hat davon bis jetzt noch nicht profitiert?“
Sie prostet mir zum wiederholten Mal zu und erwidert: „Genau das wollte ich damit sagen. Davon profitiert er leider nicht. Ich würde es nie wagen, ihn mit einem solchen Ansinnen zu konfrontieren.“
„So wie ich es früher bei dir nie gewagt habe?“
„Ja, aber aus einem ganz anderen Grund. Du hast es nicht gewagt, weil du dachtest, ich würde mich davor ekeln. Ich wage es nicht, weil er so fromm ist.“
„Ja, und?“, sage ich verständnislos.
„Weißt du, er ist sehr katholisch. Und die katholische Morallehre verurteilt alles, was nicht der Fortpflanzung innerhalb der Ehe dient, als sündhafte Verirrung, als Ehemissbrauch oder gar als Perversion. Und was wir seit gestern wieder treiben, nennt sich in der Sprache der Kirchenleute Fornicatio, zu Deutsch Unzucht. Erlaubt ist nur der in der Ehe vollzogene Akt, der für die Fortpflanzung offen ist, denn der ist ein weihevolles Schenken. Jede andere sexuelle Betätigung ist ein Wegwerfen, eine Preisgabe seiner selbst, also strengstens verboten. Denn die Ehe ist das Abbild der geheimnisvollen Ehe zwischen Christus und der Kirche.“
„Wie du das alles weißt!“
„Ja, das weiß ich natürlich einerseits direkt vom Herbert, weil, ab und zu redet er mit mir sehr ernsthaft über solche Themen, andererseits indirekt aus einem seiner frommen Bücher, die in unserer Bibliothek stehen. Es betitelt sich: Laienmoral.
Untertitel: Aufstieg zum Göttlichen.“
„Aber ob das heute noch gilt? Du weißt doch, Papst Franziskus ist da sehr fortschrittlich und liberal.“
„Oder tut jedenfalls so. Aber weißt du, so liberal, dass er außerehelichen Sex
gutheißen würde, ist er noch lange nicht. Außerdem hast du sicher schon gehört, dass ihn die konservativen Kräfte in der Kirche nach Strich und Faden bekämpfen und ihm Steine in den Weg legen, wo sie nur können. Jedenfalls bin ich überzeugt, dass mein Herbert keine außerehelichen Liebschaften hat. Nie gehabt hat. Ein frommer Katholik tut so was einfach nicht.“
„Ja, so lautet die Theorie“, erwidere ich lachend. „Sonst kommt er ja in die Hölle.“ Und nach kurzem Nachdenken sage ich: „Laienmoral, sagtest du? Das heißt, sie gilt nur für die Laien. So nennen die Kirchenleute, das weiß ich zufällig, die Nichtkirchenleute.“
„Genau.“
„Ah, jetzt weiß ich, warum sich so viele Kirchenleute des Kindesmissbrauchs schuldig gemacht haben. Für sie gilt diese Moral offensichtlich nicht.“
Carla lacht, küsst mich zärtlich. „Witzbold! Ich liebe dich ja so.“ Wieder nimmt sie einen Schluck vom Retsina und sagt dann in ernsthaftem Ton: „Du, Liebling, ich hoffe, du hältst mich jetzt nicht für ein perverses Luder. Ich bin weder eine Nutte noch eine Nymphomanin. Wenn ich dir einen blase, dann einfach deshalb, weil ich dich liebe. Verstehst du?“
Ich nicke beeindruckt. „Und wenn ich dich jetzt hernehme, um dich zu vögeln, dann nicht, weil ich so unmoralisch bin und mich selber preisgebe, sondern?“
Ich schaue sie mit dem gleichen Blick an, mit dem ich Schülern die richtige Antwort entlocken möchte.
Carla weiß die richtige Antwort. „Weil du mich liebst. Stimmt’s?“
„Stimmt auffallend. Sehr gut, setzen.“
Und wie angekündigt, nehme ich sie jetzt her und revanchiere mich zunächst für ihren phantastischen Blowjob, indem ich meinerseits Lippen, Zunge und Finger
einsetze, bis ich sie vor Lust leise aufschreien höre. Erst danach kommt das angedrohte Vögeln, die verbotene Fornicatio, die böse Unzucht dran. Und mir wird bewusst, dass das pure Vergnügen, das sie mir dabei bereitet, eindeutig größer ist als das Vergnügen, das mir Andrea oder Mareike jemals bereitet haben. Aber gut, Carla ist eben schon älter und hat daher mehr Erfahrung als jene beiden Jungfrauen. Durch teils langsame, gemütliche, teils schnelle, teils leichte, teils heftige Kontraktionen schmeichelt ihre Möse meinem Schwanz auf unbeschreibliche Weise, und mein abschließendes Gebrüll würde einen Kirchenmann zweifellos überzeugen, dass ich bereits zu sämtlichen Höllenstrafen verurteilt bin und durch nichts mehr davor gerettet werden kann. Carlas Lustschreie klingen im Vergleich dazu wie liebliches Amselgezwitscher.
„Na“, beginne ich danach, „ist Unzucht nicht was Wunderbares?“
Carla strahlt mich an, nickt, küsst mich zärtlich. Hierauf sagt sie: „Mir ist inzwischen noch was eingefallen. Weil laut Laienmoral jeder außereheliche Geschlechtsverkehr Unzucht ist. Du wirst sicher schon davon gehört haben, dass die Kirche die Zivilehe für null und nichtig ansieht. Gültig ist für sie nur die kirchlich geschlossene Ehe. Die ist nämlich ein Sakrament, über das der Staat angeblich kein Verfügungsrecht besitzt. Als Unzucht gilt daher sogar Sex in der Zivilehe.“
„Ja, doch, hab ich schon einmal gehört oder gelesen. Eigentlich ganz schön arrogant, wie? Um nicht zu sagen menschenverachtend.“
„Du sagst es.“
„Da seid ihr sicher kirchlich verheiratet. Ja?“
„Na, was glaubst du. Herberts Eltern sind ja womöglich noch frömmer. Und ...
Na, das muss ich dir jetzt erzählen, wie das bei unserer Hochzeit war. Herbert stammt zwar so wie ich aus Vorarlberg. Aber seine Eltern sind beide Wiener, die berufshalber nach Vorarlberg gezogen sind. Darum haben wir dort erst einmal
standesamtlich geheiratet. Aber für ihn und seine Alten hat das natürlich nicht gegolten, und sie haben streng darauf geachtet, dass wir auch jetzt noch keine Unzucht treiben. Die kirchliche Trauung sollte nämlich erst drei Wochen später gemeinsam mit ihrer Silberhochzeit stattfinden, und zwar in Wien, in derselben Kirche, in der sie damals getraut worden sind. Also gut, am Abend vor der kirchlichen Trauung kamen wir in Wien an. Dort besaßen sie eine große Wohnung. Aber glaubst du, ich hätte damals schon unter demselben Dach übernachten dürfen wie mein bereits standesamtlich angetrauter Ehemann? Ja, wo denkst du hin? Ich musste bei einem Onkel und einer Tante von mir Unterschlupf suchen. Und die haben über eine solche Absurdität, so nannten sie es, nur den Kopf geschüttelt. Erst die nächste Nacht durfte ich mit dem Segen der heiligen Mutter Kirche gemeinsam mit meinem nun doppelt angetrauten Ehemann verbringen und weihevolles Schenken praktizieren. Vierundzwanzig Stunden davor wäre es noch ein Wegwerfen, eine Preisgabe meiner selbst, sprich, pure Unzucht, Fornicatio gewesen.“
„He, Liebling, das ist ja eine wilde Geschichte. Sehe ich das richtig, da warst du also bis dahin noch reine, unberührte Jungfrau, virgo intacta?“
Carla lacht. „Nein, mein Schatz, das war ich damals schon lang nicht mehr.
Aber es war klarerweise nicht der Herbert, der mich defloriert, mir also meine sogenannte Unschuld geraubt hat, wie man so schön sagt.“
„Aha. Und? Wie hat er darauf reagiert? Hat er dich nicht gleich wieder postwendend an den Absender retourniert?“
„Wie du siehst, nein. Er hat gar nicht reagiert. Ich vermute, er hat es nicht einmal bemerkt.“
„Ah, da war er noch nicht aufgeklärt, wie?“
„Kann sein. Oder er war umgekehrt so gut aufgeklärt, dass er wusste, dass ein
Jungfernhäutchen nicht immer blutet. Aber für viel wahrscheinlicher halte ich Ersteres.“
„Liebst du ihn eigentlich? Entschuldige bitte, wenn ich so Indiskretes frage.“
„Ach, frag mich nur Indiskretes. Wir sind doch jetzt wieder – was sind wir denn? Ach was, wir lieben uns einfach, und wenn man sich liebt, spricht man eben auch über indiskrete Themen. Aber ja, ich liebe ihn, auch wenn ich im Bett mit ihm nicht besonders glücklich bin. Aber dafür habe ich jetzt ja wieder dich.“
Und sie küsst mich zärtlich, liebevoll, lustvoll.
„Und dass wir uns überhaupt haben“, sage ich nachdenklich, „haben wir vermutlich der katholischen Kirche zu verdanken. Weil, wärst du mit ihm auch im Bett glücklich, hättest du weder mich noch den Kurti gebraucht. Stimmt’s?“
Carla wiegt nachdenklich den Kopf. „Könnte stimmen. Obwohl, nein, in dich hätte ich mich wahrscheinlich so oder so verliebt. Die Frage wäre nur gewesen, ob ich mir mit dir auf jeden Fall was angefangen hätte oder nicht. Und diese Frage kann ich nicht mit Sicherheit beantworten.“
Jetzt liegt es an mir, nachdenklich den Kopf zu wiegen. „Weißt du was? Ein Problem ist das ja nur, weil in unserer Gesellschaft die Monogamie Vorschrift ist, jedenfalls offiziell, und laut Christentum alles andere Todsünde ist, mit der man unbesehen in der Hölle landet. Gäbe es bei uns so wie im Islam die Polygamie, so wäre das überhaupt kein Problem.“
„Hörst du, das ist wahr. Das ist umso unverständlicher, als laut Herbert Juden, Christen und Muslime denselben Gott verehren. Allah und der christliche Gott sind folglich ein und derselbe. Über diese Frage, sagt er, gibt’s unter den Theologen überhaupt keine Diskussion. Mohammeds Absicht war es ja, ein verbessertes Judentum und ein verbessertes Christentum zu schaffen. Übrigens ist Allah eh kein Name, sondern einfach das arabische Wort für Gott. So nennen zum
Beispiel auch die katholischen Malteser den christlichen Gott. Das Maltesische ist ja ein arabischer Dialekt.“
„Tatsächlich? Ja, und da erhebt sich natürlich sofort die naheliegende Frage: Wieso gestattet er den Muslimen vier Ehefrauen und dazu beliebig viele Konkubinen und den Christen nicht?“
„Du hast recht. Na, darüber hat mir der Herbert nichts erzählt.“
„Vermutlich, weil man sich die Antwort leicht denken kann.“
„Du meinst, das sind alles bloße Ammenmärchen?“
„Ja, was denn sonst? Oder kannst du dir eine andere Erklärung für diese eklatante Ungleichbehandlung denken? Schließlich haben wir einst im Katechismus gelernt: Gott ist höchst gerecht.“
Carla schüttelt nachdenklich den Kopf. „Nein. Nein, eine andere Erklärung ist eigentlich nicht denkbar. Und was bedeutet das? Das bedeutet doch, dass die zahllosen kirchlichen Verbote ohne jeden Belang sind.“
„Und dass wir keine Angst zu haben brauchen, dass wir wegen unseres fröhlichen Ehebrechens in der Hölle landen.“ Und schmunzelnd füge ich hinzu: „Das heißt, ich brauche keine Angst zu haben. Du schon. Ich bin ja nicht mehr verheiratet.“
„O doch, mein Lieber. Für die Kirche bist du nach wie vor verheiratet. Die Scheidung erkennt sie ja nicht an.“
„Ja, richtig. Na, umso besser. Da treffen wir uns halt in der Hölle wieder.“
„Witzbold“, sagt Carla lachend. Und ernster werdend: „Aber hör zu, was laut Laienmoral die Kirche zum Thema Ehebruch sagt. Er zählt zu den schwersten Sünden, weil er nicht nur das Recht des Ehepartners verletzt, sondern auch ein Sakrament schändet. Er verstößt also gegen einen Menschen und gleichzeitig gegen Gott. Im Urchristentum kannte man drei Hauptsünden, die nicht vergeben werden
konnten. Sie sind: Erstens Mord. Zweitens Götzendienst, sprich, Wechsel zu einer anderen Religion. Und drittens Ehebruch und Unzucht. Na? Was hältst du davon?“
„Hm, wie ich schon einmal gesagt habe: Menschenverachtend, eine solche Moral, die Religionswechsel und Ehebruch auf eine Stufe stellt mit Mord.“
„Dagegen war Jesus selbst ja vergleichsweise menschenfreundlich. Vielleicht kennst du die Stelle im Evangelium, wo die Schriftgelehrten und Pharisäer mit einer Frau, die soeben beim Ehebruch ertappt wurde, vor ihm aufkreuzen und erklären, laut Gesetz müsse sie gesteinigt werden. Und was sagt Jesus zu dieser Anschuldigung? Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.
Daraufhin ziehen alle den Schwanz ein und schleichen davon, und zur Ehebrecherin sagt er: Auch ich werde dich nicht verurteilen. Geh hin und sündige fortan nicht mehr.“
„Ja, das klingt schon besser. Nur weiß ich nicht, ob die sogenannte Ehebrecherin mit der Bedingung, die ihr Jesus auferlegt, damit er sie nicht verurteilt, besonders glücklich ist.“
„Du hast recht. Gehhinundsündigefortannichtmehr. Ganz schön happig.“
„Und dann“, sage ich nach kurzem Nachdenken, „ist da noch was. Jesus vergisst, die Pharisäer zu fragen, wo denn der dazugehörige Ehebrecher ist, warum sie den nicht mitgenommen haben, und ob der laut Gesetz nicht gesteinigt werden müsste.“
Und Carla: „Oh, das kann ich sogar erklären. Laut dem jüdischen Gesetz begeht ein Mann nur dann Ehebruch, wenn er eine verheiratete oder verlobte Frau vögelt. Dagegen begeht eine Frau immer Ehebruch, egal von wem sie sich vögeln lässt.“
„Ja, das ist Gerechtigkeit hoch zwei, wie? Aber noch etwas: Wer ertappt denn andere Leute beim Sex? Na, doch wohl nur Spanner. Zumal wenn derartige Strafen angedroht werden. Da sind die Ehebrecher klarerweise doppelt und dreifach
vorsichtig.“
„Du sagst es. Dabei fällt mir ein: Hast du schon einmal von einer doppelten Treue gehört?“
„Nein. Was soll das sein?“
„Diesen Begriff habe ich wieder einmal aus Herberts Laienmoral. Hör zu, was da über den Ehebruch gesagt wird. Der Ehebrecher verliert das Recht auf den ehelichen Akt gegenüber dem beleidigten Teil.
„Na, da wird sich der beleidigte Teil aber freuen, wie?“
„Na, das glaub ich auch. Und weiter: Wenn bei einem Ehebruch Schwangerschaft eintritt und die werdende Mutter verheiratet ist, sind beide in gleicher Weise zum Schadenersatz an den geschädigten Gatten verpflichtet. Die Frau wird in diesem Fall die Gutmachung am besten so bewerkstelligen, dass sie fortan doppelt eifrig das Hauswesen umsorgt und sich doppelter Treue befleißigt. So, und jetzt frage ich mich: Wie soll das gehen? Wie tut man da, doppelt treu sein?“
„Na, mit solchen Argumenten, glaube ich, richtet sich die ganze Laienmoral der katholischen Kirche ganz von selbst. Das ist ja alles mehr als kabarettreif.“
Carla beugt sich über mich und küsst mich lustvoll. „Siehst du, Liebling, mit dir kann ich über solche Themen ganz offen plaudern, ohne dass mir vorgeworfen wird, ich lästere Gott oder die Religion. Ich kann dir gar nicht sagen, wie angenehm das ist.“
Und sie küsst mich abermals.
„Verstehe ich dich richtig“, sage ich, „dein Herbert wirft dir vor, du lästerst, wenn du ihm deine Meinung zu solchen Dingen mitteilst?“
Carla lächelt mich mit leuchtenden Augen an und nickt heftig. „Aber manchmal“, sagt sie, „muss ich zugeben, findet man im Evangelium auch sehr vernünftige Sachen. Zum Beispiel: DusollstdeinenNächstenliebenwiedichselbst. Und
wer ist mein Nächster, zumindest in diesem Augenblick? Na, du natürlich. Also werde ich jetzt dieses Gebot befolgen.“
Und wieder küsst sie mich, lange und sinnlich. Zugleich macht sich ihre Hand über mein Körperzentrum her und beginnt meinem Schwanz unsagbar wohlzutun. Und sobald er sich hoch aufgerichtet hat, so wie von einer Gruppe tatenkräftiger junger Männer ein Maibaum aufgerichtet wird (der eben deshalb gern als Phallussymbol und damit als Symbol für den Frühling erklärt wird), wirft sie sich als Ganzes über mich, verbirgt das Phallussymbol in ihrer Körpermitte und veranlasst es, große Taten zu vollbringen und ein liebliches, zweistimmiges Jubelgeschrei auszulösen.
Während wir danach, eng umschlungen, noch ein Weilchen liegen bleiben, fühle ich mich so hochbeglückt, dass mich die Lust überkommt, wieder einmal zu lästern und Carla zum fröhlichen Kichern zu bringen. Aber ich komme nicht dazu. Denn Carla blickt auf die Uhr und erschrickt. „Was, so spät schon? Mit dir vergeht die Zeit so schnell, das ist ein Wahnsinn. Liebling, ich muss los. Weißt du, ich möchte keinen Verdacht erregen. Drum kann ich auch nicht jeden Tag zu dir kommen, vielleicht auch nur einmal in der Woche oder gar noch seltener. Und, gell, es versteht sich von selbst, dass ich normalerweise nur tagsüber kommen kann.“ Sie lacht fröhlich. „Außer auf der Griechenlandreise natürlich.“
Sobald ich wieder allein bin, muss ich als Erstes an meine unvergessene Andrea denken und danke ihr im Stillen aufs Neue dafür, dass sie mir die Carla zurückgebracht hat und mich sogar indirekt aufgefordert hat, sie mir „unbesorgt“ zu nehmen: „Nimm dir unbesorgt die Mareike. Ich glaube, sie steht auf dich.“ Und dass die Mareike mir so schnell untreu wird und dass es überhaupt mit ihr so bald zu Ende gehen sollte, konnte sie natürlich nicht ahnen. Also tue ich ihr bestimmt nicht
unrecht, wenn ich davon ausgehe, dass sie damit sagen wollte: Nimm dir unbesorgt eine Nachfolgerin, aber nur eine, die auf dich steht.
Doch später fällt mir ein, dass sich daraus ein neues Problem ergibt. Auf mich steht ja nicht nur die Carla. Auch die Lydia steht auf mich. Meint die Andrea nun, ich soll mir beide „unbesorgt nehmen“? Kaum. Aber jetzt im Ernst: Was soll ich mit der Lydia anfangen, wenn sie mir doch wieder einmal in die Arme läuft, nämlich trotz meines Vorsatzes, in Hinkunft den Supermarkt im Erdgeschoss zu meiden? Oder gar, wenn sie unversehens vor der Wohnungstür aufkreuzt? Ach, das ist doch kein Problem. Ich werde sagen, liebste Lydia, es geht nicht, ich kann das nicht, und wenn du mich noch so oft ohrfeigst. Und fertig.
Nein, nein, ich bin doch kein Schürzenjäger, kein „Womanizer“, wie das auf Neudeutsch heißt. Ich will nicht wie ein Schmetterling von einer Blüte zur anderen flattern, auch wenn das ab und zu so aussehen mag. Ich will eine beständige Beziehung, und zwar eine, die auf Liebe beruht. Was natürlich nicht ausschließt, dass ich vielleicht auch einmal eine andere ausprobiere. Wenn mich schon eine so liebevolle und tolerante Partnerin wie meine unvergessene Andrea quasi dazu auffordert. An ihre Worte erinnere ich mich noch sehr genau: „Ich weiß ja, dass es für dich ein kleines Vergnügen wäre, zur Abwechslung einmal mit einer anderen Frau zu bumsen.“ Und: „Ich würde dir ein solches Vergnügen gönnen, einfach weil ich dich liebe.“ Die Frage wäre nur, wie sehr mich die Carla liebt. Und wie tolerant sie ist. Wie sagte sie? „In dich hätte ich mich wahrscheinlich so oder so verliebt. Die Frage wäre nur gewesen, ob ich mir mit dir auf jeden Fall was angefangen hätte oder nicht.“
Wie war das eigentlich, als sie sich in mich verliebte? Und als ich mich in sie verliebte? Und nun schaltet sich mein Kopfkino ein und spielt mir einen vergnüglichen Film vor. Der Titel: Wie sich Julius und Carla ineinander verliebt
haben.
Es geschah vor bald sechs Jahren. Ich hatte mich soeben unsterblich in meine
Schülerin Andrea verliebt, und sie sich in mich. Nur verknallte sie sich dann in einen Gleichaltrigen. Fünf Jahre mussten vergehen, bis wir uns durch Zufall neuerlich begegneten. Und sofort loderte das Feuer ihrer Liebe wieder auf und loderte so hell, dass Andrea fest entschlossen war, ihr ganzes Leben an meiner Seite zu verbringen. Aber ach, niemand konnte damals ahnen, dass ihr Leben nur noch wenige Monate dauern sollte.
Damals also, im August 2009, leitete ich eine große Rundreise per Bus durch Spanien und Portugal. Nun hatte ich allerdings die iberische Halbinsel selbst noch nie bereist. Dieses Manko versuchte ich durch eine möglichst perfekte Vorbereitung auszugleichen. Ich eignete mir sogar rudimentäre Kenntnisse des Spanischen und Portugiesischen an (was zugegebenermaßen für einen Lateiner wie mich kein besonderes Problem darstellt). Wem die weite Anreise zu anstrengend war, der konnte bis Barcelona fliegen und erst dort die Busreise antreten. Diese Variante wählten nicht wenige meiner Reisegäste. Unter denen, die die gesamte Strecke im Bus, also unter meiner Obhut zurücklegten, war auch eine hübsche junge Dame namens Carla Riavitz, die mir von Anfang an nicht nur durch ihren bemerkenswerten Charme auffiel, sondern vor allem durch ihr großes Interesse an meinen Erzählungen und Erklärungen, besonders während der diversen Führungen, nämlich schon während der Anreise, etwa in Mailand oder in Marseille. Sie war laut eigener Aussage zwar verheiratet, aber nicht mit Ehemann unterwegs, sondern mit einer guten Freundin.
In Barcelona angekommen, staunte ich selbst, wie wunderbar meine Vorbereitung wirkte. Ich kannte mich überall perfekt aus, lotste meinen Chauffeur – er war ebenfalls zum ersten Mal in Spanien – stets auf den richtigen Weg und führte
meine mittlerweile um die Fluggäste angewachsene Gruppe niemals in die Irre. Der Erfolg war, dass mir immer wieder die peinliche Frage gestellt wurde, wie oft ich Spanien denn schon bereist habe, weil ich mich gar so gut auskenne. Und da ich natürlich um keinen Preis zugeben konnte oder wollte, dass ich selbst zum ersten Mal hier bin, gab ich stets eine ausweichende Antwort.
Ein einziges Mal sagte ich jedoch die Wahrheit. Das war am fünften Reisetag, nach unserer Ankunft in Madrid. Nach dem Abendessen hatte ich zunächst mit lauter Stimme verkündet, man möge lieber im Hotel bleiben; Madrid sei eine gefährliche Stadt. Und gleich darauf hatte ich mit leiser Stimme verkündet, eigentlich nur laut gedacht, dass ich mir trotzdem vor dem Schlafengehen wie jeden Abend noch einen gemütlichen Abendspaziergang zu genehmigen gedenke.
(Diese Spaziergänge unternehme ich in Wirklichkeit natürlich, um die Umgebung des jeweiligen Hotels zu erkunden; ein Reiseleiter soll sich ja überall perfekt auskennen.)
Die Frau Riavitz, die sich wie üblich in meiner Nähe aufhielt, um keine meiner Weisheiten zu überhören, hörte auch mein lautes Denken und fragte ungeniert, ob sie mich begleiten dürfe. Nun, das durfte sie sehr gern. Ich freute mich sogar, eine so nette und charmante Begleitung zu haben. Ja, und kaum waren wir auf die Straße hinausgetreten, da hörte ich auch schon die unvermeidliche Frage: Wie oft, Herr Pichler, sind Sie denn schon in Spanien gewesen? Und siehe da, zu meiner eigenen Überraschung sagte ich, ohne zu zögern: Noch nie. Ich bin zum ersten Mal in Spanien. Ich habe mich halt gut vorbereitet.
Warum habe ich das gesagt? Ich weiß es nicht. Aber die Vermutung liegt nahe, dass ich in den fünf Tagen seit Beginn der Reise ein gewisses Vertrauensverhältnis zu dieser Dame aufgebaut hatte. Oder vielmehr, ein Vertrauensverhältnis hatte sich unterdessen ohne mein bewusstes Zutun von selbst
aufgebaut. Und es ist keine Frage, dass ein solches die Basis für jegliche Art von Liebe ist. Jedenfalls verspürte ich danach unversehens das Bedürfnis, mit meiner Begleiterin Bruderschaft zu trinken. Ich lud sie in eine der zahlreichen „Bars“ ein, bestellte zwei Gläser Rioja und bot ihr das Du-Wort an. Und weil der Wein so köstlich schmeckte, tranken wir noch ein zweites und ein drittes Glas. Und danach war unser Vertrauensverhältnis so sehr gewachsen, dass ich der Dame, die nun für mich „die Carla“ war, zu meiner noch viel größeren Überraschung ein ungleich größeres Geheimnis verriet.
„Du, Carla“, begann ich unvermittelt. „Ich muss dir was gestehen.“
„Ja?“, erwiderte sie. Und es klang ausgesprochen erwartungsvoll.
„Du, ich bin ja so verliebt.“
Ich seufzte und fuhr fort: „Sie heißt Andrea.“
Carla schnappte hörbar nach Luft. Es klang fast so, als hätte sie einen anderen Namen erwartet. Dann schaute sie mich fragend an und wartete offenbar auf weitere Enthüllungen. Und die bekam sie auch zu hören. Denn im Folgenden erzählte ich ihr die ganze Geschichte meiner Liebe zu Andrea. Und was erwiderte Carla darauf? Sie könne es sehr gut verstehen, dass sich ein mit großer emotionaler Intelligenz begabtes Mädchen in einen wie mich verliebt. Hierauf begann sie mein Loblied zu singen: Mit welchem Vergnügen sie immer meinen Vorträgen zuhöre, und was für eine angenehme Mikrophonstimme ich hätte, und dergleichen mehr. Mir schwirrte der Kopf vor so viel Lobpreis, und ich begann mich zu fragen, ob das alles nicht eine heimliche Liebeserklärung war und ob ich sie nicht in Wirklichkeit bitter enttäuscht hatte, als ich ihr gestand, in eine ehemalige Schülerin verliebt zu sein, ob sie nicht etwa im Stillen erwartet hatte, dass ich sagen würde, ich sei in sie, die Carla, verliebt.
