Liebeskrank - Nina Kayser-Darius - E-Book

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Nina Kayser-Darius

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Beschreibung

Mit den spannenden Arztromanen um die "Kurfürstenklinik" präsentiert sich eine neue Serie der Extraklasse! Diese Romane sind erfrischend modern geschrieben, abwechslungsreich gehalten und dabei warmherzig und ergreifend erzählt. Die "Kurfürstenklinik" ist eine Arztromanserie, die das gewisse Etwas hat und medizinisch in jeder Hinsicht seriös recherchiert ist. Nina Kayser-Darius ist eine besonders erfolgreiche Schriftstellerin für das Genre Arztroman, das in der Klinik angesiedelt ist. 100 populäre Titel über die Kurfürstenklinik sprechen für sich. »Hörst du das?« fragte Dr. Adrian Winter seinen Kollegen Dr. Bernd Schäfer. Er blieb stehen und lauschte. »Das hört sich an wie eine schlimme Schlägerei, Bernd.« Bernd Schäfer lauschte ebenfalls und nickte dann. »Stimmt. Aber sie werden sich schon nicht gerade in der Kneipe prügeln, in der wir jetzt noch ein Bier trinken wollen.« »Nein, wahrscheinlich nicht«, gab Adrian zu. »Aber ich finde, es hört sich so an, als schlügen sich da ein paar Leute die Köpfe ein.« Bernd seufzte. »Schon gut, ich hab' verstanden. Du willst offenbar unbedingt nachsehen, ob unsere ärztliche Kunst gefragt ist.« Adrian lächelte zufrieden. »Genau das, du hast's erfaßt. Nun komm schon.« »Ich weiß nicht, warum ich jetzt nicht einfach meiner Wege gehe, mein Bier genieße und mich anschließend zu Hause in mein Bett lege und schlafe«, murrte Bernd. »Wir haben einen Sechzehnstundentag in der Notaufnahme hinter uns – und du hast anscheinend immer noch nicht genug. Wir werden die Leute nicht daran hindern können, sich die Köpfe einzuschlagen, wenn sie das unbedingt wollen.« Adrian antwortete nicht. Er leitete die Notaufnahme der Kurfürsten-Klinik in Berlin-Charlottenburg, die Bernd, der noch chirurgischer Assistenzarzt war, und er wenige Minuten zuvor verlassen hatten. Es stimmte, was Bernd sagte: Sie hatten einen harten und überlangen Tag hinter sich, die Patientenströme in der Notaufnahme hatten kein Ende nehmen wollen. Dennoch fand er, daß es ihre Pflicht war, nachzusehen, ob Menschen in Gefahr waren. Die Schreie, die sie nun beim Näherkommen noch deutlicher hören konnten, wiesen zumindest darauf hin, daß jemand verletzt worden war. Er lief schneller, und Bernd

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Seitenzahl: 114

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Kurfürstenklinik – 49 –Liebeskrank

… und andere Katastrophen!

Nina Kayser-Darius

»Hörst du das?« fragte Dr. Adrian Winter seinen Kollegen Dr. Bernd Schäfer. Er blieb stehen und lauschte. »Das hört sich an wie eine schlimme Schlägerei, Bernd.«

Bernd Schäfer lauschte ebenfalls und nickte dann. »Stimmt. Aber sie werden sich schon nicht gerade in der Kneipe prügeln, in der wir jetzt noch ein Bier trinken wollen.«

»Nein, wahrscheinlich nicht«, gab Adrian zu. »Aber ich finde, es hört sich so an, als schlügen sich da ein paar Leute die Köpfe ein.«

Bernd seufzte. »Schon gut, ich hab’ verstanden. Du willst offenbar unbedingt nachsehen, ob unsere ärztliche Kunst gefragt ist.«

Adrian lächelte zufrieden. »Genau das, du hast’s erfaßt. Nun komm schon.«

»Ich weiß nicht, warum ich jetzt nicht einfach meiner Wege gehe, mein Bier genieße und mich anschließend zu Hause in mein Bett lege und schlafe«, murrte Bernd. »Wir haben einen Sechzehnstundentag in der Notaufnahme hinter uns – und du hast anscheinend immer noch nicht genug. Wir werden die Leute nicht daran hindern können, sich die Köpfe einzuschlagen, wenn sie das unbedingt wollen.«

Adrian antwortete nicht. Er leitete die Notaufnahme der Kurfürsten-Klinik in Berlin-Charlottenburg, die Bernd, der noch chirurgischer Assistenzarzt war, und er wenige Minuten zuvor verlassen hatten. Es stimmte, was Bernd sagte: Sie hatten einen harten und überlangen Tag hinter sich, die Patientenströme in der Notaufnahme hatten kein Ende nehmen wollen. Dennoch fand er, daß es ihre Pflicht war, nachzusehen, ob Menschen in Gefahr waren. Die Schreie, die sie nun beim Näherkommen noch deutlicher hören konnten, wiesen zumindest darauf hin, daß jemand verletzt worden war.

Er lief schneller, und Bernd folgte ihm. Er sah jetzt selbst beunruhigt aus. Adrian unterdrückte ein Lächeln. Er kannte Bernd schon lange und wußte, daß dieser sein mitfühlendes Herz und seine Sorge um andere häufig hinter schnodderigen Reden verbarg.

Sie hatten das Lokal erreicht, aus dem das Geschrei drang und betraten es nun zügig. Ihnen bot sich ein Bild des Schreckens und der Verwüstung. Die Einrichtung lag in Trümmern, der Wirt hatte sich mit schreckensbleichem Gesicht hinter seine Theke verzogen, an den Wänden standen mehrere Gäste und rührten sich nicht – auch sie entsetzt und fassungslos.

In der Mitte des Raumes lag der Mann, der die lauten Schreie ausstieß. Er blutete aus mehreren Wunden und krümmte sich vor Schmerzen. Neben ihm stand – schwankend, aber dennoch sehr bedrohlich –, ein anderer Mann und fuchtelte abwechselnd mit einem Revolver und einem blutigen Messer herum. Er war ganz offensichtlich derjenige, der den am Boden liegenden verletzt hatte und der nun die anderen bedrohte, die Zeugen seiner Tat geworden waren.

Die Gäste starrten die beiden Neuankömmlinge an. Der bewaffnete Mann jedoch, der mit dem Rücken zum Eingang stand, bemerkte sie nicht.

Adrian und Bernd wechselten einen schnellen Blick, Worte waren nicht nötig. Der Mann wirkte wegen seiner Waffen zwar bedrohlich, aber er war stark betrunken und hatte gegen die beiden jungen Ärzte, die nüchtern und kräftig waren, nicht die geringste Chance. Mit zwei Schritten war Bernd bei ihm und umschlang ihn von hinten mit eisernem Griff, so daß er sich nicht mehr rühren konnte. »Lassen Sie die Waffen fallen!« kommandierte Bernd.

Kurz versuchte der Mann, Widerstand zu leisten, gab diesen jedoch sofort auf, als er sah, daß er zwei Gegner hatte. Er ließ Messer und Revolver fallen. Ein Aufstöhnen der anderen Gäste war zu hören, die endlich aus ihrer Erstarrung zu erwachen schienen.

Als Adrian sah, daß Bernd seine Unterstützung gar nicht brauchte, beugte er sich über den am Boden liegenden Verletzten. »Meine Güte«, murmelte er, als er sah, daß dieser förmlich in seinem Blut schwamm.

»Meiner ist auch verletzt, Adrian«, sagte Bernd in diesem Augenblick. »Offenbar sind sie beide mit Messern aufeinander losgegangen.«

Jetzt erst sah Adrian, daß der Mann, den er nun vorsichtig untersuchte, in einer Hand ebenfalls ein blutiges Messer fest umklammert hielt. Er zog sein Handy aus der Tasche und rief einen Rettungswagen. Danach rief er die Notaufnahme der Kurfürsten-Klinik an. »Winter hier«, sagte er knapp. »Dr. Schäfer und ich kommen gleich zurück – mit zwei verletzten Männern. Einer schwebt in Lebensgefahr – es war eine Messerstecherei.«

Sein dritter Anruf galt der Polizei. Und während allmählich wieder Stimmen in dem Lokal laut wurden, der Wirt seinen sicheren Platz hinter dem Tresen verließ und Bernd mit Hilfe zweier männlicher Gäste den Mann in Schach hielt, den er zuvor überwältigt hatte, versuchte Adrian, die Blutungen des Schwerverletzten zu stoppen und ihn so zu lagern, daß ihm das Atmen ein wenig leichter wurde.

Er hob den Kopf und sah Bernd an. »Hoffentlich kommen sie schnell«, sagte er leise. »Der Mann hat nicht mehr viel Zeit.«

*

Olaf Reinke hatte beide Hände tief in seinen Jackentaschen vergraben. Das Röhrchen hielt er fest umklammert, als müsse er sich davon überzeugen, daß er es auch wirklich bei sich hatte. Es war ein milder Abend, aber er hatte heute keinen Sinn dafür. Seine Gedanken waren bei Susanne, seiner Freundin, wie eigentlich immer in der letzten Zeit. Es kam ihm so vor, als habe nichts anderes in seinen Gedanken Platz – nur noch Susanne, Susanne, Susanne.

Er stöhnte leise auf. Wenn es wenigstens schön gewesen wäre, an sie zu denken, doch das war es nicht – im Gegenteil, es quälte ihn. Er hatte versucht, sich abzulenken, hatte sich zwingen wollen, an etwas anderes zu denken, aber alles war vergebens gewesen.

Unversehens war er in einer kleinen Grünanlage gelandet, und endlich verlangsamte er seine Schritte. Warum rannte er überhaupt so? Er hatte es doch gar nicht eilig, jetzt nicht mehr!

Eine Bank tauchte vor ihm auf, und er beschloß, sich ein paar Minuten hinzusetzen. Erst im letzten Moment bemerkte er, daß auf der Bank bereits jemand saß, eine junge Frau, die eine eigenartig gespannte Haltung eingenommen hatte. Sie hielt etwas in den Händen, das sie völlig versunken betrachtete. So versunken war sie, daß sie ihn nicht einmal bemerkte, als er sie fast erreicht hatte. Es war ja schon Abend, aber die Grünanlage war gut beleuchtet, sie hätte ihn eigentlich längst sehen müssen. Doch sie hob den Kopf nicht.

Er stand jetzt direkt neben ihr und konnte nun auch erkennen, was sie in den Händen hielt: Es war ein Röhrchen Tabletten, wie er selbst es in der Tasche hatte. Er erkannte das Etikett auf einen Blick, ohne es lesen zu müssen.

Ohne nachzudenken beugte er sich vor, griff nach dem Röhrchen, nahm es an sich und sagte heiser: »Über so etwas sollten Sie nicht einmal nachdenken! Wie sind Sie überhaupt an dieses Zeug gekommen?«

Sie sah auf, direkt in seine Augen. Eine hübsche Frau, schoß es ihm durch den Kopf. Sehr hübsch sogar. Hellbraune, glatte, ziemlich kurze Haare, braune Augen, ein weiches, sanftes Gesicht, das allerdings sehr blaß war.

Sie beantwortete seine Frage nicht, und so setzte er sich neben sie, denn er konnte sie ja jetzt nicht einfach allein lassen. »Tut mir leid«, sagte er verlegen, »es geht mich natürlich nichts an, was Sie tun oder nicht tun. Aber ich finde, eine junge Frau wie Sie sollte nicht an Selbstmord denken. Sie glauben vielleicht, daß es keinen Ausweg gibt, aber das stimmt nicht. Es stimmt nie.«

»Woher wollen Sie das wissen?« fragte sie.

Ihre Stimme war so weich wie ihr Gesicht, er fühlte sich auf einmal sehr wohl in ihrer Nähe. Wie war es möglich, daß eine Frau mit einer solchen Ausstrahlung aus dem Leben scheiden wollte? Sie wirkte weich, aber zugleich kraftvoll – kaum vorstellbar, daß sie in eine Situation hatte geraten können, die ihr hoffnungslos erschien.

»Ich denke, ich kann mich ganz gut in Ihre Situation hineinversetzen«, antwortete er ausweichend. »Jeder glaubt einmal, daß es nicht weitergeht, daß alles zu Ende ist.«

»Sie auch?« fragte sie hartnäckig weiter. »Sind Sie schon einmal in einer solchen Situation gewesen?«

»O ja«, antwortete er und fuhr im Stillen fort: Gerade jetzt bin ich in einer solchen Situation, aber das kann ich dir nicht erklären, es ist zu verworren. Ich verstehe es ja selbst nicht. »O ja«, wiederholte er, ein wenig hilflos. Als er ihr einen raschen Blick zuwarf, bemerkte er, daß sie zitterte. Es war wirklich nicht kalt, aber sie hatte nur eine dünne Jacke an. Rasch zog er seine eigene aus und legte sie ihr fürsorglich um. »Sie frieren ja«, sagte er. »Wärmen Sie sich ein wenig auf, mir ist ganz warm!«

Sie widersprach nicht, zog gehorsam seine Jacke an und kuschelte sich hinein.

»Besser?« fragte er nach einer Weile.

»Viel besser. Danke«, antwortete sie.

Er fror wirklich nicht. Nachdenklich betrachtete er das Röhrchen Tabletten, das er ihr weggenommen hatte und noch immer in der Hand hielt – und im selben Augenblick fiel ihm dasjenige in seiner Jackentasche ein. Er erschrak. Daran hatte er nicht gedacht, als er ihr seine Jacke anbot. Als er zu ihr hinübersah, bemerkte er, daß es bereits zu spät war. Sie hatte ihre Hände tief in die Taschen geschoben, so wie er es zuvor getan hatte, und sie hatte die Tabletten bereits entdeckt.

Langsam zog sie eine Hand aus der Tasche und betrachtete das Röhrchen nachdenklich. »Haben Sie deshalb gesagt, daß Sie sich in meine Situation hineinversetzen können?« fragte sie.

Er überlegte kurz und nickte dann. Die ganze Geschichte konnte er ihr jetzt nicht erzählen, schließlich waren sie einander völlig fremd. »Ja, deshalb«, sagte er. Das war zwar nicht die ganze Wahrheit, aber falsch war es auch nicht.

Sie schloß ihre Finger um das Röhrchen und schob die Hand wieder in die Tasche seiner Jacke. Eine weitere Frage stellte sie nicht.

*

Adrian und Bernd standen nebeneinander im Operationssaal – alle anderen Chirurgen der Kurfürsten-Klinik waren im Einsatz, so daß sie den schwer verletzten Mann aus dem Lokal selbst operieren mußten. Es war ein Not-Team, daß in aller Eile zusammengestellt worden war, denn der schlechte Zustand des Mannes hatte einen Aufschub der Operation verboten. Und so mußten also die beiden jungen Mediziner nach ihrem Sechzehnstundentag in der Notaufnahme nun auch noch eine nicht unproblematische Operation durchführen.

»Am schlimmsten ist diese Bauchverletzung«, murmelte Adrian. »Die Milz hat auch etwas abbekommen, aber ich denke, wir können das Organ retten.«

»Wir sollten es zumindest versuchen«, meinte Bernd, während er eins der zahlreichen verletzten Gefäße im Bauchraum des Patienten verschloß. Seit über einer halben Stunde taten Adrian und er nichts anderes – immer in der Hoffnung, endlich die letzte Wunde behandelt zu haben.

Wieder suchten sie nun gemeinsam die Bauchhöhle ab, konnten zu ihrer großen Erleichterung jedoch endlich keine weitere Blutung entdecken.

»Dann kümmere ich mich nun um die anderen Verletzungen«, sagte Bernd.

»Ja, tu das.« Noch einmal untersuchte Adrian den Bauchraum, dann begann er zu nähen. Bernd versorgte jetzt eine große Wunde im Oberschenkel, die ebenfalls heftig geblutet hatte. Insgesamt hatten sie dreizehn mehr oder weniger tiefe Messerstiche gezählt. Der Mann, der dem Patienten diese Verletzungen zugefügt hatte, lag noch in der Notaufnahme und wartete ebenfalls darauf, in einem der Operationssäle versorgt zu werden. Doch da er nicht in Gefahr war, mußte er warten.

»Ich werde nie verstehen, wie Menschen es fertigbringen können, mit Messern aufeinander loszugehen«, sagte Adrian nach einer Weile.

»Wenn der andere genauso betrunken ist wie unser Patient hier«, ließ sich der Anästhesist in diesem Augenblick vernehmen, »dann erklärt das vielleicht einiges.«

»Möglich, ja«, murmelte Adrian. Sie hatten bei dem Mann, dessen Namen sie noch nicht kannten, einen sehr hohen Alkoholspiegel festgestellt – offenbar hatten er und der andere bereits stundenlang gezecht, bevor sie in Streit geraten waren und einander daraufhin angegriffen hatten.

Schweigend arbeiteten sie weiter. Ihre Müdigkeit hatten sie vorübergehend vergessen, aber sie würde später, nach dem Ende der Operation, geradezu überwältigend sein, das wußten sie.

*

Jana fand den Mann, der ihr die Tabletten weggenommen hatte, erstaunlich sympathisch. Normalerweise hätte sie sicherlich böse reagiert bei einem solchen Versuch, sich in ihr Leben einzumischen, doch sie hatte gar kein Bedürfnis verspürt, den Mann zurechtzuweisen. Er war nicht rechthaberisch gewesen, nur aufrichtig erschrocken und besorgt – was sie sehr angenehm gefunden hatte. Eigentlich, dachte sie, müßte ich ihm erklären, wie alles zusammenhängt, aber ich kenne ihn ja überhaupt nicht, also wäre das wohl ein bißchen übertrieben.

»Übrigens«, sagte er in diesem Augenblick, »mein Name ist Olaf Reinke. Immerhin sitzen wir jetzt schon fast eine halbe Stunde zusammen, da ist es wohl an der Zeit, daß ich mich vorstelle.«

Sie lächelte, weil sie ihn ein bißchen altmodisch fand, doch auch das gefiel ihr. »Jana Willing«, erwiderte sie leise. »Ich bin froh, daß ich Sie heute abend getroffen habe, Herr Reinke.«

»Wirklich?«

Er sah erfreut aus, fand sie. Natürlich hatte er ihre Worte falsch verstanden, aber das machte nichts. Sie war wirklich froh, ihn getroffen zu haben – die Gründe waren nur für sie selbst wichtig.

»Ja, wirklich. Es hat mir gut getan, mit Ihnen zu reden.«

»Aber ich habe ja gar nichts tun können«, sagte er hilflos.

»Im Gegenteil, Sie haben eine Menge getan, auch wenn Sie es vielleicht nicht wissen. Es ist immer gut zu wissen, daß es andere Menschen gibt, die auch Schwierigkeiten und Probleme haben, die vielleicht auch nahe daran sind, den Mut zu verlieren. Das hilft.« Auch das würde er falsch verstehen – und einen winzigen Augenblick überlegte sie, ihm vielleicht doch ihre Geschichte zu erzählen.

Doch bevor sie zu einem Entschluß gekommen war, unterbrach er ihre Gedanken. »Aber…«, begann er, stockte dann jedoch. Sie hatte das sichere Gefühl, daß er ihr etwas sehr Wichtiges hatte erzählen wollen, doch er sprach nicht weiter, sondern schüttelte nur den Kopf.

Schließlich sagte er: »Versprechen Sie mir, den Mut nicht zu verlieren. Und gestatten Sie mir, das hier« – er hielt die Tabletten hoch – »mitzunehmen.«

Sie zog sein Röhrchen aus der Tasche. »Und das hier?«, fragte sie. Sie sah ihm an, daß er gar nicht mehr daran gedacht hatte. »Wir werfen sie zusammen weg – was halten Sie davon?« fragte sie rasch.

Er nickte zögernd.