Little Women – Kleine Frauen - Louisa May Alcott - E-Book

Little Women – Kleine Frauen E-Book

Louisa May Alcott

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Beschreibung

Illustrierte Fassung "Little Women – Kleine Frauen" ist ein Roman der amerikanischen Autorin Louisa May Alcott (1832-1888), der ursprünglich in zwei Bänden 1868 und 1869 veröffentlicht wurde. Die Geschichte erzählt das Leben der vier March-Schwestern - Meg, Jo, Betty und Amy - und beschreibt ihren Übergang von der Kindheit zur Frau. Sie basiert lose auf dem Leben der Autorin und ihrer drei Schwestern. "Little Women" war ein sofortiger Erfolg, sowohl beim Publikum als auch bei Kritikern. Das Buch wurde häufig für Bühne und Leinwand adaptiert. Null Papier Verlag

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Louisa May Alcott

Little Women – Kleine Frauen

Illustrierte Fassung

Louisa May Alcott

Little Women – Kleine Frauen

Illustrierte Fassung

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2020Übersetzung: J. Schulze, Pauline SchantzIllustrationen: Frank T. Merrill EV: Fr. Wilh. Grunow, Leipzig, 1902 (602 S.) 1. Auflage, ISBN 978-3-962817-53-4

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Inhaltsverzeichnis

Ers­ter Teil

1. Das Spiel der Pil­ger­rei­se

2. Fröh­li­che Weih­nach­ten

3. Der jun­ge Lau­rence

4. Bür­den

5. Gute Nach­barn

6. Bet­ty fin­det den Palast Wun­der­schön

7. Amys Tal der De­mü­ti­gung

8. Jo kämpft mit Apol­ly­on

9. Meg geht auf den Jahr­markt des Le­bens

10. P. C. und P. O.

11. Ex­pe­ri­men­te

12. Camp Lau­rence

13. Luft­sch­lös­ser

14. Ge­heim­nis­se

15. Ein Te­le­gramm

16. Brie­fe

17. Klein Im­mer­treu

18. Dunkle Tage

19. Amys Te­sta­ment

20. Im Ver­trau­en

21. Lau­rie rich­tet Un­heil an und Jo stif­tet Frie­den

22. Se­li­ge Flu­ren

23. Tan­te March bringt die Sa­che ins Rei­ne

Zwei­ter Teil

1. Plau­de­rei­en

2. Die ers­te Hoch­zeit

3. Kunst­ver­su­che

4. Li­te­ra­ri­sche Er­fah­run­gen

5. Häus­li­che Er­fah­run­gen

6. Be­su­che

7. Fol­gen

8. Un­se­re aus­län­di­sche Kor­re­spon­den­tin

9. Zärt­li­che Sor­gen

10. Jos Ta­ge­buch

11. Ein Freund

12. Herzweh

13. Bet­tys Ge­heim­nis

14. Neue Ein­drücke

15. Bei­sei­te­ge­legt

16. Lau­ries dol­ce far ni­en­te

17. Das Tal der Schat­ten

18. Ver­ges­sen ler­nen

19. Ganz al­lein

20. Über­ra­schun­gen

21. Myl­ord und Myla­dy

22. Dai­sy und Demi

23. Un­ter dem Re­gen­schirm

24. Ern­te­zeit

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Erster Teil

1. Das Spiel der Pilgerreise

Weih­nach­ten ohne Be­sche­rung ist nicht Weih­nach­ten!, murr­te Jo, die auf dem Ka­min­tep­pich aus­ge­streckt lag.

Wie schreck­lich ist es, arm zu sein!, seufz­te Meg mit ei­nem Blick auf ihr al­tes Kleid.

Ich fin­de es nicht hübsch, dass man­che Mäd­chen die schöns­ten Sa­chen im Über­fluss und an­de­re gar nichts ha­ben, setz­te die klei­ne Amy in et­was ge­kränk­tem Ton hin­zu.

Wir ha­ben im­mer­hin Va­ter, Mut­ter und uns ein­an­der, rief Bet­ty zu­frie­den aus ih­rem Win­kel­chen her­über.

Die vier jun­gen, vom Feu­er­schein be­leuch­te­ten Ge­sich­ter er­hell­ten sich bei die­sen Wor­ten, wur­den aber so­fort wie­der düs­ter, als Jo trau­rig sag­te:

Wir ha­ben den Va­ter nicht und wer­den ihn lan­ge nicht ha­ben. Sie setz­te nicht hin­zu: Vi­el­leicht nie! Aber die an­de­ren ta­ten’s im Stil­len und ge­dach­ten des Va­ters, der fern auf dem Schlacht­feld weil­te.

Eine Mi­nu­te lang sprach nie­mand, dann be­gann Meg in ver­än­der­tem Ton:

Ihr wisst, der Grund, wes­halb un­se­re Mut­ter dies Weih­nachts­fest ohne Ge­schen­ke zu be­ge­hen be­schloss, ist der, dass die­ser Win­ter für je­der­mann ein sehr har­ter ist. Sie will kein Geld für Ver­gnü­gen aus­ge­ge­ben wis­sen, wäh­rend un­se­re Leu­te drau­ßen die Drang­sa­le des Kriegs zu er­dul­den ha­ben. Wir ver­mö­gen nicht viel, aber wir kön­nen doch auch un­se­re klei­nen Op­fer brin­gen und sol­len dies freu­dig tun. Doch ich fürch­te, freu­dig tue ich’s nicht! Da­bei schüt­tel­te Meg den Kopf, in­dem sie an all die hüb­schen Din­ge dach­te, die sie sich wünsch­te.

Aber ich den­ke, das we­ni­ge, was wir drauf­ge­hen las­sen, könn­te auch nichts hel­fen. Wir be­sit­zen jede einen Dol­lar, und der wür­de der Ar­mee nicht viel nüt­zen. Ich bin da­mit ein­ver­stan­den, von der Mut­ter und euch nichts zu be­kom­men, doch möch­te ich mir »Un­di­ne« und »Sin­tram« für mich selbst kau­fen; ich wün­sche sie mir so lan­ge schon!, sag­te Jo, die ein Bü­cher­wurm war.

Ich hat­te mir vor­ge­nom­men, mei­nen Dol­lar für No­ten aus­zu­ge­ben, sag­te Bet­ty mit ei­nem klei­nen Seuf­zer, den nie­mand hör­te als der Ka­min­be­sen und der Kes­sel­ha­ken.

Ich wer­de mir ein hüb­sches Etui mit Fa­ber’­schen Blei­stif­ten kau­fen, die ich not­wen­dig brau­che, sag­te Amy ent­schie­den.

Die Mut­ter hat un­se­res Gel­des we­gen nichts be­stimmt, und sie wird nicht wol­len, dass wir al­lem ent­sa­gen. So lasst uns jede kau­fen, was wir nö­tig brau­chen, und uns einen klei­nen Spaß ma­chen. Ich mei­ne, den ha­ben wir uns sau­er ge­nug ver­die­nen müs­sen!, rief Jo und be­trach­te­te wie ein Mann ihre Stie­fel­ab­sät­ze.

Von mir weiß ich das ge­wiss, fast den gan­zen Tag lang die­se schreck­li­chen Kin­der zu un­ter­rich­ten, wenn man sich’s da­heim gern möch­te wohl sein las­sen, füg­te Meg, in den kläg­li­chen Ton zu­rück­fal­lend, hin­zu.

Ihr hab­t’s nicht halb so schlimm wie ich, jam­mer­te Jo. Wie würd es euch ge­fal­len, stun­den­lang mit ei­ner al­ten, ner­vö­sen, ver­wöhn­ten Dame ein­ge­schlos­sen zu sein, die euch stets im Trab hält, nie zu­frie­den ist und euch quält, bis ihr zum Fens­ter hin­aus­flie­gen oder sie ohr­fei­gen möch­tet?

Es ist un­ar­tig, zu kla­gen, aber mei­ne Mei­nung ist, dass Ge­schir­r­auf­wa­schen und Mö­bel­ab­stäu­ben die schlimms­ten Ar­bei­ten in der Welt sind. Es macht mich ver­stimmt und mei­ne Hän­de so steif, dass ich kaum mei­ne Stücke üben kann. Da­bei sah Bet­ty auf ihre rau­en Hän­de mit ei­nem Seuf­zer, den dies­mal je­der hö­ren konn­te.

Ich glau­be nicht, dass eine von euch so lei­det wie ich, rief Amy, denn ihr braucht nicht mit im­per­ti­nen­ten Mäd­chen in die Schu­le zu ge­hen, die euch pla­gen, wenn ihr eure Auf­ga­be nicht könnt, eu­ren An­zug be­spöt­teln, über eure Nase la­chen, wenn sie nicht hübsch ist, und eu­ren Va­ter eti­ket­tie­ren, wenn er nicht reich ist.

Wenn du per­si­flie­ren meinst, könn­test du recht ha­ben, doch sprich nicht von Eti­ket­ten, als ob Papa eine Pi­ckel­büch­se wäre, sag­te Jo la­chend.

Ich weiß, was ich mei­ne, und du brauchst dar­über nicht sa­ti­risch zu sein. Es ist sehr gut, sich ge­wähl­ter Aus­drücke zu be­die­nen und sei­nen Wort­schatz zu be­rei­chern, sag­te Amy mit Wür­de.

Hackt nicht auf­ein­an­der, Kin­der! Wünschst du nicht, dass wir das Geld noch hät­ten, das Papa ver­lor, als wir klein wa­ren, Jo?, frag­te Meg, die an ver­gan­ge­ne bes­se­re Zei­ten zu­rück­zu­den­ken ver­moch­te. Lie­ber Gott, wie glück­lich und gut wür­den wir sein, wenn wir kei­ne Müh­sal hät­ten.

Neu­lich sag­test du doch, wir sei­en viel glück­li­cher als Kings Kin­der, die sich trotz ih­res Gel­des alle Tage zan­ken und är­gern.

Das sag­te ich, Bet­ty. Ja, ich den­ke, wir sin­d’s auch: denn ob­gleich wir hart ar­bei­ten müs­sen, so ha­ben wir doch auch un­se­ren Spaß un­ter uns und sind ein ur­ge­müt­li­ches Volk, wie Jo sa­gen wür­de.

Jo be­dient sich sol­cher Stu­den­ten­aus­drücke, be­merk­te Amy, in­dem sie die auf dem Ka­min­tep­pich aus­ge­streck­te Ge­stalt miss­bil­li­gend an­sah. Jo sprang so­fort in die Höhe, steck­te ihre Hän­de in die Schür­zen­ta­schen und be­gann zu pfei­fen.

Lass das sein, Jo, es ist so bur­schi­kos.

Des­halb tu ich’s eben!

Ich ver­ab­scheue rohe, un­weib­li­che Mäd­chen.

Ich has­se zim­per­li­che Zier­püpp­chen.

Vög­lein im Nest ver­tra­gen sich, sang Bet­ty, die Frie­dens­stif­te­rin, mit so spaß­haf­ter Mie­ne, dass bei­de är­ger­li­chen Ge­sich­ter sich zu ei­nem La­chen auf­klär­ten und das »Ha­cken« eine Zeit lang un­ter­blieb.

Wirk­lich, ihr Mäd­chen, ihr seid bei­de zu ta­deln, be­gann Meg, die sich als äl­tes­te Schwes­ter des Rechts der Rüge be­dien­te. Du bist alt ge­nug, Jo­se­phi­ne, um die­se kna­ben­haf­ten Ma­nie­ren bei­sei­te­zu­las­sen und dich bes­ser be­tra­gen zu ler­nen. Als du ein klei­nes Kind warst, kam nicht viel dar­auf an, doch nun, da du so groß bist und dein Haar auf­ge­bun­den trägst, soll­test du dar­an den­ken, dass du eine jun­ge Dame bist.

Ich bin kei­ne! Und wenn das Haar­auf­ste­cken mich zu ei­ner macht, so will ich’s in zwei Zöp­fen hän­gen las­sen, bis ich zwan­zig Jah­re alt bin!, rief Jo, in­dem sie ihr Netz vom Kopf riss und ihre nuss­brau­ne Mäh­ne schüt­tel­te. Ich mag gar nicht dar­an den­ken, dass ich zu ei­ner Miss March her­an­wach­sen, lan­ge Klei­der tra­gen und steif wie eine Por­zel­la­nas­ter aus­se­hen soll. Es ist so­wie­so schreck­lich ge­nug, ein Mäd­chen zu sein, wenn man Kna­ben­spie­le, Kna­ben­ar­beit und Ma­nie­ren liebt. Ich kann mei­nen Är­ger, dass ich kein Kna­be bin, nicht ver­win­den, und jetzt quält er mich mehr denn je, wo ich so gern mit Papa in den Krieg ge­zo­gen wäre und nun zu Hau­se blei­ben und wie eine wa­cke­li­ge alte Frau St­rümp­fe stri­cken muss.

Dazu schüt­tel­te Jo den blau­en Sol­da­ten­strumpf, dass die Na­deln wie Kas­ta­gnet­ten klap­per­ten und das Knäu­el im Zim­mer um­her­hüpf­te.

Arme Jo! Es ist zu schlimm! Doch da es nun ein­mal nicht zu än­dern ist, musst du dich da­mit be­gnü­gen, dei­nem Na­men einen männ­li­chen Klang zu ge­ben und uns drei Schwes­tern ge­gen­über Bru­der zu spie­len, sag­te Bet­ty, in­dem sie den wir­ren Kopf, der auf ih­rem Schoß lag, mit ei­ner Hand strei­chel­te, de­ren Berüh­rung trotz al­len Ge­schir­r­auf­wa­schens und Ab­stäu­bens nicht rau ge­wor­den.

Was dich be­trifft, Amy, fuhr Meg fort, so bist du viel zu steif und ge­ziert. Dei­ne Art und Wei­se ist jetzt nur ko­misch, doch wirst du mit der Zeit ein af­fek­tier­tes Gäns­chen wer­den, wenn du dich nicht än­derst. Ich mag dei­ne hüb­schen Ma­nie­ren und dei­ne fei­ne Re­de­wei­se ganz gern, so­bald du dich nicht be­mühst, ele­gant zu sein; aber dei­ne ge­such­ten Aus­drücke sind eben­so ab­surd wie Jos Kraft­wor­te.

Wenn Jo ein Wild­fang und Amy eine Gans ist, was bin dann ich, bit­te?, frag­te Bet­ty, die auch ih­ren Teil Schel­te ha­ben woll­te.

Du bist un­ser Lieb­ling und nichts wei­ter, ant­wor­te­te Meg herz­lich, und nie­mand wi­der­sprach ihr, denn »die Maus« war das Schoß­kind des Hau­ses.

Da jun­ge Le­ser gern wis­sen wol­len, wie die Leu­te aus­se­hen, so be­nut­zen wir die­sen Mo­ment, die vier Schwes­tern zu skiz­zie­ren, die im Däm­mer­licht em­sig strick­ten, wäh­rend drau­ßen der Schnee fiel und drin­nen das Ka­min­feu­er knis­ter­te.

Das Zim­mer mach­te einen be­hag­li­chen Ein­druck, ob­schon der Tep­pich ver­bli­chen und die Ein­rich­tung sehr ein­fach war; denn ei­ni­ge gute Bil­der hin­gen an den Wän­den, Bü­cher reih­ten sich auf den Ge­stel­len, Chrysan­the­men und Weih­nachts­ro­sen blüh­ten am Fens­ter, und ein wohl­tu­en­der Hauch häus­li­chen Frie­dens er­füll­te den Raum.

Mar­ga­re­te, die äl­tes­te der vier Schwes­tern, war sech­zehn und sehr hübsch; rund­lich und zart, mit großen Au­gen, ei­ner Fül­le wei­chen, brau­nen Haars, ei­nem lieb­li­chen Mund und fei­nen wei­ßen Hän­den, auf die sie nicht we­nig stolz war. Die fünf­zehn­jäh­ri­ge Jo war groß, ma­ger, braun und er­in­ner­te an ein jun­ges Fül­len, da sie nie recht wuss­te, was sie mit ih­ren lan­gen Glie­dern an­fan­gen soll­te, die ihr sehr im Wege wa­ren. Sie hat­te einen ent­schlos­se­nen Mund, eine drol­li­ge Nase und graue, scharf­bli­cken­de Au­gen, die al­les zu­gleich zu se­hen schie­nen und ab­wech­selnd wild, spaß­haft oder nach­denk­lich bli­cken konn­ten. Ihr lan­ges, rei­ches Haar war ihre ein­zi­ge Schön­heit, doch trug sie es ge­wöhn­lich in ei­nem Netz, da­mit es ihr nicht be­schwer­lich fal­le. Au­ßer­dem be­saß Jo run­de Schul­tern, große Hän­de und Füße, eine Nicht­ach­tung für ihre äu­ße­re Er­schei­nung und je­nes un­schö­ne We­sen ei­nes ge­gen sei­nen Wil­len zur Frau­en­ge­stalt auf­ge­schos­se­nen Kin­des. Eli­sa­beth, oder Bet­ty, wie sie von je­der­mann ge­nannt wur­de, war ein ro­si­ges, weich­haa­ri­ges, hell­äu­gi­ges Mäd­chen mit ei­nem schüch­ter­nen Be­neh­men, ei­nem furcht­sa­men Stimm­chen und ei­nem fried­vol­len Ge­sichts­aus­druck, der nur sel­ten ge­stört wur­de. Ihr Va­ter nann­te sie sein »Kind­chen Still­ver­gnügt«, und der Name pass­te sehr gut für sie, denn sie schi­en in ei­ner ihr ei­ge­nen glück­li­chen Welt zu le­ben, aus der sie nur her­austrat, um mit we­ni­gen, die sie lieb­te und de­nen sie ver­trau­te, zu ver­keh­ren. Amy, ob­schon die Jüngs­te, war ein sehr wich­ti­ges Per­sön­chen, we­nigs­tens nach ih­rer ei­ge­nen Mei­nung. Eine wah­re Schnee­jung­frau, mit blau­en Au­gen, gel­bem, über die Schul­tern fal­len­dem Lo­cken­haar und der Hal­tung ei­ner selbst­be­wuss­ten jun­gen Dame.

Die Cha­rak­tere der vier Schwes­tern mag sich der Le­ser selbst zu­sam­men­set­zen.

Die Uhr schlug sechs, und nach­dem Bet­ty den Herd ab­ge­kehrt, setz­te sie ein Paar Haus­schu­he auf den­sel­ben, um sie zu wär­men. Der An­blick der Schu­he, die die bal­di­ge Heim­kehr der Mut­ter ver­kün­dig­ten, tat eine gute Wir­kung auf die Mäd­chen; sie er­hei­ter­ten sich, um die Mut­ter freund­lich zu be­grü­ßen. Meg hör­te mit Schel­ten auf und steck­te die Lam­pe an, Amy stand un­auf­ge­for­dert von dem Lehn­stuhl auf, in dem sie ge­ses­sen, und Jo ver­gaß ihre Mü­dig­keit, stell­te sich ans Feu­er und wärm­te die Schu­he.

Sie sind ganz ab­ge­tra­gen. Mar­mee muss ein neu­es Paar be­kom­men.

Ich dach­te, ihr ein Paar für mei­nen Dol­lar zu kau­fen, sag­te Bet­ty.

Nein, ich wer­de es tun!, rief Amy.

Ich bin die Äl­tes­te, be­gann Meg; doch Jo fiel ihr ge­bie­te­risch ins Wort:

Ich bin der Mann im Haus, da Papa fort ist, und ich wer­de die Haus­schu­he kau­fen; Papa hat mir bei sei­ner Abrei­se die Für­sor­ge für die Mut­ter über­tra­gen.

Ich will euch sa­gen, was wir tun, ver­setz­te Bet­ty, lasst uns ihr jede et­was für un­ser Geld und nichts für uns selbst kau­fen.

Das sieht dir ähn­lich, du Lie­be!, rief Jo. Was wol­len wir kau­fen?

Jede dach­te eine Mi­nu­te ru­hig nach, dann er­öff­ne­te Meg, als ob ihr der Ge­dan­ke durch den An­blick ih­rer ei­ge­nen schö­nen Hän­de ge­kom­men sei:

Ich wer­de ihr ein Paar net­te Hand­schu­he kau­fen.

Die bes­ten Sol­da­ten­schu­he, die zu ha­ben sind!, rief Jo.

Ei­ni­ge be­reits ge­säum­te Ta­schen­tü­cher, mein­te Bet­ty.

Ich den­ke, ihr eine klei­ne Fla­sche Eau de Co­lo­gne zu kau­fen, das sie sehr liebt; dies wird nicht viel kos­ten, und so bleibt mir noch et­was Geld für mich selbst üb­rig, setz­te Amy hin­zu.

Wie wol­len wir ihr die Sa­chen ge­ben?, frag­te Meg.

Wir le­gen al­les auf den Tisch, füh­ren sie her­ein und las­sen sie die Pa­ke­te öff­nen. Wisst ihr nicht mehr, wie wir es im­mer an un­se­ren Ge­burts­ta­gen mach­ten?, ant­wor­te­te Jo.

Ich war je­des Mal so er­schro­cken, wenn die Rei­he an mich kam, mit ei­ner Kro­ne auf dem Kopf in dem großen Stuhl zu sit­zen und zu se­hen, wie ihr alle fei­er­lich ein­her­ge­schrit­ten kamt, um mir die Ge­schen­ke mit ei­nem Kuss zu über­rei­chen. Ich freu­te mich über die Ge­schen­ke und die Küs­se, aber es war mir schreck­lich, eure Au­gen alle auf mich ge­rich­tet zu wis­sen, wäh­rend ich die Pa­ke­te öff­ne­te, sag­te Bet­ty, wel­che zu glei­cher Zeit ihr Ge­sicht und die Brot­schnit­te rös­te­te.

Mar­mee mag den­ken, dass wir für uns selbst ein­kau­fen, und dann über­rascht sein. Wir müs­sen mor­gen ein­kau­fen ge­hen, Meg: Es ist so viel noch für das Weih­nachtss­piel zu be­sor­gen, sag­te Jo, in­dem sie, die Hän­de auf dem Rücken und die Nase in der Luft, im Zim­mer auf und ab mar­schier­te.

Ich den­ke, dies soll mein letz­tes Weih­nachtss­piel sein, ich wer­de zu alt für sol­che Sa­chen, be­merk­te Meg, die so kin­disch wie mög­lich war, wenn es sich ums Ver­klei­den han­del­te.

Ich weiß, du wirst nicht so bald auf­hö­ren, du siehst dich gar so gern im lan­gen wei­ßen Kleid, mit flie­gen­dem Haar und mit Gold­pa­pier­ju­we­len ge­schmückt. Du bist un­se­re bes­te Schau­spie­le­rin, und wir müs­sen ein­pa­cken, wenn du den Bret­tern Le­be­wohl sagst, mein­te Jo.

Wir müs­sen heu­te Abend Pro­be hal­ten; komm her, Amy, mach die Ohn­machts­sze­ne, denn du bist so steif dar­in wie ein Schürei­sen.

Ich kann’s nicht bes­ser, ich habe noch nie­mand ohn­mäch­tig wer­den se­hen, und ich mag nicht, wie du meinst, mich platt hin­wer­fen, um blaue Fle­cke da­von­zu­tra­gen. Wenn’s zier­lich ge­sche­hen kann, so will ich um­fal­len, wenn nicht, so sin­ke ich gra­zi­ös in einen Stuhl. Ich ma­che mir gar nichts dar­aus, wenn Hugo mit ei­nem Pis­tol auf mich los­stürzt, ent­geg­ne­te Amy, die kei­ne Spur dra­ma­ti­schen Tal­ents be­saß und nur mit­spie­len soll­te, weil sie klein ge­nug war, um vom Hel­den des Stücks schrei­end von der Büh­ne ge­tra­gen wer­den zu kön­nen.

Sieh her, mach’s so wie ich, rin­ge die Hän­de und schwan­ke, wie wahn­sin­nig »Ro­de­ri­go, ret­te mich! Ret­te mich!« schrei­end über die Büh­ne. Und Jo tau­mel­te da­hin und stieß einen marker­schüt­tern­den me­lo­dra­ma­ti­schen Schrei aus.

Amy ver­such­te ih­r’s nach­zu­tun, aber sie streck­te die Hän­de steif vor sich hin und knick­te wie eine Ma­rio­net­te zu­sam­men, wäh­rend ihr »Au!« eher von ei­nem Steck­na­del­stich als von tra­gi­scher Verzweif­lung her­vor­ge­ru­fen schi­en.

Jo stieß ein Stöh­nen voll­stän­di­ger Ent­mu­ti­gung aus, Meg lach­te hell auf, und Bet­ty, die der dra­ma­ti­schen Pro­be auf­merk­sam folg­te, ließ ihr Brot am Feu­er an­bren­nen.

Es geht nicht, tu, was du kannst, bei der Auf­füh­rung, doch wenn dich die Zuschau­er aus­la­chen, so gib nicht mir die Schuld. Nun komm, Meg!

Jetzt gin­gen die Sa­chen glatt. Don Pe­dro trotz­te der Welt in ei­ner zwei Sei­ten lan­gen Rede, ohne zu sto­cken; Ha­gar, die Hexe, sang eine schau­er­li­che Be­schwö­rung über ih­rem Kes­sel voll ko­chen­der Krö­ten mit wun­der­vol­lem Ef­fekt; Ro­de­ri­go zer­riss mit männ­li­chem An­stand sei­ne Ket­ten, und Hugo starb in To­des­qua­len, von den Wir­kun­gen des Ar­se­niks und den Glu­ten der Reue ge­pei­nigt, mit ei­nem wil­den »Ha! Ha!«.

Es ist das Bes­te, was wir ge­habt ha­ben, sag­te Meg, als der tote Bö­se­wicht auf­stand und sei­ne Ell­bo­gen rieb.

Ich kann nicht be­grei­fen, wie du solch herr­li­che Sa­chen schrei­ben und spie­len kannst, Jo; du bist ein zwei­ter Sha­ke­s­pea­re, rief Bet­ty, die fest an eine un­ge­wöhn­lich wun­der­vol­le Be­ga­bung ih­rer Schwes­ter glaub­te.

Nicht ganz, ent­geg­ne­te Jo be­schei­den. Ich hal­te zwar die tra­gi­sche Oper »Der Fluch der Hexe« auch für ein net­tes Stück, wür­de aber lie­ber »Mac­beth« ver­su­chen, wenn wir nur eine Ver­sen­kung für Ban­quos Geist hät­ten. Ich möch­te so gern die Mör­der­rol­le spie­len. Ist dies ein Dolch, was ich da vor mir sehe?, mur­mel­te Jo, ihre Au­gen rol­lend und in die Luft grei­fend, wie sie dies einst von ei­nem be­rühm­ten Tra­gö­den ge­se­hen hat­te.

Nein, es ist die Röst­ga­bel mit Ma­mas Schuh dar­an statt des Brots; auch Bet­ty er­greift das Thea­ter­fie­ber!, rief Meg, und die Pro­be en­de­te un­ter all­ge­mei­nem Ge­läch­ter.

Freut mich, euch so lus­tig zu fin­den, mei­ne Mäd­chen, ließ sich eine freund­li­che Stim­me von der Tür her ver­neh­men, und Schau­spie­ler wie Pub­li­kum eil­ten, eine star­ke, müt­ter­lich aus­se­hen­de Frau zu be­grü­ßen, der Güte und Hilfs­be­reit­schaft aufs Wohl­tu­ends­te aus den Au­gen leuch­te­te. Sie war nicht eben eine be­son­ders hüb­sche Er­schei­nung, doch Müt­ter sind in ih­rer Kin­der Au­gen im­mer rei­zend, und die Mäd­chen mein­ten, der graue Man­tel und der alt­mo­di­sche Hut be­deck­ten die schöns­te Frau der Welt.

Nun, ihr Lie­ben, wie habt ihr den Tag ver­bracht? Es gab so viel mit dem Ein­pa­cken der Schach­teln, die mor­gen ab­ge­hen sol­len, zu tun, dass ich nicht zu Tisch kom­men konn­te. Ist je­mand da ge­we­sen, Bet­ty? Wie steht’s mit dei­ner Er­käl­tung, Meg? Jo, du siehst mir tod­mü­de aus. Komm und küs­se mich, Klei­ne!

Wäh­rend Mrs March die­se müt­ter­li­chen Fra­gen tat, zog sie ihre nas­sen Sa­chen aus, die war­men Schu­he an, setz­te sich in den Arm­stuhl, zog Amy auf ih­ren Schoß und mach­te sich be­reit, die glück­lichs­te Stun­de des Ta­ges zu ge­nie­ßen, den sie in Ar­beit und An­stren­gung ver­bracht. Die Mäd­chen flo­gen um­her, jede auf ihre Wei­se be­müht, al­les ge­müt­lich her­zu­rich­ten. Meg deck­te den Tee­tisch; Jo brach­te Holz her­bei und setz­te die Stüh­le zu­recht, al­les, was sie in die Hand nahm, fal­len las­send, um­wer­fend und klap­pernd ma­chend. Bet­ty trot­te­te ru­hig und ge­las­sen zwi­schen Wohn­stu­be und Kü­che hin und her, wäh­rend Amy, die Hän­de im Schoß da­sit­zend, al­len Be­feh­le aus­teil­te.

Als sie um den Tisch ge­reiht sa­ßen, sag­te Mrs March mit ei­nem ganz be­son­ders glück­li­chen Ge­sicht: Ich habe nach dem Tee einen Schmaus für euch.

Ein schnel­les, freu­di­ges Lä­cheln flog wie ein Son­nen­strahl über je­des Ge­sicht. Bet­ty schlug, un­ge­ach­tet des hei­ßen Bis­kuits, das sie hielt, ihre Hän­de zu­sam­men, und Jo warf ihre Ser­vi­et­te in die Höhe mit dem Ruf: Ein Brief, ein Brief! Drei Hur­ra für Papa!

Ja, ein hüb­scher, lan­ger Brief. Er be­fin­det sich wohl und hofft die kal­te Jah­res­zeit bes­ser zu über­ste­hen, als wir ge­fürch­tet. Er sen­det alle mög­li­chen zärt­li­chen Wün­sche fürs Weih­nachts­fest und eine be­son­de­re Bot­schaft für euch, ihr Mäd­chen, sag­te Mrs March, an ihre Ta­sche klop­fend, als ob die­se einen Schatz ent­hiel­te.

Be­eilt euch, dass ihr fer­tig wer­det! Hal­te dich nicht da­mit auf, dei­nen klei­nen Fin­ger zu dre­hen und dich über dei­nem Tel­ler zu zie­ren, Amy, rief Jo, in­dem sie ih­ren Tee hin­un­ter­stürz­te und ihr Brot, mit der But­ter nach un­ten, auf den Tep­pich fal­len ließ in der Hast, den ver­hei­ße­nen Schmaus zu ge­nie­ßen.

Bet­ty aß nicht mehr, son­dern schlich in ihr dunkles Eck­chen, wo sie sich ganz still auf den Ge­nuss freu­te, der ihr be­vor­stand, wenn die an­de­ren fer­tig wä­ren.

Ich fin­de es so herr­lich vom Va­ter, dass er als Feld­geist­li­cher mit­ging, da er zu alt und nicht stark ge­nug war, um den Krieg als Sol­dat mitz­u­ma­chen, sag­te Meg herz­lich.

Wie wünsch­te ich, als Tam­bour, als Vi­van – wie heißt’s doch gleich? – oder als Kran­ken­wär­te­rin zu ge­hen, so­dass ich bei ihm sein und ihm bei­ste­hen könn­te!, rief Jo laut at­mend.

Wie schreck­lich, seufz­te Amy, un­ter ei­nem Zelt zu schla­fen, alle mög­li­chen schlecht schme­cken­den Din­ge zu es­sen und aus ei­nem Zinn­krug zu trin­ken.

Wann wird er heim­kom­men, Mar­mee?, frag­te Bet­ty mit ei­nem lei­sen Zit­tern ih­rer Stim­me.

Nicht un­ter meh­re­ren Mo­na­ten, mein Kind, wenn er nicht krank wird. Er wird blei­ben und sein Werk, so­lan­ge er kann, treu­lich zu Ende füh­ren, und wir wol­len ihn uns nicht eine Mi­nu­te eher zu­rück­wün­schen, als er ent­behrt wer­den kann.

Alle reih­ten sich ums Feu­er, die Mut­ter in ih­rem Arm­stuhl mit Bet­ty zu ih­ren Fü­ßen, Meg und Amy ihr zur Sei­te, je eine auf der Arm­leh­ne des Stuhls sit­zend, und Jo über die Rücken­leh­ne ge­beugt, wo nie­mand ein Zei­chen ih­rer Er­re­gung se­hen konn­te, wenn der Brief etwa rüh­ren­de Stel­len ent­hal­ten soll­te.

We­nig Brie­fe wur­den wäh­rend die­ser har­ten Zei­ten ge­schrie­ben, die nicht rüh­rend ge­we­sen wä­ren, be­son­ders die, die die Vä­ter nach Hau­se sand­ten. In die­sem war nicht viel von er­tra­ge­nen Be­schwer­den, be­stan­de­nen Ge­fah­ren oder über­wun­de­nem Heim­weh die Rede; es war ein hei­te­rer, hoff­nungs­fro­her Brief, voll von le­ben­di­gen Be­schrei­bun­gen des Le­bens im Feld, der Mär­sche und mi­li­tä­ri­schen Neu­ig­kei­ten; nur am Ende des Briefs floss des Schrei­bers Herz in vä­ter­li­cher Lie­be und Sehn­sucht für die klei­nen Mäd­chen da­heim über.

Sag ih­nen al­len, dass ich sie in­nig lie­be und küs­se; sag ih­nen, dass ich des Ta­ges ih­rer ge­den­ke und des Nachts für sie bete und mein größ­tes Glück all­zeit in ih­rer Lie­be fin­de.

Ein Jahr bis zum Wie­der­se­hen scheint wohl eine lan­ge Zeit, doch er­in­ne­re sie dar­an, dass wir die Tage des War­tens mit Ar­beit aus­fül­len, so­dass sie nicht ver­lo­ren sind. Ich weiß, dass sie alle mei­ner Ge­bo­te ein­ge­denk sein wer­den, dir zärt­li­che Kin­der sein, ihre Pf­lich­ten ge­treu­lich er­fül­len, ihre bö­sen Re­gun­gen tap­fer be­kämp­fen und sich sieg­reich be­herr­schen ler­nen wer­den, dass ich, wenn ich zu­rück­keh­re, mit mehr Stolz und Lie­be als je, mich mei­ner »klei­nen Frau­en« er­freu­en kann.

Alle hat­ten Trä­nen in den Au­gen, als man an die­se Stel­le ge­kom­men war. Jo schäm­te sich der großen Zäh­re nicht, die von ih­rer Na­sen­spit­ze tropf­te, und Amy küm­mer­te sich um das Zer­drücken ih­rer Lo­cken nicht, als sie ihr Ge­sicht an der Mut­ter Schul­ter barg und schluch­zend rief: Ich bin ein selbst­süch­ti­ges Ge­schöpf! Aber ich will mich zu bes­sern su­chen, da­mit er einst nicht durch mich in sei­nen Hoff­nun­gen ge­täuscht wer­de.

Das wol­len wir alle, rief Meg; ich bin ei­tel und has­se die Ar­beit! Aber ich will mich än­dern, wenn ich’s kann!

Ich wer­de mir Mühe ge­ben, das zu sein, was er wünscht, dass ich sein soll: eine klei­ne Frau, und nicht roh und wild blei­ben; hier mei­ne Pf­licht er­fül­len, statt mich in die Fer­ne zu seh­nen, sag­te Jo, in der Mei­nung, das Be­kämp­fen ih­rer Sin­nes­art da­heim sei eine viel schwe­re­re Auf­ga­be als die, ei­ni­gen Re­bel­len drun­ten im Sü­den ge­gen­über­zu­ste­hen.

Bet­ty sag­te nichts, son­dern trock­ne­te ihre Trä­nen mit dem blau­en Sol­da­ten­strumpf ab und fing mit al­ler Macht zu stri­cken an, um an ih­rer nächst­lie­gen­den Pf­licht nichts zu ver­säu­men, wäh­rend sie in ih­rer klei­nen, stil­len See­le den Ent­schluss fass­te, so zu wer­den, wie ihr Va­ter sie zu fin­den hoff­te, wenn die Zeit ihn einst glück­lich in die Hei­mat zu­rück­füh­ren wür­de.

Mrs March un­ter­brach die Stil­le, die Jos Wor­ten ge­folgt war, in­dem sie mit ih­rer freund­li­chen Stim­me sag­te: Erin­nert ihr euch, wie ihr die Pil­ger­rei­se zu spie­len pfleg­tet, als ihr klei­ne Kin­der wart? Nichts mach­te euch mehr Freu­de, als wenn ich euch mei­ne Fli­cken­bün­del auf den Rücken band als Bür­den, euch Pil­ger­hü­te, Ste­cken und Pa­pi­er­rol­len gab und euch durchs gan­ze Haus wan­dern ließ, vom Kel­ler, wo die Stadt des Ver­der­bens war, bis hin­auf aufs Dach, wo ihr alle hüb­schen Din­ge, de­ren ihr hab­haft wer­den konn­tet, auf­ge­stellt hat­tet, um die Stadt der Se­lig­keit dar­zu­stel­len?

Wie spaß­haft war es, rief Jo, bei den Lö­wen vor­über­zu­ge­hen, mit Apol­ly­on zu kämp­fen und durch das Tal der Ge­s­pens­ter zu wan­dern!

Ich lieb­te die Stel­le, wo die Bür­den uns vom Rücken fie­len und die Trep­pe hin­ab­kol­ler­ten, sag­te Meg.

Mein Lieb­lings­platz war das fla­che Dach, wo un­se­re Blu­men und Lau­ben und alle hüb­schen Sa­chen stan­den und wo wir so freu­dig im hel­len Son­nen­schein san­gen, mein­te Bet­ty, in Erin­ne­rung an je­nen glück­li­chen Au­gen­blick still vor sich hin lä­chelnd.

Ich kann mich all des­sen nicht mehr ge­nau ent­sin­nen, nur, dass ich mich vor dem Kel­ler und dem dunklen Haus­gang fürch­te­te und mich an der Milch und dem Ku­chen freu­te, die wir auf dem Dach fan­den. Wenn ich nicht zu alt wäre, wür­de ich es gern noch ein­mal spie­len, setz­te Amy hin­zu, die, im rei­fen Al­ter von zwölf Jah­ren ste­hend, vom Auf­ge­ben kind­li­cher Freu­den zu re­den be­gann.

Wir sind hier­zu nie zu alt, lie­bes Kind, denn es ist ein Spiel, das wir le­bens­lang auf die­se oder jene Wei­se spie­len müs­sen. Wir ha­ben un­se­re Bür­den, un­ser Weg liegt vor uns, und die Sehn­sucht nach Fröm­mig­keit und Glück­se­lig­keit ist un­se­re Füh­re­rin durch man­che Wirr­sa­le und Irr­tü­mer bis zum Frie­den, der die wah­re Stadt der Se­lig­keit ist. Nun, mei­ne klei­nen Pil­ger, was meint ihr? Fangt noch ein­mal an, nicht im Spiel, son­dern im Ernst, und seht, wie weit ihr bis zur Rück­kehr des Va­ters ge­langt.

Wirk­lich, Mut­ter? Wo sind un­se­re Bür­den?, frag­te Amy, die eine sehr am Buch­sta­ben haf­ten­de jun­ge Dame war.

Jede von euch hat ihre Bür­de be­reits ge­nannt, au­ßer Bet­ty, ich den­ke, sie hat gar kei­ne, sag­te die Mut­ter.

Ja, ich habe mei­ne Bür­de!, rief Bet­ty. Schüs­seln sind drin und Wisch­tü­cher und der Neid auf die Mäd­chen, die schö­ne Pia­nos be­sit­zen, und die Furcht vor den Men­schen.

Bet­tys Bür­de war so drol­li­ger Art, dass jede dar­über la­chen woll­te, aber kei­ne tat’s, um des Schwes­ter­chens Ge­füh­le nicht zu ver­let­zen.

Lasst uns pil­gern, mein­te Meg, es ist nur ein an­de­rer Name für die Be­mü­hung, gut zu sein; das Gleich­nis mag uns hel­fen, denn ob­schon wir gut sein möch­ten, ist es doch schwe­re Ar­beit, wir ver­ges­sen oft und stren­gen uns nicht an.

Wir wa­ren heu­te Abend im Pfuhl des Klein­muts, bis die Mut­ter kam und uns her­aus­zog, wie die Hil­fe es in der Er­zäh­lung tut. Wir soll­ten auch wie dort un­se­re Weg­wei­s­er­rol­len ha­ben. Wie sol­len wir das an­fan­gen?, frag­te Jo, ent­zückt von dem Ge­dan­ken, durch et­was Ro­man­tik die oft trü­be und scha­le Ar­beit der Pf­licht­er­fül­lung sich zu er­leich­tern.

Seht am Christ­mor­gen un­ter euer Kopf­kis­sen, da wer­det ihr eu­ren Weg­wei­ser fin­den, sag­te Mrs March.

Sie be­spra­chen den neu­en Plan, wäh­rend Han­nah den Tisch ab­räum­te; dann wur­den die vier Ar­beits­kör­be her­bei­ge­holt, und die Na­deln der Mäd­chen flo­gen em­sig, an Bett­tü­chern für Tan­te March zu nä­hen.

Es war eine lang­wei­li­ge, un­in­ter­essan­te Ar­beit, doch heu­te Abend murr­te nie­mand. Sie gin­gen auf Jos Vor­schlag ein, die lan­gen Säu­me in vier Tei­le zu tei­len und die­se Vier­tel Eu­ro­pa, Asi­en, Afri­ka und Ame­ri­ka zu nen­nen; auf die­se Art ging es treff­lich vor­wärts, be­son­ders wenn sie sich über die ver­schie­de­nen Ge­gen­den un­ter­hiel­ten, in­dem sie sich lus­tig durch den Welt­teil fort­sti­chel­ten.

Um neun Uhr hör­ten sie mit ih­rer Ar­beit auf und san­gen wie ge­wöhn­lich, ehe sie sich nie­der­leg­ten.

Nie­mand au­ßer Bet­ty ver­moch­te dem al­ten Kla­vier mu­si­ka­li­sche Töne ab­zu­lo­cken, sie aber hat­te eine ganz ei­ge­ne Art, die al­ten gel­ben Tas­ten ganz lei­se zu be­rüh­ren und die ein­fa­chen Ge­sän­ge lieb­lich zu be­glei­ten. Meg hat­te eine Flö­ten­stim­me und lei­te­te mit ih­rer Mut­ter den klei­nen Chor. Amy zirp­te wie eine Gril­le, und Jos Stim­me flog nach ih­rem ei­ge­nen sü­ßen Wil­len durch die Lüf­te und kam im­mer an falscher Stel­le mit ei­nem Tril­ler oder Häk­chen zum Vor­schein, wo­mit sie die ge­fühl­volls­te Me­lo­die verd­arb. Sie hat­ten die­se Abend­ge­sän­ge schon seit je­ner Zeit be­gon­nen, wo sie eben zu lis­peln be­gan­nen:

Blin­ke, bli­cke, klei­ner Stern,

und so war es ein Haus­brauch ge­wor­den, denn die Mut­ter war eine ge­bo­re­ne Sän­ge­rin. Der ers­te Ton des Mor­gens war ihre Stim­me, wenn sie, sin­gend wie eine Ler­che, durchs Haus ging, und der letz­te Ton des Abends war der­sel­be freund­li­che Klang, und die Mäd­chen wur­den nie zu alt für die­se lie­ben, ge­wohn­ten Wie­gen­lie­der.

2. Fröhliche Weihnachten

Jo er­wach­te zu­erst im grau­en Däm­mer­licht des Weih­nachts­mor­gens. Kei­ne St­rümp­fe hin­gen am Ka­min, und im ers­ten Au­gen­blick fühl­te sie sich eben­so ent­täuscht wie einst vor Jah­ren, als ihr klei­nes St­rümpf­chen her­ab­ge­fal­len war, weil es so schwer mit gu­ten Din­gen an­ge­füllt ge­we­sen. Dann dach­te sie an das Ver­spre­chen ih­rer Mut­ter, steck­te die Hand un­ter ihr Kopf­kis­sen und zog ein klei­nes, rot ge­bun­de­nes Buch her­vor. Sie kann­te es sehr gut, denn es ent­hielt die alte, schö­ne Ge­schich­te des bes­ten Le­bens, das je ge­lebt wor­den ist, und Jo fühl­te, dass es ein gu­ter Weg­wei­ser für je­den Pil­grim auf der lan­gen Rei­se sei. Sie weck­te Meg mit ei­nem »Fröh­li­che Weih­nacht!« und for­der­te sie auf, un­ter ihr Kopf­kis­sen zu se­hen, was dar­un­ter­lä­ge. Ein grün ein­ge­bun­de­nes Buch kam zum Vor­schein, mit dem glei­chen Ti­tel­bild und ei­ni­gen Wor­ten von der Hand der Mut­ter. Jetzt er­wach­ten auch Bet­ty und Amy, die eben­falls nach dem Christ­ge­schenk such­ten und die­sel­ben Büch­lein mit der Mut­ter Hand­schrift fan­den, die je­der ihre Gabe be­son­ders wert­voll mach­te: das eine mit tau­ben­far­bi­gem, das an­de­re mit blau­em Ein­band; und alle sa­ßen sich ih­rer Bü­cher freu­end und dar­über plau­dernd, wäh­rend der er­wa­chen­de Tag den Os­ten ro­sig färb­te.

Un­ge­ach­tet ih­rer klei­nen Ei­tel­keit hat­te Mar­ga­re­te in ih­rem We­sen et­was so Sü­ßes und From­mes, dass sie un­be­wusst ihre Schwes­tern be­ein­fluss­te, ganz be­son­ders Jo, die sie zärt­lich lieb­te und ihr ge­horch­te, weil ihre Ratschlä­ge auf so sanf­te Wei­se ge­ge­ben wur­den.

Ihr Mäd­chen, sag­te Meg mit erns­tem Ton, in­dem sie von Jos wir­rem Kopf zu den zwei be­nacht­mütz­ten Köp­fen ins Ne­ben­zim­mer sah, die Mut­ter wünscht, dass wir die­se Bü­cher be­trach­ten, le­sen und wert­hal­ten, und wir müs­sen so­gleich den An­fang da­mit ma­chen. Frü­her la­sen wir ge­treu­lich dar­in, doch seit­dem der Va­ter fort ist und all die­se Kriegs­un­ru­he uns ver­wirrt, ha­ben wir man­cher­lei Nö­ti­ges ver­säumt. Ihr könnt es hal­ten, wie ihr wollt, doch ich wer­de mein Buch hier auf mei­nem Tisch lie­gen las­sen und je­den Mor­gen, wenn ich er­wa­che, ein Stück dar­aus le­sen; das wird mir, wie ich ge­wiss weiß, gut­tun und durch den Tag fort­hel­fen.

Da­mit schlug sie ihr neu­es Buch auf und be­gann zu le­sen. Jo schlang ih­ren Arm um der Schwes­ter Hals, und Wan­ge an Wan­ge ge­lehnt las auch sie mit ei­ner so fried­vol­len Mie­ne, wie sie sich nur sel­ten auf ih­rem un­ru­hi­gen Ge­sicht zeig­te.

Wie gut ist Meg! Komm, Amy, wir wol­len ih­rem Bei­spiel fol­gen. Ich wer­de dir bei den schwe­ren Wor­ten hel­fen, und die Schwes­tern wer­den uns das, was wir nicht ver­ste­hen, er­klä­ren, flüs­ter­te Bet­ty, sehr ein­ge­nom­men von den hüb­schen Bü­chern und dem gu­ten Bei­spiel.

Ich freue mich, dass meins blau ist, sag­te Amy, und dann wur­de es ganz still in dem Schlaf­stüb­chen. Man ver­nahm nur das lei­se Um­wen­den der Blät­ter, und der Win­ter­son­nen­schein schlüpf­te her­ein und küss­te die hel­len Köp­fe und erns­ten Ge­sich­ter zum fro­hen Weih­nachts­gruß.

Wo ist die Mut­ter?, frag­te Meg, als sie und Jo nach ei­ner hal­b­en Stun­de her­un­ter­ka­men, um ihr für ihre Ge­schen­ke zu dan­ken.

Gott weiß es. Ein ar­mes Ge­schöpf kam, um zu bet­teln, und Ihre Mama ging so­gleich fort, um zu se­hen, was not­tut. Eine sol­che Frau lebt nicht mehr, die Es­sen und Trin­ken, Klei­der und Feue­rung so weg­gibt, sag­te Han­nah, die seit Megs Ge­burt im Hau­se war und mehr als Fa­mi­li­en­glied denn als Die­ne­rin an­ge­se­hen wur­de.

Ver­mut­lich kommt sie bald zu­rück, sag­te Meg, so macht eure Ku­chen fer­tig und hal­tet al­les be­reit. Da­mit über­blick­te sie die Ge­schen­ke, die, in ei­nem un­ter dem Sofa ver­steck­ten Korb ver­bor­gen, des Mo­ments, wo sie her­vor­kom­men durf­ten, harr­ten. Wo ist Amys Eau de Co­lo­gne?, frag­te sie, die klei­ne Fla­sche ver­mis­send.

Sie nahm sie vor­hin aus dem Korb und lief da­mit fort, um sie mit ei­nem Band oder der­glei­chen zu schmücken, sag­te Jo, die im Zim­mer um­her­tanz­te, um den neu­en Schu­hen, die sie an­ge­zo­gen hat­te, die ers­te Steif­heit zu neh­men.

Wie hübsch mei­ne Ta­schen­tü­cher aus­se­hen, nicht? Han­nah wusch und plät­te­te sie mir, und ich zeich­ne­te sie alle selbst, sag­te Bet­ty und be­trach­te­te stolz die et­was un­glei­chen Buch­sta­ben, die ihr so viel Mühe ver­ur­sacht hat­ten.

Welch ein Kind! Sie hat Mut­ter statt Mrs March in die Tü­cher ge­zeich­net! Wie drol­lig!, rief Jo, eins der­sel­ben in die Hand neh­mend.

Ist’s nicht recht so? Ich dach­te, es sei bes­ser, da Megs Buch­sta­ben auch M. M. sind und nur Mar­mee mei­ne Tü­cher be­nut­zen soll, sag­te Bet­ty et­was be­tre­ten.

Es ist ja ganz gut, Schatz; eine hüb­sche Idee und ganz ge­scheit, denn nun kann kein Irr­tum statt­fin­den. Sie wird sich dar­über freu­en, glaub ich, fiel Meg eif­rig ein, mit ei­nem zärt­li­chen Lä­cheln für Bet­ty und ei­nem miss­bil­li­gen­den Blick auf Jo.

Die Mut­ter kommt! Schnell, ver­steck den Korb!, rief Jo, als man die Haus­tür zu­schla­gen hör­te und Schrit­te im Flur er­klan­gen.

Amy trat ei­lig ein und sah et­was ver­le­gen aus, als sie die Schwes­tern alle ih­rer war­tend fand.

Wo warst du denn, und was hältst du so ver­bor­gen?, frag­te Meg, die ganz er­staunt war, die so trä­ge klei­ne Amy am frü­hen Mor­gen schon in Hut und Man­tel von ei­nem Aus­gang heim­kom­men zu se­hen.

Lach mich nicht aus, Jo, ich hoff­te, dass es nie­mand vor der Zeit er­fah­ren soll­te. Ich habe nur die klei­ne Fla­sche ge­gen eine große ver­tauscht, ich gab all mein Geld da­für hin und will mir nun die größ­te Mühe ge­ben, nicht mehr ei­gen­nüt­zig zu sein.

In­dem sie sprach, zog Amy die grö­ße­re Fla­sche her­vor, die die bil­li­ge­re er­set­zen soll­te, und sah so ernst und so de­mü­tig bei ih­rem klei­nen Ver­such, sich selbst zu ver­ges­sen, aus, dass Meg sie auf der Stel­le um­arm­te, Jo sie ein Blitz­mä­del nann­te und Bet­ty ans Fens­ter lief, um ihre schöns­te Rose zum Schmuck der statt­li­chen Fla­sche zu pflücken.

Ich schäm­te mich mei­nes Ge­schenks, nach­dem wir heu­te früh so viel über Gut­sein ge­le­sen und ge­spro­chen hat­ten, und so lief ich, so­bald ich auf­ge­stan­den war, um die Ecke und ver­tausch­te das Fläsch­chen; ich bin froh, denn mein Ge­schenk ist nun das schöns­te.

Wie­der schlug die Haus­tür zu, und der Korb ver­schwand un­ter dem Sofa, wäh­rend die Mäd­chen sich um den Früh­stücks­tisch reih­ten.

Fröh­li­che Weih­nach­ten, Mar­mee! Noch viel, viel fröh­li­che Weih­nach­ten! Dan­ke für die Bü­cher! Wir la­sen schon dar­in und den­ken es nun je­den Mor­gen zu tun!, rie­fen die Mäd­chen im Chor.

Fröh­li­che Weih­nach­ten, mei­ne Töch­ter­chen! Es freut mich, dass ihr gleich an­ge­fan­gen habt, und ich hof­fe, ihr wer­det fort­fah­ren. Doch will ich ein Wort mit euch re­den, ehe wir uns zum Früh­stück set­zen. Nicht weit von hier liegt eine arme Frau mit ei­nem klei­nen neu­ge­bo­re­nen Kind; sechs große Kin­der sind in ei­nem Bett zu­sam­men­ge­packt, um sich vorm Er­frie­ren zu schüt­zen, denn sie ha­ben kein Feu­er. Sie ha­ben nichts zu es­sen, und der äl­tes­te Kna­be kam her­über, um mir zu sa­gen, dass sie hun­gern und frie­ren. Mei­ne lie­ben Mäd­chen, wollt ihr ih­nen euer Früh­stück als Weih­nachts­ge­schenk ge­ben?

Sie wa­ren alle un­ge­wöhn­lich hung­rig, da sie fast eine Stun­de be­reits ge­war­tet hat­ten, und mi­nu­ten­lang blieb al­les still, doch nur mi­nu­ten­lang, dann rief Jo eif­rig:

Ich bin froh, dass du kamst, ehe wir an­fin­gen!

Darf ich die Sa­chen zu den ar­men Kin­dern tra­gen?, frag­te Bet­ty dienst­fer­tig.

Ich wer­de die Sah­ne und die Pfann­ku­chen tra­gen, setz­te Amy hin­zu, hel­den­mü­tig die­je­ni­gen Ge­gen­stän­de preis­ge­bend, die sie am meis­ten lieb­te.

Meg deck­te die Buch­wei­zen­bröt­chen zu und schich­te­te das Brot in ei­nem großen Tel­ler.

Ich dach­te mir wohl, dass ihr mir bei­stim­men wür­det, sag­te Mrs March mit zu­frie­de­nem Lä­cheln. Ihr sollt alle mit mir ge­hen, und wenn wir zu­rück­kom­men, früh­stücken wir Brot und Milch und hal­ten uns zu Mit­tag schad­los.

Sie wa­ren bald be­reit, und der Zug setz­te sich in Be­we­gung. Glück­li­cher­wei­se war es noch früh am Tag; sie gin­gen durch Hin­ter­gas­sen, wo sie von we­nig Leu­ten ge­se­hen wur­den, und nie­mand lach­te über die drol­li­ge Pro­zes­si­on.

Sie tra­ten in ein ar­mes, kah­les, elen­des Stüb­chen mit zer­bro­che­nen Fens­tern, un­ge­heizt; hier fan­den sie eine kran­ke Mut­ter mit ei­nem wim­mern­den Neu­ge­bo­re­nen, eine Schar hun­gern­der blas­ser Kin­der, auf zer­ris­se­nen La­ken un­ter ein al­tes Bett ge­hockt, um sich zu er­wär­men. Wie sie mit großen Au­gen staun­ten und wie die blau ge­fro­re­nen Lip­pen lä­chel­ten, als die Mäd­chen ein­tra­ten!

Ach, mein Gott, un­se­re gu­ten En­gel kom­men zu uns!, rief die arme Frau und wein­te vor Freu­de.

Drol­li­ge En­gel in Ka­pu­zen und Faust­hand­schu­hen!, rief Jo und mach­te sie la­chen.

Und in we­ni­gen Mi­nu­ten schi­en es wirk­lich, als ob gute Geis­ter hier ihr We­sen ge­trie­ben hät­ten. Han­nah hat­te Holz ge­bracht, ein Feu­er an­ge­zün­det, die zer­bro­che­nen Schei­ben mit al­ten Sa­chen und ih­rem ei­ge­nen Schal ver­stopft. Mrs March gab der Mut­ter Tee und Brü­he, trös­te­te sie durch Hilfs­ver­hei­ßun­gen, wäh­rend sie das Kind­chen so zärt­lich an­klei­de­te, als ob es ihr ei­ge­nes ge­we­sen wäre, und die Mäd­chen den Tisch deck­ten, die Kin­der um das Feu­er setz­ten und sie wie ver­hun­ger­te Vö­gel­chen füt­ter­ten; la­chend, plau­dernd und sich be­mü­hend, das ge­bro­che­ne Eng­lisch der deut­schen Kin­der zu ver­ste­hen.

Das ist gut! Die En­gels­kin­der!, rie­fen die ar­men Din­ger, wäh­rend sie aßen und ihre rot ge­fro­re­nen Hän­de an dem be­hag­li­chen Feu­er wärm­ten. Die Mäd­chen, die noch nie­mand zu­vor En­gels­kin­der ge­nannt hat­te, fan­den dies sehr hübsch, be­son­ders Jo, die, seit sie den­ken konn­te, im­mer nur als »ein San­cho« be­trach­tet wor­den war. Es war ein glück­li­ches Früh­stück, ob­gleich sie nichts da­von be­ka­men, und als sie weg­gin­gen, Trost und Freu­de hin­ter sich zu­rück­las­send, gab es ge­wiss in der gan­zen großen Stadt nicht vier glück­li­che­re Men­schen als die vier hung­ri­gen Mäd­chen, die ihr Früh­stück weg­ge­ge­ben hat­ten und sich am Weih­nachts­mor­gen mit Brot und Milch be­gnüg­ten.

Das heißt sei­nen Nächs­ten mehr als sich selbst lie­ben, und das ge­fällt mir, sag­te Meg, in­dem sie ihre Ge­schen­ke auf­stell­ten, wäh­rend die Mut­ter oben alte Sa­chen für die ar­men Hum­mels zu­sam­men­such­te.

Kei­ne präch­ti­ge Be­sche­rung, aber eine Men­ge Lie­be war in den klei­nen Pa­ke­ten ein­ge­schlos­sen. Und die große Vase, mit ro­ten Ro­sen, wei­ßen Chrysan­the­men und ran­ken­dem Wein­laub ge­füllt, die in der Mit­te stand, gab dem Tisch ein fest­li­ches An­se­hen.

Sie kommt, fang an, Bet­ty, öff­ne die Tür, Amy. Drei Hur­ra für Mar­mee!, rief Jo, um­her­hüp­fend, wäh­rend Meg die Mut­ter auf den Ehren­platz führ­te.

Bet­ty spiel­te ih­ren hei­ters­ten Marsch, Amy öff­ne­te die Tür, und Meg führ­te die Es­kor­te mit großer Wür­de aus. Mrs March war eben­so er­staunt wie ge­rührt und lä­chel­te mit trä­nen­nas­sen Au­gen, wäh­rend sie ihre Ge­schen­ke be­trach­te­te und die klei­nen Zet­tel las, die da­bei­la­gen.

Die Schu­he wur­den so­gleich an­ge­zo­gen, ei­nes der neu­en Ta­schen­tü­cher, mit Amys Eau de Co­lo­gne be­feuch­tet, ward in die Ta­sche ge­steckt, die Rose am Bu­sen be­fes­tigt und die net­ten Hand­schu­he als »vor­treff­lich pas­send« be­zeich­net.

Nun wur­de viel ge­lacht, ge­küsst, er­klärt, in je­ner ein­fa­chen, zärt­li­chen Wei­se, die die­se häus­li­chen Fes­te so freund­lich und die Erin­ne­rung dar­an so süß macht noch auf lan­ge Zei­ten hin­aus. Und dann be­gan­nen alle zu ar­bei­ten.

Die barm­her­zi­ge Tat und die Fest­lich­keit, die ihr ge­folgt, hat­ten so viel Zeit in An­spruch ge­nom­men, dass die gan­ze üb­ri­ge Ta­ges­zeit zu Vor­be­rei­tun­gen für die Abend­auf­füh­rung in An­spruch ge­nom­men wer­den muss­te.

Da die Mäd­chen noch zu jung wa­ren, um öf­ter ins Thea­ter zu ge­hen, und nicht reich ge­nug, um große Aus­ga­ben für Pri­vat­vor­stel­lun­gen zu ma­chen, so streng­ten sie ih­ren Witz an, und die Not­wen­dig­keit, die Mut­ter der Weis­heit, tat ihr Mög­li­ches dazu. Ei­ni­ge ih­rer Thea­ter­re­qui­si­ten wa­ren Kunst­wer­ke: Gi­tar­ren aus Pap­pe, an­ti­ke Lam­pen, aus alt­mo­di­schen, mit Gold­pa­pier ver­kleb­ten But­ter­büch­sen her­ge­stellt, präch­ti­ge Ge­wän­der aus al­tem Kat­tun, glän­zend mit Span­gen ge­schmückt, die man aus den Blech­de­ckeln al­ter Ein­mach­büch­sen zu­recht­ge­schnit­ten, und Waf­fen, die dem­sel­ben dia­mant­glän­zen­den Ma­te­ri­al ihr Da­sein ver­dank­ten. Das Meuble­ment ward von un­ten nach oben ge­kehrt, und die große Wohn­stu­be wur­de der Schau­platz man­ches un­schul­di­gen Ju­bels.

Da kein Mann teil­neh­men durf­te, konn­te Jo nach Her­zens­lust Männ­er­rol­len spie­len und ge­fiel sich un­sag­bar in ei­nem Paar fuchs­ro­ter Stie­fel, dem Ge­schenk ei­ner Freun­din, die eine an­de­re Freun­din hat­te, die einen Schau­spie­ler kann­te. Die­se Stie­fel, ein al­tes Ra­pier und ein ge­schlitz­tes Wams, das von ei­nem Ma­ler einst für ein Bild be­nutzt wor­den war, mach­ten Jos vor­nehms­te Schät­ze aus und er­schie­nen bei je­der Ge­le­gen­heit auf der Büh­ne. Die Klein­heit des Per­so­nals mach­te es nö­tig, dass die bei­den Haupt­dar­stel­ler ver­schie­de­ner­lei Rol­len über­nah­men, und si­cher­lich war die Mühe an­er­ken­nens­wert, die ih­nen das Ler­nen meh­re­rer Rol­len, das An- und Aus­zie­hen der man­cher­lei Ko­stü­me und die Dar­stel­lung auf den Bret­tern ver­ur­sach­te. Die­se Auf­füh­run­gen wa­ren eine vor­treff­li­che Übung für ihr Ge­dächt­nis, ein harm­lo­ses Ver­gnü­gen und hal­fen ih­nen man­che Stun­de an­ge­nehm ver­brin­gen, die sonst mü­ßig, ein­sam oder we­ni­ger nutz­brin­gend ver­flos­sen sein wür­de.

Am Weih­nachts­abend hat­te sich ein Dut­zend jun­ger Mäd­chen auf ei­nem zu ei­ner Thea­ter­lo­ge her­ge­rich­te­ten Feld­bett in ei­nem schmei­chel­haf­ten Zu­stand von Er­war­tung vor den blau und gelb ge­mus­ter­ten Zitz­vor­hän­gen der Büh­ne auf­ge­pflanzt. Hin­ter den­sel­ben mach­te sich ziem­lich viel Ra­scheln und Flüs­tern, et­was Lam­pen­rauch und ein ge­le­gent­li­ches Ki­chern Amys, die in der Auf­re­gung des Au­gen­blicks hys­te­risch zu wer­den pfleg­te, be­merk­bar. Plötz­lich schrill­te der Ton der Klin­gel, der Vor­hang flog auf, und die tra­gi­sche Oper nahm ih­ren An­fang.

»Ein düs­te­rer Wald«, wie ihn der Thea­ter­zet­tel nann­te, wur­de durch ei­ni­ge Strauch­ge­wäch­se in Blu­men­töp­fen, einen grü­nen, den Bo­den be­de­cken­den Tep­pich und eine Höh­le im Hin­ter­grund ver­sinn­bild­licht.

Die Höh­le war aus ei­nem Klei­der­hal­ter als Dach und ei­ni­gen Schrän­ken als Wän­de her­ge­stellt wor­den, und in­mit­ten der­sel­ben brann­te ein klei­ner Ofen mit ei­nem dar­auf­ste­hen­den Topf, über den eine alte Hexe ge­beugt stand. Die Büh­ne war fins­ter, und das im Hin­ter­grund bren­nen­de Feu­er mach­te den ge­wünsch­ten Ef­fekt, be­son­ders als dem Topf, von dem die Hexe den De­ckel lüf­te­te, wirk­li­cher Dampf ent­stieg.

Man ge­stat­te­te nach der ers­ten Über­ra­schung eine klei­ne Pau­se, dar­auf stapf­te Hugo, der Bö­se­wicht, mit klir­ren­dem Schwert, ei­nem Schlapp­hut, schwar­zem Bart, ei­nem ge­heim­nis­vol­len Man­tel und den be­wuss­ten Stie­feln her­ein. Nach­dem er meh­re­re Male in äu­ßers­ter Auf­re­gung auf und ab ge­gan­gen war, schlug er sich vor die Stirn und brach in einen wil­den Ge­sang aus, in dem er sei­nen Hass auf Ro­de­ri­go, sei­ne Lie­be zu Zara und sei­nen löb­li­chen Ent­schluss, Ers­te­ren zu tö­ten und Letz­te­re zu ge­win­nen, an den Tag leg­te.

Die tie­fen Töne des Sän­gers, mit ge­le­gent­li­chem Auf­schrei bei be­son­de­rer Ge­fühls­stei­ge­rung, mach­ten großen Ein­druck, und ein leb­haf­tes Klat­schen er­folg­te, als er schwieg, um Atem zu schöp­fen. Nach­dem er sich mit der Ge­bär­de ei­nes an der­glei­chen ge­wöhn­ten Mi­men ver­neigt hat­te, schlich er zur Höh­le und be­fahl Ha­gar mit dem Ruf »Hol­la, Schatz, ich brau­che dich!«, her­vor­zu­kom­men.

Und Meg, ihr Ge­sicht von grau­em Pfer­de­haar um­han­gen, in rot und schwar­zem Ge­wand, einen Stab in der Hand und kab­ba­lis­ti­sche Zei­chen auf dem Man­tel, kam zum Vor­schein.

Hugo ver­lang­te einen Zau­ber­trank von ihr, um Za­ras Lie­be zu ge­win­nen, und einen an­de­ren, um Ro­de­ri­go zu tö­ten. Ha­gar ver­sprach bei­des in ei­nem schö­nen, dra­ma­ti­schen Ge­sang und be­schwor den Geist, der den Lie­bes­trank brin­gen soll­te:

Luft’­ger Geist, aus dei­nem Reich Hier­her, hier­her kom­me gleich! Ro­sen­kind, ge­nährt von Tau, Dei­nen Zau­ber­trank mir brau! Bring den duft’­gen Saft mir her, El­fen­schnell, auf mein Be­gehr; Lass ihn süß und kräf­tig sein; Geist, ich rufe dich! Er­schein!

Eine sanf­te Mu­sik ließ sich ver­neh­men, und im Hin­ter­grund der Höh­le er­schi­en eine klei­ne, in wol­ki­ges Weiß ge­klei­de­te Ge­stalt, mit glän­zen­den Flü­geln, gol­de­nem Haar und ei­nem Ro­sen­kranz auf dem Kopf. Ei­nen Zau­ber­stab schwin­gend, sang sie:

Ich kom­me zu dir Aus dem luft’­gen Re­vier, Aus des Mon­des sil­ber­ner Hel­le, Nimm den Zau­ber da­hin; Mit be­däch­ti­gem Sinn Be­nutz ihn, sonst schwin­det er schnel­le –

Und eine klei­ne, ver­gol­de­te Fla­sche zu den Fü­ßen der Hexe wer­fend, ver­schwand die Er­schei­nung. Ein neu­er Ge­sang Ha­gars rief einen zwei­ten Geist her­bei, nicht einen lieb­li­chen, son­dern un­ter lau­tem Ge­tö­se er­schi­en ein häss­li­cher Zwerg, der, nach­dem er eine Ant­wort ge­krächzt hat­te, Hugo eine Fla­sche zu­warf und un­ter Hohn­ge­läch­ter ver­schwand. Da­rauf ging Hugo ab, nach­dem er sei­nen Dank ge­sun­gen und die Fla­schen in sei­ne Stie­fel ge­steckt hat­te, und Ha­gar be­nach­rich­tig­te die Ver­samm­lung, da er in frü­he­ren Zei­ten ei­ni­ge ih­rer Freun­de ge­tö­tet und sie ihn ver­flucht habe, wer­de sie sei­ne Plä­ne durch­kreu­zen und ihn ver­der­ben. Dann fiel der Vor­hang, und die Zu­hö­rer ver­schnauf­ten, wäh­rend sie Kan­dis­zu­cker aßen und über die Vor­stel­lung ihre Ur­tei­le aus­tausch­ten.

Ehe der Vor­hang sich aber­mals hob, ließ sich viel Geräusch von Ham­mer­schlä­gen ver­neh­men, doch als end­lich das ent­stan­de­ne Meis­ter­stück ei­ner kunst­vol­len Büh­nen­de­ko­ra­ti­on sicht­bar wur­de, murr­te nie­mand über den Ver­zug. Was man er­blick­te, war su­perb. Ein Turm er­hob sich bis an die De­cke, auf des­sen hal­ber Höhe ein er­leuch­te­tes Fens­ter sicht­bar war, hin­ter dem man, halb von ei­ner Gar­di­ne ver­hüllt, in Weiß und Blau ge­klei­det die hol­de Zara be­merk­te, die ih­res Rit­ters harr­te. Ro­de­ri­go trat auf, in präch­ti­gem An­zug mit Fe­der­ba­rett, ro­tem Man­tel, brau­nen Schmacht­lo­cken, eine Gi­tar­re im Arm und, selbst­ver­ständ­lich, in den be­kann­ten Stie­feln.

Am Fuße des Turms kni­end, sang er in schmel­zen­den Tö­nen eine Se­re­na­de. Zara er­wi­der­te die­sen Gruß, und nach ei­nem mu­si­ka­li­schen Zwie­ge­spräch fass­ten sie den Ent­schluss, zu flie­hen. Jetzt kam der Haupt­ef­fekt des Stücks. Ro­de­ri­go brach­te eine Strick­lei­ter mit fünf Stu­fen zum Vor­schein, warf ein Ende der­sel­ben in die Höhe und lud Zara ein, her­ab­zu­stei­gen. Schüch­tern schlüpf­te sie aus ih­rem Fens­ter, leg­te ihre Hand auf Ro­de­ri­gos Schul­ter und war eben im Be­griff, gra­zi­ös her­ab­zuglei­ten, als sie – wehe, wehe, Zara! – ihre Schlep­pe ver­gaß. Die­se blieb im Fens­ter hän­gen, der Turm schwank­te, beug­te sich nach vorn, fiel pol­ternd zu Bo­den und be­grub das un­se­li­ge Lie­bes­paar un­ter sei­nen Trüm­mern.

Ein all­ge­mei­nes Ge­schrei er­hob sich, als die fuchs­ro­ten Stie­fel wild un­ter den Rui­nen zap­pel­ten und ein gold­haa­ri­ges Köpf­chen her­vortauch­te und jam­mernd schrie: Ich hab’s ja ge­sagt, ich hab’s ja ge­sagt!

Doch mit be­wun­derns­wer­ter Geis­tes­ge­gen­wart stürz­te Don Pe­dro, der grau­sa­me Sire, her­bei, zog sei­ne Toch­ter aus den Trüm­mern her­vor und flüs­ter­te ihr mit ei­nem has­ti­gen »Bei­sei­te« zu: Lach nicht, spiel fort, als ob es so sein müss­te!

Und in­dem er sich an Ro­de­ri­go wand­te, ver­bann­te er ihn voll Zorn und Wut aus sei­nem Reich. Ro­de­ri­go, ob­gleich durch den Ein­sturz des Turms et­was aus der Fas­sung ge­bracht, trotz­te die­sem Ge­bot stand­haft und wei­ger­te sich, zu ge­hen. Die­ses küh­ne Bei­spiel feu­er­te auch Za­ras Mut an, auch sie wi­der­stand dem grau­sa­men Va­ter, und die­ser be­fahl, bei­de in den tie­fen Ker­ker des Schlos­ses zu wer­fen. Ein klei­ner, di­cker Die­ner er­schi­en, der sehr er­schro­cken aus­sah und je­den­falls, da er stumm blieb, sei­ne Rol­le ver­ges­sen hat­te, die Lie­ben­den in Ket­ten schloss und dann hin­weg­führ­te.

Im drit­ten Akt sah man den Saal der Burg. Ha­gar er­schi­en, in der Ab­sicht, die Lie­ben­den zu be­frei­en und Hugo ab­zu­tun. Sie hört ihn kom­men und ver­birgt sich, be­ob­ach­tet ihn, wie er die bei­den Tränk­chen in zwei Be­cher mit Wein schüt­tet und dem klei­nen Auf­wär­ter be­fiehlt: Trag die­se in die Ker­ker zu den bei­den Ge­fan­ge­nen und sag ih­nen, dass ich gleich selbst kom­men wer­de.

Wäh­rend der klei­ne Die­ner Hugo bei­sei­te­nimmt, um ihm ir­gen­det­was zu sa­gen, ver­tauscht Ha­gar schleu­nig die bei­den Be­cher mit zwei un­schäd­li­chen. Fer­n­an­do, der Nied­li­che, trägt sie fort, und Ha­gar setzt un­be­merkt den für Ro­de­ri­go be­stimm­ten Gift­be­cher wie­der auf den Tisch. Hugo wird nach ei­nem lan­gen Ge­zwit­scher durs­tig, trinkt den Be­cher leer, ver­liert die Be­sin­nung und fällt nach vie­lem Ge­zap­pel und Ge­trap­pel flach auf den Bo­den und stirbt, wäh­rend Ha­gar ihm in ei­nem aus­führ­li­chen, vor­treff­li­chen Ge­sang über das, was sie ge­tan, Be­richt er­stat­tet.

Dies war eine wahr­haft er­schüt­tern­de Sze­ne, ob­gleich man wohl hät­te an­neh­men kön­nen, dass das Her­ab­fal­len ei­nes großen Haar­schop­fes vom Kopf des Bö­se­wichts ei­ni­ger­ma­ßen den Ef­fekt der To­des­sze­ne be­ein­träch­tigt ha­ben müss­te. Er ward her­aus­ge­ru­fen und er­schi­en vor dem Vor­hang, Ha­gar, de­ren Ge­sang als die Quint­es­senz des gan­zen Stücks an­ge­se­hen ward, zier­lich an der Hand füh­rend.

Der vier­te Akt zeigt den ver­zwei­fel­ten Ro­de­ri­go, der im Be­griff stand, sich we­gen Za­ras ver­meint­li­cher Un­treue zu er­dol­chen. Eben als der Dolch sich sei­nem Her­zen nä­hert, be­lehrt ihn ein rei­zen­der Ge­sang un­ter sei­nem Fens­ter, dass Zara ihm treu ge­blie­ben, sich aber in ei­ner Ge­fahr be­fin­det, aus der er sie ret­ten kann, wenn er will. Ein Schlüs­sel wird in sein Ge­fäng­nis ge­wor­fen, er öff­net die Tür, reißt in ei­nem An­fall von Ver­zückung sei­ne Ket­ten ab und stürzt da­von, um sei­ne Dame zu su­chen und zu ret­ten.

Akt fünf end­lich wird mit ei­ner hef­ti­gen Sze­ne zwi­schen Zara und ih­rem Va­ter er­öff­net. Die­ser ver­langt, sie sol­le in ein Klos­ter ge­hen, wo­von sie nichts hö­ren will, und eben steht sie im Be­griff, nach ei­nem rüh­ren­den, wie­wohl ver­geb­li­chen Ver­such, des Va­ters Herz zu er­wei­chen, in eine Ohn­macht zu sin­ken, als Ro­de­ri­go her­ein­stürzt und um ihre Hand bit­tet. Don Pe­dro schlägt es ihm ab, weil er nicht reich ist.

Alle schrei­en und ges­ti­ku­lie­ren ganz er­staun­lich viel, ohne sich zu ei­ni­gen, und Ro­de­ri­go will die halb tote Zara hin­weg­tra­gen, als der schüch­ter­ne Die­ner er­scheint und einen Brief nebst ei­nem Bün­del von Ha­gar, die ge­heim­nis­vol­ler­wei­se ver­schwun­den ist, über­bringt. Der Brief ver­heißt dem jun­gen Paar zahl­lo­se Reich­tü­mer und Don Pe­dro ein schreck­li­ches Ge­schick, wenn er dem Glück des Lie­bes­paa­res hin­der­lich wäre. Das Bün­del wird ge­öff­net, und ei­ni­ge Maß­kan­nen Blech­geld reg­nen über die Büh­ne, bis die­se ganz da­von glit­zert. Dies zähmt des Va­ters Starr­sinn, er wil­ligt ohne Mu­cken ein, der Chor singt ein Ju­bel­lied, und der Vor­hang fällt über dem in ro­man­ti­scher At­ti­tü­de vor dem sie seg­nen­den Don Pe­dro kni­en­den Lie­bes­paar.

Lär­men­der Ap­plaus folg­te dem Fal­len des Vor­hangs, wur­de aber auf jähe Wei­se un­ter­bro­chen, die­weil das Feld­bett, auf dem die Zuschau­er­lo­ge er­rich­tet war, zu­sam­men­brach und die en­thu­sias­ti­schen In­sas­sen be­grub.

Ro­de­ri­go und Don Pe­dro flo­gen zur Hil­fe her­bei, und alle wur­den un­ver­letzt, ob­gleich man­che halb tot vor La­chen, aus den Trüm­mern ge­zo­gen.

Kaum hat­te sich die all­ge­mei­ne Auf­re­gung et­was be­ru­higt, als Han­nah er­schi­en, mit Mrs Marchs Emp­feh­lung und der Ein­la­dung zum Abendes­sen.

Dies war eine Über­ra­schung, selbst für die Schau­spie­ler, und als sie den ge­deck­ten Tisch er­blick­ten, sa­hen alle ein­an­der mit wort­lo­sem Stau­nen an. Es sah dem Müt­ter­chen schon ähn­lich, ih­nen einen klei­nen Schmaus zu be­rei­ten: Doch sol­che Din­ge, wie sie sie hier fan­den, wa­ren un­er­hört seit den Ta­gen ver­gan­ge­nen Über­flus­ses. Da stand Eis­creme, zwei gan­ze Schüs­seln voll, rot und weiß, Ku­chen, Obst, köst­li­ches fran­zö­si­sches Zucker­werk und in­mit­ten des Ti­sches vier große Bu­ketts von Ge­wächs­h­aus­blu­men.

Der un­er­war­te­te An­blick be­nahm ih­nen fast den Atem, sie starr­ten erst den Tisch und dann die Mut­ter an, die sich an ih­rem Stau­nen un­end­lich zu wei­den schi­en.

Sin­d’s El­fen ge­we­sen?, frag­te Amy.

Oder Sankt Ni­ko­laus?, sag­te Bet­ty.

Müt­ter­chen tat’s. Und Meg lä­chel­te se­lig, trotz ih­res grau­en Barts und wei­ßer Au­gen­brau­en.

Tan­te March hat­te einen An­fall und sand­te den Schmaus!, rief Jo mit ei­ner plötz­li­chen Ein­ge­bung.

Al­les ist falsch ge­ra­ten; der alte Mr Lau­rence sand­te es, ent­geg­ne­te Mrs March.

Des jun­gen Lau­rences Groß­va­ter? Was in al­ler Welt fällt ihm denn ein? Wir ken­nen ihn ja nicht!, rief Meg.

Han­nah hat zu ei­nem sei­ner Die­ner von eu­rem Früh­stück ge­spro­chen, und dies hat dem al­ten, wun­der­li­chen Herrn ge­fal­len. Er hat vor lan­gen Jah­ren mei­nen Va­ter ge­kannt und sand­te mir heu­te Nach­mit­tag ein höf­li­ches Brief­chen, in dem er um die Er­laub­nis bat, sei­nen freund­schaft­li­chen Ge­füh­len für mei­ne Kin­der Aus­druck zu ge­ben, in­dem er ih­nen zu Ehren des Ta­ges ei­ni­ge Klei­nig­kei­ten sen­de. Ich konn­te es nicht ab­schla­gen, und so habt ihr einen klei­nen Abend­schmaus, der das Brot- und Milch­früh­stück aus­glei­chen möge.

Das hat ihm sein En­kel in den Kopf ge­setzt; ich bin fest da­von über­zeugt! Er ist ein präch­ti­ger Mensch, und ich woll­te, wir könn­ten mit ihm be­kannt wer­den. Es kommt mir oft so vor, als ob er uns ken­nen­ler­nen woll­te, doch er scheint so schüch­tern zu sein, und Meg ist viel zu zim­per­lich, als dass sie mich ein­mal im Vor­bei­ge­hen ste­hen blei­ben und ihn an­re­den lie­ße, plau­der­te Jo, wäh­rend die Schüs­seln im Kreis um­her­gin­gen und das köst­li­che Eis un­ter »Oh!« und »Ah!« des Ent­zückens da­hin­zu­schmel­zen be­gann.

Meint ihr die Leu­te, die da ne­ben­an in dem großen Haus woh­nen?, frag­te eins der Mäd­chen. Mei­ne Mut­ter kennt den al­ten Mr Lau­rence, doch sie meint, er sei sehr stolz und gebe sich nicht gern mit sei­nen Nach­barn ab. Er schließt sei­nen En­kel ein, wenn er nicht mit sei­nem Er­zie­her aus­rei­tet oder -geht, und lässt ihn schreck­lich viel stu­die­ren. Wir lu­den ihn zu un­se­rer Ge­sell­schaft ein, aber er kam nicht. Die Mut­ter sagt, er sei sehr nett, ob­gleich er nie mit uns Mäd­chen spricht.

Er brach­te mir einst un­se­re Kat­ze wie­der, die da­von­ge­lau­fen war, und wir plau­der­ten viel mit­ein­an­der vom Kricket­spiel und wa­ren eben im bes­ten Zuge in un­se­rer Un­ter­hal­tung über den Zaun hin­weg, als er Meg kom­men sah und da­von­lief. Ich wer­de mich noch mit ihm be­kannt ma­chen, denn er braucht ein biss­chen Spaß, das sah ich ihm an, sag­te Jo ent­schie­den.

Ich fin­de sei­ne Ma­nie­ren sehr an­stän­dig, und sein Be­tra­gen ist das ei­nes Gent­le­mans, dar­um habe ich ge­gen eine nä­he­re Be­kannt­schaft, wenn sich eine pas­sen­de Ge­le­gen­heit fin­det, nichts ein­zu­wen­den. Er brach­te die Blu­men selbst, und ich hät­te ihn gern ge­be­ten, da­zu­blei­ben, wenn ich ge­nau ge­wusst hät­te, was ihr oben vor­hat­tet. Er sah so trau­rig aus, als er fort­ging und eure Lus­tig­keit von oben her ver­nahm, da er wahr­schein­lich nichts der­glei­chen hat.

Gut, Müt­ter­chen, dass du ihn nicht auf­ge­for­dert hast, lach­te Jo mit ei­nem Blick auf ihre Stie­fel. Aber wir wer­den nächs­tens ein an­de­res Stück spie­len, das er se­hen kann. Vi­el­leicht kann er so­gar selbst mit­spie­len; das wäre ein köst­li­cher Spaß.

Noch nie­mals hat mir je­mand ein Bu­kett ge­schenkt, sag­te Meg, mit großem In­ter­es­se ihre Blu­men be­trach­tend; wie rei­zend ist es!

Sie sind präch­tig, aber Bet­tys Ro­sen sind sü­ßer für mich!, sag­te Mrs March, an dem halb wel­ken Sträuß­chen rie­chend, das in ih­rem Gür­tel stak.

Bet­ty schmieg­te sich an ihre Mut­ter an und sag­te lei­se flüs­ternd: Ich wünsch­te, mei­nen Strauß dem Papa schi­cken zu kön­nen. Er hat wohl kein so fro­hes Weih­nachts­fest wie wir!

3. Der junge Laurence

Jo, Jo, wo bist du?, rief Meg vom Fuß der Bo­den­trep­pe aus. Hier!, rief eine dump­fe Stim­me von oben her­ab.

Als Meg hin­auf­ge­stie­gen war, fand sie ihre Schwes­ter, in einen al­ten Schal ein­gehüllt, Äp­fel es­send und über der Lek­tü­re des »Er­ben von Red­cliff« in Trä­nen schwim­mend, an ei­nem son­ni­gen Fens­ter sit­zen. Dies war Jos Lieb­lings­schlupf­win­kel, und es war ihr ein Ge­nuss, sich mit ei­nem hüb­schen Buch und ei­nem hal­b­en Dut­zend Äp­fel hier­her zu­rück­zu­zie­hen und die Stil­le in Ge­sell­schaft ei­ner Lieb­lings­rat­te, die ne­ben­an wohn­te und sich nicht im Ge­rings­ten stö­ren ließ, zu ge­nie­ßen. Als Meg er­schi­en, ver­schwand Skrab­bel in ih­rem Loch, Jo schüt­tel­te die Trä­nen von den Wan­gen und war­te­te der Din­ge, die da kom­men soll­ten.

Wie drol­lig!, rief Meg. Da, sieh nur, eine rich­ti­ge Ein­la­dung von Mrs Gar­di­ner auf mor­gen Abend! Und sie schwang das köst­li­che Brief­chen und las es dann mit mäd­chen­haf­ter Freu­de vor:

Mrs Gar­di­ner wür­de sich sehr freu­en, Miss March und Miss Jo­se­phi­ne zu ei­ner klei­nen Tanz­ge­sell­schaft am Neu­jahrs­tag bei sich zu se­hen.

Müt­ter­chen er­laubt uns, hin­zu­ge­hen, aber was sol­len wir an­zie­hen?

Wozu das Fra­gen, da du weißt, dass wir un­se­re Po­pel­ins tra­gen müs­sen, da wir nichts an­de­res ha­ben!, ant­wor­te­te Jo mit vol­lem Mund.

Wenn ich nur ein sei­de­nes Kleid hät­te!, seufz­te Meg; die Mut­ter meint, wenn ich acht­zehn sein wür­de, viel­leicht; aber zwei Jah­re war­ten müs­sen ist eine lan­ge Zeit.

Ich fin­de, dass un­se­re Po­pe­lin­klei­der wie Sei­de aus­se­hen und für uns gut ge­nug sind. Dei­nes ist noch so schön wie neu, doch ich ver­gaß den Brand­fleck und den Riss in dem mei­ni­gen. Was in al­ler Welt soll ich tun? Der Brand­fleck ist sehr auf­fäl­lig, und es kann nichts her­aus­ge­nom­men wer­den.

Du musst so viel wie mög­lich still sit­zen und dich von hin­ten nicht se­hen las­sen, das Vor­der­teil ist gut. Ich wer­de ein neu­es Haar­band be­kom­men, und Mar­mee wird mir ihre Per­len­na­del lei­hen; mei­ne neu­en Schu­he sind rei­zend, und auch mei­ne Hand­schu­he mö­gen noch ge­hen, ob­gleich sie nicht so hübsch sind, wie ich wohl wünsch­te.

Die mei­ni­gen sind durch Li­mo­na­de ver­dor­ben, und da ich kei­ne neu­en be­kom­men kann, muss ich ohne Hand­schu­he ge­hen, sag­te Jo, die sich nie­mals viel Toi­let­ten­sor­gen mach­te.

Du musst Hand­schu­he tra­gen, oder ich gehe gar nicht, rief Meg ent­schie­den. Hand­schu­he sind nö­ti­ger als al­les an­de­re. Du kannst ohne Hand­schu­he nicht tan­zen, und wenn du nicht tanz­test, wür­de ich mich so sehr krän­ken.

So will ich zu­se­hen; ich ma­che mir nichts aus Ge­sell­schaft­stän­zen; ich fin­de kein Ver­gnü­gen an die­sem stei­fen Um­her­se­geln, wo ich nicht nach Be­lie­ben hüp­fen und sprin­gen kann.

Du kannst von der Mut­ter kei­ne neu­en Hand­schu­he ver­lan­gen, denn sie sind so teu­er, und du bist so un­vor­sich­tig. Sie sag­te, als du die­se verd­arbst, dass du die­sen Win­ter kei­ne an­de­ren be­kom­men sollst. Kannst du sie denn nicht ir­gend­wie wie­der­her­stel­len?, frag­te Meg vol­ler Angst.

Ich kann sie ja zer­drückt in der Hand hal­ten, da­mit nie­mand sieht, wie fle­ckig sie sind. Das ist al­les, was ich tun kann. Nein! Halt, ich will dir sa­gen, wie sich’s tun lässt: Jede von uns zieht einen gu­ten Hand­schuh an und hält den fle­cki­gen in der Hand. Siehst du das ein?

Dei­ne Hän­de sind grö­ßer als die mei­nen, du wirst mei­nen Hand­schuh schreck­lich aus­deh­nen, fing Meg an, de­ren Hand­schu­he ihre schwa­che Sei­te wa­ren.

Nun, dann gehe ich ohne Hand­schu­he. Was fra­ge ich da­nach, was die Leu­te sa­gen!, rief Jo und nahm ihr Buch wie­der auf.

Du sollst ihn ha­ben! Jo, du sollst ihn ha­ben! Mach ihn mir nicht schmut­zig, und be­nimm dich an­stän­dig. Hal­te die Hän­de nicht auf den Rücken, star­re die Leu­te nicht an, und sag nicht »Chri­stoph Ko­lum­bus«. Willst du?

Sor­ge dich nicht um mich, ich will steif wie ein Schlüs­sel sein und nicht in die Klem­me ge­ra­ten, wenn ich’s ver­mei­den kann. Nun geh, be­ant­wor­te die Ein­la­dung und lass mich die­se ent­zücken­de Ge­schich­te zu Ende le­sen.

Und Meg ent­fern­te sich, um »mit Dank an­zu­neh­men«, ihre Gar­de­ro­be zu be­sich­ti­gen und lus­tig zu sin­gen, wäh­rend sie ihre ein­zi­ge ech­te Spit­zen­hals­krau­se in­stand setz­te, Jo ihre Ge­schich­te zu Ende las, ihre vier Äp­fel ver­zehr­te und sich mit Skrab­bel her­umneck­te.

Am Neu­jahrs­abend war das Wohn­zim­mer leer, denn die zwei jün­ge­ren Schwes­tern wa­ren Kam­mer­mäd­chen der bei­den äl­te­ren, die in dem wich­ti­gen Ge­schäft be­grif­fen wa­ren, ge­sell­schafts­mä­ßig Toi­let­te zu ma­chen.

So ein­fach die Klei­dung war, so brach­te ihre Zu­sam­men­stel­lung doch eine Men­ge Auf-und-ab-Lau­fen, La­chen und Spre­chen mit sich, und plötz­lich durch­zog ein star­ker Ge­ruch von ver­brann­tem Haar das Haus. Meg hat­te ei­ni­ge ins Ge­sicht fal­len­de Löck­chen zu tra­gen ge­wünscht, und Jo hat­te es un­ter­nom­men, das in Pa­pil­lo­ten ge­wi­ckel­te Haar mit ei­ner hei­ßen Zan­ge zu bren­nen.

Müs­sen die Haa­re so rau­chen?, frag­te Bet­ty, die auf der Bett­kan­te saß.

Es ist die trock­nen­de Feuch­tig­keit, er­klär­te Jo.

Welch ei­gen­tüm­li­cher Ge­ruch, wie ver­brann­te Fe­dern!, be­merk­te Amy, ihre ei­ge­nen schö­nen Lo­cken mit über­le­ge­ner Mie­ne glatt strei­chend.

So, nun will ich das Pa­pier ab­neh­men, und du wirst eine Wol­ke fei­ner Löck­chen er­schei­nen se­hen, sag­te Jo und leg­te die Zan­ge aus der Hand.

Sie nahm das Pa­pier ab, aber kei­ne Wol­ke fei­ner Löck­chen kam zum Vor­schein, denn das Haar blieb in den Pa­pil­lo­ten, und die ent­setz­te Haar­künst­le­rin leg­te eine Rei­he klei­ner ver­brann­ter Bü­schel vor ih­rem Op­fer nie­der.

Oh, oh, oh! Was hast du ge­tan! Ich kann nicht ge­hen! Ich bin ent­stellt! Mein Haar! Ach, mein Haar!, jam­mer­te Meg, in­dem sie ver­zweif­lungs­voll das strup­pi­ge Ge­wirr auf ih­rer Stirn be­trach­te­te.

Das ist mei­ne un­glück­li­che Hand! Du hät­test mich nicht auf­for­dern sol­len, es dir zu ma­chen! Ich ver­der­be al­les! Ich bin ein Un­glücks­kind! Die Zan­ge war zu heiß, und so habe ich das Un­heil an­ge­rich­tet.

Es ist nichts ver­dor­ben; kräus­le die En­den, und das Haar­band bin­de so, dass die Schlei­fe auf die Stirn hängt, so wird es ganz mo­dern aus­se­hen; ich habe Mäd­chen ge­nug in die­ser Haar­tracht ge­se­hen, trös­te­te Amy.

Ge­schieht mir ganz recht, warum woll­te ich hübsch aus­se­hen! Hät­te ich doch mein Haar in Frie­den ge­las­sen!, rief Meg in­grim­mig.

Das wünsch­te ich auch; es war so weich und glatt. Doch es wird bald wie­der wach­sen, sag­te Bet­ty, die her­bei­kam, das ge­scho­re­ne Schaf zu trös­ten und zu küs­sen.

Nach ei­ni­gen ge­rin­gen Un­fäl­len wur­de Megs Toi­let­te fer­tig­ge­bracht und un­ter all­ge­mei­ner Be­tei­li­gung der Fa­mi­lie auch Jos Haar fri­siert und ihr Kleid an­ge­zo­gen. Sie sa­hen bei­de in ih­ren ein­fa­chen An­zü­gen ganz gut aus, Meg in sil­ber­grau­em Woll­stoff mit blau­er Samtschlei­fe, Spit­zen­krau­se und der Per­len­na­del; Jo in kas­ta­ni­en­brau­nem Kleid mit ei­nem glat­ten, stei­fen Lei­nen­kra­gen nach Män­ner­art und ei­ni­gen Chrysan­the­men-Blü­ten als ein­zi­gem Schmuck. Jede zog einen hüb­schen hel­len Hand­schuh an und hielt einen der fle­cki­gen in der Hand, und alle fan­den dies ganz an­stän­dig aus­se­hend. Megs hoch­ha­cki­ge Schu­he wa­ren furcht­bar eng und drück­ten be­deu­tend, ob­gleich sie dies nicht ein­ge­ste­hen woll­te, und Jos neun­zehn Haar­na­deln schie­nen ihr alle fest in den Kopf ge­sto­chen zu sein, was ein nicht eben be­hag­li­ches Ge­fühl war, doch, lie­ber Gott: Sei ele­gant oder stirb!

Nun, seid recht ver­gnügt, mei­ne Mäd­chen, sag­te Mrs March, als die Schwes­tern zier­lich den Haus­flur ent­lang­gin­gen, esst nicht zu viel, und kommt hübsch um elf nach Hau­se, wenn ich Han­nah nach euch schi­cke.

Als das Git­ter hin­ter ih­nen zu­schlug, rief eine Stim­me von oben her­ab: Ihr Mäd­chen, habt ihr auch gute Ta­schen­tü­cher?

Ja, ja, von den al­ler­bes­ten, und Meg hat Eau de Co­lo­gne auf dem ih­ren, sag­te Jo und füg­te la­chend im Wei­ter­ge­hen hin­zu: Ich glau­be, wenn wir alle vor ei­nem Erd­be­ben da­von­lie­fen, wür­de Mar­mee das­sel­be fra­gen.

Es ist eine ih­rer ari­sto­kra­ti­schen An­sich­ten und ganz in der Ord­nung, denn eine wirk­li­che Lady er­kennt man stets an ih­rem Ta­schen­tuch, an fei­nen Stie­feln und Hand­schu­hen, be­lehr­te Meg, die ihre ei­ge­nen ari­sto­kra­ti­schen An­sich­ten hat­te.

Nun ver­giss dich nicht, Jo, nimm dich in Acht! Sitzt mei­ne Schär­pe gut? Sieht mein Haar nicht zu schlecht aus?, sag­te Meg, als sie in Mrs Gar­di­ners Gar­de­ro­be nach ei­nem lan­gen prü­fen­den Blick vom Spie­gel weg­ging.

Ich weiß, dass ich al­les ver­ges­sen wer­de. Wenn du mich et­was Dum­mes an­stel­len siehst, so blin­ke mir nur zu, willst du?, frag­te Jo, in­dem sie ih­ren Kra­gen zu­recht­zupf­te und ihr Haar ei­lig glatt strich.