Lied der Stille - Chandra Swami Udasin - E-Book

Lied der Stille E-Book

Chandra Swami Udasin

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Beschreibung

Der Titel des Buches verdankt sich der Tatsache, dass der Autor über drei Jahrzehnte nicht gesprochen, sondern nur schriftlich kommuniziert hat. Nach diesem Verhalten befragt, antwortete er einmal, dass es sich nicht um ein Gelübde handele, sondern er sich schlicht in die Stille verliebt habe. Auf den ersten knapp 100 Seiten findet sich eine Biographie des Autors, in der die bereits in Kindertagen sich entwickelnde Beziehung zu seinem Meister beschrieben wird, der in der Jugend immer stärker werdende Wunsch, Gott zu erkennen, die vielen Jahre spiritueller Praxis als Mönch, das Erlebnis der Erleuchtung und schließlich die feste Verankerung im Bewusstsein der Einheit und Göttlichkeit aller Existenz. Den Hauptteil des Buches machen Fragen aus, die dem Autor von Wahrheitssuchern in seinem Ashram in Indien sowie während einer Reise nach Europa und in den nahen Osten gestellt wurden, nebst den dazugehörenden Antworten, die - egal ob kurz oder ausführlich - immer den Duft eines freien und befriedeten Geistes verspüren lassen; Antworten von jemandem, der gefunden hat, wonach er so lange suchte. Der letzte Teil des Buches sieht streckenweise aus wie eine Aphorismensammlung, doch sind es schlicht Antworten von Chandra Swami, zu denen die Fragen nicht erhalten sind. Ein ausführliches Glossar und ein Index beschließen den Band. "Die Wahrheit ist eins. Sie währt für immer. Sie ist zeitlos. Sie nimmt nie zu oder ab. Und sie ist das unendliche Bewusstsein, das diese genannten Eigenschaften widerspiegelt, wenn man es denn Eigenschaften nennen will. Du kannst dieses unendliche, göttliche Bewusstsein Gott nennen oder was auch immer du möchtest." (S. 297) "In absoluter Existenz gibt es keine Zeit. Die relative Existenz selbst ist die Erschaffung der Zeit. Und die Zeit isst sie in jedem Moment auf und zerstört sie. Vom Standpunkt des unendlichen, absoluten Bewusstseins aus existiert keine Zeit. Aber vom Standpunkt des individuellen Bewusstseins aus ist Zeit die Welt und die Welt ist Zeit." (S. 359) "Wenn die größte Anstrengung aufseiten des Suchenden und die vorbehaltlose Gnade aufseiten des Göttlichen sich begegnen, geschieht das Wunder der Selbstverwirklichung." (S. 419) "Du kannst immer glücklich sein, aber du kannst nicht immer unglücklich sein. Das ist so, weil Glückseligkeit deine wahre Natur ist." (S. 420)

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Seitenzahl: 598

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Baba Bhuman Shah in liebevollem Gedenken gewidmet.

Baba Shri Chandra, Udasin Āchārya

Baba Bhuman Shah

Chandra Swami Udasin

Inhalt

Vorwort

Zum Buch

Lebenslauf von Shri Chandra Swami Udasin

Baba Bhuman Shahji

Familie und Kindheit von Suraj Prakash

Merkwürdige Geschehnisse

Suraj wird Chandra

Eine vertrauliche Mitteilung

Pilgerreise in den Himalaya

Sant Gurmukh Singhji

Beschützende Vorsehung

Seine Heiligkeit Swami Krishna Dassji

Erstes

Satsang

in einem Park

Trance im Höhlentempel

Amarnath

Yatra

mit

Sādhu-

Pilgern

Im Veda

-Mandir,

einem verlassenen Tempel

Gibt es Geister?

Betteln

Hingezogen zur Abgeschiedenheit

Intensives

Sādhana

Innere Erfahrungen und Visionen

Am Hari Parbat

Der Liebling aller Leute

Auf einer bewaldeten Insel nahe Haridwar

Die Erfüllung

Waldleben

Sewak-Niwas Āshram

Das Schweigen von unbestimmter Dauer

Ein bedeutsamer Schritt im spirituellen Wachsen

Sādhana Kendra Āshram

Swamiji, der Mann Gottes

Lebensart

Ein Lebenskünstler

Swamiji als Lehrer, Gelehrter und Schriftsteller

Satsang mit Fragen und Antworten

Swamiji und der Westen

Die Königswürde eines göttlichen Prinzen

Teil I, Dumet

Teil II, Tantur

Rösrath

Teil III

Glossar

Konkordanz

Index

Vorwort

Eine Spur zur Ewigkeit – so würde ich wagen, dieses Bündel von Bhagwan Chandra Swamis Antworten auf Fragen zu beschreiben, die hier vornehmlich von seinen ausländischen Anhängern und Schülern gestellt wurden. Wie alle Weisen der Vergangenheit und Gegenwart so erhellt auch hier der Meister den Pfad des Pilgers auf der Wahrheitssuche. Die meisten von uns gewöhnlichen Sterblichen werden sich aufgefordert fühlen, für eine Weile im Jagen nach weltlichen Dingen innezuhalten und auf das zu horchen, was der „innewohnende Geist singt". Wie auch sonst spricht Chandra Swami hier unverkennbar aus Erfahrung – daher rührt die Gewissheit, Anziehungskraft und Stärke seiner Worte. Ohne sich überanstrengen zu müssen, kann der Leser hier eine stattliche Garbe von gedanklich herausfordernden Aussagen zusammentragen. Die Welt soll nicht abgetan, vielmehr soll das Leben wirklich gelebt werden; dabei müssen wir allerdings achtsam und empfindsam für das werden, was das Leben uns bei jedem Schritt und Tritt erfahren lässt. Das Leben ist zu bedeutsam, als dass es nur als Lärm und Raserei angesehen werden kann, und es ist zu kostbar, um es zu vergeuden. Das zu erkennen heißt, die Dringlichkeit für eine Suche zu empfinden. Diese Suche wird man in den Antworten des Weisen im vorliegenden Band genau beschrieben finden. Doch nicht nur das. Hier kann das Denken eine neue Richtung erfahren, die dazu führt, dass wir Dinge, die wir bisher achtlos haben vorbeigleiten lassen, anders betrachten. Vor allem aber gibt es hier die erforderlichen Mittel, um die Suche ergebnisorientiert zu gestalten. Wenn wir deren Dimension begreifen und sie beginnen, führt uns das zu einem Nachsinnen über die Stellung des Menschen und seinen Werdegang. Er erscheint wie ein Wesen, das sich in den Eitelkeiten der Welt verloren hat, ganz so wie ein Kind, das im Gedränge eines Jahrmarkts die Hand von Vater oder Mutter verloren hat. Karusselle und Süßigkeiten mögen für kurze Zeit ein Trost sein und das Kind ablenken, aber der Schmerz der Trennung von Vater oder Mutter wird nicht von ihm weichen und weiterhin an seinem Herz zerren. Ganz ähnlich verzweifelt ist der Mensch, der sozusagen von der Quelle ewigen Glücks abgeschnitten ist, auch wenn die Puppen, die ihm die Welt anbietet, von Zeit zu Zeit gute Unterhaltung bieten können. Hinter jedem Lächeln liegt eine Träne und hinter jedem Lachen ein Seufzen. Was für ein Glück für das verlorene Kind, wenn jemand aus der Menge es zu seinen Eltern zurückbringt, und was für eine Gnade, wenn ein Meister wie mein verehrter Swamiji uns über diese unruhige und ungestüme Welt hinweg zur Ewigkeit trägt, der Quelle des Friedens, die, so sie einmal erreicht wird, nicht mehr verloren werden kann. In der Sprache des Yoga Vasishtha liegt an dieser Quelle des Lebens nie endende Harmonie, ewig währende Ruhe und nie sich wandelndes Einssein.

Ich bin Chandra Swami zum ersten Mal in den späten fünfziger Jahren am Hari Devi1 Heiligtum auf dem Hari Parbat begegnet, einem Hügel bei Srinagar, Kaschmir. Er saß wie eine ruhig brennende Flamme unter einem alten Maulbeerbaum und schaute auf den Naginsee. Es war ein bezaubernder Frühsommerabend, hier und da ein funkelnder Stern am wolkenlosen Himmel und die umliegenden Schneegipfel schimmerten mit zahllosen Farbtönen in einer prachtvollen Abenddämmerung. Swamiji schien eins mit der überwältigenden Schönheit und Abgeschiedenheit dieses heiligen Fleckens zu sein. Als ich ihn einige Jahre später im April 1994 in Jammu wiedersah, spürte ich (und ich schreibe dies ohne jede Einschränkung, obwohl ich mir bewusst bin, dazu eigentlich keine Kompetenz zu besitzen), dass ich einem Yogi gegenüberstand, der soeben ein Bad im Triveni von Wahrheit, Bewusstsein und Glückseligkeit genommen hatte. Selbst als er sich unter die Leute mischte, die damals dort waren, war er ganz auf diesen Triveni eingestimmt – für mich war das sehr, sehr klar.

Chandra Swami hat keine Veranlagung zu Wundertaten und Predigten oder etwas, das man spirituellen Exhibitionismus nennen könnte. Ich habe das große Glück gehabt, in all diesen Jahrzehnten zu seinen Füßen sitzen zu können – öfter im Geist als physisch. „Erklimme den Panchala2 Schritt für Schritt; besteige Stufe um Stufe den Bhairavaberg3 des So Ham – aber gib Acht, dass der Diamant dort keine Schramme bekommt. Erhebe dich und verehre ewig den Herrn in unfehlbarer Weise", sagt Pandit Paramanand4, der berühmte Heilige und Dichter aus Kaschmir. Dieses poetische Ersuchen war der Lebensatem des Meisters. Silbe für Silbe treffen diese wunderbaren Worte auf sein Sādhana zu. Er ist in eine fesselnde, nicht mitteilbare und alles verzehrende Stille eingetaucht. Wir wissen möglicherweise nicht, was das wirklich ist, aber wir können im folgenden Vers eines weiteren Heiligen und Dichters aus Kaschmir, Pandit Krishan Razdan5, eine wenn auch sehr vage Idee davon bekommen:

„O Herr, lass mich das tun, bei dem kein Tun getan wird.

Lass mich das denken, bei dem kein Gedanke gedacht wird."

Udhampur (Jammu), 10. Juni 1994

Zu Füßen des Meisters

T. N. Bhan Prof. em. für Englische Sprache Rektor des Govt. Degree College, Higher Education Department Jammu and Kashmir Govt.

Kursiv gesetzte Termini werden, wenn nicht unmittelbar im Text, im Glossar erläutert. Das Glossar und die Fußnoten stammen vom Herausgeber. Bei letzteren sind Quellenangaben einzig dazu gedacht, dem Leser bei Interesse eine Vertiefung im Kontext zu erleichtern. Leichte Abweichungen vom Original kommen dadurch zustande, dass, wo immer die originalen Aufzeichnungen zugänglich waren, diesen Vorrang eingeräumt wurde. Daraus erklärt sich auch die Extraktion der Fragen und Antworten aus dem Jahre 1991 und ihre chronologisch korrekte Platzierung an den Anfang. Einige Stellen in Swamijis Lebenslauf wurden durch Formulierungen aus der später erschienenen Biographie6 ersetzt oder ergänzt, wenn dadurch eine größere Klarheit erreicht werden konnte.

Die indische Partikel ji als Ausdruck des Respekts hinter Anreden und Namen wurde beibehalten. Wenngleich Götter und Meister in Indien überwiegend mit „Sie" angeredet werden, wird in der Übersetzung jedoch die derzeit im Deutschen übliche Du-Form benutzt. Der Autor benutzt an den meisten Stellen sowohl die männliche als auch die weibliche Form bei Personalpronomina. Ausschließlich der leichteren Lesbarkeit wegen wurde in der Übersetzung jedoch nur die gewohnte männliche Form verwendet. Da Chandra Swami verbal nur schriftlich kommunizierte, sind dessen Antworten alle erhalten. Manchmal wurde aber im Eifer der Diskussion versäumt, die ein oder andere Frage zu notieren. Solche Lücken werden im Text mit (...) wiedergegeben. Mit „Selbsterkenntnis" ist immer das Erkennen des eigenen Selbst, der eigenen wahren Natur, gemeint und „(Selbst)Verwirklichung" ist die Verankerung oder feste Etablierung in diesem Bewusstsein.

Die überschwängliche Lobpreisung des Meisters in den einleitenden Texten mag manchen westlichen Lesern befremdlich und übertrieben vorkommen. Sie spiegelt aber die intensive und innige Beziehung zwischen Meister und Schüler wieder. Man mag dem Liebenden einen Mangel an kritischer Distanz vorwerfen, aber letztlich vermag nur der Liebende von der Liebe zu erzählen. Auch haben im Unterschied beispielsweise zur katholischen Kirche die Menschen in buddhistischen und hinduistischen Kulturen keinerlei Hemmungen, selbst lebenden Personen das Attribut „heilig" zu verleihen. Erst recht wird es manchem christlich verankerten Leser unangebracht, wenn nicht sogar blasphemisch erscheinen, einen Menschen nicht nur mit göttlichen Attributen zu belegen, sondern ihn sogar als Verkörperung Gottes anzusehen. Derlei Ansichten sind allerdings nicht auf den Osten beschränkt, sondern erscheinen in den mystischen Strömungen wohl aller Religionen. Auch wenn die in den einzelnen Traditionen benutzen Bilder und Begriffe variieren, zeugen sie doch alle von dem Einen, das sich jeder sprachlichen Fassbarkeit entzieht.

Der Herausgeber

1 Chakreshwari Sharika Devi, eine indische Göttin, die am bezeichneten Ort in Form eines großen, rot angemalten Felsens verehrt wird. Ihre Anhänger umkreisten den Ort täglich auf einem etwa vier Kilometer langen Rundweg.

2 Gebiet der oberen Gangesebene in Nordindien.

3 Bhairava ist eine furchterregende Erscheinungsform Shivas. Der Bhairavaberg wird hier als bildlicher Ausdruck für etwas sehr Hohes verwendet.

4 1791–1879

5 1848–1927

6 Swami Prem Vivekananda, Chandra Prabhas, Dumet 2001.

Zum Buch

Das Buch enthält drei Teile:

Teil I: Fragen und Antworten im Sādhana Kendra Āshram vom 13.4. – 8.5.1991 und zwischen dem 28.2.1993 und dem 20.3.1994.

Teil II: Fragen und Antworten in Tantur, Jerusalem vom 7. bis 10. Mai und in Rösrath bei Köln vom 28. bis 31. Mai während Swamijis Auslandsreise 1992.

Teil III: Hier stehen nur Swamijis Antworten, da die dazugehörigen Fragen weder aufgeschrieben noch sonstwie erhalten sind.

Die Fragen in diesem Buch stammen zumeist von Menschen aus dem Westen. Deswegen hat Swamiji Antworten gegeben, die von ihnen leicht erfasst werden können und anstelle von Gott Begriffe wie das Selbst, das Göttliche oder Bewusstsein verwandt, die in der modernen westlichen Psyche größere Zustimmung finden. In Tantur und Rösrath dauerten die einzelnen Treffen etwa eineinhalb Stunden. Da Swamiji seit vielen Jahren nicht mehr spricht und seine Antworten immer schriftlich gibt, fasste er diese wegen der vielen gestellten Fragen sehr kurz.

All seine Antworten und grundlegenden Unterweisungen stimmen mit den Aussagen offenbarter Schriften oder großer Meister überein. Dennoch haben sie ihren eigenen Geschmack. Manchmal zum Beispiel gibt er völlig revolutionäre Definitionen von „Verlangen" oder „Götzendienst". Nach seiner Vorstellung ist „das Suchen nach etwas von dir selbst Verschiedenem Verlangen. Gott zu suchen ist aber kein ,Verlangen' – es ist dein Geburtsrecht. Es ist das Erkennen und In-Besitz-Nehmen deines wahren Selbst."

Ähnlich: „Für etwas Vergängliches zu leben und es hochzuschätzen ist Götzendienst – mag es ein Land, ein sozialer oder politischer Ismus oder irgendetwas Minderes als das Göttliche, als das göttlich Absolute (Para-Brahman) sein. Andererseits ist das Suchen oder Verehren Gottes durch endliche Symbole, Namen, Formen oder Vorstellungen kein Götzendienst, sondern eine praktische Notwendigkeit, um an das Undenkbare denken zu können."

Mit Autorität antwortet Swamiji auf die unterschiedlichsten Fragen zum Absoluten, zu Gott, einem persönlichen Gott, Gottheiten, Bewusstsein, Gewahrsein, Geist, Seele, Meditation, Japa, Samādhi, Erleuchtung, Selbstverwirklichung, Erfüllung, Fatalismus, freiem Willen, wahrer Spiritualität, Verstand, Intellekt, eigenem Bemühen, Hingabe, göttlicher Gnade, Heiligen Schriften, Leben, Tod, Träumen, Himmel und Hölle, Sannyas, Sādhana, Karma, Mystizismus, Ego, Furcht, Verhaftung, Liebe usw.

Wir fühlen uns Yvan Amar (Swami Ānanda Chetan) aus Frankreich sehr zu Dank verpflichtet, weil einige wichtige Fakten aus dem Leben Swamijis der von Yvan Amar verfassten Kurzbiographie entnommen sind.

Wir möchten unsere aufrichtige Dankbarkeit ausdrücken gegenüber Prof. T. N. Bhan aus Jammu und Kaschmir, Jörg Büchner aus Deutschland, der verehrten Vananda Mataji des Jeevan Dhara Āshrams und Shri Anil Bhimjiyani aus London, die in den unterschiedlichen Vorbereitungsstadien des Buches unermessliche Dienste leisteten. Weitere Anhänger Swamijis haben ihren bescheidenen Beitrag geleistet. Auch ihnen sind wir zutiefst dankbar.

Wir hoffen, dass dieses Buch, welches Spiritualität in ihrer reinsten Form darbietet, seinen Weg machen wird und dabei Suchende und Sādhakas unterschiedlichster Glaubensrichtungen inspiriert, den Weg zu ihrem wahren Zuhause mit tieferer Überzeugung und Hingabe weiterzugehen.

Lebenslauf von Shri Chandra Swami Udasin

Mit großer Freude veröffentlichen wir den ersten Band von „Lied der Stille". Doch vor dem eigentlichen Text möchten wir dem Leser die heilige Quelle vorstellen, aus der der göttliche Nektar in Form dieses Buches geflossen ist. Wir sprechen von unserem geliebten Meister Shri Chandra Swami.

Als sich 1993 der hochgeschätzte Ānandaji (der in Frankreich bekannte Meister Yvan Amar) im Sādhana Kendra Āshram aufhielt, flüsterte er mir während einer Mahlzeit im Speisesaal etwas Ergreifendes zu: „Glaub mir, seine Worte sind reiner Nektar – reiner Nektar."

Ja, wir glauben das wirklich. Swamijis Worte sind reine Freude, süße Musik und kraftvolle Bestätigung, denn sie kommen aus der Tiefe seiner Verwirklichung. Sie sind in Einfachheit, Reinheit, Weisheit und göttlicher Liebe7 gebadet. Sie sind aufgeladen von seinem tiefen Mitgefühl und der Bereitwilligkeit, seine Erfahrungen mit anderen zu teilen und schlummernde Seelen aufzuwecken.

Wir glauben, dass ein kurzer Blick auf seine wundervolle göttliche Persönlichkeit dem Leser helfen wird, sich auf ihn einzustimmen und seine Worte aus der richtigen Perspektive aufzunehmen.

Gesegnet ist die Seele, die die höchste Wirklichkeit erkannt hat und in ihr für immer verankert ist, denn dies bedeutet das Ende all ihres Leidens und Umherirrens im Teufelskreis dieser Welt.

Ein solch seltenes Ereignis ist ein Segen und eine Freude für die gesamte Schöpfung, denn die befreite Seele hat hinter dem Schleier von Namen und Formen die essentielle Einheit von allem erkannt. Deswegen erfreuen sich alle Kreaturen an diesem segensreichen Geschehen. Viele Träume und heilige Hoffnungen sehnsuchtsvoll Suchender werden angesichts einer Seele, die Erfüllung erlangt hat, bestätigt. Trittspuren zur Ewigkeit werden gelegt und jedes Geschehen im Leben einer befreiten Seele bekommt eine göttliche Bedeutung. – Auch unser Meister Chandra Swamiji ist so ein Weiser, der Gott erkannt und Erfüllung erlangt hat.

Baba Bhuman Shahji

Vor über drei Jahrhunderten lebte der große Mystiker Baba Bhuman Shah (1687–17478) in dem später nach ihm benannten Dorf Bhuman Shah Village im Distrikt Montgomery des Westpunjab, der heute zu Pakistan gehört. Baba Bhuman Shah (Babaji) war von Geburt an ein perfekter Yogi. Er gehörte den Udasin an, einem hochrespektierten Mönchsorden im Hinduismus. Die Traditionslinie dieses Ordens geht zurück auf Sanātan Kumar Rishi, einen der vier Kumarabrüder (Sanak, Sanandan, Sanātan und Sanat Kumar), die in den Veden und Purānas erwähnt werden.9

Einer der größten Vertreter dieses Udasin-Ordens war Baba Shri Chandraji10, ein Sohn Guru Nanak Devs11 und der 165. Āchārya in der Traditionslinie. Er begründete vier Maths, jeden an einer der vier Ecken Indiens, so wie Shankarāchārya12 es für die Sannyāsins getan hat. Er bereiste ganz Indien und fuhr auch nach Afghanistan, wo es immer noch einen nach ihm benannten Schrein gibt.13

Baba Bhuman Shah war ebenfalls ein herausragender Meister in der Traditonslinie. Einen Eindruck von seinem gottgleichen Leben bekommen wir in der Broschüre Mirror of Bliss14 von Chandra Swami. Viele übernatürliche Ereignisse und Wunder werden ihm zugeschrieben, die ganz ohne sein Zutun geschahen. Sein göttliches Wesen kannte keine Schranken bezüglich Kaste, Religion oder irgendwelcher Glaubensüberzeugungen. Hindus, Shiks und Moslems wurden seine Anhänger, Schüler und Bewunderer. Schon zu seinen Lebzeiten hatte Babaji Tausende von Jüngern. Er verbrachte sein ganzes Leben in ungebrochener Verbindung mit dem Göttlichen und damit, den Bedürftigen und Armen dienbar zu sein und die Massen aus dem hypnotischen Schlummer der Unwissenheit aufzuwecken.

Im Laufe der Zeit wuchs Babajis Dera in seiner Größe und Bekanntheit; und auch nach Babajis Tod wurde er von kraftvollen, erleuchteten Meistern geleitet.

Dieser Baba Bhuman Shahji ist der geliebte Sadguru von Shri Chandra Swamiji. Im Folgenden geben wir wieder, was Swamiji bei verschiedenen Gelegenheiten über Babaji geäußert hat:

„Seit seiner Kindheit war Babaji mit Maha-Bhava gesegnet, einem seltenen und spirituell sehr hohen Zustand völligen Eingetauchtseins von Körper und Sinnen in göttlicher Liebe und Glückseligkeit.

Babaji blieb sein Leben lang ehelos und verbrachte die Zeit in ununterbrochenem religiösen Gedenken. Er inspirierte nahezu jeden Menschen dazu, die Tugenden der inneren und äußeren Reinheit15 zu befolgen wie Gewaltlosigkeit, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Mitgefühl, Freundlichkeit usw. Das Nachsinnen über die Nichtigkeit und bedeutungslose Natur dieser Welt sowie die Kontemplation der ewigen, äußerst lieblichen, bezaubernden und unendlichen Natur des Göttlichen blieben während seines ganzen Lebens sein Fokus. Babaji war die verkörperte Spiritualität in Perfektion. Er war fähig, nach Belieben in jedem, der es wert war, das Bedürfnis zu einer Suche nach spiritueller Erfüllung zu wecken. Was mich betrifft, so habe ich eine solch tiefe, mystische Beziehung zu Babaji, dass was auch immer ich erkannt oder verwirklicht habe der völlig rückhaltlosen Gnade, der Führung und dem Schutz von Babaji zu verdanken ist. Er ist das Sein meines Seins, das Leben meines Lebens; eine unabhängige Existenz ohne ihn gibt es für mich nicht. Dank seiner Gnade verlässt mich dieses Gefühl nie – auch nicht für nur einen Augenblick.

Ich bin das Geschöpf Babajis. Ich bin das geworden, was er aus mir gemacht hat. Er war es, der mich im Verlauf meines Sādhana dazu gebracht hat, das zu tun, was ich getan habe. Meine Liebe zu Gott, meine Leidenschaftslosigkeit und mein Unverhaftetsein entstanden letztendlich aus meiner Liebe zu Babaji. Als ich jung war, habe ich oft aus Liebe zu ihm geweint. Ich spürte ihn immer und hatte ein Gefühl seiner Gegenwärtigkeit, und tatsächlich habe ich seinen wirklichen Darshan oft erlebt.

Mit welchen Worten könnte ich die Herrlichkeit Babajis ausdrücken? Er ist mein Ein und Alles. Reichtum, eine hohe gesellschaftliche Stellung und die Macht der ganzen Welt sind nichts im Vergleich zu dem, was er mir gegeben hat. Sollte ich wiedergeboren werden, so könnte ich meine Schuld nicht in tausend Leben begleichen.

Alles kann mit Babajis Gnade verwirklicht werden. Man erhält, worum auch immer man bittet. Wenn man ihn um nichts bittet, gibt er seinen Anhängern sich selbst. Sein Mitgefühl, sein Wissen und seine Gottähnlichkeit kennen keine Grenzen.

Sollte Babaji es wünschen, so kann er aus einem Bettler einen König machen und umgekehrt. Aus seinem Mitgefühl heraus werden durch einen bloßen Blick von ihm alle Unreinheiten der Seele gereinigt und das Leben erstrahlt in göttlicher Liebe und göttlichem Wissen. Babaji sei immer und immer wieder gepriesen."

Derart ist die ewige Beziehung, die unser Gurudev und Babaji miteinander haben.

Familie und Kindheit von Suraj Prakash

In jenem Bhuman-Shah-Dorf wurde Suraj Prakash (heute Chandra Swami) am 5. März 1930 als Sohn der Mata Vasudevi geboren. Er hatte zwei ältere Brüder und eine ältere Schwester. Seine Mutter war eine sehr freundliche, einfache, liebenswerte, zierliche und fromme Frau. Sie war die einzige Tochter von Baba Gulab Dassji, einem angesehenen Heiligen in dieser Region. Bis heute besteht das nach ihm benannte Dorf Chak Gulab Dass in Pakistan. Mata Vasudevi kam also aus einem religiös geprägten Umfeld und hatte eine starke Neigung zur Spiritualität. In ihrem Zuhause hatte sie ein Tempelzimmer (Thākura dvārā), in dem die Bhagavad Gita und das Guru Granth Sahib mit Ehrfurcht aufgestellt waren, zusammen mit Bildern von Baba Bhuman Shah, Guru Nanak Dev und Krishna als Baby. Täglich führte sie mit Hingabe eine Pūjā- und Āratizeremonie durch. Swamiji erinnert sich, sie oft die ganze Nacht über in Japa vertieft erlebt zu haben. Sie hatte immer eine Gebetskette unter ihrem Kopfkissen. Swamiji sagt: „Aufgrund meiner eigenen Erfahrung kann ich jetzt sagen, dass sie ein sehr fortgeschrittener Sādhaka war. Damals habe ich das nicht erkannt."

Das Leben seiner Mutter ist ein typisches Beispiel für eine ideale indische Hausfrau, das zeigt, wie eine Frau, während sie sich um die alltäglichen Arbeiten kümmert, dennoch durch die Kraft ihrer Einfachheit, Herzensreinheit und Hingabe an Gott religiös wachsen kann.

Swamijis Vater, Lala Roopchandji, war ein großer, gut gebauter, stattlicher Mann mit markanten Zügen. Er war von Natur aus sehr besonnen, aufgeschlossen und bescheiden. Als Absolvent der zehnten Klasse des D.A.V. (Dayanand Anglo-Vedic) College in Lahore war er etwas Besonderes, denn in der zurückgebliebenen Region, in der er lebte, fand man nicht viele mit einem Highschool-Abschluss. Damit hätte er sofort den Posten eines Polizeivorstehers bekleiden können, doch wies er dies ab. Vielmehr zog er es vor, dem Dera von Babaji zu dienen. Er war der Generalbevollmächtigte und Manager des Dera, dem er mit beispielhafter Hingabe und Aufrichtigkeit bis zum letzten Atemzug diente.

Kein Wunder, dass unser Meister sich zu seiner spirituellen Vervollkommnung in der Atmosphäre dieser heiligen und geistesverwandten Familie inkarnierte. Religiosität war dort eine Familientradition. Das illustriert auch die Geschichte, wie der Großvater von Swamiji, Lala Lakshman Dassji, dazu kam, sich im Bhuman-Shah-Dorf niederzulassen. Lalaji lebte im Muzaffarpur-Distrikt von Multan im Westpunjab als Dattelgroßhändler. Als er einmal geschäftlich von Multan nach Lahore fuhr, hörte er im Zug von der Heiligkeit und Pracht des Baba Bhuman Shahji Deras und von Mahant Baba Harbhajan Dassji sprechen, dem neunten Meister in der Linie von Baba Bhuman Shah. Lalaji fühlte sich immer stark von Heiligen angezogen; so stieg er in Wasawewala nahe Haveli Lakkha aus und ging zum Bhuman Shah Dorf, „um den Darshan des Mahantji zu haben", wie man in Indien sagt. Er war von der Religiosität des Mahantji äußerst beeindruckt und entschied sich, einige Tage bei ihm zu bleiben. Da verliebte er sich buchstäblich in Mahantji, nahm ihn als spirituellen Meister an und beschloss, sich in Bhuman Shah niederzulassen, um in der Nähe seines geliebten Meisters zu sein und ihm dienen zu können. Er fuhr nach Muzaffarpur in Multan zurück und löste sein Geschäft auf, denn er dachte, genug für seine Familie verdient zu haben. Danach zog er mit der ganzen Familie ins Bhuman Shah Dorf um.

Auf diesem Hintergrund ist es für uns leichter zu verstehen, dass unser Meister dieses Vermächtnis der Gottesverehrung weitertrug, die letztlich in himmlischen Höhen und der völligen Hingabe an das Göttliche kulminierte.

Kommen wir zu Swamijis Kindheit zurück. Von Beginn an empfand Suraj Prakash eine sehr tiefe und quasi natürliche Anziehung zu Babaji und seinem Grab (Samādhi), gleichsam als ob es die Fortführung einer bereits seit mehreren früheren Leben bestehenden Liebesgeschichte gewesen wäre. Tatsächlich war es genau das. Schon als Kind hatte er mystische Erfahrungen und Visionen diverser ihm unbekannter Heiligen und Weisen. Eins der häufigeren Erlebnisse war das Gefühl, hoch am Himmel zu fliegen, was durch das Aufsteigen des Prānas in höhere Zentren bedingt war. Er genoss dieses Gefühl sehr.

Oft fühlte er seinen Körper vor sattvischen (reinen) Emotionen wie Liebe und Mitgefühl erzittern. Als Kind von etwa sieben Jahren konnte sein Verstand diese Erlebnisse nicht einordnen, doch fühlte er deren erhebende und beseligende Auswirkungen tief im Inneren. Diese Erfahrungen beeinträchtigten ihn jedoch nie und er wuchs wie ein normales, ausgeglichenes Kind auf.

Ein bezeichnendes Ereignis in Swamijis Leben wurde von Mata Jyoti Kamboj berichtet, einer sehr frommen, Gott völlig hingegebenen, einfachen Frau, die schon vor Swamijis Geburt eine enge Freundin von dessen Mutter war. Sie empfand eine so große Verehrung für das Guru Granth Sahib, dass sie es bei der Teilung Indiens 1947 auf dem Kopf nach Indien trug und alle andere wertvolle Habe in Pakistan zurückließ. Als Swamiji als Brahmachāri bei Mahantji lebte, erzählte sie ihm 1952: „Ich war bei Ihrer Geburt in Bhuman Shah dabei. Einen ganzen Monat lang haben Sie Ihre Augen nicht aufgemacht. Ihre Mutter und ich dachten, dass Sie vielleicht blind geboren seien, erzählten es aber niemandem, damit kein Gerücht entstünde. Wir hofften, dass Sie Ihre Augen später öffnen würden, was Sie nach einem Monat dann ja auch getan haben." Mit großer Überzeugung bemerkte sie noch: „Heute glaube ich, dass Sie sich in Wirklichkeit einen Monat lang in einem tiefen Samādhi befunden haben."

In seiner Kindheit hatte Suraj Prakash auch einige außergewöhnliche Kräfte wie Hellsichtigkeit, das Wissen um zukünftige Ereignisse usw. Manchmal war er von solch außergewöhnlichen Gaben, die er nicht verstehen konnte, völlig überrascht. Als er im vierten Schuljahr war, wusste er im Vorhinein, wer zu Hause zu Besuch kommen würde, und erzählte dies seinen Eltern.

Etwa im Alter von elf Jahren fühlte Suraj Prakash das Bedürfnis, Sādhana in Abgeschiedenheit zu praktizieren. Er ging deswegen morgens in aller Frühe, während es noch dunkel war, allein in das Grabmahl von Baba Darshan Dassji, dem sechsten Meister nach Babaji, um dort zu meditieren. Er zog diesen Ort dem Grab von Baba Bhuman Shahji vor, weil dieses frühmorgens von vielen Menschen aufgesucht wurde. Anfangs fühlte er dort die Anwesenheit von etwas Mysteriösem, so als ob ihn jemand anfasse, und er fürchtete sich zunächst. Aber allmählich wandelte sich diese Furcht in eine stille Freude. Er glitt dann in ein tiefes Samādhi, in dem er seinen Körper nicht mehr fühlte, und verließ diesen Bewusstseinszustand erst, als der Pūjāriji (Priester) am Morgen den Schrein betrat, um Pūjā-Ārati zu zelebrieren. Suraj Prakash hatte nicht nur Visionen, sondern häufig auch unmittelbar vor seinen Augen den Darshan von Baba Bhuman Shahji, Baba Shri Chandraji und Krishna als Baby. Des Weiteren fühlte er die stetige Anwesenheit von Babaji wie einen mütterlichen Schutz.

So wuchs er mit hohen spirituellen Erfahrungen unterschiedlichster Arten auf, die ihn sachte weiterentwickelten und transformierten, ohne dass er sich dessen überhaupt bewusst war.

Nach der vierten Klasse schickte man ihn bis zur zehnten Klasse auf eine weiterführende Schule nach Haveli Lakkha. Dort lebte er in einem Wohnheim und kam nur während der Wochenenden und an Feiertagen nach Hause. Swamiji erinnert sich, dass er sich keinem seiner Familienmitglieder übermäßig verbunden fühlte, einschließlich der Eltern. Babajis Līlā und Gnade wollten es, dass Swamiji nach der vierten Klasse nie sehr lange bei seiner Familie lebte. So wurde der Boden für seine Loslösung von der Welt und sein leidenschaftsloses Wesen bereitet, das später aus ihm hervorleuchtete.

Auch Shri Jamuna Dassji aus Jalalabad im Punjab, ein Verehrer Swamijis, der die neunte und zehnte Klasse mit ihm in dem Wohnheim in Haveli Lakkha verbracht hat und später mit ihm auf dem S. D. (Sanatan Dharma) College in Lahore war, hat uns über Swamiji berichtet. Sie lebten damals im selben Zimmer. Shri Jamuna Dassji erinnert sich deutlich, dass Swamiji äußerst hübsch und dabei einfach und unschuldig wie ein Kind war. Der Aufseher des Wohnheims, Sardar Kesar Singh, ein Mann von reinem Wesen und mit mystischer Veranlagung, liebte Prakash sehr. Vielleicht sah er etwas Besonderes in ihm. Suraj Prakash lag nicht viel daran, seine Speisen selbst aufzuessen; viel lieber teilte er sie mit seinen Mitstudenten. Gern spielte er auch Flöte oder sah sich Filme an. Aber wie uns erzählt wurde, begann er immer, wenn er eine Liebesszene sah, aus Liebe zu Babaji zu weinen. Der Anblick der Welt mit all ihren Attraktionen intensivierte in ihm die Liebe für Babaji und das Göttliche nur noch mehr.

Erwähnenswert ist seine außergewöhnliche sportliche Begabung seit seiner Kindheit. Während der Schulzeit mochte er Sport und Spiele sehr gern, obwohl er ansonsten ein eher schüchterner und ruhiger Junge war. In den Studienjahren in Dehradun tat er sich in Leichtathletik hervor wie zum Beispiel im Kurzstreckenlauf, Weitwurf, Hoch- und Weitsprung. Er gewann viele Wettbewerbe auf Distrikt- und Landesebene, war Kapitän einer Volleyballmannschaft und im College der Leichtathletikchampion schlechthin.

Oft vergleicht Swamiji einen Sādhaka mit einem Sportler, indem er die Beziehung zwischen sportlicher Betätigung und einigen typischen Formen des Sādhana beschreibt. Wir glauben, dass unser Gurudev durch sein sportliches Training viele wesentliche Eigenschaften eines Sādhakas eingeübt und vervollkommnet hat. Lange bevor er in Höhlen und Wäldern meditierte, hat er so bereits auf dem Spielfeld die wichtigsten Grundzüge des Sādhanas erlernt wie die zielgerichtete Strebsamkeit, totales Engagement, Beharrlichkeit, Achtsamkeit, innere Ausgeglichenheit, planvolles Vorgehen, Selbstlosigkeit, Furchtlosigkeit, Konzentration usw. So ist es nur natürlich, dass Shri Chandra Swamiji in der ihm eigenen typischen Art Sādhana als einen bewussten und überlegten Prozess der Übung definiert, in welchem man seine physischen, mentalen und spirituellen Energien anzapft, sie sublimiert und zur Erkenntnis der eigenen Göttlichkeit einsetzt.

Während der ganzen Zeit hatte Swamiji weiterhin spirituelle Visionen und Erlebnisse. So wuchs in ihm trotz des nach außen hin aktiven Sportlerlebens untergründig eine starke spirituelle Strömung an. Nach der zehnten Klasse wurde Suraj Prakash von Haveli Lakkha zu einer weiterführenden Schule nach Lahore geschickt.

Merkwürdige Geschehnisse

1947, als Suraj Prakash in der 12. Klasse war, geschah etwas Außergewöhnliches. Er war während der Sommerferien in sein Dorf zurückgekehrt. Einige Tage lang erschien Babaji in seinen Träumen. Er stand vor ihm, schaute ihm direkt in die Augen und rief die Erinnerungen und Gefühle ihrer innigen Beziehung während vieler vergangener Leben wach.

Wenige Tage später geschah erneut etwas Merkwürdiges. Babaji erschien dem Vater von Suraj Prakash im Traum und sagte: „Suraj ist mein spirituelles Kind. Er muss die Familienbande ablegen und sein Sādhana in diesem Leben vollenden. Weihe ihn mir. Ich werde mich in jedweder Hinsicht um ihn kümmern." Im Traum war der Vater so überwältigt von der Gegenwart und Autorität Babajis, dass er bereitwillig dessen Forderung zustimmte. Anderntags jedoch ignorierte er das Geschehen und tat es als ein bloßes Traumgespinst ab. Er sprach zu niemandem davon.

In der darauffolgenden Nacht erschien Babaji dem Vater wieder im Traum, diesmal jedoch mit furchterregender Miene: „Du hast mir nicht gehorcht. Wie kannst du es wagen, den Vorfall zu ignorieren, ihn als bloßen Traum abzutun und dein Versprechen zu brechen?! – Nun, dein Sohn ist jetzt tot." Da sah der Vater im Traum seinen Sohn wie tot auf seinem Bett liegen. Babaji sprach weiter: „Gib mir deinen Sohn und er lebt; oder willst du ihn lieber tot selbst behalten?" Da brach der Vater in Tränen aus. Babaji tröstete ihn: „Du brauchst dir um deinen Sohn keine Sorgen machen. Er wird immer unter meinem unmittelbaren Schutz stehen." Dann forderte er den Vater zu zwei Dingen auf: Erstens solle er MahantGirdhari Dassji aufsuchen, seinen 10. Nachfolger, und zweitens solle er nun sein Versprechen halten und seinen Sohn, wann immer dieser der Welt auf der Suche nach Gott entsagen wolle, nicht davon abhalten. Daraufhin verschwand Babaji.

Am nächsten Morgen erzählte der Vater alles seiner Frau. Etwas bange und verunsichert beschlossen sie, zu Mahant Girdhari Dassji zu gehen. Zu ihrem großen Erstaunen wartete Mahantji bereits auf sie. Noch bevor sie auch nur ein Wort gesagt hatten, erzählte er ihnen, dass Babaji auch ihm im Traum erschienen sei und ihm einige Anweisungen gegeben hätte.

Suraj wird Chandra

Am 15. Juni 1947 versammelten sich viele Dorfbewohner und alle Mönche des Dera in dessen Halle (Darbār). Eine Rezitation des gesamten Guru Granth Sahib war aus Anlass von Suraj Prakashs Initiation organisiert worden. Er musste sich auf einen speziellen Platz (āsana) setzen und ein kleines Haarbüschel wurde ihm von Mahant Girdhari Dassji als Teil der Zeremonie abgeschnitten. Dann schlug Mahantji wahllos eine Seite des Guru Granth Sahib auf, zeigte auf irgendeinen Satz und auf Basis der ersten Silbe dieses Satzes änderte er Suraj Prakashs Namen in Chandra Prakash. Schließlich wurde ihm sein Mantra von Mahantji ins Ohr geflüstert. Er erhielt einen Kopin (T-förmiges Lendentuch der Mönche), eine Mütze und einen Sehli (eine schwarze Baumwollschnur), wie es in der Udasin-Tradition üblich ist. Nach den Feierlichkeiten wurde sein Kopf vollständig geschoren und Prasād verteilt. So wurde Swamiji mit 17 Jahren in den Udasin-Orden aufgenommen.

Als Mahantji den Namen von Suraj Prakash in Chandra Prakash änderte, sagte er lächelnd: „Du warst sehr heiß (aktiv) – wie die Sonne (Suraj); nun wirst du so kühl wie der Mond (Chandra) werden." So führte Babaji in seiner unendlichen Gnade Swamiji durch das Medium von Mahant Girdhari Dassji in das spirituelle Leben ein. Nach der Initiation verließ Swamiji sein Elternhaus für immer und lebte ungefähr eineinhalb Monate im Dera.

Die Initiation war keine bloße Namensänderung; Chandra Prakashs Blick auf das Leben und seine Interessen veränderten sich völlig. Er tauchte in einen mächtigen Strom von Gleichmut und Liebe ein. Dazu äußerte Swamiji einmal: „Heute kann ich sagen, dass meine ausgeprägte Leidenschaftslosigkeit auf meiner Liebe zu Babaji beruhte. Sie entstand aufgrund seiner Gnade." Dem jungen Yogi ging auf, dass er seit vielen früheren Leben ein spiritueller Pilger war. Das wahre Ziel seines Lebens wurde ihm bereits in jungen Jahren deutlich und stand lebendig vor seinen Augen.

Während die meisten jungen Männer in diesem Alter weltliche Kostbarkeiten kennen lernen, nach ihnen trachten und ganz in Anspruch genommen werden von einer Welt des Egos und der Leidenschaften, von einer Welt des Strebens nach irdischen Dingen, nach Bekanntheit und Ruhm, fasste Chandra Prakash den Entschluss, dass das Ziel seines Lebens in nicht weniger als der vollständigen religiösen Erfüllung bestehen sollte.

Mit 22 Jahren wollte er schließlich Mönch werden und sein Leben ganz der Erkenntnis Gottes widmen. Ehe er die Mönchsrobe anlegte, gab er alle seine gewonnenen Sportmedaillen und -pokale einem Jungen in Haridwar, verschenkte seine Kleider und warf alle akademischen und sportlichen Urkunden in den Ganges. Damit nahm seine vielversprechende Sportlerkarriere ein abruptes Ende. Er muss einen großen Opfermut und eine starke Entschlossenheit besessen haben, um seinem geliebten Hobby Lebewohl sagen zu können.

Eine vertrauliche Mitteilung

Der folgende Ausschnitt eines Dialogs zwischen Swamiji und einem seiner Schüler stellt eine Rarität dar, weil Swamiji ansonsten sehr zurückhaltend mit Äußerungen über sich selbst ist, besonders hinsichtlich seiner spirituellen Reise. So enthüllt er hier unbeabsichtigt einige wichtige Dinge über sich selbst.

Schüler: Maharajji, es sieht so aus, als ob Ihre spirituelle Reise in diesem Leben ihr Ende gefunden hat. Seit wann wird dieser mühsame und sehr schwierige Weg von Ihnen bewusst beschritten?

Swamiji: Seit vielen Leben.

Schüler: Seit wievielen?

Swamiji: Das kann ich nicht erinnern.

Schüler: Waren Sie jemals im Verlauf Ihrer spirituellen Suche verheiratet?

Swamiji zeigt mit einer Geste, dass er auf seiner spirituellen Reise über mehrere Leben hinweg immer Mönch war.

Schüler: Somit haben Sie sich immer für ein Mönchsleben entschieden, das man vom spirituellen Standpunkt aus für hindernisärmer hält.

Swamiji: Auch eine Pflanze nimmt beim Austreiben ihrer Wurzeln und Äste den Weg des geringsten Widerstands, genau wie ein Insekt, das auf dem Boden krabbelt. Nur ein dummer Mensch lädt sich unnötige Lasten auf. Doch ist ein Mönchsleben nicht unbedingt für jeden Sādhaka ein Weg mit weniger Hindernissen.

Schüler: Kann es sein, dass man selbst nach der spirituellen Verwirklichung noch viele Leben leben muss, bis man schließlich in ihr verankert ist? Vielleicht weil dies dann ein Göttlich-werden aller Aspekte der Persönlichkeit einschließt, wie z. B. der Gefühle, des Intellekts usw.

Swamiji: Ja.

Schüler: Waren Sie in Ihren früheren Leben ebenfalls ein Hindu-Mönch oder gehörten Sie auch anderen Orden an?

Swamiji: Ich war nur in Hindu-Orden.

Schüler: Warum wählten Sie immer nur diese religiöse Umgebung?

Swamiji: Ich habe mir das nicht ausgesucht. Es ist die göttliche Kraft, die die Wahl auf Grundlage des persönlichen Karmas und der Samskāras trifft und einen dann in eine bestimmte Umgebung, Familie, Religion etc. schickt.

Schüler: Selbst dann beweist das doch, dass im Grunde genommen Sie es waren, der durch die Samskāras, das Karma und die Erfahrungen die Wahl getroffen hat. Das Göttliche gab Ihnen nur, was Sie ausgewählt hatten.

Swamiji: (Lächelt nur.)

Schüler: Es sieht so aus, als ob Sie auch eine Verkörperung zu der Zeit von Babaji hatten. Was für eine Beziehung hatten Sie zu ihm?

Swamiji: Es war eine Meister-Schüler-Beziehung.

Schüler: Bitte mehr.

Swamiji: (Lächelnd) Sie fragen geradeheraus und schonungslos. Aber nicht alle Einzelheiten eines spirituellen Lebens können enthüllt werden. Ich möchte es Ihnen gerne sagen, aber ich kann es nicht aufschreiben. Ich werde es Ihnen sagen, wenn der rechte Zeitpunkt gekommen ist, selbst wenn Sie mich nicht danach fragen. Aber nicht jetzt.

Nach diesem inspirierenden Dialog kehren wir zum frühen Leben Swamijis zurück. 1947 durchlitt Indien das Drama seiner Teilung. Hindus und Sikhs mussten, um ihr Leben zu retten, ihre Heimat aufgeben und alle Habe zurücklassen. Babajis Dera war im Laufe der Zeit zu einem großen, prächtigen Klostertempel angewachsen, mit tausenden Morgen Land. Aber MahantGirdhari Dassji, der zu dieser Zeit als 10. Meister in der Traditionslinie von Babaji dem Tempel vorstand, musste alles aufgeben. Die Familien von Mahantji und Lala Roopchandji zogen zusammen mit anderen Hindus ins verbleibende Indien um. Für Chandra Prakash war die Trennung vom Schrein Babajis unerträglich. Er selbst sagt dazu: „Nach der Teilung habe ich, wenn ich an Babajis Samādhi dachte, oft im Verborgenen geweint. Monatelang war ich von der Idee besessen, wegzulaufen und im Gewand eines Fakirs weiterhin im Dera Babajis in Pakistan zu leben."

Nach der Auswanderung ließ sich Mahantji im Dorf Bahauddin im Bezirk Sirsa (Bundesstaat Haryana) nieder. Später erbaute er im 5 km entfernten Dorf Sanghar einen neuen Schrein für Babaji. Nach und nach errichteten Anhänger von Babaji an vielen Orten Nordindiens Tempel, in denen Pūjā und Ārati für Babaji mit Liebe und Hingabe immer noch durchgeführt werden.

Nach der Teilung des Landes erreichte Chandra Prakash 1948 mit der 12. Klasse die F. Sc. (First year of science) Stufe am Sanatan Dharma College in Ambala. 1951 erlangte er am D.A.V. College in Dehradun (damals Uttar Pradesh, heute Uttarakhand) den Grad eines B. Sc. in den Fächern Physik, Chemie und Mathematik. Darauf folgte das erste Studienjahr für den Magistergrad. Doch erneut wurde er von dem Drang nach Gotterkenntnis erfüllt, der diesmal unwiderstehlich war. So erschien er nicht zu den Prüfungen, sondern gab sein Studium auf und fuhr im Februar 1952 zu Mahantji nach Bahauddin.

Er blieb bei Mahantji ungefähr zehn Monate und traf dort auch oft seinen Vater; ins Elternhaus kehrte er aber nicht zurück. Er ließ sein Haar lang wachsen und zog weiße Kleider wie ein Brahmachāri an. Er pflegte morgens in aller Frühe aufzustehen und meditierte sowohl morgens als auch abends zwei Stunden lang. Gewöhnlich konnte sich sein Geist augenblicklich erheben und sich ganz auf das Göttliche fixieren. Das war für ihn ganz natürlich. Er las auch eine Menge an spirituellen und heiligen Büchern (Svādhyāya), wie z.B. die Gita, Vichar-Sagar (eine vedische Schrift), Bücher von Swami Rama Tirtha16, Swami Vivekananda17 und die von der Gita-Press herausgegebene Zeitschrift Kalyan. Dazu diente er Mahantji auf vielfältige Art und Weise; so massierte er dessen Füße beispielsweise täglich vor dem Schlafengehen. Und wann immer es eine Gelegenheit gab, nahm er an einem sportlichen Spiel teil. So vergingen die Tage rasch.

Der Drang nach Loslösung von der Welt wuchs jedoch unaufhörlich und nahm solche Ausmaße an, dass Swamiji seine Augen vor allem verschloss, was nichts mit der Suche nach Gott zu tun hatte. Es war ihm unmöglich geworden, weiterhin in der Welt zu leben. Er wollte ein Klausner werden, um sein Herz und seine Seele ganz der Gottsuche widmen zu können. Ende 1952 begab er sich mit Erlaubnis von Mahantji nach Haridwar. Das war der Zeitpunkt, zu dem er alle weltlichen Bindungen aufgab; mit dieser Entsagung begann die letzte Phase seiner spirituellen Reise – die härteste und am wenigsten bekannte. Wie wir aber wissen, war er nicht allein. Babaji war mit ihm und schützte und führte ihn fortwährend.

Chandra Prakash blieb drei Monate lang in Haridwar. Im Ortsteil Kankhal lebte er in einem Udasin Āshram namens Narayam Niwas, der zum Dera von Baba Pritam Dassji gehörte, welcher aus Pakpatan im heutigen Pakistan stammte und der Guru von Baba Bhuman Shahji war. In diesem Āshram begegnete Chandra Prakash Swami Krishna Dassji Udasin und war von dessen reinem Wesen, seiner Einfachheit, seiner tief religiösen Natur und der Intensität, mit der er sein Sādhana betrieb, tief beeindruckt. Swami Krishna Dassji war ein sehr sanftmütiger Weiser voller Mitgefühl und mit vielen außergewöhnlichen spirituellen Kräften, die er jedoch nicht gerne zur Schau stellte. Pandit Nityanandji, der berühmte Tantriker aus Srinagar in Kaschmir, pflegte zu sagen, dass Swami Krishna Dassji die Kraft besäße, ganz nach Belieben mit seinem Astralkörper zu reisen und jedweden Ort auf der Welt innerhalb von Sekunden zu erreichen. Weiterhin hatte er die Fähigkeit, die Gedanken anderer zu lesen, doch benutzte er sie sehr sparsam. Selbst Rationalisten und unreligiöse Menschen, die zu ihm kamen, konnten diese Fähigkeiten bestätigen. Viele hochgebildete junge Leute wollten ihn zu ihrem Guru machen, aber er hat nie Schüler angenommen.

Chandra Prakash blieb einige Tage bei ihm und stellte fest, dass Swami Krishna Dassji nicht nur mit außergewöhnlichen Kräften, sondern auch mit einer raren Gottesliebe und mit göttlicher Weisheit gesegnet war. In dem starken Drang, der Welt zu entsagen, bat er Swami Krishna Dassji inständig: „Bitte gebt mir die Mönchsrobe. Ich habe keinerlei Interesse an der Welt und möchte mich ausschließlich und aus vollem Herzen der Gotterkenntnis widmen." Swami Krishna Dassji hatte bereits tief in die bewussten und unbewussten Schichten von Chandra Prakashs Geist geschaut und war von der Aufrichtigkeit und Beständigkeit seines spirituellen Strebens bewegt. Er stimmte dem Begehren Chandra Prakashs zu und legte ihm, während er einige Mantras rezitierte, die Mönchsrobe an. Jedoch sagte er: „Ich bin nicht dein Guru. Ich habe lediglich getan, was von deinem Diksha-Guru schon lange hätte getan werden sollen." Dann redete er Chandra Prakash lächelnd als Chandra Swami an und legte ihm nahe, die Mönchsregeln strikt zu befolgen und den Fußspuren von Baba Bhuman Shahji mit ungebrochenem Eifer zu folgen. Schließlich sagte er: „Empfinde niemals einen Unterschied zwischen Baba Bhuman Shahji und Baba Shri Chandraji. Sie sind ein und dieselbe göttliche Person, die zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Körpern hierhergekommen ist."

Einmal sprach Chandra Swamiji mit Krishna Dassji über einen Wunsch, den er in sich verspürte: „Ich möchte für den Rest meines Lebens kein Geld (Dhan) mehr anfassen und ganz im Vertauen auf Gott leben". Krishna Dass lachte: „Ich schätze deinen starken Glauben und dein Gottvertrauen sehr, aber weißt du, dass Dhan nicht nur Geld bedeutet? Geld ist nur ein Mittel, um den Tauschhandel zu erleichtern. Dhan umfasst alle materiellen Dinge. Wenn du kein Geld anfassen möchtest, solltest du auch nicht um Speise, Kleidung oder irgendetwas anderes bitten. Wenn du lernen möchtest, allein Gott aus vollem Herzen zu vertrauen, reicht es aus, diese Regel drei Jahre lang zu befolgen. Tatsächlich hat Gottvertrauen wenig mit dem Besitzen oder Nicht-Besitzen materieller Güter zu tun."

Pilgerreise in den Himalaya

Mit Krishna Dassjis Einwilligung machte sich Swamiji dann zu Fuß in den Himalaya auf, um den Darshan von dort lebenden Heiligen zu erleben.

Als erstes ging er von Haridwar nach Rishikesh zu Seiner Heiligkeit Swami Shivanandaji von der Divine Life Society und blieb drei Tage lang in dessen Āshram. Der Shivananda Āshram war damals gerade erst gegründet worden und bestand nur aus einigen Hütten, die nicht in gutem Zustand waren. So waren z.B. die Küche und der Speisesaal für die Brahmachāris und Sannyāsins nur aus dünnem Zinnblech gemacht.

Vom Shivananda Āshram aus zog Swamiji für zwei Tage zum Neelkanth-Tempel, wo gemäß der Hindumythologie Shiva eine Heldentat vollbrachte.18 Danach ging Chandra Swami zur Vasishtha-Höhle (Gufa), in der Swami Purushottamanandji lebte, ein großer und geachteter Heiliger seiner Zeit. Von dort aus zog Swamiji erst zurück nach Rishikesh und machte sich dann nach Uttar Kashi auf, wobei er den Weg über Tehri und Dharasu nahm.

Als er Dharasu erreichte, waren seine Füße, die solch anstrengendes Marschieren nicht gewohnt waren, ganz geschwollen und an den Sohlen hatte er schmerzhafte Eiterbeulen. So war er gezwungen, drei Tage lang dort zu bleiben, ehe er weiterziehen konnte. Auf der Weiterreise verbrachte er eine Nacht in einer Höhle, die voller Insekten war, und am anderen Morgen war sein ganzer Körper geschwollen. Doch schließlich erreichte er Uttar Kashi, wo er als erstes zu Swami Tapovanji ging, einem älteren Heiligen, der ein großer Gelehrter war. Dann hielt er sich für zwei Tage im Kailash Āshram auf. Später fand er eine leere Höhle am Ufer des Ganges, die er zu seinem Aufenthaltsort machte. Er blieb dort ungefähr 20 Tage. Während dieser Zeit ging er einmal am Tag in den nahegelegenen Sādhu-Bela Āshram zum Essen. Der Verwalter des Āshrams hegte große Sympathie für Swamiji. Die Höhle, in der Swamiji lebte, war energetisch sehr geladen und sein Sādhana kam gut voran.

Mittlerweile war der Winter vorüber und Swamiji dachte, dass der Heilige, der üblicherweise in der Höhle lebte, mit einsetzendem Sommer wohl aus der Ebene zurückkommen würde. So entschied er sich, Uttar Kashi zu verlassen. Auch hatte Swami Krishna Dassji erzählt, dass Kaschmir mit seinen prächtigen Landschaften und Quellen ein schöner und für Sādhana geeigneter Ort sei; und so entschloss sich Swamiji, nach Kaschmir zu ziehen, machte sich aber zunächst nach Haridwar auf.

Sant Gurmukh Singhji

Als Swamiji von Dharasu nach Narendra Nagar wanderte, hielt ein Lastwagenfahrer an, der eine große Verehrung für die heiligen Männer und Frauen empfand, und lud ihn ein, mit ihm zu fahren. Als sie ankamen, bat der Fahrer nur um Swamijis Segen. Von Narendra Nagar aus ging dieser wieder zu Fuß weiter bis nach Haridwar. Erneut bekam er vom Wandern Furunkel an den Fußsohlen. So entschloss er sich, in Haridwar einige Tage zu bleiben. Von einem anderen Heiligen hatte er von der Größe eines betagten, erleuchteten Weisen gehört, Sant Gurmukh Singhji, der im Sapta Sarovar Jhārī lebte, auf einer bewaldeten Insel inmitten der sieben Ströme des Ganges. (Dass Swamiji später einmal selbst dort einige Jahre verbringen würde, ahnte er noch nicht.) Er begab sich dorthin, um den Darshan des Heiligen zu haben und wenn möglich einige Tage bei ihm zu bleiben.

Als Swamiji auf der Insel ankam, fand er Sant Gurmukh Singhji vor seiner strohgedeckten Hütte am Ufer des Ganges auf einem Bambusstuhl sitzend; mit geschlossenen Augen war er ganz in Meditation versunken. Swamiji selbst schrieb dazu:

„Ich neigte meinen Kopf ehrfurchtsvoll und setzte mich still vor den Weisen hin. In seiner Nähe fühlte ich sehr stark die Anwesenheit von irgendetwas, aber ich konnte nicht ausmachen, was es war. Nach über 30 Minuten öffnete er seine Augen, schaute mich an und fragte mich, wer ich sei und warum ich gekommen wäre. Nachdem er mir zwei, drei Minuten geduldig zugehört hatte, sagte er ,Ich habe einige Leute von der Herrlichkeit Baba Bhuman Shahjis erzählen hören. Er war ein sehr großer Weiser. Aber in Dir treffe ich zum ersten Mal einen Mönch seines Ordens.' Sant Gurmukh Singhji war sehr freundlich zu mir; er behandelte mich wie sein eigenes Kind und erlaubte mir, in seiner Hütte zu bleiben. Er war ein sehr ruhiger und liebevoller Weiser, dessen Gesicht Frieden und Tejas ausstrahlte. Auch war er ein großer Kenner des Sanskrit und gehörte zur Traditionslinie der Nirmalas, die von Guru Govind Singh begründet wurde, dem 10. Guru der Sikhs.

Ich erinnere mich an die allererste Nacht in dieser Hütte. Um Mitternacht war es mir, als ob sich etwas mit zischendem Geräusch unter der Matte bewegte, auf der ich schlief. Es machte mir etwas Angst. Ich öffnete die Augen und sah im trüben Mondlicht, das durch eine Lüftungsöffnung in die Hütte fiel, den Weisen etwa eineinhalb Meter entfernt mit gekreuzten Beinen in tiefer Meditation sitzen. Vor lauter Furcht konnte ich die verbleibenden vier Stunden der Nacht nicht mehr schlafen, doch der Weise verharrte unbewegt in seiner Haltung. Am Morgen nach Sonnenaufgang erzählte ich ihm von meinem Erlebnis und meiner Angst in der Nacht. Der Weise lachte und sagte: ,Es gibt hier einen jungen Python, der oft in die Hütte kommt und dann die Nacht hier verbringt. Fünf, sechs Mal habe ich ihn in einem Topf gefangen und dann etwa einen Kilometer entfernt im Wald wieder ausgesetzt, aber er kam immer wieder zurück, um die Nacht in der Hütte zu verbringen. Ich habe jetzt aufgehört, ihn zu vertreiben. Er ist sehr freundlich und intelligent, er wird dich nicht beißen oder sonstwie verletzen, selbst wenn du versehentlich auf ihn trittst.' "

Swamiji blieb ungefähr 15 Tage bei Sant Gurmukh Singhji auf der Insel in Sapta Sarovar. Dieser pflegte um zehn Uhr ein üppiges Frühstück zu sich zu nehmen, das aus dem Sapta Rishi Āshram von einem Jünger des Weisen gebracht wurde und das er mit Swamiji teilte. Danach ging dieser üblicherweise ungefähr einen Kilometer flussaufwärts, wo er sich hinsetzte und sich bis zum Abend dem Gebet, dem Japa, der Meditation und der Lektüre Swami Vivekanandas widmete. Nach Sonnenuntergang ging er dann zur Hütte zurück.

Sapta Sarovar ist nach den Sapta Rishis19 benannt, den sieben großen Sehern, die gemäß den heiligen Hinduschriften in alten Zeiten dort strenge Askese übten. Dieser historische, heilige Ort hatte eine reine, ruhige Atmosphäre und war quasi von spirituellen Schwingungen aufgeladen. Das machte ihn für geistliche Übungen sehr geeignet, ungeachtet dessen, dass er nachts oft von Elefanten, Tigern und anderen wilden Tieren aufgesucht wurde, die auf der anderen Seite des Ganges im Kadli Wald (Kadli Van) lebten. Dieser dichte Wald ist voll wilder Bananen-, Bambus- und Salbäumen20. So steht es auch im Bhagavat Maha Purāna. Swamiji mochte diesen Ort sehr gerne für sein Sādhana.

Mit seiner Freundlichkeit und Zuneigung sagte Sant Gurmukh Singhji zu Swamiji, „Ich freue mich über deine Aufrichtigkeit im Üben. Du kannst hier bleiben, solange du möchtest." Swamiji dankte ihm ehrergiebig und sagte, dass er sich schon entschieden hätte nach Kaschmir zu gehen, dass er aber gerne an diesen Ort zurückkehren würde, wenn es Gottes Wille sei. Da Sant Gurmukh Singhji vom Gelübde des jungen Swami erfahren hatte, drei Jahre lang kein Geld zu berühren, bat er einen seiner Jünger, eine Zugfahrkarte von Haridwar nach Pathankot zu besorgen. Dann segnete er Swamiji, den er während der vergangenen fünfzehn Tage mit mütterlicher Liebe überschüttet hatte, und sagte: „Ich sehe eine leuchtende spirituelle Zukunft für dich; und irgendwie fühle ich, dass du hierhin zurückkommen wirst, um den letzten Schritt in den Ozean des höchsten kosmischen Bewusstseins zu machen." Swamiji beugte sich vor dem Weisen nieder, berührte seine heiligen Füße und verließ den Ort.

In Haridwar bestieg Swamiji den Zug und erreichte Pathankot am nächsten Morgen. Er hatte von einem außergewöhnlichen Ereignis im Leben Baba Shri Chandrajis gelesen, der ganz am Ende seiner spirituellen Mission im Dorf Mamoon in der Nähe von Pathankot lebte. Es stand geschrieben, dass ein toter, vertrockneter Baum, unter dem er saß und Tapasya übte, wieder zu leben begann und grün wurde. Das war vor ungefähr 450 Jahren geschehen. Swamiji verspürte den Drang, von Pathankot aus als erstes zu diesem Ort zu pilgern, denn seit seiner Kindheit empfand er eine tiefe Ergebenheit und Verehrung für Baba Shri Chandraji. Gleich am Bahnhof erkundigte sich Swamiji bei Einheimischen, wie man nach Mamoon käme. Es lag einige Kilometer entfernt und Swamiji machte sich sofort auf.

Schließlich erreichte er den Ort, wo Baba Shri Chandraji seine Übungen verrichtet hatte. Da stand der gesegnete Baum. – In einem kleinen Haus mit zwei, drei Zimmern lebte ein Mönch, der aber gerade nicht zu Hause war. Swamiji meditierte zwei Stunden unter dem Baum und wurde mit einer Vision von Baba Shri Chandraji gesegnet. Dieser gab ihm einige Anweisungen und somit war das Aufsuchen dieses Ortes für Swamiji von großer Bedeutung. Als der Mönch nach Hause kam, begrüßte er Swamiji warmherzig und bereitete für beide ein einfaches Mahl. Dann informierte er Swamiji, dass für eine Reise nach Kaschmir ein Passierschein erforderlich sei, den er jedoch in Pathankot beim Handelskommissar von Jammu und Kaschmir beantragen könne. Swamiji ging schnurstracks zu dessen Büro.

Beschützende Vorsehung

Alles, was Swamiji zu jener Zeit besaß, war ein Leintuch, ein dünner Schulterumhang, ein Wassergefäß (Lota) und zwei Bücher, eins von Swami Rama Tirtha und eins von Swami Vivekananda. Swamiji übergab dem Handelskommissar, Mr. D. N. Jalali, seinen Passierscheinantrag. Der Kommissar war vom spirituellen Glanz auf Swamijis Gesicht sehr beeindruckt. Aber da Swamiji keinen Beamten in Pathankot kannte, der seine Identität bezeugen konnte, und da die politische Situation in Kaschmir zu jener Zeit nicht sehr stabil war, verweigerte der Kommissar den Passierschein – wenn auch mit schwerem Herzen. Enttäuscht verließ Swamiji das Büro und fragte sich, was er nun tun solle. Als er ein Stück gegangen war, fühlte er plötzlich die Gegenwart von Baba Bhuman Shah und nahezu gleichzeitig hörte er hinter sich eine Stimme ihn rufen. Er wandte sich um und sah den Diener des Handelskommissars ihm nachrennen. „Der Kommissar lässt Sie rufen", sagte dieser. Swamiji ging zum Büro zurück. Der Kommissar begrüßte ihn mit einem Lächeln und sagte: „Ich habe Ihren Fall noch einmal überdacht. Wir erteilen Ihnen den Passierschein." Nach Büroschluss nahm er Swamiji mit in sein Haus. Er lud seine Freunde ein, um ihnen diesen jungen Mönch mit der ungewöhnlichen Strahlkraft vorzustellen, der spürbar alle Leidenschaften überwunden hatte.

Am nächsten Tag kaufte Mr. Jalali ohne jemandem etwas zu sagen eine Busfahrkarte für Swamiji nach Srinagar und brachte ihn zur Bushaltestelle. Vor der Abfahrt fragte ihn der Kommissar noch, wo und wie lange er sich in Kaschmir aufhalten würde. Swamiji sagte ihm, dass er im Shri Chander Chinar Āshram in der Residency Road wohnen würde, dass er aber auch auf eine Pilgerfahrt nach Amarnath ginge. Mehr wisse er jetzt noch nicht. Mr. Jalali besuchte Swamiji in Srinagar, wann immer er eine Gelegenheit fand, und lud ihn dann in seinen Bungalow nach Rainawari zum Mittag- oder Abendessen ein. Später nahm er Swamiji zu einem berühmten Heiligen des Kaschmir Shaivismus mit: Swami Laxman Joo21.

„Yogakshemam vahāmyaham", sagt Krishna in der Gita, „Ich nehme meine Anhänger unter meine Obhut und versorge sie mit allem Notwendigen."22

Der Bus nach Srinagar fuhr morgens in Jammu ab. Ein Sardarji in Militäruniform saß neben Swamiji. Es war ein Namdhari23 Sikh aus dem Punjab, der nach Srinagar abkommandiert worden war. Namdhari Sikhs sind im Allgemeinen von aufrichtiger Religiosität, sehr aufgeschlossen und zollen den Heiligen und Weisen aller Religionen gebührenden Respekt. Der Sikh-Soldat war ebenfalls ein sehr frommer Mensch und hatte ein großes Interesse an Spiritualität. Neben einem jungen Mönch zu sitzen, dessen spiritueller Charme aus jeder seiner Poren strömte, machte es ihm unmöglich, sich längere Zeit zurückzuhalten. Nach etwa 15 Minuten stellte er sich höflich vor und begann, über religiöse Dinge zu sprechen. Nachdem er Swamiji von seinem spirituellen Streben erzählt hatte und beide ihre Gedanken ausgetauscht hatten, fühlte er sich noch mehr von Swamiji angezogen und empfand fast schon Verehrung und Hingabe. Er stellte sehr praktische, aber auch schwierige spirituelle Fragen und wurde von Swamijis Antworten vollauf zufrieden gestellt, die dieser in einfachen Worten gab und mit Zitaten aus dem Guru Granth Sahib stützte. Obwohl der Bus sehr langsam fuhr, verstrich die Zeit sehr schnell. Gegen 13 Uhr erreichte der Bus nach einer serpentinenreichen Bergstrecke Kud, ein Dorf etwa 90 km von Jammu entfernt. Alle Passagiere stiegen aus, um ihr Mittagessen in der Gaststätte dort einzunehmen, bis auf Swamiji, der allein auf seinem Platz sitzen blieb. Er hatte kein Geld, wollte aber gemäß seinem Gelübde niemanden um Essen oder sonst irgendetwas bitten. Im leeren Bus entspannte er sich auf seinem Platz, schloss die Augen und versank in Meditation.

Keine fünf Minuten waren vergangen, als der Busfahrer wieder in den Bus kam und rief: „Babaji, hier ist eine Tasse Tee für Sie." Er war ganz bewegt und sagte weiter: „Sie kommt vom Besitzer des kleinen Teeausschanks dort, der Sie alleine ruhig im Bus sitzen sah. Er ist arm, aber sehr religiös. Es macht ihm Freude, Mönchen zu dienen. Er will nichts dafür haben." Swamiji sagte: „Ich brauche keinen Tee. Ich hatte ein ausgiebiges Frühstück am Morgen; aber ich sehe es als Gottes Prasād an und werde ihn deswegen nicht ablehnen. Sagen Sie dem Mann bitte meinen Dank." Swamiji genoss den Tee, als ob es königlicher Sharbat war. Nach etwa 40 weiteren Minuten bestiegen Fahrgäste und Fahrer wieder den Bus; mit einem Hupsignal kündigte dieser allen noch verbleibenden Passagieren die Abfahrbereitschaft des Busses an. Bis auf den uniformierten Namdhari Sikh waren alle da. Swamiji sagte dies dem Schaffner, worauf dieser den Fahrer bat, noch zu warten. Fünf Minuten später kam der Soldat angerannt und nahm seinen Platz wieder ein. Der Bus fuhr los und der Sardarji holte ein Päckchen mit einigen Chapatis und einer Gemüsebeilage hervor, das er Swamiji mit den Worten anbot: „Ein Stück weit von hier entfernt gibt es ein kleines Militärlager mit einer Kantine. Viele Freunde von mir sind momentan dort. Ich bin dorthin gegangen, um zu Mittag zu essen. Da habe ich auch für Sie eine kleine Mahlzeit mitgebracht. Bitte nehmen Sie sie an." Der Soldat bot ihm auch Wasser aus seiner Feldflasche an. Swamiji aß zu Mittag und fand es wundersam, wie die göttliche Vorsehung sich um ihn kümmerte. Er schrieb dies alles der Gnade Babajis zu, den er als eine Verkörperung des Göttlichen ansah.

Der Bus erreichte Srinagar gegen zehn Uhr abends. Zufälligerweise war der Sardarji schon einmal am Shri Chander Chinar Āshram gewesen; er lag nicht weit vom Busbahnhof entfernt, nur 15 – 20 Minuten zu Fuß die Hauptstraße entlang. Der Sardarji führte Swamiji zum Āshram und verabschiedete sich mit den Worten: „Wenn Gott es will, werde ich Sie wiedersehen." Swamiji ging zum Āshram, in der Hand seinen kleinen Beutel, in dem die beiden Bücher und der wollene Schulterschal waren.

Seine Heiligkeit Swami Krishna Dassji

Als Swamiji den Shri Chander Chinar Āshram erreichte, war Seine Heiligkeit Swami Krishna Dassji, den Swamiji ehrerbietig mit Maharajji anredete, gerade auf dem Weg zum Abendessen. Er war sehr erfreut, Swamiji zu sehen, und umarmte ihn voller Liebe. Tatsächlich erwartete er ihn schon, weil er wenige Tage zuvor von einem Sādhu gehört hatte, dass Swamiji zu Fuß nach Kaschmir kommen wolle. Krishna Dassji gefiel diese Idee jedoch nicht, da es über einen Monat gedauert hätte. Daher wollte er eigentlich durch einen seiner Anhänger in Jammu oder Pathankot einen Busfahrschein für Swamiji besorgen lassen, was jedoch unmöglich war, da er dessen Aufenthaltsort nicht kannte. Als Seine Heiligkeit nun sah, dass Swamiji Srinagar in nur wenigen Tagen erreicht hatte, bemerkte er lächelnd: „Das Göttliche weiß, was für seine Ergebenen am Besten ist, und erschafft immer wieder Umstände, die ihrem wahren Wohl dienen."

Swami Krishna Dass teilte sein Essen mit Swamiji. Als sie das Mahl beendet hatten, stand Swamiji auf, um die Teller abzuwaschen. Zu seiner großen Verlegenheit wollte Krishna Dass das Gleiche tun. Da sagte Swamiji höflich: „Maharajji, Sie beschämen mich. Bitte geben Sie mir die Teller zum Spülen." Maharajji erwiderte, „Wenn eine Mutter das Geschirr ihres Kindes spült, würde sich das Kind dann schämen?" Während sie noch sprachen, war der Diener des Āshrams gekommen und hatte das Geschirr von beiden schon abgeräumt und gespült.

Maharajjis tiefe Demut kommt in einer Geschichte zum Ausdruck, die er Swamiji etwa mit folgenden Worten erzählte: „Einmal ging ich eine Dorfstraße entlang, als ein barfüßiger Mann in schmutzigen Kleidern zu mir kam und eine 10-Paisa-Münze vor mich hinwarf. Ich spürte, dass dieser Mann mich für einen Bettler hielt. Daher hob ich die Münze auf und gab sie ihm zurück. Der Mann nahm die Münze und ging in entgegengesetzter Richtung davon.

Innerhalb weniger Sekunden erkannte ich, dass ich so nicht hätte reagieren sollen. Ich wandte mich um und rief, dass der Mann stehen bleiben solle. Ich ging zu ihm, bat ihn um Verzeihung und forderte ihn auf, mir die Münze zurückzugeben – was der Mann auch tat."

Maharajji fuhr fort: „Was war ich denn letztlich, wenn nicht ein respektierter Bettler?! Das ist mir in dieser Situation klar geworden. Ich nahm ja auch sonst Geschenke und Geld an, wenn es mehr war als jene Münze – verdiene ich doch meinen Lebensunterhalt nicht selbst. Ich hätte die 10-Paisa-Münze jenes ungebildeten Mannes nicht ablehnen sollen; auch wenn er mir das Geld nicht in einer angemessenen, höflichen Form gab, so gab er es aber aus gutem Willen."

Einmal, nachdem Swamiji diese Geschichte von Krishna Dassji erzählt hatte, fügte er in seiner humorvollen und bescheidenen Art hinzu: „Vielleicht wollte Maharajji mich unterweisen, als er mir von diesem Geschehen berichtete. Jedenfalls werde ich immer, wenn mir jemand etwas anbietet, an die Worte Maharajjis erinnert." Zum Schluss fügte Swamiji noch ein eigenes Erlebnis hinzu: „Auf dem Frankfurter Flughafen fragte mich einmal ein Beamter während der Passkontrolle: ,Was haben Sie für einen Beruf?' Da habe ich geantwortet: ,Ich bin ein respektierter Bettler.' "

„Maharajji Swami Krishna Dass war die verkörperte Demut", berichtet Swamiji. „Er zollte den Niedersten der Niederen Respekt. Er war einer der größten Weisen. Dennoch war er so einfach, demütig und menschlich, dass selbst einige seiner Anhänger – unfähig seine Größe zu erfassen – durch sein demütiges Verhalten in Verlegenheit gebracht wurden. Er war vom Ego völlig frei, unfähig, sich selbst als Weisen oder großen Menschen zu sehen. Er lebte mit der Spontaneität und Unschuld eines Kindes.

Er war ein unschätzbares spirituelles Juwel, im Allgemeinen unerkannt von den sogenannten Weisen, die in Wirklichkeit die Dummen und Unwissenden der Welt sind; ihr ganzes Leben verbringen sie mit der Jagd nach Anerkennung, Bekanntheit, Aufstieg und Macht, als ob sie Schatten fangen wollten. In der Zeit, die ich bei Krishna Dassji verbrachte, konnte ich immer wieder von ihm lernen. Jede seiner Handlungen inspirierte mich, den Spuren von großen Weisen wie Babaji, Ramakrishna Paramahansa24 und anderen zu folgen. 1953 lebte ich fünf Monate lang bei Maharajji im Chinar Āshram. Später im Winter 1957 war ich mit ihm weitere drei Monate im Sapta Sarovar Jhārī