Litha - Schatten des Lichts - Phylicia C. Key - E-Book

Litha - Schatten des Lichts E-Book

Phylicia C. Key

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9,99 €

Beschreibung

Hej, ich heiße Cleo. Eigentlich Cleophea, aber wer will schon so heißen? Heute ist mein 16. Geburtstag. Ich sollte mich freuen, feiern, mit Freunden Party machen, aber am liebsten würde ich mich auf eine weit entfernte Insel beamen, am besten ohne Post- und Internetanschluss ... Wer erwartet schon Geburtstagsgrüße von der verstorbenen Mutter, zwei Jahre nach ihrem Tod? Was als Anlass zum Feiern gedacht ist, entpuppt sich als ein Tag, der ihr gesamtes Leben durcheinanderbringt. In dem Schreiben wird Cleo eröffnet, dass sie eine magische Gen-Mutation in sich trägt, die sich immer schneller entwickelt und so weit führt, dass sie kaum noch das Haus verlassen kann. Ihre beste Freundin wird zu ihrer wichtigsten Stütze, denn es bleibt nicht nur bei dem einen Brief. Wie kommt Cleo mit ihrer Gabe zurande, die zunächst nur Chaos produziert? Wie lernt sie damit umzugehen? Und wer verschickt diese Briefe?

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Seitenzahl: 817

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Für meine Tochter! Danke für Deine Inspiration und Deine unerschöpfliche Liebe!

Die Prophezeiungen von Gold und Silber

Sommer

Prophezeiung aus dem 2. Buch der 7. Generation

Und ins Licht Deines Selbst sollst Du treten, Dich zu finden und die Wahrheit zu erkennen, um Dich und die Deinen zu retten.

TD

Inhaltsverzeichnis

Kapitel Eins

Kapitel Zwei

Kapitel Drei

Kapitel Vier

Kapitel Fünf

Kapitel Sechs

Kapitel Sieben

Kapitel Acht

Kapitel Neun

Kapitel Zehn

Kapitel Elf

Kapitel Zwölf

Kapitel Dreizehn

Kapitel Vierzehn

Kapitel Fünfzehn

Kapitel Sechzehn

Kapitel Siebzehn

Kapitel Achtzehn

Kapitel Neunzehn

Kapitel Zwanzig

Kapitel Einundzwanzig

Kapitel Zweiundzwanzig

Kapitel Dreiundzwanzig

Epilog

Eins

Das Erwachen

Dunkle Strähnen löst der warme Wind aus dem schlampig geflochtenen Zopf. Das kleine Mädchen, die Bäckchen vor Aufregung gerötet, strahlt mit der Sonne um die Wette. Leuchtend grüne Augen sehen erwartungsvoll den Armen entgegen, die es in den warmen braunen Ledersattel setzen.

Behutsam streicht es über den Hals des Pferdes. So fein, so warm … Um mit allen Sinnen diesen Moment in sich aufzunehmen, lehnt es sich nach vorne und schließt die Augen. Der Kopf verharrt am schlanken Hals des Pferdes.

„Wie fühlt es sich da oben an?“

„Unbeschreiblich schön!“ Vorsichtig umschlingen die kurzen Arme den Hals des Tieres. „Und es riecht so gut und ist so warm.“ Tief zieht es die Luft durch die Nase ein.

Die Frau lächelt das Kind an. Für den Bruchteil einer Sekunde blitzt ein dunkler Schatten in ihren Augen auf. Rasch verdrängt ihn die Fröhlichkeit. „Wer eine richtige Reiterin sein will, kann auf Sicherheit nicht verzichten und braucht unbedingt eine passende Reiterkappe!“ Rote, wilde Locken wirbeln um ihren Kopf.

„Natürlich, Mami!“ Das Mädchen verdreht die Augen „Was wäre ich dann für eine Reiterin?! Hihi.“

„Stimmt! Beug‘ dich etwas runter, Krümelchen, damit ich sie dir aufsetzen und befestigen kann.“

Unsicher bewegt die junge Reiterin den Kopf, um das ungewohnte Ding auf Gewicht und Druck zu testen – na ja, etwas eng sitzt dieser Topf schon. Trotzdem mindert das nichts an der Freude darüber, endlich auf einem echten Pferd zu sitzen!

„Bist du bereit?“

Ein konzentriertes Nicken folgt, und damit geht es los. Die erste Runde, geführt von der Mutter, auf einer Koppel. Das Mädchen fühlt die Felder und Hügel hinter sich. Jede Zelle fühlt die Freiheit, die hinter dieser ersten Begegnung noch wartet. Breit grinsend, kann es das Kind immer noch nicht fassen: „Ich sitze auf einem Pferd. – Endlich!“ Glückselig schließt es die Augen und reckt das Gesicht der Sonne entgegen. Mit allen Sinnen leben – sagt Mami immer! – ein Teil dieser Welt sein. Die Sonne ist warm … Die Vögel singen. An den Beinen spürt es, wie der Bauch des Pferdes dicker und wieder dünner wird. Gemütlich wackelt das Pferd hin und her, hin und her. Die Wärme des Tiers überträgt sich auf das Kind. Das unerwartete Schnauben erzeugt ein glucksendes Lachen bei der Kleinen. Ist es unzufrieden? Als würde es lauschen, zieht das Mädchen die Augenbrauen konzentriert zusammen – ihm ist langweilig. Es hofft, heute den Zaun verlassen zu dürfen. Raus aus diesem langweiligen Kreis – um zu laufen! Das Mädchen lächelt, es fühlt das gutmütige Herz und liebt die freie Natur ebenso, es vertraut ihm. Ihr Lächeln nimmt verschmitzte Züge an. Beide wissen, dass es nicht bei einem gemächlichen Ritt bleiben würde. Die Arme seitlich ausgebreitet, legt es den Kopf in den Nacken und genießt die Gefühle.

Die Zeit steht still … für diesen Augenblick. Immer wieder kehren die kleinen Hände fasziniert an den Hals des Pferdes zurück. Spielerisch gleiten die Finger durch die Mähne. Im Schritt spazieren die Drei am Rand des Zauns entlang.

„Schneller, schneller! Schneller, Mami! Ich will schneller!“ Selbst schaukelt es nun im Sattel hin und her. „Ihm ist es auch zu langweilig.“

„Ihm?“ fragend sieht die Mutter das Kind an. Ein wissendes Lächeln umspielt ihre Lippen.

„Na, dem Pferd. Er will auch schneller. Na ja, ich glaub er will eigentlich raus. Da“, mit ausgestrecktem Finger zeigt es um sich, „und auf der Wiese laufen.“

Sollte die Mutter verwirrt sein über die Aussage ihrer Tochter, ist sie eine Künstlerin des Verbergens, denn keine Spur von Überraschung zeigt sich auf ihren Zügen. Vielleicht tut sie es auch als Kleinkind-Träumerei ab … „Er wird sich noch etwas gedulden und sich vorerst mit ein paar schnellen Runden hier drin zufrieden geben müssen.“

„Oh, schade.“ Die Schnute auf dem Gesicht des Kindes bringt die Frau mit dem Feuerhaar zum Lachen. Hm. Nachdenklich neigt es den Kopf. Die Geste wirkt, als würde es jemandem aufmerksam zuhören. Interessiert beobachtet die Mutter das Geschehen – Du bist bereits so geübt, meine Kleine. Leider wirst du wieder alles verlieren und von vorne beginnen müssen, nur dann ohne meine Unterstützung. „Egal! Hauptsache schneller!“

Immer lauter und triumphierender wird das Lachen des Mädchens, während seine Beschützerin neben ihr herläuft, eine Hand an den Zügeln und eine am Bein des Kindes.

Gemeinsam genießen sie den Wind in ihren Haaren und die warmen Sonnenstrahlen, die ihnen dieser Herbsttag schenkt.

„Cleo!“

Verwirrt greift das Mädchen in die Mähne des Pferdes …

„CLEO!“

Die leuchtenden grünen Augen ihrer Mutter …

„CLEEEOOOO!!“

„Ich hab dich lieb, Krümelchen!“

„Mami …“

„Du musst jetzt gehen.“

„Ich will aber noch nicht!“ Traurig und bettelnd sieht das Kind die Mutter an. Fixiert das lächelnde Gesicht. Klammert sich daran …

„Wir werden uns wiedersehen. Das verspreche ich dir!“

Die Wärme der Sonne verlässt das Mädchen.

„Happy birthday to you! Happy birthday to you! Happy birthday, dear Cleo, happy birthday tooo yoouuu! Jetzt wach‘ schon endlich auf, du Schlafmütze! Du verpennst deinen ganzen Geburtstag.“

„Ally??“ Wie konnte das sein?

„Ja wer denn sonst, du Dummerchen? Das Christkind?“

Es war ein Traum.

„Irgendwie wär‘ mir das lieber.“ Ganz verschlafen rieb ich mir die klebrigen Dinger aus den Augenwinkeln. „Was machst du in meinem Zimmer?“ Gott, war es hier drin hell. Notiz ans Gehirn – Vorhänge zu vorm Schlafengehen!

„Hey, du Neunmalkluge. Du hast Geburtstag!“ Beide Arme in die Hüften gestemmt, stand meine Schwester in einer perfekt einstudierten, frustriert wirkenden Pose neben dem Bett.

„Und Wochenende! Da kann ich wohl doppelt bestimmen, wann ich aufstehe. Verschwinde! Ich will schlafen …“ Ein wütendes Grunzen kroch zum Abschied aus meiner Kehle, bevor ich mich wieder tiefer unter der Bettdeckenhöhle verschanzte.

„Oh das gibt’s ja nicht! Da will man einmal seiner kleinen Schwester …“

Bla bla bla – jeden Tag, immer dieses möchtegernselbstaufopfernde Geschwafel. Würden ihre Worte Stoff produzieren, könnte sie sich selbst eine neue Garderobe zaubern! Wenn nicht sogar, eine eigene Weberei eröffnen.

Gelb für die Eifersucht. Rot für Stinkesauer: Cleo, was hast du jetzt schon wieder gemacht? Blau für das unverständliche Gemurmel, wenn sie schlief. Rosa für die unzähligen Telefongespräche, die sie mit ihren Busenfreundinnen führte – die Palette besaß Ausbaupotenzial.

In den letzten Jahren hatte sich dieses Geschwafel auch noch verstärkt!

Oh. Verdammt!

Nein. Das war jetzt nicht wahr!

Oh doch! – bestätigte etwas tief in mir drin.

Das. Kann. Einfach. Nicht. Wahr. Sein!

Diese Ziege hat mir doch glatt mein Kissen geklaut. Ungläubig tasteten meine Hände über das Bett.

„Vermisst du das hier?“ Ihre Pose war an Selbstgefälligkeit nicht zu toppen.

„Gib es her.“ Die Worte drangen wie ein Knurren aus mir, aber sie grinste mich weiter an. „Ich warne dich, Ally …“ Es gab Tage, da könnte ich sie, ohne zu zögern, mit der nächstbesten Rakete ins weite Universum verballern. Besonders wenn sie mit meinem Kopfkissen triumphierend herumwedelte!

Mein Unterbewusstsein war nun auch mit einer Gehirnzelle erwacht und streckte unter der Bettdecke den Daumen nach oben hervor, bevor es sich wieder, um weiterzuschlafen, verkroch.

Genau! Heute war einer dieser Tag.

„Was ist, wenn ich dir dein heiliges Kissen nicht gebe? Hä?“

Selbstgerechtes Miststück.

Was sollte man darauf antworten? „Das willst du nicht wissen!“ Diese Standardfloskel klang wie ein Brummen. Um ehrlich zu sein, meine Gehirnzellen verweigerten noch die Produktion einer schlagfertigeren Antwort. Meine Synapsen-Autobahn berichtete von einer Massenkarambolage und hunderten Kilometer Stau. Kein klarer Gedanke kam durch, besonders kein gemeiner. Ich war irgendwie – bäh! … Verdammt, wie spät war es und wie viele Minuten hab‘ ich erst geschlafen? Zum Glück existiert etwas in uns, tief verwurzelt in unserem Inneren, das zur Aufrechterhaltung lebenserhaltender Maßnahmen unabdingbar ist – wie mein Kissen zum Beispiel – und sich in allen Lebenslagen aktiviert: der Selbsterhaltungstrieb! In diesem Stadium, ein vorprogrammierter Schwesternstreit, waren die Aussichten auf einen tollen Tag eher mäßig.

Immer noch hundemüde und mir eine schöne Gemeinheit ausdenkend, ließ ich mich zurück auf die Matratze fallen.

„Und wenn doch?“

Sie konnte es einfach nicht lassen. Immer tiefer musste sie bohren. Ally wusste nie, wann es genug war. Warum gab sie mir nicht einfach das verdammte Kissen zurück und verschwand aus dem Zimmer?

Na warte! Huhu – Reflex komm heraus! Komm heraus! Sie verlangte, nein, sie bettelte nach einer Gemeinheit. „Sperre ich dich in meinen Kleiderschrank, spaziere gemütlich in dein Bad, schnapp‘ mir dein gesamtes Makeup plus deinen Haarfestiger und Gel und was du dir noch so alles in die Haare und ins Gesicht klatschst und verarbeite das alles zu einem einzigen giftigen Brei. … Noch Fragen?“ Meine Stimme klang so unbeteiligt und desinteressiert, dass ich mich nach ein paar Sekunden ohne Reaktion von ihr fragte, ob ich diese Worte überhaupt laut ausgesprochen und sie mich gehört hatte. Was sich sogleich wiederlegte.

Klatsch! Volltreffer.

„Danke“, drang es erstickt unter dem Kissen hervor.

„Das hat man davon …“

Nein. Bitte nicht zweimal hintereinander, das überstand ich nicht. Ich vergrub mein Gesicht noch tiefer im Kissen und ergab mich einem Frustrations-Erstickungs-Schrei.

„Boah Ally, mach‘ die Tür zu, und zwar von draußen!“

Bammmm! Spätestens jetzt waren die Nachbarskinder auch wach.

„Wahh!“

Verdammt, verdammt, verdammt!

Der Stau im Gehirn begann, sich langsam zu lösen. Die Chancen standen bei null, wieder einzuschlafen und wenn doch, würde ich nie mehr in diesem Traum landen!

Ältere Schwestern waren zu nichts nutze.

Nicht einmal, um sie wie Fliegendreck an die Wand zu klatschen.

Von meinem Unterbewusstsein erhielt ich mein zweites Daumen-nach-Oben an diesem Tag, bevor es sich wieder umdrehte, um weiterzupennen. Na toll! Wenigstens klappte es bei irgendwem.

Konnte dieser Tag noch besser werden?

Einen Wutanfall unterdrückend, krallte ich mir das Kissen und klammerte mich für einen Moment daran, um die Tränen zu unterdrücken, die auf gemeinste und spontanste Weise drohten, meine Augen unter Wasser zu setzen. Der Grund, warum ich mit den Tränen kämpfte, war mir im ersten Augenblick nicht klar, da der Nebel der Wut noch zu tief hing. War es, weil mich diese Ziege aus dem Traum gerissen hat? Oder sie mich wieder einmal bis zur Weißglut gereizt hat? Oh ja, das beherrscht sie wie keine andere! Oder …

„Ach, Mam! Du fehlst mir so sehr!“ Die Erkenntnis traf mich wie ein heimtückischer Blitz. Keine Barriere der Welt konnte diesen Tränenwall vor dem Zerbersten bewahren.

Keine Ahnung, wann ich sie das letzte Mal so sehr vermisst hatte.

Keine Ahnung, wie lange ich so da lag.

Vielleicht war ich doch wieder eingedöst, als ein kaum wahrnehmbares Klopfen an der Tür mich aus meiner Dämmerung riss.

Oh nein, nicht schon wieder!

Wollte ich mich wirklich verraten?

Erste Reaktion – Kissen über den Kopf.

Ein weiteres Mal erklang es … fast schüchtern.

Zweite Reaktion – Bettdecke über den Kopf-Kissen-Haufen.

Nee …

RUHE! Schrie mein geheimes Innerstes.

„Cleo-Mäuschen?“

Hm? Puh! Glück gehabt, es ist nur Dad.

„Alles okay bei dir?“

„Ja. Komm rein. Ich hab‘ nur Ally vergrault.“

„Ähm … Ich warte in der Küche auf dich.“

Gott! Es war wirklich zum Haareraufen. Den Menschen, den man nicht in seinen vier Wänden ertrug, der platzte einfach rein, wie es ihm passte, und den, den man hereinbat, der scheute wie ein ängstliches Reh.

Als wär‘ mein Zimmer ein so dermaßen großes Chaos, dass man nicht darin überleben konnte. Vorsichtig warf ich einen Blick durch den Raum. Na ja, ein paar Klamotten lagen in verkalkulierten Abständen, aber doch regelmäßig verteilt herum. Wozu noch einen Kleiderschrank? Ich lebe aus dem Wäschekorb, der die Aufgabe des Möbelstücks weitreichend erfüllt.

Es jetzt Unordnung zu nennen, nur weil das Snowboard im Sommer neben der Balkontür parkte – übrigens, wenn es richtig stand, diente es als perfekter Kleiderständer - und nicht in der Garage, wo Dad es gern hätte, ginge nun doch zu weit. Das Hausverbot im Winter verstand sich von selbst. Patschnass und matschig, aber im Sommer fühlte es sich einsam in der kalten und dunklen Garage.

Ein wütender und vorwurfsvoller Blick traf mich von innen. Ach, konntest du auch nicht mehr einschlafen? Geteiltes Leid, halbes Leid.

Schon gut! Ich geb‘s ja zu. Das Board hatte ein paar kleine Defekte, die ich hier repariert hatte und nicht in der feuchten, kalten Abstellhalle für Verkehrsmittel. Danach war ich einfach zu faul gewesen, es wieder runter zu tragen. Zufrieden?!

Andere Menschen haben Haustiere, ich habe Unordnung!

Skepsis schlug mir wie tosende Wellen entgegen. Konnte man dieses Unterbewusstsein nicht deaktivieren? Ausschaltknopf, Reset …

Ich kehrte wieder zu dem ursprünglichen Gedanken zurück.

Vielleicht lag es doch daran, dass mich Dad einmal unter der Dusche erwischt hatte? Seitdem stellte er sich an, als hätte ich einen ekligen Bazillus in meinem Zimmer versteckt oder gar den kurvenreichen Körper eines Top-Models! Huhu – Pah! Dass ich nicht lache. Weit verfehlt mit üppigem Busen oder einem prallen, knackigen Po und was noch so dazu gehörte – ich wuchs, aber nur nach oben! Nicht nach links, nicht nach rechts, nicht nach hinten und schon gar nicht nach vorne – nur schnurstracks nach oben! Eben ohne Busen und Po …

Echt frustrierend für eine fünfzehn … Stopp, ne! Für eine mit heutigem Tag Sechzehnjährige!

Väter wurden irgendwie eigenartig, wenn ihre Töchter drohten, ins hormongesteuerte Alter rüberzuschlittern. Meiner zumindest!

Als würde ich nackt schlafen! Ich schob die Decke etwas zur Seite und betrachtete das Schlaf-Schlabber-Shirt mit einem Totenkopf-Aufdruck darauf, verziert mit dicken, fetten roten Buchstaben und dem Namen meiner Lieblingsband. Oh ja! Ich grinste bei der Erinnerung. Gestern hatte ich mich gefühlt, als wäre mein Geburtstag gewesen, nicht heute. Das Konzert der deutschen Punk-Band war wie erwartet der Hammer gewesen!

Es grenzte an ein Wunder, dass sich bereits wieder Töne aus den Stimmbändern quetschten und die geschädigten Gehörnerven wieder ihre Funktion aufgenommen hatten. Bei der Grölerei und den Massen an Dezibel, die den Verbindungsgang zwischen Ohrmuschel und inneren Miniaturknöchelchen überschwemmt hatten, konnte ich dem menschlichen Körper nur erneut meinen größten Respekt aussprechen! Trotz der Warnhinweise war es immer wieder ein Erlebnis, die alten Meister rocken zu sehen. Das war das beste Geburtstagsgeschenk seit langem! Natürlich von meiner besten Freundin.

Wieder im Hier und Jetzt, gähnte und streckte ich mich ausgiebig, bevor ich die mir zur Verfügung stehenden Optionen abzuwägen begann.

Erstens sollte ich diesen müden, schlappen Körper unter die Dusche zwingen, wobei ich aber ausging, dass ich in knapp drei Stunden wieder schwitzte, wie frisch aus dem Fluss gefischt. Oder mich für Option zwei entscheiden: Die Jeans von gestern, die mich da unten vom Fußboden so sexy anlächelte, und mit Deo und einem sauber gewaschenen Shirt Frische vortäuschen?

Hm, eine wirklich schwere Entscheidung, aber ich entschied mich für … Kandidat Nummer zwei! Gratulation, Sie sind der glückliche Gewinner!

War ja klar. Klappe ans Unterbewusstsein. Diese selbstgerechte Haltung ertrug ich nur einmal am Tag.

Ein Freudenschrei entschlüpfte mir, als ich unter der Jeans die Fernbedienung für die Anlage entdeckte. Leider ward die Freude nicht von langer Dauer. Der iPod befand sich nicht an der für ihn vorgesehenen Stelle. Verdammt! Wo versteckst du dich wieder?

Mit suchendem Blick wendete ich die Hose, stellte sie auf den Kopf und – hups – fiel mir das Teil vor die Füße. Ta-da! Zum Glück steckte es in der Schutzhülle. Dieses Ding würde bei den Erdbeben und unverhofften Zusammenstößen, die es regelmäßig erleiden musste, ohne Gerätebodyguard schon lange nicht mehr existieren.

Mit Musik geht alles viel leichter.

Angezogen, Arme und Beine in eigenartigen Formationen in der Luft herumwedelnd, fand ich mich vor dem Spiegel wieder. Gut, dass mich keiner sehen konnte! Von Tanzen befand sich mein Hüftschwung weit entfernt. Nachbars lebende Hunde-Knackwurst-Dackel-Mischung würde bei diesem Anblick ohne Kommando den Bewusstlosen mimen und seine kurzen Stelzen von sich strecken. „Hallo, du mit Krauslametta übersätes Haupt.“ Mehrere Male hatte ich bereits mit dem Gedanken gespielt, meine dunkelbraune Schafwolle gegen eine Igelfrisur in Grün zu tauschen. Das würde dem ganzen einen rebellischen Touch verleihen. Irgendwie fehlte mir aber dann doch der Mut dazu. Ob es nun an der Farbe oder dem Verlust der Locken lag, konnte ich noch nicht beantworten.

Auf der Suche nach einem Haarband, mit dem ich den Plan verfolgte, die Wildnis auf meinem Kopf zu bändigen, nahm ich eine scharfe Rechtskurve Richtung Zahnbürste und gab mir Mühe, bei dem Versuch mein Gesicht zu säubern, nicht zu ertrinken. Was sich als schwieriges Unterfangen darstellte, wenn man nebenbei lauthals sang.

„N‘Tgn ie dsn. Ünsch – scht – man sich, Unendlichkeit!“

Hm – vielleicht nicht gerade ein Geburtstagswunsch. Meine unterirdische Freundin beendete das Headbangen und sah mich fragend an.

Tja, das war ich. Egal, wo ich wandelte, organisiertes Chaos und Musik waren zuverlässige Begleiter. Leider auch in höchst ungünstigen Momenten, wie Schule, Straßenverkehr, wichtige Veranstaltungen wie Demonstrationen oder dergleichen …

Beim Eintreten in die Küche summte ich immer noch einen Song der gestrigen Set List. Tatsächlich fand ich meinen Erzeuger dort: Tasse auf dem Tresen, die linke Hand versuchte geistesabwesend mit dem Löffel, Milch und Zucker mit dem Kaffee zu verbinden, ohne in die Unterseite eine zweite Öffnung zu reiben. Die restliche Aufmerksamkeit des väterlichen Elternteils war auf die Tageszeitung fokussiert – die ich mir gleich unter den Nagel reißen würde! Mit vertuschtem Grinsen hing eine Seite meines Gehirns immer noch am gestrigen Abend fest, bestimmt war ein Artikel abgedruckt.

Neugierig studierte ich Dads Äußeres: Zerzaustes Haar, aber leider nicht vom Schlafen, sondern eher von einer durchzechten Nacht, und sein Nachtschwärmer-Kumpel nannte sich Arbeit. Verschönert mit tiefer gelegten Augen, leicht angeschwollenen Lidern, versetzt mit einem Hauch Rot der Netzhaut – der neueste und wirklich anhaltende Schrei unter den Komponisten! Alles wie gehabt. Bei diesem Anblick kämpfte ich jedes Mal mit einem leichten Pochen hinter der rechten Schläfe. Unbewusst glitt meine Hand an diese Stelle, um entspannende Massagebewegungen auszuführen. Ich war wahrlich zu jung für Stresskopfschmerz! Um mich abzulenken, sah ich mich weiter im Raum um, nur um mit einem Und täglich grüßt das Murmeltier-Effekt empfangen zu werden: meine unberechenbare Schwester. Handy am Ohr und in ein quietschendes Gespräch mit irgendeiner Busen-Freundin vertieft. Die Nagelfeile in der rechten Hand und einer Scheibe Knäckebrot mit Magerkäse auf dem Teller. Das Glas Wasser nicht zu vergessen – echt Rosa!

„Morgen!“ Etwas mehr Fröhlichkeit, wenn ich bitten darf. Mein inneres Ich schielte nachdenklich zu mir empor. Schließlich ist heute dein Geburtstag! Wer wird schon gern älter. Ich fühlte mich wie Peter Pan – Junge, ich weiß genau, was in dir abging. Ich würde am liebsten die Zeit zurückdrehen. Wie wäre es mit zehn Jahren?! An einen ruhigeren, ausgeglicheneren, nein, einen Punkt, an dem wir noch vollzählig waren …

„Guten Morgen, mein Mäuschen.“ Naja, zumindest änderte sich nicht alles, wenn man ins hormonell gesteuerte Alter abdriftet.

Nach einem Guten-Morgen-Kuss für Dad durfte ich erfreut feststellen, dass mir der tägliche Weg zu unserem multifunktionellen Kaffeevollautomaten – übrigens die beste Anschaffung, die diese Designerenergiesparküche zu bieten hatte! – erspart blieb. Dad schob mir meine Lieblingstasse mit dem schwarz-weiß Aufdruck BIS ZUM BITTEREN ENDE zu. Irgendwie hatte er es geschafft, diese vor mir hinter seiner schlanken Gestalt zu verbergen.

Die Erinnerung wies Lücken auf, wann es sich um den Beginn meiner, nennen wir es mal human, Koffein-Abhängigkeit handelte. Womöglich war es für einen angehenden Jugendlichen wie mich zu früh, aber da schienen sich ein paar von Mams Genen durchgesetzt zu haben. Gemeinsam grinste ich mit meinem kleinen inneren Ich in die dampfende Kaffeetasse. Die Person, der ich die anderen fünfzig Prozent meines Erbguts zu verdanken hatte, bekundete immer wieder seine Missgunst gegenüber diesem erhöhten Konsum.

Dieser aufreibende Zwiespalt endete vor circa drei Jahren nach einer heftigen Diskussion, die so ähnlich verlief: „Cleo, du bist zu jung für Kaffee!“

War dreizehn zu jung? Nachdenklich hatten sich Falten auf meiner Stirn gebildet. Andere verbuchten bereits ihr erstes Komasaufen in diesem Alter und ich bekam Anschiss wegen einem Überschuss an was? Energie? „Warum? Laut einer wissenschaftlichen Studie, die ich vor kurzem in einer Fachzeitschrift gelesen habe, soll ein gewisses Maß dieses herrlich duftenden, gerösteten Heißgetränks gesundheitsfördernd sein – so vier bis fünf Tassen am Tag …“ Sein Blick ließ mich zweifeln, dass er mir das abkaufte, aber ich hatte das wirklich gelesen, hm, oder im TV gesehen? – Ohne Scherz! Naja, man sollte nicht jeden Brei in sich hineinstopfen, der einem serviert wird, auch wenn er angeblich auf wissenschaftlicher Basis herumlungerte. Ein bisschen Hausverstand schadet angeblich nicht. Darf ich unserer Haushälterin Herta Glauben schenken, sollte meiner nicht so verkümmert sein wie der von Ally – natürlich drückte sie das eleganter aus als ich. Nach fast einer Stunde Fakten hin und her schieben, hatte ich ihn dann soweit. „Ich stimme dir zu, dass Koffein den Gesundheitshaushalt weniger beeinflusst oder schädigt wie Nikotin, Drogen, Alkohol oder chemisch hergestellte Shampoos …?“ Nachdenklich die Lippen gekräuselt, hatte er einen Punkt hinter mir fixiert. „Was war noch mal das letzte?“

Genervt hatte ich die Augen verdreht, „Deos mit Aluminiumzusatz. Ebenso darfst du den angeblich so minimalen Ansatz von Konservierungsstoffen, verstecktem Zucker oder Ersatzstoffen wie Aspartam und anderen Inhaltsstoffen, die laut irgendwelchen Herstellern erst ab einem gewissen Prozentsatz gesundheitsschädlich sind, in unseren Lebensmitteln nicht außer Acht lassen …“ Ups. Schnell hatte ich mich für mein Lieblingsthema ereifert und hoffentlich noch rechtzeitig die Notbremse gezogen. Nur ein Jahr zuvor hatte ich einen derartigen BIO- und Weltrettungswahn entwickelt, mit dem ich fast das ganz Haus in ein chemisches Labor mit den Insassen als Versuchskaninchen umfunktioniert hätte. Was soll ich sagen? Meine Eltern taten ihr Bestes, um Mutter Erde zu schützen, aber erklär das mal einem Teenager, der panische Angst vor Hitze und der Schneeschmelze entwickelt – und das war erst der Anfang! Ich hatte dazugelernt, und um nichts auf der Welt wollte ich die abgeflauten Gemüter von damals erneut reizen. Am Ende war es soweit gekommen, dass ich befürchten musste, zuhause nichts mehr zu essen zu bekommen oder ein neues Quartier im Garten beziehen zu dürfen. Alle Hausbewohner hatten mich auf jeweils ihre Art bedrängt, einen Gang runterzuschalten. Etwas Ruhe kehrte erst ein, nachdem ich Herta zum Einkaufen begleitet hatte und bei der Essenszubereitung für die Familie dabei sein durfte. Geduldig beantwortete sie immer meine Fragen – danke für deine Geduld, Herta! Es hatte weitreichenderen Nutzen als geahnt. Nicht nur, dass ich von meinem Welt-Retter-Trip wieder auf der Erde landete und versuchte, auf andren Wegen unseren blauen Planeten zu retten, nein, ich habe auch etwas Kochen gelernt. Das heißt, ich werde nicht verhungern und mich von giftigem Fast Food, wie es unsere Haushaltsfee nannte, ernähren, wenn sie das nächste Mal ihren wohlverdienten Urlaub konsumierte. War sie dieses Jahr schon mal weg? Hm, Unachtsamkeit war eine Tugend meines Alters, aber keine Entschuldigung. Ich nahm mir vor, Dad danach zu fragen. Schließlich war sie auch nicht mehr die Jüngste.

Langer Rede kurzer Sinn, es wurde kein Verbot gegenüber meinem geliebten Café Latte ausgesprochen, obwohl ich nie vorhatte, mir diese Glimmstängel oder andere Diskussionsinhalte anzugewöhnen – aber das brauchte Dad bei den Verhandlungen ja nicht zu wissen! Grins.

„Musst du denn immer so viel Kaffee in dich hineinschütten?“ Dieser Kommentar drang aus der rosa Ecke und unverkneifbar für meine Schwester – ich schwöre, sie wäre sonst daran erstickt. Ebenso ein Teil der morgendlichen Routine und gleich folgte der nächste. Einen Moment …

Mein Unterbewusstsein suchte verzweifelt nach einer Abstellmöglichkeit für seine Tasse imaginär-dampfenden Kaffees, um sich wissend die Ohren zu zuhalten. Muss das sein? Immer diese Theatralik.

Langsam, mit einem aufgesetzten Grinsen, drehte ich mich zu meiner ach so liebreizenden Schwester um. Manche Routine war einfach unwiderstehlich … „Und du? Kannst du denn nicht mal was Richtiges zum Frühstück essen? Butter, Marmelade, richtiges Brot oder gar ein Omelett? Vielleicht auch ein vitaminreiches Müsli? Immer nur dieses Hungerzeug! Das“, den Zeigefinger anklagend auf das beschuldigte Objekt gerichtet, „kann auf Dauer nicht gesund sein!“ Oh ja, gib mir einen Grund, nur einen klitzekleinen … angespannt warteten ich und meine unterbewusste Hälfte auf die nächste Klatsche.

„Mädels, Mädels. Jetzt hört doch auf, euch zu zanken! Und das schon am Morgen …“ Mit beschwichtigenden Armbewegungen versuchte Dad, Eindruck auf uns auszuüben. Wo warst du die letzten sechzehn Jahre? Auf dem Mond? Es kostete mich Mühe, den Blickkontakt mit Ally nicht zu brechen, und ihn fragend anzusehen. Ich liebte diese Routine. Sie war echt zum Bäh … Ja, ja, schon gut. Du kannst den Finger wieder aus dem Rachen ziehen und deinem Würgereflex ein Ende setzen. Muss mein kleines inneres Ekelpaket denn immer alles so wörtlich nehmen? Noch immer bekriegten sich Ally und ich mit stummen Gesten.

„Es gibt wichtigere Dinge.“ Dann sah er mich an. Hab‘ ich etwas verbrochen? Augenblicklich spürte ich den tödlichen Schwesternblick auf der Brust. „Komm mal her, mein Mäuschen! Lass dich drücken und dir gratulieren!“

Eingelümmelt im Duft meines Vaters, Aftershave, alte Bücher und Holzpolitur – schien keine so produktive Nacht gewesen zu sein, wenn er das Klavier geputzt hatte –, schloss ich die Augen und genoss seine Wärme.

Die Größe vermachte mir sein Erbgut. Er war lang. Echt lang und drahtig, aber ich mit meinen nagelneuen sechzehn Jahren reichte ihm bereits bis zur Schulter – Respekt! – und noch kein Ende in Sicht. Im Gegenteil zu meiner Schwester. Deren Körper sich wohl bewusst war, wann die Zeit anbrach, das Wachstum auf andere Körperstellen zu verlagern. Nein, ich war mir unschlüssig, wann besagter Punkt bei ihr eingetroffen war, aber eins war sicher, bei dem Vorderbau, den sie bereits herumschleppte, mussten seitdem mindestens vier Jahre vergangen sein.

Verdammt! Schon wieder nervte sie mich. Ich unterdrückte den Reflex, erneut mit den Augen zu rollen, und schickte stattdessen ein Gebet in die Ferne: Liebes Universum, ich wünsche mir zu meinem Geburtstag einen Tag, an dem ich mich nicht über meine Schwester ärgern oder gar an sie denken muss. Ich weiß, dass dies nicht leicht zu bewerkstelligen sein wird, schließlich kenne ich das Erstergebnis der DNA-Vereinigung unserer Erzeuger, somit hast du 365 Tage Zeit, um diesem Wunsch auf die Sprünge zu helfen. Zustimmend nickte mein kleines Unterbewusstsein, aber alles andere als überzeugt von der Umsetzung dieses Wunsches. Wie wäre es mit mehr positiver Energie?

„Alles Gute zum Geburtstag, mein Schatz!“ Dad schob mich etwas zur Seite, zog unter der Zeitung einen weißen länglichen Umschlag hervor und reichte ihn mir.

Fragend sah ich ihn an. „Was ist das?“

„Tja, das wirst du später in deinem Zimmer herausfinden.“ Er zwinkerte mir zu. Dieser Hinweis war mehr als eindeutig: Der Inhalt war nicht für Allys Augen und Ohren bestimmt. War diese Variante der Geschenkübergabe wirklich förderlich für den bereits bestehenden Zwist seiner Töchter? Die Neugierde und aufkeimende Freude siegten über den Gedanken an Mitgefühl und Geschwisterliebe – wie buchstabierte man eigentlich dieses Wort? Hm, was ist da nur drin? Warum machte er ein derartiges Geheimnis daraus? Meine kleine innere Freundin rieb sich bereits die Hände, sei es jetzt aus Neugier, oder weil Ally den schlecht versteckten Hinweis genauso verstanden haben musste. Ein paar Minuten Geduld würden wir noch irgendwo ausgraben. Unschuldig wie ein Engel ignorierte ich sie und stopfte den Umschlag in die rechte Gesäßtasche. Dankend wollte ich Dad noch einmal umarmen, doch der packte mich an den Schultern und strahlte mich wie eine Sternschnuppe an. Wow! So hab‘ ich ihn schon lange Zeit nicht mehr gesehen. „Sechzehn Jahre … Zzzz – wie die Zeit vergeht! Ich weiß noch genau, wie ich dich zum ersten Mal in meinen Armen gehalten habe …“

Oh nein! Nicht das schon wieder! Mein Grinsen verabschiedete sich genauso schnell, wie es entstanden war. Ich liebte es als kleiner Pimpf, wenn mir Dad mit seiner melodischen Stimme Gute-Nacht-Geschichten oder Szenen aus meiner frühen Kindheit erzählte … Seine Stimme war immer noch dieselbe, aber ich war nicht mehr fünf oder acht – sollte ich mir vielleicht die Ohren zuhalten? Sorry, wenn das hart klingen sollte, aber diese Pampers-Storys überschritten, kombiniert mit diesen wechselhaften Launen, eindeutig eine Grenze der Verträglichkeit. Die ersten Male sind sie lustig, dann nur noch nett, und irgendwann platzen einem die Gehirnzellen vor Überfütterung. Blamm … Plong … Kabumm!

„Dad, könnten wir heute diese reizende Geschichte auf später verschieben? Ich muss Cleo noch ein paar Sachen wegen der Party heute Abend fragen.“

Ich schien nicht die Einzige zu sein, die dieses Thema nicht verkraftete, obwohl das bei Ally wohl jedes Mal zutraf – schließlich ging es mir an ihrem Geburtstag genauso. Zum ersten Mal an diesem Tag fand ich es cool, dass auch meine Schwester existierte, aber so wie ich Ally kannte, würde sie diesen Augenblick gleich wieder zunichtemachen!

„Welche Party?“ Diese zwei Wörter sprangen gleichzeitig aus meinem und dem Mund meines Vaters, nur dass er mich dabei verwundert ansah. Ups! Dad fing sich als erster. „Also, wenn das eine Überraschungsparty für Cleo hätte werden sollen, ist das gerade total danebengegangen, Ally!“

„Nein, sollte es auch nur indirekt.“

„Hm?“ Tja, Dad und ich eben.

Mein kleines inneres Ich streckte mir beide Daumen entgegen. Nur weiter so!

„Ich hab‘ dich doch schon vor ein paar Wochen gefragt, ob wir die Party bei uns im Garten machen können, aber es geht einfach nicht ohne ein paar Infos von Cleo.“ Wie schaffte sie es nur immer wieder, sich diese Unschuldsmiene ins Gesicht zu pflanzen?

„Aha.“ Dachte er bei diesen Worten das Gleiche wie ich? Nein, er dachte mit Sicherheit nicht, dass seine älteste Tochter einen an der Waffel hat! Nöö! Vehement schüttelte auch mein Innerstes den Kopf.

Naheliegender war, dass er darüber nachdachte, welche Erinnerungen er an dieses angebliche Party-Gespräch in seinen Gehirnwindungen fand und was er darauf geantwortet hatte. Die Antwort konnte ich ihm geben: Sollte dieses Gespräch wirklich stattgefunden haben, würde er sich nicht mehr daran erinnern, egal wie sehr er sich anstrengte, in seinem Noten-Chaos-Gedächtnis nach Dialogen zwischen Ally und ihm zu suchen. Die eheste Antwort: „Mhm. Ok. Wie immer du willst, Kleines.“ Und warum? Weil unser Dad gerne mal in Arbeit versank. Sich darin gerne bis zur Zimmerdecke hinauf eingrub und wenn möglich, sich auch mehrere Tage oder Wochen strikt weigerte, einen Ausgang aus diesem Zimmerdecken-Arbeits-Chaos zu schaufeln. Und Ally … Tja, Ally wusste genauso wie ich, wie sie Dad handhaben musste. Vielleicht wusste sie es sogar besser, denn sie übte ja täglich. Meine Vermutung war, sie würde den richtigen Moment abgepasst haben, wenn er versunken in eine seiner Kompositionen war, egal ob für einen Film, ein Musical oder nur eine Werbung. Vielleicht feilte er wieder an etwas Eigenem – immer mit vollem Einsatz dabei. In diesem Stadium konnte man sich für alles eine Erlaubnis erschnorren. So kam ich zu meinem ersten verfrühten Punk-Konzert, durfte an der ersten Demo teilnehmen oder an anderen Dummheiten. Mam hätte das alles durchschaut, uns durchschaut und dem nie zugestimmt. Der negative Effekt dabei, irgendwie ließ mich immer mittendrunter der Spaß im Stich. Geschah es doch nie in echtem Einverständnis. Irgendwann keimte ein Gedanke: War Dad sich dessen bewusst? Setzte er das vielleicht gekonnt gegen mich ein? Wusste er, wie es in mir drin aussah, und erteilte mir gleichzeitig eine unterschwellige Strafe – eine emotionale Strafe? Vielleicht arbeitete er insgeheim darauf hin, dass ich dies erkennen und aus Eigenregie damit aufhören würde, auf diese Art eine positive Antwort zu erschnorren. Hm, falls das wirklich der Fall sein sollte, stehe ich dem eher skeptisch gegenüber, dass dies je eintreffen würde – sorry, ich befinde mich gerade in einer egoistischen Phase. Aber eines möchte ich festhalten: Eltern können sehr wohl listig sein und waren nicht zu unterschätzen. Darum fand ich es umso bemerkenswerter, dass er trotz seines andauernden Stresslevels an meinen Geburtstag gedacht hat – ich bekomme schon noch heraus, wer dich mit Hinweisen versorgt hat. Herta?! Ally mit Sicherheit nicht! Die würde es mir nie gönnen, dass sich Dad an meinen Geburtstag erinnerte.

„Wie dem auch sei – wie viele Gäste hast du eingeladen, Ally?“ Er hat eindeutig die Suche aufgegeben.

„Naja, so um die Dreißig.“

„Wie bitte?“ Augenbrauentango – yeah! So nannte ich es, wenn Dads Augenbrauen zuckten, als wäre der Blitz eingeschlagen. ECHT COOL!

Aber Moment mal! „Was?“ Überrascht sah ich Ally unfreiwillig an. „So viele Leute kenn‘ ich ja gar nicht!“ Im Geiste verschaffte ich mir einen kurzen Überblick über den aktuellen Stand meines Freundeskreises – hm, ich kam nicht über die zehn hinaus, und da waren bereits Leute miteingeschlossen, die ich aus rein schulischen Gründen sympathisch fand.

„Quatsch! Natürlich kennst du die! Lass dich einfach überraschen.“

„Ja, wie denn nun? Indem ich so tue, als wüsste ich von nichts?“ Hilfe! Konnte mir bitte irgendjemand ihre verdrehten Gedankengänge erklären? Mit überkreuzten Armen vor der Brust, schüttelte meine innere Freundin weiterhin stur den Kopf. Dankeschön!

„Töchter, macht das unter euch aus. Ich muss weiterarbeiten!“ Na toll! Wie immer!

„Okay, Dad.“ Ich hasste dieses Ally-Sieger-Grinsen.

„Aber ein paar Sachen möchte ich noch klarstellen. Um ein Uhr ist Schluss! Wenn es zu laut wird, wird die Party sofort beendet und wehe, es werden mehr als dreißig Leute!“ Und wie gedenkst du das zu überprüfen, Vatilein, wenn du wieder mal nicht anwesend sein wirst, hm? „Ach ja, und klär das mit den Nachbarn ab!“

„Keine Sorge, Dad, ich mach das schon!“

Aber sicher doch! Und mich fragte mal wieder keiner, oder was?! Es handelte sich auch nur um MEINE Geburtstagsparty … Mein Blutdruck stieg bei dem Anblick von Allys Ha-und-wieder-einmal-hab-ich-es-geschafft,-meinen-Vater-um-den-kleinen-Finger-zu-wickeln-Grinsers.

Langsam verstand ich die Gesten meines Innersten nicht mehr. Was schaukelte sie da im Arm? Und wen soll ich streicheln? Huhu! Auch schon einen an der Waffel, oder was?

In dieser Atmosphäre blieb ich um nichts auf der Welt eine Sekunde länger. „Ich bin dann weg!“

„Moment! Wo gehst du hin, Cleo? Ally braucht dich doch noch für die Vorbereitungen der Party.“ Verdutzt drehte sich Dad wieder zu mir um.

„Die kriegt das auch ganz gut ohne mich hin. Ist ja nicht das erste Mal, dass sie eine Party schmeißt!“

„Stimmt!“ Oh! Das kam auch selten vor, dass wir derselben Meinung waren. Misstrauisch wagte ich einen Blick in ihre Richtung. Dad warf einen verwirrten Blick von mir zu Ally und dann wieder zurück zu mir, bevor er kopfschüttelnd mit seinem lauwarmen Kaffee die Küche verließ –, aber nicht bevor ich ihm die Morgenzeitung unter dem Arm herauszog. Er quittierte dies nur mit einer weiteren hochgezogenen Augenbraue.

„Dan-keee.“ Man, warum konnte ich das mit dem Augenbrauen-einzel-Hochziehen nicht? Die Vorfreude verdrängte die Frage. Es gab noch Wichtigeres – die Tageszeitung! Warum waren diese Informationsblätter immer so riesig und zehntausendmal zusammengefaltet. Ich werde das nie verstehen. Was machten die Menschen, die keinen so überdimensional großen Tresen in der Küche stehen hatten?

„Ich weiß, dass da etwas ist. Es steht immer ein Artikel drin …“ Mir war egal, ob Ally das Gemurmel hörte oder nicht. Als kleines Kind war ich auch immer ihrem Schlummergefasel ausgesetzt gewesen. Damit war es genauso wie mit den Baby-Geschichten, am Anfang noch lustig, dann nur noch nervtötend. Ich liebte mein Zimmer und die Einsamkeit, die es mir schenkte! „Wo steckst du?“

„Cleo?“

„Ah! Da! Ich wusste es!“ Auf welcher Seite befand ich mich? Abgesehen von der kleinen Überschrift auf der Titelseite: Die Hosen rocken das Stadion Letzigrund!und im Innenteil auf Seite fünf – gut gemacht, Jungs! Oh ja, das haben sie wirklich und ich war dabei! Juhuuu! Aber mir fehlte noch etwas und das senkte den Enthusiasmus … Kein Wort über die Umweltschutzdemo, die für nächste Woche angesetzt war. Auf den Lippen herumkauend, überdachte ich die nächsten Schritte. Was war schiefgelaufen? 21. Juni – warum stand nichts in dieser verdammten Zeitung? Paul hatte mir zugesichert, dass es einen Artikel geben würde. Und noch einmal blätterte ich die Seiten durch und checkte jede Überschrift.

„Cleo!“

Meine Beteiligung an einem Gespräch mit ihr sank unter null.

„Cleo!“

Ich akzeptierte die Leere der Vereinbarung mit dem Redakteur und lenkte die Aufmerksamkeit zurück zur Musik. Das würde noch ein Nachspiel haben.! Keiner legt sich mit mir an, schon gar nicht, wenn es sich um unsere Erde handelt.

Würde Dad entdecken, wenn ein Abschnitt fehlt?

„Cleo?!!“

Sprach Blondie tatsächlich mit mir? Mein Unterbewusstsein hatte uns beide den Rücken gekehrt und schien, selbst etwas zu lesen.

Ally stand auf und stellte sich genau gegenüber von mir an den Küchentresen. „Verdammt! Ich rede mit dir!“ Oh, Miss Möchtegern-IT-Girl hatte sich erhoben, um Kontakt mit ihren Untertanen aufzunehmen. Zumindest stand jetzt eins fest: Sie redete definitiv mit mir. So ein Käse!

„Hörst du mich denn nicht?“

„Nur wenn es unausweichlich ist.“ Mein Blick haftete auf dem Artikel.

„Ein paar Details würde ich noch gerne mit dir besprechen.“ Wann hatte sie diese Oberlehrer-Stimme einstudiert?

„Ally, du hast mich nicht gefragt, ob ich eine Party möchte.“ Mit athletischen Armbewegungen versuchte ich, das Papierzelt so zusammenzufalten, dass der Artikel ganz oben lag und die Zeitung so klein wie möglich wurde. „Also, lass mich mit diesem Kleindreck in Ruhe!“ Wow, es war doch gar nicht so schwer, einen Haufen Papier wieder fast ordentlich zusammenzufalten, wenn etwas Durchblick bestand. Zufrieden mit mir und diesem kleinen Wunder, klemmte ich mir die Zeitung, Dad nachahmend, unter den Arm, griff nach der Tasse und verstaute diese im Geschirrspüler.

Ich unterdrückte ein Grinsen, als ich den Strike sah, den mein kleines bissiges Ich zog. Selbst hielt es einen Notizblock in Händen. Was hast du dir notiert? Wenn du schon dabei bist, vermerke bitte, dass ich diesen Schleimer von Paul anrufe und ihn frage, was der Mist soll. Informationen über meine Eltern erschleichen und dann die Abmachung nicht einhalten? –Das ist ein absolutes No-Go!

Aber zuerst plante ich, mein eigenes Geburtstagsgeschenk in die Tat umzusetzen. Einige Sachen musste ich noch zusammenkramen, bevor ich abhauen konnte. Hoffentlich bekam ich alles unter einen Hut. Man sollte sich nicht zu viel vornehmen, verdammt! Benn würde mir den Kopf waschen, wenn ich zu spät zur Arbeit kam. Wieder mal. Ich musste mich echt beeilen!

„Wohin gehst du?“ Ally klopfte mit einem pinken Kuli auf ihrem Party-Organisations-Block herum. Ja, sie besaß extra einen Block – nur dafür.

„Was geht dich das an?“ Der Schock über ihr Möchtegern-Mutter-Gehabe war fast echt. „Du brauchst mich doch gar nicht, um diese Party zu organisieren …“

„Trotzdem kannst du mir sagen, wohin du gehst. Schließlich bin ich hier die Frau im Haus …“

Doppel-Schocker! Hart und unerwartet! Meine kleine innere Freundin verlor das Bewusstsein und knallte auf den Boden ihrer Welt.

„Was? Moment!“ Hatte sie das wirklich gesagt? Vor meinem inneren Auge spielte ich die Szene noch mal retour und dann auf Play. War die Alte jetzt total bescheuert? „Du bist was?“ Und ich war der streunende Haushund, oder wie? In mir fing es an zu kochen und zu brodeln. Mein inneres Ich rappelte sich mit einem bedeckten Blick wieder empor. Wut war besser als Riechsalz, aber zumindest wusste ich jetzt, was es vorher mit dem Arm-Geschaukel gemeint hatte. Ich sollte mich nicht so aufregen! Tja, dafür war es jetzt zu spät! Unglaublich, wie schnell sich dieser Vulkan, angefüllt mit Perplexität, Wut und Frustration, erhitzte. Ruhig Blut, vielleicht bekamen wir das ohne Verletzte hin. „Sind jetzt deine letzten funktionierenden Sicherungen durchgebrannt?“ Tief durchatmen! Deine Synapsen brauchen Sauerstoff, sonst sagst du etwas, das du später bereuen wirst. Ganz ruhig! „Ally, du bist ganz sicher nicht die Frau in diesem Haus! Du bist Achtzehn – und mehr nicht!“ Angefressen drehte ich mich um und plante, laut stampfend aus der Küche zu marschieren, wie es sich für eine noch pubertierende Jugendlichen ziemte – doch an der Tür blieb ich wie versteinert stehen. Was war das?

Dieses Gefühl am Rücken …

Es breitete sich aus. Immer weiter.

Beginnend in der Mitte der Wirbelsäule.

Zugleich heiß und kalt.

Es presste mich regelrecht zur Tür hinaus.

Feine Schweißperlen traten mir auf die Stirn.

Mein Herz raste. Ich spürte, wie es hart gegen den Brustkorb drückte. Haltsuchend stützte ich mich am Holzrahmen ab. Ich befürchtete, nach vorne zu kippen. Meine Handinnenflächen waren feucht. Ich zitterte. Ich musste kämpfen, um nicht abzurutschen. Was war das?! Es drückte mir die Luft aus der Lunge. Ich konnte nicht atmen! Die Zeitung glitt zu Boden.

Meine Füße fühlten sich an wie Blei.

Dieser Druck gegen das Kreuz … ich… ich konnte dem nicht mehr standhalten. Immer weiter presste es die Luft aus den Lungen – wie Wasser aus einem Schwamm. Meine Hände begannen zu zittern. Es verbog jeden einzelnen Wirbel. Oh Gott! Panik befiel mich. Was war nur mit mir?

Voller Angst wollte ich mich zu Ally umdrehen. Um Hilfe schreien …

Nichts! Wie gelähmt. Ich musste mich beruhigen – aber wie?!

Hab‘ ich einen Herzinfarkt? Eine Lungenembolie? Bandscheibenvorfall? Schützend überkreuzte ich die Arme vor der Brust. Vielleicht half es, tief durchzuatmen.

Einatmen.

Ausatmen.

Langsamer! Ermahnte ich mich.

Die Zunge drückte ich gegen den Gaumen. Warum ich das tat, war mir schleierhaft! Noch mal. Ein und aus.

Und ein weiteres Mal …

Langsam. Sehr, sehr langsam legte sich dieses scheußliche Gefühl.

Die Muskeln entspannten sich ebenso langsam, wie sich auch dieses Gefühl auflöste. Gierig sogen meine Lungenflügel Sauerstoff in sich ein.

Was war das? Kalter Schweiß stand mir auf der Stirn …

Woher kam das so plötzlich?

Eine Panikattacke?

Ein Schwächeanfall?!

Ich hoffte! Alles besser als ein Herzinfarkt.

Nachdenken. In Ruhe.

Kopfschüttelnd und noch etwas zittrig, angelte ich nach der Zeitung.

Auf Puddingbeinen und mit einer Gänsehaut am ganzen Körper verließ ich die Küche.

Zwei

Nach diesem … ich nenn es Küchenzwischenfall, stolperte ich auf Puddingbeinen zur Garderobe. Zögerte, was wollte ich hier? Mir mein Alter wieder ins Gedächtnis rufend, griff ich nach Helm plus Schlüssel und hoffte, den Weg in die Garage nicht auf allen Vieren bewältigen zu müssen. Bedacht einen Fuß vor den anderen – Achtung! Achterbahn –, mit der linken Hand an der Wand abgestützt, fand ich langsam wieder etwas Körpergefühl. Meiner Meinung nach viel zu langsam!

Um mir selbst etwas zu beweisen, schließlich war es der erste offizielle Ausflug, schwang ich mich etwas zu hastig auf den Elektroroller. Fast hätte ich samt dem Ding das Gleichgewicht verloren. Zum Glück ging vor Schreck nur meine innere Freundin zu Boden und nicht ich – dank der besseren Reflexe –, womit sie sich mit einem tödlichen Seitenblick revanchierte.

Ich wollte bereits durch das halb geöffnete Tor brausen, als mein Blick zufällig auf den Helm fiel, der einsam am linken Unterarm baumelte. Verdammt! Etwas Frischluft und Fahrtwind würden mich hoffentlich wieder in den grünen Bereich geistiger und körperlicher Zurechnungsfähigkeit befördern. Die wilden Locken über die ungewohnte Benommenheit schüttelnd, zog ich den Kopfschutz über.

Endlich alles da wo es hingehörte, war auch das Tor ganz offen, und ich brauste die Einfahrt hinaus. Nur gut, dass unser Haus das Ende der Siedlungskette bildete, denn ich hatte übersehen, auf andere Verkehrsteilnehmer zu achten. Tief durchatmend spürte ich, wie sich langsam die Reste dieses … Nebels von mir lösten. Befreiter atmete ich tief durch und genoss den wenigen Verkehr. Es dauerte keine fünfzehn Minuten, bis ich bei den Stallungen ankam. Die Vesper ließ ich am Parkplatz des Gestüts zurück. Zum Glück bewies ich noch ausreichend Geistesgegenwärtigkeit, um Schlüssel und Handy einzustecken.

Mit jedem Schritt auf dem Weg zu der dunkelgrünen Holztür lösten sich die letzten Teile der grübelnden Anspannung und schufen der Vorfreude Platz. Dort benannte ein goldenes Schild den Bewohner. Wie immer spürte er meine Anwesenheit noch Meter entfernt. Unter pechschwarzen Haaren musterten mich dunkle Augen. Die hatten es in sich. Sie konnten ein schelmisches Grinsen in sich tragen oder hinterlistig funkeln, aber auch Traurigkeit, Schmerz und Mitgefühl ausdrücken. Doch so wie jetzt erlebte ich sie nur selten. Als ich vor der Stalltür zum Stehen kam, sahen wir uns lange an. Musterten uns gegenseitig, versuchten, das Innenleben des anderen einzuschätzen. Bestätigend schnaubte er – meine Gefühle schienen ihm oft besser bekannt als mir selbst –, ich durfte eintreten. Solche Situationen verursachten mir immer eine Gänsehaut. Jeder seiner Blicke traf bis tief in die Seele. Er wusste ganz genau, was in mir vorging. In der Box betrachtete ich den Rappen genauer. Der Tierarzt musste da gewesen sein. Der Verband am rechten Vorderfuß war verschwunden. Bestätigend nickte er gelassen mit dem stolzen Haupt. „Na, Celtic, mein Guter. Wie geht es dir? Alles gut verheilt?“ Behutsam strich ich mit beiden Händen über seinen starken, geschmeidigen Hals. Es tat so gut, ihn zu fühlen. Durch ihn fand ich wieder zu den Wurzeln im Boden, die mir Stabilität gaben. Ohne Anordnung änderte er die Position, damit ich mir die verheilte Stelle genauer ansehen konnte. Vorsichtig glitt meine Hand das Bein entlang. Die Narbe war noch deutlich zu fühlen. Mein Gewissen drohte, mich zu erdrücken. Es war meine Schuld. Wäre er nicht so ein Kämpfer, hätte er das nicht so gut überstanden. Wäre am Ende vielleicht sogar … nein, daran durfte ich nicht denken! „Da haben wir ganz schönen Mist gebaut. Dieses heimtückische Gestrüpp hätte uns fast das Genick gebrochen. Das werden wir in Zukunft meiden.“ Kniend strich ich vorsichtig über die schlanke und stramme Fessel. Celtic beugte sich herunter, um mir ins Haar zu schnauben. Diese Aktion verursachte ein Kribbeln auf der Haut, unwillkürlich musste ich lachen. Das war sein Trick, mich lockerer zu machen, und nach ein oder zwei Mal klappte es immer. Keiner kannte meine Stimmungen besser und keiner konnte auch damit so gut umgehen wie er. Immer noch kichernd, richtete ich mich auf, strich ihm die wilde Mähne aus dem Gesicht, bevor ich mich darin vergrub und die Arme um seinen Hals legte. Dieser Geruch! Er wirkte beruhigend auf mich. Tief atmete ich ihn ein und fühlte die Rückkehr meines Selbstvertrauens, das sich vor Angst verkrochen hatte. Keine Ahnung, wie lange wir so beieinanderstanden, aber langsam begann er zu tänzeln und mit den Hufen zu scharren.

„Versteh schon. Dein Bedarf an Kuscheln ist gedeckt. Du willst endlich raus – nach der lang verordneten Pause. Ich verrate dir was: ich auch!“

Geputzt, gestriegelt, aufgesattelt und das Zaumzeug befestigt – heute verlief alles im Schnelldurchlauf –, an der Nasenspitze war es uns anzusehen, wir hatten es eilig. So eilig, dass ich nicht bemerkte, wie mein Handy wild vibrierend aus der hinteren Hosentasche fiel und im Stroh versank.

Reiterkappe! Wo war nur dieses verdammte Ding wieder?! Dieser Topf auf dem Kopf war mir verhasst, aber damit wurde der Sicherheit Genüge getan. Etwas mürrisch gestand ich mir ein, dass er mir bereits ein paar Mal das Oberstübchen gerettet hatte. Aber jetzt war er einfach nicht auffindbar, vom Erdboden verschluckt – gut, dann eben heute ohne, wir wollten es sowieso ruhig angehen.

Geschmeidig bewegte sich Celtic aus der Box. Neugierig beobachtete ich sein beeinträchtigtes Bein. Es sah gut aus. Zufrieden schwang ich mich in den Sattel. Erneut tänzelte er. Die Steigbügel waren zu lang – eigenartig, die Sohlen der Schuhe baumelten einige Zentimeter über der Trittfläche – mit geübten Handgriffen verkürzte ich sie auf meine Länge. Hatte jemand den Sattel verwechselt?

Endlich ging es los. Zum Glück bewahrte ich im Spind eine zweite Garnitur Sonnenbrillen und Handschuhe auf – verdammt, die Sonne brannte vom Himmel wie in der Sahara. Von wegen der Klimawandel ist ein Hirngespinst. Mein geheimes inneres Ich driftete relaxed mit einem Schirmchen-Drink auf der Luftmatratze im imaginären Pool.

Naja, jedem das seine.

Mit den Fersen stupste ich Celtic leicht in die Flanken und gab ihm somit das Kommando zum Start. Ein kleiner Satz. Schneller als erwartet bewegte er sich vorwärts. Mühsam hielt ich ihn im Zaum. „Nicht so schnell, mein Guter. Der Doc reißt uns den Arsch auf, wenn wir es zu flott angehen.“ Unsere Atmung beschleunigte sich. „Scheiß drauf!“ Als wir das Gestüt verließen und auf freies Gelände mit saftigem Gras und blühenden Blumen gelangten, gab ich ihn frei – ihn und mich! Was brauchten wir mehr? In der Vorfreude verdrängte ich eine wild mit den Armen wedelnde Gestalt auf einem Fahrrad. Alles wurde in diesem Moment nebensächlich … Jegliches Zeitgefühl ging verloren. Kein Gedanke an Schule, an Schwestern, Träume oder schlechte Erinnerungen. Nur Celtic, die Natur und ich – das perfekte Trio!

Ich wählte eine Route, die wir gut kannten. Was Vor- und Nachteile mit sich brachte. Die Strecke bescherte uns kaum Überraschungen, zum anderen bestand genau darin wieder die Gefahr, sie verleitete uns durchaus zum Übermut.

Natürlich hätte ich Celtic bremsen können, widerstrebend, aber er hätte sich gefügt. Aber nach den Wochen der Ruhe brauchten wir beide diesen schnellen Ritt.

Den Wind. Die Sonne. Das kühle Wasser des Bachs. Die Weite und Größe der umliegenden Berge – hier war ich Zuhause.

Am Ende landeten wir durchnässt auf unserer Weide.

In meinen Ohren rauschte es, und mein Kopf pochte wild. Schwer atmend und nach Luft ringend, ließ ich mich in Gras fallen. Endlich mit meiner Welt wieder in Einklang. Die Sonne brannte mir ins schweißgebadete Gesicht.

Neben mir hörte ich Celtics wohliges Schnauben. Er stand bereits im Schatten eines Baumes und nahm sein zweites Frühstück ein.

Der Duft der Blumen stieg mir in die Nase. Ausgelaugt, aber entspannt lag ich da und lauschte dem ruhiger werdenden Herzschlag. Ein wohliges Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus. – Ja! Wir waren immer noch in Höchstform. Der Rappe entfernte sich, blieb aber immer in unmittelbarer Nähe. Dann und wann drang ein zufriedenes Schnauben an meine Ohren.

Das Gras tanzte mit dem Wind und trieb ihn über den feuchten Körper. Ein Kitzeln, Gänsehaut, das Grinsen wurde breiter. Ja, so stellte ich mir den heutigen Tag vor, verbunden mit dem Gefühl von Freiheit. Aus dieser Perspektive betrachtet, feierte ich des Öfteren im Jahr Geburtstag.

Langsam kroch auch mein verängstigtes kleines Ich wieder aus seinem Versteck. Nachdem es im Trab seinen Schirmchen-Drink verschüttet hatte und wir es im schnellen Galopp im Pool fast ertränkt hätten, war es – pitsch-patsch nass – in eines seiner geheimen und geschützten Verstecke untergetaucht. Jetzt schielte es vorsichtig hervor und schenkte mir wieder mal einen seiner perfektionierten missbilligenden Blicke. Ob es sich die von Ally abgeguckt hat? Unwillkürlich verkrampften sich meine Innereien. Sein Blick wurde entschuldigend bei den aufkeimenden Küchenerinnerungen, die ich zum Glück niederkämpfen konnte. Nichts auf der Welt durfte diese heilige Ruhe zerstören!

Erneut wurde die Zeit an diesem Tag zu etwas Unbedeutendem. Gut möglich, dass ich eingedöst war, doch auf einmal regte sich etwas in mir – irgendetwas hatte sich verändert. Halbschlaftrunken und mit dem geistigen Ergründen dieser Veränderung beschäftigt, hörte ich ein Klimpern. Diese Veränderung konnte ich ohne Schwierigkeiten zuordnen. Der linke Mundwinkel hob sich, die Entspannung stieg erneut und ich fühlte ein wohlig warmes Gefühl, das sich im Bauch ausdehnte.

Dieses Gescheppere und Gequietsche konnte nur zu Ilvys Fahrrad gehören. Das alte Ding hatte Schrottplatzqualität, aber dieses verrückte Huhn liebte es so sehr wie ich mein Snowboard.

„Hej! Verdammt, Cleo, wo treibst du dich die ganze Zeit rum?“ Ilvys geliebter Drahtesel landete im Gras. Die letzten Meter lief sie. Schwer atmend ließ sie sich neben mir auf ihren Hintern plumpsen.

Rumtreiben? Waren wir verabredet? Die Chance, den Gedanken zu Ende zu führen, blieb mir verwehrt, sprudelte es bereits weiter aus ihr hervor.

„Hast du mich auf dem Gestüt nicht gesehen?“

Gesehen? Wann? Meine Stirn legte sich nachdenklich in Falten. Ilvy schob mir links und rechts die Haare beiseite.

„Gut, du hörst mich.“ Ah, sie hat nach dem iPod gesucht.

Pause.

Für wie lange? Muss ich sie ansehen, damit sie weiß, dass ich sie registriert habe? Ich wollte die Augen nicht öffnen, damit wäre eine Positionsveränderung unausweichlich, was zusätzlich den Verlust des Trancezustandes und auch des perfekten Sonnenplätzchens mit sich gezogen hätte.

Hm? Nö … Solange Ruhe herrschte, gab es keinen Grund dafür.

Was Ilvys Suche nach zugestöpselten Ohren anbelangte, sprach die Erfahrung aus ihr. Vergangenen Winter hatte sie mir eine unglaubliche Neuigkeit – von der ich heute nicht mehr wusste, um was es sich gehandelt hatte – erzählt und vergebens auf eine Reaktion von mir gewartet. Bis sie festgestellt hatte, dass meine Gehörgänge mit Kopfhörern verstopft waren, und ich, dass sie anwesend und mit mir gesprochen hatte.

Interessiert und mich mit einer hochgezogenen Augenbraue strafend, sah mich meine innere Verräterin an. Antworte endlich!

Na schön! Eigentlich plante ich, noch ein paar unergründete Hemisphären meines inneren Ichs zu erforschen – dann eben nicht.

„Wann warst du auf dem Gestüt?“ Die Augenlider können aber bleiben, wo sie sind, oder? Es ist doch gerade so angenehm. Biittee.

„Als du dich vom acre … ähm, Acker gemacht hast.“

Ich schmunzelte in mich hinein. Es war doch immer wieder schön zu erleben, wenn sich in Ilvys Schwedisch-Deutsch oder Schwyzer-Schwedisch-Deutsch mit kaum schwedischem Akzent ein paar Eitelkeitspatzer mischten. Echt süß, aber Gott schütze meine Haut, ich würde es ihr nie sagen. Ilvy stammte ursprünglich aus Skandinavien. Also ihre Mutter war Schwedin und ihr Vater Schweizer. Die beiden lernten sich auf irgendeiner Forschungsreise – von der ich nicht mehr wusste, welche – kennen. Gemeinsam lebten sie kurze Zeit in Norden. Irgendwann musste ihr Dad wieder zurück. Widerstrebend folgte ihm Frau mit Kind. Das ging nicht lange gut. Ihre Mutter fühlte sich hier nicht wohl. Was Ilvy und ich bis heute nicht verstanden. An den Bergen und dem Gewässer konnte es nicht liegen – was war da oben anders? Vielleicht die Sprache?

Also kehrte sie mit dem kleinen langhaarigen Blondschopf wieder zurück nach Schweden und heiratete kurz darauf einen anderen. Da aber Ilvys Vater auch nicht auf sein Töchterlein verzichten wollte, begann Ilvy zum Weltenbummler zu mutieren – ein halbes Jahr dort und das andere hier.

Ilvy liebte ihren Vater sehr und nachdem ihrer Mutter vom neuen Lover Zwillinge entschlüpften, fühlte sie sich in der Schweiz schnell wohler als in der unfreiwilligen Heimat – was vielleicht auch ein klein wenig mein Verdienst war. Sie landete in meiner Klasse. Um von vornherein ein paar Wirrgärten aus der Welt zu schaffen – ich habe ein Zicken-Problem. Damals wie auch heute habe ich leichte bis üblere Schwierigkeiten mit Mädchenkram. Ich mochte Jungs immer schon mehr als mein eigenes Geschlecht – unkomplizierter, als Kumpels perfekt. Trotzdem klappte es schnell zwischen uns beiden, und Ilvy entpuppte sich nicht als eines dieser Zicken-Schicki-Micki-Mädchen, die in unserer Schule durch die Gänge stolzierten, jeden Modetrend ausleben mussten und sich gegenseitig auf Instagram verfolgten.

Süß, dass sie so heißt wie die süße beste Freundin von Wicki aus der Kinder-Zeichentrickserie – ILVY. Ich steh‘ drauf! Irgendwann, so in der sechsten Klasse, hab‘ ich dann aufgehört, sie damit zu nerven. Belastend war dieser immer wiederkehrende Trennungsschmerz, den wir alle sechs Monate erlebten. Zum Glück gab es eine Erfindung namens Internet, die uns half, die Zeit zu überbrücken.

Die Vögel zwitscherten von den Bäumen und die Bienen summten. Mein Gegenüber schien sich beruhigt zu haben. Neugierig hielt ich Ausschau nach einem schmatzenden Geräusch … Hey! Wo ist Celtic?

Blitzschnell schoss der Kopf zur linken Seite. Er würde nicht abhauen, aber trotzdem … Von der Sonne geschützt, stand er immer noch unter dem Baum und durchbohrte mich mit seinen Blicken. Was war nur heute mit diesem Pferd? Stank ich? Mühevoll unterdrückte ich den Impuls, an mir zu schnüffeln. Naja, gut möglich. Lange verhakten sich unsere Blicke, bis er den Kopf senkte und das schmatzende Geräusch einsetzte. Nachdenklich schloss ich wieder die Lider. Als wäre er sich nicht sicher, ob ich wirklich ich sei. Bewusst verdrängte ich auch diesen Gedanken – zum Grübeln habe ich später noch genug Zeit!

Endlich schien sich der Körper restlos an das ruhende Erdgefühl zu erinnern. Gleichzeitig legte sich mein inneres Weichei mit wachsamen Augen wieder auf ihre Luftmatratze. Keine Sorge, ich hab‘ nicht vor, mich in den nächsten Minuten zu bewegen. Die Haut kribbelte durch den warmen Wind. Die Hose nahm ich enganliegend und feucht auf der Haut wahr. Das Gewicht der Schuhe teilte die kühle Erde mit mir und verstärkte das Gefühl einer angenehm erwärmten rechten Seite.

Rechts?

Hm. Nur rechts??

Wie oft würde ich an diesem Tag noch die Stirn runzeln? Wer weiß, vielleicht entdecke ich heute Abend im Spiegel bereits Falten.

Genervt von den wirren Verzweigungen des Gehirns, blinzelte mein innerlich schmollendes Ich unter seinem Sonnenschirm hervor.

Warum ist dieses Gefühl nur rechts?

Es war früher Nachmittag, die Sonne stand relativ hoch. Das sollte doch reichen, um den ganzen Körper gleichmäßig zu erwärmen.

Irgendwie … es war eigenartig.

Irgendwie … war da noch etwas. Es gelang mir keine bessere Beschreibung. Es war, als würde Erleichterung in dieser Wärme mitschwingen.

Seltsam. Sehr seltsam!

Mein kleines neugieriges Unterbewusstsein schlich sich an wie ein Gepard an seine Beute. Spürst du es auch? Der Drang, die Augen zu öffnen, war kaum noch zu ertragen, doch da verflüchtigte sich dieses Gefühl so schnell, wie es gekommen war, und ich wurde mir der gleichmäßigen Atemzüge neben mir wieder bewusst.

Dieses Gefühl! Ich wollte es festhalten und kniff die Augen fest zusammen.

Woher kam es?

Warum war es da?

Auf der Jagd nach der zerrinnenden Spur – aber es gelang mir nicht, sie zu fassen – verblasste sie wie ein Pinsel voller Farbe, den man unter fließendem Wasser auswusch. Endlich mal einer Meinung richtete sich mein inneres Selbst, verkleidet als eine Mischung aus Sherlock und Holmes, auf und spendete mir einen nachdenklichen Blick. Ach, auch so klug wie ich?

Auf der Verwirrung blieb trotzdem ich sitzen.

„Mich hat deine doofe Schwester wieder mal nicht eingeladen!“

Schock, schwere Not!

Wäre ich über achtzig und im Besitz eines unerkannten Herzfehlers – meine Pumpe hätte sich augenblicklich ausgeklinkt.

Ilvy! – Sie hab‘ ich total vergessen.

Wüsste ich es nicht besser, wäre sie mein heißester Tipp für die unerklärliche Wärme. Aber dafür saß sie viel zu weit entfernt. Das war keine Körperwärme!

Sherlock sah mich neugierig mit einem Glupschauge durch seine Lupe an – iih! – und rieb sich nachdenklich mit der freien Hand das Kinn.

Etwas mulmig schüttelte ich weiterführende Gedankengänge ab. Adrenalin … ja, daran musste es liegen. Unglaublich, wie mich die Suche nach diesem Hormon immer wieder aus der Realität riss! Einer dieser heimtückischen Wege durchzuckte mich wiederkehrend – habe ich bei der Suche nach dieser Lebensdroge Celtics Verletzung verursacht?!

Weil ich unbedingt wieder diesen Rausch erleben wollte? Hat das Verlangen danach, mein Entscheidungsvermögen über den Sprung getrübt? Wenn dem so war, trug ich die ganze Schuld daran. Es traf mich wie ein Sinne tötender Schlag! In mir verkrampfte sich alles. Das werde ich mir nie verzeihen … Ruckartig setzte ich mich auf. Zog die Knie an die Brust, schlang die Arme darum und legte den Kopf darauf. Vorsichtig schielte ich zu dem Rappen. Seelenruhig graste er vor sich hin. Gut, dass er nichts von meinem inneren Durcheinander mitbekam. Immer und immer wieder hatte ich den Sprung durchgespielt … Er ging an diesem verhängnisvollen Tag reibungslos. Ohne Schwierigkeiten hatten wir bereits ein paar unbedeutende Hindernisse hinter uns gelassen. Dort drüben über den gefällten Baum, auf der anderen Seite der Weide, aufgeschichtet zu einer kleinen Pyramide, noch weitere. Nichts Aufwendiges. Nichts, das uns aus der Reserve locken würde. Ich genoss die Sprünge. Wenn sein muskulöser Körper gemeinsam mit meinem Spannung aufbaute, sich in die Länge zog, sein Rücken sich wölbte und sicher mit den Vorderbeinen die Landung abfederte. Fast wie fliegen, nur fast. Hier war nicht ich der Boss, sondern er. Mein Freund. Mein Seelenverwandter. Doch dann ging etwas schief – verdammt schief, nur wusste ich bis heute nicht was. Wir peilten eine Hecke an. Unbedeutend in Höhe und Breite. Celtic, groß und kräftig in seiner Statur. Ohne Zögern stimmte er dem Vorschlag zu. Wenige Meter entfernt gab ich ihm das Kommando, erneut zu beschleunigen. Mein Körper presste sich tiefer in den Sattel. Füße in den Steigbügeln sicher platziert. Er folgte. In perfekter Kombination zwischen uns, sprang er ab. Alles im grünen Bereich. Kein Zögern.

Bis er aufkam …

Er knickte ein. Mit dem rechten Vorderbein.