Liliane Susewind: Ein tierisches Abenteuer – Das Buch zum Film - Marlene Jablonski - E-Book

Liliane Susewind: Ein tierisches Abenteuer – Das Buch zum Film E-Book

Marlene Jablonski

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Beschreibung

Das Mädchen, das mit den Tieren spricht: Liliane Susewind kommt ins Kino! Millionen Fans weltweit wissen es längst: Liliane Susewind hat das Zeug zum Superstar! Da ist es nur konsequent, dass die beliebteste Tierdolmetscherin der Kinderliteratur jetzt endlich auf die Leinwand kommt. Und natürlich darf ein Buch zum Film nicht fehlen: So können alle begeisterten Kinogänger hinterher noch tiefer eintauchen in die Welt von Lilli und ihren Freunden. In diesem Abenteuer gilt es, einem fiesen Tierdieb das Handwerk zu legen: eine Geschichte mit Herz, Hirn und Humor. Verfilmung mit Starbesetzung: Christoph Maria Herbst, Peri Baumeister, Tom Beck, Meret Becker … und zwei zauberhafte Kinder als Lilli und Jess – ab 10. Mai 2018 im Kino! Serie bei Antolin gelistet Alle Bücher der Serie ab 8 Jahren: Liliane Susewind – Mit Elefanten spricht man nicht! Liliane Susewind – Tiger küssen keine Löwen Liliane Susewind – Delphine in Seenot Liliane Susewind – Schimpansen macht man nicht zum Affen Liliane Susewind – So springt man nicht mit Pferden um Liliane Susewind – Ein Panda ist kein Känguru Liliane Susewind – Rückt dem Wolf nicht auf den Pelz Liliane Susewind – Ein kleines Reh allein im Schnee Liliane Susewind – Ein Pinguin will hoch hinaus Liliane Susewind – Eine Eule steckt den Kopf nicht in den Sand Liliane Susewind – Ein Eisbär kriegt keine kalten Füße Liliane Susewind – Giraffen übersieht man nicht Sonderband mit farbigen Bildern: Liliane Susewind – Mit Freunden ist man nie allein Entdecke auch die Liliane-Susewind-Serie für Kinder ab 6 Jahren! Weitere Bände sind in Vorbereitung.

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EPUB

Seitenzahl: 148




Marlene Jablonski

Liliane Susewind

Ein tierisches Abenteuer

FISCHER E-Books

Inhalt

Ein Spülschwamm zum FrühstückEinhörner und KatastrophenEine völlig neue LilliDie ProjektwocheEin besorgtes Ferkel und ein verängstigtes ElefantenbabyDer Spion und sein GeheimnisAufruhr in ParadisiaDer PlanAuf der LauerDer RauswurfMan muss tun, was man tun mussBonsai in GefahrIn der Höhle der LöwinMit vereinten KräftenFilmbilderLESEPROBEDer verstopfte Elefant

Ein Spülschwamm zum Frühstück

Lilli lag noch in ihrem Bett und träumte, als plötzlich eine nasse Hundezunge einmal quer über ihr Gesicht fuhr. Müde öffnete sie ein Auge, während das andere noch zu schlafen schien.

»Aufwachen! Lilli, wach auf. Die Sonne scheint, und mein Napf ist leer«, hörte sie ihren Hund Bonsai bellen.

Ungeduldig und freudig zugleich wedelte der süße Mischling mit dem Schwanz.

Nein, Lilli träumte nicht etwa immer noch. Sie konnte tatsächlich das Bellen ihres Hundes verstehen. Liliane Susewind hatte nämlich eine ganz besondere Gabe: Sie konnte mit Tieren sprechen. Mit allen Tieren.

»Oh, lass mich noch ein wenig schlafen, Bonsai. Es ist doch Wochenende, und ich habe gerade so schön geträumt.« Lilli zog sich die Bettdecke über den Kopf.

»Ich träume auch. Und zwar von einer leckeren Wurst.« Bonsai schnappte sich die Decke und zog so lange daran, bis sie zu Boden fiel.

Lilli zeigte sich davon allerdings wenig beeindruckt. Da fuhr Bonsai schwerere Geschütze auf. Er tapste seelenruhig zu ihren Füßen und fing an, sie abzuschlecken. Augenblicklich saß Lilli aufrecht und war hellwach.

»Hör auf, das kitzelt!« Lachend zog sie die Beine ein. »Hör auf, Bonsai!« Sie kringelte sich. »Schon gut, schon gut. Du hast gewonnen. Ich stehe ja auf«, gluckste sie, worauf der weiße Fellball zufrieden von ihren Füßen abließ, vom Bett sprang und zur Tür hastete.

Obwohl Lilli noch hundemüde war, stand sie wie versprochen sofort auf. Und eigentlich war es auch gar nicht so verkehrt. Schließlich hatte sie heute etwas ganz Besonderes vor …

Gähnend streckte sie sich, während Bonsai unruhig im Türrahmen stand und auf seine beste Freundin wartete. »Schnell, Lilli. Das Loch in meinem Magen wird immer größer!«

»Oje! Das klingt nach einem ausgewachsenen Bärenhunger«, sagte Lilli und schlüpfte in ihre Hausschuhe.

»Und ob!«, wuffte Bonsai, erleichtert, dass sie endlich die Ernsthaftigkeit seiner misslichen Lage begriffen hatte.

»Wieso haben Mama und Papa dich nicht gefüttert? Schlafen sie etwa noch?«, fragte Lilli, die auf Bonsai zuschlurfte.

»Schwer zu sagen. Sie laufen zwar mit offenen Augen herum, aber sie benehmen sich irgendwie … seltsam.«

»So?«, wunderte sich Lilli. Normalerweise war sie es doch, die sich seltsam benahm – zumindest nach Ansicht der Menschen, die sie zufällig mal in der Nähe von Tieren erlebt hatten.

»Deine Mutter spricht mit sich selbst«, berichtete Bonsai, der nun neben Lilli die Treppe ins Erdgeschoss hinuntertapste. »Und dein Vater hat mir statt Futter einen Spülschwamm in den Napf gelegt.« Der kleine Mischling nieste und rümpfte die Nase.

»Aaah, jetzt verstehe ich …«. Lilli nickte. »Mama bereitet sich sicher auf das Interview mit Bürgermeister Gockel vor. Zu seinen Ehren findet heute doch das große Fest am Rathausplatz statt. Er hat sich da sein eigenes Denkmal bauen lassen. Und das soll heute vor allen Oberschnepfenheimern feierlich eingeweiht werden. Der ist so was von selbstverliebt«, erklärte sie und verdrehte die Augen. »Und Papa ist mit seinen Gedanken garantiert schon in China«, fuhr sie fort. »Dort spielt das Buch, an dem er gerade schreibt, weißt du?«

Bonsai trippelte immer noch neben ihr her und hatte angesichts seines riesigen Hungers nur wenig Verständnis für das seltsame Verhalten der ausgewachsenen Zweibeiner seines Rudels.

»Guten Morgen«, trällerte Lilli gutgelaunt, als sie wenig später die Küche betrat.

Herr Susewind lächelte kurz, aber liebevoll, bevor er sich wieder auf seine Notizen konzentrierte. Frau Susewind sah von den Karteikarten mit ihren Interviewfragen auf. »Guten Morgen, mein Schatz. Hast du gut geschlafen?«

»Ja – hätte nur ein bisschen länger sein können«, erwiderte Lilli mit einem Seitenblick auf Bonsai. Der stand bereits vor seinem Fressnapf und betrachtete winselnd den darin liegenden Spülschwamm.

Beim Anblick seiner traurigen Hundeschnauze wurde es Lilli ganz warm ums Herz. Schnell hob sie den Napf vom Boden und spülte ihn kurz mit dem Schwamm aus. Während ihre Mutter sich wieder ihren Karteikarten widmete und ihr Vater vor sich hin murmelnd in sein Notizbuch schrieb, öffnete Lilli den Schrank, in dem das Hundefutter verstaut war. Dabei spürte sie Bonsais hungrigen Blick. Nicht eine Sekunde ließ er sie aus den Augen, als sie den Napf füllte.

»Lass es dir schmecken.« Lilli stellte Bonsai den vollen Napf unter die Nase. Glücklich machte er sich über das Futter her.

Lilli schaffte es gerade mal, sich an den Tisch zu setzen und ein Brötchen aus dem Brotkorb zu fischen, da hatte Bonsai auch schon aufgefressen.

»Fertig!«, bellte er vergnügt. »Gehen wir raus? Komm schon, los, Lilli, wir gehen raus.« Er sprang aufgeregt auf und ab.

»Dürfte ich vorher vielleicht auch etwas essen?«, fragte Lilli, wobei sie nicht ernsthaft eine Antwort erwartete.

»Soll ich dir dabei helfen?«, bot Bonsai begeistert an. »Ich kann dir helfen. Oh, lass mich dir helfen, Lilli. Ich bin ein Weltklasse-Esser!«

»Das weiß ich«, erwiderte sie. »Aber ich schaffe das schon alleine. Danke.«

»Bist du sicher?« Bonsai war sichtlich enttäuscht über diese Antwort.

»Ja, bin ich«, antwortete Lilli kichernd. »Ich esse schnell, ziehe mich an, und dann können wir los.«

Auch ohne Bonsais Hilfe futterte Lilli ihr Brötchen in Rekordzeit. Dann flitzte sie in ihr Zimmer und zog sich an.

Keine halbe Stunde später riss sie schwungvoll die Haustür auf. Gemeinsam mit dem kleinen Vierbeiner rannte sie hinaus, geradewegs zu ihrem Fahrrad. Ihre Mutter kam hinter ihr aus dem Haus und steuerte ihr Auto an.

»Sehen wir uns später auf dem Fest?«, fragte sie.

»Ja. Aber ich komme erst nach den ganzen feierlichen und langweiligen Reden«, sagte Lilli, worauf ihre Mutter verständnisvoll lächelte.

»Also passend zu Zuckerwatte und Currywurst?«, fragte sie.

»Currywurst? Hat da gerade jemand Currywurst gesagt?« Bonsai schaute Lilli mit glänzenden Augen an. Sein Schwanz bewegte sich so schnell wie der Propeller eines Hubschraubers.

Frau Susewind konnte zwar nicht, wie ihre Tochter, mit Tieren sprechen, doch Bonsais überschwängliche Freude verstand sie auch ohne Worte. Sie lachte laut auf.

Lilli gluckste, bückte sich und kraulte Bonsai hinter dem Ohr. Zufrieden hechelte er. »Du hast doch erst vor ein paar Minuten deinen Fressnapf leergefuttert«, bemerkte sie grinsend.

»Aber Lilli … eine Currywurst! Für eine Currywurst ist immer Platz.« Bonsai sprang schnell in den Anhänger, der an Lillis Fahrrad befestigt war. »Auf zur Currywurst!«, bellte er mit nach vorne gerichteter Schnauze.

»Ja ja, du bekommst schon deine Wurst, du kleiner Nimmersatt. Aber vorher machen wir einen Abstecher«, verkündete Lilli und strahlte dabei voller Vorfreude übers ganze Gesicht.

»Äh – Lilli …«, begann ihre Mutter zaghaft. »… ihr zwei stellt aber nichts an, versprochen?« Sie legte ihre Tasche ins Auto und ging auf Lilli zu.

Als sie direkt vor ihr stand, schaute sie ihre Tochter sehr ernst an und fuhr ihr zärtlich durch die rostroten Locken.

Lilli wusste sofort, worum es ihrer Mutter ging.

In den vergangenen Jahren hatten die Susewinds öfter umziehen müssen. Und das lag in allererster Linie an Lillis Gabe. Klar, mit Tieren sprechen zu können war toll, aber es konnte auch viel Ärger mit sich bringen. Deshalb hielten sie Lillis außergewöhnliche Fähigkeit lieber geheim.

Regina Susewind hatte sich gerade in Oberschnepfenheim eingelebt und fühlte sich endlich wohl hier. Ihr Haus war traumhaft und der Job als Journalistin beim Fernsehen einfach großartig.

Lilli wusste, wie sehr ihre Mutter unter den ständigen Umzügen gelitten hatte. Doch auch für sie selbst war es alles andere als ein Zuckerschlecken gewesen. Immer wieder eine neue Stadt, eine neue Schule, an der sie dann immer bloß die Neue war, die wieder keine Freunde hatte …

Ihr Vater dagegen konnte als Buchautor überall schreiben. Selbst auf dem bodennahen Fensterbrett seines Arbeitszimmers. Auf dem hatte er es sich gerade mit einer Tasse Kaffee gemütlich gemacht und schrieb schon wieder eifrig.

»Mach dir keine Sorgen, Mami.« Lilli sah ihre Mutter aufrichtig an.

»Du meinst, es passieren keine Katastrophen und –«

»Kein Weltuntergang«, unterbrach Lilli ihre Mutter. »Versprochen.«

Frau Susewind schien beruhigt. Ihr Gesicht hellte sich allmählich wieder auf. »Na gut«, sagte sie und zog ihren Blazer straff. »Ich muss los. Der Kameramann wartet sicher schon mit unserem –« Sie hielt kurz inne und suchte nach einem passenden Wort. »Nun ja, mit unserem etwas eigensinnigen Bürgermeister auf mich«, beendete sie ihren Satz schließlich.

Rasch drückte sie Lilli ein Küsschen auf die Stirn, tätschelte Bonsais Kopf und setzte sich ins Auto. »Tschüs, Ferdinand!«, rief sie durch das offene Fenster ihrem Mann zu, bevor sie den Wagen rückwärts aus der Garagenauffahrt bugsierte.

Lillis Vater tauchte aus der Versenkung seiner Gedanken auf und hob seine Hand zum Abschied.

»Bis später!« Er ließ die Hand wieder sinken und griff blind nach der Kaffeetasse. Stattdessen erwischte er jedoch die Blumenvase, die gleich daneben stand. Mit der Nase immer noch in seinen Notizen, führte er die Vase langsam an den Mund.

Lilli wollte ihren Vater gerade warnen, als es auch schon zu spät war. »Iiih«, entfuhr es ihr leise. Sie verzog das Gesicht, während Ferdinand das Blumenwasser ungerührt schluckte.

So hatte Lilli ihren Vater bisher noch nie erlebt. Normalerweise war er sehr aufmerksam und stets hellwach. Seit er aber an diesem Chinabuch arbeitete, war er die meiste Zeit wie weggetreten.

Bonsai, dem nichts entgangen war, verstand Lillis verkniffenen Gesichtsausdruck so gar nicht. Schließlich schmeckte das Blumenwasser sicher viel besser als die braune, bitterriechende Pfütze in dem kleinen Menschennapf.

»Mhmm, lecker! Blumenwasser, Regenwasser – macht Fell seidigglänzend«, bellte er, worauf Lilli losprustete.

Einhörner und Katastrophen

Die Sonne strahlte, und es roch nach Sommer, als Lilli mit Bonsai einen Feldweg entlangradelte. Genussvoll atmete sie den Duft der Natur ein.

»Sind wir gleich da?«, bellte Bonsai auf einmal ungeduldig. »Ich muss mal. Zeit, das Gras zu gießen. Dann wächst es besser.«

Lilli lachte laut, und urplötzlich flog ein ganzer Schwall von Pusteblumensamen an ihr vorbei. Sie betrachtete die fliegenden Samen einen kurzen Augenblick und übersah dabei fast den Zaun der großen Koppel. Schnell bremste sie ab und lächelte, als sie Anton entdeckte.

»Hallo!«, rief sie fröhlich in seine Richtung. Dabei lehnte sie ihr Rad an einen Holzbalken.

Bonsai sprang aus dem Anhänger, lief herum und schüttelte sich kräftig. Er schnupperte an den Blüten der bunten Feldblumen. An einer besonders schönen Blume blieb er stehen und hob ein Hinterbein.

Nachdem er sie begossen, ja beinahe ertränkt hatte, stolzierte er auf Lilli zu. Diese stand inzwischen an dem Holzzaun und schaute zur Mitte der Koppel, wo ihr zauberhaft schusseliger Freund auf vier Hufen genüsslich graste.

»Hallo, Anton!«, rief Lilli laut und schwenkte beide Arme von oben nach unten, als wollte sie ein Flugzeug auf sich aufmerksam machen. Da hob ihr Kumpel auf einmal den Kopf und sah in ihre Richtung.

Als er Lilli erkannte, setzte er sich in Bewegung. Freudig und beschwingt trabte er zu ihr hinüber.

»Wie geht’s dir?«, erkundigte sich Lilli höflich.

»Wie soll es ihm denn schon gehen?«, bellte Bonsai. »Er ist ein Esel, der glaubt, er wäre ein Einhorn.«

»Na, entschuldige mal, bitte!«, mischte sich Anton, der Esel, in leicht beleidigtem Ton ein. »Ich glaube es nicht nur, ich weiß es!«, sagte er voller Überzeugung. »Was kann ich denn dafür, dass ich im falschen Körper geboren wurde?«

Lilli wusste nicht so recht, was sie darauf sagen sollte, und sah Anton mitfühlend an.

Genau in diesem Moment fuhr ein Traktor an der Koppel vorbei. Wahrscheinlich ist er gerade auf dem Weg zum Stadtfest, dachte Lilli.

Hinten auf dem Anhänger saßen drei Mädchen, die sie aus der Schule kannte.

»Schaut mal!«, rief eines der Mädchen mit ausgestrecktem Zeigefinger. »Da ist die verrückte Liliane.«

»Die redet mit dem Esel!«, höhnte eine der anderen beiden.

»Die hat doch echt nicht mehr alle Latten im Zaun«, fügte die Dritte hinzu, worauf alle drei losgackerten.

»Habt ihr das gehört?« Anton war total empört. »Die glauben tatsächlich, ich wäre ein Esel. Das ist doch zum Mäuse melken. Immerzu werde ich verkannt«, schluchzte er. »Ich kriege keine Luft«, sagte er dann plötzlich keuchend. »Ich muss hier weg! Ich muss mich befreien.« Er steigerte sich immer mehr in seine Panikattacke hinein.

Rasch streckte Lilli ihre Hand aus und streichelte liebevoll seinen Kopf.

»Ach, Anton!« Aufmunternd lächelte sie ihren Freund an. »Hast du nicht mitgekriegt, was sie über mich gesagt haben? Und ich atme immer noch. Einfach nicht hinhören!«

»Nicht hören?«, wiederholte Anton und schniefte. »Bei den riesigen Ohren?« Er drehte seine Lauscher hin und her. »Wie soll denn das gehen?«

Lilli nickte verständnisvoll und überlegte, wie sie Anton am besten ablenken könnte. »Kopf hoch«, sagte sie schließlich. »Wie wäre es mit einem kleinen Wettrennen? Ich auf meinem Drahtesel gegen dich echtes Einhorn? Dabei kannst du mal so richtig Dampf ablassen.«

»Ih-jaaa!« Anton riss begeistert die Augen auf. »Das ist eine großartige Idee. Aber ich warne dich, ich bin ein magisches Wesen, und wenn ich einmal in Fahrt bin, kann mich nichts und niemand stoppen.« Er warf seinen Kopf zurück und scharrte mit dem Huf.

Lilli schwang schnell ihr Bein über den Fahrradsattel und stellte einen Fuß auf das Pedal. »Na, dann zeig mal, was du drauf hast.«

Kaum hatte sie das gesagt, flitzte Anton wie eine Rakete los. Bonsai schaffte es gerade noch so, in den Anhänger zu springen, bevor Lilli und der Esel sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen boten.

»Gleich siehst du nur noch glitzernden Sternenstaub hinter mir!«, rief Anton und legte einen Zahn zu.

»Lilli, pass auf! Nicht so schnell«, bellte Bonsai. Sie begriff sofort, was er meinte: Anton raste genau auf den Zaun zu. Lilli fragte sich, ob der Esel, der glaubte, er wäre ein Einhorn, sich nun auch einbildete, Flügel zu besitzen, mit denen er über den Zaun fliegen konnte?

»Achtung, Anton, halt an!«, rief Lilli. Doch Anton schien sie nicht zu hören. Und das trotz seiner großen Ohren.

Wie eine Dampflok durchbrach er den Zaun und hielt direkt auf den Ortskern von Oberschnepfenheim zu, der keine fünf Minuten entfernt war. Lilli holte das Letzte aus sich heraus und konnte kurz darauf schon den Rathausplatz erkennen.

Er war aufs schönste für das bevorstehende Stadtfest geschmückt. Inmitten eines üppigen Blumenbeetes stand das Denkmal des Bürgermeisters, das dieser jeden Moment vor laufender Kamera feierlich einweihen wollte. Gleich neben dem Denkmal war ein Rednerpodest aufgebaut. Links und rechts davon ragten große Lautsprecher in die Höhe, durch die Lilli plötzlich die Stimme ihrer Mutter vernahm.

»Aufregung in Oberschnepfenheim«, fing Frau Susewind an, während Lilli und Anton sich in rasantem Tempo immer mehr dem Rathausplatz näherten.

»Gleich wird Bürgermeister Beauregard Gockel sein eigenes Denkmal –«

»Ja ja ja. Das reicht, Susewind«, unterbrach der Bürgermeister Lillis Mutter mitten im Satz, drängte sie zur Seite und grinste breit in die Kamera.

»Dieses Denkmal war meine höchstpersönliche Vision zu Ehren des Mannes, der wie die Sonne alles zum Leuchten bringt. Und dieser Mann bin natürlich – ich.« Selbstgefällig feierte der Bürgermeister sich selbst. Doch als er aufschaute und Lilli und Anton direkt auf sich zurasen sah, verschwand sein aufgeblasenes Grinsen schlagartig.

Lilli war inzwischen schon so nah, dass sie das entsetzte Gesicht des Bürgermeisters ganz klar vor Augen hatte. Wenn sie und Anton jetzt nicht anhielten, würden sie mitten in die Bühne krachen.

Immer wieder rief Lilli: »Stopp! Anton! Bleib stehen!«

Doch der Esel schien im Geschwindigkeitsrausch nichts um sich herum wahrzunehmen.

Ruckartig drehte der Bürgermeister seinen Kopf zur Seite. »Susewind!«, kläffte er. »Ist das nicht Ihre Tochter da neben dem Esel?« Er durchbohrte Lillis Mutter mit einem vernichtenden Blick.

Als Frau Susewind ihre Tochter eindeutig erkannte, stockte ihr der Atem. »Um Gottes willen, Lilli!«, schrie sie. »Halt sofort an!«

Lilli schluckte, trat in die Bremse und schaute hastig zu Anton rüber, während ihr Rad zum Stehen kam.

Unterdessen brachte sich der Bürgermeister vor dem rasenden Esel in Sicherheit, indem er panisch auf sein eigenes Denkmal kletterte. Und das gerade noch rechtzeitig, bevor Anton mit Volldampf ins Blumenbeet preschte.

Die ringsum versammelten Leute brachen in lautes Gelächter aus.

Verstohlen schielte Lilli zu ihrer Mutter. Aus deren Gesicht war jegliche Regung gewichen. Sie stand wie eingefroren und mit hängenden Schultern da.

Lilli fühlte sich ganz elend. So verloren hatte sie ihre Mutter noch nie gesehen. Und genau da war er: Der Moment, in dem Lilli begriff, dass sie doch wieder einen Weltuntergang ausgelöst hatte. Sie würden wieder umziehen, wieder eine Stadt verlassen und wieder ganz von vorne beginnen müssen.

Anton hingegen war sich keiner Schuld bewusst. Die Menge lachte immer noch, und er strahlte übers ganze Eselsgesicht. »Danke, Lilli«, sagte er und machte sich schmatzend über die Tulpen im Blumenbeet her. »Jetzt geht’s mir viel besser!«

Lilli wäre am liebsten im Erdboden versunken, als sie der Blick ihrer Mutter traf.

»In der Haut von der irren Liliane möchte ich jetzt nicht stecken«, hörte sie eines der Mädchen sagen, das sie vorhin auf dem Traktor gesehen hatte.

Lilli atmete tief und holprig durch, während der Bürgermeister langsam von seinem Denkmal hinunterrutschte und mitten ins Blumenbeet plumpste – genau vor Antons Hintern.

»Jagt sofort den Esel hier weg!«, brüllte er.

Kauend drehte Anton seinen Kopf zur Seite. »Ich bin kein Esel«, widersprach er und schluckte die Tulpen herunter. »Ich bin ein Einhorn. Wie oft soll ich das denn noch sagen? Ich habe magische Kräfte, und –« Plötzlich verstummte sein Eselsgeschrei. Sein Bauch allerdings machte äußerst seltsame Geräusche.

»Oh!« Anton riss die Augen auf. »Vorsicht! In Deckung, Leute! Da bahnt sich ein Orkan an!«, warnte er und pupste kräftig.

Der Wind, der aus seinem Hinterteil kam, blies dem Bürgermeister um die Ohren. Die Menge grölte und kringelte sich vor Lachen.

Bonsai legte den Kopf schief. »Von wegen glitzernder Sternenstaub!« Er blickte zu Lilli hoch, die sehr blass um die Nase geworden war.