Beschreibung

Eine große Liebe in Briefen

Dieses Geschenkbuch erzählt von einer außergewöhnlichen Liebe, die unverbrüchlich auch Phasen der räumlichen Trennung überbrückt: Ausgewählte Briefzeilen Mascha Kalékos an ihren zweiten Mann, den Musikwissenschaftler Chemjo Vinaver, geben einen intimen Einblick in große Gefühle, berichten aber genauso von Banalitäten des Alltags. Fast schon akribisch dokumentiert Mascha Kaléko ihre Europareisen und ihre Auseinandersetzung mit der alten Heimat. Die Melancholie und der Witz der Lyrikerin treffen auch in dieser Textform mitten ins Herz.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 171


Mascha Kaléko

»Liebst du mich eigentlich?«

Briefe an ihren Mann

Herausgegeben von Gisela Zoch-Westphal und Eva-Maria Prokop

Deutscher Taschenbuch Verlag

Ich und Du

Ich und Du wir waren ein Paar

Jeder ein seliger Singular

Liebten einander als Ich und als Du

Jeglicher Morgen ein Rendezvous

Ich und Du wir waren ein Paar

Glaubt man es wohl an die vierzig Jahr

Liebten einander in Wohl und in Wehe

Führten die einzig mögliche Ehe

Waren so selig wie Wolke und Wind

Weil zwei Singulare kein Plural sind

Hamburg, 8.1.1956

Chemjolein,

es ist schwer für mich, Dir alles, was Du wissen möchtest und solltest, in diesem eiligen Brief aus Hamburg, dem ersten auf deutschem Boden, mitzuteilen …. Darum zunächst nur das Prosaische: also ich habe schon eine Bleibe, wie, was und ma joker1 werde ich später berichten, denn es ist 3 Uhr nachmittags (ich kam um halb 2 mittags an) und ich habe erst mal das Nötigste ausgepackt, aber Frau Thies werde ich erst die Ehre haben, nach vier zu sprechen. Inzwischen kam ich einfach auf den Brief, den Du mir von Frau Th. noch sandtest, direkt vom Bahnhof her, da es Sonntag ist und ich nicht mit meinen Koffern lang herumreisen wollte. Ein typisches altes Hausfräulein trug die Koffer hinauf und sagte mir gleich, ein Einzelzimmer sei nicht frei, aber sie würden mir ein Doppelzimmer für einzeln rechnen. Mark 5.– per Nacht plus 10%. Was wohl das billigste in Hamburg sein muß. Das Zimmer zu beschreiben ist schwer, – wir haben ja soviel vergessen! Ein Riesenzimmer, 2fenstrig, mit 2 klotzigen Ehebetten und Steppdecken obendrauf, einem Kasten, Schrank genannt, der nicht verschließbar ist (»in unserm Haus wird nichts verschlossen, nur die Haustür unten«), einem Tisch, Sofa (ausgekrochener Plüsch), ärmlich, aber sauber. Ein Schreibtisch ist da und ein Blick auf ein typisches Gartenhaus. Still. Zentralheizung und Warmwasser, auch wenn man mit dem Wasserkran eine Viertelstunde diskutieren muß, bis er ja sagt, und beim nein sagen ebenso. Aber heiß ist das Wasser. Und Bad gibt es nebenan. Wenn es nicht so muffig röche, wär es gar nicht schlimm. Für Dich – – – unmöglich, das Haus ist 50 Jahre alt und riecht danach, die Möbel sind nie erneuert worden. Die Fenster zu öffnen ist ein Unternehmen, das Mut und Zeit erfordert, mit verrosteten Riegeln, die Fenster öffnen sich nur ganz nach außen, so weit, daß es eisig wird, wenn man sie aufmacht. Klein öffnen geht nicht, der Riegel hält nur das ganze offene Fenster fest. Aber trotzdem muß ich einstweilen bleiben und mich umsehn.

Die Gegend ist gut, und ich muß sehen, ob ich mich nicht am Ende noch an den Quatsch gewöhne. Eine Woche bleib ich bestimmt, aber wahrscheinlich länger, falls sie ein netteres Zimmer hat.

Wie soll ich Dir meine erste Begegnung mit der Landschaft und den Leuten (Zollbeamter, Taxichauffeur und Hausmädchen bisher nur) beschreiben. Mir fehlt die Ruhe. Der Weg von Bremerhaven bis Hamburg ist Flachland, mit kahlen Weiden, aber grünen Tannen, und die Felder sind mit Winterkohl bestellt, vor den kleinen Häuschen der Vororte, also noch grünlich. Es hat hier gerade ein paar milde Tage gegeben, erfuhr ich. Die Straßen und Bahnhof blitzsauber etc. Aber eine sonderbare Schwermut überkam mich, als ich durch die Landschaft fuhr. Der Nebel stieg auf, der Himmel war grau, das Wasser düster, und ab und zu sah man einen Vater mit seinem Kind spazierengehen, es ist Sonntag. Die Landschaft und die Bäume hätten mir an sich wohlgetan, aber sie taten mir auch sehr weh …

Vergessen ist ein schweres Wort. Ganz frei von den düstern Geistern, die ich nun überall auf diesem Boden sehe, wird das Land für mich wohl kaum werden. Aber wer weiß.

Gesehen von Hamburg hab ich nichts als den Bahnhof und die paar Straßen auf dem Weg in die Alte Rabenstraße, eine schöne Straße, still und gute Gegend, aber das alte Klamottenhaus, na daran muß man sich wieder gewöhnen. Schreib mir nur nicht, ich soll in ein Hotel ziehen. Auch hier wird es genug kosten. Und ich will sparsam umgehn. Und alles versuchen.

Die letzte Nacht tat ich vor Aufregung kein Auge zu.

Die erste Begegnung mit deutschen Beamten war mir unheimlich. Details später, ich bin nicht imstande, das jetzt zu beschreiben, aber erinnere mich, daß ich Dir die Zollbeamten auf dem Schiff (die kamen direkt auf die »Amerika«, was bequem war) beschreibe … Sie tragen lange Mäntel und überhaupt sieht man zu viel Uniformen, die unliebsame Erinnerungen wecken, auf dem Bahnhof und überall, und ohne den grünen Paß mochte ich hier nicht sein. Das ist natürlich nur mein ganz subjektives Empfinden, das […] anderen sicher mangelt. Der Chauffeur war nett und anständig, die Kontrolleure am Bahnhof dito. Das Hausmädchen hier unsympathisch und schnüfflerisch, – aber mal abwarten. Es ist jetzt 3 Uhr nachm. und so dunkel, daß man Licht brennen muß. Olle Lampen etc. Aber anscheinend wohnen nette Mieter hier; ich höre Französisch sprechen, nebenan.

Die Hauptsache ist mal, daß ich morgen bei Rowohlt anrufe und Tachlis2 sehe. Wärst Du hier, auch die Klamotten würden mich nicht so stören …

Aber ich habe mir vorgenommen, erwachsen zu handeln und Steven keinen Grund zum Lachen über mich zu liefern.

Eure 2 Briefe haben mich herzlich erfreut, ich erhielt sie heute nacht auf dem Schiff, um 2 Uhr. Und genoß sie sehr, Du schriebst so nett und Steven so lieb und Ihr beschriebt mir so nett Eure Eß- und Trink-Abenteuer zu zweien, daß ich fast dabeizusein glaubte. Hoffentlich macht dir die lecture3 nicht zuviel headaches4 …

New Years5 bei Heilbroners hatte gewiß mehr Stimmung als unsere öde Schiffs-Feier. Da gab’s nicht mal Bowle, die wie Wasser schmeckte, nur Tee oder Kaffee.

Ich habe Dir alles beschrieben, aber schicke es Dir später, wenn ich schon weiß, wo es Briefmarken gibt, jetzt, Sonntag, muß ich zusehn, daß man mir aus Gefälligkeit eine abgibt. Alles ist mir fremd, ich kenne die Stadt doch nicht, und jede Kleinigkeit wird anfangs eine »Affäre« sein, aber wenn ich erst eingewöhnt bin, ist alles anders.

Die Gegend hier heißt Harvestehude und ist angeblich »vornehm«. Still ist es jedenfalls und die meisten Häuser sind schön bis auf ein, zwei übriggebliebene Klamottenschachteln wie No. 27.

Von den seelischen Dingen kann ich Dir nur noch sagen, daß ich doch sehr berührt bin, – – und wäre nicht die Erinnerung an das Böse so stark – – ich würde in meiner eigenen Sentimentalität und Jugenderinnerungen etc. ertrinken. So aber ist mein lyrisches Empfinden stark gemildert, mehr als ich wahrnehmen möchte. Ich nehme mir vor, tüchtig zu sein, – und alles zu versuchen, um die Reise lohnend zu machen und auch den Aufenthalt hier.

– Ich hätte sicher bessere Laune, wär ich in ein gutes Hotel gegangen, aber nicht nur das Geld (für 1–2 Nächte wär das ja erträglich), aber das ewige Ein- und Auspacken, und keine Adresse haben, geht nicht. Ich muß morgen gleich nach Köln Deutz schreiben und meine Adresse mitteilen, und darum hauptsächlich wollte ich das nicht hinauszögern. Nun ist es halb vier, noch eine halbe Stunde, und ich werde die alte Dame Thies sprechen, dann runtergehn (es ist dunkel wie bei uns um 7 nachmittags jetzt) und zum nächsten Briefkasten wandern oder vielleicht sogar einen Bus erforschen und weiter als um die Ecke gucken.

Für ein Taxi von dem Bahnhof hierher zahlte ich 4 Mk. inklusive Trinkgeld und 4 Koffer (Maschine trug ich) bis ins Zimmer hinauf (1. Stock). Die Taxe war Mk. 2.50 und vielleicht hätte auch 1 Mk. genügt als Tip6, aber das Mädchen sagte, $ 1.50 und so tat ich, wie sie sagte.

Ausgepackt habe ich nur, was ich in den nächsten Tagen haben muß – der Travelbag7 ist ideal, ich kann alles verschlossen hängen lassen. Die Koffer lasse ich auch zugeschlossen, einstweilen. Mal sehen.

HAMBURG, SONNTAG, 8. Jan. 56

Chemjolein, lies dies zuerst:

Nachdem ich diesen Brief geschrieben habe, ist mir, als würde ich mich langsam an alles gewöhnen, auch das Zimmer, das sauber ist, – wenn auch so recht ungemütlich.

Ferner muß ich Dir rasch berichten, daß die Reise fabelhaft verlief. Nicht einmal war ich seasick8, ich fraß wie ein Pferd – – anderes gab es nicht, die Gesellschaft war öde ….

Aus Diskussionen mit Mitreisenden entnahm ich allerlei, das mir meine Vorahnungen bestätigte. Ich schrieb das in einem extra Brief, den ich Dir nachsenden werde.

Was hörst Du von unserem geliebten Steven?

Und wie geht es meinem dito Chemjo?

Deine

Mascha

Hamburg, 16.1.1956

Chemjolein, ich bin ein Verbrecher: ich muß etwas fertigmachen zu morgen früh, aber ich kann mich nicht beherrschen, Dir nicht doch noch zu schreiben, und wenn’s mich die halbe Nacht kostet. Ich habe am Weekend richtig ausgeschlafen und hab mich erholt, bin sehr wohl jetzt. Bei diesem Wetter (und es wechselt auch oft, da es an der See liegt) kommen mir meine Coricidin- und Bufferins sehr zugute. Wie herrlich, als ich heut früh aufwachte und 2 Briefe von Dir waren da und 1 mit dem Artikel über Steven. Wahrscheinlich kommt im nächsten eine Notiz über meine Abreise. Sieh mal nach, ob sie nicht schon in diesem war unter »Wie wir hören« oder so … Der Artikel wanderte natürlich sofort durch alle Hände bei Rowohlt, die alle Wunder staunen … Nun, nach einem – Gottseidank einsamen – Weekend, in dem ich erst mal mein Zimmer für eine Nacht wechseln mußte, weil die Thies es zu vermieten glaubte an 2 (es ist ein Riesenzimmer mit 2 Betten und alles für Riesen eingerichtet, aber dennoch besser als die 2 Meter lange und 1 Meter breite (ungefähr) Zelle, die eine Nacht mein Aufenthalt war, – direkt am Haustor, wo jeder Rein- und Rausgehende eine Nervenerschütterung verursachte, na, das ist vorbei, ich trug’s auch mit Humor). Heute kommt mir mein Riesenungetüm von Zimmer mit ausgekrochnem Plüschsofa und Vertiko etc. wie ein Palast vor. […]

Daß es mit Steven so schön klappt, ist doch prächtig … und daß er dem strohverwitweten Daddy ab und zu in New York Gesellschaft leistet, – – wenn auch sicher nur solang wie man braucht, um Guten Tag zu sagen – – ist auch herrlich, lies ihm alles vor, ich kann, so gern ich möchte, ihm nicht denselben Quatsch extra schreiben, erzählen kann man‘s schneller. Totlachen wird er sich, wenn Du ihm das richtig übersetzen könntest, was jetzt kommt. Aber das kann nur ich. In einer Telefonzelle angekritzelt stehn folgende Bleistift-Anzeigen: »Zwei junge Herren, 21 Jahre alt, suchen Bekanntschaft von 2 netten jungen Mädels, 18–20 Jahre alt, – zwecks Freizeit-Gestaltung«. Ist das nicht typisch deutsch, diese technische Ausdruckweise, und wie geschroben. Daneben steht dann in ganz volkstümlichen Ausdrücken eine andre Äußerung eines Telefonzellen-Besuchers. »Frollein gesucht zum f…«

Irgend jemand hat das anstandshalber durchgestrichen. Aber lesen kann man‘s. Gestern war das elendeste feuchte Wetter, richtig London fog9 und so naß, so grippig, ich war bis 5 im Bett und schrieb Dir einen Brief, neben anderem. Dann ging ich ins Bahnhofsrestaurant, kaufte Zeitungen, aß einen »Bahnhofstopf« im Warteraum 2. Klasse, wo man erstklassig ißt. Das war ein Topf weiße Bohnen in Gemüse und Speckschinken gekocht, prima. 2 Teller voll, aber voll, dazu 1 Tasse Kaffee und Apfelkuchen mit Sahne. Kostete noch keinen Dollar. Heute aß ich mit Rowohlt: einen Gemüsetopf, 1 Schaschlik und Kaffee. Gedecke mit 7 Gängen gibt‘s hier nicht. Man ißt à la Carte. Am Abend kaufte ich mir 1/4 Heringssalat* (40 Pfg.), Brot mit Lachsschinken Mk. 1.50 und 1 große Flasche Apfelsaft 1.– Mk., auch für morgen genug, obgleich ich heute eine lange Nacht vorhabe, vorletzte Korrekturen etc. etc., und mich darum verproviantiert habe.

Ich drück mich vor dem »Frühstück« hier, denn f. Mk. 2.50 bekomm ich hier Kaffee und Butterbrötchen, aber anderswo noch ein Ei dazu oder was andres, so daß das ein richtiges Lunch ist. Ich versuche, mit Obst am Morgen durchzukommen, was auch gesünder ist für mich, denn es schmeckt alles viel zu gut …

Schon wie die Läden hier riechen, so echt und genau wie in meinen alten Gedichten, und auch meine Pension ist genau wie »Frau Meilich hat die Heizung abgestellt, und irgendwo im Hause klappen Türen«. Wenn ich so durch die Straßen gehe, genügt manchmal der Geruch von so einem Laden, um mich 20 Jahre zurückzuversetzen, in die Zeit, wo wir über die Straßen von Berlin zu fliegen pflegten. Gehen lernten wir doch erst in New York. Apropos gehen. Das macht mich so müde, – – weil ich mich totlaufen könnte, Tage lang, Nächte lang. Nur ist mein Tag meist besetzt. Und die Nächte,– – da ist es dunkel auf den Straßen, schwache Beleuchtung, außer im Zentrum. Ich wohne in einer Art Dahlem. Nur unser Haus ist noch vom vorigen Jahrhundert und etwas mottig. Spinnen liefen unten im Korridor herum, dabei ist es sauber hier, wenn auch muffig und altertümlich, ohne den dazugehörigen Reiz, für den ich ja doch Sinn hätte … Die soziologische Veränderung der Struktur fällt einem überall auf. Stell Dir vor, an meiner Ecke, an der Böttgerstraße, hängt ein Schild: »Prinzessin von Sachsen-Weimar, Buchbinderei«. Und andere wie »Theodor von Witzleben, Rechtsanwalt« etc. Erinnerst Du Dich wie Leschnitzer derartiges erwähnte … sonderbar kommt‘s einem vor.

Die Tüten, in denen Obst eingepackt wird, so arm, so dünn und so sparsam geht man damit um … Aber was drinliegt, ist gut. Apfelsinen aus Italien, Spanien und Israel, selten aus Californien. Erdbeeren aus Israel sah ich gestern in der Stadt, riesengroß und an amerikanische erinnernd … Unbezahlbar. Dunkle Trauben auf einem Pappteller im Fenster: Mk. 3.90 eine schöne bunch10, aber nicht mehr als 1 Pfd. höchstens. Das ist teuer jetzt. Die Gemüseläden voll von allem schönen Gemüse, sogar frischem grünen Kopfsalat und winzigem, aber herrlich schmeckendem Rosenkohl … Die Kartoffeln goldgelb und die Butter (wird serviert kleingehackt mit Petersilie, so daß sie auf dem Teller aussieht wie Roquefort Käse) – – alles so hübsch und appetitlich. – – – Aber nichts besticht mich. Unsere Zeit ist es nicht mehr. Die jungen Leute sind alle ohne »background«, und Kontakt hat man wohl nur mit Leuten im »Mittelalter« oder älter. Die erinnern sich noch … Irgendwie spürt man eine Lücke, genau beschreiben kann ich‘s noch nicht, dazu bin ich noch zu grün und sehe nur immer die gleichen Leute. Frau Thies seufzt immer nur: »Ja, alles ist teuer in Deutschland, Bedienung kostet Geld, das kommt davon, daß wir den Krieg verloren haben und so viel Steuern zahlen müssen ….« Wollte eigentlich heut auf Zimmersuche gehen, aber da rief Ledig an, und morgen muß ich wieder in den Verlag, und so geht es, und am Abend geh ich wenig aus, weil das zu duster ist und ich mit den Autos nicht so um mich werfen kann. Aber das wird alles schon werden. Bin froh, ich bin wieder in meiner alten Bude. Höre zwar Radio Paris von Zimmer rechts und Radio London von Zimmer links, und die Toilette ist alt und duftet werktags nach Toilette und sonntags nach Lysol, und ich weiß nicht, was schlimmer ist. Töpfchen im Nachtschrank gibt‘s auch. Aber ich kann die Beine ausstrecken, ohne gleich im Vorgarten zu landen.

Eigentlich ist‘s so: begeistert bin ich natürlich einstweilen nur von der Begegnung mit europäischer Erde, – – zufällig findet‘s in Deutschland statt, in Paris war‘s ja auch ebenso, und da hab ich noch keine direkten Kindheitserinnerungen. Ich bin eben doch ein Kind dieses Kontinents, – – Du auch. Und dazu kommt noch, daß wir eben unsere ersten und einige wesentliche Jahre hier zubrachten … und anderes … Aber die Musik, immerfort erinnert sie an Marsch, auch wenn‘s nur Schlager sind, ist es viel zu viel Bumbumtrararabumbum …. Das haben die nun mal gern, und die Deutschen sind halt doch was fürs Militär und Strammstehen. Das ist ihnen wohl nicht mehr auszutreiben … Nachdenken darf man nicht. Aber man sollte wohl. Hab das Gefühl, daß es hier entweder Krieg oder Vorkriegszeit gibt. Jetzt ist mal die Vorkriegszeit wieder dran …

Was so die Mädchen angeht, um auf Erfreulicheres zu kommen, – die sind im Durchschnitt reizend. So natürlich und nett, wenn auch nicht immer so schlank wie bei uns. Nun sind wir, bitte bedenken, in Hamburg. Sehr viele dunkle Augen und nette frische Gesichter mit kurzen Wuschelköpfen und Kapuzen-Mänteln, sportlich und charmant. Und so gut erzogen …. Heute war ich luxuriös. Ließ mir vor dem Dinner mit meinem Verleger die Nägel maniküren, für Mk. 2.50 und 50 Pf. Trinkgeld, – – ein reizendes Mädel, ungeschminkt und so naiv, bediente mich. Ich kann das Radiogedudel rechts und links nicht mehr hören, und dabei ist es für mich hochinteressant, die Radioprogramme (nicht bedeutend – – aber ohne commercials11) zu verfolgen, weil ich da wenigstens etwas Volksseele »ticken« hören kann.

Auch kauf ich täglich mehrere Zeitungen aus dem gleichen Grunde. Die Jungen, um wieder auf das frühere Thema zu kommen, machen mir keinen guten Eindruck, nur die Mädchen. Obschon ich sagen muß, im Rowohlt Verlag sind sogar die männlichen Mitarbeiter nett und sympathisch. Aber die sind auch Elite – – alles, was Rowohlt betrifft, ist so, first class12. Der Alte ist etwas nach Mizrach13 gerichtet. Als ich heute bei Tisch Ledig meinen neuesten joke14 verabreichte, ich sagte: Also, in Berlin, geht wohl die Sonne im Osten unter? Da lachte er und sagte, lassen Sie das nur Väterchen R. nicht hören, dem gefällt‘s da, den haben sie wohl ein bißchen zu sehr gefeiert da drüben, und Sie wissen ja, das hat er gern. Und dann ist er ja auch nicht mehr der Jüngste … Das sind so komische Sachen.

Immerhin, ich bringe in meinem Buch meines und hoffe auf Erfolg. Und wenn unter den Deutschen einige noch zu erziehen sind und zu beeinflussen, wird ihnen die frische Luft aus meinem Buch guttun. Mehr kann man nicht hoffen.

Apropos, die Witze am Radio sind viel gröber geworden, auch in erotischer Beziehung. Und die Grazie der Franzosen fehlt ihnen dabei leider sehr. Sie sind nicht witzig, nur grob. Nur Hip hip Hurrah – […]

Auch der Umgangswitz im Laden ist so doof.

Heute, wo ich Obst kaufte, stand ein Herr neben mir, gab ein Fünfmarkstück hin und wartete auf Kleingeld. Die Verkäuferin, schelmisch lächelnd, als versetzte sie ihm den höchsten Esprit-Witz: »Na, die Hand aufhalten kann jeder, aber erst mal was kriegen« – – und damit legte sie ihm das Kleingeld in die Hand. Ha. Ha. Ha. Kitzel mich, dann lach ich auch noch nicht, so ist der Witz meistens. Nur im Kabarett neulich war‘s besser … Zweideutigkeit allein scheint vielen schon witzig.

Das sind oberflächliche Beobachtungen. Aber vielleicht sind sie typisch.

Für heute genug, ich muß arbeiten.

Küß mir den geliebten Sohn und seinen Vater.

Eure M.

Wenn ich Dich nicht so liebte, wie es nun mal der Fall zu sein scheint, würde ich mich in Dich verlieben für die Art, in der Du das Rendezvous mit Stevies Marie absolviertest. Was ist nun eigentlich schöner, Dich zum Geliebten zu haben oder zum Vater …? Na, jedes zu seiner Zeit. Nun aber ans Werk, teure** Dichterin

* »yum yum15«

** Ich komme Dir wirklich »teuer«

Hamburg, 19.1.1956

Chemjolein, 4 Tage keine Post von Euch, das scheint wie eine Ewigkeit, wahrscheinlich arbeitest Du wie meschugge, – – übertreibe es nicht. Oder bist Du so froh, mich los zu sein. Daß ich bei der Hetze so viel schreibe, ist lobenswert, dabei habe ich hier zu arbeiten und drücke mich. Muß mein Funkprogramm zusammenstellen, zum 27. schon, und einiges umschreiben und abtippen und so. […]

Bericht von heute: War in einer Illustrierten (Zeitschrift), eigentlich der wichtigsten in Hamburg. Die lassen mich morgen fotografieren für ein großes Interview im März – – das ist das früheste bei einer Zeitschrift. Der Redakteur kannte mich sofort, behauptet, wir wären uns 1933 irgendwo vorgestellt worden und ich hätte schon damals ausgesehen »wie 3 Jahre alt« und heute wie »3 1/2«. Wir hatten ein 1stündiges Interview, in dem er allerlei gegen Amerika sagte, und ich sagte: »Nun müssen Sie mich aber auch was Gutes über die USA sagen lassen, so viel Hilfsbereitschaft wie dort findet man nirgends.« Darauf er, »ja, hier ist man verraten und verkauft, kein Aas hilft einem. Sie müssen [sich] mal extra mit mir verabreden und mir mehr davon erzählen.« Na, von den Deutschen ist ja nicht zu viel zu erhoffen, die gehn ja wie die Ochsen zur Wahlurne. »Wie gefällt‘s Ihnen denn hier?« Ich: »Wahrheitsgemäß bin ich